Das Licht und die Geräusche

Das Licht und die Geräusche – Jan Schomburg

Wenn es nach Johanna ginge, wären sie und Boris ein Paar. Doch in Portugal gibt es Ana-Clara, seine Freundin, von der Boris kaum redet, obwohl er und Johanna fast jede freie Minute miteinander verbringen. Sie reden über Gott und die Welt und sind doch nicht wirklich offen zueinander.

So viele Chancen bleiben ungenutzt. Auch die Gelegenheit zu einem ersten Kuss verpassen sie um Haaresbreite. Johanna ist genervt davon, weiß nicht, ob es bloße Zuneigung oder gar Liebe ist, was sie für Boris empfindet. Genauso wenig versteht sie, warum sich Boris so komisch verhält. Warum er sich über Typen lustig macht, die ihm eindeutig eine verpassen wollen oder warum er nach einer abenteuerlichen Nacht am See ganz plötzlich verschwindet.

Als Johanna ein Brief von Boris erreicht, sieht sie sich dafür verantwortlich, nach ihm zu suchen. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris‘ Eltern fährt sie nach Island und bemerkt, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Die Reise hält einige ungeahnte Überraschungen bereit, die ihre Sicht auf die Welt von Grund auf verändern wird.

„Inmitten des laut-leisen Rauschens empfinde ich plötzlich so etwas Dankbarkeit für das Geräusch der Nähmaschine aus dem Wohnzimmer, ohne dass ich genau verstehe, warum. Während ich mit dem Brief in der Hand ins Wohnzimmer gehe, merke ich, dass ich mir überlege, wie ich das gleich meiner Mutter sage.“

Zitat, Seite 152

Es ist sind die audiovisuellen Komponenten, die Jan Schomburgs Roman innewohnen und ihn so besonders machen. Denn der Titel des Romans klingt nicht nur gut, sondern verkörpert auch seine tragenden Elemente, die gleichwohl für die Lebenselixiere eines Autors stehen, der hauptberuflich als Regisseur arbeitet: das Licht und die Geräusche.

Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Jugendlicher; Johanna, Boris und Ana-Clara; die uns in Schomburgs Roman begegnen. Während die Geschichte stringent aus den Augen von Johanna erzählt wird, folgt die Anordnung des Geschehens einer anderen Logik. Denn Schomburg entzieht seiner Geschichte die chronologische Reihenfolge und präsentiert sie uns als wirres Durcheinander von Rückblenden und Gegenwartsaufnahmen. Er lädt seine Leser zum intuitiven Lesen ein, schenkt uns die Möglichkeit, die Dinge völlig eigenständig zu interpretieren und den freien Raum mit unseren Gedanken zu füllen.

Und er füllt sich. Denn die einzelnen Handlungsfäden, die vorerst nicht in Verbindung zu stehen scheinen, finden nach und nach zueinander. Wie einzelne Mosaiksteine formieren sie sich zu einem individuellen Muster, formen das licht- und geräuschvolle Gerüst des Romans.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Zitat, Seite 160

Die Geschichte ist weitaus komplexer, als dass die Betitelung „Coming of Age“ Roman, die dem Roman mehrfach zugespielt wurde, ausreiche. Sicherlich ist Schomburgs Roman eine kleine Reise in die Zeit des jugendlichen Heranwachsens. Er lässt uns teilhaben, am persönlichen Entwicklungsprozess seiner drei Protagonisten, der teils naive, experimentelle und auch widersprüchliche Handlungen zur Folge hat, darüber hinaus lädt er uns aber auch zu einer wunderbaren Entdeckungsreise ein; einer Reise, die uns die wesentlichen Dinge neu entdecken und wahrnehmen lässt.

In „Das Licht und die Geräusche“ finden einige existentielle und auch düstere Gedanken ihren Platz, die dem Roman mitunter dramatische und hochemotionale Wesenszüge verleihen. Insgesamt hat Schomburg aber einen wunderbaren Ton gefunden, der uns mit einer gewissen Leichtigkeit durch so manche Schwere geleitet und das Lesen zu keinem deprimierenden Unterfangen macht.

