Meine Leseperlen des Jahres 2020

„Die größte Illusion ist“, sagte der Maulwurf, dass das Leben perfekt sein muss.“

Aus „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ von Charlie Mackesy

Seit Wochen streife ich gedanklich durch das vergangene Jahr. Will resümieren, mich noch einmal an den Büchern erfreuen, die sich mir im letzten Jahr als Leseperlen offenbart haben, mir so treue und ergebene Begleiter waren. Ich will mich bei ihnen bedanken, behutsam über ihre Buchdeckel streichen, noch einmal in ihnen blättern und mich in den vielen Textstellen wiegen, die mich sanft umschließen wie trostspendende Arme. Doch meine Welt stand still. Das Schicksal traf mich mit voller Wucht, lies meinen Blick auf das Leben in einem Meer aus Tränen ertrinken, meine Glieder erstarren und meine Freude am Schreiben versiegen.

Heute, am elften Tag des neuen Jahres, schaffe ich es endlich mich ganz langsam aus der Schockstarre zu lösen und mich noch einmal den Büchern des vergangenen Jahres anzunehmen, die mir so lieb und teuer waren, dass ich sie euch unbedingt mit auf den Weg geben, und mich von ihnen stützen lassen möchte. In dieser für mich so schweren und ohnehin schon herausfordernden Zeit, wo nichts ist, wie es mal war. Die uns um unsere Freiheit und Normalität beraubt und die mich persönlich nun dazu zwingt, ein Kapitel meines Lebens hinter mir zu lassen, einen neuen Weg einzuschlagen und meine Wünsche neu zu definieren. Denn Bücher vermögen uns über schlechte Zeiten hinwegzuhelfen.

Es sind sechs Bücher, die mir nicht nur während der Lektüre wunderbar horizonterweiternd, befreiend und trostspendend begegneten, sondern auch im Nachgang noch einmal an Tiefe gewinnen. Es sind ihre Worte, die in mir nachhallen, mich Verlust spüren, Trauer und Wut durchlaufen und neuen Mut und neue Hoffnung fassen lassen. Nachfolgend möchte ich euch diese sechs Titel ans Herz legen.

Die Reihenfolge der Bücher ist völlig willkürlich und unterliegt keinem Ranking.

Mögen sie auch euch durch 2021 tragen und ganz viel Licht ins Dunkle bringen!

1. „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ – Charlie Mackesy

List Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Wie gut, dass Bücher dir über schwere Zeiten hinweghelfen können. Dass sie den Platz von Freunden einnehmen können, wenn Social Distancing angesagt ist und du nur dich selbst und deine engsten Vertrauten hast. Dich zuhause einschanzen musst. Nur selten vor die Tür darfst. Und klammheimlich die Bücher selbst zu Freunden werden. Zu wertvollen Wegbegleitern. Zu einem lebensnotwendigen Gut. Wenn es ein Buch gibt, das vor Liebe, Mitgefühl und Stärke strotzt und so viel Licht in diese düsteren Tage des letzten Jahres gebracht hat, dann war es dieses.

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2. „Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Was sich mir da zwischen den Buchseiten offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

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3. „Dankbarkeiten“ – Delphine de Vigan

Dumont Buchverlag, Hardcover, erschienen am 10. März 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Delphine de Vigans Roman mag unaufgeregter und leiser daherkommen als sein Vorgänger „Loyalitäten“. Er vermag uns aber auf sehr einfühlsame Art und Weise ins Bewusstsein zu rufen, dass es die Menschen sind, die uns zu dem machen was wir sind. Und dass wir ihnen dafür all unseren Dank aussprechen sollten. Und das nicht erst im hohen Alter!

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4. „Offene See“ – Benjamin Myers

Dumont Verlag, erschienen am 20. März 2020, Preis 20,00€ [D], hier geht’s zum Buch

Myers‘ Zeilen begegnen einem wie Offenbarungen. Seine Beschreibungen sind melodisch. Poetisch. Nachhallend. Er scheint für alles die richtigen Worte zu finden. Verleiht seinem Roman damit eine ungeheure Kraft und Lebendigkeit. Man wiegt sich nahezu in den atmosphärischen Zeilen, die die Umgebung erwachen und zu ihrer vollen Schönheit entfalten lassen. Und so umgibt dich während dem Lesen eine unglaubliche Unbeschwertheit und Ruhe. Sie lassen uns die Natur und die Landschaft Englands vollends in uns aufnehmen, ihre Schönheit mit allen Sinnen erfassen. Die Willkürlichkeit des Moments wird unser Navigator, lässt es zu, dass wir in in diesem Kleinod stranden.

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5. „Marianengraben“ – Jasmin Schreiber

Eichborn Verlag, Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es ist ein wirklich abgefahrener Roadtrip mit Paula, dem schrulligen alten Helmut und seiner Hündin Judy. Was im ersten Moment recht heiter klingt, birgt allerdings auch tieftraurige und emotional tiefgehende Momente in sich, die dich dem Abgrund und den Tränen ganz nahe bringen. Doch Jasmin Schreiber meistert, ähnlich wie Lucy Fricke in „Töchter“, den schmalen Grat zwischen Freud und Leid und führt ihre Leser dadurch ganz leichtfüßig durch die Themen Tod, Trauer und Depression.

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6. „Sommer ist trotzdem“- Espen Decko

Thienemann Verlag, ab 10 Jahren, erschienen am 14. Februar 2020, Preis 13,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es ist sicher einer der schönsten und emotionalsten Sommer, den ich mit einem Buch erleben durfte. Einer, in dem Freud und Leid nah beieinander liegen. Man dem Abgrund ganz nahe kommt. Und in dem einen das Wetter genauso launenhaft begegnet wie ein 11-jähriges Mädchen, das langsam aber sicher lernt, loszulassen. Und so ist eins gewiss: egal wie viele Tränen in diesem Sommer auch geflossen sind – Sommer ist trotzdem!

Dieses Buch hat mich mit seinem schönen Cover gelockt und schon nach wenigen Seiten für sich gewonnen, selbst wenn ich der Altersempfehlung schon lange entwachsen bin. Denn was mich darin empfing, waren Zeilen voller Tiefe und großer Emotionalität. Sie spülten mich direkt ans Meer, an das Haus der Großeltern eine Elfjährigen, dem alles so vertraut war und dennoch ganz anders begegnete als sonst.

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Wenn der Nordkopp in mir erwacht

„Norddeutsche Sagen und Märchen“

Schünemann Verlag, erschienen am 01. Oktober 2015, Preis 24,90 € [D], hier geht’s zum Buch

Wenn ich so auf das Jahr 2020 blicke, sehe ich nicht nur auf die ganzen Herausforderungen, die das Jahr mit sich brachte, sondern auch, wie die Zeit vergeht! Acht Jahre ist es nämlich schon her, dass ich meiner für fünf Jahre auserkorenen Wahlheimat Hamburg Lebewohl gesagt habe um wieder in den Süden zu ziehen. Es war mein Wunsch wieder näher an der Familie und an den Bergen zu sein. Den schwappenden Elbwellen, dem verwehten Haar, den kreischenden Möwen und der Duftmischung aus ofenwarmen Franzbrötchen und vermoderten Brackwasser hänge ich aber manchmal noch heute nach. Genau wie den guten Gesprächen mit den Norddeutschen, dem Schnack, wie der Hamburger so schön sagt, den gepflegten Pläuschen über Gott und die Welt, die sich manchmal auch einzig und allein ums Wetter drehten oder um die kunstvolle Aneinanderreihung von Schimpfwörtern wie Schietbüdel,  Dösbaddel und Trantüte.

Freilich waren die Unterhaltungen mit Hamburger Deerns in meinen fünf Jahren in der Hansestadt eine Seltenheit. Bei der großen Quote an Zugezogenen blieb es ausschließlich bei wenigen Begegnungen mit wahren Nordköppen, aber sie haben sich nachhaltig in meinem Gedächtnis verankert, bringen mich noch heute zum Schmunzeln.

Deshalb schlägt mein Herz auch noch heute ein bisschen für den Norden. Für Hamburg, meine Perle und für die See, das Meer, dem Element Wasser im Allgemeinen. In meinem Bücherregal sind nicht nur einige Bücher mit norddeutschem Bezug, nordischen Schauplätzen oder Meerescovern zu finden, sondern auch einige persönliche Mitbringsel von dort. Die Destination Norddeutschland übt nach wie vor eine große Faszination auf mich aus, weshalb sich auch dieser wunderbare Sammelband dazugesellen musste.  

Wer kennt ihn nicht, den Rattenfänger zu Hameln?!

