Seelenschmeichler

„Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiß und wisperig. […] Liss sah und roch und hörte, dass der Sommer zu Ende ging. Es war ein gutes Gefühl.“

Zitat, Seite 5

Als ich die letzte Seite von „Alte Sorten“ hinter mir ließ, saß ich beseelt da. Und überwältigt. Voller Wehmut strich ich über die ausgestanzten Birnen auf dem Cover, konnte ihre Konturen spüren, ihren intensiven Duft und Geschmack nahezu vernehmen. Der süßlich herbe Geschmack erfüllte meinen Mund, der klebrige Birnensaft lief mir an meinem Kinn herunter. Alexander Lucas. Die Birne, zu der ich in Liss‘ altem Zaubergarten am Ehesten gegriffen hätte. Es ist die Birnensorte, auf die ich nach der Lektüre am meisten Lust verspüre. Ihren Geschmack beschreibt der Autor mit dem Sonnenlicht, „wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele“. Wer kann solchen Zeilen schon widerstehen?

Was sich mir da in „Alte Sorten“ offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

Mir scheint, ich habe „Alte Sorten“ genau zur richtigen Zeit gelesen. Denn die Geschichte beginnt gegen Ende des Sommers, am 1. September, und erstreckt sich bis in den Oktober hinein. Meine Lektüre lief nur leicht verzögert mit den Kapitelüberschriften, die Arenz den Tagen gewidmet hat, die Liss und Sally, die beiden Protagonistinnen, gemeinsam verbringen. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters treffen hier aufeinander: Liss, Mitte Vierzig; Sally, gerade mal 16. Und obwohl die beiden Frauen einem äußerlich sehr unterschiedlich begegnen, umtreibt sie innerlich ein ganz ähnliches Seelenleid. Denn beiden hat das Leben stark zugesetzt. Ihre Seelen sind zerklüftet von den Spuren schmerzhafter Ereignisse.

„Es gab Tage, an denen es schwerer fiel, nur auf das zu sehen, was war. Nicht zurück, nicht vor. Nur auf das, was eben war. Weil ja auch alles, was gerade war, nicht aus dem Nichts kam und nicht ins Nichts ging. Alles hat eine Geschichte. Selbst Dinge, die sich nicht bewegten, bekamen eine Geschichte.“

Zitat, Seite 49

Und so bleibt ihre Begegnung an einem Spätsommertag draußen im Weinberg nicht ohne Folgen. Denn die körperlich ausgezehrte und ihrem Leben entflohene Sally ist von Liss‘ bodenständigem Auftritt so fasziniert, dass sie mit auf den Bauernhof kommt, den Liss alleine bewirtschaftet, und sich dort eine Zeit lang verschanzt. Es gehen Wochen ins Land, in denen sich die beiden Frauen gemeinsam dem Handwerk widmen, das Land und die Natur dabei vollends in sich aufnehmen. Sie backen Brot, bei dem man den frisch gemahlenen Roggen noch riechen kann; sie lesen Kartoffeln, deren erdiger Geschmack in schlichter Begleitung von Butter und Salz am besten zur Geltung kommt; sie pflücken bei klirrender Kälte Trauben im Weinberg, die sie später zu Wein verarbeiten und pflücken Birnen von alten Bäumen, die neben wuchernden Kräutern und Brennnesseln längst Teil eines Zaubergartens geworden sind, der uns wild und unbezähmbar begegnet. Es sind die vielen kleinen Momente, die für beide Frauen von großer Bedeutung werden und diesen Roman zu etwas ganz besonderem machen. Arenz‘ leise und eindringliche Zeilen, die einem oft nahezu poetisch begegnen und die Natur auf sehr eindrückliche Weise beschreiben, machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen.

„Das hier ist der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe.“ […] „Ich kann sehen, dass der Garten mal wie ein Käfig für dich war. Aber du siehst doch, was daraus geworden ist!“ Sie drehte sich im Kreis und versuchte, alles in sich aufzunehmen. Die von den Hecken wild überwucherten, sanft nach innen gedrückten verwitterten Latten des Zauns. Die parallel stehenden Bäume, die in ihren breit aufgefächerten Kronen, ihren geneigten Stämmen und in ihren Blätterwolken längst alle Rechteckigkeit zu einer verblassenden Erinnerung gemacht haben. Das Meer aus Gras, aufgeschossenen Kräutern und Brennnesseln, durch das im leichten Septemberwind hellgrüne Wellen von einem Ende des Gartens zum anderen liefen. „Das ist alles …“, wieder suchte sie nach dem richtigen Wort, „das ist alles wie eine wunderbare Strafe für den Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen.“

Zitat, Seite 117/118

Mit Liss und Sally sind Arenz zwei wunderbare Charaktere gelungen, die einem mit jeder Seite näher ans Herz wachsen. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten stehen im perfekten Kontrast zueinander: Sally, laut und ungestüm; Liss, leise und zurückhaltend. Sallys rebellisches Aufbegehren weckt in Liss nicht nur die Erinnerungen an sich selbst, die Zeit mit dem Mädchen schenkt ihr gewissermaßen auch eine Chance, zurechtzurücken, was der Vater bei ihr selbst falsch gemacht hat. Sally findet in Liss nicht nur einen Menschen, der sie hört und sieht, wie keiner zuvor, sondern auch ein Zuhause, das ihr die Eltern nie zu geben vermochten. So entwickelt sich zwischen den Frauen ein zartes Band der Freundschaft, das sie langsam aber sicher zurück ins Leben navigiert.

„Weil alles andere schlechter war, als das hier. Der Gedanke traf sie erst jetzt, mit der vollen Bedeutung. Plötzlich musste sie lachen. Einfach lachen. Sie wusste, es war alles nur auf Zeit. Auch das Lachen war eigentlich nur geliehen, dieser Augenblick der Befreiung nur auf Kredit, weil sie hier ja nicht immer würde bleiben können. Aber in diesem Moment war das egal. In diesem Moment waren die verstörenden Bilder auf einmal weg, als hätte man eine graue Folie zwischen ihr und der Welt weggezogen, und sie sähe das Dorf zum ersten Mal richtig und in allen Farben.“

Zitat, Seite 159/160

Nach dem Lesen dieses Romans machte sich eine ungeheure Sehnsucht in mir breit. Es war die Sehnsucht nach abgeernteten Weizenfeldern, dem sonnig-staubigen, uralten Geruch von Stroh und Heu in einer Scheune nach warmen Spätsommertagen und nach dem Duft von warmem Sommerregen. Wie gern würde ich mich mit Liss und Sally noch einmal ins Abenteuer stürzen. Was für ein Roman, was für eine Pracht! Ich habe jedes Wort und jede Zeile genossen. Und so hat mir Arenz ganz unverhofft ein Lesehighlight 2020 beschert!

„Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten sich Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.“

Zitat, Seite 127

Wenn das Leben über einen hereinbricht

„Offene See“ – Benjamin Myers

Dumont Verlag, erschienen am 20. März 2020, Preis 20,00€ [D], hier geht’s zum Buch

„Das Leben wartete da draußen, bereit, gierig getrunken zu werden. Vertilgt und verschlungen zu werden. Meine Sinne waren erwacht und unersättlich, und ich schuldete es mir selbst und all den anderen meiner Generation, […] mich mit dem Leben vollzustopfen.“

Zitat, Seite 16

Es ist ein ländliches Bergarbeiterdorf in einer sanft gewellten Landschaft, irgendwo zwischen der Stadt und dem blaugrünen Meer. Von dort bricht er auf, um der Enge seines Elternhauses zu entkommen, mehr von der Welt zu sehen und und sein wahres Ich zu finden. Seinen Rucksack hat er nur mit dem Nötigsten bestückt. Die Sehnsucht nach dem Meer und nach Freiheit treiben ihn voran. Und so bildet Robert schon bald eine Symbiose mit der facettenreichen Natur Nordenglands, die mit einem abwechslungsreichen Terrain aus Heidelandschaften und Wäldern, Mooren und Bergen, Schluchten und Tälern aber auch dem Gefühl grenzenloser Freiheit aufwartet.

Es ist die Zeit nach dem Krieg. Einem Krieg, der noch immer in den Menschen wütet, sich wie eine schwarze Blume mit ihrem Herzen verwurzelt hat. Die Erinnerungen an das Gesehene wirken toxisch, lassen entkräftete und verstörte Seelen zurück. Robert sucht sich nebenbei Arbeit als Tagelöhner, ersetzt die Kriegsverluste oder verlorenen Seelen. Und mit jedem Schritt und jeder Weggabelung, die er hinter sich lässt, kann er auch seine jugendliche Haut abstreifen.

