Kinderfreuden #27: Ein buchiges Betthupferl

„Gute Nacht, kleiner Löwe!“ – Tanja Jacobs

[Werbung, da Verlinkung, Empfehlung aus Leidenschaft]

„Es ist Schlafenszeit und alle Tierkinder schließen jetzt die Äuglein.

Alle Tiere sind ganz müde. Sagst du ihnen Gute Nacht? Blättere einfach die Seiten um und schon machen der Löwe, der kleine Vogel und der bunte Fisch die Augen zu. Oh, der Elefant schläft ja schon! Psst, jetzt ganz leise sein! Zu spät: Der Elefant öffnet seine Augen und sein lautes „Törööö!“ weckt Löwe, Vogel und Fisch wieder auf. Auf ein Neues! Sagst du den Tieren noch einmal gute Nacht?“

Kurzbeschreibung des Verlags

Eckdaten

Pappe, ab 18 Monaten

18 Seiten
17 x 17 cm
ISBN: 978-3-7891-0930-0

Text von Lena Kleine Bornhorst
Bilder von Tanja Jacobs

Verlagsgruppe Oetinger
10,00 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Die Gute-Nacht-Geschichte ist von Anfang an fester Bestandteil unseres Zu-Bett-Geh-Rituals mit unserer kleinen Räubertochter. Es gibt eine ganze Reihe an Büchern für die ganz Kleinen, doch für Emma wollte ich einfach ein paar ganz besonders buchige Betthupferl haben. „Gute Nacht, kleiner Löwe!“ fällt definitiv in die Kategorie „besonderes Pappbuch“, weshalb die Freude bei mir besonders groß war, als es mein Freund eines Tages aus seinem Rucksack gezaubert und mir präsentiert hat.

Die Geschichte des Pappbuchs ist simpel, es geht schlichtweg darum, den Tieren Gute Nacht zu sagen, ehe ihre Augen vor Erschöpfung zufallen. Doch die Aufmachung des vorliegenden Buches ist besonders und so können die Kinder selbst bestimmen, wann die Tiere in den Schlaf fallen. Dank verarbeiteter Lamellen schließen sich die Augen der Tiere beim Blättern der Seiten. Einzig und allein der Elefant schläft schon längst und wird durch das Blättern der Seite geweckt. Er reißt seine Augen auf und mit seinem lauten Törööö! reißt er alle Tiere wieder aus dem Schlaf. Die Reise beginnt von vorne.

Der Lamellenmechanismus schickt die Tiere in den Schlaf

Die Seiten des Pappbuches sind relativ dünn (nur die Seiten mit den verarbeiteten Lamellen sind dicker) weshalb es sich empfiehlt, die Geschichte anfangs nur gemeinsam zu entdecken. Das erhöht auf jeden Fall die Lebensdauer des Buches, die unter der alleinigen Anwendung von Kinderhänden sicherlich nicht allzu lange ist. Die Altersempfehlung liegt in diesem Fall sicherlich aufgrund der dünnen Seiten bzw. der Lamellen bei 18 Monaten, wobei es auch schon locker früher zum Einsatz kommen darf. Emma hat recht schnell, Schiebe- und Klappbücher für sich entdeckt und kein allzu großes Problem die Mechanismen (Ziehen, Schieben und Klappen) selbst zu betätigen. Sie hat das Buch daher schon mit knapp 11 Monaten sehr gut angenommen. Wir belassen es in diesem Fall allerdings auch beim gemeinsamen Anschauen, um es möglichst lange zu erhalten.

Die Bilder von Tanja Jacobs sind auf jeden Fall herzallerliebst. Die großflächigen und farbenfrohen Zeichnungen im Pappbuch sind leicht zugänglich und wunderbar anzuschauen. Auf einer Doppelseite wird sich jeweils einem Tier gewidmet, das die Kinder mit einem Gute Nacht! in den Schlaf schicken dürfen. Die begleitenden Zeilen von Lena Kleine Bornhorst sind schlicht, aber passend und führen die Kleinen durch die Geschichte.

„Gute Nacht, kleiner Löwe!“ ist ein wunderbares Pappbilderbuch, mit dem das Zu-Bett-Gehen richtig Spaß macht und die Kleinen zur Interaktion einlädt, weshalb ich es allen Eltern schwer ans Herz lege. Es sollte in keiner Gute-Nacht-Bibliothek fehlen!

Blickwinkel aus kleinen Augen

Den entzückenden Lauten meiner Tochter nach zu urteilen, gefällt ihr das Buch sehr. Sie findet es toll, dass die Tiere plötzlich ihre Augen schließen oder dass der Elefant plötzlich erwacht. Da wir bereits mit wachsender Begeisterung Benjamin Blümchen – Hörspiele anhören, wird sie beim Törööö! sicherlich an Benjamin denken. Elefanten stehen bei uns aber grundsätzlich hoch im Kurs, weshalb er sich schon als Lieblingstier der Geschichte entpuppt hat.

Potter-blitz, was für ein Abend!

© Carlsen Verlag

Es war die Reithalle in München, die Arndt von AstroLibrium und mich letzten Sonntag mit einem ganz und gar magischen Ambiente empfing. Als wir die Halle betraten, schwebte unbändige Vorfreude in der Luft, erfüllte sie mit einer knisternen Spannung. Sitzreihe für Sitzreihe nahmen sie Platz, die Harry Potter-Fans alter wie neuer Generation und vermengten sich damit zu einem wunderbar bunten Potpourri aus leidenschaftlichen Potterheads. Ihr Blick auf die Bühne gerichtet, den ehrwürdigen Platz vor den Fahnen der Hogwarts-Häuser Gryffindor, Hufflepuff, Rawenclaw und Slytherin im Visier.

Der ehrwürdige Platz vor den Fahnen der Hogwarts-Häuser
Eulenpost

Er war gekommen, der Abend, an dem Schauspieler, Stimmenmagier und Sänger Rufus Beck sich nach zwei exklusiven Lesungen in Hamburg und Berlin auch für eine Lesung in München einfinden sollte, quasi ein Heimspiel für den in München wohnenden Entertainer und „Bob Beamon des Hörbuchs“. Und ich mittendrin. Ein Glück, welches mich ganz unverhofft ereilte.

Rufus Beck at his best

Wir schreiben das Jahr 2018. 20 Jahre sind vergangen, seit J.K. Rowling mit der ersten deutschen Übersetzung von Harry Potter den Buchhandel stürmte und uns nach und nach alle in ihren Bann zog. Manche wurden Potter-Fans der ersten Stunde, manche wiederum fanden erst später Zugang zu den Büchern. Auch ich wurde nicht auf Anhieb von der Begeisterungswelle erfasst, wich anfangs skeptisch aus, weil ich annahm mit einer Geschichte wie dieser nichts anfangen zu können. Doch kurze Zeit später erlag auch ich ihrem Zauber, wurde geradewegs in die Schule für Hexerei und Zauberei gespült. Es sollte eine große Potterliebe daraus hervorgehen.

Nach all den Jahren, ganze sieben Bände später, ist es immer noch „Harry Potter und der Stein der Weisen“, der für mich diesen ganz besonderen Zauber in sich trägt. Es sind seine Zeilen, die mich erstmals nach Hogwarts trugen; mich vor beweglichen Treppen, sprechenden Gemälden und in einem Saal voller tanzender Kronleuchter wiederfinden ließ. Alles war jungfräulich, nahm langsam aber sicher  Gestalt an und formierte sich in meinem Kopf zu einem magischen Ganzen.

Rufus Beck hat alle sieben Harry Potter – Bände eingelesen. Es war seine Stimme, die durch Millionen von Zimmern Hörbuch lauschender Potterheads hallte und sie mit dem Facettenreichtum seiner Stimme begeisterte. 10 Jahre ist es her, dass er mit den Geschichten von J.K. Rowling das letzte Mal auf der Bühne stand. Das Jubiläum holte ihn für drei ausverkaufte Lesungen zurück auf die Bühne.