Es ist der ehrliche Blick auf sich selbst und das Leben, mit dem mich Schomburg in seinem Roman so begeistert hat. Seine Protagonistin Johanna ist eine dialektische Denkerin, die sich nicht davor scheut, Dinge zu Ende zu denken und andere Perspektiven einzunehmen. Durch sie fand ich auf Anhieb Zugang zur Geschichte und konnte mich komplett auf das licht- und geräuschvolle Abenteuer einlassen, dessen Töne noch lange nach dem Lesen in mir nachhallten.

„Als Jugendlicher hat man so viele unterschiedliche Ichs. Man kann so viele Dinge auf einmal sein, die sich eigentlich widersprechen.“(J.S.)

Arndt von der literarischen Sternwarte AstroLibrium und ich hatten die Gelegenheit, mit dem Autor Jan Schomburg über seinen Roman und seine Hintergründe zu sprechen. Meine Eindrücke zu unserem Interview und den Weg zur Radioreportage für das Literaturradio Bayern findest du hier.

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Das Labyrinth der Lichter

„Das Labyrinth der Lichter“ – Carlos Ruiz Zafón

„Die Welt ist nicht der unmoralische Ort, den du bisher gekannt hast, Alicia. Die Welt ist schlicht ein Spiegel von uns, die wir sie bilden, und sie ist nicht mehr und nicht weniger als das, was wir alle gemeinsam mit ihr anstellen.“

Zitat, Seite 275

Es ist das plötzliche Verschwinden des Ministers Mauricio Valls, das Alicia Gris zurück nach Barcelona führt, das sie für immer hinter sich lassen wollte. Doch ein Auftrag der politischen Polizei zwingt sie dazu, hinter das Geheimnis eines geheimnisvollen Buches aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“ zu kommen, das sich in Valls Besitz befand und im Zusammenhang mit seinem Verschwinden stehen könnte.

In den Straßen von Barcelona prasseln die Erinnerungen vergangener Tage auf sie ein wie ein brennender Feuerhagel und rauben ihr nahezu die Luft zum Atmen. Trotz seelischer und körperlicher Schmerzen schleppt sie sich durch das mystische Geflecht der Stadt und nimmt die Spur des Ministers auf, die sie direkt in die Buchhandlung Sempere & Söhne spült. Doch in der Buchhandlung empfängt Alicia nicht nur die magische Atmosphäre, die ihr seit jeher innewohnt, sondern auch eine Wahrheit ungeheuerlichen Ausmaßes, die Alles über sie zum Einstürzen bringen könnte.

„Als sie eintrat, wurde sie vom Glöckchen an der Tür empfangen, dem von Tausenden Seiten ausgehenden Duft von Büchern, die auf ihre Chance warteten, und einer nebligen Helligkeit, die die Szenerie mit einem Traumgewebe überzog. Alles war so, wie sie es in Erinnerung hatte, von der Vielzahl der hellen Holzregale bis zum letzten im Licht des Schaufensters gefangenen Stäubchen. Alles außer ihr. Sie betrat diesen Raum, als kehrte sie in eine wiedergefundene Erinnerung zurück.“

Zitat, Seite 361

Sechs Jahre nach seinem Roman „Der Gefangene des Himmels“ beglückt uns Carlos Ruiz Zafón mit dem vierten und letzten Roman der Barcelona-Reihe um das literarische Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher und präsentiert sich besser den je.

Es ist seine lebendige und von Metaphern getränkte Schreibweise, die mich seit jeher in ihren Bann zieht. Kaum ein anderer Autor vermag es die düstere und mystische Seite Barcelonas mit seinem Netz aus Kriminalität, Intrigen und Gewalt so authentisch heraufzubeschwören wie er. Er erweckt die Gässchen, Straßen und Hinterhöfe Barcelonas nicht nur zum Leben, sondern verleiht der katalonischen Hauptstadt auch eine gewisse Anmut, wenn auch mit zwielichtiger Note.

