Wenn das Leben es gut mit dir meint

Es wird ein besonderer Abend werden, da sind sich Arndt von der literarischen Sternwarte Astrolibrium und ich bereits sicher, als wir den unter Blättern versteckten Schriftzug „Maria Passagne“ des kleinen Club Privé in Haidhausen am Montagabend entdecken. Durch den schmalen Eingang der Bar können wir bereits ein rötlich schimmerndes Spirituosenregal erspähen. Gedämmtes Licht empfängt uns, als wir eintreten und urplötzlich in eine andere Welt versetzt werden.

Wir sind eingeladen, zur Livestreamlesung von Alex Capus dsc_0218-01.jpegneuem Roman „Das Leben ist gut“. Für die Lesung des Schweizer Autors hat sich Lovelybooks dieses Mal außerhalb seiner eigenen Räumlichkeiten umgesehen und mit dem Carl Hanser Verlag eine besonders schöne Location gewählt. Denn das Innere der kleinen Münchner Bar, die an ein privates Wohnzimmer der 50er Jahre erinnert, präsentiert sich mit einem exotischen Allerlei aus Flohmarktnippes und kleinen intimen Sitzgelegenheiten. Die perfekte Location für ein Date, unsere erste Begegnung mit Alex Capus.


Alex Capus: „Besuchsweise gefällt’s mir überall. (…) Ich mag nur die Städte nicht, die sich selber so hübsch finden.“

Kurz nach seinem Erscheinen erfüllt Capus den Raum mit seinem unverwechselbaren Charme. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er wirft lockere Sprüche in den Raum und begrüßt uns voller Herzlichkeit. Frei von jeglicher Arroganz, natürlich und unbekümmert nimmt Capus am Nachbartisch Platz. Die Luft ist von knisternder Spannung erfüllt, als die letzten Minuten vor der Übertragung laufen und sich Aila von Lovelybooks und Capus ins rechte Licht rücken.

Nahezu ohne Hilfestellung des Buches, begleitet von spielerischer Leichtigkeit und schweizerischem Dialekt, liest uns Capus aus seinem Roman vor, der vom Leben des Barbesitzers Max, seiner Frau Tina und der „unübersichtlichen“ Anzahl an Söhnen erzählt. Es entfaltet sich ein interessantes Spiel aus Fiktion und Realität. Alltäglichkeiten, wie wir sie alle kennen und die sich dennoch höchst charmant präsentieren.

Alex Capus: „Es steht Roman vorne drauf, also ist auch Roman drin.“

Es ist eine Geschichte, die Spiegelungen von Capus Leben enthält, der selbst im schweizerischen Olten eine kleine Bar (Bar Galicia) besitzt und dort montags hinterm Tresen steht. Doch der Autor betont, es sei nicht seine, sondern die Geschichte von Protagonist Max. Er sehe dem Helden lediglich ähnlich.

Während die Schweizer Presse sein neuestes Werk sehr gut angenommen hat und, vernimmt man seit ein paar Tagen in den sozialen Netzwerken Unruhen unter Lesern und Bloggern. Capus Werk sei diskriminierend, er konfrontiere die Leser mit einem bestimmten Frauenbild. Außerdem sei die Geschichte langweilig und verlöre sich in nichtssagenden Alltäglichkeiten.

Alex Capus: „Frauen unter 40 machen mit Angst, die haben so gewalttätige Gefühle.“

Ich muss gestehen, dass ich das Werk bis dato lediglich angelesen und noch nicht vollständig gelesen habe. Vielleicht hat mir aber gerade diese literarische Jungfräulichkeit ermöglicht, vorbehaltslos den Textstellen und Anekdoten Capus‘ zu lauschen, die sich mir keineswegs frauenfeindlich oder langweilig, sondern vielmehr bewusst überspitzt und höchst charmant präsentiert haben.

Was in Capus Roman durchblitzt, ist eine tiefempfundene Liebe zu der Ehefrau und zum Leben. Dass so ein 25-jähriges Eheleben auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit mit sich bringt, scheint mir legitim, weswegen ich es dem Protagonist Max nachsehen kann, dass er sich bei Touren um den Block von Unmut und in sich schlummernden Schimpftiraden für seine Frau befreit. Es ist die Geschäftsreise seiner Frau die Max ihre fehlende Präsenz und seine tiefe Liebe zu ihr und der gemeinsamen Familie bewusst macht. Tapfer nimmt er sich seinem Baralltag an, empfängt tagsüber strandende Freunde, bringt Altglas vom Vortag weg, repariert Mobiliar und bringt verstecktes Fischgrätenparkett zum Vorschein, bis die Bar in den Abendstunden seine Türen öffnet.

„Der Capus klaut Türen.“

Doch der Abend offenbart uns nicht nur eine Reihe ausgewählter Textstellen aus dem Roman, sondern auch zahlreiche Anekdoten aus Capus‘ Leben, der nachts heimlich Türen für das Nachbarschaftshaus klaut, die Schicksalshaftigkeit eines Wirbelsturmes namens Lotar kennenlernt und mit seinem Freund Vincenzo über die Funktionalität einer Ampel philosophiert. Darüber hinaus widmet sich Capus den Fragen die während der Lesung von den Lovelybooks Nutzern eintrudeln. Die Fiktion, auf die Capus während seiner Lesung wiederholt hinweist, trifft den Schriftsteller während des gesamten Abends frontal. Irgendwie scheint es das Leben mit Alex Capus recht gut zu meinen, oder Alex Capus mit dem Leben.

