Kinderfreuden #43: Eins mit der Natur

„Gigaguhl und das Riesen-Glück“ – Alex Rühle, Barbara Yelin

„Gigaguhl Gargantua war der größte aller Riesen. Er berührte fast den Himmel und er konnte Stürme niesen. Morgens aß er meistens Wolken. Mittags trank er einen See. Abends saß er tief im Walde, zwischen Bäumen, klein wie Klee.“

Irgendwann übermannt auch mal einen Riesen die Müdigkeit. Und so deckt sich Gigaguhl eines Tages mit der Sommerwiese zu und hält viele hundert Jahre Frühlings-, Sommer- und Winterschlaf. Auf den Weiten seines Rückens wächst über all die Jahre eine Stadt heran, in seinen Augenbrauen nisten Vögel, auf den Hügeln seines Nackens weiden Ziegen und in seinem Haarwald wohnt sogar ein Einhorn.

Als die Stadtkinder Nick und Nina sich eines Tages auf Entdeckungsreise in die Berge begeben und dabei nicht nur auf allerhand wundersame Flora und Fauna, sondern auch auf den Zugang zu einer geheimen Höhle stoßen, staunen sie nicht schlecht. Noch mehr aber, als sie merken, dass es sich dabei um einen Riesen handelt, in dessen Kopf sie durch sein Ohr gelangt sind. Als sie seine Nasenhöhlen als Rutsche auserkoren, kitzelt es dem Riesen gewaltig in der Nase und so werden sie mit einem gewaltigen Niesen wieder ins Freie befördert.

Gigaguhl möchte Nick und Nina zeigen, dass er größer als das größte Monster ist. Doch er weiß nicht, dass über all die Jahre seines Schlafes Leben auf der Erddecke gewachsen ist, mit der er sich damals zugedeckt hat. Es muss also ein Plan her, wie der mächtige Riese aufstehen kann, ohne Mensch und Tier um ihr Zuhause zu berauben.

Eckdaten

 

Gebunden, ab 4 Jahren

40 Seiten
18,3 x 29,4 cm
ISBN: 978-3-423-76286-1

Illustration: Barbara Yelin
Autor: Alex Rühle

dtv Junior
14,95 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Als große Naturliebhaberin war ich von der fantasievollen Geschichte des Riesen Gigaguhl, der während seines jahrhundertelangen Schlafes mit der Natur Eins wird, natürlich sofort angetan. Aber noch viel begeisterter war ich, als ich gemeinsam mit meiner Räubertochter entdecken durfte, wie Illustratorin Barbara Yelin die Kinder mit ihren bezaubernden Bildern durch den Wandel der Natur und den Entstehungsprozess von Leben schickt.

Auf außerordentlich kreative Weise lässt Yelin den Riesen Gigaguhl, der anfangs noch am Strand entlang spaziert und inmitten von Bäumen sitzt, durch das Zudecken mit einer Sommerwiese mit der Natur verschmelzen. Seine zugedeckte Gestalt wird zu einem Berg, auf dem eine Stadt heranwächst. Kaum einer nimmt ihn mehr wahr. Einzig und allein die Tiere wissen noch um seine Existenz, denn Gigaguhl liebt sie so sehr, dass er sie zu sich eingeladen, nichts dagegen hat, dass sie auf ihm wohnen. Selbst sein Gesicht, das unter der Erddecke hervorschaut, wird über die Jahre von den Tieren bevölkert. Und so tummeln sie sich in seinen Augenbrauen, in seinem Kopf- und Baarthaar, unter seinen Achseln und in seinem Ohr. Selbst sein Genick und der hervorlugende Arm betten sich in die Natur ein, verschwinden ganz in der Szenerie der Landschaft. Diese wunderbare Verschmelzung, die sich Seite für Seite auf Yelins wunderbaren Bildern vollzieht, können auch die Kleinen wahrnehmen. Viele Bildausschnitte nimmt man aber erst auf den zweiten Blick als Körperpartien des Riesen wahr. Und staunt nicht schlecht, was dabei so alles zu Tage tritt.

Kein Wunder also, dass auch Nick und Nina nicht bemerken, dass es sich bei dem geheimnisvollen Wald aus blauen Stämmen, den sie nach dem Erklimmen eines Hangs erreichen, um das Haar, und bei dem geheimen Höhleneingang um die Ohrmuschel des Riesen Gigaguhl handelt. Ganz unbewusst gelangen sie dadurch in seinen Kopf, bestaunen sein Gehirn, in dem Ideen, Träume und Farben, aber auch die zahlreichen Erinnerungen des Riesen wohnen. In seinen Nasenhöhlen entdecken sie für sich die längste Doppelrutsche aller Zeiten, auf der es sich vortrefflichst um die Wette rutschen lässt. Durch das daraus resultierende Gekitzel in der Nase wird der Riese aber aus seinem Schlaf gerissen und zu einem gewaltigen Niesen angeregt, der die beiden Kinder mit ordentlich Rotz und Wasser, Sträucher, Moos, Geröll und Schlamm wieder aus sich herausschleudert.

Freilich vermuten die Kinder in dem mächtigen Riesen, in dessen Augen sie nun blicken, ein Monster, von dem Gefahr ausgeht. Doch der freundliche Riese beschwichtigt sie, ist nahezu beleidigt, mit einem winzig kleinen Monster verglichen zu werden. Er will aufstehen, ihnen seine wahre Größe zeigen. Doch dass auf der Erddecke, mit der er zugedeckt ist, über all die Jahrhunderte Leben herangewachsen ist, hat er nicht bedacht. Die Kinder weisen ihn darauf hin und verhindern damit das Schlimmste. Doch dem Riesen kommt eine Idee. Mit einem Donnergrollen und einem selbst komponierten Lied kann er Hunderte seiner Tierfreunde dazu animieren, ihm aus seiner unglücklichen Misere zu helfen. Sie sind es, die sich für ihren riesigen Freund zu zahlreichen Tierpyramiden anordnen, um gemeinsam die Erddecke vorsichtig anzuheben, damit der Riese darunter hervorschlüpfen kann und die darauf entstandene Landschaft erhalten bleibt. Natürlich passiert das nicht ohne ein Erdbeben gleiches Zittern, das die darauf entstandene Stadt um ein Stück herabsinken lässt. Einzig und allein Nick und Nina wissen, was dahintersteckt.

Alex Rühle schenkt diesem Bilderbuch ganz wunderbar melodische Reime, die in perfektem Einklang zu Yelins Bildern stehen. Mit viel Facettenreichtum, Fantasie aber auch Gespür für die Sprache schafft er Zeilen, die sich auf ganz harmonische Weise an die lebendigen und naturnahen Illustrationen anschmiegen und daraus eine ganz runde Sache machen. Und so entsteht aus der Zusammenarbeit von Yelin und Rühle ein Kinderbuch, das sich Hören und Sehen lassen kann.

„Ich muss ganz woanders hinzieh’n, denn ich brauche Riesenruhe. Sprach’s und bückte sich und schnürte, seine Siebzehnmeilenschuhe. Winkte nochmal Nick und Nina und verschwand mit raschem Schritt, hinter sieben Bergen, und die meisten Tiere nahm er mit.“

Doch dem Riesen ist es nun zu laut geworden. Die Stadt, deren Treiben einen ungeheuren Lärm mit sich bringt, beraubt ihn um seine Ruhe, die er dort einst hatte. Und so lässt er seinen vertrauten Ort hinter sich, macht sich auf zu neuen Ufern. Durch diese Entwicklung treffen Yelin und Rühle den Nerv der Zeit und veranschaulichen mit ihrer Geschichte ein Stück weit auch die heutige Entwicklung. Denn es ist nicht nur die Unberührtheit und Stille, die die entstandene Stadt der Natur genommen hat, sondern auch der Lärm der Zeit, den die zahlreichen Autos, Laster, Straßen und Häuser mit sich bringen.

Die innige Verbundenheit, die den Riesen Gigaguhl mit der Natur und den Tieren verbindet, ist wunderbar mit anzusehen. Auch wie die Tiere, ganz egal wie klein sie sind, dem großen Riesen helfen können und damit ganz Großes schaffen. So wird schon den Kleinsten ein freundlicher und achtvoller Umgang mit Tier und Natur an die Hand gegeben und gezeigt, was man durch ein friedfertiges Miteinander schaffen kann. Die Liebe zum Detail, die Yelins Illustrationen zugrunde liegt, lädt die Kinder nicht nur ein, genauer hinzusehen, sondern auch die Schönheit in ganz kleinen Dingen zu erkennen.

