Wenn das Leben mehr Welt braucht

Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky

„Wir waren zehn Jahre alt, wir fürchteten einen Tod, den es nicht gab, und nicht den tatsächlichen, der durch die Tür kam.“

Zitat, Seite 50

Immer, wenn sich die alte Westerwälderin Selma im Traum auf der Wiese bei der Ulheck neben einem Okapi wiederfindet, kündigt sich in den nächsten Stunden der Tod an. Selmas Begegnung mit dem eigenartigen Tier, dessen Erscheinungsbild vollkommen zusammenhanglos wirkt, hat etwas Unheilvolles. Und so meidet die sonst so unbekümmerte Dorfgemeinschaft in den Stunden nach Selmas Traum jede Bewegung; aus Angst, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Starr wie Salzsäuren sitzen die Provinzler dann in ihren Häusern; grübeln, ob sie nun doch lieber reinen Tisch machen und all die verschwiegenen Wahrheiten in die Freiheit entlassen sollen, die sie über all die Jahre für sich behalten haben, ehe Gevatter Tod an ihre Tür klopft.

„Der Postbote war einfach für immer sitzen geblieben. Seine unbewegten Gelenke hatten sich entzündet, das Blut war verklumpt und schließlich auf halbem Weg durch seinen Körper stehen geblieben, gleichzeitig mit dem beargwöhnten Herz; der pensionierte Postbote hatte sein Leben verloren aus Angst, sein Leben zu verlieren.“

Zitat, Seite 23

Es ist ein namenloses Dorf im Schwarzwald, das Mariana Leky in ihrem Roman zur Kulisse macht. Es ist die Heimat einer verschrobenen Dorfgemeinschaft, die sich aus allerlei Individuen zusammensetzt. Diesen Provinzlern schenkt Leky ihre ganze Aufmerksamkeit, arbeitet liebevoll die Feinheiten heraus und präsentiert sie uns auf höchst amüsante Weise.

So stellen wir gleich zu Beginn fest, das Selma selbst von oben wie unten wie Rudi Carell aussieht und alleine schon wegen der für sie so entspannten Füllung der Mon Chèris, die sie täglich in sich hineinschlürft, eigentlich ständig einen im Tee haben müsste. Gemeinsam mit dem Optiker, der sich das ganze Leben mit den inneren Stimmen über seine heimliche Liebe zu der alten Westerwälderin herumschlägt, kümmert sie sich liebevoll um ihre 10-jährige Enkelin Luise, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Auch Martin; Luises bester Freund, der es aus dem Effeff beherrscht, die Reihenfolge der vorbeirauschenden Felder, Wiesen, Weiden und Wälder mit geschlossenen Augen zu benennen, die der Regionalzug auf dem Weg zur Schule passiert; sein Vater, der seit dem Tod der Mutter zum Alkohol zugeneigte Jäger Palm und die mürrische Marlies, die permanent in gräulich-verwaschener Unterhose und ausgeleiertem Norweger-Pulli herumläuft, gehören zu dem wundervoll eigentümlichen Potpourri dieses Romans, um nur einige wenige zu nennen.

„Der Geruch im Haus gehörte Marlies. Es roch nach Zigaretten, nach dem kläglichen Aufbegehren von billigem Deodorant gegen strengen Schweiß, nach vor Tagen stehen gelassenem Essen, nach vor Jahrzehnten abgelaufener Heiterkeit, nach erstickten Schwelbränden in Aschenbechern, nach Müll, nach Duftbäumchen und nach nasser Wäsche, die zu lang im Korb liegt.“

Zitat, Seite 56

„Der Kartoffelbrei hatte die unentschlossene Farbe von Marlies‘ Unterhose. Die Erbsen lagen in einer rotzfarbenen Wasserlache. Der Kochschinken glänzte und hatte fleckige Erhebungen, die aussahen wie schlecht verheilte Impfnarben.“

Zitat, Seite 57/58

Die Sprache, der sich Leky in ihrem Roman bedient, ist definitiv alles andere als langweilig. Sie ist so bunt und lebendig, dass man während dem Lesen den Eindruck hat, Menschen und Dinge erwachen zum Leben. Die Skurrilität der Figuren sorgt über die gesamte Geschichte hinweg für höchste Unterhaltung, auch wenn die Ausweglosigkeit und Melancholie, die sich oft neben den Figuren niederlässt, gut durchblitzt. Denn auch wenn der Roman aufgrund seiner Bizarrheit größtenteils von Heiterkeit erfüllt ist, mischen sich auch nachdenkliche und traurige Töne darunter, durch die einem klar wird, wie eng Freud und Leid im Leben doch beieinander liegen. Insgesamt entsteht dadurch eine wunderbar unaufdringliche aber eingehende Melodie, die selbst nach Beenden des Romans in unserem Kopf noch weiterspielt.

Doch was eindrücklich beginnt, ist mir zum Ende hin ein bisschen fad geworden, weshalb ich den letzten der drei Teile, aus denen der Roman besteht, als schwächsten ansehe. In jedem von ihnen stirbt ein Mensch, der Luise nahesteht. Und selbst wenn man damit die ganze Zeit rechnet, kommt man nicht umhin, dass einen die Wucht des Schicksals mit voller Härte trifft.

„Tod und Liebe“ (…) „Beides kann man nicht proben, beidem entkommt man nicht, beides ereilt einen.“

Zitat, Seite 51

Mariana Leky ist mit „Was man von hier aus sehen kann“ ein fein skizziertes Porträt eines Dorfes und seiner eigentümlichen Bewohner gelungen, das im letzten Jahr völlig zu Recht zum Liebling der BuchhändlerInnen geworden ist und sich seit seinem Erscheinungsdatum am 18.7.17 bereits mehr als 185.000 Mal verkauft hat. Für den Westerwald würde das bedeuten, dass nahezu jeder Einwohner im gesamten Kreis über ein Exemplar verfügt. Für Leky, die uns auf der LitBlog Convention anvertraut hat, dass sie sich sicher ist, dass der Erfolg des Romans zum großen Teil der Begeisterungswelle des Verlages zu verdanken ist, ist das sicher mehr, als sie jemals zu Träumen gewagt hat.

Wenn Bücher dein Leben verändern

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

„Bei Büchern war man vor Überraschungen niemals sicher.“

Zitat, Seite 163

Juliette liebt Bücher. Jeden Morgen fährt sie mit der Metro in die Arbeit, im Gepäck stets ein Buch. Doch anstatt in ihr eigenes Buch einzutauchen, nehmen ihre lesenden Mitfahrer immer häufiger ihren Blick gefangen: der Herr mit dem grünen Hut und seiner Vorliebe für Insekten, die alte Frau mit dem abgegriffenen italienischen Kochbuch und die junge Verliebte mit den dicken Wälzern, der stets auf Seite 247 ein paar Tränchen über die Wangen kullern. Wie gerne würde sie die Geschichten hinter den Menschen und ihren Büchern erfahren. Ihre eigene hingegen findet sie ziemlich ernüchternd. Ein öder Job in einem noch viel öderen Maklerbüro. Ihrer anfänglichen Euphorie ist längst Langeweile gewichen. Das scheußliche Gelb ihrer Pappordner haftet an ihr wie zähflüssiger Kleber.

Eines Tages steigt sie zwei Stationen früher aus als sonst. Der Weg zum Büro ist nur unwesentlich länger, ein Fußmarsch von zehn Minuten sollte für ausreichend frischen Wind sorgen, den sie bitter nötig hat. Und so läuft sie emsigen Schrittes die Straße hinunter und schwebt gedanklich davon, bis ein jäher Möwenschrei sie in die Realität zurückholt. Ein junges Mädchen wirbelt an ihr vorbei und will sich durch ein verrostetes Metalltor zwängen, das ihr plötzlich zu Füßen liegt. Es ist mit einem Buch verankert. Auf Augenhöhe ein Messingschild mit der Inschrift Bücher ohne Grenzen.

Hier trifft Juliette nicht nur auf den schrulligen Soliman und seine Tochter Zaïde, sondern auch auf ein chaotisches Bücherzimmer. Soliman verlässt es nur selten und widmet sich voller Hingabe den Büchern, die überall herumstehen und das ganze Zimmer einnehmen. Er glaubt, dass jedes einzelne von ihnen die Macht hat, ein Leben zu verändern. Vorausgesetzt, es kommt zur richtigen Person. Es sind auserwählte Boten, die er aussendet, um Menschen und deren Verhalten zu studieren, um sie anschließend mit dem richtigen Buch zu versorgen. Auch Juliette möchte eine Botin werden und hängt kurzerhand ihren öden Job an den Nagel. Ob die neue Aufgabe ihrem Leben Schwung verleiht?