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Mein Dank für diesen wundervollen Abend gilt dem Team von Lovelybooks, dem Carl Hanser Verlag und Bloggerkollegen Arndt für die charmante Begleitung. Und da vier Augen immer mehr sehen und vier Ohren immer mehr hören als zwei, gibt’s hier noch Arndts Impressionen obendrauf. Den Stream von Lovelybooks könnt ihr euch hier jederzeit noch einmal ansehen.

Alex Capus: „In einer Bar trifft man die Menschen nicht immer in ihren besten Momenten an.“

Schicksal auf Rollen

lesenslust über „Riviera Express“ von Gaëlle Josse

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Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

❤❤❤❤

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Kinderfreuden #14: The lion insight

lesenslust über “Der Löwe in dir” von Rachel Bright & Jim Field

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 Beschreibung:

In der rauen Wildnis, inmitten einer Herde von großen Steppenbewohnern, kann man als Maus schon einmal untergehen. Davon kann die Maus, die so winzig klein ist, dass sie keiner bemerkt, ein Lied singen. Ständig wird sie übersehen, getreten und gequetscht. Was für ein unglaublich trauriges Mäuseleben sie doch hat.

Doch eines Tages hat die Maus es satt, übersehen zu werden. Sie will lernen, so laut und stark zu sein wie der Löwe, der stolz und erhaben auf seinem Fels thront. Voller Mut und Entschlossenheit begibt sie sich auf den Weg zum brüllenden Oberhaupt und macht schon bald eine interessante Entdeckung: wahre Größe kommt von innen.

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Eckdaten

Hardcover

Ab 3 Jahren

32 Seiten 245mm x 305mm

ISBN: 978-3-7348-2021-2

Magellan Verlag 13,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

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Blickwinkel aus groSSen Augen

Seit der Magellan Verlag 2014 in See gestochen ist, sind die Kinderbuchregale meiner Patenkinder um zahlreiche Kinderbuchschätze gewachsen. Das „magellansche“ Verlagsteam, das im fränkischen Bamberg ansässig ist, beweist seit jeher eine besonders gelungene Zusammenstellung von Kinder- und Jugendbüchern. So auch beim Frühlingsprogramm diesen Jahres, in dem das gemeinsame Werk von Rachel Bright und Jim Field „Der Löwe in dir“ erschienen ist.

Jim Field, der schon zahlreiche Kinderbücher illustriert hat, bewies bereits in Werken wie „Cats Ahoy!“, „There’s a Lion in My Cornflakes“ oder „Oi Frog“ sein künstlerisches Geschick, weswegen es nicht verwundert, dass ihm auch die Illustrationen in „Der Löwe in dir“ (OT: The Lion Inside) bestens gelungen sind. Seine entzückenden Zeichnungen von Löwe, Maus und zahlreichen Steppenbewohnern präsentieren sich fantasievoller und lebendiger Natur. Durch die unterschiedlichsten Gelb- und Brauntöne offenbart sich den Kindern die sonst so driste Steppenlandschaft in all ihren Farben.

Rachel Bright begleitet die Geschichte mit ein paar wenigen Zeilen. Ihr Text schmiegt sich sehr harmonisch an Fields Illustrationen, die uns im Wechsel großformatig oder als kleine Ausschnitte begegnen. Durch groß abgedruckte Tierlaute macht sie Löwe und Maus lebendig. Hauptsächlich lebt die Geschichte aber von Fields  wunderbaren Illustrationen, die die Fantasie der Kinder schnell beflügelt.

picsart_06-17-03.32.28.jpgDie Moral der Geschichte liegt klar auf der Hand: weder Körpergröße noch Stimmpegel entscheiden über wahre Größe. Was im Leben zählt, sind vielmehr Persönlichkeit und Mut, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Dank dieser Eigenschaften wächst die kleine Maus über sich hinaus. Ihre anfängliche Unsicherheit und Angst dem Löwen gegenüber weicht einem gesunden Selbstbewusstsein und einer Stärke, die sie trotz ihrer kleinen Größe dem Löwen auf Augenhöhe begegnen lässt.

Schon bald ist die Wüste nicht mehr vom schrecklichen Gebrüll des Löwen, sondern vielmehr vom gemeinsamen Gelächter der Beiden erfüllt. Denn auch Klein & Groß kann sich wunderbar ergänzen.

„So fanden sie Beiden schließlich heraus: Jeder von uns ist mal Löwe, mal Maus.“

Fields Illustrationen haben mich tatsächlich ein bisschen an die Tiere des Animationsfilmes „Madagaskar“ erinnert. Vielleicht hat sich Field vom Film inspirieren lassen, vielleicht auch nicht. Die Ähnlichkeit tut dem Kinderbuch allerdings keinen Abbruch. Durch die kreative Anordnung von Text und Bild, präsentiert sich das Werk wunderbar rund und melodisch. Sowohl das Brüllen des Löwen, als auch das Quieken der Maus hallen der Geschichte noch lange nach.