Er strandet in einem alten von Wildem Wein überwuchertem Cottage mit angrenzender Wildwiese unweit vom Meer entfernt. Hier trifft er auf Dulcie, einer unerschrockenen, belesenen, rede- und weltgewandten Dame mittleren Alters und ihrem Hund Butlers. In ihrem wilden Garten schlägt Robert für mehrere Tage sein Lager auf, erledigt kleine Garten- und Ausbesserungsarbeiten für Dulcie, die seinem Gaumen im Gegenzug zu kulinarischen Leckerbissen verhilft. Und so genießt Robert nicht nur das erste Mal eine Reihe von kulinarischen Köstlichkeiten, die ihm durch seine bescheidenen Familienverhältnisse bislang verwehrt geblieben sind, sondern auch seinen ersten Vollrausch. Und obwohl den 16-jährigen und die Frau mittleren Alters ein erheblicher Altersunterschied trennt, führen sie fortan ausschweifende Gespräche über Gott und das Leben. Es ist Dulcie, die Robert zeigt, was das Leben so alles für einen bereithält und dass es sich darum kämpfen lohnt, selbst entscheiden zu dürfen, wohin einen der Weg führt.  

„Ich atmete tief ein, roch Erde, Bärlauch, Kräuter, schwebende Pollen und den Duft der salzigen Seeluft. Ein Sinnenschmaus. Die winzigsten Details wurden glasklar: das Rippengefüge eines kleinen welken Blattes, das seit dem Winter unberührt geblieben war, das Beben eines einsamen wilden Grashalms, während andere ringsherum reglos blieben. Auch das leise Hecheln des Hundes fiel in den Takt meines eigenen Herzens mit ein, das einen sanften Rhythmus aus rauschendem Blut in meinem Trommelfellen schlug. Ein einzelner Schweißtropfen rann an meiner linken Schläfe herab. Ich fühlte mich lebendig. Herrlich, irrsinnig lebendig.“

Zitat, Seite 53

Es war ein einziger Tag am Meer, den wir in unserem Urlaub an der niederländischen Küste verbracht haben. Er war erfüllt von einem Bad im sonnenerhitzten Meer, dem Muscheln sammeln und den Freudenschreien einer kleinen Räubertochter, die das erste Mal in ihrem Leben von Salzwasser umspült wurde. Ein kurzer Augenblick des Glücks, der von einer großen Gewitterwolke jäh beendet wurde, die sich fast vollständig über uns entladen hat und uns wenig später an der regennassen Promenade entlang schlendern, barfuß durch Pfützen hat waten lassen. Und dennoch. Es war da, dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit, das mich durchströmt, wenn ich das Meer sehe. Wie Balsam hat es sich auf meine Seele gelegt und eine Träne in die Freiheit entlassen, die sich in meinem Auge gesammelt hat. Vor Glück. Wir haben uns so lange nicht gesehen. Das Meer und ich.

Meine diesjährige Urlaubslektüre hätte ich nicht besser wählen können. Hatte ich doch bereits kurz vor dem Erscheinen in „Offene See“ hineingeschnuppert und mich schon an den ersten Zeilen gelabt, die mich umspült haben wie das Meer selbst. Es war die beste Entscheidung, mir diese Perle für einen besonderen Moment aufzuheben; für den Urlaub, der so lange auf sich warten hat lassen und mir im aller letzten Moment doch noch vergönnt war. Und auch als der Urlaub längst vorbei und ich wieder zuhause war, genoss ich die letzten Seiten von „Offene See“ noch in vollen Zügen. Es erschien mir fast, als habe sie mich noch ein bisschen weiter getragen, die Sehnsucht nach dem Meer, von der auch der junge Robert vorangetrieben wird. Es ist sein Wunsch nach grenzenloser Freiheit, nach Abenteuer und nach Leben, den ich so gut nachempfinden konnte; sein neugieriges Wesen, dass das mir auf Anhieb sympathisch war. Ich verstand, warum er nicht in die Fußspuren seines Vaters treten möchte. Warum er das Leben in der freien Natur dem Leben unter Tage vorzieht. Nicht der Bergbauer werden will, den sein Vater in ihm sieht.

„Ein gutes Gedicht bricht die Austernschale des Verstandes auf, um die Perle darin freizulegen. Es findet Wörter für Gefühle, deren Definitionen sich allen Versuchen des verbalen Ausdrucks entziehen.“

Zitat, Seite 111

Myers‘ Zeilen begegnen einem wie Offenbarungen. Seine Beschreibungen sind melodisch. Poetisch. Nachhallend. Er scheint für alles die richtigen Worte zu finden. Verleiht seinem Roman damit eine ungeheure Kraft und Lebendigkeit. Man wiegt sich nahezu in den atmosphärischen Zeilen, die die Umgebung erwachen und zu ihrer vollen Schönheit entfalten lassen. Und so umgibt dich während dem Lesen eine unglaubliche Unbeschwertheit und Ruhe. Sie lassen uns die Natur und die Landschaft Englands vollends in uns aufnehmen, ihre Schönheit mit allen Sinnen erfassen. Die Willkürlichkeit des Moments wird unser Navigator, lässt es zu, dass wir in in diesem Kleinod stranden. 

Doch Myers findet nicht nur brillante Worte, er ergänzt seine Zeilen auch um die namhafter Künstler, bringt Textstellen, AutorInnen und Werke ins Spiel und verschafft damit nicht nur seinem jungen Protagonisten sondern auch seinen Lesern Zugang zu guter Literatur, zu Musik und zur Lyrik. Er zitiert Stellen aus dem Koran, empfiehlt Robert D.H. Lawrence, Whitman, Sheley, John Clare, Robinson Jeffers, Emily Dickinson, Christina Rossetti und Emily Bronte. Die weise Dulcie wird dabei zu Myers Sprachrohr. Sie ist es, die Robert an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben lässt, ihm das Leben schmackhaft macht und ihn darin bestärkt, für ein selbst bestimmtes Leben zu kämpfen. Und so bringt Dulcie einen Reifeprozess ins Rollen, der aus dem jungen Robert einen Mann formt, in dem Begehren erwacht.   

Dulcie begegnet uns als sehr starke widerstandsfähige Persönlichkeit. Sie scheint bereits alles gesehen zu haben, pflegt die richtigen Kontakte, verfügt über die notwendigen Mittel, um Haus und einen umfangreichen Fuhrpark unterhalten zu können. So leicht scheint sie nichts aus der Bahn zu werfen. Doch als Robert in ihrem verwilderten Schuppen auf einen Gedichtband namens „Offene See“ stößt und sie damit konfrontiert, beginnt ihre Fassade zu bröckeln und ein verdrängtes Erlebnis kämpft sich mit aller Macht in ihr Bewusstsein zurück. Und plötzlich ist es Robert, der Dulcie dazu verhilft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sich mit der offenen wütenden See zu versöhnen. 

Es war mir ein wahres Vergnügen mich in (die) „Offene See“ zu stürzen. Meine Reise mit Robert und Dulcie hat mir die Augen geöffnet, meine Sinne erweitert und mir ein Gefühl von unbändiger Freiheit geschenkt. Es ist ein Abenteuer, das ich so schnell nicht vergessen und dem ich noch eine ganze Weile nachhängen werde.

„Während ich jetzt hier am offenen Fenster sitze, ein Glissando von Vogelstimmen auf einer hauchzarten Brise, die den Duft eines letzten nahenden Sommers in sich trägt, klammere ich mich an die Dichtung, wie ich mich ans Leben klammere.“

Zitat, Seite 11

Elftausend Meter unter dem Meer

„Marianengraben“ – Jasmin Schreiber

Eichborn Verlag, Hardcover, erschienen am 28. Februar 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Paula vermutet einen dieser versehentlichen Hosentaschenanrufe ihrer Mutter, als diese sie aus dem gemeinsamen Mallorca-Urlaub mit Bruder Tim anruft. Doch als der Satz, den die Telefonleitung zu ihr trägt, in ihr Bewusstsein durchdringt, wird ihr der Ernst der Lage bewusst. „Der Tim ist tot.“ Vom einen Moment zum nächsten wird Paula ihr Bruder genommen, und mit ihm ihre Konstante im Leben. Sie hat ihn heiß und innig geliebt: seine Kükenflaumhaare, seine Begeisterung für Tiefseefische und dass immer alles megakrass für ihn war. Mit seinem Tod breitet sich in ihr das Nichts aus, ein Zustand ohne Gefühl, ohne Geruch und ohne Klang. Es verwandelt sie in ein leeres Menschenkostüm, das durch den Wind der Tage flattert und sie in eine tiefe Depression stürzt. In ein Loch, so tief wie der Marianengraben, elftausend Meter unter dem Meer.

„An meinem Kühlschrank hängt bis heute ein Graph, auf dem man sieht, wie ein menschliches Herz zerbricht.“

Zitat, Seite 20

Als sie den Rat ihres Therapeuten befolgt, und zwei Jahre nach Tims Tod endlich sein Grab aufsucht, wartet dort eine merkwürdige Begegnung auf sie. Denn nicht nur sie, sondern auch Helmut, ein schrulliger alter Herr, hatte die Idee, den Friedhof nachts aufzusuchen. Zu viele Menschen laufen ihr dort tagsüber rum, zu viele unangenehme Beobachtungen könnten daraus resultieren. Mit Helmut hatte sie nicht rechnen können. Doch ehe sich Paula versieht, steckt sie bereits mitten drin, in einem Abenteuer mit dem wildfremden Alten, der die staubigen Überreste seiner Geliebten nach Südtirol bringen will. Eine Reise, die Paula nicht nur ins wunderschöne Italien, sondern auch zurück zu sich selbst bringt.