Ehe wir uns versehen, stecken wir an dem Abend mittendrin. Finden uns im Publikum eines fulminanten Quidditch-Spiels wieder und werden Teil der Zuschauermenge, die in tosenden Applaus oder inbrünstige Buhrufe ausbricht. Wir folgen den Regieanweisungen von Beck. Rufen auf Handzeichen „Schnatz“, der uns anschließend um die Ohren pfeift und Draco und Harry vorbeijagen lässt. Wenig später zählen wir ihn zurück, den Countdown zu Harrys elftem Geburtstag und empfangen Überraschungsgast Hagrid, den sanftmüdigen Riesen, damit Harry endlich seinen Brief aus Hogwarts zu lesen bekommt, den die Dursleys so verzweifelnd zurückzuhalten versuchen. Selbst ein verknautschtes Gesicht vor versammelter Mannschaft lässt sich Beck nicht nehmen und gibt mit eingequetschter Nase die Bruchlandung der Weasleys im zugenagelten Kamin der Dursleys zum Besten. Seine bedingungslose Hingabe sorgt nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Beck selbst für Begeisterung.

Während ich zu Beginn des Abends noch den sprechenden Hut schmerzlich vermisste, begegnen wir ihm später musikalischer denn je. Denn als Überraschung hat Beck eine Gesangseinlage des sprechenden Huts in Petto, die das Event zu seinem krönenden Abschluss bringt und den Fans einen seligen Ausdruck ins Gesicht zaubert. Was für eine Stimme, was für ein Abend! Mein Dank gilt Ramona, die ihren Zauberstab für mich geschwungen und mir damit zu einem zauberhaften Abend verholfen hat.

Kinderfreuden #26: Überall Leben

Eins Zwei Drei Viele – Nicola Davies

Leben ist einfach überall. Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir sogar Leben, das so klitzeklein ist, dass es unser Auge nur durch eine Lupe wahrnimmt. Es ist in schwindelerregenden Höhen, in den Tiefen des Meeres und sogar in kochend heißen Vulkanseen zu finden. Wie viele Arten von Lebewesen es gibt, kann die rothaarige Entdeckerin dieses Buches schwer sagen. Eins? Zwei? Drei? Nein, es sind ganz VIELE! So viele, dass sie dem Ganzen unbedingt auf den Grund gehen muss.

Kommst du mit auf eine Entdeckungsreise?

Eckdaten

Hardcover, ab 5 Jahren

40 Seiten
25,50 x 29,60 cm
ISBN: 978-3-8489-0140-1

Text: Nicola Davies
Übersetzerin:  Susanne Schmidt-Wussow
Illustrationen: Emily Sutton

Aladin Verlag

16,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Dass die Natur Nicola Davies‘ Steckenpferd ist, merkt man in „Eins Zwei Drei Viele“ auf Anhieb. Denn in dem kunterbunten Sachbilderbuch der diplomierten Biologin wimmelt’s nur so von liebevoll gezeichneten Pflanzen und Tieren der Illustratorin Emily Sutton. Und so begeben sich die die kleinen LeserInnen an der Seite eines kleinen rothaarigen Mädchens auf die Reise durch die faszinierende Vielfalt der Lebewesen.

Sie stoßen dabei nicht nur auf große Lebewesen, wie z.B. die Elefanten (von denen es afrikanische und asiatische gibt) und mehr als 600 Eichenarten, sondern auch auf die kleinen, wie z.B. Pilze oder Mikroben (die so klein sind, dass auf einem einzigen Teelöffel 5000 Arten Platz finden). Selbst die Tiere, an die wir nur schwer herankommen, finden hier Beachtung: Lebewesen, die in Wüsten, in den Wipfeln von Bäumen, in den Tiefen des Meeres oder in schwindelerregenden Höhen hausen.

Dass es schier unmöglich ist, alle Arten von Lebewesen zu zählen, veranschaulichen uns Davies und Sutton auf ganz wunderbar spielerische Art. Sie zeigen Mikroben aus nächster Nähe, lassen uns unter das bunte Federkleid eines Papageien spitzen oder winzig kleine Unterschiede bei zwei nebeneinander sitzenden Tieren der gleichen Rasse feststellen. Bild und Text stehen dabei stets in Einklang, laden zum Betrachten und Entdecken ein. Manche Details erblickt das Auge oft erst beim zweiten Blick, lässt selbst die Erwachsenen ungeheuer viel Spaß bei der gemeinsamen Entdeckungsreise haben. Kaum hat man mit der Reise durch das Buch begonnen, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Denn nicht nur die Bilder sind wunderbar bunt und facettenreich, sondern auch der begleitende Text begegnet uns in abwechslungsreicher Natur und kommt mal groß, klein oder kursiv daher.

Was mir an diesem Sachbilderbuch aber besonders gefällt, ist, dass den Kleinen deutlich gemacht wird, dass wir alle (der Mensch eingeschlossen) Teil eines einzigartigen großen Organismus sind und wir nur miteinander überleben können. Das lernen die Kleinen  z.B. sehr gut an der Stufenfolge einer Nahrungskette (Kolibris fressen Insekten und Insekten trinken Nektar von den Blumen, die von den Bienen bestäubt werden). Auch dass es die Menschen sind, die immer mehr Teile dieses wunderbaren Lebensraumes zerstören, bleibt nicht unerwähnt. Und so wird veranschaulicht, wie durch die Vergiftung der Luft/Flüsse/Ozeane, das Überfischen der Meere und das Zerstören der Wälder immer mehr Lebensraum weicht und viele Tierarten aussterben.

„Heute wissen wir, dass jedes Lebewesen Teil eines großen, wunderbaren und komplizierten Ganzen ist.“

„Eins Zwei Drei Viele“ ist ein wunderbares Bilderlexikon, das die Kleinen für die Artenvielfalt und ein achtvolles Miteinander sensibilisiert. Einzig und allein die Altersempfehlung von 5 Jahren scheint mir für dieses üppige Sachbilderbuch ein bisschen unglücklich gewählt zu sein. Die Inhalte des Buches sind in meinen Augen für ein Kind dieses Alters noch etwas zu komplex, weshalb es mein Patenkind zu ihrem 7. Geburtstag und ihrer bevorstehenden Einschulung geschenkt bekommen hat. Sicher werden die angesprochenen Themen in der Schule zur Sprache und das Buch somit zur häufigeren Anwendung kommen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Lenas Urteil:

Lena SteckbriefGefällt dir das Buch? Ja, sehr.

Was hat dir besonders gefallen? Die vielen bunten Tiere

Worum geht die Geschichte? um das Leben

Wo steht das Buch im Regal? neben dem Lexikon von Mama

Lesezeit: bei Tageslicht

Bester Leseplatz: am Schreibtisch

Schlüpft in die Rolle von: einer Entdeckerin

Wenn das Leben mehr Welt braucht

Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky

„Wir waren zehn Jahre alt, wir fürchteten einen Tod, den es nicht gab, und nicht den tatsächlichen, der durch die Tür kam.“

Zitat, Seite 50

Immer, wenn sich die alte Westerwälderin Selma im Traum auf der Wiese bei der Ulheck neben einem Okapi wiederfindet, kündigt sich in den nächsten Stunden der Tod an. Selmas Begegnung mit dem eigenartigen Tier, dessen Erscheinungsbild vollkommen zusammenhanglos wirkt, hat etwas Unheilvolles. Und so meidet die sonst so unbekümmerte Dorfgemeinschaft in den Stunden nach Selmas Traum jede Bewegung; aus Angst, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Starr wie Salzsäuren sitzen die Provinzler dann in ihren Häusern; grübeln, ob sie nun doch lieber reinen Tisch machen und all die verschwiegenen Wahrheiten in die Freiheit entlassen sollen, die sie über all die Jahre für sich behalten haben, ehe Gevatter Tod an ihre Tür klopft.