❤❤❤❤❤

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Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? Der Löwe

Worum geht die Geschichte? Um eine mutige Maus

Wo steht das Buch im Regal?

Neben „Das Zebra, das zu schnell rannte“

Lesezeit: an sonnigen Tagen

Bester Leseplatz: im Grünen

Schlüpft in die Rolle von: einer Maus & einem Löwen

 

Ein Streifzug über die grüne Insel

lesenslust über „Irisches Tagebuch“ von Heinrich Böll“

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„Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“

Vorwort von Heinrich Böll

Am 23. September 1954 macht sich der 36-jährige Kölner Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (Nobelpreis für Literatur, 1972) auf den Weg nach Irland. Ein hochverschuldeter Hausbau und sein Erfolg machen ihn müde, weshalb er vom Alltagsstress fliehen und auf der grünen Insel Ruhe finden will.

Die Erlebnisse während seiner Reise hält er in Reiseberichten fest, die er anfangs für eine Zeitung schreibt, später aber in einem Buch zusammenfasst. Sein „Irisches Tagebuch“, das 1957 erscheint, löst einen wahren Touristenboom aus und lockt zahlreiche Deutsche auf die Insel Irland, die im Osten von der Irischen See, im Westen und Süden vom Atlantik umgeben ist.

Die kleine Republik, die so viel Bodenfläche wie Bayern, aber weitaus weniger Einwohner hat, gilt bis Mitte der 50er Jahre als eine der ärmsten Gegenden Westeuropas. Kartoffeln, Butter und Milch sind die wertvollsten Güter im Kampf ums Überleben. Ihre Menge bestimmt das Schicksal zahlreicher Iren. Viele Familien zerbrechen an der Lebensmittelknappheit, die es unmöglich macht, die Sprösslinge über Wasser zu halten.

Von 1845 – 49 wird Irland von der Kartoffelkrankheit und einer daraus resultierenden großen Hungersnot heimgesucht, die bis zu 1,5 Millionen Leute das Leben kostet. Der einzige Reichtum des Landes ist der Torf, der sicherstellt, dass das Feuer im Kamin weitertanzt und die Häuser mit einer wohligen Wärme erfüllt werden. An Whiskey, Tabak und Guinness, denen man sich heute an jeder Ecke Irlands hingibt, ist zu dieser Zeit kaum zu denken. Auch der Tee gilt in Irland lange Zeit als Luxusgut, weswegen es noch heute als unhöflich gilt, eine Einladung zu einer Tasse Tee abzulehnen.

„Gleicht der kontinentale Tee einem vergilbten Postscheckbrief, so gleicht er auf diesen Inseln westlich von Ostende den dunklen Tönen auf russischen Ikonen, durch die es golden durchschimmert, bevor die Milch ihm eine Farbe ähnlich der Hautfarbe eines überfütterten Säuglings verleiht; auf dem Kontinent serviert man den Tee dünn, aber aus kostbarem Porzellan, hier gießt man aus ramponierten Blechkannen gleichgültig ein Engelsgetränk zu des Fremden Labsal, und spotbillig dazu, in dicke Steinguttassen.“

Zitat, Seite 17

Dennoch ist das gläubige Land, das stark von der römisch-katholischen Kirche geprägt ist, offenbar ein Nährboden für bedeutende Schriftsteller. Neben James Joyce, der sich mit seinen Kurzgeschichten in „Dubliners“, vor allem aber mit seinem Roman „Ulysses“ einen Namen macht, zählen Oscar Wilde, Bram Stoker, Jonathan Swift oder auch George Bernard Shaw (Nobelpreis für Literatur, 1925) zu den bekanntesten irischen Autoren.

Es sind aber besonders Joyce Werke, insbesondere die Geschichte eines Juden im katholischen Dublin in „Ulysses“, die Böll so stark beeindrucken, dass er auf den Spuren vergangener Tage über die „Insel der Heiligen“, wie man sie dank der Bekehrung durch den heiligen St. Patrick bezeichnet, zieht.

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„Langsam stach die Morgensonne weiße Häuser aus dem Dunst heraus, ein Leuchtfeuer bellte rotweiß dem Schiff entgegen, langsam schnaufte der Dampfer in den Hafen von Dun Laoghaire. Möwen begrüßten ihn, die graue Silhouette von Dublin wurde sichtbar, verschwand wieder: Kirchen, Denkmäler, Docks, ein Gasometer: zögernde Rauchfahrten aus einigen Kaminen: Frühstückszeit, für wenige nur: noch schlief Irland.“

Zitat, Seite 15

Später mietet sich Böll ein Cottage auf Achill Island im Nordwesten Irlands, die neben der Hauptinsel als größte Insel Irlands zählt. Gemeinsam mit seiner Familie bezieht er das Cottage über 4 Jahre für jeweils 4 Monate. Irland wird für Böll zur zweiten Heimat. Insgesamt reist der Kölner 14 Mal auf die grüne Insel, wird deshalb von den Inselbewohnern zum „Ehren-Iren“ ernannt.