„Gedanken sind oft so unkontrollierbar wie die Liebe, die sie auslöst. Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.“

Zitat, Seite 9

Es ist ein wirklich abgefahrener Roadtrip mit Paula, dem schrulligen alten Helmut und seiner Hündin Judy. Was im ersten Moment recht heiter klingt, birgt allerdings auch tieftraurige und emotional tiefgehende Momente in sich, die dich dem Abgrund und den Tränen ganz nahe bringen. Doch Jasmin Schreiber meistert, ähnlich wie Lucy Fricke in „Töchter“, den schmalen Grat zwischen Freud und Leid und führt ihre Leser dadurch ganz leichtfüßig durch die Themen Tod, Trauer und Depression. 

In „Marianengraben“ begegne ich zwei Protagonisten, die mit großen Verlusten zu kämpfen haben und dementsprechend mit dem Leben hadern. Die junge Paula spürt seit dem Tod ihres kleinen Bruders Tim vor zwei Jahren nur noch Leere in sich und der Pensionär Helmut hat erst kürzlich die Urne seiner (Ex)Frau Helga ausgebuddelt. Als die beiden nachts auf dem Friedhof aufeinander treffen ist die Freude nicht allzu groß, weder Paula noch Helmut sind sonderlich erpicht darauf, fortan ein gemeinsames Abenteuer zu bestreiten. Aber wie es der Zufall so will, sitzen die beiden dennoch wenig später zusammen in Helmuts Wohnmobil mit Kurs auf Südtirol, um dort die Überreste aus Helgas Urne zu verstreuen.

Dass die junge Frau und der Pensionär ein ungleiches Gespann abgeben, liegt schon allein des Altersunterschieds wegen auf der Hand. In Kombination mit Helmuts verrückter Hündin Judy, die nur noch rückwärts läuft, wenn sie eine Karotte im Maul hat, und einem verletzten Huhn, dass sie am Anfang ihrer Reise am Wegesrand aufgabeln und verarzten, nimmt der Roman recht skurrile Züge an, die für ungeheure Unterhaltung und viel Situationskomik sorgen. Doch je länger Paula und Helmut zusammen unterwegs sind, umso mehr kommen ihre Gemeinsamkeiten zum Vorschein. Nicht nur ihre Schicksalsschläge, sondern auch ihr Umgang mit dem Verlust verhalten sich nämlich ganz ähnlich. Sie sprechen eine Sprache, fühlen sich zum ersten Mal richtig verstanden. Bei Helmut kann Paula ihre wirren Gedanken ins Freie entlassen, die sie selbst vor ihrem Therapeuten zurückgehalten hat. Für Paula nimmt Helmut eine Art Vaterrolle an, die er ungewollt früh aufgeben musste, weil es das Schicksal nicht gut mit ihm meinte. Innerhalb von zwei Wochen wird Paula für ihn zu einer Art Familie, die er nicht mehr hatte. Und so führt das Schicksal zusammen, was zusammen gehört. 

„Du wolltest immer irgendwohin, hattest immer etwas vor, hattest immer den Drang, das Haus zu verlassen, nicht stehen zu bleiben, niemals zu ruhen. Du warst Zauberer und Abenteurer, Tierdompteur und Taucher, du warst ein Seeadler, wolltest fliegen und schwimmen und rennen und tauchen und das alles, bis es eben vorbei war. Tim, der Fisch. Tim, der das Meer so liebte und dann vor zwei Jahren in ihm ertrank.“

Zitat, Seite 10

Neben dem Trip nach Südtirol reisen wir mit Paula immer wieder gedanklich in die Vergangenheit, lernen einen aufgeweckten, wissbegierigen Tim kennen, für den das Meer und die Unterwasserwelt immer das Größte war. Er ist es auch, mit dem Paula über den Marianengraben spricht, der tiefsten Stelle des Weltmeeres. Ihre Trauer um ihn bringt sie dem Ort, der da ganz unten in der Dunkelheit liegt, wo es kein Licht, keine Farben und kaum noch Sauerstoff gibt, ganz nahe. Diese elftausend Meter, die Paula eigentlich immer viel zu abstrakt vorkamen, bekommen mit Tims Tod plötzlich eine greifbare Qualität. „Elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.“ Schreiber bedient sich dieser Tiefe deshalb auch für ihren Roman, verwendet ihn als Ausgangspunkt in der Überschrift ihres ersten Kapitels und lässt uns so Kapitel für Kapitel langsam wieder zurück zur Wasseroberfläche tauchen. Und so stehen die Kapitel symbolisch für Paulas Hervortauchen aus der Tiefe ihrer Depression, in der sie seit Tims Tod versunken ist, für ein Erwachen, zu der ihr diese verrückte Reise und der schrullige alte Helmut verhilft. Dieses symbolische Stilmittel hat mich schwer beeindruckt, Paulas Tiefgang  und die Züge ihrer Depression sehr deutlich, ja fast greifbar gemacht.

Jasmin Schreibers Stil ist unglaublich beeindruckend. Er ist heiter und farbenfroh und gleichzeitig so melancholisch und tieftraurig, das die Geschichte einem ganz nahe geht. Sie so stark macht und zeitgleich so unglaublich leichtfüßig daherkommen lässt. Und genau deshalb liegt mit „Marianengraben“ eins meiner diesjährigen Lesehighlights hinter mir. 

„Du hast mich sensibilisiert, hast einen Teil von mir zu dir werden lassen, Liebe tut so etwas. […] Wir waren zwei Interpretationen desselben Songs, zwei Seiten derselben Münze, zwei Bäume nebeneinander im Wald, die sich unterirdisch gegenseitig mit Glucose versorgten. Wir waren Geschwister, und das ist etwas ganz Besonderes. Du bist fort, aber du hast mich auf dieser Welt zurückgelassen, als wäre ich der Durchschlag und du das Original. Du hast mich geprägt, deinen Abdruck hinterlassen und ist es nicht für immer meine Aufgabe, diesen in die Welt hinauszutragen?“

Zitat, Seite 208/209

De Welt geiht ünner!

„Mittagssstunde – Dörte Hansen“

Penguin Verlag, Hardcover, erschienen am 15. Oktober 2018, Preis 22,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut. Es vertrösten auf die guten Tage, wenn der Himmel steinfrei war, windstille Tage, manchmal gab es das. (…) Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem geliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“

Zitat, Seite

Es ist sage und schreibe schon 1,5 Jahre her, dass ich Dörte Hansen im Carl-Orff-Saal im Rahmen der Münchner Bücherschau 2018 bei einer Lesung zu ihrem Roman „Mittagsstunde“ erleben durfte. Der Abend, der sich als bayerisch-plattes Unterfangen aus Moderator Thomas Grasberger und Autorin Dörte Hansen herausstellte, war großartig. Denn es hat auf der Bühne ordentlich Funken gesprüht, als Nord auf Süd, Oberland auf Bayern traf und uns geradewegs nach Brinkebüll, dem Ort des Geschehens, entführte, der, wie Grasberger feststellte, in bayerischen Ohren wohl eher nach Bullerbü klingt.

Die Lesung war Ende November und zu diesem Zeitpunkt stand ich mit meiner Lektüre noch am Anfang des Romans, die sich weit ins darauffolgende Jahr erstrecken sollte. Denn ich genoss Hansens Zeilen so sehr, dass ich mich nicht von ihnen verabschieden wollte, sie Stück für Stück in die Länge zog. Nach der Lesung im Carl-Orff-Saal hat mich der wunderbare Klang von Hansens Stimme bei meiner weiteren Lektüre begleitet, sie zu einem sehr authentischen Lesevergnügen gemacht. Plötzlich nahm die Geschichte so rasant an Fahrt auf, dass mir ganz schwindelig wurde. Denn gerade die plattdeutschen Elemente, von denen es hier reichlich gibt, prasselten förmlich auf mich nieder. Dass die Nordfriesen schnell reden können, wusste ich bereits aus meiner Zeit in Hamburg, nach dem Abend im Gasteig war diese Tatsache aber so sicher wie das Amen in der Kirche. Und deshalb habe ich meine Entscheidung, das Buch nicht schon vor der Lesung komplett beendet zu haben, nie bereut.

„Verrückte und Pastoren, einfach klappern lassen.“

Zitat von Thomas Grasberger

Die Geschichte von Ingwer Feddersen, der in sein Heimatdorf Brinkebüll zurückkehrt und nichts mehr so vorfindet, wie es mal war, mag einem anfangs recht unspektakulär erscheinen, spätestens aber wenn man mit Ingwer auf die schrulligen Dörfler und ihren hinterwäldlerischen Angewohnheiten und Ansichten trifft, hat Hansen dich am Schopf gepackt und mit aller Wucht in das Geschehen geschleudert, das dem ihres Heimatorts Husum sicher ganz nahe kommt. Auch Ingwer, der Brinkebüll für sein Studium hinter sich gelassen hat, findet deshalb nicht auf Anhieb zurück. Seinem Großvater Sönke nähert er sich nur langsam. Er scheint ihm noch immer nicht verziehen zu haben, dass er damals in die große weite Welt (nach Kiel) hinauszog und den Familienbetrieb, den Gasthof Brinkebüll hinter sich ließ. Nun blickt Ingwer, mittlerweile Archäologe und Hochschullehrer, einem verstaubten Manifest alter Tage, dem Tanzsaal der Gastwirtschaft, wo man früher das Tanzbein geschwungen und den neuesten Dorftratsch untereinander ausgetauscht hat und einem gealterten Großvater in die Augen.

„Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. Zwei oder drei, die in sich selbst verknotet waren (…) Halfbackte, wunderliche Menschen, sehr einsam hinter ihrer Wand aus Glas.“

Zitat, Seite 35/36

Und dann wäre da noch Marret Feddersen, Ingwers Mutter, die eigentlich nie Mutter sein wollte und ihren bizarren Eigenarten nachhängt. Sie ist verschroben, eine Art Dorfverrückte, die überall Zeichen für den Untergang der Welt sieht. Sie ist der Ansicht, dass auch dem Dorf der Untergang bevorstünde, und irgendwie trifft sie es damit genau beim Wort. Denn dem nordfriesischen Geestdorf stehen große Veränderungen bevor: eine große Flurbereinigung, der Einzug modernster Technik, die Umstruktierung der Landwirtschaft und ein neuer Lehrplan (der keine Heimatkunde und Gewalteinwirkung mehr vorsieht) leiten eine neue Ära ein. Eine, mit der nicht alle Dörfler umgehen können.

Schon in Hansens Vorgängerroman „Altes Land“ fühlte ich mich damals auf Anhieb wohl. Und so verwunderte es mich nicht, dass mich auch ihr zweiter Roman, der ein Familien- und Heimatroman mit gesellschaftskritischen Zügen zugleich ist, in seinen Bann zog. Ich genoss sie schon sehr, die Zeit mit Ingwer Feddersen und all den verschrobenen Dörflern aus Brinkebüll. Hansens ehrliche und unaufgeregte Zeilen über das Leben tun einfach der Seele gut. Sie sind ungeschönt, wirken zu keiner Zeit kitschig oder aufgesetzt. Die sprachliche Raffinesse ihrer Zeilen beeindruckt, das Platt unterhält in höchstem Maße.

In der Mittagsstunde oder auch „Siesta des Nordens“ spielt sich im kargen aber scheinbar grenzenlosen Nordfriesland einiges ab. Das beweist Hansen mit ihren Zeilen auf’s Vortrefflichste. Und wenn man es genau nimmt, könnten ihre Figuren auch genauso gut aus unserem Nachbarort stammen. Denn so ein leicht verschrobener Charakter haftet wohl irgendwie allen Dorfbewohnern an.

„Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte schon jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes. Das Schweigen war wie eine zweite Muttersprache, man lernte es, wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagen durfte und was nicht.“

Zitat, Seite 166

#baybuch: Wenn ein Riese plötzlich ganz klein wird

„Der vergessliche Riese – David Wagner“

Es ist Demenz, die Davids Vater im Alter ereilt und den einst so selbständigen Mann plötzlich hilflos und pflegebedürftig macht. Die Erinnerungen entgleiten ihm, Vergangenheit und Gegenwart sind für ihn oft nicht mehr auseinander zu halten. Und so sehen sich seine Kinder gezwungen, ihren alternden Riesen in einem Pflegeheim unterzubringen, ehe er nicht mehr zu seinem wirklichen Leben zurückfindet.

„Oft komme ich mir vor, als wäre ich aus einem Buch gefallen und könnte nicht zurück. Ich bin plötzlich in einer ganz anderen Geschichte und weiß nicht, was ich da soll.“

Die Rezension zum vorliegenden Werk mag für kurze Zeit in Vergessenheit geraten sein, nicht aber die Beschreibungsintensität, mit der mich David Wagners Roman empfing. Dass „Der vergessliche Riese“ den Bayerischen Buchpreis 2019 im Bereich „Belletristik“ verdient hat, darüber war sich nicht nur die Fachjury, sondern auch die drei Buchpreisblogger (ich war einer davon) im letzten Jahr einig. Und deshalb heimste Wagner auch nicht nur den begehrten Porzellanlöwen, sondern auch all meine Sympathien ein.

Das autobiografische Werk, in dem Wagner über die fortschreitende Demenz seines Vaters berichtet, begegnet einem auf so ruhige und zugleich ausdrucksstarke Weise, wie ich es an Romanen besonders mag. Ich fühle mich in leisen Zeilen voller Intensität und Zärtlichkeit wohl, brauche kein Tamm-tamm, durchaus aber echte Gefühle, die mit dem Lesen zu Tage treten. Und deshalb war ich bei Wagner auch gut aufgehoben. Denn der Autor versteht es vortrefflichst, sich mit seinen Zeilen unter die Haut zu schreiben. 

„Ich nehme seine Hand, die mir nun gar nicht mehr so groß vorkommt wie früher. Sie war mal riesig, jetzt fühlt sie sich an wie eine Kinderhand. Ich drücke sie, halte sie fest.“

Es ist der Vater, für David einst ein zu erklimmender Riese, der sich langsam aber sicher wieder zum Kind entwickelt. Seine Demenz vollzieht sich schleichend, macht sich aber schon bald durch die stetige Wiederholung sich immer gleichender Fragen und einer fehlenden Zuordenbarkeit deutlich bemerkbar. Selbst der Name seines Sohns scheint dem Vater entfallen zu sein, der ihn fortan nur noch „Freund“ nennt. Dadurch wächst zwischen Vater und Sohn eine besondere Bindung, sie scheinen sich plötzlich näher als jemals zuvor. Und so wird David zum Gedächtnisverwalter seines Vaters, nahezu unbeirrt hilft er ihm auf die Sprünge. Die Loyalität, Geduld und Zuneigung, die er ihm die ganze Zeit über zuteil werden lässt, ist nicht nur sehr berührend, sondern auch beachtlich.  

Während dem Lesen rufen sich mir Momentaufnahmen ins Bewusstsein, die der Geschichte ganz nahe kommt. Ich sehe dabei einer Frau mit ähnlichem Krankheitsbild in die Augen. Es ist meine Oma, die mich als eine der Letzten noch wirklich erkannt und meinen Papa nur noch als Jungen wahrgenommen hat. Die Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr auseinanderhalten und das Zittern ihres Körpers nicht unterdrücken konnte. Sie erkrankte nicht nur an Alzheimer, sondern auch an Parkinson und begegnete ihrem Leben leider weitaus weniger gefestigt und willensstark als Davids Vater, weswegen ich weiß, wie herausfordernd der Umgang mit Erkrankten sein kann. Diese Geschichte bringt mich ihrem Schicksal noch einmal ganz nahe und gibt mir dabei etwas Tröstliches mit auf den Weg. 

Es ist erstaunlich, dass die Geschichte, die in erster Linie den Verlauf des erkrankten Vater einfängt, über all die Zeit so leichtfüßig bleibt. Den dominierenden Gesprächen zwischen Vater und Sohn, die sich zu einem großen Teil „on the road“ aufhalten, hört man gerne zu. Oft haftet ihnen sogar etwas Tragikomisches an, was für ein Lesevergnügen ohne Beklemmung sorgt, selbst wenn man hin und wieder ordentlich schlucken muss. Wagner dramatisiert nicht, er bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Anstatt sich im traurigen Schicksal seines Vaters zu verlieren, ruft er lieber unbeschwerte Alltagsszenen der Familie in Erinnerung, die in wechselnden familiären Konstellationen (durch zwei verschiedene Ehen) und an unterschiedlichen Wohnorten stattfanden. Auch Davids Geschwister spielen eine tragende Rolle in der Geschichte. Und so präsentiert sich der für den Vater als Ausflug getarnte Umzug ins Pflegeheim als ein gelungenes Zusammenspiel der ganzen Familie.

Es mag kein leichtes Schicksal sein, wenn einem in den letzten Lebenstagen die Erinnerungen langsam aber sicher entgleiten. Doch Wagner hat dafür gesorgt, dass seinem Vater bis zum Schluss etwas Starkes und Lebensfrohes anhaftet. Es ist sein Charme und seine unbeirrte Lebensfreude, die ihn als unvergesslichen Riesen in die Geschichte eingehen lässt. 

„Im Grunde ist alles im Leben nur geliehen, Freund. Selbst die Dinge, von denen du dir einbildest, sie gehören dir, sind nur geliehen. Du verlierst alles wieder. […] Die Zeit […] holt sich alles wieder zurück. Eines Tages wird sie auch dich zurückholen, dein eigenes Leben hast du nämlich auch nur geliehen. Eines Tages musst du es zurückgeben.“

Wenn man nach Worten hangelt

„Dankbarkeiten“ – Delphine de Vigan

Dumont Buchverlag, Hardcover, erschienen am 10. März 2020, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Man muss kämpfen. Um jedes Wort. Jeden Zentimeter. Nichts aufgeben. Keine Silbe, keinen Konsonanten. Was bleibt, wenn die Sprache nicht mehr da ist?“

Zitat, Seite 101

Eines Tages hat Michka es ihm Gespür, dass sie ihr bald entgleitet: die Sprache. Und tatsächlich entfallen der einst so redegewandten Frau von da an nach und nach die Wörter, weshalb es ihr zunehmend schwer fällt, ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Während sie sich anfangs noch mit ähnlich klingenden Wörtern behilft, wird Michka mit Voranschreiten ihrer Aphasie zunehmend schweigsamer. 