„Der Postbote war einfach für immer sitzen geblieben. Seine unbewegten Gelenke hatten sich entzündet, das Blut war verklumpt und schließlich auf halbem Weg durch seinen Körper stehen geblieben, gleichzeitig mit dem beargwöhnten Herz; der pensionierte Postbote hatte sein Leben verloren aus Angst, sein Leben zu verlieren.“

Zitat, Seite 23

Es ist ein namenloses Dorf im Schwarzwald, das Mariana Leky in ihrem Roman zur Kulisse macht. Es ist die Heimat einer verschrobenen Dorfgemeinschaft, die sich aus allerlei Individuen zusammensetzt. Diesen Provinzlern schenkt Leky ihre ganze Aufmerksamkeit, arbeitet liebevoll die Feinheiten heraus und präsentiert sie uns auf höchst amüsante Weise.

So stellen wir gleich zu Beginn fest, das Selma selbst von oben wie unten wie Rudi Carell aussieht und alleine schon wegen der für sie so entspannten Füllung der Mon Chèris, die sie täglich in sich hineinschlürft, eigentlich ständig einen im Tee haben müsste. Gemeinsam mit dem Optiker, der sich das ganze Leben mit den inneren Stimmen über seine heimliche Liebe zu der alten Westerwälderin herumschlägt, kümmert sie sich liebevoll um ihre 10-jährige Enkelin Luise, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Auch Martin; Luises bester Freund, der es aus dem Effeff beherrscht, die Reihenfolge der vorbeirauschenden Felder, Wiesen, Weiden und Wälder mit geschlossenen Augen zu benennen, die der Regionalzug auf dem Weg zur Schule passiert; sein Vater, der seit dem Tod der Mutter zum Alkohol zugeneigte Jäger Palm und die mürrische Marlies, die permanent in gräulich-verwaschener Unterhose und ausgeleiertem Norweger-Pulli herumläuft, gehören zu dem wundervoll eigentümlichen Potpourri dieses Romans, um nur einige wenige zu nennen.

„Der Geruch im Haus gehörte Marlies. Es roch nach Zigaretten, nach dem kläglichen Aufbegehren von billigem Deodorant gegen strengen Schweiß, nach vor Tagen stehen gelassenem Essen, nach vor Jahrzehnten abgelaufener Heiterkeit, nach erstickten Schwelbränden in Aschenbechern, nach Müll, nach Duftbäumchen und nach nasser Wäsche, die zu lang im Korb liegt.“

Zitat, Seite 56

„Der Kartoffelbrei hatte die unentschlossene Farbe von Marlies‘ Unterhose. Die Erbsen lagen in einer rotzfarbenen Wasserlache. Der Kochschinken glänzte und hatte fleckige Erhebungen, die aussahen wie schlecht verheilte Impfnarben.“

Zitat, Seite 57/58

Die Sprache, der sich Leky in ihrem Roman bedient, ist definitiv alles andere als langweilig. Sie ist so bunt und lebendig, dass man während dem Lesen den Eindruck hat, Menschen und Dinge erwachen zum Leben. Die Skurrilität der Figuren sorgt über die gesamte Geschichte hinweg für höchste Unterhaltung, auch wenn die Ausweglosigkeit und Melancholie, die sich oft neben den Figuren niederlässt, gut durchblitzt. Denn auch wenn der Roman aufgrund seiner Bizarrheit größtenteils von Heiterkeit erfüllt ist, mischen sich auch nachdenkliche und traurige Töne darunter, durch die einem klar wird, wie eng Freud und Leid im Leben doch beieinander liegen. Insgesamt entsteht dadurch eine wunderbar unaufdringliche aber eingehende Melodie, die selbst nach Beenden des Romans in unserem Kopf noch weiterspielt.

Doch was eindrücklich beginnt, ist mir zum Ende hin ein bisschen fad geworden, weshalb ich den letzten der drei Teile, aus denen der Roman besteht, als schwächsten ansehe. In jedem von ihnen stirbt ein Mensch, der Luise nahesteht. Und selbst wenn man damit die ganze Zeit rechnet, kommt man nicht umhin, dass einen die Wucht des Schicksals mit voller Härte trifft.

„Tod und Liebe“ (…) „Beides kann man nicht proben, beidem entkommt man nicht, beides ereilt einen.“

Zitat, Seite 51

Mariana Leky ist mit „Was man von hier aus sehen kann“ ein fein skizziertes Porträt eines Dorfes und seiner eigentümlichen Bewohner gelungen, das im letzten Jahr völlig zu Recht zum Liebling der BuchhändlerInnen geworden ist und sich seit seinem Erscheinungsdatum am 18.7.17 bereits mehr als 185.000 Mal verkauft hat. Für den Westerwald würde das bedeuten, dass nahezu jeder Einwohner im gesamten Kreis über ein Exemplar verfügt. Für Leky, die uns auf der LitBlog Convention anvertraut hat, dass sie sich sicher ist, dass der Erfolg des Romans zum großen Teil der Begeisterungswelle des Verlages zu verdanken ist, ist das sicher mehr, als sie jemals zu Träumen gewagt hat.

Kinderfreuden #25: Wenn kleine Hummeln schlafen gehen

Die Baby Hummel Bommel – Gute Nacht

Britta Sabbag, Maite Kelly & Joëlle Tourlonias

Eigentlich ist die kleine Baby Hummel Bommel hundemüde. Aber damit die Äuglein zukullern, braucht sie einfach noch ihr vertrautes Gute Nacht – Ritual: den Honigtee von Tante Marie, die Gutenachtgeschichte von Maxi Motte und das Schlaflied von Gisela Grille.

„Und wenn das alles nichts hilft, gibt’s eins, das immer muss: ein honigsüßer Einschlafkuss!“


Eckdaten

Pappbuch, ab 12 Monaten

16 Seiten
184 x 147 mm
ISBN: 978-3-8458-2533-5

Text: Britta Sabbag & Maite Kelly
Illustrationen: Joëlle Tourlonias

Verlag arsEdition

8,99 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…


Blickwinkel aus großen Augen

Die kleine Hummel Bommel ist mir mittlerweile so vertraut wie eine enge Freundin. Seit sie vor drei Jahren in das Kinderzimmer des ältesten Patenkindes geflogen ist, summt es dort gewaltig. Lenas Hummel Bommel – Büchersammlung wächst seitdem stetig und wird behütet wie ein kostbarer Schatz. Es sind ihre Lieblingsbücher, das von Britta Sabbag und Maite Kelly signierte Erstlingswerk Die kleine Hummel Bommel wird nur unter strenger Beobachtung anderen Leuten gezeigt und nicht mehr aus der Hand gegeben. Für die Lieblingsbuchaktion im Kindergarten wurde es liebevoll abgezeichnet, um es den anderen Kindern vorzustellen, ohne das Buch selbst mitzunehmen (aus Angst, es könnte schmutzigen Händen zum Opfer fallen).

Diese heranwachsende Hummelliebe habe ich über all die Jahre mit Begeisterung und Stolz beobachtet. Ist es für mich doch das größte Geschenk, wenn die buchigen Geschenke in der heutigen Zeit noch so gut ankommen, wo es schon Unmengen an technischen Spielereien für die Kleinsten gibt. Als ich erfuhr, dass es nun eine Hummel Bommel – Serie für die Kleinsten gibt, war ich natürlich sofort Feuer und Flamme. Denn während die großen Bücher erst für Kinder ab 3 Jahren sind, ist das vorliegende Pappbuch der Baby Hummel Bommel bereits ab 12 Monaten und somit auch etwas für die Räubertochter, die in knapp zwei Wochen zwar erst zehn Monate alt wird, in der Regel aber schon eine Reihe an Büchern annimmt, deren Altersempfehlung weit über ihrem Alter liegen.