„Juliette (…) hatte die Bücher wie einen Fächer um sich herum ausgebreitet. Siebzehn waren es. Sie hatte sie gezählt, jedes einzelne in die Hand genommen, sein Gewicht abgeschätzt und es durchgeblättert. Sie hatte ihre Nase zwischen die Seiten gesteckt und den Duft eingeatmet, hier und dort Wendungen aufgeschnappt, unvollständige Absätze, Worte, die verlockten wie Süßes oder verletzten wie Klingen.“

Zitat, Seite 51/51

Ich bin vernarrt in Bücher. Sie bereichern mein Leben, machen mich glücklich und verändern manchmal sogar mein Leben. Nicht auf dramatische Weise, aber insofern, dass sie meinen Blick auf das Leben oder meine Denkweise in eine andere Richtung lenken, mich einen neuen Weg einschlagen und mich etwas völlig Neues wagen lassen. „Das Mädchen, das in der Metro las“ schien daher genau die richtige Lektüre für mich zu sein.

In Féret-Fleury’s Geschichte spielt das Bookcrossing, sprich das Ablegen eines Buches an einer beliebigen Stelle, damit eine andere Person es findet und sich ihm annimmt, eine entscheidende Rolle. Es wurde 2001 von einem Amerikaner gegründet, der sich die Welt als Bibliothek vorstellte. Auch Soliman’s Agentur Bücher ohne Grenzen lebt die Philosophie des „Bücher in die Welt hinaus – Tragens“. Doch Soliman will sie nicht nur an x-beliebige Personen weitergeben, er will sicher sein, dass seine Bücher auch an den richtigen Mann bzw. an die richtige Frau kommen. Deshalb engagiert er ausgewählte Bücherboten, die die potentiellen Bücherempfänger im Vorfeld beschatten. Die Vorgehensweise klingt ein bisschen wie Stalking, dient letzten Endes aber einem guten Zweck. Auch Juliette ist gut im Beobachten, weshalb es naheliegend scheint, dass auch sie eines Tages zur Botin wird.

Manche Bücher waren wie stürmische, undressierte Pferde, die mit einem davongaloppierten, während man sich klopfenden Herzens an ihre Mähne klammerte.“

Zitat, Seite 100

Der Gedanke, dass Bücher tatsächlich unser Leben verändern können, gefällt mir. Wie eine derartige Veränderung vonstatten gehen kann, zeigt Féret-Fleury an ihrer Protagonistin Juliette, die ihren öden Job an den Nagel hängt und sich durch die Lektüre von Soliman’s Büchern Stück für Stück von ihrem alten Leben verabschiedet und am Ende beschließt, in einem alten Bücherbus über die Dörfer zu tingeln. Doch Féret-Fleury’s Spiel bleibt oberflächlich, verliert sich für meinen Geschmack in zu vielen Handlungsfäden, die die Autorin über die Geschichte hinweg aufnimmt und wenig später wieder verliert. Denn sowohl Soliman als auch Zaïde bleiben leider als Figuren blass. Selbst Juliettes lesenden Mitfahrern schenkt Féret-Fleury mehr Beachtung.

Was blieb war eine nette, wenn auch etwas seichte Geschichte über das Lesen und die Macht der Bücher. Zahlreiche Textstellen sorgen bei Bibliophilen für Entzückung, machen deutlich, wie lebendig gedruckte Zeilen doch sind. Eine Reihe an Klassikern, die in der Geschichte Erwähnung finden als auch die im Anschluss angehängte Bücherliste von Juliette’s Bücherbus lassen den Wunschzettel gehörig an Höhe gewinnen.

„Juliette schlüpfte in jede Geschichte wie in eine wunderbare neue Haut, mit Salz bestreut, mit Parfum benetzt oder mit Natron bedeckt, wie die Gliedmaßen von Tahoser, der Heldin aus Gautiers Roman de la Momie, damit sie geschmeidig blieben; ihre Haut empfing die Zärtlichkeiten eines Unbekannten, dem sie an Bord eines Schiffes begegnet war, sie wurde von Pollen bestäubt, welche von Bäumen am anderen Ende der Welt stammten, mitunter vom Blut einer offenen Wunde befleckt. Ihre Ohren waren erfüllt von lärmenden Gongs, dem Zirpen antiker Flöten, von Händen, die klatschend einen Rhythmus begleiteten oder einer Rede applaudierten, vom leisen Rauschen der Wellen, die in ihrem trüben Innenleben runde Kiesel ansollten. Ihre Augen brannten vom Wind, von Tränen, von dick aufgetragener Kurtisanenschminke. Ihre Lippen waren von unzähligen Küssen wundgeküsst. Ihre Finger von unsichtbarem Goldpuder bedeckt.“

Zitat, Seite 117

3/5*

Und da ich die Strategie fahre, dass Bücher, die mich nicht vollends überzeugen konnten, nicht ins heimische Bücherregal einziehen müssen, möchte ich es an einen von euch weitergeben, ganz im Sinne des Bookcrossing sozusagen. Nur, dass ich es nicht dem Zufall überlasse, wem. Habt ihr Lust auf die Geschichte? Lasst es mich im Kommentarfeld wissen und ich lose im Anschluss aus.

Sag den Wölfen, ich bin zuhause

„Sag den Wölfen, ich bin zuhause – Carol Rifka Brunt

„Finn und ich sahen uns quer durch den Raum an, wortlos. Und hörten einander doch. Diese Art von Liebe stellte ich mir mit Finn vor. (…) Diese Art von Liebe, an der nichts Ekliges ist, weil sie in einer anderen Zeit existiert und ich nicht wirklich ich bin.“

Zitat, Seite 83

June ist anders als die anderen Mädchen ihres Alters. Sie liebt den Wald, das Mittelalter und ihren Onkel Finn. Ihm muss sie ihre Welt nicht erklären. Sie verstehen sich blind, lauschen gemeinsam Mozarts Requiem, schauen Filme oder schlürfen Tee aus Finns alter Teekanne. Als ihr Onkel an Aids stirbt, weiß June nicht mehr weiter. Als verquere Einzelgängerin flüchtet sie in den Wald, versucht dort, der Zeit und Welt zu entkommen.

Doch schon kurz nach Finns Tod stellt sie fest, dass sie mit ihrer Trauer um ihren Onkel nicht alleine ist. An seiner Beerdigung entdeckt June einen scheuen jungen Mann, der sich im Hintergrund des Geschehens hält, und den alle für Finns Tod verantwortlich machen. Als June kurze Zeit später ein Päckchen mit Finns Teekanne und einer Nachricht von Toby, dem mysteriösen Fremden, erhält, muss sie sich entscheiden, wie weit sie gehen will.

Voller Neugier und Misstrauen lässt sie sich auf Toby ein und erkennt, dass hinter der verstörenden Wahrheit um Finns Tod eine einzigartige Persönlichkeit steckt, die ihrem geliebten Onkel viel ähnlicher ist, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

„Eine heiße Träne lief mir über die Wange. Und dann erhob sich auf einmal, in die Stille hinein und über alles andere hinweg, ein langes, trauriges Heulen. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als wäre dieses Geräusch aus meinem Inneren gekommen. Als hätte die Welt alles, was ich fühlte, zusammengefasst und in einen Ton verwandelt.“

Zitat, Seite 41

Es gibt sie, diese wahren Wohlfühlbücher, die dir beim Lesen einen wohligen Schauer über die Arme jagen und dich mit ihren einfühlsamen und poetischen Zeilen trotz aller Tragik und Emotionalität einhüllen wie eine wohlige Decke. Carol Rifka Brunts Debüt ist so eins. „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ ist sanftmütig, berührend und tröstlich. Eines jener Bücher, bei dem du dir wünscht, dass es nie zu Ende geht.

Wir reisen zurück in die späten Achtziger. Hier wachsen die 14-jährige June und ihre zwei Jahre ältere Schwester Greta nahezu eigenständig auf, während die Eltern sich in ihrer Arbeit als Buchhalter verlieren. Obwohl die Geschwister früher beste Freundinnen waren, entwickeln sich sich mit den Jahren in zwei völlig unterschiedliche Richtungen, hegen nahezu ein Hassliebe füreinander. Während Greta sich überall engagiert, zieht sich June immer mehr zurück. Nur bei Finn fühlt sie sich verstanden. Die Sonntage, an denen sie alleine ihren Onkel besuchen kann, sind ihr die Liebsten.