Weil sie fortan auf fremde Hilfe angewiesen ist, bringt ihre Ziehtochter Marie sie in einem Altenheim unter, in dem es jeden Tag ein bisschen ruhiger um sie wird. Bald gelingt es nur noch Marie und dem Logopäden Jérome der alten Dame Wörter zu entlocken. Der Verlust ihrer Selbständigkeit setzt Michka zu, sie zieht sich zunehmend zurück und driftet schon bald in die Vergangenheit ab: hier will sie Verlorenes wiederfinden und Versäumtes nachholen, ehe es auch dafür zu spät ist.

„Alt werden heißt verlieren lernen. (…) Das verlieren, was einem geschenkt wurde, was man gewonnen, was man verdient, wofür man gekämpft und wovon man geglaubt hat, man würde es für immer behalten.“

Zitat, Seite 123

Nach der bewegenden Lektüre von „Loyalitäten“ stand für mich fest, dass ich mir auch Delphine de Vigans neues Werk nicht entgehen lassen kann. Und so flog ich nahezu durch die Zeilen von „Dankbarkeiten“, die auf sehr ruhige und gefühlvolle Art vom Altern erzählen und mich mit einem Gefühl von Dankbarkeit durchströmen. Einer Dankbarkeit für das Wort. Für den Zauber, der von de Vigans Zeilen ausgeht. Es ist ihr liebevoller Klang, der mich in Glückseligkeit versetzt; ihre Melodie, die noch lange in mir nachhallt. 

Es ist die Geschichte von Madame Seld, einer Dame im hohen Alter, von der die Autorin hier erzählt. Das Leben der einst so selbstbewussten Frau, die auf den Namen Michka hört und Zeit ihres Lebens als Korrektorin bei einem großen Magazin tätig war, war geprägt von Wörtern. Dass sie nun ausgerechnet ihr Sprechvermögen im Alter einbüßen muss, trifft sie hart. Denn Präzision und Wortgewandtheit waren ihr Steckenpferd. Was bleibt ihr schon, wenn ihr Sprachschatz sich auf ein Minimum schmälert? 

Als ihr der Logopäde Jérome zu Hilfe geschickt wird, um die Reste ihres Sprachschatzes zu bewahren und weitere Verluste zu verhindern, reagiert sie noch recht widerwillig. Sie mag die Übungen und Rätsel für Senioren nicht, die er ihr mitbringt. Viel lieber möchte sie sich unterhalten, und vermag es dennoch nicht. Nicht mit den Wörtern, die ihr so vertraut waren und plötzlich nicht mehr da sind. Doch Jérome findet auf Anhieb Zugang zu der alten Dame, er entlockt ihr Wörter und Sätze, selbst wenn sie in ungewohnter Konstellation daherkommen. Und versteht sie. Begegnet ihr auf Augenhöhe und mit großem Respekt. 

„Ich empfinde Zärtlichkeit für das Zittern ihrer Stimme. Für diese Zerbrechlichkeit. Diese Sanftheit. Ich empfinde Zärtlichkeit für ihre verzerrten, ungenauen, verirrten Wörter und für ihr Schweigen. Und ich hebe alles auf, auch wenn sie gestorben sind.“

Zitat, Seite 41

Auch Ziehtochter Marie besucht Michka weiterhin im Altenheim. Es sind ihre Besuche, die der alten Dame ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, ihre Anwesenheit, die sie beruhigt. Doch Michkas Anblick stimmt Marie traurig. Sie spürt, wie der Dame nicht nur die Wörter, sondern auch langsam aber sicher das Leben entgleitet. Auf Wunsch von Michka begibt sie sich erneut auf die Suche nach den Menschen, denen Michka ihr Leben zu verdanken hat. Denn je mehr Madame Seld um die Wörter ringt, desto größer wird der Wunsch, dem Ehepaar, das sie damals bei sich aufgenommen hat, ihre tiefe Dankbarkeit auszudrücken.  

Die Dankbarkeit, die bereits im Titel des Romans zu finden ist, findet sich auch zwischen den Zeilen wieder. Sie ist allgegenwärtig, förmlich spürbar. Und so wächst Seite für Seite ein zartes Band zwischen den Protagonisten heran, die mir auf Anhieb sympathisch waren. Vor allem Jéromes Schilderungen treffen mich mitten ins Herz. Denn er tritt Michka so respektvoll und empathisch entgegen, wie es nur wenige Menschen vermögen.

Delphine de Vigans Roman mag unaufgeregter und leiser daherkommen als sein Vorgänger. Er vermag uns aber auf sehr einfühlsame Art und Weise ins Bewusstsein zu rufen, dass es die Menschen sind, die uns zu dem machen was wir sind. Und dass wir ihnen dafür all unseren Dank aussprechen sollten. Und das nicht erst im hohen Alter! 

Das Museum der Welt

„Das Museum der Welt“ – Christopher Kloeble

dtv Verlagsgesellschaft, Hardcover, erschienen am 21. Februar 2020, Preis 24,00 € [D], hier geht’s zum Buch

Bartholomäus wächst als Waise in einem jesuitischem Waisenheim in Bombay auf, das von allen das Glashaus genannt wird. Hier ist er einer von vielen, doch der Jesuitenpater Vater Fuchs erkennt früh die Begabungen des indischen Jungen, der mit ungefähr zwölf Jahren im Glashaus strandet, und lehrt ihm die Sprachen der Welt. Bald beherrscht Bartholomäus mindestens so viele Sprachen wie er Lebensjahre zählt. Er ist es, der den übrigen Kindern im Glashaus erklärt, was die Köchin Smitaben ihnen täglich auftischt.

Doch mit seinem wissbegierigem und neunmalklugem Wesen macht Bartholomäus sich nicht viele Freunde und wird Opfer von Hänseleien und Spott. Das Blatt soll sich allerdings wenden, als eines Tages drei deutsche Wissenschaftler das Glashaus betreten. Es sind die Gebrüder Schlagintweit, die sich auf die größte Forschungsreise ihrer Zeit begeben wollen und Bartholomäus dafür als Übersetzer engagieren.

Noch ahnt der Junge nicht, dass ihn diese Reise nicht nur weit weg vom Glashaus und quer durch Indien und den Himalaya, sondern auch mitten hinein, in das „Great Game“, führen wird. 

Ein Roman – zu Füßen der Gebeine Schlagintweits, Alter Südfriedhof München

Zugegeben, hätte man mir „Das Museum der Welt“ nicht an die Hand gegeben, hätte ich wahrscheinlich nie zu diesem großartigen Roman gegriffen, der sich mir als gelungene Mischung aus Abenteuer-, Spionage- und Coming of Age – Roman präsentiert hat. Ich bin in den meisten Fällen nämlich sehr vorsichtig, wenn Bücher historisches Grundmaterial aufweisen. Oft werde ich mit dem Schreibstil vergangener Tage oder der immensen Fülle an geschichtlichen Fakten nicht warm und verliere dann häufig das Interesse am Buch. Bei Christopher Kloebles Roman war das dann aber doch ganz anders.

Warum? Nun, was Kloeble hier macht, ist in erster Linie eine Geschichte erzählen. Und zwar eine unglaublich Gute. Sie ist abenteuerlich, spannend und unglaublich facettenreich. Es ist die eines bemerkenswerten Waisen. Und nicht nur das. Es ist auch eine, die wir aus seiner Perspektive erleben dürfen. Denn der Autor lässt uns nicht nur durch die Augen des zwölfjährigen Bartholomäus blicken, sondern auch seine Gefühle verspüren und uns an seinen Beobachtungen teilhaben, die für einen Jungen diesen Alters beachtlich sind. Sie gehen über die eigentliche Wahrnehmung hinaus, werden von holistischen Aspekten ergänzt.

„Holistisch bedeutet das Ganze betreffend. Es baut auf der Idee, dass alles mit allem zusammenhängt. Jedes Objekt, wie wertlos es auch erscheinen mag, ist auf seine Art bemerkenswert und kann uns helfen, die Welt zu verstehen.“

Zitat, Seite 16

Bartholomäus wird sozusagen unser „Mann“. Der vorwitzige, talentierte und wissbegierige Junge, der alles in seiner Umgebung aufsaugt wie einen Schwamm, dient uns als Führer durch ein historisches Setting, das sich aus überlieferten Fakten und fiktiven Elementen Kloebles zusammensetzt. Und so reiht sich „Das Museum der Welt“ nicht in vorangegangene Berichterstattungen über die Forschungsreise der Gebrüder Schlagintweit ein, sondern agiert vielmehr als eigenständige Geschichte.  