Kaum angekommen, wanderte das Pappbuch direkt in den Koffer. Denn der 7. Geburtstag des Patenkindes stand bevor und welche Geschichte eignete sich für Emma besser als Gutenachtgeschichte im heimatlichen Bienenstock als das hummelige Einschlafbuch von der Baby Hummel Bommel!? Klar, dass es da nicht nur von Emma selbst, sondern auch vom Patenkind beäugt und sofort ins Herz geschlossen wurde!

Maxi Motte liest die Gutenachtgeschichte vor – Illustration aus dem Buch

Während die bisherigen Geschichten von der kleinen Hummel Bommel erzählen, wird im vorliegenden Pappbilderbuch die Geschichte des hummeligen Nachwuchses erzählt, der sich trotz durchs Fenster durchscheinenden Nachthimmel und immer müder werdenden Augen mit Begeisterung aus dem Bett stiehlt. Schließlich schläft es sich mit Honigtee von Tante Marie, der Gutenachtgeschichte von Maxi Motte und dem Einschlaflied von Gisela Grille gleich tausend Mal besser! Und siehe da, mit wohlig warmen Magen und dem Klang von vertrauten Versen in den Ohren wird die kleine Baby Hummel Bommel doch noch von der Müdigkeit übermannt.

„Gute Nacht, kleine Hummel, schlafe nun ein, morgen wird wieder ein hummelig schöner Tag sein!“

Auch in der Mini-Pappbuch-Version versteht es Illustratorin Joëlle Tourlonias wieder aufs Vortrefflichste uns mit ihren Bildern zu verzaubern. Ihre Illustrationen sind, genau wie in den vorangegangenen Hummel Bommel – Büchern, voller Liebe und Hingabe gezeichnet und benötigen in der Regel keinen begleitenden Text, um die Geschichte zu erzählen. Dennoch sind die Seiten, die von den großflächigen Bildern leben, jeweils auf der linken Seite um vier Textzeilen in Reimform ergänzt, die der Geschichte einen wohligen Klang schenken und damit für auditive Wiedererkennung sorgen. Die Zeilen enden dabei immer mit den gleichen Versen (siehe vorangestelltes Zitat) und sind deshalb sehr zugänglich.

Hummelige Ruhe für Mama & Papa Hummel – Illustration aus dem Buch

Die Geschichte trägt eine einfache und gut verständliche Botschaft in sich. Nämlich, dass Gutenachtrituale für Kinder von zentraler Bedeutung sind, um ihnen zu einem friedlichen Einschlafen zu verhelfen. Deshalb ist die Gutenachtgeschichte seit Anbeginn fester Bestandteil von Emmas Einschlafritual. Dass der weiße Schnuffelhase der Baby Hummel Bommel auch in Emmas Bett liegt, ist ein wunderbarer Zufall und wird sicher eines Tages für Begeisterung sorgen. Noch wird ihr die Ähnlichkeit des Kuschelhasen nicht bewusst sein, ich bin mit aber sicher, dass das nur eine Frage der Zeit ist. Für dieses wunderbar hummelige Einschlafbuch sind wir daher Britta Sabbag, Maite Kelly und Joëlle Tourlonias sehr dankbar und hoffen, dass es noch jede Menge Hummelkinder erfreuen wird.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Da Emma noch nicht sprechen und mir deshalb nicht sagen kann, was sie an der Geschichte besonders mag, wird es an dieser Stelle nur einen bezaubernden Schnappschuss geben, der zeigt, dass sich Emma scheinbar ein bisschen zu viel von der Baby Hummel Bommel abgekuckt hat. Das Davonstehlen und bestimmte Einfordern von bestimmten Dingen vor dem Zubettgehen meistert sie nämlich ebenfalls mit Bravour!

Wer hat sich denn da aus dem Bild gemogelt?

Werbung – da Verlinkung des Verlags. Für diesen Beitrag habe ich KEIN Geld erhalten. Mir wurde lediglich das Buch zur Rezension zur Verfügung gestellt.

Collect moments not things – ein Bloggertreffen bei arsEdition

[Werbung, weil Verlinkungen/ohne Auftrag] Am 30. Juni lud der Münchner Verlag arsEdition bereits das dritte Mal in Folge Blogger aus unterschiedlichen Bereichen ein, um sich über eine Reihe an Themen auszutauschen und sich gegenseitig kennenzulernen. Ich hatte erneut das Privileg, dabei sein zu dürfen und möchte euch heute ein paar Eindrücke des Tages mit auf den Weg geben.

„Glückssucher sind Trend.“

Während das vorangegangene Bloggertreffen sich fokussiert Trends und insbesondere dem Thema Hygge widmete, stand dieses Mal das Glück im Vordergrund. Dem Anlass entsprechend hat arsEdition Marius Kursawe, Autor vom Journal of Happiness, eingeladen. Die Suche nach Glück liegt schon seit jeher im Trend. Wir machen Glück oft von äußeren Umständen abhängig, obwohl diese in ständiger Bewegung sind. Dabei ist unser Glücksempfinden zu 50% genetisch bestimmt und zu 40% durch unser persönliches Mindset zu steuern. „Glücksempfinden kann man lernen“. Ähnlich wie einen Muskel können wir es trainieren. Schon fünf Minuten am Tag über einen Zeitraum von drei Wochen würden reichen, um uns zu einem imaginären „Happiness Sixpack“ zu verhelfen.

„Das Happiness Workout“

Wie das geht? Laut Kursawe verhilft uns die sogenannte 3-1-1-Regel dazu, eine Glücksroutine zu entwickeln. 3 Minuten am Tag soll sich dabei fürs Rekapitulieren Zeit genommen werden. Zuerst macht ihr euch Gedanken, wofür ihr an diesem Tag dankbar seid. Ob ihr euch dabei für die Gesundheit, den familiären Rückhalt oder das persönliche Bücherregal zuhause entscheidet, liegt ganz bei euch. Danach notiert ihr euch für 1 Minute ein positives Erlebnis des Tages. Hier wird euch sicher schnell klar, dass Happiness oft in den kleinsten Dingen des Alltags liegt. Denn schon das Wiedersehen mit einer alten Freundin, die netten Worte von der Dame morgens beim Bäcker oder das schöne Wetter stimmen dich glücklich. Zu guter Letzt setzt ihr euch für 1 Minute ein Ziel bzw. einen Fokus für den folgenden Tag. Was nehmt ihr euch vor? Aufgeschobene Erledigungen? Bewusst einen Gang runterfahren? Jemand anderem eine Freude machen? „Soziale Interaktion macht einen auch selber glücklich.“ so Kursawe. Es erfüllt dich mit Wohlwollen, wenn du jemand anderem etwas Gutes tust. Auch sollten wir nie verlernen, neugierig zu sein und zu staunen. Denn neugierige Menschen glauben an Veränderung und sind automatisch optimistischer. Deshalb zählen Wissenschaftler auch zu den zufriedensten Berufsgruppen.

Wie klingt der Soundtrack deines Lebens?

Neben jeder Menge neuem Input zum Thema Glück ließ Kursawe uns auch über unseren ganz individuellen Life EQ (Equalizer) und unsere persönliche Superpower nachdenken. Und plötzlich verstehen wir, wenn er sagt: „Man braucht keinen Experten zum Glücklichsein. Das Glück liegt in euren Händen.“ Auch in seinem Journal of Happiness überlässt er es seinen Lesern bzw. den Nutzern, das persönliche Glück selbst zu bestimmen und gibt lediglich Hilfestellung bei der Suche. Der immerwährende und motivierende Begleiter ist dabei nur mit wenig Text und mit viel Platz zum Eintragen versehen. Inspirierende Zitate sorgen für die Extraportion Motivation. Das Buch beginnt aber definitiv erst mit euren Eintragungen zu leben!