„Und bevor ich mich versah hatte sie den Mistelzweig hervorgeholt und hielt ihn mit einer Hand hoch. Sie zog damit einen Bogen über unsere Köpfe, als schneide sie die Luft, als halte sie mehr in der Hand als ein Stückchen Ast aus Weihnachtsgrün und Beeren. Finn und ich blickten beide nach oben, und mein Herz zog sich zusammen. Für einen kurzen Augenblick, der vielleicht so lang währt wie ein Sandkorn im Stundenglas oder ein Tropfen in einem undichten Wasserhahn, trafen sich unsere Blicke, und Finn, mein Onkel Finn, durchschaute mich – zack – einfach so. In diesem winzigen Sekundenbruchteil erkannte er, dass ich Angst hatte, er senkte meinen Kopf leicht nach unten und küsste mich mit einer so sanften Berührung auf den Scheitel, dass es sich eher anfühlte wie ein landender Schmetterling.“

Zitat, Seite 15

Als June erfährt, dass Finn an HIV erkrankt ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Schon bald werden die gemeinsamen Sonntage seltener und man findet sich nur noch einmal im Monat zusammen. Die Krankheit schreitet unaufhaltsam voran. Finn, der sich Zeit seines Lebens als Künstler einen Namen gemacht hat, möchte noch ein letztes Bild malen: ein Porträt der beiden Schwestern mit der Mutter. Es wird eines Tages den Titel „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ tragen.

Obwohl June bewusst ist, dass Finns Tage gezählt sind, trifft sein Tod sie mit aller Wucht. Sie weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, verschanzt sich noch mehr im Wald. Am Tag der Beerdigung erfährt sie von Toby, der über all die Jahre an der Seite ihres Onkels gelebt hat. Ein Leidensgenosse. Einer, der Finn genauso vermisst wie sie. Von Misstrauen und Neugier begleitet, nähert sich June dem Fremden und bringt damit nicht nur Toby’s Erinnerungen an Finn sondern auch noch eine ganze Reihe anderer Geheimnisse zutage, die Junes Gefühlswelt in Aufruhr versetzen und sie ihre ganze Welt in Frage stellen lässt.

„In diesem Moment schien etwas Gefährliches in mir zu erwachen. Etwas Hartes, Dunkles, Schlafendes tief in meinem Bauch hatte ein Auge geöffnet. Und dann war es wieder weg. Einfach so. Es fühlte sich an wie ein in meiner Brust zerplatzter Ballon.
Zitat, Seite 311

Carol Rifka Brunt ist hier ein erstaunlich einfühlsames Debüt gelungen, das sich nahezu leichtfüßig den Themen Homosexualität, Aids, Verlust und Trauer nähert. Es erzählt vom Heranwachsen, vom Anderssein und der Hassliebe zwischen Geschwistern, von Eifersucht innerhalb der Familie, von Schuldzuweisung aber auch von familiärem Zusammenhalt, von Freundschaft und Liebe. Dieser Roman ist so komplex und dennoch leicht zugänglich, dass man innerhalb weniger Zeilen sein Herz an ihn verliert. Ich kann ohne Zweifel sagen, dass er mein bisheriges Jahreshighlight ist.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause. Vielleicht hatte Finn das alles längst verstanden, so wie immer. Man kann ihnen ruhig sagen, wo man wohnt, denn sie finden einen sowieso. Das tun sie immer.“

Zitat, Seite 408/409

 

Die Kraft der Worte

„Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ – Stephanie Butland

„Oben wurde es still. Ich erinnere mich an das Gefühl, es war schmerzlich, unnatürlich, als verdaue mein Magen sich selbst. Meine Welt veränderte sich, sie war nicht mehr die, die ich kannte.“

Zitat, Seite 68

Loveday verlebt eine glückliche Kindheit bis ein tragisches Ereignis ihr alles nimmt. Die Familie zerbricht von einem Tag auf den anderen und verwandelt das junge aufgeschlossene Mädchen in einen Schatten ihrer selbst. Sie igelt sich ein, meidet fortan den Kontakt mit Menschen und flüchtet sich in Bücher. Sie beginnt einen Job im Antiquariat und versinkt in den Seiten zahlreicher Werke. In ihnen findet sie die Zuflucht, die die Menschen ihr scheinbar nicht geben können. Schon bald ist ihr Körper bedeckt von Textstellen; Lieblingszeilen, die sich in ihren Körper und in ihre Seele gebrannt haben.

Nur Archie, der alte Antiquar, wird für die junge Frau zum Freund. Er bedrängt sie nicht, schenkt ihr den nötigen Freiraum zum Entfalten, Zuwendung und Respekt. Und so beginnen Loveday’s Wunden der Vergangenheit langsam aber sicher zu heilen. Doch als eines Tages eine Kiste voller Bücher ihrer Mutter im Laden eintrifft, wird sie schlagartig von der Vergangenheit eingeholt. Was, wenn jemand ihr dunkelstes Geheimnis kennt?

Beim Poetry-Slam mit dem Illusionisten Nathan eröffnet sich ihr eine neue Welt: Denn durch die Gedichte bahnen sich die Gedanken aus ihrem tiefstem Inneren einen Weg in die Freiheit.

„Wenn die Familie auseinanderbricht, tun eine Weile lang die großen Dinge weh, wie direkt nach einem Schlag, doch diese Art Schmerz schwindet ziemlich schnell, weil man gezwungen ist, sich daran zu gewöhnen. (…) Kleine Dinge, wie das hier, kriegen dich hingegen immer wieder dran, und zwar für immer, soweit ich das sagen kann. (…) Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese kleinen Erinnerungen von winzigen Dingen ausgelöst werden, die nicht vorhersehbar sind und vor denen man sich demnach nicht schützen kann. Sie erwischen einen wie eine Papierschnittwunde am Herzen.“

Zitat, Seite 81/82

In „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ erzählt Stephanie Butland eine jener leisen und gefühlvollen Geschichten, die ich so unglaublich gerne mag. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die bereits mit neun Jahren aus ihrem behüteten Umfeld gerissen und in das staatliche Fürsorgesystem gesteckt wird, weil ein tragischer Unfall ihr beide Eltern nimmt.

Von da an zieht sich Loveday aus dem Leben zurück, wird zu einer schwer zugänglichen Person und findet selbst zu der fürsorglichen Langzeitpflegemutter Annabel keinen wirklichen Zugang. Nur beim Lesen fühlt sie sich geborgen. Sie vergräbt sich in Bücher, findet in Textstellen Kraft und schmückt ihren Körper schon bald mit Tattoos ihrer liebsten Zitate. Wie ein Schutzschild legen sie sich um ihren Körper, wirken nahezu besänftigend auf ihr inneres Seelenleid.

Als Loveday in Archie’s Antiquariat Brodie’s Books strandet, fühlt sie sich auf Anhieb gut aufgehoben. In dem Job im Laden, den ihr der alte Antiquar möglich macht, findet sie eine Aufgabe und in Archie einen väterlichen Freund. Umgeben von Büchern, schöpft sie neuen Mut und begegnet auch dem Illusionisten Nathan, der sich langsam aber sicher einen Weg in ihr Herz bahnt. Er ist es auch, der ihr zeigt, wie sie ihre Gedanken mithilfe von Gedichten in die Freiheit entlässt. Durch die Kraft der Poesie findet sie schlussendlich einen Weg, sich von all ihrem Seelenballast zu befreien.

„Archie meint, dass Bücher die besten Geliebten sind und die anspruchsvollsten Freunde. Er hat recht, aber auch ich habe recht: Bücher können echten Schmerz zufügen.“

Zitat, Seite 7

Butland erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Loveday, die mit uns durch drei Zeitabschnitte reist. Die Ich-Perspektive ließ mich schnell Zugang zu der jungen Frau finden, deren innerliche Zerrissenheit durch ihre Gedanken gut zum Vorschein kam. Neben dem aktuellen Geschehen, das im Jahr 2016 spielt, reisen wir auch in ihre drei Jahre zurückliegende Beziehung zu dem Wissenschaftler Rob und in Loveday’s Kindheit zurück. So eröffnen sich uns immer mehr Details, durch die wir die junge Frau kennenlernen und ihre Situation besser einzuschätzen verstehen.

Es ist ein bewegender Roman voller Poesie und Mitgefühl. Mit sanften und gefühlvollen Zeilen und einer beeindruckenden Bildsprache lässt Butland uns an der Entwicklung einer jungen Büchernärrin teilhaben, die sich nach einer Familientragödie und einer gescheiterten Beziehung nur ganz schwer wieder auf das Leben und die Liebe einlassen kann. Der Roman ist nicht nur eng mit der Literatur im Allgemeinen, sondern insbesondere auch mit der Lyrik eng verbunden, weshalb er sicher nicht nur mein Herz, sondern die Herzen zahlreicher Buchliebhaber höher schlagen lässt.