Oft sind die Sagen und Märchen, die in ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus bekannt sind, aus Norddeutschland. Dass den Norden vielerorts nachgesagt wird, dass sie zurückhaltend und schweigsam sind, habe ich noch nie verstanden und schaut man sich die Vielzahl der Geschichten an, die in Norddeutschland beheimatet sind, passt das auch irgendwie nicht ganz zusammen. Von irgendwem müssen sie ja schließlich erzählt, irgendwie überliefert worden sein. Einige von ihnen habe ich schon vor meiner Zeit in Hamburg gekannt, andere wiederum erst in der Hansestadt selbst kennengelernt. Es sind die Bremer Stadtmusikanten, Till Eulenspiegel und der Ratenfänger zu Hameln, dessen Geschichten mir schon als Kind vertraut waren. Klaus Störtebeker, den Klabautermann und Nis Puk habe ich erst später kennengelernt. Letzteren sogar erst durch diesen wunderbaren Sammelband aus dem Schünemann Verlag, der 40 dieser ungewöhnlichen und zugleich schönen Geschichten vereint. Dank ihm kann ich künftig von Zuhause aus nach Herzenslust durch den Norden streifen und eine Prise Nordwind erhaschen. 

Die Geschichte des Seeräubers Klaus Störtebeker lernte ich in Hamburg kennen

Obwohl man Norddeutschland in erster Linie mit der Seefahrt verbindet, lassen sich hier auch eine Reihe an Zwergen und Fabelwesen aufspüren. Nis Puik zum Beispiel. Er ist ein Hausgeist, der in finsteren, verborgenen Winkeln sein Zelt aufschlägt, sei es in dunklen Kellern, unter Treppen oder unter den Balken von Dächern. Man bekommt ihn aber eigentlich kaum zu Gesicht, weil er verschwindet, wenn man ihm zu nahekommt. Doch Frühaufsteher und Spätzünder mögen seine Gestalt schon kurz vernommen haben, wie er auf dem Hahnenbalken sitzt oder zwischen dem Vieh schleswigscher Höfe umherstreift. Er ist einer der elf Wesen, auf deren Geschichten man unter dem Titel „Von Zwergen & Fabelwesen“ stößt. Daneben gibt es noch weitere unter dem Titel „Von Schätzen, Räubern & Piraten“, „Von Geistern & Gespenstern“ und „Von Tieren & Menschen“.

Der fliegende Holländer ist unter „Von Geistern & Gespenstern“ zu finden

Die Illustrationen in diesem Sammelband kommen nicht nur ausgesprochen schön, sondern auch wunderbar fantastisch daher. Die Aquarellmalereien von Illustratorin Julia Beutling dürfen Leser*innen nicht nur auf dem Cover, sondern auch während dem Lesen genießen. Die zahlreichen Illustrationen untermalen die Geschichten von „Norddeutsche Sagen und Märchen“ ganz wunderbar, verleihen ihnen die nötige Mystik und Stimmung, fügen Text und Bild zu einem wunderbar harmonischen Gesamtbild zueinander, dass jede Lektüre zu einem wahrhaftigen Erlebnis macht.

Und so sei dieser hochwertige in Halbleinen gebundene Sammelband eben jenen Leser*innen ans Herz gelegt, die Norddeutschland genauso sehr lieben wie ich oder mit Vorliebe durch die vielen Märchen und Sagen stöbern, die uns der Norden zu bieten hat. Sicher macht sich das Buch auch gut im Regal von Sammlern besonderer Bücherperlen oder norddeutschen Familien, die ihren Kindern ein paar regionale Geschichten an die Hand geben möchten. Ich für meinen Teil freue ich mich auf jeden Fall schon sehr darauf, mit meiner Räubertochter eines Tages durch die norddeutschen Sagen und Märchen zu reisen. Bis dahin tauche ich einfach noch ganz alleine in die Geschichten ab!

Die berauschende Illustration zu „Der Knurrhahn“

Grandpa Christmas – ein Beitrag im Rahmen der Aktion #vorleseadvent + Giveaway

„Mein Weihnachtswunsch für dich – Michael Morpurgo, Jim Field

Jedes Jahr an Weihnachten holt Mia gemeinsam mit dem Christbaumschmuck ihr altes Tagebuch unter der Treppe hervor. Es ist Tradition, dass es unter dem Weihnachtsbaum versteckt wird, auch wenn längst jeder in der Familie weiß, dass es dort liegt. Auch dass es einen ganz besonderen Schatz bewahrt, wissen alle. Denn in ihm liegt ein Brief von Mias Opa, den er seiner Enkeltochter geschrieben hat, als sie noch ganz klein war. Es sind seine Wünsche nach einer besseren Welt, die Mia jedes Jahr nach der Bescherung vorliest und damit auch an ihre Kinder weitergibt.

Und so wird die Botschaft ihres Opas zu einem bedeutenden Moment ihres Weihnachtsfestes. Durch seine Zeilen wirkt es fast so, als wenn er noch immer mitten unter ihnen weilt. Und so ist Mias Opa zum Weihnachtsopa avanciert.

Liebste kleine Mia, zu Weihnachten bekommst du von mir in diesem Jahr keine Weihnachtskarte […] und auch kein Geschenk […], sondern einen Brief. Einen Brief von deinem Opa.“

Ein Weihnachtswunsch für alle

Michael Morpurgo und Jim Field bringen dieses Jahr den Weihnachtsopa nach Deutschland. Das Bilderbuch, das im Original bereits 2018 unter dem Titel „Grandpa Christmas“ erschienen ist, darf nun endlich auch deutsche Leser*innen verzaubern. Ich habe die Erscheinung der deutschen Übersetzung lange herbeigesehnt und freue mich nun gleich doppelt, dass das Bilderbuch mit dem Naturkind-Label bei Loewe erscheint, einer Reihe, die ihren Fokus auf eine nachhaltige Produktion legt und Werte an Familien vermittelt, die bewusst leben und lesen. Mit jedem Naturkind-Buch werden regionale Projekte im Bereich Klima- und Umweltschutz unterstützt. Die Botschaft wird daher nicht nur mit der Geschichte, sondern auch durch das Buch selbst an die Leser*innen herangetragen. Es war mir daher eine Herzensangelegenheit, es euch heute vorzustellen. 

Jim Fields Illustrationen sind mir schon seit vielen Jahren vertraut. Er hat bereits zahlreiche Bilderbücher illustriert, u.a. zwei meiner Lieblingsbücher „Der Löwe in dir“ und „Kleiner Wolf in weiter Welt“. Wer seine Illustrationen kennt, weiß, dass ihnen immer eine ganz besonderer Zauber innewohnt und sie in der Regel gar keinen begleitenden Text benötigen. Die detailreichen großflächigen Bilder hat er auch diesem Bilderbuch geschenkt, weshalb sich für größeren Leser*innen schon anhand seiner ausdrucksstarken Illustrationen erahnen lässt, welche Botschaft hier den Kindern vermittelt werden soll.

Es ist der Brief von Mias Opa, seine Wünsche nach einer besseren Welt für Mia, die durch Fields Illustrationen Farbe und Form annehmen. Mit lebendigen und farbenfrohen Bildern vermittelt er, wie zerbrechlich unser Planet und seine Lebewesen ist. Dass wir Menschen es sind, die unsere Meere mit Müll und unsere Luft mit Abgasen verschmutzen. Dass es unsere Gier nach Wohlstand und unsere Bequemlichkeit ist, die die Erde zerstört, das Polareis zum Schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen lässt. Dass wir nicht nur unsere Erde, sondern auch einander lieben lernen müssen. Wir acht- und sparsam agieren müssen. Und wir und unsere Kinder nur ohne Krieg, ohne Müll und ohne Verschwendung in Frieden miteinander leben, saubere Luft atmen und klares Wasser trinken können.

„Ich wünsche dir, dass nie wieder jemand einen Baum fällt, ohne drei neue an seiner Stelle zu pflanzen.“

Michael Morpurgo hat die Wünsche von Mias Opa in behutsame kindgerechte Zeilen verpackt, die Susan Niessen ins Deutsche übersetzt hat. Kinder mit der empfohlenen Altersempfehlung von 3 Jahren werden sie inhaltlich sicher nicht immer vollends erfassen, mit ein bisschen Anleitung ihrer Eltern aber sicher gut verstehen können. Durch das Vorlesen bleiben die Wünsche des Großvaters nicht einzig und allein an seine Enkeltochter Mia gerichtet, sondern auch an jede/n kleine/n Leser*in dieses Buchs.

Und obwohl der Fokus des Bilderbuchs auf den Wünschen nach einer besseren Welt liegt, haben Field und Morpurgo eine wunderbaren Weg gefunden, die gemeinsamen Momente des Glücks, der Ausgelassenheit und Ruhe aus dem Leben von Enkeltochter und Opa mit einfließen zu lassen. Viele ihrer gemeinsamen Momente im (Gemüse)Garten, im Dickicht einer Wiese und am Meer kommen nicht nur in den Zeilen von Mias Opa zur Sprache, sondern werden auch durch die Bilder von Field wieder lebendig. Es ist eine Reise durch  die Marmeladenglasmomente von Mia und ihrem Opa.

Wenn es ein Weihnachtsbuch gibt, das ich euch dieses Jahr ans Herz legen möchte, dann ist es dieses. Ich wünsche mir, dass diese wundervolle, unglaublich wertvolle Bilderbuchperle unter zahlreichen Christbäumen liegen und die Herzen so viele Kinder wie möglich erobern wird! Grandpa Christmas for everyone!