Obwohl Bölls „Irisches Tagebuch“ kein Reiseführer, sondern ein literarisches Werk ist, übt es aufgrund seiner atmosphärischen und unterhaltsamen Berichterstattung eine ungeheure Faszination aus. Es hat mir vortrefflich als Inspirationsquelle bei meiner diesjährigen Irland-Urlaubsplanung gedient. Bölls Berichterstattung entflammt nicht nur Fernweh, sondern versorgt dich auch mit interessanten Hintergrundinformationen, die mir persönlich bei meinem Streifzug über die Insel zu Nutze kamen.

Es ist ein Werk, das von Armut und der Macht der katholischen Kirche stark geprägt ist. Es begeistert und erschüttert in gleichem Maße und hilft dem Leser, die Hintergründe des Landes und die Gepflogenheiten seiner Inselbewohner besser zu verstehen. Mir ist unbegreiflich, dass es mir erst jetzt, fast 60 Jahre nach seiner Veröffentlichung, in die Hände rutscht. Fest steht nämlich, dass dieser Bücherkauf eine Bereicherung für mich und mein Bücherregal war. Sicherlich werde ich noch häufiger in Bölls Werk blättern, wenn die Sehnsucht nach der grünen Insel wieder einmal so groß ist, dass ich sie nur mit Bölls atmosphärischen Zeilen stillen kann.

„Dunkelheit hing über Dublin: alles, was es zwischen Schwarz und Weiß an grauen Tönen gibt, hatte sich am Himmel sein eigenes Wölkchen ausgesucht, der Himmel war bedeckt wie mit einem Gefieder unzähliger Graus: kein Streifen, kein Fetzchen vom irischen Grün.“

Zitat, Seite 21/22

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#1.1: How to explore „Ireland“ as a booklover: Dublin

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Hallo ihr Lieben,

lange genug habe ich hier mit Abwesenheit geglänzt. Grund dafür war eine ausführliche Recherche meines diesjährigen Urlaubsziels und die anschließend knapp zweiwöchige Erkundung der grünen Insel. Und da ein Buchliebhaber niemals auf Buchbegleitung verzichten kann, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Irland; das literarisch stark verwurzelt ist; aus Augen eines Bibliophilen zu erobern.

Gesagt, getan. Entstanden sind zahlreiche Fotos, Notizen und Momentaufnahmen, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Da alleine Dublin schon ungeheuer viel literarischen Stoff aufweist, habe ich mich entschieden, meine Eindrücke von Irland in zwei aufeinanderfolgenden Teilen zu veröffentlichen. Dieser erste Teil wird sich Dublin widmen, der zweite den restlichen Orten, die wir auf unserer Tour erkundet haben.

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“I wanted real adventures to happen to myself. But real adventures, I reflected, do not happen to people who remain at home: they must be sought abroad.”

James Joyce in “Dubliners”

Dublin

An der Ostküste der Insel Irland, direkt an der Mündung des Flusses Liffey in die Dublin Bay liegt die Hauptstadt der Republik Irland. Auf unserer Überfahrt von Holyhead aus steigt meine Vorfreude auf die grüne Insel ins Unermessliche. Auch wenn wir von Wolken und Wind begleitet sind, lassen wir es uns nicht nehmen in regelmäßigen Abständen das Deck unserer Fähre von Irish Ferries zu erobern, um die erste Silhouette von Dublin zu erspähen.

Schon seit Jahrhunderten streifen Dichter, Romanautoren und Träumer durch Dublins Straßen. Darunter sind schriftstellerische Größen wie James Joyce, Oscar Wilde, George Bernard Shaw, Simon Beckett, Jonathan Swift und Bram Stoker zu finden. Einige von ihnen sind spätere Literaturnobelpreisträger, wie z.B. George Bernard Shaw (Literatur 1925) oder Samuel Beckett (Literatur 1969). 1972 mischt sich sogar der Deutsche Heinrich Böll unter die Literaturnobelpreisträger der Insel, da er aufgrund der atmosphärischen Erzählungen in seinem „Irischen Tagebuch“ von den Inselbewohnern zum „Ehren-Ire“ ernannt wird.

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Dublin – der Ort der trinkenden Dichter und dichtenden Trinker

Das Denken und Schreiben macht durstig, weswegen die Herren es vorziehen in einem der ca. 850 Pubs in Dublin zu schreiben. Bei einem frischgezapften Guinness sprudeln die Ideen nur so vor sich hin und schon bald wird das blanke Papier von schwarzer Tinte getränkt.

Der Geist von Irlands berühmten literarischen Persönlichkeiten ist auch noch heute in der Stadt zu spüren. Sie ist von einer literarischen Duftnote erfüllt, die einem in Museen, Parks und Pubs um die Nase weht und Dublin deshalb zur „Unesco City of Literature“ macht.

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Ein Gedenktag zu Ehren Leopold Bloom – der Bloomsday

Joyce wohl bekanntestes Werk „Ulysses“ prägt noch heute die Stadt. Der Roman, der in Dublin spielt und von den Ereignissen eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904, berichtet, wird deshalb jährlich gefeiert. Am Bloomsday, der getreu der Ereignisse des Romans am 16. Juni stattfindet, wird Joyce und sein Romanheld Leopold Bloom von der ganzen Stadt zelebriert. Dublins Straßen sind von Fans, Freunden und Lesern des Romans erfüllt. Man sucht die „realen“ Orte des fiktiven Geschehens auf und lebt Joyce‘ Geschichte nach.