„Es gibt niemals ein Ende, und das gefällt mir so gut daran: der Zyklus eines Bücherlebens. Die einen kommen auf der Suche nach einem Buch, die anderen bringen es her, weil es in diesem Leben seinen Zweck nicht mehr erfüllt, aber zu einem anderen wiedergeboren werden kann. Und ich halte das ganze System am Laufen, so eine Art heiliger Petrus der Bücher.“

Zitat, Seite 140

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Der beste Zeitpunkt, um aufzubrechen, ist jetzt

„Gehen, um zu bleiben“ – Anika Landsteiner

„Im Endeffekt ist Reisen wie Leben im Schnelldurchlauf. Alles, was man erlebt, ist konzentrierter und intensiver. Ein Schatz an Erfahrungen, der bleibt.“

Zitat aus dem Prolog

Es begann alles mit einem Spontantrip in den USA. Auf dem vielleicht kürzesten Roadtrip der Welt, ließ Anika Landsteiner nicht nur das Ende einer fünfjährigen Beziehung hinter sich, sondern sog auch das Gefühl von unbändiger Freiheit auf, das vieles in ihr veränderte.

Der Grundstein fürs Reisen war gelegt: Der Roadtrip weckte eine Leidenschaft für das Aufbrechen in ihr, der sie sich fortan hingibt. Sie lässt sich treiben, reist von Land zu Land und sammelt Erfahrung um Erfahrung. Denn jeder Ort begegnet ihr anders: Während der eine sie mit offenen Armen empfängt, findet sie zum anderen keinen wirklichen Zugang.

In „Gehen, um zu bleiben“ lässt sie uns an fünfzehn Momentaufnahmen teilhaben, die sie an den unterschiedlichsten Fleckchen der Erde eingefangen hat. Ihr regelmäßiges Gehen füllt nicht nur ihre persönliche Schatzkiste an Erfahrungen, sondern mündet auch in ehrlicher Selbstreflektion.

„Glück bedeutet für mich nicht, einhundert Euro im Lotto zu gewinnen, sondern Verantwortung für mein Leben übernehmen zu dürfen und das absolut Beste daraus zu machen.“

Zitat, Seite 277

Es sind fünfzehn Reisen, auf die mich Anika Landsteiner in diesem Buch entführt. Jede von ihnen ist einzigartig und an ein bestimmtes Gefühl geknüpft, positiver wie negativer Natur. Sie führen mich nicht nur einmal um die Welt, sondern auch in die Tiefen ihrer Gedanken und erzählen von einer nicht enden wollenden Reise: der Reise zu sich selbst.

„Heute verstehe ich diese Reisen als einzelne Puzzleteile, die ineinandergreifen und ausschließlich zusammen meinen Blick auf die Welt geformt haben. Warum ich durch das Reisen zu dem Menschen wurde, der ich heute bin. Und vor allem, warum diese eine Reise nie zu Ende sein wird.“

Zitat aus dem Prolog

Nach einer Ausbildung zu Schauspielerin, wendet sich Anika Landsteiner dem Journalismus zu. Sie schreibt für verschiedene Online- und Printmedien und leitet zwei Jahre lang das renommierte Stadtmagazin MUCBOOK. Später gründet sie den Reiseblog Ani denkt und macht sich als Ani einen Namen.

Es ist das Jahr 2010, in dem sie mit ihrer Freundin auf den wohl kürzesten Roadtrip ihres Lebens aufbricht: zwei gebrochene Herzen auf dem Weg von Los Angeles nach San Francisco. Ein Trip, der mit grenzenloser Freiheit durchströmt und sie von ihrem Kummer befreit. Er wird zum Grundstein aller Reisen, die kommen werden. Ein Schlüsselmoment, der den Wunsch des regelmäßigen Aufbruchs in ihr weckt. Denn nur wer wegfährt, kann auch wieder heimkommen.

Und sie gibt sich ihm hin. Bereist fortan nicht nur Länder wie Spanien, Frankreich oder Griechenland, sondern auch Entwicklungsländer wie Indien, Kolumbien und Malawi. Sie wagt den Schritt aus ihrer Komfortzone; durchschreitet Türen, die ihr Zugang zu unbekannten Abenteuern freigeben Reisen mit ungewissem Ausgang.

„Wenn ich mit meinem Reisepass in der Hand zum Gate laufe, ist das wie auf eine Zaubertür zuzugehen, hinter der ein Abenteuer wartet.“

Zitat, Seite 169

Und so sammelt Ani nicht nur jede Menge Glücksmomente, sondern muss sich auch einer Reihe an Herausforderungen stellen. Momente voller Angst und Selbstzweifel; Situationen, in denen sie auch mal ihr Mut und klarer Verstand verlässt und sie auf die Hilfe anderer angewiesen ist und ihr klar werden lässt, wie sehr sie es schätzt, in Begleitung zu reisen.

Vor Ort taucht sie in fremde Kulturen und Bräuche, lernt nicht nur die schönsten und unberührtesten Fleckchen der Erde, sondern auch die ungeschönten Wahrheiten hinter den glänzenden Fassaden kennen. Sie geht mit Natur und Landesbewohnern auf Tuchfühlung; merkt, wie sehr die Schicksale Einzelner ihr ans Herz gehen und etwas in ihr bewegen.

„Probleme überqueren Ozeane und sind manchmal noch vor einem selbst dort. Sie warten überall auf uns.“

Zitat, Seite 30

Und so reist Ani nicht nur in die Welt hinaus, sondern auch in sich selbst hinein und findet dabei Puzzleteil um Puzzleteil ein Stück ihrer selbst.

„Gehen, um zu bleiben“ ist ein Buch, das gleichwohl inspiriert und nachdenklich stimmt. Es gibt den inneren Entwicklungsprozess einer jungen Frau preis, die lernt, was im Leben wirklich wichtig ist. Und so fragt sich der Leser am Ende, ob er nicht selbst ein bisschen reisen sollte. Der richtige Zeitpunkt um Aufzubrechen? Immer jetzt.

„Reisen heißt nicht nur, einhundert Likes auf das Palmenfoto zu bekommen und sich gegenseitig mit exotischen Zielen zu übertrumpfen, um immer ein bisschen höher, schneller, weiter zu kommen als die anderen. Reisen heißt vielmehr, Vorurteile abzubauen, in verschiedenen Sprachen Danke sagen zu können, sich fast vergessene Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Menschenkenntnis anzueignen. Die Welt aus einer Höhe von zehntausend Kilometern zu sehen oder den Blick unter die Meeresoberfläche zu wagen. Und Geschichten zu sammeln, die es wert sind, erzählt zu werden.“

Zitat aus dem Prolog

Seelenfeuer

„Wilde Reise durch die Nacht“ – Walter Moers

Als Gustave und die Mannschaft der Aventure von einem Siamesischem Zwillingstornado heimgesucht werden, scheint eines unausweichlich: der Tod. Doch dass ihm Gevatter Tod höchstpersönlich begegnet und ihm vor seinem Ableben noch einen Deal anbietet, damit hätte Gustave nicht gerechnet.

Um seine Seele vor dem Einsargen zu bewahren, soll Gustave in einer einzigen Nacht sechs schier unlösbare Aufgaben bewältigen: Er soll eine Jungfrau vor den Klauen eines Drachen befreien, durch einen Wald voller bösartiger Gespenster reiten, sich Rätselhaften Riesen und dem Schrecklichsten aller Ungeheuer stellen, der Zeit den Zahn ziehen und sich letztendlich selbst begegnen, ehe der Tod ihm die sechste und letzte Aufgabe stellt.

Die Aventure (Xylographie von Gustave Doré, aus „The Rime of the Ancient Mariner“ von Samuel Taylor Coleridge)

Gustave lässt sich auf den Pakt mit dem Tod ein und begibt sich fortan auf eine wilde Reise durch die Nacht, bei der er von der Erde zum Mond, einmal quer durch das ganze Universum und wieder zurückreist und das verrückteste Abenteuer seines Lebens bestreitet.

„Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Gevatter Tod

“Das Leben, mein Junge, ist nicht nur eine wilde, schöne Reise. Leben, das heißt auch: dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Das ist das Härteste überhaupt! Das muss man aushalten können. Bist du bereit, das auszuhalten, mein Junge?”

Zitat, Seite 163

Während ich Moers‘ Zamonien-Romane bereits allesamt verschlungen habe, blieb das vorliegende Werk bis dato immer unentdeckt. Irgendwie hatte ich den Roman, der bereits 2001 im Anschluss an „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ und „Ensel und Krete“ erschienen ist und nicht in Zamonien spielt, all die Jahre übergangen. Welch ein Fauxpas!