Und so katapultieren mich Zafóns Zeilen in „Das Labyrinth der Lichter“ ohne langes Vorgeplänkel unmittelbar ins Geschehen. Ich bin zurück, im vom Nebelschwaden durchwaberten und düsteren Barcelona.

Erstmalig begleiten uns Fotografien durch die Geschichte

„Ich zog los, erinnere mich aber, dass die Kleider, die Schuhe und selbst die Haut schwer an mir zogen. Ein Schritt war anstrengender als der andere. Als ich auf die Ramblas gelangte, sah ich, dass die Stadt in einem Augenblick der Unendlichkeit verharrte. Die Menschen waren stehengeblieben, eingefroren wie die Gestalten auf einer alten Fotografie. Der Flügelschlag einer auffliegenden Taube war nur gerade eine verschwommene Skizze. Pollenfäserchen hingen unbeweglich wie pulverisierendes Licht in der Luft. Das Wasser des Canaletas-Brunnens glitzerte im Leeren gleich einem Kollier aus gläsernen Tränen.“

Zitat, Seite 9

Obwohl ich gleich zu Beginn alte Bekannte aus Vorgängerromanen treffe, begegne ich in „Das Labyrinth der Lichter“ einer neuen Protagonistin, Alicia Gris, an deren Seite ich von Zafón durch die Geschichte geführt werde. Die in Barcelona geborene und durch die Folgen eines erbarmungslosen Krieges hartgesottene Alicia wird von Madrid zurück nach Barcelona gespült, wo sie sich nicht nur den Gespenstern ihrer Vergangenheit, sondern auch den schockierenden Wahrheiten stellen muss, die ihre Suche nach dem verschwundenen Minister zu Tage fördert.

Es ist ein heikles und weitreichend verflechtetes Unterfangen, in das die junge aber vom Leben abgehärtete Hauptfigur sich durch die Suche nach Mauricio Valls manövriert, weshalb sich der Leser schnell mit allerhand blutigen, brutalen und schwer verdaulichen Szenen konfrontiert sieht.

Während man Zafóns Barcelona-Bücher durch ihre in sich geschlossenen Geschichten allesamt auch eigenständig lesen kann, empfiehlt sich in meinen Augen dennoch die vorangegangene Lektüre von „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefange des Himmels“. Nur so setzt sich eine puzzleteilartige Verkettung in Gang, die die Figuren und Handlungsstränge des aktuellen Romans mit den der alten verbindet und dem Ganzen eine zusätzliche Dimension schenkt.

Nachdem mich „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ aufgrund von zu vielen aufgenommen und zwischendurch fallengelassenen Handlungssträngen etwas enttäuscht zurückgelassen haben, schließt sich nun der Kreis um den Zyklus von Romanen, die sich im literarischen Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher überkreuzen.

Ähnlich wie „Der Schatten des Windes“ übte „Das Labyrinth der Lichter“ eine sogartige Wirkung auf mich aus, die mich unmittelbar auf den ersten Seiten erfasste und mich erst wieder losließ, als ich die über 900 Seiten bewältigt hatte. „Das Labyrinth der Lichter“ ist daher sicherlich nicht die geeigneteste Lektüre für unterwegs, sicherlich aber eine der ausdauernsten und rasantesten aus Zafóns Repertoire.

Carlos Ruiz Zafón at his best!

„Die meisten von uns Sterblichen lernen ihr wirkliches Schicksal nie kennen; wir werden ganz einfach von ihm überrollt. Wenn wir dann den Kopf heben und sehen, wie es sich auf der Landstraße entfernt, ist es schon zu spät, und den Rest des Weges müssen wir im Straßengraben dessen zurücklegen, was die Träumer die Reife nennen. Die Hoffnung ist nichts weiter als der Glaube, dass dieser Moment noch nicht gekommen ist, dass es uns gelingt, unser wirkliches Schicksal zu sehen, wenn es heranrückt, und dass wir an Bord springen können, ehe sich die Chance, wir selbst zu werden, auf ewig verflüchtigt und uns dazu verdammt, leer zu leben und uns nach dem zu sehnen, was hätte sein müssen und nie war.“