Leider sind wir einen Monat zu spät auf der Insel gestrandet, um das literarische Spektakel persönlich zu bestaunen. Dennoch lege ich literaturbegeisterten Inseleroberern den Bloomsday ans Herz. Wir entschieden uns stattdessen für eine literarische Rundtour durch die Stadt, die den Namen „Literary Pub Crawl“ trägt und zu den „Must-Sees“ der Stadt zählt.

Literary Pub Crawl
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„How to cross Dublin without passing any pubs? Go to all of them.”

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Wir treffen uns in einem kleinen Séparée des The Duke Pub in der Duke Street während eine Partymeute nebenan ausgelassen feiert. Trotz Geräuschkulisse gelingt es den Guides und Akteuren des Abends innerhalb kürzester Zeit eine angenehm wohlige Atmosphäre zu erzeugen. Mit einem frischgezapften Guinness bewaffnet, lauschen wir den Erzählungen aus James Joyce „Ulysses“ und folgen den schauspielerischen Einlagen der beiden Herren.

Wir reisen zurück in ein früheres Dublin, das von Hunger und Armut geprägt war und das Schicksal zahlreicher Iren bestimmt hat. Wir lernen die Besonderheiten der grünen Insel kennen, die erst spät in den Genuss von Whiskey und Guinness kam. Tee und Kartoffeln zählten lange als die wertvollsten Güter der Republik. Eine Einladung zu einer Tasse Tee sollte man daher auch noch heute nicht ablehnen, wenn man es sich mit den bescheidenen Inselbewohnern nicht verscherzen möchte.

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Unser anschließender Weg führt uns in den Innenhof des Trinity College Dublin, das einzige College der University of Dublin, dessen Gebäude zuvor als Augustinerkloster gedient hatten. Hier erfahren wir von Swift, Wilde, Joyce, Beckett und Stoker, allesamt frühere Studenten der Universität. Oscar Wilde soll das Studium der klassischen Literatur hier angeblich sogar so gelangweilt haben, dass er Jahre später nach Oxford umzog. Die Hauptattraktion des Geländes ist die Alte Bibliothek (Long Room) und die benachbarte Ausstellung Book of Kells. Wenig später verlassen wir das Gelände allerdings schon durch den Haupteingang der Universität, wo die Statuen von Edmund Burke und Oliver Goldsmith uns kritisch beäugen (weiter unten gibt’s mehr dazu).img_1310-01.jpeg

Im O’Neill`s Pub in der Suffolk Street im Herzen von Dublin gilt es mehrere Etagen und Räumlichkeiten im viktorianischen Stil zu erobern, die von prunkvollen Kronleuchtern und gedämmtem Licht erfüllt sind. Unser Bier genießen wir hier während wir die vielen Räume des Pubs (u.a. gibt’s hier auch einen spezielle Whiskey-Bar & einen Biergarten im Innenhof) durchwandern und wir in den letzten Minuten unserer Stippvisite den The Writer’s Room entdecken. Der Raum, der den schriftstellerischen Größen der Stadt gewidmet ist, beinhaltet daher auch eine literarische Bildergalerie, einige Bücher und bequeme Sitzecken.

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Nur wenige Schritte vom Pub entfernt in der Grafton Street, direkt vor der Saint Andrews Church, stoßen wir auf die Statue der drallbusigen Schönheit Molly Malone. Molly Malone, die auch unter dem Titel „Cockles and Mussels“ aus dem berühmten irischen Volkslied bekannt ist, wird unter den Dublinern auch scherzhaft als „Tart with the cart“ („Zuckerpuppe mit dem Karren“), „Dish with the fish“ („Scharfe Braut mit dem Fisch“) oder „Dolly with the trolley“ („die Puppe mit der Karre“) bezeichnet und zählt zu den Wahrzeichen der Stadt.

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Nach einer erneuten schauspielerischen Darbietung vor der Saint Andrews Church kehren wir in den Pub The Old Stand in der Exchequer Street ein. Der Pub, dessen Name wohl von einer ehemaligen Rugbybühne in der Landsdowne Road herführt, wird deshalb wohl vor allem zu den Spielen von Rugby-Fans besonders rege frequentiert. In dem kleinen aber gut besuchten Pub herrscht ein entspanntes Miteinander, weswegen es nicht lange auf sich warten lässt, bis wir uns in einem unbefangenen Gespräch mit einem enthusiastischen Iren wiederfinden.

Nachdem sich die schlauesten Pub Crawl – Teilnehmer bei einem anschließenden Quiz ein Pub Crawl T-Shirt oder einen Miniatur-Whiskey ergattern konnten, endet unsere literarische Entdeckungstour im Pub Davy Byrnes in der Duke Street. Hier fand sich früher schon James Joyce regelmäßig ein. Dank Joyce‘ Freundschaft zum früheren Inhaber Davy Byrne fand der Pub sogar Erwähnung in Joyce Werken „Dubliners“ und „Ulysses“.