Nachdem ich sein neuestes Werk „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ innerhalb kürzester Zeit gelesen hatte, beschloss ich, bis zur Erscheinung der ersten Graphic Novel im Herbst meine moers’sche Lektüren-Lücke zu füllen, und mir eine der alten Hardcover-Ausgaben von „Wilde Reise durch die Nacht“ zu sichern. Wie ich herausfand, ist es neben seinem neuesten Werk ebenfalls mit Illustrationen aus fremder Hand ausgestattet.

Was sich mir in diesem Buch offenbarte, war eindeutig mehr, als ich erwartet hatte. Denn die Geschichte, die Moers um einundzwanzig Holzstiche des scheinbar erfolgreichsten Illustrators des neunzehnten Jahrhunderts entspinnt, ist grandios. Es sind die Bilder von Gustave Doré (1832 – 1883), auf dessen Grundlage die Geschichte basiert. Moers kreiert damit nicht nur ein wahnwitziges Abenteuer, das sich an Dorés Holzstiche entlanghangelt, sondern erschafft damit auch eine Hommage an den Illustrator selbst, der insgesamt 221 Werke, darunter auch Cervantes Don Quichote, Dantes Inferno, Poes The Raven, Ariostos Orlando Furioso (Rasender Roland) und die Bibel, mit seinen Zeichnungen und Holzschnitten ausgestattet hat. Demnach ist der 12-jährige Protagonist Gustave, den Moers hier auf eine phantastische Reise schickt, niemand geringeres als Gustave Doré selbst.

Gevatter Tod (Xylographie von Gustave Doré, aus „Die Bibel“)

„Das war der Tod in seiner Sturm-und-Drang-Phase! Vor ein paar hundert Jahren. Wahrscheinlich mal wieder unterwegs, um irgendeine Pest über die Menschheit zu bringen! (…) Damals hatte er noch wesentlich mehr Anhänger, wie du gesehen hast. Und sieh ihn dir heute an! Ein Schatten seiner selbst! Bis aufs Skelett abgemagert. Schiebt Dienst nach Vorschrift und hat sich in seinem Ruhesitz auf dem Mond verkrochen. Der erschreckt höchstens noch kleine Jungs. Mittlerweile hat er nur noch seine bekloppte Schwester. Der Tod ist Rentner geworden.“

Zitat, Seite 149/150

Und so finde ich mich in einem nächtlichen Unterfangen voller Anspielungen, schwarzem Humor, Einfallsreichtum und dramatischen Wendungen wieder. Das wahnwitzige Abenteuer, das mit der Begegnung mit Gevatter Tod und seiner bekloppten Schwester Dementia beginnt, führt mich nicht nur an zickigen Amazonen, dämlichen Riesen, weinerlichen Monstern und zahlreichen Fantasiewesen vorbei, sondern schleudert mich auch durch einen Galaktischen Gully mitten hinein in die Verwaltungsabteilung des Universums, wo ich einen Blick auf Futuristische Eventualitätswaben mit Raumzeitkontinuierlichen Möglichkeitsprojektionen werfen darf.

Eine nackte Amazone (Xylographie von Gustave Doré, aus „Orlando Furioso“ von Lodovico Ariosto)

Was soll ich sagen: Moers‘ überschäumende Fantasie kannte schon damals keine Grenzen. Er jonglierte bereits 2001 mit zahlreichen Fantasiewesen; die mir mitunter vertraut, aber auch gänzlich unbekannt waren; bastelte fleißig Anagramme und dehnte Wörter bis ins Unermessliche. Die begleitenden Holzstiche Dorés sind dabei nicht nur besonders schön anzusehen, sondern machen die „Wilde Reise durch die Nacht“ auch zu einem überaus harmonischen Gesamtwerk, das sich nun perfekt an die restlichen Zamonienromane schmiegt und die klaffende Lücke in der Moers-Regalreihe schließt.

Wer sich auf eine nächtliche Reise fernab von Zamonien einlassen möchte, dem ist dieses Werk schwer ans Herz gelegt. Auch 16 Jahre nach seinem Erscheinen hat es für mich nicht an Reiz verloren. Sicherlich ist in den nachfolgenden Werken eine gewisse literarische Entwicklung von Moers festzustellen. Dem Lesevergnügen des vorliegenden Werkes steht das aber keinesfalls im Weg.

„Je weniger qualvoll die Todesart, desto weniger attraktiv die Tiere. Wenn du friedlich an Altersschwäche stirbst, siehst du nur ein Huhn. Das letzte Huhn. Es gackert, und du bist hinüber.”

Zitat, Seite 154

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Lügen haben lange Beine

„Kleine Lügen erhalten die Familie“ – Katia Weber

„Alles zitterte. Wie bei einem Erdbeben. Sie hatte sich in letzter Sekunde in den Schutz eines Türrahmens gerettet, und jetzt klammerte sie sich mit aller Kraft an das Holz und sah dabei zu, wie alles um sie herum zusammenkrachte. Nicht in sich zusammenstürzte. Es krachte. Mit Verlusten. Mit Verletzten und Wunden.“

Zitat, Seite 7

Franzi ist Ende Vierzig, als sie einsehen muss, dass ihr die Liebe zu ihrem Mann Michael irgendwie abhanden gekommen ist. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachten sie zusammen, wurden Eltern von drei Kindern und Besitzer eines Hauses in Berlin. Zusammenleben wollen sie nicht mehr, so ganz aufeinander verzichten aber auch nicht.

Dass sie auch nach Michaels Auszug noch regelmäßig zusammen im Bett landen, muss ja keiner wissen. Schließlich hat doch jeder in der Familie seine kleinen und großen Geheimnisse.

Doch dass Brunhilde, Franzis Mutter, bereits seit ihrer Kindheit ein großes Geheimnis hütet, ahnt Franzi nicht. Denn ihren eigentlichen leiblichen Vater hat Brunhilde ihr über all die Jahre verschwiegen. Auch, dass ihre Mutter in den siebziger Jahren Villen ausgeraubt und dabei ein wertvolles Gemälde mitgehen hat lassen, ahnt keiner.

Doch auf einmal wohnt Franzis leiblicher Vater gar nicht so weit von seiner Tochter entfernt. Und Brunhilde fragt sich, ob nun die Zeit für die Wahrheit gekommen ist.

Ich möchte betonen, ich bin absolut kein Fan von Lügen. Ich verabscheue sie und vertraue nach wie vor auf die gute alte Wahrheit, mit der ich bislang am Besten gefahren bin. Hinter dem Titel des vorliegenden Buches stehe ich deshalb ganz und gar nicht, wo seine Aussage doch für genau das Gegenteil steht: dass es ohne sie nicht geht.

Als man mir jedoch Katia Webers Debüt als amüsante und gut unterhaltende Familiengeschichte verkauft hat, habe ich mich dennoch darauf eingelassen und fuhr damit gar nicht mal so schlecht. Zugegeben, es ist erneut ein Roman, der der unterhaltenden Frauenliteratur zuzuordnen ist. Und das ist irgendwie amüsant, wo ich doch all die vergangenen Jahre einen großen Bogen darum gemacht habe.

Was sich allerdings hinter dem entzückenden Deckel von „Kleine Lügen erhalten die Familie“ versteckt, ist eine durchaus unterhaltsame als auch sympathische Geschichte. Denn im Gegensatz zu Lügen bedienen wir uns wohl alle kleinen Geheimnissen, die man manchmal einfach besser für sich behält, als damit das große Chaos anzurichten.

Franzis Familie ist dafür ein gelungenes Beispiel. Denn hier behält nicht nur Franzi ihr geheimes tête-à-tête mit ihrem Ex-Mann, sondern auch ihre Kinder, der Hund und die Mutter so manche Sache für sich. Dass es sich bei Franzis Mutter Brunhilde allerdings um eine kriminelle Vergangenheit und die Wahrheit um Franzis leiblichen Vater handelt, ist schon ein starkes Stück. Und so ist das Chaos perfekt, als die Wahrheit Stück für Stück ans Tageslicht gerät und nicht nur Franzis Familie, sondern auch so manch anderen Haushalt durcheinanderwirbelt.

„Dieses Immer. Das war ihr irgendwann zu viel geworden. Ein Immer ging in ihren Augen nur, wenn man glaubt. Und lieben kann. Und Hoffnung hat. Aber Leute wie sie, die konnten das nicht. Die reagierten mit Sarkasmus auf Hoffnung und verdrehten bei Gefühlsduseleien die Augen. Das war wie ein Reflex.“

Zitat, Seite 87

Zu ihrem Roman wurde Katia Weber von einem Gemälde namens Die Toteninsel von Arnold Böcklin inspiriert, das sie eines Tages auf einem Kalenderblatt ihres Abreißkalender entdeckt hat. Die Faszination für das Gemälde und seine Geschichte haben für den vorliegenden Roman gesorgt, deren Geschichte Weber raffiniert mit ihm verwebt. So gelingt ihr eine unterhaltsame Familiengeschichte voller Humor, Wärme und der unumstößlichen Erkenntnis, dass Ehrlichkeit immer noch am Längsten währt.