Zitat, Seite 360/361

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Wellengang im Kopf

„Tage zwischen Ebbe und Flut“ – Carin Müller

Autorin: Carin Müller | Seiten: 288 | Taschenbuch 9.99 € | ISBN: 978-3-426-51973-8 | Erscheinungstermin: 01.09.2016 | Knaur TB

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Er kam ganz plötzlich: dieser unberechenbare Wellengang in Felix Kopf, der ihn vollends erfasst und seine Erinnerungen durcheinanderwirbelt wie in einer Waschtrommel. Plötzlich herrscht in seinem Kopf Unruhe. Erinnerungen kommen und gehen wie Ebbe und Flut. Er kann sie nicht festhalten.

Felix ist 70 Jahre alt, als ihm das passiert. Ganz heimtückisch überkommt sie ihn, die Krankheit Alzheimer, und macht aus dem sonst so selbstbewussten Mann einen unsicheren und unkontrollierbaren Zeitgenossen.

Auf einer gemeinsamen Kreuzfahrt mit Ehefrau Ellen, Tochter Judith und Enkelin Fabienne soll ihn das Meer besänftigen. Doch während Felix die Reise durchs Mittelmeer als wunderbares Abenteuer erlebt, beginnt für die drei Frauen eine Seelenreise durch tiefes Gewässer, die verborgene Emotionen zutage spült.

„Felix sah aufs Meer. (…) „Das bin ich.“, er deutete aufs Wasser. „Die Wellen sind in meinem Kopf. Alles ist da. Alles. Aber es bewegt sich. Ich kann es nicht festhalten.“

Zitat, Seite 36

Es sind Tage zwischen Ebbe und Flut, die Carin Müller in ihrem gleichnamigen Roman präsentiert. Ein unkontrollierter Seegang, der uns durch das Krankheitsbild der Volkskrankheit Alzheimer spült und uns Momente voller Höhen und Tiefen beschert.

Romane mit dieser Thematik gibts mittlerweile wie Sand am Meer. Was Müllers Roman jedoch von den anderen unterscheidet, ist der Schauplatz. Während sich z.B. Colemans Protagonistin in „Einfach unvergesslich“ in ihrem vertrauten Umfeld bewegt, verlässt Müllers Protagonist sein gewohntes Terrain: das Meer dient als Setting.

Was daraus entsteht, ist eine emotionale Seelenreise für alle Beteiligten. Denn nicht nur Felix wird von den wogenden Wellen des Meeres erfasst, sondern auch seine Begleiterinnen. Das familiäre Chaos ist vorprogrammiert.

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„Seine Gedanken waren klar und durchsichtig wie Wasser. Dass sie in seinem Kopf wogten wie Wellen, machte ihm hier nicht zu schaffen. Er hatte gar nicht mehr das Bedürfnis, einen davon festzuhalten oder zu verfolgen, sondern ließ es einfach zu. Und das tat so gut. Ganz diffus, irgendwo weit weg, war die Trauer, die sonst sein ständiger Begleiter war. Die Trauer um den wortgewaltigen, witzigen Mann, der mit Eloquenz und Charme seine Umgebung betört hatte. Das war mit einem Mal nicht mehr wichtig, denn dieser Mann war nur Fassade gewesen. Jetzt war er einfach nur er selbst.“

Zitat, Seite 177

Felix erlebt auf der Reise Momente völliger Klarheit. Mit der Kreuzfahrt geht für ihn ein langgehegter Herzenswunsch in Erfüllung. Er ignoriert die ständigen Rangeleien von Ehefrau und Tochter, überrascht sie mit liebevollen Gesten und Momentaufnahmen aus der Vergangenheit. Doch zu Felix guten Momenten gesellen sich auch jede Menge schlechte: er wird von plötzlich auftretenden Gedächtnislücken, Unsicherheit und Verärgerung heimgesucht, reagiert oft wie ein trotziges Kind. Sein schwer kontrollierbares Wesen wird zu einer Geduldsprobe. Vor Allem, als er von heute auf morgen verschwindet und auf einem benachbarten Kreuzfahrtschiff als blinder Passagier auftaucht.