Barbara Yelin und Alex Rühle gelingt mit „Gigaguhl und das Riesen-Glück“ eine wunderbare Geschichte über Zusammenhalt, über den Lauf der Natur und den Lärm der Zeit. Es ist eine fantasievolle Reise durch Flora und Fauna, auf die sie die Kinder schicken. Und was es mit dem Riesen-Glück im Titel auf sich hat, sollte jeder für sich selbst entdecken.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Hat dir das Buch gefallen?

Ja

Worum geht’s im Buch:

Um einen Riesen

 

 

 

Lieblingsstelle im Buch:

Als die Tiere die Erddecke anheben, damit der Riese darunter hervorkriechen kann

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

 

Was hat dir im Riesen am besten gefallen?

Die Doppelrutsche seiner Nasenhöhlen

Wird zu:

einer Entdeckerin

 

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom dtv Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

 

Elftausend Meter unter dem Meer

„Marianengraben“ – Jasmin Schreiber

Eichborn Verlag, Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Paula vermutet einen dieser versehentlichen Hosentaschenanrufe ihrer Mutter, als diese sie aus dem gemeinsamen Mallorca-Urlaub mit Bruder Tim anruft. Doch als der Satz, den die Telefonleitung zu ihr trägt, in ihr Bewusstsein durchdringt, wird ihr der Ernst der Lage bewusst. „Der Tim ist tot.“ Vom einen Moment zum nächsten wird Paula ihr Bruder genommen, und mit ihm ihre Konstante im Leben. Sie hat ihn heiß und innig geliebt: seine Kükenflaumhaare, seine Begeisterung für Tiefseefische und dass immer alles megakrass für ihn war. Mit seinem Tod breitet sich in ihr das Nichts aus, ein Zustand ohne Gefühl, ohne Geruch und ohne Klang. Es verwandelt sie in ein leeres Menschenkostüm, das durch den Wind der Tage flattert und sie in eine tiefe Depression stürzt. In ein Loch, so tief wie der Marianengraben, elftausend Meter unter dem Meer.

„An meinem Kühlschrank hängt bis heute ein Graph, auf dem man sieht, wie ein menschliches Herz zerbricht.“

Zitat, Seite 20

Als sie den Rat ihres Therapeuten befolgt, und zwei Jahre nach Tims Tod endlich sein Grab aufsucht, wartet dort eine merkwürdige Begegnung auf sie. Denn nicht nur sie, sondern auch Helmut, ein schrulliger alter Herr, hatte die Idee, den Friedhof nachts aufzusuchen. Zu viele Menschen laufen ihr dort tagsüber rum, zu viele unangenehme Beobachtungen könnten daraus resultieren. Mit Helmut hatte sie nicht rechnen können. Doch ehe sich Paula versieht, steckt sie bereits mitten drin, in einem Abenteuer mit dem wildfremden Alten, der die staubigen Überreste seiner Geliebten nach Südtirol bringen will. Eine Reise, die Paula nicht nur ins wunderschöne Italien, sondern auch zurück zu sich selbst bringt.

„Gedanken sind oft so unkontrollierbar wie die Liebe, die sie auslöst. Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.“

Zitat, Seite 9

Es ist ein wirklich abgefahrener Roadtrip mit Paula, dem schrulligen alten Helmut und seiner Hündin Judy. Was im ersten Moment recht heiter klingt, birgt allerdings auch tieftraurige und emotional tiefgehende Momente in sich, die dich dem Abgrund und den Tränen ganz nahe bringen. Doch Jasmin Schreiber meistert, ähnlich wie Lucy Fricke in „Töchter“, den schmalen Grat zwischen Freud und Leid und führt ihre Leser dadurch ganz leichtfüßig durch die Themen Tod, Trauer und Depression. 

In „Marianengraben“ begegne ich zwei Protagonisten, die mit großen Verlusten zu kämpfen haben und dementsprechend mit dem Leben hadern. Die junge Paula spürt seit dem Tod ihres kleinen Bruders Tim vor zwei Jahren nur noch Leere in sich und der Pensionär Helmut hat erst kürzlich die Urne seiner (Ex)Frau Helga ausgebuddelt. Als die beiden nachts auf dem Friedhof aufeinander treffen ist die Freude nicht allzu groß, weder Paula noch Helmut sind sonderlich erpicht darauf, fortan ein gemeinsames Abenteuer zu bestreiten. Aber wie es der Zufall so will, sitzen die beiden dennoch wenig später zusammen in Helmuts Wohnmobil mit Kurs auf Südtirol, um dort die Überreste aus Helgas Urne zu verstreuen.

Dass die junge Frau und der Pensionär ein ungleiches Gespann abgeben, liegt schon allein des Altersunterschieds wegen auf der Hand. In Kombination mit Helmuts verrückter Hündin Judy, die nur noch rückwärts läuft, wenn sie eine Karotte im Maul hat, und einem verletzten Huhn, dass sie am Anfang ihrer Reise am Wegesrand aufgabeln und verarzten, nimmt der Roman recht skurrile Züge an, die für ungeheure Unterhaltung und viel Situationskomik sorgen. Doch je länger Paula und Helmut zusammen unterwegs sind, umso mehr kommen ihre Gemeinsamkeiten zum Vorschein. Nicht nur ihre Schicksalsschläge, sondern auch ihr Umgang mit dem Verlust verhalten sich nämlich ganz ähnlich. Sie sprechen eine Sprache, fühlen sich zum ersten Mal richtig verstanden. Bei Helmut kann Paula ihre wirren Gedanken ins Freie entlassen, die sie selbst vor ihrem Therapeuten zurückgehalten hat. Für Paula nimmt Helmut eine Art Vaterrolle an, die er ungewollt früh aufgeben musste, weil es das Schicksal nicht gut mit ihm meinte. Innerhalb von zwei Wochen wird Paula für ihn zu einer Art Familie, die er nicht mehr hatte. Und so führt das Schicksal zusammen, was zusammen gehört. 

„Du wolltest immer irgendwohin, hattest immer etwas vor, hattest immer den Drang, das Haus zu verlassen, nicht stehen zu bleiben, niemals zu ruhen. Du warst Zauberer und Abenteurer, Tierdompteur und Taucher, du warst ein Seeadler, wolltest fliegen und schwimmen und rennen und tauchen und das alles, bis es eben vorbei war. Tim, der Fisch. Tim, der das Meer so liebte und dann vor zwei Jahren in ihm ertrank.“

Zitat, Seite 10

Neben dem Trip nach Südtirol reisen wir mit Paula immer wieder gedanklich in die Vergangenheit, lernen einen aufgeweckten, wissbegierigen Tim kennen, für den das Meer und die Unterwasserwelt immer das Größte war. Er ist es auch, mit dem Paula über den Marianengraben spricht, der tiefsten Stelle des Weltmeeres. Ihre Trauer um ihn bringt sie dem Ort, der da ganz unten in der Dunkelheit liegt, wo es kein Licht, keine Farben und kaum noch Sauerstoff gibt, ganz nahe. Diese elftausend Meter, die Paula eigentlich immer viel zu abstrakt vorkamen, bekommen mit Tims Tod plötzlich eine greifbare Qualität. „Elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.“ Schreiber bedient sich dieser Tiefe deshalb auch für ihren Roman, verwendet ihn als Ausgangspunkt in der Überschrift ihres ersten Kapitels und lässt uns so Kapitel für Kapitel langsam wieder zurück zur Wasseroberfläche tauchen. Und so stehen die Kapitel symbolisch für Paulas Hervortauchen aus der Tiefe ihrer Depression, in der sie seit Tims Tod versunken ist, für ein Erwachen, zu der ihr diese verrückte Reise und der schrullige alte Helmut verhilft. Dieses symbolische Stilmittel hat mich schwer beeindruckt, Paulas Tiefgang  und die Züge ihrer Depression sehr deutlich, ja fast greifbar gemacht.

Jasmin Schreibers Stil ist unglaublich beeindruckend. Er ist heiter und farbenfroh und gleichzeitig so melancholisch und tieftraurig, das die Geschichte einem ganz nahe geht. Sie so stark macht und zeitgleich so unglaublich leichtfüßig daherkommen lässt. Und genau deshalb liegt mit „Marianengraben“ eins meiner diesjährigen Lesehighlights hinter mir. 