Behind the scenes

Neben dem Vortrag zum Thema Glück durften wir in einem Gespräch das kreative Team hinter der Grafik von arsEdition und die Mädels hinter dem Instagram-Account @mynotesliebe kennenlernen, durch die Verlagsräume schnuppern und uns einen Eindruck vom Verlagsalltag machen. Hierbei habe ich mich erneut darüber gefreut, dass die persönliche Meinung eines jeden Teilnehmers wertgeschätzt wurde und mitunter sogar zu persönlicher Reflexion oder Inspiration führte. Auch der tägliche Balanceakt zwischen Beruf und Privatleben kam dabei zur Sprache, der im digitalen Zeitalter immer herausfordernder wird.

Ich male mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt

Das kreative Schmankerl des Tages war definitiv der Kreativ Workshop mit Illustratorin Marielle Enders, die uns kreativ verausgaben ließ und uns zu ersten Schritten in der Aquarellmalerei verhalf. Heraus kamen dabei eine (reichlich missglückte) Postkarte und ein (noch viel missglückteres) Aquarellmotiv mit Slogan. Ich denke, an mir ist keine Aquarellmalerin verloren gegangen. Fragt mich daher bitte nicht nach meinen Entwürfen! Entspannend und inspirierend war der Workshop aber allemal!

Neben den ganzen inspirierenden und kreativen Vorträgen gab es übrigens leckeres Mittagsessen, reichlich Snacks und wahnsinnig guten Kuchen von Kuchentratsch. Bei letzterem handelt es sich übrigens um ein Start-up-Unternehmen aus München, bei dem SeniorInnen das leckerste Hüftgold zaubern und euch damit euren Tag versüßen. „kuchentratsch ist eine innovative Backstube für alle SeniorInnen die Freude am Backen haben. Die SeniorInnen treffen sich in unserer Backstube backen gemeinsam Kuchen nach alten, bewährten Rezepten, tratschen, lernen neue Leute kennen und haben die Möglichkeit sich etwas zu ihrer Rente dazu zu verdienen.“ (Quelle: Kuchentratsch)

Beim Bloggerevent gab es einen Rote-Bete-Schoko-Gugl und einen Karottenkuchen zum Reinlegen. Ich habe mich dabei für den „Rüblikuchen“ von Oma Irmgard entschieden und hab die Entscheidung bis zum letzten Krümel nicht bereut.

Für die tolle Organisation und Durchführung des großartigen Events möchte ich mich bei allen Beteiligten des Verlags bedanken. Ihr habt mir mal wieder einen wundervollen Tag beschert und auf charmanteste Weise eure Begeisterung für Bücher versprüht. Well done!

Bei meinen Kolleginen Petzi von Die Liebe zu den Büchern (@diepetzi) und Marina von Nordbreze und so. (@nordbreze) habt ihr übrigens gerade die Möglichkeit ein wunderbares Set bestehend aus dem Journal of Happiness, einem myNotes Notizbuch, einem Bullet Journal, einem Faber Castell Stifteset und einem Pilot Parallel Pen zu gewinnen. Ist das was für euch? Dann flitzt schnell zu ihren Instagram-Accounts.

Dieser Beitrag entstand ohne Bezahlung, wird jedoch aufgrund zahlreicher Verlinkungen als Werbung gekennzeichnet.

Wenn Bücher dein Leben verändern

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

„Bei Büchern war man vor Überraschungen niemals sicher.“

Zitat, Seite 163

Juliette liebt Bücher. Jeden Morgen fährt sie mit der Metro in die Arbeit, im Gepäck stets ein Buch. Doch anstatt in ihr eigenes Buch einzutauchen, nehmen ihre lesenden Mitfahrer immer häufiger ihren Blick gefangen: der Herr mit dem grünen Hut und seiner Vorliebe für Insekten, die alte Frau mit dem abgegriffenen italienischen Kochbuch und die junge Verliebte mit den dicken Wälzern, der stets auf Seite 247 ein paar Tränchen über die Wangen kullern. Wie gerne würde sie die Geschichten hinter den Menschen und ihren Büchern erfahren. Ihre eigene hingegen findet sie ziemlich ernüchternd. Ein öder Job in einem noch viel öderen Maklerbüro. Ihrer anfänglichen Euphorie ist längst Langeweile gewichen. Das scheußliche Gelb ihrer Pappordner haftet an ihr wie zähflüssiger Kleber.

Eines Tages steigt sie zwei Stationen früher aus als sonst. Der Weg zum Büro ist nur unwesentlich länger, ein Fußmarsch von zehn Minuten sollte für ausreichend frischen Wind sorgen, den sie bitter nötig hat. Und so läuft sie emsigen Schrittes die Straße hinunter und schwebt gedanklich davon, bis ein jäher Möwenschrei sie in die Realität zurückholt. Ein junges Mädchen wirbelt an ihr vorbei und will sich durch ein verrostetes Metalltor zwängen, das ihr plötzlich zu Füßen liegt. Es ist mit einem Buch verankert. Auf Augenhöhe ein Messingschild mit der Inschrift Bücher ohne Grenzen.

Hier trifft Juliette nicht nur auf den schrulligen Soliman und seine Tochter Zaïde, sondern auch auf ein chaotisches Bücherzimmer. Soliman verlässt es nur selten und widmet sich voller Hingabe den Büchern, die überall herumstehen und das ganze Zimmer einnehmen. Er glaubt, dass jedes einzelne von ihnen die Macht hat, ein Leben zu verändern. Vorausgesetzt, es kommt zur richtigen Person. Es sind auserwählte Boten, die er aussendet, um Menschen und deren Verhalten zu studieren, um sie anschließend mit dem richtigen Buch zu versorgen. Auch Juliette möchte eine Botin werden und hängt kurzerhand ihren öden Job an den Nagel. Ob die neue Aufgabe ihrem Leben Schwung verleiht?

„Juliette (…) hatte die Bücher wie einen Fächer um sich herum ausgebreitet. Siebzehn waren es. Sie hatte sie gezählt, jedes einzelne in die Hand genommen, sein Gewicht abgeschätzt und es durchgeblättert. Sie hatte ihre Nase zwischen die Seiten gesteckt und den Duft eingeatmet, hier und dort Wendungen aufgeschnappt, unvollständige Absätze, Worte, die verlockten wie Süßes oder verletzten wie Klingen.“

Zitat, Seite 51/51

Ich bin vernarrt in Bücher. Sie bereichern mein Leben, machen mich glücklich und verändern manchmal sogar mein Leben. Nicht auf dramatische Weise, aber insofern, dass sie meinen Blick auf das Leben oder meine Denkweise in eine andere Richtung lenken, mich einen neuen Weg einschlagen und mich etwas völlig Neues wagen lassen. „Das Mädchen, das in der Metro las“ schien daher genau die richtige Lektüre für mich zu sein.

In Féret-Fleury’s Geschichte spielt das Bookcrossing, sprich das Ablegen eines Buches an einer beliebigen Stelle, damit eine andere Person es findet und sich ihm annimmt, eine entscheidende Rolle. Es wurde 2001 von einem Amerikaner gegründet, der sich die Welt als Bibliothek vorstellte. Auch Soliman’s Agentur Bücher ohne Grenzen lebt die Philosophie des „Bücher in die Welt hinaus – Tragens“. Doch Soliman will sie nicht nur an x-beliebige Personen weitergeben, er will sicher sein, dass seine Bücher auch an den richtigen Mann bzw. an die richtige Frau kommen. Deshalb engagiert er ausgewählte Bücherboten, die die potentiellen Bücherempfänger im Vorfeld beschatten. Die Vorgehensweise klingt ein bisschen wie Stalking, dient letzten Endes aber einem guten Zweck. Auch Juliette ist gut im Beobachten, weshalb es naheliegend scheint, dass auch sie eines Tages zur Botin wird.