„Wie schrecklich muss das sein, wenn der geliebte Partner Stück für Stück verschwindet und nur noch eine leere Hülle bleibt? (…) Im Grunde ist das alles Trauer am lebenden Objekt, denn meinen Vater gibt’s schon lange nicht mehr.“

Zitat, Seite 127

Ellen, die von Felix steigender Demenz am Meisten betroffen ist, wirkt völlig hilflos. Ihr Nervenkostüm ist dünn, sie ist leicht reizbar und kompensiert ihre Hilflosigkeit mit Wortkargheit und Großschnauzigkeit, die zu unnötigen Kämpfen mit ihrer Tochter führen, die Partei für ihren Vater ergreift. Die Zankerei der Beiden wird nicht nur für das direkte Umfeld, sondern auch für den Leser nahezu unerträglich. Gerne hätte ich den lächerlichen Streitereien einen Riegel vorgeschoben und um Disziplin gebeten!

Man merkt, dass Müllers Geschichte auf eigenen Erfahrungen basiert. Die Charaktere allen voran Felix, sind liebevoll gezeichnet und das Krankheitsbild präsentiert sich so heimtückisch und unberechenbar wie im wahren Leben. Da ich im familiären Umfeld selbst schon mit den Folgen der Krankheit konfrontiert war, ist mir der schwere physische Prozess bewusst, den Betroffene und Angehörige durchleben. Demente Menschen verlieren Stück für Stück und unwiederbringlich sich selbst.

Carin Müller balanciert mit ihren Roman auf einem schmalen Grad zwischem leichten Unterhaltungsroman und dramatischer Familiengeschichte. Sie lädt ihre Leser auf eine abenteuerliche Schifffahrt durch schwieriges Fahrwasser ein, die nicht nur Verluste, sondern auch jede Menge Erkenntnisse und Chancen mit sich bringt.

„Vergessen ist eine Form von Freiheit.“

Khalil Gibran

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Im Himmel gefangen

„Der Gefangene des Himmels“ – Carlos Ruiz Zafón

„Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.“

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

„Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.“

Zitat, Seite 274

Zafón wagt sich mit „Der Gefangene des Himmels“ an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit „Der Schatten des Windes“ begonnen hat und durch „Das Spiel des Engels“ fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in „Der Gefangene des Himmels“ nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu „Marina“, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir „Der Gefangene des Himmels“ fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

„In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.“

Zitat, Seite 126

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in „Der Gefangene des Himmels“ nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk „Der Mitternachtspalast“ scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit „Der Gefangene des Himmels“ auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

„An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.“

Zitat, Seite 222/223

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Vertrautes Engelsflattern..

„Das Spiel des Engels“ – Carlos Ruiz Zafón

„Jedes Überzeugungsmanöver, das etwas taugt, appeliert zuerst an die Neugier, dann an die Eitelkeit und zuletzt an die Güte oder das schlechte Gewissen.“

Zitat, Seite 375

David Martín ist jung, ehrgeizig und talentiert. Doch das ersehnte Leben als anerkannter Schriftsteller in Barcelona scheint ihm verwehrt, weshalb er sich mit dem Verfassen von Schauerromanen bei einem kleinen Verlag über Wasser hält. Eines Tages erhält er einen mysteriösen Briefmit Engelssiegel und der Signatur eines gewissen Andreas Corelli. Ein unbekannter Verleger, der David suspekt erscheint und dennoch fasziniert.

Obwohl er hin und her gerissen ist, sucht er Corelli auf und erhält ein unwiderstehliches Angebot. Ein Angebot, das David nicht ausschlagen kann. Doch bevor er sich den weitreichenden Folgen des Angebots bewusst wird, ist es bereits zu spät.