„Das Meer, liebe kleine Mia, an dessen Stränden wir so oft in den Sommerferien gespielt haben, erinnerst du dich?“

Eckdaten

Hardcover mit Spotlack, ab 3  Jahren

48 Seiten
27 x 27 cm
ISBN: 978-3-7432-0878-0

Illustration: Jim Field
Autor: Michael Morpurgo

Aus dem Englischen übersetzt von Susan Niessen 

Naturkind, Loewe Verlag
15,00 € [D]

Finde hier zur Verlagsseite…

Eine Verlosung im Rahmen des Vorleseadvents

Heute öffnet sich bei mir das zweite Türchen im Rahmen der Aktion #vorleseadvent von Steffie alias @kleinerleser, weshalb ich ein Exemplar von „Mein Weihnachtswunsch für dich“ an euch verlosen möchte.

Und da ich sowohl  hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, in den Lostopf zu springen.

Für ein Los auf dem Blog würde ich euch bitten, mir heute bis 23:59 Uhr euren allergrößten Herzenswunsch für euer/eure Kind/er in einem Kommentar zu verraten, den ihr ihm/ihnen an Weihnachten mit auf den Weg geben möchtet.

Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post  auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird. 

Viel Glück und eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

Eure Steffi

[Werbung: Rezensions- und Verlosungsexemplar sind selbst gekauft, die Empfehlung und Verlosung dieses Bilderbuches ist eine Herzensangelegenheit.]

Mit Wichten durch den Tausendwald

„Winkel, Wankel, Weihnachtswichte!“ – Andrea Schomburg

Hummelburg Verlag, erschienen am 18. August 2020, Preis 12,99 € [D], hier geht’s zum Buch

Endlich durfte die erste Kerze am Adventskranz entzündet und die stade Zeit (bayer. für stille Zeit, Advents- und Weihnachtszeit) eingeläutet werden. Sie ist für mich seit jeher die schönste Zeit des Jahres. Sie schenkt uns nicht nur Zeit zum Innehalten, sondern auch zum Genießen. Und so werde ich in diesem Jahr mit meiner Räubertochter nicht nur fleißig Plätzchen backen, Weihnachtslieder trällern und Weihnachtslichter bestaunen, die die Straßen und Häuser in ein leuchtendes Lichtermeer verwandelt, sondern mit ihr auch in Geschichten eintauchen.

Denn Vorlesen gehört für mich zu Weihnachten dazu, wie für andere das Christkind/der Weihnachtsmann.

Während man im Einzelhandel förmlich mit Adventskalendern überschwemmt wird, findet man im Buchhandel ein paar gelungene Alternativen in Geschichtenform. Auch uns hat so ein buchiger Adventskalender erreicht und ein wunderbar wichteliger noch dazu! Da wir große Fans von Wichteln, Trollen und Gnomen sind, ist die Vorfreude entsprechend groß. Heute möchte ich euch unseren Adventskalender namens „Winkel, Wankel, Weihnachtswichte!“ aus dem Hummelburg Verlag, einem Imprint von Ravensburger, als Last-Minute-Empfehlung an die Hand geben.

„Unter einer dichten Fichte schlafen sieben Weihnachtswichte!“

Sicherlich lässt sich das Buch auch noch auf den letzten Drücker in gut sortierten Buchläden  finden oder alternativ online bestellen. Zur Not taucht ihr erst ein paar Tage später in die Geschichten um die wilden Weihnachtswichte ein, die sich in 24 Kapiteln auf den Weg in den geheimnisumwitternden Tausendwald machen, um eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Denn für sie gilt, den Weihnachtsschalter auf Weihnachten umzustellen, damit unser beliebtes Weihnachtsfest überhaupt stattfinden kann. 

„Schau! Die wilden Weihnachtswichte

in der Höhle bei der Fichte

recken sich und wachen auf

mit Gestöhne und Geschnauf.

Baden in der Felsenquelle,

allerdings nur auf die Schnelle,

trinken Brombeerblättertee,

streicheln kurz noch mal das Reh.

Heute ist ja nicht viel Zeit,

heute nämlich ist’s so weit,

heute müssen sie schon bald,

los, zack, in den Tausendwald.“

Doch die Leser*innen begegnen in dieser Geschichte nicht nur den sieben drolligen Weihnachtswichten Will, Winz, Wackel, Wutsch, Wunni, Wutz und Waldemar, sondern auch noch einer ganzen Reihe anderer fantasievoller Fabelwesen, die durch Annette Swobodas bunte und detailgetreue Illustrationen und Andrea Schomburgs liebevolle Umschreibungen in Reimform zum Leben erweckt werden. Witzig hierbei finde ich, dass Schomburg sich bei allen sieben Weihnachtswichten für einen Vornamen, der mit dem Buchstaben W beginnt, entschieden hat, wodurch sie sich nicht nur bildlich sondern auch namentlich zu einer wichteligen Einheit formatieren.

Doch die Aufgabe der Weihnachtswichte gestaltet sich als schwierig, denn im Tausendwald lauern nicht nur tausende Gefahren, denen sich die tapferen Wichte stellen müssen, sondern der Weihnachtsschalter befindet sich auch noch in der Gefahrenzone schlechthin – in der Küche des Ungeheuers Walter. Doch bis die Weihnachtswichte dort erstmal ankommen, gilt es noch tiefe Schluchten zu überwinden, die Hexensümpfe zu durchstreifen, dem Nikolaus zu helfen, das Graue Tal zu passieren, einer kleinen Tanne zu einem weihnachtlichen Gewand zu verhelfen und Drakomir, dem Schlossvampir zu entkommen, bis sie endlich das Tausendtal und Andersland hinter sich lassen um dem Ungeheuer Walter in seinem Gemäuer aus Müll und Schutt ins Auge zu blicken zu können, das letzten Endes eigentlich gar nicht so ungeheuerlich daherkommt und für mich fast einen Hauch von Axel Schefflers Grüffelo hat. 

„Uff, geschafft! Jetzt kann’s auf Erden

dies Jahr wieder Weihnacht werden.

Bei den Nachbarn und bei mir

und natürlich auch bei dir.

Und die Wichte schlafen ein,

gut beschützt im Sternenschein.

Doch schon morgen kommt einer neuer

Tag – und neue Abenteuer“

Was mir an den Reimen von Andrea Schomburg gut gefällt, ist, dass sie mir leicht zugänglich und humorvoll begegnen und ich vermute, dass Emma sie trotz ihrer 3 Jahre gut verstehen und sich an ihnen erfreuen kann. Schomburg bedient sich größtenteils Wörtern, die für mich im Umgang mit Kleinkindern vertretbar sind, auch wenn ich Bezeichnungen wie „krass“ oder „morden“ nicht unbedingt gewählt hätte (wobei sie sicherlich auch mal im Kindergarten-Alltag fallen). Da das Buch aber mit einer Altersempfehlung ab 5 Jahren daherkommt, nehme ich das durch unseren um einiges früheren Einsatz in Kauf. Was mich allerdings stutzen ließ, und das muss ich an dieser Stelle einfach loswerden, ist, dass am 12. Dezember von einem Laternenfest bzw. dem Martinstag die Rede ist, das/der in meinen Augen bereits am 11. November stattfindet!

Die farbenfrohen Illustrationen von Annette Swoboda haben mich bereits auf dem Cover angesprochen. Sie schenken dem Abenteuer der drolligen Weihnachtswichte eine wunderbare Umrahmung und sorgen dafür, dass der Advents- bzw. Weihnachtsgeschichte ein Hauch von Bilderbuchcharakter innewohnt. Meine Räubertochter hat bereits in das Buch gespitzt und ist nun unglaublich neugierig, wer sich hinter den hinter den Blättern unter einer dichten Fichte hervorlugenden roten Zipfelmützen und Schühlein verbirgt. 

Eine wunderbar besinnliche Advents- und Weihnachtszeit wünscht euch 

Steffi

 

Kinderfreuden #45: Das Wunder Erde

Im Winter kuschelt sie sich in eine glitzernd weiße Decke aus Schnee, sie blickt durch scheinbar undurchdringliches Gestrüpp aus wild sprießenden Pflanzen im Frühling und gießt lauen Sommerregen über das Land, lässt Bäche die Berge hinabrauschen und heftige Herbstwinde durchs Land fegen, die durch die Glieder von Bäumen und Straßen pfeifen.

Sie lässt Spinnen in ihren Händen Netze spannen, reitet auf dem Rücken von Walen, hilft verlorenen Tierkindern zu ihren Müttern zurück, lässt Wildpferde über die gepflegte Prärie donnern und gibt kleinen Eisbären den Blick durch dicke Eisschichten frei, damit sie die Wunder unter der Meeresoberfläche bestaunen können.

Unsere Freundin Erde gibt den Rhythmus des Lebens vor. Sie ist unsere Taktgeberin, bestimmt den Kreislauf der Natur und behütet alle Lebewesen.

Habt ihr Lust, sie ein Stück ihres Weges zu begleiten? 