<3 <3 <3

Ich ängstige dich, also bin ich

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ – Walter Moers

Autor: Walter Moers | Illustrationen: Lydia Rode | Seiten: 344 | Gebundenes Buch, Pappband mit Schutzumschlag | 24.99 € [D] | ISBN: 978-3-8135-0785-0 | Erscheinungstermin: 28.08.2017 | Knaus Verlag

„Wenn die Minuten durch die Jahre rufen, erhebt sich der ewige Träumer über seine irdische Last. Und reist mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht.“

Prinzessin Dylia ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien, weswegen sie sich auch gerne „Prinzessin Insomnia“ nennt. Ihr Rekord schlafloser Nächte liegt bei 18 Tage. Während sich der gesamte Königshof den Kopf darüber zerbricht, wie man ihrer heimtückischen Krankheit Einhalt gebieten könnte, hat sich Dylia mit ihrem Zustand längst abgefunden und nutzt die zusätzliche Zeit, sich ihrer ganz besonderen Leidenschaft, der Sprache, zu widmen. Sie übersetzt und erfindet dabei nicht nur eine Reihe spezieller Wörter, die sie selbst Pfauenwörter tauft, sondern wendet auch ein selbst erdachtes Buchstabenvertauschungsprogramm von verblüffender Wirksamkeit an. Durch das „ridikülisierende Anagrammieren“ kann sie jedes Schreckenswort in eine Karrikatur seiner selbst verwandeln und sogar Krankheiten und dem Tod den Stachel ziehen.

Prinzessin Dylias Pfauenwörter in alphabetischer Reihenfolge

„Prinzessin Dylia hatte nun einmal ein außergewöhnlich leidenschaftliches Verhältnis zu Sprachen. Zu Buchstaben. Zu Wörtern aller Art, deren Verbreitung sie gewissermaßen als ihre ganz eigene diplomatische Mission am Königshof empfand. (…) Sie übersetzte leidenschaftlich gerne von einer in die andere und wieder zurück. Übersetzen, so glaubte Dylia, sei wie Wörtern über die Grenze zu helfen. Selbst illegaler Wörterschmuggel und nicht autorisierte Übersetzungen konnten in ihren Augen wertvolle Beiträge zur Völkerverständigung sein.“

Zitat, Seite 50

Als eines Tages ein merkwürdig hässlicher Gnom mit schimmernd lederner Haut und einem unerhört losen Mundwerk in ihrem Schlafgemach auftaucht, wird ihr dennoch Angst und Bange. Denn Havarius Opal ist ein alptraumfarbener Nachtmahr. Sie sind es, die das Alptraumgeschäft verwalten und ihre Opfer so sehr in den Wahnsinn treiben, dass sie ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Auch Havarius verheißt Dylia, ihr von nun an nicht mehr von der Seite zu weichen und sie bis zu ihrem befreienden Sprung in den Tod zu begleiten.

„Wer nicht springen will, muss fühlen.“

Zitat, Seite 107

Doch Dylia beabsichtigt nicht im Geringsten, sich frühzeitig aus dem Leben zu verabschieden. Sie wählt daher die für sie viel interessantere Alternative: eine Reise nach Amygdala. Ein abenteuerlicher Trip in die Stadt der Angst und ins dunkle Herz der Nacht.

„Langeweile, das war für Prinzessin Dylia etwas, worunter kleine Kinder litten, die noch nicht genug Gehirnmasse entwickelt hatten. Oder Vollidioten, bei denen das mit der Gehirnmasse auch im Erwachsenenalter nicht klappte.“

Zitat, Seite 37

Ein irrer Trip durch die Windungen eines Hirns

Da ist es nun, das neue Werk von Walter Moers. Doch es ist nicht „Das Schloss der träumenden Bücher“, auf das Fans bereits seit geraumer Zeit warten, sondern vielmehr ein neues Zamonien-Projekt, das nach Aussage von Moers alle anderen vorübergehend verdrängt hat.

Zu seinem neuesten Werk, das er der zamonischen Spätromantik und erneut dem Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz zuschreibt, wurde Moers von Lydia Rode inspiriert, die sein Werk nicht nur farbig illustrierte, sondern auch an der seltenen und rätselhaften Krankheit Chronic Fatigue Syndom (CFS) leidet, einem chronischen Erschöpfungssyndrom, dessen Leitsymptom eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung ist.

Amygdala ©Illustration von Lydia Rode

Nun, Moers-Fans wie mir, ist es ehrlich gesagt völlig egal, wie das neue Zamonien-Werk nun heißt und in welche abgelegenen Winkel es mich führen wird, das einzig Wichtige ist, er schenkt mir neuen zamonischen Lesestoff. Und da ist er nun: „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“.

Und Moers enttäuscht mich nicht. Ganz im Gegenteil. Während das vorangegangene „Labyrinth der träumenden Bücher“ zwar eine Reihe an kreativen Ideen beinhaltete, aber auch vor altbekannten Begriffen und Wiederholungen aus den Vorgängerbänden strotzte, überrascht er mich nun mit einer wiedergewonnenen Stärke und einem neu angereicherten Ideenreichtum, mit dem er mich seit jeher zu begeistern versteht.

Dieser besagte Reichtum präsentiert sich nicht nur in einer Vielzahl an raffinierten Wörtern, skurillen Figuren und mysteriösen Schauplätzen, sondern auch durch einen gänzlich neuen Plot. Denn weder der Prinzessin noch dem Nachtmahr bin ich je zuvor begegnet. Es sind ihre rebellischen Persönlichkeiten, die in Konversationen voller unterhaltendem Wortwitz, starkem Sarkasmus und kämpferischem Gefrotzel ausufern. Moers schleudert mir Sprichwörter ums Ohr, die mir irgendwie vertraut vorkommen, und dennoch völlig anders sind. Schreckenswörter verwandelt er in verweichlichte Anagramme und aus merkwürdigen Fantasiebegriffen werden essentielle Pfauenwörter.

Während Moers sich anfangs recht eingehend mit Prinzessin Dylias Krankheit Insomnia und ihrer besonderen Vorliebe für die Sprache beschäftigt, kommt die Geschichte eigentlich erst so richtig mit der Begegnung von Havarius Opal, dem alptraumfarbenen Nachtmahr, und ihrer gemeinsamen Reise nach Amygdala ins Rollen.

Es ist die Schlaflosigkeit der Prinzessin, die uns Zugang zu einer völlig neuen Welt eröffnet und uns ins tiefere Innere ihres Gehirns führt. Eine abenteuerliche Reise voller ungeahnter Gefahren beginnt. Sie lässt uns durch dichte Nebelsuppe flimmen, Denkfalten passieren und in eine Hirnklamm hinabsteigen, wo wir nicht nur fragilen Geistgeistern (bzw. Zwielichtzwergen) und parasitären Zergessern begegnen, sondern auch über Zweifelspfützen springen, Ideen beim Schlüpfen zusehen und Geistesblitzen ausweichen müssen, um sie nicht in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen.

Wir reisen mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht, und winden uns voller Behanglichkeit in der moers’schen Kreativität. Die farbigen Illustrationen von Lydia Rode, die uns während der gesamten Reise durchs Buch begleiten, sind dabei nicht nur besonders schön anzusehen, sondern auch besonders wirkungsvoll. Sie erwecken die zahlreichen Fantasiefiguren und Schauplätze zum Leben und schenken Moers‘ Zeilen eine besondere Tiefe. Als wenn Rode Feenstaub über die Seiten gestreut hätte.

„Dein Gehirn ist ein Dschungel wie jedes andere Gehirn auch. Ein wilder, gefährlicher, gnaden- und gesetzloser Urwald voller unberechenbarer Kreaturen. Perfekte Ordnung und totales Chaos, Diktatur und Anarchie, freier Wille und irrer Zwang, Fressen und Gefressenwerden – all das existiert darin. Wie in einem Zoo, in dem alle Käfigtüren offenstehen.“

Zitat, Seite 111

Ein römisches Inhaltsverzeichnis

Insgesamt ist das zamonische Märchen in achtzehn Kapitel eingeteilt, die mit römischen Zahlwörtern versehen sind. So beginnt die Reise mit dem ersten Kapitel Primus und endet mit Octavus Decimus. Darüber hinaus ordnet Moers ihnen noch zusätzliche Unterschriften zur Orientierung wie z.B. Der Friedhof des bunten Humors hinzu. Dank ihnen lässt es sich auch im Nachhinein noch einmal ganz leicht durch die Schauplätze der Geschichte hangeln.