Die Geschichte von Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, sie dient quasi als historisches Setting. Die bayerischen Wissenschaftler, Forschungsreisende und Bergsteiger gingen damals in die Geschichte ein, wenn auch sie heute kaum noch Erwähnung finden. Ich selbst kannte sie bis dato nicht. Im September 1854 brachen sie auf Empfehlung Alexander von Humboldts und im Auftrag der East India Company allerdings auf die wohl größte Forschungsreise ihrer Zeit auf. Der subindische Kontinent sollte magnetischen Vermessungen unterzogen werden. Durch ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit fingen die Brüder Indien aber nicht nur mit Landkarten, Zeichnungen und Bodenproben, sondern auch mit Gesichtsmasken, Gliedmaßen und Tierkadavern ein. Sie trugen damit maßgeblich zur „wissenschaftlichen Eroberung“ des subindischen Kontinents bei. Die Gebeine der Gebrüder selbst liegen heute am Alten Südfriedhof in München begraben. Ihre Vornamen und ihre Tätigkeit als Wissenschaftler sucht man auf ihrem Grabstein aber leider vergebens. 

Das Grab der Gebrüder Schlagintweits, Alter Südfriedhof München

„Die schönsten Sprachen brauchen keine Worte. Um sie zu hören, muss man still zusammen sein.“

Zitat, Seite 345

Und während die Gebrüder Schlagintweit auf dieser Forschungsreise nur Augen für das Land haben, hat Bartholomäus Augen für das Bemerkenswerte. Es ist sein „Museum der Welt“, mit dem er Gefühle, Gerüche, Augenblicke und Begegnungen des Landes einfangen und allen Menschen Indiens zugänglich machen will. Während er seine Entdeckungen anfangs in einer alten Holzkiste sammelt, die ein paar Kinder des Glashauses bereits in den Anfängen zerstören, wird es während der Forschungsreise ein Notizbuch und später eine Art „Gedankenschublade“, in der Bartholomäus seine Beobachtungen zusammenhält.

Auch die Gebrüder Schlagintweit geraden dabei ins Visier des Jungen, dem die Gefühle und Eigenarten von Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit nicht verborgen bleiben. Durch seine enge Bindung zu den Brüdern und die daraus resultierenden Notizen erhalten wir Zugang zu den Wissenschaftlern wie nie zuvor. Und so wird plötzlich nicht nur das schwierige Verhältnis zwischen den Brüdern, sondern auch die Einsamkeit sicht- und spürbar, die sich zwischen den Forschungsreisenden ausbreitet. Eine Einsamkeit, so präsent wie ein eigenständiges Mitglieds des Trains. Eine Einsamkeit, die sich auch durch immense Krafteinwirkung nicht abschütteln lässt.

„Einsamkeit ist wie Wasser, sie findet immer einen Weg. Sie dringt ein, sammelt sich an. Und wenn man nicht aufpasst, ertrinkt man von innen.“

Zitat, Seite 289

Und so begeben wir uns in „Das Museum der Welt“ nicht nur auf ein wagemutiges Abenteuer, das uns Seite für Seite mehr in das große Spiel zwischen England, Russland und China um die Vorherrschaft in Zentralasien, verstrickt, sondern auch auf eine holistische Entdeckungsreise. Bartholomäus wird dabei zum „Archivar dieser Reise“. Wahrscheinlich würde ich dem bemerkenswerten Jungen bis ans Ende der Welt folgen. Und eins sei gewiss, nicht nur Bartholomäus, sondern auch wir, sind am Ende der Reise ein großes Stück über uns selbst hinausgewachsen.

„Warum gibt es keine Karte der Einsamkeit? Manch einer mag einwenden, weil Einsamkeit kein stabiler Wert ist und von so vielem beeinflusst wird. Aber beides gilt auch für Magnetismus. Und Einsamkeit ist eine mindestens genauso bedeutende Kraft. Nur ist das bessere Messgerät dafür leider sehr unzuverlässig: der Mensch. Jeder ist anders einsam.“

Zitat, Seite 283

Einen sehr beeindruckende, man könnte sagen holistische Berichterstattung über dieses Abenteuer findet ihr auch bei meinem geschätzten Bloggerkollegen Arndt von Astrolibrium. Die weiterführende Lektüre wird euch mindestens genauso wärmstens empfohlen wie die Lektüre des Romans selbst! 

Mit einem Klick zu Arndt’s Besprechung!

Ein Fuks appelliert an die Mänschheit

„Fuchs 8“ – George Saunders

Fuchs 8 mag die Menschen. Jeden Abend versteckt er sich in den Büschen vor ihren Häusern und lauscht ihnen beim Vorlesen. Durch die Gute-Nacht-Geschichten lernt er ihre Sprache. Verzaubert von ihren Worten, wächst seine Neugier auf sie. Was müssen das nur für starke Wesen sein, deren Worte so viel Magie und Stärke ausstrahlen!

Doch als die Menschen den Wald für den Bau eines Einkaufszentrums zerstören und die Füchse nicht nur um ihren natürlichen Lebensraum, sondern auch um ihren Zugang zu Nahrung berauben, beschließt Fuchs 8 zur Tat zu schreiten. Im naiven Glauben an ihr Verständnis begibt sich der fuchsige Tagträumer zu den Menschen, die ihm immer so freundlich erschienen und macht eine schreckliche Entdeckung.

„Eine Sache habe ich in meinen Amden an dem Fenster der Mänschen gelernt: ein guter Schreiber sorgt dafür, das der Leser sich so schlecht fült wie der Mänsch in der Geschichte.“

Als mir George Saunders‘ neuester Geniestreich in die Hände gerutscht ist, hab ich ernsthaft gedacht, ihn einfach mal so weginhalieren zu können. So als kleiner Snack zwischendurch. Das sollte an einem Tag, maximal in zwei Tagen drin sein. Füchse ziehen mich in der Regel magisch an und so war es bei dem wunderbaren Cover von „Fuchs 8“ nicht wirklich verwunderlich, dass ich das Buch schon allein wegen des Covermotivs haben musste. Doch die 56 Seiten des schmalen Büchleins haben mich dann doch ganz schön lange beschäftigt. Denn nicht nur der ungewöhnliche Schreibstil, sondern auch die Botschaft, die sich zwischen den Zeilen versteckt, hat es ganz schön in sich!

Was für ein Fuchs ist eigentlich George Saunders!? Das dachte ich mir gleich zu Beginn, als ich mit dem Lesen begonnen habe. Denn Saunders lässt niemand geringeren als einen Fuchs zur Sprache kommen. Genaugenommen handelt es sich hier um Fuks 8, einem ausgesprochen neugierigen, mutigen, aber auch ein bisschen naiven Gesellen, der noch an das Gute im Menschen glaubt. Durch das allabendliche Belauschen der Gute-Nacht-Geschichten hat er Mänschisch [dt. die Sprache der Menschen] gelernt und ist sogar in der Lage, sie niederschreiben. Allerdings schreibt oder buchstabiert er nicht rechtschreibkonform, sondern vielmehr so, wie er es durch das Zuhören gelernt hat. Es ist eine Art phonetische Schrift – füksisch um genau zu sein – durch die er sein Wort an uns richtet.

Vielleicht wird es euch beim Lesen ähnlich ergehen wie mir. Denn beim Anblick der Zeilen geriet ich anfangs ganz schön ins Schwitzen. Durch die völlig neue Konstellation von Wörtern bin ich mehrfach ins Stolpern geraten, musste einige Stellen mehrfach lesen, ihrem nachhallenden Klang in meinem Kopf aufmerksam lauschen, um sie vollends zu erfassen. Doch wenn man sich erstmal warm gelesen hat, kommt man gut voran, und der Schreibstil wird zur Nebensache. Denn der Fokus der Zeilen liegt auf etwas ganz Anderem!

„Und gans erlich, mir wurde ein bisschen schlecht im Härzen. […] Manchma, wenn ich auf meinen blutigen Foten durch eine Mänschengegend […] trabte […] dann ich so: Warum hat der Schöpfer so einen krosen Feler gemacht, das die Kruppe, die so vil kann, so böse is?“

Und so erzählt uns Fuks 8 von den Menschen, die den Wald für ein riesiges Einkaufszentrum platt machen und die Nahrungsquelle der Füchse langsam aber sicher versiegen lassen. Wie er nachts nicht mehr schlafen kann. In den Augen seiner Freunde den Hunger, ihr heruntergekommenes Fell und die Schwere ihres Atems in der Nacht vernimmt. Und sich verantwortlich fühlt. Weil er der einzige Fuchs im Rudel ist, der Mänschisch spricht. Dass er sie retten muss. Und dass die Menschen es sicherlich verstehen werden, wenn er ihnen die Sachlage verklickert. Schließlich:Mänschen sind nett, di sind kul.“

Um der Geschichte nicht vorweg zu greifen, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr verraten. Tatsache ist, dass Fuks 8 eine schreckliche Erfahrung machen muss, die ihm auf dramatische Weise klar werden lässt, dass die Menschen längst nicht so wohlwollend sind, wie er es immer vermutet hatte. Dass manchen Menschen Gewalt innewohnt, die so plötzlich und unerwartet ausbrechen kann, dass man gar nicht schnell genug fliehen kann. Und diese Gewalt ihre Opfer fordert, die eine lähmende Traurigkeit über unser Land bringt.