Eckdaten

 

Gebunden, ab 4  Jahren

42 Seiten
22,9 x 27,9 cm
ISBN: 978-3-314-10512-8

Illustration: Francesca Sanna
Übersetzt von: Thomas Bodmer

NordSüd Verlag
18,00 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

 

Blickwinkel aus großen Augen

Francesca Sanna versteht es aufs Vortrefflichste, ihre Illustrationen mit Gefühlen anzureichern. Ihre Bilder sind farbenfroh, detailreich und ausdrucksstark und für Kinder leicht zugänglich. Das hat sie schon mit ihrem Debüt „Die Flucht“, Bilderbüchern wie „Ich und meine Angst“ und „Geh weg, Herr Berg“ bewiesen. Oft ist gar kein begleitender Text von Nöten, um den Inhalt ihrer Geschichten zu erfassen. Und so präsentiert sich auch ihre neuestes Bilderbuch „Meine Freundin Erde“ wie eine Einladung zu einem berauschenden Abenteuer durch das Wunder Erde.

Es ist ein junges Mädchen, dem Sanna in ihren Bildern eine ähnlich symbolische Rolle wie Mutter Natur zuteilt, nur dass sie als Freundin Erde eine übergeordnete Rolle einnimmt. Und nicht nur das, zu meiner Freude ist sie auch ein Mädchen of Color.  Die Geschichte beginnt mit ihrem Erwachen aus dem Winterschlaf. Doch nicht nur sie, auch Flora und Fauna erwacht allmählich. Und so beginnt der wunderbare Lauf der Jahreszeiten, der sie der Natur im jahreszeitlich wechselndem Gewand ins Auge blicken lässt.  Wir kriechen mit ihr durch das Unterholz, schweben durch die Lüfte, reiten durch die wilde Prärie und erhaschen das Flüstern von wisperndem Gras, wir betreten das knirschende Eis am Nordpol und erobern die faszinierende Unterwasserwelt auf dem Rücken eines Wals, wir folgen Flussläufen, passieren satte Hügellandschaften und gleiten auf einem tanzendem Blatt sanft zu Boden.

Der Rhythmus, dem das Leben auf unserer Erde unterliegt, begegnet uns mal wild donnernd bis hin zu leise wispernd. Wir lernen unseren Planeten mit all seinen Facetten kennen. Sanna schenkt uns mit ihren Bildern Augen für das Wunderbare!

Schon lange vor der Geburt der Räubertochter habe ich unsere Natur zu schätzen gelernt. Ich genieße die Streifzüge durch die Wälder und Wiesen, die sich uns in so unterschiedlichem Gewand präsentieren, versuche so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen und die Schönheit unseres Planeten auf mich wirken zu lassen; die frische Luft, Farben und Geräusche vollends in mir aufzunehmen. Seit Emma auf der Welt ist, liegt mir das noch viel mehr am Herzen. Ich möchte meiner Tochter die Liebe zur Natur weitergeben, sie frei umherstreifen, ungestört entdecken lassen und ihr zu verstehen geben, dass es sich immer lohnt, genauer hinzusehen. Dass es manchmal sogar notwendig ist, genauer hinzusehen und den Blick nicht von Dingen abzuwenden, die unsere Aufmerksamkeit und Mithilfe erfordern. Weil unser Planet, wie wir ihn heute kennen, nur fortbestehen kann, wenn wir ihn beschützen und ressourcenschonend agieren. Weil wir Menschen nur weiterleben können, wenn er es kann.

Francesca Sanna hat in ihrem Bilderbuch einen wunderbaren Weg gefunden, mit ihrem Pinsel die Erde genauso facettenreich zu Papier zu bringen wie sie ist. Sie nimmt die Kinder mit auf eine Reise durch die Jahreszeiten, lässt sie gemeinsam mit dem Mädchen durch ein Meer von Farben tauchen und Blickwinkel einnehmen, die den Blick auf kleine kostbare Details preisgeben, die einem beim oberflächlichen Betrachten verwehrt bleiben. 

Durch raffinierte Lasercuts und individuelle Seitenabschlüsse verschmelzen die Illustrationen mehrerer Seiten miteinander und entfalten sich Stück für Stück zu ihrer vollen Pracht. Die poetischen Zeilen von Patricia MacLachlan, die von Thomas Bodmer ins Deutsche übersetzt wurden, schenken den Bildern eine wunderbare Untermalung, betten sich stimmungsvoll in die beeindruckenden Szenerien, bei dessen Anblick nicht nur die Kinder ins Staunen geraten und mit leuchtenden Augen durch dieses berauschende Bilderbuch reisen. Die liebevolle Komposition aus Sannas Bildern und McLachlans bzw. Bodmers Zeilen begegnet uns wie eine Liebeserklärung an unseren Planeten und hält uns einmal mehr vor Augen, wie gut wir auf ihn Acht geben müssen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Hat dir das Buch gefallen?

Oh ja

Worum geht’s im Buch:

Um die Erde

 

Lieblingsstelle im Buch:

Die schwarz-weiß gestreifte Herde aus Zebras

Bester Leseplatz:

Im Bett, eingekuschelt wie das Mädchen in einer Decke aus Schnee

Was würdest du auch einmal machen wollen?

Auf einem Wal reiten

Wird zu:

einer Entdeckerin

 

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom NordSüd Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Kinderfreuden #44: Hitzköpfe

Paulchen und Pieks sind allerbeste Freunde. Sie ergänzen sich perfekt, helfen einander beim Klettern, spüren die besten Verstecke auf und tauchen gemeinsam in fantasievolle Geschichten ab. Sie sind ein unschlagbares Team und teilen sich alles. Eigentlich. Denn als Paulchen den kürzlich entdeckten Riesenpilz im Waldkindergarten heimlich ganz alleine verdrückt, ist der erste Streit vorprogrammiert. Pieks ist ganz schön sauer auf seinen Freund, wo er doch schon so viele Ideen im Kopf hatte, was sie damit so alles anstellen könnten. 

Und so hält Pieks fortan Abstand zu Paulchen und spielt nur noch mit den anderen Tierkindern. Und auch Paulchen hat gar keine Lust mehr, mit Pieks zu spielen. Wo er sich doch entschuldigen und sein Freund einfach nicht zuhören wollte. Doch es dauert nicht lange, bis die beiden Hitzköpfe einander schrecklich vermissen und sich nach den gemeinsamen Abenteuern sehnen. Denn zusammen spielt es sich einfach viel schöner!

Als Mama Igel ihren Sohn Pieks ermutigt, sich etwas einfallen zu lassen, um sich mit Paulchen wieder zu versöhnen, hat auch Paulchen eine Idee, wie er Pieks überraschen könnte. Denn auch versöhnen will gelernt sein!

Eckdaten

 

Gebunden, ab 3 Jahren

32 Seiten
232 x 300 mm
ISBN: 978-3-480-23609-1

Text & Illustration: Laura Bednarski

Esslinger 
14,00 € [D]

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Blickwinkel aus großen Augen

Als Emma das neue Abenteuer von Paulchen und Pieks in der Vorschau von esslinger entdeckt hat, war die Freude groß. Denn die beiden Tierfreunde von Laura Bednarski sind ihr seit dem ersten Bilderbuch „Paulchen & Pieks – Heute übernachte ich bei dir!“ ans Herz gewachsen und auch ich hatte direkt Lust, mit ihr das neue Bilderbuch zu erobern.

Und so zog „Paulchen & Pieks – Heute vertragen wir uns wieder!“ wenig später bei uns ein. Was mir zum Zeitpunkt des Regaleinzugs noch nicht ganz klar war, ist, dass uns die Thematik des vorliegenden Bilderbuchs (Streiten und Versöhnen) bereits mit unmittelbarer Wucht treffen wird. Ich ahnte bereits, dass die Räubertochter mit ihren drei Jahren nun ihre ersten „richtigen“ Streitereien im Kindergarten ausfechten wird. Schließlich müssen Kinder im dem Alter auch erst lernen, dass gewisse Dinge in begrenztem Umfang da sind und man sie sich demzufolge teilen bzw. man sich mit dem Spielen abwechseln muss. Dass sich da selbst Freunde mal in die Wolle kriegen, ist völlig normal. Als Emma mir aber das erste Mal den Satz „Dann bist du nicht mehr mein Freund!“ entgegenschleuderte, war ich ehrlich gestanden, etwas entsetzt. Bei uns zuhause konnte sie sich diesen Satz nicht aufgeschnappt haben und so lag die Vermutung nahe, dass er im Kindergarten gefallen sein muss. Wenig später hörte ich ihn selbst bei einem anderen Kindergartenkind als ich Emma abholte und da hatte ich meine Pappenheimerin!

„Du bist nicht mehr mein Freund“, ruft Pieks. Er ist enttäuscht und richtig wütend. „Und du bist auch nicht mehr mein Freund!“, gibt Paulchen zurück – weil Pieks seine Entschuldigung gar nicht hören mag.“

Ich musste daher sehr schmunzeln, als ich feststelle, dass sich Laura Bednarski in ihrem neuen Bilderbuchabenteuer für den Dialog von Paulchen und Pieks eben jenem Wortlaut bedient, der auch bei uns gerade sehr präsent ist. Leider verwendet die Räubertochter den Satz oft in Situationen, in denen es nicht nach ihren Vorstellungen läuft und sie meint, sie könne mich mit der Drohung, fortan nicht mehr ihr Freund zu sein, zu einer anderen Antwort bewegen. Dass Kinder in der Autonomiephase oft von ihren Emotionen überwältigt werden und sich dadurch schnell zu Hitzköpfen entwickeln, ist mir bekannt, ich hoffe dennoch, dass wir für Emma alternative Worte finden werden, mit denen sie ihrer Enttäuschung und Wut Ausdruck verleihen kann.