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Davy Byrnes zu Zeiten Joyce, Quelle: http://www.davybyrnes.com/history/

“He entered Davy Byrnes. Moral pub. He doesn’t chat. Stands a drink now and then. But in a leap year once in four. Cashed a cheque for me once.

Davy Byrne came forward from the hindbar in tuckstitched shirt-sleeves, cleaning his lips with two wipes of his napkin. Herrings blush. Whose smile upon each feature plays with such and such replete. Too much fat on the parsnips.

And here’s himself and pepper on him, Nosey Flynn said. Can you give us a good one for the Gold Cup? I’m off that, Mr. Flynn, Davy Byrne answered. I never put anything on a horse.

You’re right there, Nosey Flynn said.

Mr Bloom ate his stripes of sandwich, fresh clean bread, with relish of disgust, pungent mustard, the feety savour of green cheese. Sips of his wine soothed his palate. Not logwood that. Tastes fuller this weather with the chill off.

Nice quiet bar. Nice piece of wood in that counter. Nicely planed. Like the way it curves.”

James Joyce in “Ulysses”

Der “Literary Pub Crawl” ist eine literarische Kneipentour der besonderen Art, die sich von den gängigen touristischen Stadtführungen sicherlich abhebt. Die zweistündige Tour durch Dublins Pubs und Straßen verbindet auf kreative Weise Literaturgeschichte mit lebendigem Straßentheater und geselligen Umtrünken. Es ist eine Tour für trinkfeste Literaturliebhaber (oder alle, die es noch werden wollen).Wirklich zu empfehlen!

Eine Stadt – 850 Pubs

Neben Joyce Lieblingspub Davy Byrne’s in der Duke Street, wird auch das Neary’s in der Chatham Street; der Liebling von Brendan Behan und Flann O’Brien; und das Toner’s in der Lower Baggott Street erwähnt, das Dichter W.B. Yeats manchmal aufsuchte.

Im Kennedy’s Pub in der der Westland Row fand sich regelmäßig Samuel Beckett ein, als er noch in der Clare Street um die Ecke wohnte. Er liegt auf dem direkten Weg zu Oscar Wilde’s Geburtshaus und seiner Statue „the fag on the crag“ um die Ecke.

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Im The Brazen Head, dem ältesten Pub Dublins, genossen wir einen typisch irischen Abend voller irischer Märchen, Musik und gutem Essen. Flann O’Brien mischte sich hier wohl gerne mit seinen Kommilitonen der University of Dublin unters Volk.

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„When I die Dublin will be written in my heart.“

James Joyce

Long Room and Books of Kelly, Trinity College

img_1228-01.jpegMein absolutes Dublin Highlight war jedoch die Alte Bibliothek (Long Room) des Trinity College. Der 1732 erbaute 64 Meter lange und 12 Meter breite holzgewölbte Long Room ist beeindruckend und lässt jedes Buchliebhaberherz höher schlagen.

Vor den Bücherregalen im oberen Stockwerk stehen wohl die Büsten der angesehensten Größen Irlands, im Stockwerk darunter u.a. die von Homer, Platon, Aristoteles, Shakespeare, Newton oder Doyle. Kein Wunder, warum ich die Büste von Joyce vergeblich gesucht habe, findet man sie doch sicherlich im Stockwerk darüber. Insgesamt beherbergt der Long Room 48 Marmorbüsten, einen Teil der 200.000 Bücher der Universitätsbibliothek und die älteste Harfe Irlands, die als Vorlage für Irlands Staatswappen und dem Guinness Logo diente.

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Das berühmteste Werk der Büchersammlung der Universitätsbibliothek ist das Book of Kells, eines der schönsten Exemplare mit Buchmalereien versehener mittelalterlicher Handschriften, das um 800 n. Chr. verfasst wurde. Zwei Seiten davon sind in einer Glasvitrine in der Bibliothek ausgestellt. Alle drei Monate wird mit Samthandschuhen eine Seite umgeblättert. Im Vorraum des Long Room kann der Besucher eine Ausstellung zu den Book of Kells bestaunen.

MUSEEN

Aufgrund unserer knappen Zeit haben wir uns die Museen der Stadt für einen späteren Besuch aufgehoben. Ich habe allerdings gehört, dass sich das Dublin Writers Museum in der Parnell Square lohnen soll. Das Haus ist wohl von der Pracht vergangener Tage erfüllt und beherbergt neben einer der illustren Ausstellung über die literarischen Traditionen & Schriftsteller, u.a. auch die Erstausgabe von Bram Stokers „Dracula“.

In der Nachbarschaft zeigt das James Joyce Centre in der North Great George’s Street wechselnde Ausstellungen über Joyce. Es gibt Führungen, Lesungen und eine Dauerausstellung über das Leben und die Werke von Joyce.

National Library of Ireland

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Die Irische Nationalbibliothek findet man in der Kildare Street im Herzen Dublins. Hier kann man das beeindruckende Treppenhaus mit literarischen Buntglasfenstern, wechselnde Ausstellungen und den Reading Room im ersten Stock ansehen. Zu den restlichen Räumlichkeiten der Bibliothek hat man wohl nur mit einem Bibliotheksausweis Zugang.