„Jedes Gehirn ist anders, jedes Gehirn ist verrückt und jedes Gehirn ist anders verrückt. Aber auf keinen Fall ist es nur.“

Zitat, Seite 111

Eine audiovisuelles Vergnügen

Hörbuch zum Roman ©2017 der Hörverlag

Eckdaten

Hörbuch, 1 mp3-CD

Laufzeit: 11 h 23 min

Produktion: der Hörverlag

Gelesen von: Andreas Fröhlich

ISBN: 978-3-8445-2809-1

Preis: € 24,99 [D]

Während ich sonst hauptsächlich nur lese, wagte ich mich bei „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf relativ unerforschtes Terrain und ließ mich neben der Lektüre auch von Andreas Fröhlichs facettenreicher Stimme berieseln, die sowohl als Stimme von Prinzessin Dylia als auch Havarius Opal in meinen Ohren Gestalt annahm.

Fröhlichs Stimme konnte mich erstaunlich schnell in seinen Bann ziehen. Er spielt wie ein Jongleur mit ihr, bedient sich unterschiedlichen Stimmlagen und betonenden Sprachpausen. Er schnauft und jammert was das Zeug hält und scheint selbst in Moers‘ raffiniertesten Fantasiebegriffen und Zungenbrechern kein Hindernis zu sehen. Gekonnt hangelt er sich durch die Geschichte, begeistert mit einem unbeirrbaren Redefluss.

Doch auch wenn Fröhlich mich während der gesamten Reise durch das Buch sehr gut unterhalten konnte, kann ich mich dem Gedanken; wie das Werk wohl vom verstorbenen Dirk Bach gelesen worden wäre, der alleine schon aufgrund seines aberwitzigen Naturells perfekt zu der Skurrilität von Moers‘ Zeilen gepasst hat; nicht verwehren.

Fest steht, dass das audiovisuelle Zusammenspiel dem zamonischen Vergnügen nicht nur eine zusätzliche Dimension schenkt, sondern die Geschichte auch mit einer besonderen Note Alptraum garniert. Es setzt Moers‘ Geschichte die Krone auf und sorgt dafür, dass Havarius‘ Stimme auch nach dem Ende des Hörbuchs noch lange in mir nachhallt. Fast sehne ich mich selbst nach der Begegnung mit einem Nachtmahr, der mich in das tiefste Innere meines Gehirns entführt. Es ist der fieberhafte Traum von einem Alptraum, der mich fortan wachhalten wird.

Besonders gelungen finde ich das Beiheft, das sich neben der CD im Inlay des Hörbuchs befindet und den Hörbuch-Hörern eine Auswahl von Lydia Rodes Illustrationen mitsamt Erklärungen der wichtigsten Phänomen des Romans schenkt.

„Stell es dir einfach so vor: Ein Alptraum ist ein Paket, das du bekommst. Der Nachtmahr ist der Postbote, der es zustellt.“

Zitat, Seite 77

<3 <3 <3 <3 <3

Weitere Besprechungen findest du hier:

Anima Libri

Kapri-zioes

Wortmalerei

Meine gebundenen Moers-Schätze

Heavy guitars

„Vintage“ – Grégoire Hervier

„Für mich ist Prestige Guitars der schönste Gitarrenladen in Paris. Um nicht zu sagen der schönste Laden überhaupt in Paris. Ein Hafen des Friedens mitten in Pigalle, eine Zeitinsel, in der man sich in der goldenen Ära des Rock vergnügen und vielleicht auch verlieren konnte. Die Gitarren an den Wänden waren keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern Waffen, an denen noch das Blut einer Revolution klebte.“

Zitat, Seite 12

Als Alain de Chévignés, Besitzer des Gitarrenladens Prestige Guitars in Paris krankheitsbedingt ausfällt, schmeißt Thomas Dupré vorübergehend den Laden. Für den leidenschaftlichen Gitarristen Thomas kommt der Job wie gerufen. Schließlich lässt es sich nirgendwo so herrlich durch die goldenen Zeiten der Rockgeschichte reisen wie in Alain’s Laden. Hier ist er von der Aura hochkarätiger Modelle einzigartiger Vintage-Gitarren umgeben, die er sich nicht im Lebtag leisten könnte.

Eines Tages wird das teuerste Modell des Ladens von einem anonymen Käufer in Schottland erworben. Die limitierte Les Paul von 1954, Alains bestes Stück; die ihren Namen der funkelnden goldlackierten Decke zu verdanken hat; soll in Schottland persönlich dem Käufer übergeben werden. Alain beauftragt Thomas mit der Übergabe, für den der vom Käufer gesponserte Trip nach Schottland eine gelungene Abwechslung darstellt.

Seine Reise führt ihn zu einem Landhaus in der Nähe von Loch Ness. Doch es ist kein gewöhnliches Anwesen, das ihn dort empfängt, sondern das Boleskine House, das sich Rocklegende Jimmy Page in seiner Anfangszeit von Led Zeppelin gekauft hat und mittlerweile im Besitz von Lord Charles Dexter Winsley ist. Thomas traut seinen Augen kaum, als er neben derlei anderem Reichtum auch an die 30 Gitarren-Sammlerstücke in der Villa erblickt; darunter eine weiße Broadcaster, eine Stratocaster in Lake-Placid-Blau und eine Les Paul Standard von 1959 mit geflammter Decke, die alleine um die halbe Million Dollar wert ist.

Doch als Winsley Thomas sein unvollständiges Triptychon von Gibson Gitarren in einem versteckten Hinterzimmer präsentiert, schwant ihm noch nicht, welches Ausmaß sein Besuch im Boleskine House erreichen wird. Denn zwischen den höchst gefragten Unikaten der Flying V und der Explorer klafft eine schmerzhafte Lücke. Das Herzstück der Sammlung fehlt: die legendäre Gibson Moderne. Eine Million Dollar verspricht Winsley ihm, wenn er den für den Lord nötigen Beweis liefert, dass die Moderne tatsächlich gebaut worden ist. Eine Falle oder einfach nur der lukrativste Job seines Lebens?

„Dies ist keine Sammlung wie jede andere (…) Es ist nicht der Friedhof meiner jungen Jahre, ein Mahnmal alter Erinnerungen, an die man nicht rühren durfte. Jede dieser Gitarren hat eine Geschichte, eine ruhmreiche Geschichte (…) Sie wartet nur darauf, von Zeit zu Zeit erzählt zu werden. Erwecken Sie sie zum Leben.“

Zitat, Seite 37

Eine Geschichte wie ein Song

Grégoire Herviers dritter Roman „Vintage“ präsentiert sich nicht nur in überaus ansprechender Optik, sondern auch äußerst facettenreicher Natur. Denn neben dem großflächigen Cover begeistert mich auch der Aufbau von Herviers Roman, der der Struktur eines Musikstücks gleicht und daher in die einzelnen Elemente eines Songs unterteilt ist. Es ist unschwer zu erkennen, dass Hervier eine Schwäche für Rockmusik hat, denn sie prägt sein Werk bis zur letzten Seite und schenkt ihr damit eine noch authentischere Note.

Zugegeben, der Experte in Sachen Rockmusik bin ich nicht. Dennoch hat mich Herviers Roman, der rein optisch bereits aus dem üblichen Diogenes Raster fällt, gleich auf Anhieb angesprochen. Ich bin mit den Rocklegenden meines Papas aufgewachsen, erinnere mich noch gut an die bis zum Anschlag aufgetreten Klänge von Rocksongs, mit denen mein Vater die Wände zum Zittern brachte. „Gute Musik muss man laut hören!“ pflegt er auch noch heute zu sagen. Die zahlreichen von Hervier erwähnten Künstler und Songs waren mir daher weitestgehend bekannt, wenn auch nicht in aller Vollständigkeit vertraut. Sicherlich werden eingefleischte Rockliebhaber hier auf ihre Kosten kommen.

Auf der Suche nach der legendären Gibson Moderne schickt Hervier seinen Protagonisten Thomas auf eine faszinierende Reise quer durch Amerika. Auf seinem Weg begegnet er nicht nur bessenenen Musikliebhabern und leidenschaftlichen Sammlern, sondern auch derlei zwielichtigen Gestalten, die ihm schon bald zum Verhängnis werden. Angestachelt von der lukrativen Belohnung Winsley’s und getrieben von seiner Neugier nach der Wahrheit, stößt Thomas auf einen nahezu unbekannten Künstler namens Li Grand Zombie Robertson, auf dessen einziger Platte von Half Moon Blues / Song to Rest in the Hell aus dem Jahre 1958 die vermeintlichen Klänge einer Moderne zu entnehmen sind.