Auch Paulchen und Pieks entwickeln sich in der Auseinandersetzung um den verschwundenen Riesenpilz zu Hitzköpfen. Bei Pieks macht sich schnell Enttäuschung und Wut breit, bei Paulchen in erster Linie Scham. Doch als Pieks ihn damit konfrontiert, durch das alleinige Verdrücken des Pilzes fortan nicht mehr sein Freund sein zu dürfen, verwandelt sich seine Scham schnell in Wut. Der Dialog der beiden Freunde und das darauffolgende „Einander aus dem Weg gehen“ verdeutlicht Kindern gut, wie schnell wir in Momenten des Streits unbedachte Worte zueinander sagen und wie sehr wir diese oft schon wenig später bereuen. Auch Paulchen und Pieks merken, dass sie eigentlich gar nicht ohne einander spielen wollen und sich einander vermissen. Es sind die Worte von Mutter Igel, durch die Bednarski den Kindern einen wunderbaren Lösungsansatz zum Versöhnen an die Hand gibt.

„Zu Hause fragt Pieks Mama Igel um Rat. „Auch die allerbesten Freunde streiten mal“, beruhigt sie ihn. „Das gehört einfach dazu. Mach Paulchen doch eine kleine Freude und fragt ihn, ob er wieder dein Freund sein möchte!“

Mit ihren farbenfrohen und detailreichen Illustrationen in Großformat, aber auch treffenden und wohlformulierten Zeilen ist es Laura Bednarski gelungen, kleinen Kindern die Thematik des sich Streitens und Vertragens spielerisch nahezubringen. Mit ihrer Geschichte greift sie nicht nur ein wichtiges Thema der Entwicklung von Kleinkindern auf, sondern verdeutlicht ihren kleinen Lesern auch, dass kleine Streitereien zum Leben dazugehören und dass sie sich in der Regel mit kleinen Gesten der Zuneigung und entschuldigenden Worten schnell wieder aus der Welt schaffen lassen sollten.

„Streiten ist zwar nicht schön, aber es gehört dazu! Das wissen die beiden Freunde jetzt. „Und beim nächsten Mal vertragen wir uns schneller wieder“, lachen Paulchen und Pieks.“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

 

Hat dir das Buch gefallen?

Oh ja!

Worum geht’s im Buch:

Um zwei Freunde, die sich streiten

 

Lieblingsstelle im Buch:

Als Paulchen bei Pieks ins Fenster spitzt

Bester Leseplatz:

Auf dem Kuschelteppich

 

Was hat dir am besten gefallen?

Dass Pieks Paulchen mit Zimtschnecken überrascht

Wird zu:

einem guten Freund

[Werbung, da Verlinkung im Text. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Thienemann Esslinger als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.]

Seelenschmeichler

„Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiß und wisperig. […] Liss sah und roch und hörte, dass der Sommer zu Ende ging. Es war ein gutes Gefühl.“

Zitat, Seite 5

Als ich die letzte Seite von „Alte Sorten“ hinter mir ließ, saß ich beseelt da. Und überwältigt. Voller Wehmut strich ich über die ausgestanzten Birnen auf dem Cover, konnte ihre Konturen spüren, ihren intensiven Duft und Geschmack nahezu vernehmen. Der süßlich herbe Geschmack erfüllte meinen Mund, der klebrige Birnensaft lief mir an meinem Kinn herunter. Alexander Lucas. Die Birne, zu der ich in Liss‘ altem Zaubergarten am Ehesten gegriffen hätte. Es ist die Birnensorte, auf die ich nach der Lektüre am meisten Lust verspüre. Ihren Geschmack beschreibt der Autor mit dem Sonnenlicht, „wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele“. Wer kann solchen Zeilen schon widerstehen?

Was sich mir da in „Alte Sorten“ offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

Mir scheint, ich habe „Alte Sorten“ genau zur richtigen Zeit gelesen. Denn die Geschichte beginnt gegen Ende des Sommers, am 1. September, und erstreckt sich bis in den Oktober hinein. Meine Lektüre lief nur leicht verzögert mit den Kapitelüberschriften, die Arenz den Tagen gewidmet hat, die Liss und Sally, die beiden Protagonistinnen, gemeinsam verbringen. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters treffen hier aufeinander: Liss, Mitte Vierzig; Sally, gerade mal 16. Und obwohl die beiden Frauen einem äußerlich sehr unterschiedlich begegnen, umtreibt sie innerlich ein ganz ähnliches Seelenleid. Denn beiden hat das Leben stark zugesetzt. Ihre Seelen sind zerklüftet von den Spuren schmerzhafter Ereignisse.

„Es gab Tage, an denen es schwerer fiel, nur auf das zu sehen, was war. Nicht zurück, nicht vor. Nur auf das, was eben war. Weil ja auch alles, was gerade war, nicht aus dem Nichts kam und nicht ins Nichts ging. Alles hat eine Geschichte. Selbst Dinge, die sich nicht bewegten, bekamen eine Geschichte.“

Zitat, Seite 49

Und so bleibt ihre Begegnung an einem Spätsommertag draußen im Weinberg nicht ohne Folgen. Denn die körperlich ausgezehrte und ihrem Leben entflohene Sally ist von Liss‘ bodenständigem Auftritt so fasziniert, dass sie mit auf den Bauernhof kommt, den Liss alleine bewirtschaftet, und sich dort eine Zeit lang verschanzt. Es gehen Wochen ins Land, in denen sich die beiden Frauen gemeinsam dem Handwerk widmen, das Land und die Natur dabei vollends in sich aufnehmen. Sie backen Brot, bei dem man den frisch gemahlenen Roggen noch riechen kann; sie lesen Kartoffeln, deren erdiger Geschmack in schlichter Begleitung von Butter und Salz am besten zur Geltung kommt; sie pflücken bei klirrender Kälte Trauben im Weinberg, die sie später zu Wein verarbeiten und pflücken Birnen von alten Bäumen, die neben wuchernden Kräutern und Brennnesseln längst Teil eines Zaubergartens geworden sind, der uns wild und unbezähmbar begegnet. Es sind die vielen kleinen Momente, die für beide Frauen von großer Bedeutung werden und diesen Roman zu etwas ganz besonderem machen. Arenz‘ leise und eindringliche Zeilen, die einem oft nahezu poetisch begegnen und die Natur auf sehr eindrückliche Weise beschreiben, machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen.

„Das hier ist der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe.“ […] „Ich kann sehen, dass der Garten mal wie ein Käfig für dich war. Aber du siehst doch, was daraus geworden ist!“ Sie drehte sich im Kreis und versuchte, alles in sich aufzunehmen. Die von den Hecken wild überwucherten, sanft nach innen gedrückten verwitterten Latten des Zauns. Die parallel stehenden Bäume, die in ihren breit aufgefächerten Kronen, ihren geneigten Stämmen und in ihren Blätterwolken längst alle Rechteckigkeit zu einer verblassenden Erinnerung gemacht haben. Das Meer aus Gras, aufgeschossenen Kräutern und Brennnesseln, durch das im leichten Septemberwind hellgrüne Wellen von einem Ende des Gartens zum anderen liefen. „Das ist alles …“, wieder suchte sie nach dem richtigen Wort, „das ist alles wie eine wunderbare Strafe für den Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen.“

Zitat, Seite 117/118

Mit Liss und Sally sind Arenz zwei wunderbare Charaktere gelungen, die einem mit jeder Seite näher ans Herz wachsen. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten stehen im perfekten Kontrast zueinander: Sally, laut und ungestüm; Liss, leise und zurückhaltend. Sallys rebellisches Aufbegehren weckt in Liss nicht nur die Erinnerungen an sich selbst, die Zeit mit dem Mädchen schenkt ihr gewissermaßen auch eine Chance, zurechtzurücken, was der Vater bei ihr selbst falsch gemacht hat. Sally findet in Liss nicht nur einen Menschen, der sie hört und sieht, wie keiner zuvor, sondern auch ein Zuhause, das ihr die Eltern nie zu geben vermochten. So entwickelt sich zwischen den Frauen ein zartes Band der Freundschaft, das sie langsam aber sicher zurück ins Leben navigiert.