„Du hast mich sensibilisiert, hast einen Teil von mir zu dir werden lassen, Liebe tut so etwas. […] Wir waren zwei Interpretationen desselben Songs, zwei Seiten derselben Münze, zwei Bäume nebeneinander im Wald, die sich unterirdisch gegenseitig mit Glucose versorgten. Wir waren Geschwister, und das ist etwas ganz Besonderes. Du bist fort, aber du hast mich auf dieser Welt zurückgelassen, als wäre ich der Durchschlag und du das Original. Du hast mich geprägt, deinen Abdruck hinterlassen und ist es nicht für immer meine Aufgabe, diesen in die Welt hinauszutragen?“

Zitat, Seite 208/209

#diesertageinleben 3: „Killevipps“ – ein Besuch beim Däumling

Ein Winzling zieht ein

Als ich kürzlich wieder über die Geschichte von Nils Karlsson-Däumling gestolpert bin, konnte ich mich ehrlich gestanden gar nicht mehr so recht daran erinnern, ob ich die Geschichte als Kind gelesen oder lediglich die Verfilmung davon gesehen hatte. Den Namen „Nils Karlsson-Däumling“ konnte ich zwar auf Anhieb dem kleinen Untermieter in Daumengröße zuordnen, der da eines Tages unter dem Bett eines kleinen Jungen hervorkriecht, ich hätte aber nicht mehr sagen können, dass der Junge Bertil hieß. Als sich mir dann eine ältere gebrauchte Ausgabe anbot, zögerte ich nicht lange, schlug zu und inhalierte die wenigen Seiten des Bilderbuches innerhalb kürzester Zeit weg.

„Was bist denn du für einer?“ fragte Bertil. „Und was machst du unter meinem Bett?“

Erst ein paar Tage vor seiner Begegnung mit Bertil ist Nils Karlsson-Däumling von seiner alten Wohnung unter einer Baumwurzel im Wald in das unmöblierte Zimmer einer Maus gezogen. Denn im Herbst zeigt sich das Lagerleben nicht von seiner komfortabelsten Seite und so zog es den Winzling in die Stadt. Bedauerlicherweise weist das alte Zimmer der Maus aber lediglich einen Kaminofen, und kein Holz zum Heizen oder Mobiliar auf und so friert Nils Karlsson Däumling wie ein Hund. Bertil kann davon ein Lied singen. Denn ihm geht es nicht anders. Wie gut, dass die beiden sich nun begegnet sind. Denn Bertil, der sich tagsüber die Zeit alleine vertreiben muss und sich schrecklich langweilt, kommt der kleine Däumling und die Möglichkeit, ihm zu helfen, gerade recht. 

Weil Kinderbetreuung nicht immer selbstverständlich war

Zugegeben, an der Stelle, wo zur Sprache kommt, dass Bertil ganz allein zu Hause ist, habe ich mich als Erwachsener schon gefragt, warum so ein fünfjähriger Junge ganz alleine zuhause gelassen wird, aber nach dem 2. Weltkrieg waren die schwedischen dagis (Kindertagesstätten), die man anfangs vor allem für Kinder alleinerziehender oder besonders armer Mütter kostenfrei zugänglich gemacht hat, wohl für Familien aus armen Verhältnissen nicht mehr finanzierbar. Denn mit dem wachsenden Anspruch auf Qualität konnten die Einrichtungen natürlich nicht dauerhaft kostenfrei bleiben und so hatten vielen Familien keine andere Wahl, als die Kinder zu Hause alleine zu lassen während beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Diese Problematik zog sich auch noch weit bis ins Schulalter hinein. Man nennt Kinder berufstätiger Eltern, die tagsüber weitgehend sich selbst überlassen sind, Schlüsselkinder. Mit ihrer Geschichte um Nils Karlsson-Däumling hat Lindgren das Problem dieser Schlüsselkinder thematisiert und den Missstand des Landes beim Namen genannt, denn eine staatliche Kinderbetreuung gab es damals in Skandinavien noch nicht. In Zeiten der Coronakrise wurden wir mit dem Thema Kinderbetreuung bzw. der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz ungewollt noch einmal konfrontiert. Viele Eltern mussten bzw. müssen in diesen Zeiten die Arbeit mit der Betreuung ihrer Kinder vereinbaren. Kein leichtes Unterfangen, im Gegensatz zu früher aber sicher ein bisschen einfacher. Denn die Möglichkeit, die Arbeit im Home-Office zu verrichten haben wir sicher dem digitalen Zeitalter zu verdanken. 

Wusstest du es?

Für dieses Bilderbuch wurde Astrid Lindgren 1950 mit der Nils-Holgersson-Plakette, einem schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Der Preis ist nach der Titelfigur des bekannten Romans von Selma Lagerlöf, „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, benannt.

„Bertil kroch unter das Bett, drückte den Zeigefinger auf den Nagel und sagte: „Killevipps“. Und tatsächlich! Da stand er vor dem Mäuseloch, genauso klein wie der Däumling.“

Nisse verrät Bertil einen Zaubertrick, und so kann er sich mit dem Ausdruck „Killevipps“ und dem Berühren des Nagels neben dem Mäuseloch auf magische Weise auf die Größe des Däumlings schrumpfen und auch wieder zurück zu seiner Normalgröße heranwachsen. Und Bertil macht davon fortan auch rege Gebrauch um seinen neuen Freund zu besuchen. Ich musste hier irgendwie an Alice im Wunderland denken, deren Größe sich nach einem Schluck des Schrumpftranks ebenfalls verkleinert und durch den Biss in ein Törtchen wieder vergrößert hat. Ob die Parallele reiner Zufall ist, oder Lindgren sich hier von Lewis Carrolls Geschichte inspirieren hat lassen (schließlich erschien das Kinderbuch „Alice im Wunderland“ bereits 1865), kann ich nicht sagen. Ich weiß allerdings, dass ich manchmal auch gern schrumpfen und Mäuschen spielen wollen würde. Geht es dir da genauso?

Wusstest du es?

Das kurze Märchen von Nils Karlsson-Däumling war anfangs nur Teil der 1949 veröffentlichten Märchensammlung „Im Wald sind keine Räuber“ und erschien erst 1956 (1957 in Deutschland) als eigenständiges Bilderbuch mit Illustrationen von Ilon Wikland . Die Geschichte wurde 1990 verfilmt und von Astrid Lindgren um weitere Figuren ergänzt.

Wenn Kleines ganz groß wird

Die Geschichte von „Nils Karlsson-Däumling“ verdeutlicht auf so wunderbare Weise, dass auch kleine Dinge ganz Großes bewirken können. Denn auch wenn Bertil selbst nicht viel hat, schafft er es dennoch das Leben des kleinen Däumlings zu bereichern (und umgekehrt). Aus den abgebrannten Streichhölzern von Bertils Eltern wird wunderbares Brennholz für Nisses Kamin, die spärlichen Reste aus dem Küchenschrank wachsen plötzlich zu riesigen Vorräten heran und das winzige Mobiliar aus der Puppenstube der verstorbenen Märta  (auch den Tod von Nisses Schwester und damit das Thema Kindstod verwebt Lindgren ganz beiläufig in ihre Geschichte) bringt Gemütlichkeit in Nisses Stube. Mit einer abgebrochenen Zahnbürste putzen sie Nisses dreckiges Mäuseloch und baden anschließend gemeinsam in einer leeren Geleeschale von Nisses Küchenschrank. Durch die Gesellschaft des jeweils anderen wird das trostloses Leben der beiden Jungs so viel schöner und bunter. Wie schön es doch ist, wenn man einen Freund an seiner Seite hat!

Und so trägt das kleine Büchlein, egal wie dünn es auch sein mag, so viel Gutes in sich. Es verdeutlicht uns nicht nur, was Zusammenhalt und Freundschaft ausmacht, sondern auch, dass auch wenig jemandem ganz viel bedeuten kann bzw. dass schon ganz kleine Gesten zum großen Glück führen können. Ich wünschte, wir würden alle manchmal ein bisschen mehr Bescheidenheit an den Tag legen und die Devise „Immer höher, schneller und weiter“ mal ganz außer Acht lassen. Denn wenn wir uns genau wie Bertil und Nisse ein bisschen mehr an den kleinen Dingen des Lebens, am Miteinander, erfreuen, stellen wir fest, wie wenig uns doch eigentlich zu einem schönen Leben verhilft. Gerade jetzt ist die Geschichte um Nils Karlsson-Däumlich aktueller denn je, denn sie zeigt uns auf ganz charmante und behutsame Weise, wie wertvoll soziale Kontakte doch für uns sind.