David muss nun nicht nur um seine große Liebe, sondern auch um sein Leben kämpfen. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt.

 „Selbst die schlechtesten Nachrichten haben etwas Erleichterndes, wenn sie nichts weiter bestätigen als das, was man uneingestanden bereits ahnte.“

Zitat, Seite 129

Zafóns Werk „Der Schatten des Windes“ war ein Buch, das mich regelrecht in seinen Bann gezogen hat. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass es seinem Nachfolgewerk „Das Spiel des Engels“ nur mühsam gelang. Auch wenn es Zafón erneut schafft, eine sagenhafte Atmosphäre zu erzeugen und den Leser in rasanter Geschwindigkeit ins Geschehen hinein zu katapultieren, fehlt dem Roman an Individualität und Struktur.

Gleich zu Beginn der Geschichte findet sich der Leser an denselben Orten wie im Vorgängerroman wieder und begegnet nicht selten Beschreibungen die dem Leser wie Satzwiederholungen erscheinen. Während „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ mir im Vorgängerroman wie ein gigantischer Schachzug erschien, verliert er hier an Charme und Individualität. Man fragt sich, ob Zafón nun jeden seiner Protagonisten an diesen Ort mitnehmen muss. Ein notwendiges Übel?

Sicherlich ist es interessant, in einem Nachfolgewerk wieder auf vertraute Gesichter zu stoßen und eine bereits erzählte Geschichte aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen, doch was ist mit der Geschichte selbst? Sollte sie nicht eigenständig funktionieren und etwas gänzlich Neues erzählen? Geht es hier nicht um das „Spiel des Engels“ sondern vielmehr wieder um die Geschichte aus „Der Schatten des Windes“?

Neben den Wiederholungen streut Zafón derart viele neue Handlungsstränge in die Geschichte, dass der Leser die Orientierung verliert. Er überwürzt die Geschichte, wie viele Köche einen Brei verderben. Er nimmt Dinge auf und denkt sie nicht zu Ende. Hat sich Zafón hier selbst verzettelt? Ist es ein gelungener Schachzug oder eine Entscheidung ohne Sinn und Verstand?

Zafón hinterlässt einen ratlose Leserin, die sich fragt, ob es an ihr liegt, die Geschichte nicht wirklich verstanden zu haben oder an dem Werk selbst. Alles bleibt undurchsichtig. Selbst der Schluss ist wie ein Schlag ins Gesicht.

Zugegeben, die Geschichte ist erneut voller Spannung. Sie beinhaltet brutale Passagen, voller Intrigen und kriminellen Machenschaften. Sie unterhält den Leser auf hohem Niveau. Doch durch seine Vorgehensweise verärgert mich Zafón vielmehr, als dass er sich meine Sympathien einheimst. „Das Spiel des Engels“ lässt daher nur drei von fünf möglichen Engel vorbeiflattern.

„Sie sehen schlecht aus.“ (…) „Verdorbener Magen.“

„Wovon?“ (…) „Vom Leben.“

Zitat, Seite 177

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Der Friedhof der vergessenen Bücher

„Der Schatten des Windes“ – Carlos Ruiz Zafón

„Das Schicksal lauert immer gleich um die Ecke – wie ein Dieb, eine Nutte oder ein Losverkäufer, seine drei trivialsten Verkörperungen. Hausbesuche macht es hingegen keine. Man muss sich schon zu ihm bemühen.“

Zitat, Seite 270

Daniel Sempere ist zehn Jahre alt, als sich sein Leben für immer verändern soll. Gemeinsam mit seinem Vater wohnt er in der Calle Santa Ana in Barcelona, wo sein Vater die Buchhandlung Sempere und Söhne leitet. Eines Tages offenbart ihm sein Vater einen ganz besonderen Ort: den Friedhof der Vergessenen Bücher. Hier ruhen Werke, denen keiner mehr Beachtung schenkt, die längst vergessen oder verloren sind. Verstaubt und erwartungsvoll schmiegen sie sich in den Regalen des Friedhofs aneinander. Jeder Besucher darf sich ein Buch aussuchen, wenn er sich dazu bereiterklärt, fortan für das Buch zu sorgen; es zu hüten und zu pflegen wie einen Schatz.