„Weil alles andere schlechter war, als das hier. Der Gedanke traf sie erst jetzt, mit der vollen Bedeutung. Plötzlich musste sie lachen. Einfach lachen. Sie wusste, es war alles nur auf Zeit. Auch das Lachen war eigentlich nur geliehen, dieser Augenblick der Befreiung nur auf Kredit, weil sie hier ja nicht immer würde bleiben können. Aber in diesem Moment war das egal. In diesem Moment waren die verstörenden Bilder auf einmal weg, als hätte man eine graue Folie zwischen ihr und der Welt weggezogen, und sie sähe das Dorf zum ersten Mal richtig und in allen Farben.“

Zitat, Seite 159/160

Nach dem Lesen dieses Romans machte sich eine ungeheure Sehnsucht in mir breit. Es war die Sehnsucht nach abgeernteten Weizenfeldern, dem sonnig-staubigen, uralten Geruch von Stroh und Heu in einer Scheune nach warmen Spätsommertagen und nach dem Duft von warmem Sommerregen. Wie gern würde ich mich mit Liss und Sally noch einmal ins Abenteuer stürzen. Was für ein Roman, was für eine Pracht! Ich habe jedes Wort und jede Zeile genossen. Und so hat mir Arenz ganz unverhofft ein Lesehighlight 2020 beschert!

„Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten sich Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.“

Zitat, Seite 127

Wenn das Leben über einen hereinbricht

„Offene See“ – Benjamin Myers

Dumont Verlag, erschienen am 20. März 2020, Preis 20,00€ [D], hier geht’s zum Buch

„Das Leben wartete da draußen, bereit, gierig getrunken zu werden. Vertilgt und verschlungen zu werden. Meine Sinne waren erwacht und unersättlich, und ich schuldete es mir selbst und all den anderen meiner Generation, […] mich mit dem Leben vollzustopfen.“

Zitat, Seite 16

Es ist ein ländliches Bergarbeiterdorf in einer sanft gewellten Landschaft, irgendwo zwischen der Stadt und dem blaugrünen Meer. Von dort bricht er auf, um der Enge seines Elternhauses zu entkommen, mehr von der Welt zu sehen und und sein wahres Ich zu finden. Seinen Rucksack hat er nur mit dem Nötigsten bestückt. Die Sehnsucht nach dem Meer und nach Freiheit treiben ihn voran. Und so bildet Robert schon bald eine Symbiose mit der facettenreichen Natur Nordenglands, die mit einem abwechslungsreichen Terrain aus Heidelandschaften und Wäldern, Mooren und Bergen, Schluchten und Tälern aber auch dem Gefühl grenzenloser Freiheit aufwartet.

Es ist die Zeit nach dem Krieg. Einem Krieg, der noch immer in den Menschen wütet, sich wie eine schwarze Blume mit ihrem Herzen verwurzelt hat. Die Erinnerungen an das Gesehene wirken toxisch, lassen entkräftete und verstörte Seelen zurück. Robert sucht sich nebenbei Arbeit als Tagelöhner, ersetzt die Kriegsverluste oder verlorenen Seelen. Und mit jedem Schritt und jeder Weggabelung, die er hinter sich lässt, kann er auch seine jugendliche Haut abstreifen.

Er strandet in einem alten von Wildem Wein überwuchertem Cottage mit angrenzender Wildwiese unweit vom Meer entfernt. Hier trifft er auf Dulcie, einer unerschrockenen, belesenen, rede- und weltgewandten Dame mittleren Alters und ihrem Hund Butlers. In ihrem wilden Garten schlägt Robert für mehrere Tage sein Lager auf, erledigt kleine Garten- und Ausbesserungsarbeiten für Dulcie, die seinem Gaumen im Gegenzug zu kulinarischen Leckerbissen verhilft. Und so genießt Robert nicht nur das erste Mal eine Reihe von kulinarischen Köstlichkeiten, die ihm durch seine bescheidenen Familienverhältnisse bislang verwehrt geblieben sind, sondern auch seinen ersten Vollrausch. Und obwohl den 16-jährigen und die Frau mittleren Alters ein erheblicher Altersunterschied trennt, führen sie fortan ausschweifende Gespräche über Gott und das Leben. Es ist Dulcie, die Robert zeigt, was das Leben so alles für einen bereithält und dass es sich darum kämpfen lohnt, selbst entscheiden zu dürfen, wohin einen der Weg führt.  

„Ich atmete tief ein, roch Erde, Bärlauch, Kräuter, schwebende Pollen und den Duft der salzigen Seeluft. Ein Sinnenschmaus. Die winzigsten Details wurden glasklar: das Rippengefüge eines kleinen welken Blattes, das seit dem Winter unberührt geblieben war, das Beben eines einsamen wilden Grashalms, während andere ringsherum reglos blieben. Auch das leise Hecheln des Hundes fiel in den Takt meines eigenen Herzens mit ein, das einen sanften Rhythmus aus rauschendem Blut in meinem Trommelfellen schlug. Ein einzelner Schweißtropfen rann an meiner linken Schläfe herab. Ich fühlte mich lebendig. Herrlich, irrsinnig lebendig.“

Zitat, Seite 53

Es war ein einziger Tag am Meer, den wir in unserem Urlaub an der niederländischen Küste verbracht haben. Er war erfüllt von einem Bad im sonnenerhitzten Meer, dem Muscheln sammeln und den Freudenschreien einer kleinen Räubertochter, die das erste Mal in ihrem Leben von Salzwasser umspült wurde. Ein kurzer Augenblick des Glücks, der von einer großen Gewitterwolke jäh beendet wurde, die sich fast vollständig über uns entladen hat und uns wenig später an der regennassen Promenade entlang schlendern, barfuß durch Pfützen hat waten lassen. Und dennoch. Es war da, dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit, das mich durchströmt, wenn ich das Meer sehe. Wie Balsam hat es sich auf meine Seele gelegt und eine Träne in die Freiheit entlassen, die sich in meinem Auge gesammelt hat. Vor Glück. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Das Meer und ich.

Meine diesjährige Urlaubslektüre hätte ich nicht besser wählen können. Hatte ich doch bereits kurz vor dem Erscheinen in „Offene See“ hineingeschnuppert und mich schon an den ersten Zeilen gelabt, die mich umspült haben wie das Meer selbst. Es war die beste Entscheidung, mir diese Perle für einen besonderen Moment aufzuheben; für den Urlaub, der so lange auf sich warten hat lassen und mir im aller letzten Moment doch noch vergönnt war. Und auch als der Urlaub längst vorbei und ich wieder zuhause war, genoss ich die letzten Seiten von „Offene See“ noch in vollen Zügen. Es erschien mir fast, als habe sie mich noch ein bisschen weiter getragen, die Sehnsucht nach dem Meer, von der auch der junge Robert vorangetrieben wird. Es ist sein Wunsch nach grenzenloser Freiheit, nach Abenteuer und nach Leben, den ich so gut nachempfinden konnte; sein neugieriges Wesen, dass das mir auf Anhieb sympathisch war. Ich verstand, warum er nicht in die Fußspuren seines Vaters treten möchte. Warum er das Leben in der freien Natur dem Leben unter Tage vorzieht. Nicht der Bergbauer werden will, den sein Vater in ihm sieht.

„Ein gutes Gedicht bricht die Austernschale des Verstandes auf, um die Perle darin freizulegen. Es findet Wörter für Gefühle, deren Definitionen sich allen Versuchen des verbalen Ausdrucks entziehen.“

Zitat, Seite 111

Myers‘ Zeilen begegnen einem wie Offenbarungen. Seine Beschreibungen sind melodisch. Poetisch. Nachhallend. Er scheint für alles die richtigen Worte zu finden. Verleiht seinem Roman damit eine ungeheure Kraft und Lebendigkeit. Man wiegt sich nahezu in den atmosphärischen Zeilen, die die Umgebung erwachen und zu ihrer vollen Schönheit entfalten lassen. Und so umgibt dich während dem Lesen eine unglaubliche Unbeschwertheit und Ruhe. Sie lassen uns die Natur und die Landschaft Englands vollends in uns aufnehmen, ihre Schönheit mit allen Sinnen erfassen. Die Willkürlichkeit des Moments wird unser Navigator, lässt es zu, dass wir in in diesem Kleinod stranden. 

Doch Myers findet nicht nur brillante Worte, er ergänzt seine Zeilen auch um die namhafter Künstler, bringt Textstellen, AutorInnen und Werke ins Spiel und verschafft damit nicht nur seinem jungen Protagonisten sondern auch seinen Lesern Zugang zu guter Literatur, zu Musik und zur Lyrik. Er zitiert Stellen aus dem Koran, empfiehlt Robert D.H. Lawrence, Whitman, Sheley, John Clare, Robinson Jeffers, Emily Dickinson, Christina Rossetti und Emily Bronte. Die weise Dulcie wird dabei zu Myers Sprachrohr. Sie ist es, die Robert an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lässt, ihm das Leben schmackhaft macht und ihn darin bestärkt, für ein selbst bestimmtes Leben zu kämpfen. Und so bringt Dulcie einen Reifeprozess ins Rollen, der aus dem jungen Robert einen Mann formt, in dem Begehren erwacht.   