Mäuseloch und Namenschild sind auch nach dem Aufnehmen des Titelfotos (s.o.) an unserer Wand kleben geblieben. Die Räubertochter meint, dass jetzt Nils Karlsson-Däumling auch bei uns eingezogen ist, und sie ihn genau wie Bertil besuchen wird. Bislang hat das mit dem Schrumpfen bei uns allerdings noch nicht ganz geklappt! Da können wir noch so viele Nägel in die Wand schlagen und „Killevipps“ rufen!

Quelle

„Nils Karlsson-Däumling“, Verlag Friedrich Oetinger (1960)

Kinderfreuden #42: Ein Nachtlöwe

„Magnus und der Nachtlöwe“ – Sanne Dufft

Magnus fühlt sich groß und stark mit seinem Hut und seinem Schwert. Aber manchmal fürchtet er sich auch. Vor allem nachts, wenn ihm ein Räuber in seinen Träumen auflauert, der es auf seinen Hut und auf sein Schwert abgesehen hat. Für solche Fälle braucht man einen starken Freund an seiner Seite.

Die Oma erkennt das und schenkt Magnus einen Nachtlöwen. Einen, der Löwenkräfte in ihm heranwachsen lässt. Und plötzlich kann ihm kein böser Traum mehr etwas anhaben. Denn mit seinem Löwen ist Magnus der Allermutigste. Besonders, wenn es dunkel ist.

„Der Nachtlöwe brüllt, oh wie er brüllt. Sie stürmen durch den Wald, dem Räuber hinterher. Wild, verwegen und furchterregend.“

Eckdaten

 

Gebunden, ab 4 Jahren

32 Seiten
21,7 x 23,8 cm
ISBN: 978-3-8251-5113-3

Illustration & Text: Sanne Dufft

Verlag Urachhaus
15,00€ [D]

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Blickwinkel aus großen Augen

Es gibt da einen Löwen, der begleitet mich schon ziemlich lange. Einen mit zotteliger Mähne und platt geliebtem Körper, der nicht nur mich, sondern auch meine Schwester getragen hat. Er hat schon viel mitgemacht, Ängste kommen und gehen sehen und sich dabei immer als Beschützer bewährt. Besonders nachts. Man könnte ihn deshalb auch als Nachtlöwen bezeichnen.

Als ich bei Urachhaus das Bilderbuch „Magnus und der Nachlöwe“ entdeckt habe, wusste ich, dass die Geschichte bei Emma einziehen muss. Denn natürlich ist der Löwe längst zu ihr übergegangen, hat den Platz auf ihrem Kuschelteppich eingenommen und erneut seine Stellung als Beschützer bezogen. Und wenn mal ein böser Traum um die Ecke kommt, dann ist er direkt zur Stelle. Genau wie der Nachtlöwe, den Magnus von seiner Oma geschenkt bekommt, als er in seinen Träumen von einem Räuber gejagt wird. Die Nacht erobern sie von da an zusammen. Auf dem Rücken von seinem Löwen fühlt sich Magnus stark. Er ist dann der Allermutigste und kein Räuber der Welt kann ihm noch etwas anhaben.

„Sag Mama, wir haben den Räuber weggejagt. Ihr könnte jetzt schlafen gehen.“

Dieses Bilderbuch vermag so viel. Denn Sanne Dufft gibt darin nicht nur Magnus, sondern auch den kleinen Lesern einen tierischen Freund an die Hand. Einen, der sie nachts beschützen und Löwenkräfte in ihnen heranwachsen lassen kann. Der Nachtlöwe schenkt ihnen Mut, Kraft und Stärke, bestärkt sie darin, sich ihren Ängsten zu stellen. Und so blicken wir schon bald auf einen mutigen Magnus, der mit seinem neuen Freund seine Angst vor dem Räuber überwinden und ein so starkes Selbstbewusstsein aufbauen kann, dass er fortan nicht nur wild, verwegen und furchterregend den nächtlichen Wald unsicher macht, sondern auch zum Beschützer seiner Eltern wird. Es erfüllt ihn sichtlich mit Stolz, diese Aufgabe ganz alleine zu meistern. Und so zeigt Dufft, dass es manchmal nur einer kleinen Geste bedarf, um Kinder zu einer selbständigen Persönlichkeit heranwachsen zu lassen.

Mit ihre lebendigen Bildern, die viele der Buchseiten komplett ausfüllen, sind Dufft nicht nur ganz reizende, sondern auch ganz stimmungsvolle Illustrationen gelungen, die die Emotionen von Magnus perfekt wiederspiegeln. Es kommt sowohl seine Angst vor dem Räuber, als auch sein Mut und seine Stärke, die er mit dem Nachtlöwen entwickeln kann, ganz wunderbar zum Ausdruck. Die zurückhaltenden, aber sehr ausdrucksstarken Zeilen stehen im perfekten Einklang zu den dominierenden Illustrationen. Durch sie vermittelt Dufft auch, dass ein so tierischer Freund wie Magnus‘ Nachtlöwe, Zuwendung und Pflege bedarf. Sie zeigt den Kindern damit, was Freundschaft ausmacht.

Es macht unglaublich viel Freude, mit Magnus und dem Nachtlöwen durch die Nacht zu reiten. Und mit jeder Seite werden auch Emma und ich ein wenig wilder, verwegener und furchterregender. Unser Löwe hört längst auf den Spitznamen „Nachtlöwe. Es freut mich so sehr, dass mit diesem Buch die Geschichte unseres Löwen für immer verewigt ist.

„Magnus hat einen Hut. Mit dem Hut ist er groß. Und er hat ein Schwert. Mit dem Schwer ist er stark. Jetzt hat er auch einen Löwen. Mit seinem Löwen ist Magnus der Allermutigste. Besonders, wenn es dunkel ist.“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Hat dir das Buch gefallen?

Oh ja. Ich mag es total gerne.

Worum geht’s im Buch:

Um meinen Nachtlöwen

 

 

 

Lieblingsstelle im Buch:

Als Magnus mit dem Löwen durch die Nacht reitet

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

 

Was macht der Nachtlöwe, wenn er mit Magnus durch die Nacht reitet?

„Roarrr!“

(er brüllt gaaanz laut)

Wird zu:

einer Eroberin der Nacht

 

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Urachhaus als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

 

 

Kinderfreuden #41: Wenn Wörter die Welt bedeuten

„Die große Wörterfabrik“ – Valeria Docampo, Agnès de Lestrade

Es gibt ein Land, in dem Menschen fast gar nicht reden. Es ist das Land der großen Wörterfabrik. In diesem sonderbaren Land muss man die Wörter kaufen und sie schlucken, um sie aussprechen zu können. Sprechen ist ein teures Gut. Und während die Reichen mit Wörtern um sich schmeißen, setzen die restlichen Menschen die Wörter mit Bedacht ein. Manchmal lassen sich auch im Mülleimer Wörter aufspüren oder mit dem Schmetterlingsnetz in der Luft einfangen.

Auch Paul hat drei Wörter in seinem Netz gefangen. Er hebt sie für Maries Geburtstag auf. Mit ihnen möchte er ihr zum Ausdruck bringen, wofür eigentlich ganz viele Wörter von Nöten wären.

Ob ihn Marie trotzdem versteht?

Eckdaten

 

Gebunden, ab 3 Jahren

40 Seiten
24 x 25 cm
ISBN: 978-3-939435-26-6

Illustration: Valeria Docampo
Autorin: Agnès de Lestrade
Übersetzt von: Anna Taube

Mixtvision
14,90 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Die Bilderbücher des Erfolgsduos Agnès de Lestrade und Valeria Docampo habe ich schon lange im Visier. Als ihr erstes gemeinsames Werk aus dem Mixtvision Verlag, „Die große Wörterfabrik“, endlich auch bei uns einziehen durfte, war die Freude dementsprechend groß. Nicht nur bei mir, sondern wunderbarer Weise auch bei meiner Räubertochter. Denn Emma schloss das Bilderbuch direkt ins Herz, hat es innerhalb weniger Tage zu ihrem Liebling auserkoren. Und so haften schon nach kurzer Zeit Lebensspuren zahlreicher Lektüren auf dem Papier, stehen für die Liebe, die für dieses Buch herangewachsen ist.