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Buchläden: Empfehlungen

Hodges Figgis – The Bookstore: 56-58 Dawson St, Dublin 2

Chapters Bookstore: Parnell Street, Dublin 1

Ulysses Rare Books: 10 Duke Street, Dublin 2

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 „Every life is in many days, day after day. We walk trhough ourselves, meeting robbers, ghosts, giants, old men, young men, wives, widows, brothers-in-love. But always meeting ourselves.“

James Joyce in „Ulysses“

Warum ich lese

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Was sich Sandro Abbate, Betreiber des Literaturblogs Novelero im Mai fragte, bewegte zahlreiche Leser. Seine persönliche Antwort Warum ich lese hat auch mich zum Nachdenken gebracht. Heute finde ich meine eigene Antwort.

Die Anfänge

Ich inhalierte schon damals Geschichten wie die Luft zum Atmen.

Dass auch die kleinsten Dinge Großes bewirken können, habe ich beim Lesen entdeckt. Es muss eines meiner ersten selbst gelesenen Bücher gewesen sein, in dem mir die kleinen Geschöpfe, besser bekannt als Buchstaben, so ungeheuer mächtig erschienen, dass es um mich geschehen war. Die Faszination um ihr magisches Miteinander, das nicht nur bedeutende Wörter und Sätze, sondern auch großartige Geschichten zu formen vermag, wuchs seitdem stetig.

Ich bin das Kind einer Astrid Lindgren – Geschichten liebenden Mutter und das Patenkind einer leidenschaftlichen Buchhändlerin. Lange bevor man das von beiden kontinuierlich gefütterte und mittlerweile bis zum Bersten gefüllte Bücherregal in meinem Zimmer vorfand, stillte ich meine Lust nach Geschichten in der heimatlichen Stadtbücherei. Ich stürzte mich mit Ronja Räubertochter ins Unterholz, rannte mit Momo um die Zeit und heckte mit Dolly neue Streiche aus. Mein Gebührenkonto stieg stetig. Nie erschien mir die geliehene Zeit mit den Büchern lange genug. Der Abschied von ihnen fiel mir so schwer, dass ich ihn ständig nach hinten verschob.

DAS HEUTE

„Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“ ~ Cicero

Auch heute sorgt der Anblick von bis zur Decke reichenden Bücherregalen oder einer neuen Eroberung in meinen Händen noch für heftiges Herzklopfen. Es bereitet mir Freude, über ein gedrucktes Buch zu streichen, den modrigen Duft eines Antiquariates einzuatmen und mich vom magischen Strudel einer Geschichte mitreißen zu lassen.

Bücher begleiten mich durch mein Leben, sind die wohl treuesten Wegbegleiter meines bisherigen Lebens. Ich kann und will nicht ohne sie sein. Ob unterwegs oder zuhause: ständig rangeln sie sich um den Platz in meinen Händen; winseln um Aufmerksamkeit, wenn die Frage nach dem nächsten Leseprojekt im Raum steht wie eine Aufforderung zum Tanz.

WARUM ICH LESE

Lesen ist wie Reisen mit unbekanntem Ziel.

Bücher entführen mich nicht nur in die entlegensten Winkel dieser Erde und auf spannende Abenteuerreisen, sondern vermitteln mir auch wertvolles Wissen. Sie sind facettenreich und randvoll von Schätzen: mit neuen Denkansätzen, unbekannten Blickwinkeln und lehrreichen Erfahrungen.  Sie schenken einem oft viel mehr, als man es anfangs vermutet. Es liegt in deinen Händen, wohin dich eure gemeinsame Reise führt.

Doch Lesen bedeutet auch die Seele baumeln lassen. Beim Lesen versinke ich in einer Geschichte, blende alles um mich herum aus, bis nur noch das Buch und ich existieren. Das Lesen hat auf mich eine sehr beruhigende Wirkung, wirkt nahezu schmerzlindernd, wenn der hektische Alltag mal wieder tief in den Knochen steckt.

Und darum lese ich.

Und wie steht’s mit dir?

„True love stories never have endings.“ ~ Richard Bach

Mrs. Hemingway

lesenslust über „Als Hemingway mich liebte“ von Naomi Wood

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„Write drunk; edit sober.“

Ernest Hemingway

Es waren vier Frauen, die das Leben von Ernest Hemingway primär bestimmten. Hadley, Fife, Mary und Marty. Neben zahlreichen Affären waren sie es, die den nach Leidenschaft, Alkohol und Erfolg dürstenden Schriftsteller ein Stück seines Weges begleiteten.

Während sich die Frauen dem Schriftsteller vollends hingaben, rauschte der exzentrische Womanizer ungeniert durchs Leben, durchlief berauschende Hochs und verzweifelte Tiefs. Was 1926 im südfranzösischen Antibes begann, wo Hemingway sich mit seiner ersten Frau Hadley und deren Freundin Fife zurückzog, findet 1961 sein jähes Ende.

Naomi Wood erschafft aus Briefen authentischer Quellen eine atmosphärische Geschichte um einen der wohl berühmtesten Schriftsteller, die von den Blickwinkeln der Frauen Hemingways und der Pariser Bohème bestimmt ist. Eine Geschichte, die sowohl leiser als auch herzergreifend tragischer Natur ist.