Dulcie begegnet uns als sehr starke widerstandsfähige Persönlichkeit. Sie scheint bereits alles gesehen zu haben, pflegt die richtigen Kontakte, verfügt über die notwendigen Mittel, um Haus und einen umfangreichen Fuhrpark unterhalten zu können. So leicht scheint sie nichts aus der Bahn zu werfen. Doch als Robert in ihrem verwilderten Schuppen auf einen Gedichtband namens „Offene See“ stößt und sie damit konfrontiert, beginnt ihre Fassade zu bröckeln und ein verdrängtes Erlebnis kämpft sich mit aller Macht in ihr Bewusstsein zurück. Und plötzlich ist es Robert, der Dulcie dazu verhilft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sich mit der offenen wütenden See zu versöhnen. 

Es war mir ein wahres Vergnügen mich in (die) „Offene See“ zu stürzen. Meine Reise mit Robert und Dulcie hat mir die Augen geöffnet, meine Sinne erweitert und mir ein Gefühl von unbändiger Freiheit geschenkt. Es ist ein Abenteuer, das ich so schnell nicht vergessen und dem ich noch eine ganze Weile nachhängen werde.

„Während ich jetzt hier am offenen Fenster sitze, ein Glissando von Vogelstimmen auf einer hauchzarten Brise, die den Duft eines letzten nahenden Sommers in sich trägt, klammere ich mich an die Dichtung, wie ich mich ans Leben klammere.“

Zitat, Seite 11

Ich back‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!

[Werbung, Verlosung] Jungs spielen gerne mit Autos, sie sind laut, stürzen sich als Pirat, Ritter oder Astronaut in waghalsige Abenteuer und tragen am liebsten Blau. Mädchen hingegen spielen lieber mit Puppen, sie sind ruhig und schüchtern, stylen sich gerne wie Germany’s next Topmodel und träumen davon eines Tages Prinzessin zu werden. Deshalb ist Rosa auch genau ihre Farbe! 

Genderklischees dieser Art gibt es wie Sand am Meer. Oft sind sie so fest in unseren Köpfen verankert, dass man sich nur schwer von ihnen lösen kann, man ganz aus Gewohnheit alte Denkweisen und Verhaltensmuster beibehält. Kleidung, Berufe und Hobbies vermeintlich geschlechtsspezifisch auswählt, sich den Regeln der Gesellschaft unterordnet. Dabei streben wir doch alle nach individueller Entfaltung. Wollen selbst entscheiden, was wir am liebsten mögen. Und zu eigenständigen Persönlichkeiten heranwachsen. Und das von klein an!

Kinderbücher, die mit Rollenklischees aufräumen, sind noch rar, aber immer mehr im Kommen. Mit „Robert weltbester Kuchen“ von Anne-Kathrin Behl heißen wir eine Bilderbuchperle in unserem Bücherregal willkommen, die genau dort angesiedelt ist, wo wir uns wohlfühlen: in einer Welt frei von Geschlechterstereotypen. Einer Welt, widdewidde wie sie uns gefällt! 

„Robert’s weltbester Kuchen“ – Anne-Kathrin Behl

NordSüd Verlag, Hardcover, ab 4 Jahren, 32 Seiten, erschienen am 18. Juli 2020, Preis 15 € [D], ISBN: 978-3-314-10534-0, hier geht’s zum Buch

Mit wunderbar farbenfrohen und lebensbejahenden Illustrationen bringt Anne-Kathrin Behl einen Vater-Sohn-Tag von Robert und seinem Vater zu Papier. Robert steht der Sinn nach einem Salzteigkuchen: dem weltbesten um genau zu sein. Er malt dafür sogar eigene Einladungskarten. Schließlich muss so ein Kuchen gebührend gefeiert werden und sollte nicht alleine „verzehrt“ werden. Schließlich macht allein essen dick! Doch als ein Windstoß über den Balkon weht, werden die meisten von Roberts Einladungskarten erfasst und vom Wind davongetragen. Zwei letzte Karten bleiben auf dem Tisch übrig: gerade noch genug, um Hund Mopsi und Papa zum Kuchenfest einzuladen.

Und so macht sich Robert ans Werk. Man staune, was so alles auf seinem Kuchen Platz findet: eine Hand voll Spielzeugtiere, kleine Autos und Sterne landen darauf, Bausteine werden zu Streuseln und Murmeln zu wunderbarem Belag. Ein paar Buntstifte dienen ihm als Kerzen. Gerade als er seinen Kuchen vollendet hat und sich mit Papa ans Kuchenessen machen will, klingelt es an der Tür, und nochmal und nochmal. Denn der Wind hat die Karten in die ganze Nachbarschaft getragen. Und natürlich wollen alle Nachbarn beim Kuchenfest dabei sein. Wie gut, dass Roberts Papa genügend Salzteig parat hat und die Party nun mit der ganzen Nachbarschaft steigen kann!

Es lebe die Diversität!

Dieses Bilderbuch steht Klischees und Stereotypen nicht nur mit lässiger Gleichgültigkeit gegenüber, sondern lebt auch von gehörig Humor und Diversität. Schon der Blick in Roberts Kinderzimmer sorgt für Begeisterung. Denn eine Spielküche lädt Robert zum Kochen für all seine Kuscheltiere ein, die es sich in den Regalreihen  und im Puppenwagen gemütlich gemacht haben. Einhörner fühlen sich bei ihm genauso wohl wie Dinosaurier, aus einem Meer von Bauklötzen ragen Puppenköpfe hervor und in einer großen Kiste sind die Kostüme für Meerjungfrau, Prinzessin und Ritter zu erspähen.

Roberts Papa begegnet uns im rosafarbenen AB:CD – Shirt (das ich persönlich sehr feiere!) und drolligen rosa Häschenpuschen, die im Kontrast zu seinen tatöwierten Armen, dem Bart und der karierten Schiebermütze stehen. Stricken scheint für ihn mindestens genauso entspannend wie für Frauen zu sein und auch vor dem Basteln und Backen mit seinem Sohnemann schreckt er nicht zurück. Warum auch!? Ist ja das normalste der Welt. 

Und wer einen Blick auf die Gäste des Kuchenfestes wirft, wird staunen. Denn die Nachbarschaft setzt sich nicht nur aus Jung und Alt, sondern auch aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammen (da bleibt selbst ein Monster nicht aus!). Und so reiht sich eine alte Frau mit Rollator neben einem Punker mit Irokesenschnitt ein und steht direkt hinter einem Vater mit Dutt und Tragetuch, einem Inder mit Turban und einem Eskimo. Denn bei Roberts Kuchenfest sind alle Hautfarben und Religionen willkommen. Durch das Zutun der Gäste entstehen nicht nur die wildesten Kuchen, die die Welt je gesehen hat, sondern auch eine Vielfalt sondergleichen! Es lebe die Diversität!

Eine Blogparade mit Verlosung: Roberts weltbester Kuchen 

Zu Ehren dieses wunderbar diversen Bilderbuches hat Eliane von Mint & Malve eine Blogparade ins Leben gerufen, für die ich sofort Feuer und Flamme war. Denn Anne-Kathrin Behls farbenfrohes Werk schert sich nicht um Stereotype, zeigt uns eine Momentaufnahme aus dem Alltag eines wunderbaren Vater-Sohn-Gespanns, das man nur ins Herz schließen kann.

Bei Eliane sind alle teilnehmende Blogs der Blogparade zu finden. Und es lohnt sich gleich doppelt sich durch die Beiträge der teilnehmenden Bloggerinnen zu lesen. Denn hier kommt nicht nur eine Vielzahl an unterschiedlichen Blickwinkeln zusammen, sondern man kann auch bei uns allen ein Exemplar von „Roberts weltbester Kuchen“ mit Widmung und kleiner Extra-Illustration von Anne-Kathrin Behl ergattern. Ich habe mich dieses Mal für die Verlosung auf Instagram entschieden. Mit einem Klick kommst du zum Beitrag.

Die Teilnahmebedingungen findest du im Post auf Instagram.

Viel Glück!

Ein Salzteig-Rezept von uns für euch

Emma und ich waren sofort Feuer und Flamme, uns an eigenen Salzteigkreationen zu versuchen. Und so haben wir kurzerhand Gebäck, Törtchen und einen Kuchen gebacken, der dem weltbesten Kuchen von Robert schon ganz nahe kommt. Da die Räubertochter in meinen Augen mittlerweile aus dem Alter raus ist, alles in den Mund zu nehmen und zu unterscheiden, mit was sie spielen und was sie essen kann, habe ich mich dazu entschieden, Törtchen und Kuchen (mit nicht Kindermund gerechter) Acrylfarbe anzumalen. Alternativ kann man den Teig auch mit Lebensmittelfarbe oder Kakaopulver einfärben.

Gerne geben wir euch das Salzteig-Rezept an die Hand, mit dem wir gute Erfahrung gemacht haben.

Zutaten für 1 Blech Salzteiggebäck:
300g Mehl
300g Salz
200ml Wasser
1 TL Speiseöl (entspricht etwa 5g)

Rezept und Anleitung:
Den Backofen auf 150°C Umluft vorheizen und ein Backblech mit Backpapier belegen.

Mehl, Salz, Wasser und Öl in einer großen Rührschüssel vermengen und mit einem (Hand)rührgerät oder den Händen zu einem geschmeidigen Teig verkneten. Je feiner das Salz ist, desto feinporiger wird übrigens dann auch Euer Salzteig.