Mit dem Buch fand nicht nur ein besonderer Bilderbuchschatz, sondern auch eine erste App auf unserem Tablet Einzug. Es ist die erste digitale Erfahrung, die Emma und ich gemeinsam sammeln. Denn bei Erhalt des Buchs erinnerte ich mich an die gleichnamige App zum Buch zurück, die ich schon mit meinem Neffen Joschua erobert habe. Und das spricht bereits Bände, denn er ist mittlerweile 8 Jahre alt, was heißt, dass es das Buch schon recht lange geben muss. Um genau zu sein 10 Jahre. Am 1. Juni 2020 feiert es bereits sein zehnjähriges Bestehen! Ihr werdet daher nicht nur das Buch, sondern vereinzelt auch die App auf den Fotos entdecken, die mir mit einem besonderen Mehrwert begegnet ist.

Es ist ein besonderes Land, in das wir in diesem Bilderbuch reisen. Es ist das Land der großen Wörterfabrik. Hier wird nicht viel gesprochen. Doch die Stille in diesem Land ist nicht der Schweigsamkeit der Menschen, sondern vielmehr den Wörtern geschuldet, die man käuflich erwerben und schlucken muss, um sie aussprechen zu können. Sprechen ist teuer. Manchmal lassen sich ein paar wenige Wörter im Mülleimer oder im Sonderangebot ergattern, manchmal auch mit dem Schmetterlingsnetz in der Luft einfangen. Doch einzig und allein die Wörter, die manchmal der Wind mit sich trägt, sind wirklich brauchbar. Auch Paul konnte drei Wörter mit seinem Netz einfangen. Es sind die Wörter Kirsche, Staub und Stuhl, die er sich für einen ganz besonderen Menschen aufheben will.

Marie heißt die Angebetete. Morgen ist ihr Geburtstag, und Paul möchte ihr mit den ergatterten Wörtern seine Liebe zum Ausdruck bringen. Denn für viel mehr Wörter reicht das Geld in seiner Spardose nicht aus. Doch als er im Treppenhaus auf seinen schlimmsten Feind trifft, rutscht ihm das Herz in die Hose. Denn Oskar ist reich. Er kann mit Wörtern um sich schmeißen und ist sich deshalb auch sicher, dass er das Herz von Marie gewinnen und sie eines Tages heiraten wird. Doch da hat er sich mächtig geschnitten! Denn Marie ist von Oskars Reichtum gar nicht beeindruckt, sondern hat nur Augen für den eingeschüchterten Paul, dessen Wörter sie sanft umschmeicheln und sich den Weg in ihr Herz bahnen können. Sie hat selbst keine Wörter zur Verfügung, um Paul ihre Zuwendung auszudrücken und so bedient sie sich einem sanften Kuss, den sie Paul zum Dank auf die Wange legt.

Ob es nun dem Buch selbst oder der begleitenden App zuzuschreiben ist, dass sich Emma die drei Wörter, die Paul in seinem Netz eingefangen hat, so schnell verinnerlichen und zur richtigen Stelle abrufen konnte, kann ich gar nicht sagen. Fakt ist aber, dass die App eine ganz wunderbare Bereicherung zum Buch ist. Denn durch sie gesellt sich nicht nur Klang, sondern auch Interaktion zur Geschichte. Auf sehr behutsame und kindgerechte Weise werden die Kleinen zum Mitwirken eingeladen. Sie können Wörter zuordnen und benennen lassen, Maries Kleid kirschrot färben und Pauls Wörter auf den Weg zu Marie schicken. Und so können die kleinen Leser*innen die Geschichte mit allen Sinnen erfassen. Es ist eine der wenigen Apps, die ich Emma mit gutem Gewissen erobern lassen und allen Eltern vorbehaltlos ans Herz legen kann. Neben der Möglichkeit, die Geschichte interaktiv zu erobern, kann man sie alternativ auch als Film abspielen lassen. Das schenkt Eltern gerade in Zeiten von Covid-19 ein paar wertvolle Minuten für sich und bietet Kindern eine gute und pädagogisch wertvolle Unterhaltung.

Die Geschichte um die große Wörterfabrik ist Dank Valeria Docampos stimmungsvollen und großflächigen Illustrationen nicht nur besonders schön anzusehen, sondern auch inhaltlich besonders wertvoll. Denn im Zusammenspiel mit den poetischen Zeilen der Belgierin Agnès de Lestrade, die von Anna Taube ins Deutsche übersetzt wurden, wird den Kleinen hier etwas sehr Wertvolles vermittelt. Nämlich dass auch kleine Dinge ganz Großes bewirken können. Hier sind es drei Wörter, die Paul und Marie die Welt bedeuten. Es ist der emotionale Wert, der ihnen anhaftet, und sie für die beiden so wertvoll macht. Diese Botschaft lässt auch uns Erwachsene darüber nachdenken, wie unbedacht wir oft Wörter in die Freiheit entlassen und welche Sorgfältigkeit wir beim Sprechen eigentlich an den Tag legen sollen. Darüber hinaus lernen die Kleinen hier auch, dass man manche Dinge nicht kaufen kann. Und deshalb ist es auch nicht Oskar, sondern Paul, der Maries Herz im Sturm erobert.

Ich hoffe, dass dieses wundervolle Bilderbuch noch zahlreiche große und kleine Leser für sich gewinnen kann. Dass es ihre Fantasie beflügelt und ihnen den Wert der Sprache und den wahrer Liebe aufzeigt. Es ist bereits heute sicher, dass es nicht unser einziges Werk von Docampo und de Lèstrade bleiben wird. Denn es hat sich uns bereits der Zugang zu einem Garten voller Pusteblumen offenbart. Und dem können wir kleine Pusteblumenfans uns einfach nicht verwehren…

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Hat dir das Buch gefallen?

Oh ja. Es ist gerade mein Lieblingsbuch.

Worum geht’s im Buch:

Um Wörter, ganz viele Wörter!

 

 

Lieblingsstelle im Buch:

Als Paul Marie seine drei Wörter schenkt

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

 

 

Wie dankt Marie Paul?

„Sie gibt ihm einen Knutschi!“

Wird zu:

einer Liebhaberin der Worte

 

 

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Mixtvision als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Kinderfreuden #40: Weil Freunde unersetzbar sind

„Der kleine Bär und das Meer“ – Tom Percival

„Sofias Bär war alt, etwas zerzaust und wurde heiß geliebt.“

Sie sind die besten Freunde: Sofia und ihr Teddybär. Jeden Tag erobern sie das Leben gemeinsam. Der Bär ist Sofias Ein und Alles, ein vererbtes Kuscheltier ihrer verstorbenen Mama. Als sie ihn an einem gewittrigen Sommertag am Meer verliert, ist sie todunglücklich. Sein Verlust wiegt schwer. Wie soll sie fortan nur ohne ihn auskommen?

Doch das Meer ist aufmerksam und hat alles genau beobachtet. Es will alles dafür tun, dass die Freunde wieder zusammenfinden. Dafür braucht es allerdings ein bisschen Zeit. Mehr, als es gedacht hätte…

Eckdaten

 

Hardcover, ab 4 Jahren

32 Seiten
28,3 x 25 cm
ISBN: 978-3-7432-0443-0

Illustration: Tom Percival
Übersetzt von: Nadine Mannchen

Loewe Verlag
13,95 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Es war Liebe auf den ersten Blick, als ich „Der kleine Bär und das Meer“ im Buchladen erspäht habe. Schon beim Anblick des Covers wusste ich, dass hier etwas ganz Besonderes auf mich wartet. Und ich wurde nicht enttäuscht. Denn was hinter dem Buchdeckel auf einen wartet, sind nicht nur Illustrationen von besonderem Zauber, sondern auch eine magische Geschichte.

Geschichten über Freundschaft gibt es wahrlich viele. Was aber passieren kann, wenn beste Freunde voneinander getrennt werden, erzählt diese hier. Tom Percival macht in seinem Bilderbuch das Meer nicht nur zur wunderbar stimmungsvollen Kulisse, sondern auch zum tatkräftigen Unterstützer. Als sich Sofia und ihr Bär bei einem Sommergewitter am Meer verlieren, beschließt es nämlich, die beiden wieder zusammenzubringen.

Doch das Unterfangen gestaltet sich schwierig und so muss der Bär sich erst auf eine lange, abenteuerliche Reise begeben, ehe er sich wieder in die Arme seiner Freundin schmiegen darf. Mithilfe von wunderbar atmosphärischen Bildern dürfen die Kleinen den Bären bei seiner Reise zurück zu Sofia begleiten, sich mit ihm durch die faszinierende Unterwasserwelt, durch tosende Wellen und durch Seen und Flüsse auf dem Land begeben. Das Wasser bleibt dabei immer ein fester Bestandteil in den Illustrationen. So wird das Meer die leitende Kraft, es fügt auf magische Weise zusammen, was voneinander getrennt wurde.