Auch Daniel entdeckt ein Buch für sich, den Debütroman „Der Schatten des Windes“ eines scheinbar unbekannten Jungautors namens Julián Carax. Wenig später ist Daniel bereits in die Geschichte eingetaucht und Feuer und Flamme weitere von Carax‘ Werken zu finden.

Bei seinem Recherche-Streifzug durch Barcelona wird er schon bald aufmerksam beäugt und heimlich verfolgt. Denn was Daniel nicht weiß, ist, dass dieses Buch von sehr großem Interesse und mit einer dramatischen Lebensgeschichte verknüpft ist. Einer Lebensgeschichte, die schon bald mehr mit Daniels Leben zerfließt, als ihm recht ist. Plötzlich bilden Vergangenheit und Gegenwart eine Einheit. Daniels Blick wird getrübt.

Wird Daniel in sein eigenes Leben zurückfinden?

„Die Zeit verfliegt desto schneller, je leerer sie ist. Ein bedeutungsloses Leben saust vorbei wie ein Zug, der am eigenen Bahnhof nicht hält.“

Zitat, Seite 500

Zafóns Protagonist Daniel ist am Anfang der Geschichte noch jung und naiv. Durch den Besuch auf dem Friedhof der vergessenen Bücher scheint er die ersten Schritte ins Erwachsenenleben zu bestreiten. Mit der Aufgabe, Carax‘ Erstlingswerk zu behüten, überträgt ihm sein Vater einen verantwortungsvollen Job, der für Daniel schon bald zur Lebensaufgabe wird und ihn mit zahlreichen Ereignissen aus der Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert.

Da Daniel großes Interesse an Carax‘ Nachfolgeromanen hat, öffnet er unbemerkt die Tür zu einem wohlgehütetem Geheimnis: Einem Geheimnis, dass nicht nur das Leben anderer sondern auch sein eigenes stark beeinflussen wird. Es lässt ihn die erste Liebe zu einer Frau erfahren; ihn Menschen begegnen, die sein Leben wesentlich prägen und zu engen Vertrauten oder großen Rivalen werden. Er wird mit Gewalt, Hass und Korruption konfrontiert und erfährt, dass das Schicksal seine ganz eigenen Pläne für uns bereithält.

Was mir an „Der Schatten des Windes“ wirklich gut gefallen hat, ist Zafóns lebendige Sprache. Er zeichnet die Dinge sehr lebhaft und authentisch, weshalb sowohl die Protagonisten als auch der Schauplatz der Geschichte förmlich greifbar werden. Durch Zafóns facettenreiche Beschreibung des Schauplatzes fühlt man sich schon bald ins Barcelona der 50er Jahre versetzt.

Was mir persönlich negativ aufstieß, war das Ausmaß an Informationen, die mir teilweise um die Ohren flogen. Man wird zwischendurch mit derart vielen Personen, Ereignissen und Verwicklungen konfrontiert, dass man ganz schnell den Überblick verlieren kann. An einigen Stellen im Buch verpasste ich den Anschluss; musste zurückblättern und einzelne Passagen erneut lesen um wirklich alles zu begreifen. Im Verlaufe der Geschichte klärt sich jedoch einiges auf, was anfangs für Irritation gesorgt hat. Zafón gelingt es daher recht gut, die Neugier des Lesers anzustacheln und durchweg für eine gleichbleibende Spannung zu sorgen, die sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht.

Trotz der stellenweise Überflutung von Informationen konnte mich die Geschichte von „Der Schatten des Windes“ und den Friedhof der Vergessenen Bücher wirklich begeistern. Sie wirbelt daher mit 4 von 5 möglichen Sternen durch die Barceloneser Nacht.
„Ein Geheimnis ist soviel wert wie der, der es uns anvertraut.“
Zitat, Seite 17
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