Manche Bücher waren wie stürmische, undressierte Pferde, die mit einem davongaloppierten, während man sich klopfenden Herzens an ihre Mähne klammerte.“

Zitat, Seite 100

Der Gedanke, dass Bücher tatsächlich unser Leben verändern können, gefällt mir. Wie eine derartige Veränderung vonstatten gehen kann, zeigt Féret-Fleury an ihrer Protagonistin Juliette, die ihren öden Job an den Nagel hängt und sich durch die Lektüre von Soliman’s Büchern Stück für Stück von ihrem alten Leben verabschiedet und am Ende beschließt, in einem alten Bücherbus über die Dörfer zu tingeln. Doch Féret-Fleury’s Spiel bleibt oberflächlich, verliert sich für meinen Geschmack in zu vielen Handlungsfäden, die die Autorin über die Geschichte hinweg aufnimmt und wenig später wieder verliert. Denn sowohl Soliman als auch Zaïde bleiben leider als Figuren blass. Selbst Juliettes lesenden Mitfahrern schenkt Féret-Fleury mehr Beachtung.

Was blieb war eine nette, wenn auch etwas seichte Geschichte über das Lesen und die Macht der Bücher. Zahlreiche Textstellen sorgen bei Bibliophilen für Entzückung, machen deutlich, wie lebendig gedruckte Zeilen doch sind. Eine Reihe an Klassikern, die in der Geschichte Erwähnung finden als auch die im Anschluss angehängte Bücherliste von Juliette’s Bücherbus lassen den Wunschzettel gehörig an Höhe gewinnen.

„Juliette schlüpfte in jede Geschichte wie in eine wunderbare neue Haut, mit Salz bestreut, mit Parfum benetzt oder mit Natron bedeckt, wie die Gliedmaßen von Tahoser, der Heldin aus Gautiers Roman de la Momie, damit sie geschmeidig blieben; ihre Haut empfing die Zärtlichkeiten eines Unbekannten, dem sie an Bord eines Schiffes begegnet war, sie wurde von Pollen bestäubt, welche von Bäumen am anderen Ende der Welt stammten, mitunter vom Blut einer offenen Wunde befleckt. Ihre Ohren waren erfüllt von lärmenden Gongs, dem Zirpen antiker Flöten, von Händen, die klatschend einen Rhythmus begleiteten oder einer Rede applaudierten, vom leisen Rauschen der Wellen, die in ihrem trüben Innenleben runde Kiesel ansollten. Ihre Augen brannten vom Wind, von Tränen, von dick aufgetragener Kurtisanenschminke. Ihre Lippen waren von unzähligen Küssen wundgeküsst. Ihre Finger von unsichtbarem Goldpuder bedeckt.“

Zitat, Seite 117

3/5*

Und da ich die Strategie fahre, dass Bücher, die mich nicht vollends überzeugen konnten, nicht ins heimische Bücherregal einziehen müssen, möchte ich es an einen von euch weitergeben, ganz im Sinne des Bookcrossing sozusagen. Nur, dass ich es nicht dem Zufall überlasse, wem. Habt ihr Lust auf die Geschichte? Lasst es mich im Kommentarfeld wissen und ich lose im Anschluss aus.

Sag den Wölfen, ich bin zuhause

„Sag den Wölfen, ich bin zuhause – Carol Rifka Brunt

„Finn und ich sahen uns quer durch den Raum an, wortlos. Und hörten einander doch. Diese Art von Liebe stellte ich mir mit Finn vor. (…) Diese Art von Liebe, an der nichts Ekliges ist, weil sie in einer anderen Zeit existiert und ich nicht wirklich ich bin.“

Zitat, Seite 83

June ist anders als die anderen Mädchen ihres Alters. Sie liebt den Wald, das Mittelalter und ihren Onkel Finn. Ihm muss sie ihre Welt nicht erklären. Sie verstehen sich blind, lauschen gemeinsam Mozarts Requiem, schauen Filme oder schlürfen Tee aus Finns alter Teekanne. Als ihr Onkel an Aids stirbt, weiß June nicht mehr weiter. Als verquere Einzelgängerin flüchtet sie in den Wald, versucht dort, der Zeit und Welt zu entkommen.

Doch schon kurz nach Finns Tod stellt sie fest, dass sie mit ihrer Trauer um ihren Onkel nicht alleine ist. An seiner Beerdigung entdeckt June einen scheuen jungen Mann, der sich im Hintergrund des Geschehens hält, und den alle für Finns Tod verantwortlich machen. Als June kurze Zeit später ein Päckchen mit Finns Teekanne und einer Nachricht von Toby, dem mysteriösen Fremden, erhält, muss sie sich entscheiden, wie weit sie gehen will.

Voller Neugier und Misstrauen lässt sie sich auf Toby ein und erkennt, dass hinter der verstörenden Wahrheit um Finns Tod eine einzigartige Persönlichkeit steckt, die ihrem geliebten Onkel viel ähnlicher ist, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

„Eine heiße Träne lief mir über die Wange. Und dann erhob sich auf einmal, in die Stille hinein und über alles andere hinweg, ein langes, trauriges Heulen. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als wäre dieses Geräusch aus meinem Inneren gekommen. Als hätte die Welt alles, was ich fühlte, zusammengefasst und in einen Ton verwandelt.“

Zitat, Seite 41

Es gibt sie, diese wahren Wohlfühlbücher, die dir beim Lesen einen wohligen Schauer über die Arme jagen und dich mit ihren einfühlsamen und poetischen Zeilen trotz aller Tragik und Emotionalität einhüllen wie eine wohlige Decke. Carol Rifka Brunts Debüt ist so eins. „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ ist sanftmütig, berührend und tröstlich. Eines jener Bücher, bei dem du dir wünscht, dass es nie zu Ende geht.

Wir reisen zurück in die späten Achtziger. Hier wachsen die 14-jährige June und ihre zwei Jahre ältere Schwester Greta nahezu eigenständig auf, während die Eltern sich in ihrer Arbeit als Buchhalter verlieren. Obwohl die Geschwister früher beste Freundinnen waren, entwickeln sich sich mit den Jahren in zwei völlig unterschiedliche Richtungen, hegen nahezu ein Hassliebe füreinander. Während Greta sich überall engagiert, zieht sich June immer mehr zurück. Nur bei Finn fühlt sie sich verstanden. Die Sonntage, an denen sie alleine ihren Onkel besuchen kann, sind ihr die Liebsten.

„Und bevor ich mich versah hatte sie den Mistelzweig hervorgeholt und hielt ihn mit einer Hand hoch. Sie zog damit einen Bogen über unsere Köpfe, als schneide sie die Luft, als halte sie mehr in der Hand als ein Stückchen Ast aus Weihnachtsgrün und Beeren. Finn und ich blickten beide nach oben, und mein Herz zog sich zusammen. Für einen kurzen Augenblick, der vielleicht so lang währt wie ein Sandkorn im Stundenglas oder ein Tropfen in einem undichten Wasserhahn, trafen sich unsere Blicke, und Finn, mein Onkel Finn, durchschaute mich – zack – einfach so. In diesem winzigen Sekundenbruchteil erkannte er, dass ich Angst hatte, er senkte meinen Kopf leicht nach unten und küsste mich mit einer so sanften Berührung auf den Scheitel, dass es sich eher anfühlte wie ein landender Schmetterling.“

Zitat, Seite 15

Als June erfährt, dass Finn an HIV erkrankt ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Schon bald werden die gemeinsamen Sonntage seltener und man findet sich nur noch einmal im Monat zusammen. Die Krankheit schreitet unaufhaltsam voran. Finn, der sich Zeit seines Lebens als Künstler einen Namen gemacht hat, möchte noch ein letztes Bild malen: ein Porträt der beiden Schwestern mit der Mutter. Es wird eines Tages den Titel „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ tragen.