„Immer wieder fand das Meer einen Weg, den Bären durchs Wasser zu geleiten.“

Und so ist es nicht nur die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die hier erzählt wird, sondern auch eine von Verlust. Von den Gefühlen, die einen übermannen, wenn einem das Liebste genommen wird und von der Trauer, die Sofia durchlebt, als sie ihren Bären einfach nicht wiederfinden kann. Der Vater versucht alles, um den verloren gegangenen Bären zu ersetzen. Erfolglos! Denn die neuen Bären tragen keine Erinnerungen an ihre Mutter in sich, sind in Sofias Augen völlig wertlos. Und so lernen schon die Kleinsten, dass manche Dinge unersetzbar sind und von unschätzbarem Wert für uns werden können. In Sofias Fall wiegt Teddys Verlust schwer. Denn das Mädchen musste sich bereits früh von ihrer Mama verabschieden. Der Bär ist ein vererbter Wegbegleiter, den die Mutter bereits von ihrem Papa geerbt und an ihre Tochter weitergegeben hat. Alles was Sofia nun von ihr bleibt, ist ein Foto in einem Medaillon.

Aber „was lange währt, wird endlich gut“. Und so gelingt es dem Meer, Sofia und ihren Bären nach langer langer Zeit wieder zu vereinen. Es ist Sofias Enkelin, die den Bären eines Tages aus einem Bach fischt und der mittlerweile zur Großmutter gealterten Frau bringt. Doch auch das hohe Alter, das Sofia am Tag ihres Wiedersehens bereits erreicht hat, kann die Wiedersehensfreude mit ihrem Bären nicht trüben! Denn beste Freunde gehören eben zusammen – egal in welchem Alter!

Durch das harmonische Zusammenspiel von Tom Percivals eindrücklichen Illustrationen, die einem wie eine Mischung aus Aquarellmalerei und moderner Drucktechnik begegnen, und den gefühlvollen Zeilen von Nadine Mannchen ist hier ein wunderbar stimmiges Bilderbuch über Freundschaft, Verlust und die kleinen Wunder des Lebens entstanden. Und vielleicht tröstet es sogar den ein anderen über ein verloren gegangenes Kuscheltier hinweg. Denn wer weiß – vielleicht findet es eines Tages wieder den Weg zurück…

„Nichts ist je wirklich verloren, solange man es im Herzen behält.“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Hat dir das Buch gefallen?

Ja

Reaktion als der Bär aus der Tasche fiel:

„Oh nein!“

 

 

Lieblingsstelle im Buch:

Als Bär und Sofia wieder vereint sind

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

 

Wie groß ist Sofias Wiedersehensfreude?

„Soooo groß!“

Wird zu:

einer besten Freundin

 

 

 

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch ist selbst gekauft.]

 

Kinderfreuden #39: Meine Freundin, die Angst

„Ich und meine Angst“ – Francesca Sanna

„Ich habe immer schon ein Geheimnis gehabt: eine winzige Freundin namens Angst.“

Es ist ein kleines Mädchen, das uns ihr allergrößtes Geheimnis anvertraut. Denn seit es in dieses neue Land gekommen ist, kann sie ihre winzige Freundin nicht mehr kontrollieren. Die Angst wächst und wächst und macht es ihr nahezu unmöglich, Anschluss zu finden. Das stimmt sie traurig und einsam. Bis sie eines Tages auf einen Jungen trifft, der sich hinter etwas Kleinem und Seltsamem versteckt, das genauso ausschaut, wie ihre Freundin. Und plötzlich erkennt sie, dass sie mit ihrer Angst gar nicht so alleine ist, wie sie immer dachte.

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

40 Seiten
23 x 26 cm
ISBN: 978-3-314-10471-8

Illustration: Francesca Sanna
Übersetzt von: Thomas Bodmer

NordSüd Verlag
16,00 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Francesca Sanna hat mich bereits mit ihrem Bilderbuchdebüt „Die Flucht“ unendlich berührt, in dem sie eine Flüchtlingsfamilie in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt. Das Werk, das Bilder einer Familie auf der Flucht zeigt, hat mich auf Anhieb fasziniert. Denn was die Sardin Sanna mit ihren Illustrationen zu transportieren vermag, sind Gefühle. Während ihr erstes Werk mit einem ungewissen Ende, vielen Verlusten und Ängsten einhergeht und thematisch noch viel zu anspruchsvoll für meine Räubertochter ist, habe ich mich nun mit ihr gemeinsam an Sannas Nachfolger „Ich und meine Angst“ gewagt, selbst wenn die Altersempfehlung noch weit über ihrem Alter liegt.

Warum? Nun, in erster Linie begegnen uns Sannas Illustrationen sehr behutsam und zugänglich. Die Sardin versteht es bestens, gefühlvolle und ausdrucksstarke Bildern zu zeichnen. So ist für dieses Bilderbuch in erster Linie gar kein begleitender Text von Nöten, weil man bereits mit den Bildern bestimmte Situationen und Gefühle assoziieren kann. Wenn man in das vorliegende Buch also ohne Berücksichtigung des begleitenden Textes und des thematischem Hintergrundes abtaucht, begegnet einem ein Mädchen mit einer kleinen Freundin namens Angst. Und Angst ist das, was wir alle kennen und selbst Emma schon mit ihren 2,5 Jahren zuordnen kann. Dass die kleine weiße Freundin symbolisch für die Angst des Mädchens steht, kann sie sicherlich noch nicht erfassen, sehr wohl aber die Momente der Angst, die ihr im Buch begegnen: als die beiden eingeschüchtert vor bellenden Hunden stehen oder der Finsternis unter dem Bett ins Auge blicken. Und auch als die Angst von Seite zu Seite wächst, spürt Emma, dass sich das Mädchen unbehaglich fühlt und sich nicht wirklich frei entfalten kann.

Und obwohl die Freundin größtenteils für Unbehaglichkeit sorgt und das Mädchen in seinen Möglichkeiten einschränkt, versieht Sanna die beiden mit einer innigen Vertrautheit, die sich in gemeinsamen Abenteuern oder in einer Umarmung ausdrückt. Das ist mir persönlich sehr positiv aufgefallen. Denn es vermittelt den Kleinen, dass Angst nicht immer nur negativer Natur ist. Denn vor einer gewissen Vorsicht oder Angst sollten wir wohl alle begleitet sein. Wichtig ist nur, dass die Angst nicht von uns Besitz ergreift. Und so lässt Sanna ihr kleines Mädchen eines Tages auf einen kleinen Jungen treffen, der sich hinter seiner kleinen Freundin Angst versteckt. Und das Mädchen, das bis dato gedacht hat, dass es mit seiner Angst ganz alleine ist, bemerkt, dass irgendwie alle Menschen eine Freundin namens Angst haben. Und plötzlich wird ihre Angst Tag für Tag ein bisschen kleiner und das Mädchen Tag für Tag ein bisschen mutiger und selbständiger.

„Seit wir in dieses neue Land gekommen sind, ist die Angst nicht mehr so klein.“

Und nun kommt der begleitende Text ins Spiel. Spätestens nach diesem Satz werden größere Kinder etwas besser verstehen, dass es sich bei dem Mädchen um ein Migranten-Mädchen handelt, das in unser Land eingewandert ist. Dass das Mädchen in unserem Land möglicherweise auf Ablehnung und Vorurteile stößt, und deswegen von einer stetig wachsenden Angst umgeben ist. Ihnen gibt Sanna ein verständnisvollen und weltoffenen Umgang an die Hand, die sie anderen Menschen ohne Vorurteile begegnen lässt. Es wäre daher nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen zu wünschen, dass sie sich durch die Geschichte ein bisschen mehr für dieses wichtige Thema sensibilisieren lassen, wir offen und nicht engstirnig auf die Welt blicken und jeden Menschen, egal welcher Herkunft er ist, als vollwertig und lebenswert ansehen.

Sanna ist mit „Ich und meine Angst“ eine sehr einfühlsame Geschichte gelungen. Ihren Illustrationen, die hier in wunderbar harmonischen Pastelltönen daherkommen, haftet ein besonderer Zauber an. Sie transportieren so unglaublich viel Gefühl, dass die Lektüre zu einem ausgesprochen intensiven Leseerlebnis wird. Ende März ist bereits ein neues Bilderbuch namens „Meine Freundin Erde“ bei NordSüd erschienen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Gefällt dir das Buch?