Mit „Fuchs 8“ beweist George Saunders, dass auch Kleines manchmal ganz Großes bewirken kann. Seine Zeilen schockieren, berühren und treffen uns mitten ins Herz. Vielleicht können sie sogar das Unmögliche schaffen und die Welt ein kleines bisschen besser machen. Zumindest schaffen sie ein Bewusstsein für ein respektvolleres und friedlicheres Miteinander. Unserer Welt wäre es zu wünschen.

Ein wunderbares Beiwerk, das nur sehr wenigen belletristischen Werken innewohnt, sind die Illustrationen von Chelsea Cardinal, die den Verlauf der Geschichte in wunderbar schlichte aber ausdrucksstarke Zeichnungen eingefangen hat, die den Leser über die 56 Seiten begleiten.

„Wollt ir Mänschen mal einen guten Rad von ein Fuks, der nur ein Fuks is? […] Wenn ir wollt, das oire Geschichten ein Heppi Ent haben, seit einfach ein bisschen netter.“

 

#baybuch: Die Verleihung des Bayerischen Buchpreises 2019

„Wir wissen: wir wissen nichts!“

Donnerstagabend, 20:05 Uhr, die Übertragung eines der wichtigsten Events der Literaturbranche beginnt: die Verleihung des Bayerischen Buchpreises 2019. Es ist knisternde Spannung, von der die Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz in diesem Augenblick erfüllt ist. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet, auf der Judith Heitkamp vom Bayern 2 den Abend anmoderiert und noch einmal davor warnt, dass es nun bevorstünde, jenes Prozedere, das schlimmer sei als der Bachmann-Preis.

Denn an diesem Abend soll kein im Vorfeld erklärter Sieger in der Kategorie „Sachbuch“ und „Belletristik“ gekürt werden, nein, die Jury wird ihn live vor Ort ermitteln. Sechs nominierte Bücher gehen dafür ins Rennen, jeweils 30 Minuten stehen der Jury für die Diskussion pro Kategorie zur Verfügung. Den nominierten AutorInnen im Publikum steht eine kleine Geduldsprobe bevor. Let’s get ready to rumble!

Die Jury, von links: Knut Cordsen, Sandra Kegel, und Svenja Flaßpöhler

Das Format der Verleihung ist ungewöhnlich. Denn natürlich haben alle sechs nominierten Bücher Potential für den mit 10.000 Euro dotierten weißen Porzellanlöwen. Jedes der drei Jurymitglieder hat ein Buch pro Kategorie vorgeschlagen, das es nun im Disput zu verteidigen gilt. Denn natürlich möchte jeder seinem Favoriten zum Sieg verhelfen. Die Autopsie der Werke ist eröffnet. Sie wird nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen zu Tage bringen.  Konflikte sind vorprogrammiert.

Sachbuch-Diskussion: Ein Paukenschlag

Dass es bereits in der ersten Diskussionsrunde zu einem Eklat kommt, liegt nicht an der Jury. Denn das eingebrachte Werk, „Die Gesellschaft des Zorns“ von Cornelia Koppetsch, wird noch vor Diskussionsbeginn von der Nominierung zurückgezogen. Plagiarismus steht im Raum. Bereits im Vorfeld hat man der Autorin, die Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt ist, empfohlen, ihr Werk zurückzuziehen. Sie tut es dennoch nicht. Und so bleibt Juror Knut Cordsen an diesem Abend wohl nichts anderes übrig, als den Vorwurf mit eindeutigen Textstellen aus fremden Publikationen zu untermauern. Er unterstellt Koppetsch sogar einen fehlenden Berufsethos. Die Sache wird sie sicher nicht nur ihre Karriere, sondern auch dem Verlag und der Buchbranche erhebliche Imageeinbußen kosten. Das Buch wird nun einer wissenschaftlich fundierten Prüfung unterzogen.

Jan-Werner Müller bei seiner Dankesrede

Im Rennen bleiben zwei Sachbücher, Jan-Werner Müllers „Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus“ und Dieter Thomäs „Warum Demokratien Helden brauchen“, die man trotz des kleinen verbleibenden Zeitfensters umfangreich seziert. Die Argumentation bleibt nicht immer sachlich. Vor allem im Gespräch um Thomäs Werk, schießt man etwas über das Ziel hinaus, trifft den Autor auf persönlicher Ebene.

„Thomä macht ja einen ganzen Heldenkatalog auf. […] Da bekomme ich förmlich Heldenplatzangst.“

Juror Knut Cordsen

Es ist Jan-Werner Müller, der letzendlich als Sieger aus dieser hitzigen Debatte hervorgeht. Sein Essay, das einen Riesen-Parcour durch das Thema Liberalismus durchläuft, konnte zwei der Juroren für sich gewinnen.

Belletristik-Diskussion: Überfrachtung

Die Nominierten in der Kategorie Belletristik, von links: Steffen Kopetzky, Carmen Buttjer, David Wagner

 

Auch in der Diskussionsrunde um die Nominierten in der Kategorie „Belletristik“ geht es heiß her. Denn gleich bei zwei Werken, sowohl bei Carmen Buttjers Roman „Levi“ als auch bei Steffen Kopetzkys „Propaganda“ ist von Überfrachtung die Rede. Während man  Buttjers „unverbraucht poetischen Ton“ der Überfrachtung von Details und Handlungsfäden gegenüberstellt, wird auf Kopetzkys Werk regelrecht eingedroschen. Der Roman, der auch mir mehr als Männerlektüre begegnet ist, wird von den beiden weiblichen Jurorinnen als überladen, mitunter sogar grausam empfunden.

 

„Wer sich nicht erinnert, verliert sich im Hier und Jetzt.“

Wer als großer Sieger aus diesem Abend  hervorgeht, ist David Wagner. Es ist sein autobiografischer Roman „Der vergessliche Riese“, der sich nicht nur in die Herzen von uns Buchpreisbloggern, sondern auch in die der Juroren schleichen kann. Das stille, aber sehr intensive Werk über Wagners demenzkranken Vater, der sich langsam aber stetig zum vergesslichen Riesen wird, überzeugt die Jury auf ganzer Linie. Plötzlich sind sich alle einig. Die Beschreibungsintensität von Wagners Werk bringt die Jury ins Schwärmen. Für seine Sprache, aus der viel Zärtlichkeit und Stärke hervorgeht, erntet der Autor viel Lob.

„Oft komme ich mir vor, als wäre ich aus einem Buch gefallen und könnte nicht zurück. Ich bin plötzlich in einer ganz anderen Geschichte und weiß nicht, was ich da soll.“

Zitat aus „Der vergessliche Riese“

Der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten: ein fulminanter Auftritt

Joachim Meyerhoff bei seiner Dankesrede

„Die Vorstellung, dass Herr Söder mit seiner Limousine vorfährt und nicht aussteigen kann, weil er nur noch schnell das Kapitel meines Buches fertig lesen muss…“

Es ist Schauspieler, Regisseur und Autor Joachim Meyerhoff, der dem Abend als einzig Wissender entgegentritt. Denn es ist der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, der ihm an diesem Abend verliehen wird. Dass es nicht Ministerpräsident Markus Söder selbst ist, der ihm den Preis überreicht, sorgt für Enttäuschung, die Meyerhoff Anlass zu einer satirischen Dankesrede gibt, die das gesamte Publikum in Lachtränen versetzt. Es wird eine Rede über Hoffnung, Enttäuschung und daraus resultierenden Geschichten. Eine Rede, die sicherlich allen im Gedächtnis bleibt.

Mittendrin statt nur dabei

Buchpreisblogger, von links: ich, Arndt Stroscher, Evelyn Unterfrauner

 

Ich hab mich mit Evelyn Unterfrauner vom Buch- und Lifestyleblog Book Broker und Arndt von der kleinen literarischen Sternwarte Astrolibrium unters Publikum gemischt. Bereits vor dem offiziellen Einlass durften wir die besondere Atmosphäre der Location auf uns wirken lassen.

Es hat mich sehr gefreut, an diesem Abend persönlich dabei sein zu dürfen, mich mit Nominierten, Verlagsmenschen, Autoren und Pressevertretern gleichermaßen austauschen zu können und die Liebe für das Lesen unter den Gästen verspüren zu können.

 

 

Für die Möglichkeit, mich in diesem Jahr als offizielle Buchpreisbloggerin für den Bayerischen Buchpreis engagieren zu können, möchte ich mich an dieser Stelle besonders bei Eva und Luise bedanken.

Informationen rund um den Bayerischen Buchpreis sind auf meiner Projektseite „Bayerischer Buchpreis 2019“ zu finden. Zum Stöbern auf den Social Media Kanälen und den Blogs der Buchpreisblogger seid ihr herzlich eingeladen. Die Verleihung ist als Livestream in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks zu finden.

Es lebe das Lesen!