Obwohl June bewusst ist, dass Finns Tage gezählt sind, trifft sein Tod sie mit aller Wucht. Sie weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, verschanzt sich noch mehr im Wald. Am Tag der Beerdigung erfährt sie von Toby, der über all die Jahre an der Seite ihres Onkels gelebt hat. Ein Leidensgenosse. Einer, der Finn genauso vermisst wie sie. Von Misstrauen und Neugier begleitet, nähert sich June dem Fremden und bringt damit nicht nur Toby’s Erinnerungen an Finn sondern auch noch eine ganze Reihe anderer Geheimnisse zutage, die Junes Gefühlswelt in Aufruhr versetzen und sie ihre ganze Welt in Frage stellen lässt.

„In diesem Moment schien etwas Gefährliches in mir zu erwachen. Etwas Hartes, Dunkles, Schlafendes tief in meinem Bauch hatte ein Auge geöffnet. Und dann war es wieder weg. Einfach so. Es fühlte sich an wie ein in meiner Brust zerplatzter Ballon.
Zitat, Seite 311

Carol Rifka Brunt ist hier ein erstaunlich einfühlsames Debüt gelungen, das sich nahezu leichtfüßig den Themen Homosexualität, Aids, Verlust und Trauer nähert. Es erzählt vom Heranwachsen, vom Anderssein und der Hassliebe zwischen Geschwistern, von Eifersucht innerhalb der Familie, von Schuldzuweisung aber auch von familiärem Zusammenhalt, von Freundschaft und Liebe. Dieser Roman ist so komplex und dennoch leicht zugänglich, dass man innerhalb weniger Zeilen sein Herz an ihn verliert. Ich kann ohne Zweifel sagen, dass er mein bisheriges Jahreshighlight ist.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause. Vielleicht hatte Finn das alles längst verstanden, so wie immer. Man kann ihnen ruhig sagen, wo man wohnt, denn sie finden einen sowieso. Das tun sie immer.“

Zitat, Seite 408/409

 

75 Jahre Der kleine Prinz + 3×3 Giveaways

A prince is born

Am 6. April 1943 erblickte ein kleiner Prinz das Licht der Welt. Er ist die Hauptfigur eines modernen Märchens, das wir alle kennen. Einer Erzählung, die sich Seite für Seite zu einem Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit entfaltet und über die Jahre zum Klassiker avanciert ist: Antoine de Saint-Exupéry’s Der kleine Prinz (im Original Le Petit Prince).

In gut zwei Wochen jährt sich die Veröffentlichung von Saint-Exupéry’s Werk bereits zum 75. Mal. Die Geschichte des französischen Autors geht nicht nur mitten ins Herz, sondern auch in den Kopf. Zahlreiche Textstellen setzen sich beim Lesen in unserem Bewusststein fest und stimmen uns nachdenklich. Was ist es, das im Leben wirklich zählt?

Das wohl bekannteste Zitat aus der Geschichte (s.o.) begegnet uns wie eine Botschaft. Ein Geheimnis, das Saint-Exupéry durch den gezähmten Fuchs nicht nur dem kleinen Prinzen, sondern auch seinen Lesern anvertraut. Es ist der Geist, der den Dingen eine Seele einhaucht. Durch unsere Zuwendung reifen sie zu etwas Einzigartigem und Unverwechselbarem heran. Und so wird der Fuchs durch die Zuwendung des kleinen Prinzen zahm und die Rose durch die Pflege und Hingabe zu einer ganz besonderen Rose.

This is what makes me happy

In den Momenten, in denen ich die Geschichte des kleinen Prinzen aus dem Regal hervorziehe oder mir eines der vielen Zitate aus der Geschichte begegnet, frage ich mich oft, wer/was die Menschen/Dinge sind, die in meinem Leben die Rolle des Fuchses oder der Rose einnehmen.

Mein persönliches Lebensglück habe ich tatsächlich fernab von beruflichem Erfolg gefunden. Lange Zeit dachte ich, dass ich eine bestimmte Sprosse auf der Karriereleiter erreichen müsse, um wirklich glücklich und zufrieden zu sein. Ich sehnte mich nach Anerkennung. Hatte das Gefühl, ohne eine bestimmte Stellung in der Gesellschaft nichts wert zu sein. Nach sehr arbeitsintensiven und lehrreichen Jahren mit jeder Menge Arbeits- und weniger Lebenszeit habe ich jedoch eines gelernt: Es ist das Leben, das einen wirklich glücklich macht. Vorausgesetzt, man tut es auch. Leben.

„Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Albert Schweitzer

Und so gewinnen die gemeinsamen Momente mit den liebsten Menschen immer mehr an Bedeutung für mich. Momente, die von unbeschwertem Lachen, schräger Albernheit und tiefer Zuneigung erfüllt sind. Das können ganz alltägliche Momente, in denen man gemeinsam den Haushalt schmeißt, still nebeneinander sitzend ein Buch liest oder die Natur mit allen Sinnen erfasst; aber auch außergewöhnliche Momente, in denen man neue Abenteuer erlebt und ganz und gar neue Erfahrungen macht, sein. Die Hauptsache ist, man erlebt sie zusammen.

Und wenn ich so darüber nachdenke, könnte die Rolle der Rose durchaus meine Tochter einnehmen. Denn aus dem Baby wächst nicht nur langsam aber sicher ein eigenständiger Mensch heran, sondern die Räubertochter entwickelt sich auch zu einer individuellen Persönlichkeit, die von meiner Liebe und Zuneigung geprägt ist. Das macht sie zu etwas Einzigartigem.

Fünf wunderbare Geschenkbücher

Zum 75. Jubiläum des kleinen Prinzen erscheint bei arsEdition ein wunderbares Jubiläumspotpourri. Das sind zum einen vier wunderbare Geschenkbücher, die sich den besonderen Textstellen von Antoine de Saint-Exupéry’s „Der kleine Prinz“ und anderen Werken widmen und sich auf die Themen Liebe, Freundschaft, Glück und Lebensweisheiten konzentrieren, und zum anderen ein zauberhaft gestaltetes Ausmalbuch mit Szenen aus der Welt des kleinen Prinzen.

Die Geschenkbücher sind schon allein durch ihren besonderen Wickelverschluss ein absoluter Hingucker. Beim Blick hinter den Verschluss trifft man auf zauberhafte Bilder und Zitate, die das Entdecken zu etwas ganz Besonderem machen. Die sind nahezu dafür gemacht, um jemandem in eurem Leben eine Freude zu machen.

3×3 Giveaways für Kleine Prinzen-Fans

Du liebst die Geschichte des kleinen Prinzen genauso sehr wie ich und hast schon jemanden im Kopf, dem du mit einem dieser Geschenkbücher eine Freude machen könntest? Dann nutze deine Chance auf eins von drei Geschenkbücher-Bundles, die ich Dank der freundlichen Unterstützung von arsEdition unter meinen Lesern verlosen darf.

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, möchte ich eines von dir wissen: wer nimmt in deinem Leben die Rolle des Fuchses und/oder der Rose aus „Der kleine Prinz“ für dich ein? Verrate mir bis Donnerstag, den 5. April 2018 um 23:59 Uhr deine persönliche Definition in Form eines Kommentars und springe damit in den Lostopf für eins der Bundles.

Viel Glück, ihr Lieben!

#MustReadBlogtour – Tag 5: Eine Freundschaft in Briefen

Herzlich Willkommen zu Tag 5 der Must-Read Blogtour!