Ja!

Was hat dir besonders gefallen?

Dass sich das Mädchen und die Angst auch mal umarmen

Lieblingsstelle im Buch:

Wie das Mädchen und die Angst durch den Regen laufen

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

Wozu lädt das Buch ein?

mit anderen Kindern zu spielen

Wird zu:

einer Freundin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom NordSüd Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

De Welt geiht ünner!

„Mittagssstunde – Dörte Hansen“

Penguin Verlag, Hardcover, erschienen am 15. Oktober 2018, Preis 22,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. Es vertrösten auf die guten Tage, wenn der Himmel steinfrei war, windstille Tage, manchmal gab es das. (…) Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem geliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“

Zitat, Seite

Es ist sage und schreibe schon 1,5 Jahre her, dass ich Dörte Hansen im Carl-Orff-Saal im Rahmen der Münchner Bücherschau 2018 bei einer Lesung zu ihrem Roman „Mittagsstunde“ erleben durfte. Der Abend, der sich als bayerisch-plattes Unterfangen aus Moderator Thomas Grasberger und Autorin Dörte Hansen herausstellte, war großartig. Denn es hat auf der Bühne ordentlich Funken gesprüht, als Nord auf Süd, Oberland auf Bayern traf und uns geradewegs nach Brinkebüll, dem Ort des Geschehens, entführte, der, wie Grasberger feststellte, in bayerischen Ohren wohl eher nach Bullerbü klingt.

Die Lesung war Ende November und zu diesem Zeitpunkt stand ich mit meiner Lektüre noch am Anfang des Romans, die sich weit ins darauffolgende Jahr erstrecken sollte. Denn ich genoss Hansens Zeilen so sehr, dass ich mich nicht von ihnen verabschieden wollte, sie Stück für Stück in die Länge zog. Nach der Lesung im Carl-Orff-Saal hat mich der wunderbare Klang von Hansens Stimme bei meiner weiteren Lektüre begleitet, sie zu einem sehr authentischen Lesevergnügen gemacht. Plötzlich nahm die Geschichte so rasant an Fahrt auf, dass mir ganz schwindelig wurde. Denn gerade die plattdeutschen Elemente, von denen es hier reichlich gibt, prasselten förmlich auf mich nieder. Dass die Nordfriesen schnell reden können, wusste ich bereits aus meiner Zeit in Hamburg, nach dem Abend im Gasteig war diese Tatsache aber so sicher wie das Amen in der Kirche. Und deshalb habe ich meine Entscheidung, das Buch nicht schon vor der Lesung komplett beendet zu haben, nie bereut.

„Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.“

Zitat von Thomas Grasberger

Die Geschichte von Ingwer Feddersen, der in sein Heimatdorf Brinkebüll zurückkehrt und nichts mehr so vorfindet, wie es mal war, mag einem anfangs recht unspektakulär erscheinen, spätestens aber wenn man mit Ingwer auf die schrulligen Dörfler und ihren hinterwäldlerischen Angewohnheiten und Ansichten trifft, hat Hansen dich am Schopf gepackt und mit aller Wucht in das Geschehen geschleudert, das dem ihres Heimatorts Husum sicher ganz nahe kommt. Auch Ingwer, der Brinkebüll für sein Studium hinter sich gelassen hat, findet deshalb nicht auf Anhieb zurück. Seinem Großvater Sönke nähert er sich nur langsam. Er scheint ihm noch immer nicht verziehen zu haben, dass er damals in die große weite Welt (nach Kiel) hinauszog und den Familienbetrieb, den Gasthof Brinkebüll hinter sich ließ. Nun blickt Ingwer, mittlerweile Archäologe und Hochschullehrer, einem verstaubten Manifest alter Tage, dem Tanzsaal der Gastwirtschaft, wo man früher das Tanzbein geschwungen und den neuesten Dorftratsch untereinander ausgetauscht hat und einem gealterten Großvater in die Augen.

„Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. Zwei oder drei, die in sich selbst verknotet waren (…) Halfbackte, wunderliche Menschen, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas.“

Zitat, Seite 35/36

Und dann wäre da noch Marret Feddersen, Ingwers Mutter, die eigentlich nie Mutter sein wollte und ihren bizarren Eigenarten nachhängt. Sie ist verschroben, eine Art Dorfverrückte, die überall Zeichen für den Untergang der Welt sieht. Sie ist der Ansicht, dass auch dem Dorf der Untergang bevorstünde, und irgendwie trifft sie es damit genau beim Wort. Denn dem nordfriesischen Geestdorf stehen große Veränderungen bevor: eine große Flurbereinigung, der Einzug modernster Technik, die Umstruktierung der Landwirtschaft und ein neuer Lehrplan (der keine Heimatkunde und Gewalteinwirkung mehr vorsieht) leiten eine neue Ära ein. Eine, mit der nicht alle Dörfler umgehen können.

Schon in Hansens Vorgängerroman „Altes Land“ fühlte ich mich damals auf Anhieb wohl. Und so verwunderte es mich nicht, dass mich auch ihr zweiter Roman, der ein Familien- und Heimatroman mit gesellschaftskritischen Zügen zugleich ist, in seinen Bann zog. Ich genoss sie schon sehr, die Zeit mit Ingwer Feddersen und all den verschrobenen Dörflern aus Brinkebüll. Hansens ehrliche und unaufgeregte Zeilen über das Leben tun einfach der Seele gut. Sie sind ungeschönt, wirken zu keiner Zeit kitschig oder aufgesetzt. Die sprachliche Raffinesse ihrer Zeilen beeindruckt, das Platt unterhält in höchstem Maße.

In der Mittagsstunde oder auch „Siesta des Nordens“ spielt sich im kargen aber scheinbar grenzenlosen Nordfriesland einiges ab. Das beweist Hansen mit ihren Zeilen auf’s Vortrefflichste. Und wenn man es genau nimmt, könnten ihre Figuren auch genauso gut aus unserem Nachbarort stammen. Denn so ein leicht verschrobener Charakter haftet wohl irgendwie allen Dorfbewohnern an.

„Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte schon jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes. Das Schweigen war wie eine zweite Muttersprache, man lernte es, wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagen durfte und was nicht.“

Zitat, Seite 166

#baybuch: Wenn ein Riese plötzlich ganz klein wird

„Der vergessliche Riese – David Wagner“

Es ist Demenz, die Davids Vater im Alter ereilt und den einst so selbständigen Mann plötzlich hilflos und pflegebedürftig macht. Die Erinnerungen entgleiten ihm, Vergangenheit und Gegenwart sind für ihn oft nicht mehr auseinander zu halten. Und so sehen sich seine Kinder gezwungen, ihren alternden Riesen in einem Pflegeheim unterzubringen, ehe er nicht mehr zu seinem wirklichen Leben zurückfindet.

„Oft komme ich mir vor, als wäre ich aus einem Buch gefallen und könnte nicht zurück. Ich bin plötzlich in einer ganz anderen Geschichte und weiß nicht, was ich da soll.“

Die Rezension zum vorliegenden Werk mag für kurze Zeit in Vergessenheit geraten sein, nicht aber die Beschreibungsintensität, mit der mich David Wagners Roman empfing. Dass „Der vergessliche Riese“ den Bayerischen Buchpreis 2019 im Bereich „Belletristik“ verdient hat, darüber war sich nicht nur die Fachjury, sondern auch die drei Buchpreisblogger (ich war einer davon) im letzten Jahr einig. Und deshalb heimste Wagner auch nicht nur den begehrten Porzellanlöwen, sondern auch all meine Sympathien ein.

Das autobiografische Werk, in dem Wagner über die fortschreitende Demenz seines Vaters berichtet, begegnet einem auf so ruhige und zugleich ausdrucksstarke Weise, wie ich es an Romanen besonders mag. Ich fühle mich in leisen Zeilen voller Intensität und Zärtlichkeit wohl, brauche kein Tamm-tamm, durchaus aber echte Gefühle, die mit dem Lesen zu Tage treten. Und deshalb war ich bei Wagner auch gut aufgehoben. Denn der Autor versteht es vortrefflichst, sich mit seinen Zeilen unter die Haut zu schreiben. 

„Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.“

Es ist der Vater, für David einst ein zu erklimmender Riese, der sich langsam aber sicher wieder zum Kind entwickelt. Seine Demenz vollzieht sich schleichend, macht sich aber schon bald durch die stetige Wiederholung sich immer gleichender Fragen und einer fehlenden Zuordenbarkeit deutlich bemerkbar. Selbst der Name seines Sohns scheint dem Vater entfallen zu sein, der ihn fortan nur noch „Freund“ nennt. Dadurch wächst zwischen Vater und Sohn eine besondere Bindung, sie scheinen sich plötzlich näher als jemals zuvor. Und so wird David zum Gedächtnisverwalter seines Vaters, nahezu unbeirrt hilft er ihm auf die Sprünge. Die Loyalität, Geduld und Zuneigung, die er ihm die ganze Zeit über zuteil werden lässt, ist nicht nur sehr berührend, sondern auch beachtlich.  

Während dem Lesen rufen sich mir Momentaufnahmen ins Bewusstsein, die der Geschichte ganz nahe kommt. Ich sehe dabei einer Frau mit ähnlichem Krankheitsbild in die Augen. Es ist meine Oma, die mich als eine der Letzten noch wirklich erkannt und meinen Papa nur noch als Jungen wahrgenommen hat. Die Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr auseinanderhalten und das Zittern ihres Körpers nicht unterdrücken konnte. Sie erkrankte nicht nur an Alzheimer, sondern auch an Parkinson und begegnete ihrem Leben leider weitaus weniger gefestigt und willensstark als Davids Vater, weswegen ich weiß, wie herausfordernd der Umgang mit Erkrankten sein kann. Diese Geschichte bringt mich ihrem Schicksal noch einmal ganz nahe und gibt mir dabei etwas Tröstliches mit auf den Weg. 

Es ist erstaunlich, dass die Geschichte, die in erster Linie den Verlauf des erkrankten Vater einfängt, über all die Zeit so leichtfüßig bleibt. Den dominierenden Gesprächen zwischen Vater und Sohn, die sich zu einem großen Teil „on the road“ aufhalten, hört man gerne zu. Oft haftet ihnen sogar etwas Tragikomisches an, was für ein Lesevergnügen ohne Beklemmung sorgt, selbst wenn man hin und wieder ordentlich schlucken muss. Wagner dramatisiert nicht, er bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Anstatt sich im traurigen Schicksal seines Vaters zu verlieren, ruft er lieber unbeschwerte Alltagsszenen der Familie in Erinnerung, die in wechselnden familiären Konstellationen (durch zwei verschiedene Ehen) und an unterschiedlichen Wohnorten stattfanden. Auch Davids Geschwister spielen eine tragende Rolle in der Geschichte. Und so präsentiert sich der für den Vater als Ausflug getarnte Umzug ins Pflegeheim als ein gelungenes Zusammenspiel der ganzen Familie.

Es mag kein leichtes Schicksal sein, wenn einem in den letzten Lebenstagen die Erinnerungen langsam aber sicher entgleiten. Doch Wagner hat dafür gesorgt, dass seinem Vater bis zum Schluss etwas Starkes und Lebensfrohes anhaftet. Es ist sein Charme und seine unbeirrte Lebensfreude, die ihn als unvergesslichen Riesen in die Geschichte eingehen lässt. 

„Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund. Selbst die Dinge, von denen du dir einbildest, sie gehören dir, sind nur geliehen. Du verlierst alles wieder. […] Die Zeit […] holt sich alles wieder zurück. Eines Tages wird sie auch dich zurückholen, dein eigenes Leben hast du nämlich auch nur geliehen. Eines Tages musst du es zurückgeben.“

Kinderfreuden #38: Die Welt aus Kinderaugen

„Als ich noch ein Kind war“ – Andy Stanton & David Litchfield

„“Als ich noch ein Kind war“, erzählte die Großmutter, „war die Welt ein einziges Blütenmeer.“ Eiscreme-Schmetterlinge schwebten rings umher.“

Emilys Großmutter sehnt sich in ihre Kindheit zurück. Denn die Welt, die ihr heute so grau und trostlos erscheint, begegnete ihr damals noch bunt und magisch. Doch Emily weiß, dass die Magie nicht wirklich verschwunden ist, sondern man nur genau hinsehen muss, um sie zu entdecken. Und so nimmt sie ihre Oma mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise durch eine Welt, die an Zauber nicht verloren hat.

Eckdaten

 

Hardcover, ab 3 Jahren

32 Seiten
24 x 30 cm
ISBN: 978-3-7616-3325-0

Illustration: David Litchfield
Text: Andy Stanton

J.P.Bachem Verlag
14,95 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Ich kann mich noch gut an die Gespräche mit meiner Oma erinnern, die den Spruch „Früher war alles besser.“ förmlich gelebt hat. Die Trostlosigkeit, mit der sie die heutige Welt oft verband, ist auch Emilys Oma vertraut, weshalb ich mich auf Anhieb in der Konstellation aus Großmutter und Enkeltochter in diesem Bilderbuch wiedergefunden habe.

„Ach, ich wünschte, du hättest die Welt gekannt, so wie ich, hell und glitzernd, wie ein Diamant.“

Dass der Blickwinkel entscheidend ist, das zeigen Andy Stanton und David Litchfield in ihrem gemeinsamen Bilderbuch „Als ich noch ein Kind war“ auf wunderbarste Weise. Denn sie lassen uns die Welt aus Kinderaugen sehen, uns mit Elefanten und Eiscreme-Schmetterlingen durch die Luft fliegen, die Hochzeit von Erde und Sonne betanzen und die Treppe bis hinauf zu den Sternen nehmen. Es ist die Fantasie der Kinder, die keine Grenzen kennt; ihr unvoreingenommener Blick auf die Welt und ihre bewundernswerte Fähigkeit, in den kleinsten und unscheinbarsten Dingen etwas Wunderbares zu sehen. 

„Komm, lass uns gemeinsam die Wunder entdecken, die in allem und jedem Ding der Welt stecken.“

Und so reisen wir in diesem farbenfrohen Bilderbuch mit den Kindern nicht nur durch die magische Welt der Großmutter, die im Schwelgen ihrer Erinnerungen selbst wieder zum Kind wird, sondern auch mit Emily zu ganz wunderbar magischen Orten der heutigen Zeit. Sie sind der Oma nicht fremd. Es ist nur ihr Blick auf die Dinge, der mit der Zeit rationaler geworden ist; die Augen für das Wunderbare, die sie zwischenzeitlich verschlossen hat.

Doch Emily lässt sich nicht beirren. Sie weiß, dass die Welt nicht ihre Magie verloren hat. Die Orte, die sie ihrer Oma zeigt, haben an Faszination und Zauber nichts eingebüßt. Es ist nur der Blick, mit denen man sie betrachten muss. Und so gibt Emily ihrer Großmutter langsam aber sicher wieder die Augen für das Wunderbare zurück und plötzlich erkennt auch sie die Lebendigkeit und Magie, von der sie die ganze Zeit umgeben war: die bunten Regentropfen, die vom Himmel fallen, die tickenden Blumenuhren, die mit der Sonne um die Wette strahlen und die flinken Fischpferdchen, die an ihren Füßen vorbei schwimmen.

Dass den Illustrationen von David Litchfield ein besonderer Zauber innewohnt, weiß ich seit dem Bilderbuch „Der Bär am Klavier“. Schon damals waren mein Neffe und ich von den liebevollen und magischen Bildern fasziniert, die uns die Geschichte eines Bären, der sein Talent fürs Klavierspielen entdeckt, erzählten. Und auch in „Als ich noch ein Kind war“ begeistert Litchfield mit zauberhaften Illustrationen, die sich mit besonderer Intensität und Strahlkraft präsentieren. Mit Stantons begleitenden Zeilen in Reimform entsteht hier eine wunderbare Bilderbuch-Hommage an die Kindheit. Es scheint, als wollen sie uns gemeinsam in Erinnerung rufen, dass der Zauber der Kindheit nicht fort ist, sondern wir nur lernen müssen, die Welt wieder aus Kinderaugen zu sehen. Und so ist das Bilderbuch nicht nur eine wahre Bereicherung für kleine, sondern auch für große Augen. 

„Die Magie unserer Welt macht vor niemandem halt, ganz gleich ob du jung bist, oder alt.“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Gefällt dir das Buch?

Ja, sehr!

Was hat dir besonders gefallen?

Dass Menschen und Elefanten fliegen können

 

 

Lieblingsstelle im Buch:

Die Hochzeit von Sonne und Erde, die Luftballons, die den Himmel erobern

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

 

 

Worauf macht das Buch Lust?

die Welt zu entdecken

Springt in:

die Parade tanzender Menschen

 

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom J.P. Bachem Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]