Bei uns sind zwei Brötchen, zwei Brezen, ein Croissant, zwei Zimtschnecken, ein Erdbeertörtchen und eine weltbeste Torte aus der oben stehenden Rezeptur entstanden.

Was würde auf eurem Salzteigkuchen Platz finden?

PS: Herzlichen Dank an Eliane, den NordSüd Verlag und Anne-Kathrin Behl, die diese wunderbare Blogparade mit ihrer Hingabe, den Grafiken sowie den Rezensions- und Verlosungsexemplare bereichert haben! Es war mir ein Fest!

Sommer ist trotzdem

„Sommer ist trotzdem – Espen Dekko“

Thienemann Verlag, ab 10 Jahren, erschienen am 14. Februar 2020, Preis 13,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Es ist ein Sommer wie sie ihn jedes Jahr verbringt: Unbeschwerte Tage bei ihren Großeltern, in ihrem Haus am Meer, mit Sonne im Rücken und einem duftigen Gemisch aus salziger Meeresluft und gebackenen Waffeln in der Nase. Mit Mim, der Katze und dem Gefühl inniger Vertrautheit. Nur Opa, Oma, sie und das Meer. Und doch ist alles anders als sonst. Denn es ist ihr erster Sommer ohne Vater.

Und so mischen sich ungeweinte Tränen in die Luft. Tränen, die das Mädchen nicht in die Freiheit entlassen will, weil sie doch nichts bringen, nichts daran ändern, dass ihr Vater nicht mehr da ist. Dabei sind Tränen Gedanken, die wir nicht in Worte fassen können. Dessen war sich schon ihr Vater sicher. Und Gedanken schwirren ganz viele im Kopf des Mädchens herum. Und irgendwann fließen sie auch. Die Tränen. Genauso unerwartet und heftig wie die Regentropfen eines Sommergewitters rinnen sie über ihre Wangen.

Dieses Buch hat mich mit seinem schönen Cover gelockt und schon nach wenigen Seiten für sich gewonnen, selbst wenn ich der Altersempfehlung schon lange entwachsen bin. Denn was mich darin empfing, waren Zeilen voller Tiefe und großer Emotionalität. Sie spülten mich direkt ans Meer, an das Haus der Großeltern eines 11-jährigen Mädchens, dem alles so vertraut war und dennoch ganz anders begegnete als sonst.

„Dann stehen wir da. Allein am Wegesrand. Hier gibt es keinen Asphalt, nur Kies und Pfützen, randvoll mit blauem Himmel. Kein Bus, kein Flugzeug, keine Stadt. Nur Gras, das sich im Wind wiegt. Genau wie das Meer. Alles sieht aus wie immer. Als wäre nichts passiert. Aber nichts gibt es nicht. Denn in mir drin ist alles anders.“

Zitat, Seite 8

Espen Dekko entscheidet sich in seinem Jugendroman „Sommer ist trotzdem“ für die Erzählperspektive aus der Sicht des 11-jährigen Mädchens. Die Ich-Erzählerin bleibt namenlos, ihre Konturen nehmen aber schon nach wenigen Zeilen Form an, lassen ein trauerndes Mädchen vor idyllischer Kulisse aus einem Bus aussteigen, dass die Sommerferien bei ihren Großeltern verbringen soll. Es ist der Verlust ihres kürzlich verstorbenen Vaters, den sie im Gepäck hat, die unterdrückte Trauer um ihn, die sich auf die bevorstehenden Ferien legen soll. Denn das Mädchen, das eigentlich noch viel zu jung ist, um ihrer Trauer so kontrolliert zu begegnen wie ein Erwachsener, versucht mit aller Macht, Stärke zu zeigen. Es weint nicht. Was sollen Tränen auch bewirken? Ihren Vater können sie doch nicht wieder lebendig machen. Und so werden sie zu Tränen, die in der Luft liegen wie Regentropfen eines heranziehenden Gewitters, vereinen das Mädchen und die wechselhaften Wetterbedingungen am Meer auf wunderbar symbolische Weise.  

„Manchmal werden die Dinge komplizierter, wenn Erwachsene versuchen, sie zu erklären. Zum Glück ist es bei Oma und Opa nicht so. Sie sagen nicht einfach nur Sachen, die sich nett anhören. Sie sagen die Wahrheit.“

Zitat, Seite 87

Es gibt Momente in diesem Sommer, in dem das Mädchen von einer Welle an Erinnerungen erfasst wird, die ihr die Luft zum Atmen nehmen, ihr den Verlust des Vaters so schmerzhaft in Erinnerung rufen, dass es auch den Leser schmerzt. Man Eins wird mit der Protagonistin. Leider bleibt der Papa nicht der Einzige, vom dem sich das Mädchen über die Sommerferien verabschieden muss. Denn schon wenige Tage nach ihrer Ankunft muss sie einen toten Schweinswal zu Wasser lassen und eine Gedenkfeier für tote Katzenbabys abhalten, auf die sie sich so sehr gefreut hat. Und so reagiert es auf die Dinge, die es nur schwer verstehen und akzeptieren kann, wie eine 11-jährige eben reagiert: trotzig und wehrhaft. Sie hat es satt, dass alle um sie herum meinen, sie müssten sterben. Deshalb versucht sie eines Tages auch eine lächerliche Makrele, die ihr an den Haken geht, wieder ins Meer zurück zu werfen und kentert dabei mit ihrem Boot. Und auch wenn dieser Rettungsversuch einem Erwachsenen in erster Linie recht kindisch und leichtsinnig begegnet, ist er in Anbetracht der Umstände absolut nachvollziehbar. Es ist der verzweifelte Versuch eines trauernden Mädchens, den Tod aufzuhalten. Weitere Verluste zu vermeiden…

Doch auch wenn die Geschichte so viel Verzweiflung und emotionale Tiefs in sich trägt, ist sie zu keiner Zeit bedrückend. Behält ihre Prise Unbekümmertheit bei. Denn Dekko versieht sie mit ebenso vielen Momenten der Freude wie der Trauer. Und so wartet nach einem wolkenverhangenen Tag die Sonne auf uns. Schenkt dem Mädchen sorgenfreie und gelöste Momente, die sich besänftigend auf ihre geplagte Seele legen und ein Kribbeln durch ihren Bauch jagen. Es sind die kratzigen Umarmungen mit dem unrasierten Opa, das einvernehmlich wortlose Miteinander mit Oma, der Geschmack von frischgebackenen Waffeln und heißem Kakao oder auch das größte Abenteuer dieses Sommers: eine Walsafari mit Opa, bei dem sie nicht nur den Riesen des Meeres, sondern auch ihrem Großvater ganz nahe kommt. Und so gesellt sich neben der Trauer auch etwas anderes hinzu: Liebe. Es ist die innige Liebe zwischen den Großeltern und der Enkeltochter, die Dekko hier so liebevoll umschreibt.

„Opa und ich stehen immer noch an Deck. Auf beiden Seiten des Bootes ziehen Wale vorbei. […] Dann verschwinden sie im Wasser. Alle gleichzeitig. Es ist, als wären sie nie hier gewesen. […] Ich spüre wieder den Kloß im Magen. Sie sind verschwunden, bevor ich mich verabschieden konnte. Doch plötzlich ragt wieder eine Walnase aus dem Wasser. Es spritzt nicht. Ganz ruhig gleitet er auf uns zu. Als ob er nachsehen will, wer wir sind. Ohne nachzudenken lehne ich mich über den Rand des Bootes. […] So weit ich kann, strecke ich mich nach vorn zum Wal. Es sieht so aus, als würden wir dasselbe tun. Uns zueinander hinstrecken. Und da spüre ich die Walnase an meiner Hand. Sie ist kalt und rau. Es kommt mir so vor, als könne der Wal meine Gedanken lesen. Als wüsste er, dass ich davon geträumt habe, ihn zu berühren. Dann sinkt er zurück ins Wasser und verschwindet. Was bleibt, sind Schaum und Blasen.“

Zitat, Seite 167

Es ist sicher einer der schönsten und emotionalsten Sommer, den ich mit einem Buch erleben durfte. Einer, in dem Freud und Leid nah beieinander liegen. Man dem Abgrund ganz nahe kommt. Und in dem einen das Wetter genauso launenhaft begegnet wie ein 11-jähriges Mädchen, das langsam aber sicher lernt, loszulassen. Und so ist eins gewiss: egal wie viele Tränen in diesem Sommer auch geflossen sind – Sommer ist trotzdem!

„Tränen sind Gedanken, die wir nicht in Worte fassen können, hat Papa mal gesagt. das stimmt. Aber Tränen sind auch ein Anfang. Denn wenn wir die Tränen erst einmal zulassen, werden sie zu Worten. Worte, die gesagt werden müssen. Mein Papa ist nicht mehr da. Er wird niemals wiederkommen. Daran kann ich nichts ändern. Aber wenn ich mit jemandem darüber rede, wird es leichter. Dann tut es nicht so weh. Dann bin ich nicht damit allein.“

Zitat, Seite 202