Diese Blogtour wurde von Smarty alias Lady Smartypants ins Leben gerufen und entführt euch auf eine Reise durch die Welt der Bücher. Bis zum 12. März 2018 wartet täglich ein Blog und ein ganz bestimmtes Buch auf euch, der/das sich lohnt, von euch gelesen und und entdeckt zu werden.

Eine Blogtour ist eine wunderbare Gelegenheit, sich innerhalb der Blogosphäre besser kennenzulernen und auszutauschen, weshalb auch ich gerne mit an Bord bin. Während Trixi vom Nachtigallenfriedhof gestern ein Buch aus dem Bereich YA Romance für euch im Gepäck hatte, werden wir uns heute einer Reihe an Briefen widmen, ehe es dann morgen bei Regina Rewritten mit einem Buch aus dem Bereich YA Sci-Fi weitergeht.

Smarty selbst hat die Blogtour mit dem Roman Die Bücherdiebin ins Rollen gebracht und mich daran erinnert, dass ich den Klassiker noch immer ungelesen im Regal stehen habe. Nach einem gescheiterten ersten Versuch, die in meinen Augen grauenhafte englische Übersetzung des Romans zu lesen, steht das deutsche Original schon ewig auf dem SuB. Es wird Zeit, es von dort zu befreien und mich dem Buch endlich anzunehmen.

Eine Freundschaft in Briefen: „84, Charing Cross Road“

Es gibt Zeilen, die treffen mitten ins Herz. „84, Charing Cross Road“ beherbergt solche. Das bescheidene Büchlein, das mit gerade mal 158 Seiten daherkommt und den Briefwechsel zwischen der New Yorker Bühnenschriftstellerin und dem Londoner Antiquar Frank Doel beherbergt, ist von der ersten bis zur letzten Seite ein absolutes Must – Read.

„Es gibt Bücher, die ihre Leser von der ersten Seite an in ihren Bann ziehen und unwiderstehlichen Charme verbreiten. Sie treffen einen Tonfall, der Glaubwürdigkeit ausstrahlt und den Eindruck erweckt, als ließe sich ein wunderbarer Einklang zwischen den Menschen und der Welt herstellen, zumindest im imaginären Reich der Literatur. Helene Hanff hat ein solches Buch – „84, Charing Cross Road“ – geschrieben, und es ist auch die Zufälligkeit seines Entstehens, die ihm seinen Reiz gibt.“

Rainer Moritz im Nachwort

Worum geht’s

1949 beginnt zwischen Helene Hanff, einer Bühnenschriftstellerin aus New York, und dem Londoner Antiquar Frank Doel ein reger Briefwechsel, der über 20 Jahre andauern soll. Was als schlichte Korrespondenz von Geschäftsbriefen beginnt, entwickelt sich über die Jahre zu einer vertrauensvollen Brieffreundschaft zwischen zwei Menschen, die trotz der Entfernung zueinander eine gemeinsame Leidenschaft teilen: Die Leidenschaft für Bücher.

Hanff, die über die Jahre ihre Suche nach antiquarischen Büchern vertrauensvoll in Doels Hände gelegt und die Belegschaft der Marks & Co Buchhandlung in London und darüber hinaus deren Familien in ihr Herz geschlossen hat, setzte mit der Veröffentlichung dieser Briefe in „84, Charing Cross Road“ dieser außergewöhnlichen Beziehung ein Denkmal.

„Ich will IHNEN, Frank Doel, nur eines sagen: Wir leben in verkommenen, zerstörerischen und degenerierten Zeiten, wenn eine Buchhandlung – eine BUCHHANDLUNG – damit anfängt, schöne alte Bücher auseinander zu reißen, um sie als Einpackpapier zu verwenden. Ich sagte zu John Henry, als er ausgewickelt war: „Hätten Sie das für möglich gehalten, Eminenz?“, und er verneinte. Sie haben das Buch in einer großen Schlachtszene auseinander gerissen, und ich weiß nicht einmal, um welchen Krieg es sich handelt.“

Zitat, Seite 32

Darum musst du dieses Buch lesen

Die in „84, Charing Cross Road“ veröffentlichten Briefe zwischen Helene Hanff und Frank Doel sind ein wahrer Schatz und bereits nach wenigen Seiten war mir klar, warum so viele Millionen Menschen vor mir ihr Herz an dieses kleine bescheidene Büchlein verloren hatten. Es ist eine Hymne an die Literatur, an die Freundschaft und an den Austausch in Briefen. Es spiegelt die Beziehung zwischen zwei Menschen wieder, die allein durch die Liebe zur Literatur entfacht, und über die Jahre gefestigt wurde.

Helene Hanff hat als schlagfertige New Yorkerin bei der Korrespondenz stets die Oberhand und schreckt nicht davor zurück dem liebenswerten Frank Doel zu gegebenem Anlass zurecht zu weisen. Sie feuert derartige Wagenladungen voller Empörung und Missmut auf den zurückhaltenden Doel, dass man befürchtet, er würde vor Scham im Boden versinken. Und dennoch hält er Hanffs Schimpftiraden, die der Korrespondenz so viel Witz und Esprit verleihen, stand. Er konzentriert sich stets aufs Wesentliche: dem Besorgen und Zusenden von Hanffs Wunschliteratur.

„Das nennen Sie Pepys‘ Tagebuch!? Das ist nicht Pepys‘ Tagebuch, das ist die elende Zusammenstellung von Exzerpten aus Pepys‘ Tagebuch, herausgegeben von irgendeinem übereifrigen Kerl, der in der Hölle verfaulen möge! Ich könnte ausspucken davor!“

Zitat, Seite 55

Mit der Zeit werden die Briefe persönlicher und Hanffs Ton mitfühlender und umgänglicher. Der anfänglich zweckdienlichen Anweisung von Bestellungen weicht ein liebevoller Umgang mit dem loyalen Buchhändler und seiner Familie. Eine Vertrautheit wächst zwischen den beiden Buchliebhabern, wie man sie sonst nur zwischen wirklich guten Freunden finden kann. So kommt nicht nur die benötigte Literatur sondern auch das Zeitgeschehen aus Politik, Sport und dem alltäglichen Leben zur Sprache. Gefühle und Denkansätze werden ausgetauscht, mit der sich zwei völlig Fremde einander Stück für Stück zu öffnen scheinen.

„Ich liebe Widmungen auf dem Vorsatz und Randnotizen; ich mag das Gefühl von Verbundenheit, das entsteht, wenn ich Seiten umschlage, die jemand vor mir bereits umblätterte, und Abschnitte lese, auf die jemand, der schon lange nicht mehr lebt, meine Aufmerksamkeit gelenkt hat.“

Zitat, Seite 48

Das ergreifende Werk „84, Charing Cross Road“ bewirkt mit seinen wenigen Seiten so viel mehr, als man es anfangs vermutet und berührt deshalb vermutlich auch so viele Leserherzen. Es hat mich verzaubert und wird als 2002 erschiene deutsche Erstausgabe für immer einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal ergattern. Wie schade, dass Helene Hanff bereits 1997 verstorben ist. Die Theater- und Buchautorin, die über viele Jahre hinweg vergeblich auf den Durchbruch wartete, stand der erfolgreichen und einschneidenden Publikation von Briefen, die nie im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben wurden, bis zum Ende mit aufrichtigem Staunen gegenüber. Ein Charakterzug, der Helene Hanff nicht nur sympathisch sondern sicherlich auch zu einem Vorbild für Viele macht.

Welches Buch ist für euch ein absolutes Must Read? Verratet es mir doch in einem Kommentar. Das volle Programm der #MustReadBlogtour findet ihr hier.

Ich wünsche euch einen bezaubernden Sonntag! <3