„Keiner sagte etwas. Ach ja, sie hat vergessen, dass Erfolg sich entweder mühelos einstellt oder gar nicht. Es muss stets spielerisch bleiben. Eine immerwährende Cocktailstunde. Als bestünde das Leben nur aus schmachtender Jugend oder ständigem Vergnügen. Harte Arbeit war nichts für Leute von ihrem Schlag.“

Zitat, Seite 87

Ernest Hemingway galt als einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Exzentriker, der mit seinem brausenden Temperament und seinen literarischen Werken die Pariser Bohème der 20er Jahre mitbestimmte, gilt auch heute noch als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die in Hemingways Wahlheimat Kuba spielt, hat ihm 1953 und 1954 nicht nur zu Pulitzer- und Literaturnobelpreis verholfen, sondern sorgt auch heute noch für die anhaltend verehrende Haltung der Kubaner, die ihm Museen, Literaturfestivals und Münzen widmen.

Doch in Naomi Woods „Als Hemingway mich liebte“ soll nicht Hemingway, sondern vielmehr seine vier Ehefrauen im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller nimmt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Roman tatsächlich nur eine Nebenrolle ein. Denn Wood widmet nicht ihm, sondern seinen Ehefrauen jeweils ein Kapitel des Romans. Sie präsentiert uns dadurch Hemingways Leben aus der Sicht wechselnder Perspektiven. Die Beziehungen, die dank Woods Kapitelzuordnung zwar jeweils einer Frau, aber nicht unbedingt einem Anfang bzw. Ende zuzuordnen sind, fließen dennoch schon bald ineinander über.

„Oben im Badezimmer teilen die Flügel des Spiegels ihr Gesicht. In diesen zweidimensional wirkenden Zwillingsbildern sieht sie aus wie ein Kind. Doch unendlich viele betrogene Frauen starren sie aus den tieftraurigen schwarzen Augen an. (…) Nesto. Sie will nichts außer ihren Ehemann. An der kalten Keramik des Waschbeckens stützt sie sich ab, als ließe sich das so in ihrem Kopf schwirrende Karussel zum Stillstand bringen: Fife, Martha, Hadley – die ganze Gruppe taumelt vorüber -, ein nicht endender Reigen aus Ehefrauen und Geliebten, mit fadenscheinigem Lächeln und teigigem Teint.“

Zitat, Seite 166/167

Der Weiberheld, der sich Zeit seines Lebens durchweg mehrgleisig vergnügte, scheint nicht nur besonders exzentrischer, sondern auch sehr leichtfertiger Natur gewesen zu sein. Das spiegelt sich zumindest im Umgang mit seinen Frauen wieder. Bereits im ersten Kapitel, als der Schriftsteller sich gemeinsam mit Ehefrau Hadley und seiner Geliebten Fife in der südfranzösischen Sonne rekelt, ist dies zu spüren. Hemingway nahm was sich ihm darbot. Er sah, nahm und liebte und schien nicht im Mindesten daran interessiert, wieviele Herzen er damit brach; geschweige denn, wie viel Verzweiflung und Wut er in den Frauen entflammte.

Trotz oder gerade wegen seines lange auf sich wartenden Erfolges als Schriftsteller verlor er sich zunehmend in Alkohol, Depressionen und unberechenbaren Wutausbrüchen. Der Selbstmord seines Vaters haftete an ihm wie eine klaffende Wunde, die niemals wirklich verheilte und die Persönlichkeit Hemingways entscheidend prägte. Diese markanten Ecken und Kanten Hemingways veranschaulicht Wood mithilfe einer sehr bildhaften und damit lebendigen Sprache, weswegen ich ihm in diesem Roman keine Sympathien zusprechen konnte. Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hemingways Ehefrauen sind Wood vortrefflich gelungen. Jede blickt auf die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller auf seine Weise zurück. Keine Ehefrau gleicht der anderen, und dennoch verbindet sie alle das Gleiche: ihre Leidenschaft. Sie lieben, verzweifeln und kämpfen. Die eine mehr, die andere weniger.

„Als Hemingway mich liebte“ ist eine ruhige, aber dennoch nicht minder faszinierende Reise durch Hemingways Leben. Wie Glieder eines Kettenkarussels schweben alle Figuren aneinander vorbei, scheinen Teil eines großen Ganzen und dennoch eigenständig zu sein. Woods Geschichte, die von der Faszination um den berühmten Schriftsteller, einer knisternder Atmosphäre und alkoholbeschwipster Luft erfüllt ist, hat mich nicht nur wegen Woods unaufdringlichen, lebendigen und emotionalen Beschreibungen, sondern auch als harmonisches Gesamtwerk überzeugt.

„Als sie sich wiedersahen, am Hafen von Boulogne-sur-Meer erklärte sie, sie werde den Rest ihres Lebens nicht mehr von seiner Seite weichen. Erst später wünschte sie sich, er hätte ihr dasselbe versprochen.“

Seite 144

Mein herzlicher Dank gilt Mareike von Herzpotential, die mir diesen Roman bei meinem Besuch in den Hamburger Verlagsräumen von Hoffmann und Campe mit auf den Weg gegeben hat.

Hier könnt ihr Maike & Mareikes Eindrücke zu Woods Roman einfangen…

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