Das Abschlussfoto: Moderation, Jury und Preisträger des Bayerischen Buchpreises 2019

#baybuch: Tigerschatten

„Levi“ – Carmen Buttjer

„Wenn Menschen traurig waren, dann taten sie ganz unterschiedliche Dinge. Manche heulten. So lange, bis sie nicht einmal mehr bemerkten, dass sie es taten. Andere wurden ganz laut oder leise, wütend für ein oder zwei Jahre, versteckten sich, tranken, aßen, bis sie fett waren, oder zogen in ein anderes Land. Irgendeins, das sie vorher noch nie gesehen hatten. Mein Vater tat nichts davon, und während er das tat, versuchte ich, ihn nicht zu stören.“

Zitat, Seite 12

Levi ist elf Jahre alt als seine Mutter stirbt. Ihren Verlust kann er kaum ertragen. Genauso wenig wie die Anwesenheit seines Vaters an deren Beerdigung, dem nur ein gesittetes Benehmen und der Dresscode wichtig zu sein scheint. Überhaupt scheint sein Vater die Vaterrolle nur im Auferlegen von Regeln zu verstehen. Auch jetzt. Nach ihrem Tod. Dabei war sie das einzige Bindeglied, das Vater und Sohn noch miteinander verband.

Seit dem Tod seiner Mutter ist Levis Kopf voller Fragen. Fragen, die er so gerne in die Freiheit entlassen würde, sich beim Anblick seines Vater aber doch besser verkneift. Auch sich bei der Beerdigung die Urne seiner Mutter zu schnappen, hätte er sich lieber verkneifen sollen. Und tut es dennoch. Mit ihren Überresten verkriecht er sich auf das Dach eines Hochhauses. Hier, nur ein paar Stockwerke über seinem Vater, schlägt er sein Lager auf und versucht mit aller Macht, der Realität zu entfliehen.

Doch auch zwischen den Dächern Berlins fühlt Levi sich weiterhin verfolgt. Ein Tiger scheint zwischen den Dächern herumzustreifen. Er muss es auf ihn und die Urne abgesehen haben. Sicher hat er auch seine Mutter auf dem Gewissen…

„Dass mit dem Tod hatte ich mir immer so vorgestellt, dass man erst starb, sobald man alt genug geworden war. Nach hundert Jahren, ich hielt hundert für eine gute Zahl. Mein Vater war noch weit davon entfernt, genauso wie meine Mutter, und trotzdem war sie vorher gestorben. Das war das Nächste, was ich über den Tod gelernt hatte. Niemand musste alt werden, um zu sterben.“

Zitat, Seite 30

Es ist die kindlich naive Sicht eines Jungen, um genau zu sein die des elfjährigen Protagonisten Levi, die uns Buttjer in ihrer Geschichte einnehmen lässt. Wir begegnen den Dingen damit unvoreingenommen und neugierig und pirschen uns mit allen Sinnen durch den Großstadtdschungel Berlins. Nicht selten passieren wir dicht aneinandergereihte Häuser, die sich so hoch wie Mammutbäume erstrecken, atmen sumpfig-schwüle Luft ein und erhaschen Tierschatten an den Häuserfassaden. Mit Levi driften wir in eine fantastische Zwischenwelt ab. Eine Welt, die uns vor der knallharten Realität ablenken soll.

Denn Levis Mutter ist tot. Wie sie starb wissen wir nicht. Ein Zeitungsausschnitt berichtet von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levi spinnt sich daraus seine eigene Geschichte zusammen, schwört schon bald darauf, dass es ein Tiger war, der seine Mutter getötet und es nun auf ihre Urne abgesehen hat. Er kann seine Präsenz förmlich spüren. Er sitzt ihm im Nacken, streift an den Häuserfassaden entlang und beobachtet ihn aus einem Hinterhalt. Im Nachbarsjungen Vincent findet Levi einen Verbündeten, der sich mit ihm schon bald auf die Lauer nach dem Tiger legt.

Der Kioskbesitzer Kolja hingegen holt Levi immer wieder in die Realität zurück. Erinnert ihn daran, dass sein Vater nach ihm sucht und dass Erwachsene und Kinder oft eine ganz unterschiedliche Sicht auf die Dinge haben. Dabei nimmt der ehemalige Kriegsfotograf sein Leben selbst nicht richtig wahr. Er lebt in den Tag hinein, versucht die Erinnerungen vergangener Tage mit Whiskey auszulöschen. Doch sie sind hartnäckig, kämpfen sich langsam aber sicher wieder in Koljas Bewusstsein zurück. Und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Doch Kolja gelingt, woran Levis Vater scheitert: er kann sich auf den Jungen einlassen, versteht seine Sorgen, Ängste und vor allem die Trauer um seine Mutter.

„Unsinn ist normal“, erwiderte er. „Die Wirklichkeit macht manchmal einfach keinen Sinn, sie ist ungerecht, sogar grausam, einfach so. Selbst wenn Erwachsene das Gegenteil behaupten.“ „Warum tut ihr dann so, als ob es anders wäre? „Weil Geschichten einfacher sind als die Wirklichkeit.“ […] Sie haben ein Ende, einen Anfang, irgendeine Bedeutung und etwas, das die Wirklichkeit viel seltener hat: ein Happy End. Meistens jedenfalls. Die Wirklichkeit dagegen ist anders: Sie ist nie so schlimm, dass es nicht noch schlimmer werden kann.“

Zitat, Seite 158

„Als hätte ich die Erinnerung daran vor- oder zurückgespult, war da meine Mutter. Mit angewinkelten Armen saß sie hinter dem Steuer des Autos und lächelte. Ihre langen Haare waren nass, sie tropften ihr gleichmäßig auf die Beine und das rote Handtuch, auf dem sie saß. Sie sah mir in die wassergrauen Augen und meine Rippen zogen sich zusammen. Alles, was ich in dieser Sekunde wollte, war in dieser Erinnerung zu bleiben, ich wollte darin weiterleben, doch je mehr ich mich konzentrierte, desto schneller kehre das Zelt zurück, genauso wie die Konturen des Daches. Was blieb, war das Muster ihres Kleides. […] Dass meine Eltern damals kein Wort miteinander geredet hatten, hatte ich fast vergessen.“

Zitat, Seite 66

Mit Levi und David knüpft die Autorin ein Vater-Sohn-Geflecht, das zwar nur lose zusammengebunden ist, sich aber dennoch über die gesamte Geschichte erstreckt. Denn vom Vater, der sich als Anwalt vollständig in der Arbeit verliert, bekommt der Junge nicht viel mit, während die Mutter hingegen ihre Arbeit in der Pathologie mit ihrem Sohn zu vereinen versucht. Die Berührungspunkte als Familie beschränken sich auf zwei Extreme: hitzige Wortgefechte oder Schweigen zwischen den Eltern. Levi und sein Vater scheinen zwischen all dem verloren gegangen zu sein. Sie finden nicht zueinander, stoßen sich bei jeder Gelegenheit voneinander ab. Dabei teilen sie einen ganz ähnlichen Schmerz, den jeder auf seine ganz eigene Weise zu verarbeiten versucht. Levis Vater, der mir anfangs gefühlskalt und arrogant erschien, wurde mir im Verlauf der Geschichte um einiges zugänglicher. Ich vernahm Hilflosigkeit und Verzweiflung. Auf gewisser Weise auch Trauer.

Carmen Buttjers Roman ist atmosphärisch stark. „Levi“ lebt von poetischen und sprachlich raffinierten Zeilen, die stets von einem Hauch Melancholie begleitet sind. Natürlich steht hier ein trauernder Junge im Mittelpunkt. Die Szenerie, durch die Buttjer ihn wandern lässt, ist aber gewaltig. Es ist ein vor Hitze flimmerndes lebendiges Berlin, das so manch Unterwartetes für uns bereit hält: die Prise eines lautlosen Windes, die Begegnung mit Menschen, die in der heißen Luft lehnen und durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden sind und das Ineinanderfließen von orangen Sonnenlicht mit dem Blau des Himmels. Manchmal regnet es auch in unseren Ohren, es rauscht so laut, dass wir gar nichts anderes mehr vernehmen.

An Lebendigkeit fehlt es dem Roman sicherlich nicht. Wer sich aber nach einer Geschichte sehnt, die zu einem Ende findet, wird mit diesem Roman seine Schwierigkeiten haben. Was bleibt, ist die Gelegenheit, sie in unseren Köpfen zu vollenden.

„Geschichten sind, was sie sind, sie bleiben Geschichten. Du kannst dir so viele erzählen lassen, wie du willst, Hunderte, tausend, völlig egal, das Einzige, worum es sich dreht, ist, an welche davon du nicht glaubst.“

Zitat, Seite 159

Ich stieß auf „Levi“ erst im Rahmen meiner Tätigkeit als Buchpreisbloggerin. Für einige Literaturpreise wurde der Roman bereits nominiert, bisher aber noch nie zum Sieger gekürt. Jetzt hat er es auf die Shortlist des Bayerischen Buchpreises geschafft. Ich werde der Verleihung heute Abend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz selbst beiwohnen und über den Abend auf meinen Social Media Kanälen berichten. Du findest meine Beiträge unter dem Hashtag #baybuch. Mehr zum Bayerischen Buchpreis findest du auf der Projektseite „Bayerischer Buchpreis 2019“.