Der scheppernde hypnotische Stil von Robertsons dunklem schweren Song erfasst schon bald die Seiten des Buchs und breitet sich langsam aber sicher auch auf Thomas und den Leser aus. Ehe man sich versieht, ist man, gelähmt von den düsteren Klängen, in eine rasante Verfolgungsjagd verstrickt, die nicht nur in die abgelegensten Winkel führt, sondern auch um Leben und Tod rennen lässt. Der Fluch der legendären Gibson Moderne sorgt zeitgleich für Faszination wie Besorgnis und lässt Herviers Geschichte Seite für Seite zu einem rasanten Krimi heranreifen, der in uns die Saiten zum Klingen bringt.

Grégoire Herviers Geschichte ist das Ergebnis einer raffinierten Verwebung von wahren Fakten und Fiktion. Sie verankert sich so intensiv in unserem Gedächtnis wie ein hartnäckiger Ohrwurm, der uns auch noch Stunden nach dem Hören durch den Alltag begleitet.

„Harold war die Suche wichtiger als das Ergebnis. Das hat seinen Kunstsinn verfeinert, ihn aber letzlich vielleicht auch limitiert. Er schielte kein bisschen auf den Erfolg seiner Musik. (…) Er holte sich seine Ideen aus der Zukunft und richtete seine Musik auch an sie. Das Hier und Jetzt war für ihn nur ein Durchgangsort. Er war ein Außerirdischer. Man wusste nicht, ob er schwarz oder weiß war, aus dem Norden oder aus dem Süden stammte, ob er noch von dieser Welt oder schon anderswo war. Der Einzige, bei dem ich später dasselbe Gefühl hatte, war Michael Jackson.“

Zitat, Seite 278

<3 <3 <3 <3 <3

Diogenes hat zur Erscheinung des Romans ein passendes Mixtape mit Klassikern veröffentlicht. Eine Reise von Robert Johnson, Chuck Berry und Elvis über The Kinks bis zu BRMC.

Hör mal rein:

(c)2017 Stayed Up All Night / Diogenes Verlag

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findest du hier:

Studierenichtdeinleben

Leseschatz

Feiner reiner Buchstoff

 

The map that leads to you

„Liebe findet uns“ – J.P. Monninger

Den letzten Sommer nach der Uni wollen Heather, Amy und Constance für eine gemeinsame Europa-Reise nutzen. Während sich Amy in die Arme zahlreicher Männer wirft und Constance sich ihrer Leidenschaft für Madonna-Statuen hingibt, ist Heather ganz vertieft in ihren Hemingway und will sich durch die Gassen der Altstädte treiben lassen. Dass sie im Zug nach Amsterdam auf ihre große Liebe trifft, hätte sie nie für möglich gehalten.

Was als flapsiger Schlagabtausch zwischen zwei Reisenden beginnt, entwickelt sich schon bald zu einer schicksalhaften Begegnung mit Folgen. Denn Heather und Jack können die Augen nicht mehr voneinander lassen, fühlen sich auf magische Weise zueinander hingezogen.

Und so ergänzt Jack fortan das Dreiergespann und entführt Heather zu den Stationen eines alten Reisetagebuchs seines Großvaters, das seine Reise bestimmt. Sie entdecken dabei die Schönheit ungewöhnlichster Orte und teilen die außergewöhnlichsten Momente zusammen. Doch als Heather klar wird, was sie für Jack empfindet, verschwindet er genauso plötzlich wie er kam.

War ihre Liebe nur für einen Sommer bestimmt?

„Wir standen da und verloren uns in den Augen des anderen. Im Vergleich dazu war jeder Blick, den ich je mit einem anderen getauscht hatte, nur eine Vorübung gewesen. Dieser Moment war überwältigend, wunderschön und beängstigend, und wenn mein Leben jetzt zu Ende gewesen wäre, hätte ich immerhin gewusst, wie es sich anfühlt, den Blick eines anderen festzuhalten und ohne jeden Zweifel zu wissen, dass das, was wir Seele nennen, auf die des anderen reagiert hat. Dass wir diesen Blick, diesen Moment, bis in alle Ewigkeit besitzen würden wie einen seltenen Schatz, zusammen mit dem Wissen, dass keiner von uns jemals wieder allein sein musste, niemals so ganz, nie wieder.“

Zitat, Seite 172

Es gibt Bücher, die triefen förmlich nach Liebesroman. Auch dieses hier schien mir so eines zu sein. Ich hatte so lange keine Liebesgeschichte mehr gelesen, dass ich ganz zielsicher nach „Liebe findet uns“ griff und überrascht war, als sich die Geschichte doch ganz anders präsentierte. Nun ja, nicht völlig, aber dennoch anders.

Denn Monningers Roman ist ein Mix aus vielem: Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte. Während Cover und Titel sich ganz eindeutig in die Richtung Liebesroman bewegen, folgen die Zeilen vorerst einer anderem Ziel: einer Reise durch Europa. Was anfangs als reiner Mädelstrip geplant war, wird schon bald zum Abenteuertrip für alle Beteiligten. Allen voran für Heather, die von Jack in ein altes Reisetagebuch eingeweiht wird und fortan mit ihm die Stationen seines verstorbenen Großvaters bereist. Nach Amsterdam folgt u.a. Polen, Italien und Frankreich.

„Egal was du mit nach Paris bringst, die Stadt nimmt es dir und gibt es erst wieder her, wenn sie es nicht mehr braucht. Dann ist es verändert, manchmal nur geringfügig, manchmal stärker, aber immer behält die Stadt einen kleinen Teil für sich. Paris ist ein Dieb. Ein lächelnder Dieb, der sich mit dir über einen Witz amüsiert und dich gleichzeitig beklaut.“

Zitat, Seite 227

Es sind die Stationen der Reise, in die Monninger auch seinen Roman unterteilt. Während sich die erste Hälfte seiner Geschichte mit dem Trip und der gemeinsamen Zeit von Heather und Jack befasst, erzählt die zweite von der Zeit danach. Von einer verlassenen Heather, die nach dem Verschwinden von Jack mit aller Macht versucht, ins Leben zurückzufinden und die geheimnisvolle Reisebekanntschaft zu vergessen.

Monningers Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Während er seine Leser stellenweise mit der nötigen Prise Romantik versorgt, findet er immer wieder zu einem gereiften und realistischen Ton zurück. Dieser Stilmix nimmt der Geschichte den unnötigen Kitsch, den ich von so vielen Liebesromanen kenne und lässt auch Heather, aus deren Perspektive erzählt wird, authentischer wirken.

Die Verflechtung der Geschichte mit Momentaufnahmen aus dem Reisetagebuch von Jacks Großvater habe ich sehr genossen. Sie hat den Orten, die Jack und Heather besucht haben, eine authentischere Note verliehen und ihnen einen ganz besonderen Wegbegleiter geschenkt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Monninger auf die Beziehung, die Jack mit seinem Großvater verband, noch etwas näher eingeht. Teilweise erschien mir der Verlauf der Passagen zu abrupt, lies mich verstimmt zurück.

Auch der zweite Teil des Romans präsentiert sich in meinen Augen deutlich schwächer als der erste. Es wirkt fast so, als wären Monninger die Ideen ausgegangen, die er im ersten Teil noch so fein ausgearbeitet hat. Er lässt Heather durch eine Reihe an Belanglosigkeiten wandern, die sicherlich der Realität und ihrer Trauerphase um Jack zuzuschreiben ist, seinen Zeilen aber auch ein bisschen an Besonderheit nimmt.

Das Ende hingegen hat mich wieder ein bisschen friedlich gestimmt. Es ist schlicht und ein angenehmer Kontrast zu den üblichen Happy Ends. Eins, das dem Leben ins Auge blickt und den Lesern Spielraum für ihre eigene Interpretation schenkt. So begegnet mir „Liebe findet uns“ als angenehm überraschende Liason aus Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte, die mich trotz einiger Schwächen, gut zu unterhalten wusste und einmal mehr unter Beweis stellt, dass die Liebe ihre ganz eigenen Wege geht.

„Die Liebe, die wir suchen, kommt von selbst und geht, wann sie will. Wer behauptet, wir würden Liebe finden, versteht ihr Wesen nicht. Liebe findet uns, durchfließt uns, zieht weiter. Wir können sie ebenso wenig zwingen, wie man Luft oder Wasser zwingen kann; ohne Luft und Wasser können wir genauso wenig leben wie ohne Liebe. Sie ist lebenswichtig und alltäglich wie Brot. Wenn man offen für sie ist, wird man sie überall sehen und nie ohne sie sein.“

Zitat, Seite 378

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