Lügen haben lange Beine

„Kleine Lügen erhalten die Familie“ – Katia Weber

„Alles zitterte. Wie bei einem Erdbeben. Sie hatte sich in letzter Sekunde in den Schutz eines Türrahmens gerettet, und jetzt klammerte sie sich mit aller Kraft an das Holz und sah dabei zu, wie alles um sie herum zusammenkrachte. Nicht in sich zusammenstürzte. Es krachte. Mit Verlusten. Mit Verletzten und Wunden.“

Zitat, Seite 7

Franzi ist Ende Vierzig, als sie einsehen muss, dass ihr die Liebe zu ihrem Mann Michael irgendwie abhanden gekommen ist. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachten sie zusammen, wurden Eltern von drei Kindern und Besitzer eines Hauses in Berlin. Zusammenleben wollen sie nicht mehr, so ganz aufeinander verzichten aber auch nicht.

Dass sie auch nach Michaels Auszug noch regelmäßig zusammen im Bett landen, muss ja keiner wissen. Schließlich hat doch jeder in der Familie seine kleinen und großen Geheimnisse.

Doch dass Brunhilde, Franzis Mutter, bereits seit ihrer Kindheit ein großes Geheimnis hütet, ahnt Franzi nicht. Denn ihren eigentlichen leiblichen Vater hat Brunhilde ihr über all die Jahre verschwiegen. Auch, dass ihre Mutter in den siebziger Jahren Villen ausgeraubt und dabei ein wertvolles Gemälde mitgehen hat lassen, ahnt keiner.

Doch auf einmal wohnt Franzis leiblicher Vater gar nicht so weit von seiner Tochter entfernt. Und Brunhilde fragt sich, ob nun die Zeit für die Wahrheit gekommen ist.

Ich möchte betonen, ich bin absolut kein Fan von Lügen. Ich verabscheue sie und vertraue nach wie vor auf die gute alte Wahrheit, mit der ich bislang am Besten gefahren bin. Hinter dem Titel des vorliegenden Buches stehe ich deshalb ganz und gar nicht, wo seine Aussage doch für genau das Gegenteil steht: dass es ohne sie nicht geht.

Als man mir jedoch Katia Webers Debüt als amüsante und gut unterhaltende Familiengeschichte verkauft hat, habe ich mich dennoch darauf eingelassen und fuhr damit gar nicht mal so schlecht. Zugegeben, es ist erneut ein Roman, der der unterhaltenden Frauenliteratur zuzuordnen ist. Und das ist irgendwie amüsant, wo ich doch all die vergangenen Jahre einen großen Bogen darum gemacht habe.

Was sich allerdings hinter dem entzückenden Deckel von „Kleine Lügen erhalten die Familie“ versteckt, ist eine durchaus unterhaltsame als auch sympathische Geschichte. Denn im Gegensatz zu Lügen bedienen wir uns wohl alle kleinen Geheimnissen, die man manchmal einfach besser für sich behält, als damit das große Chaos anzurichten.

Franzis Familie ist dafür ein gelungenes Beispiel. Denn hier behält nicht nur Franzi ihr geheimes tête-à-tête mit ihrem Ex-Mann, sondern auch ihre Kinder, der Hund und die Mutter so manche Sache für sich. Dass es sich bei Franzis Mutter Brunhilde allerdings um eine kriminelle Vergangenheit und die Wahrheit um Franzis leiblichen Vater handelt, ist schon ein starkes Stück. Und so ist das Chaos perfekt, als die Wahrheit Stück für Stück ans Tageslicht gerät und nicht nur Franzis Familie, sondern auch so manch anderen Haushalt durcheinanderwirbelt.

„Dieses Immer. Das war ihr irgendwann zu viel geworden. Ein Immer ging in ihren Augen nur, wenn man glaubt. Und lieben kann. Und Hoffnung hat. Aber Leute wie sie, die konnten das nicht. Die reagierten mit Sarkasmus auf Hoffnung und verdrehten bei Gefühlsduseleien die Augen. Das war wie ein Reflex.“

Zitat, Seite 87

Zu ihrem Roman wurde Katia Weber von einem Gemälde namens Die Toteninsel von Arnold Böcklin inspiriert, das sie eines Tages auf einem Kalenderblatt ihres Abreißkalender entdeckt hat. Die Faszination für das Gemälde und seine Geschichte haben für den vorliegenden Roman gesorgt, deren Geschichte Weber raffiniert mit ihm verwebt. So gelingt ihr eine unterhaltsame Familiengeschichte voller Humor, Wärme und der unumstößlichen Erkenntnis, dass Ehrlichkeit immer noch am Längsten währt.

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Ich ängstige dich, also bin ich

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ – Walter Moers

Autor: Walter Moers | Illustrationen: Lydia Rode | Seiten: 344 | Gebundenes Buch, Pappband mit Schutzumschlag | 24.99 € [D] | ISBN: 978-3-8135-0785-0 | Erscheinungstermin: 28.08.2017 | Knaus Verlag

„Wenn die Minuten durch die Jahre rufen, erhebt sich der ewige Träumer über seine irdische Last. Und reist mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht.“

Prinzessin Dylia ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien, weswegen sie sich auch gerne „Prinzessin Insomnia“ nennt. Ihr Rekord schlafloser Nächte liegt bei 18 Tage. Während sich der gesamte Königshof den Kopf darüber zerbricht, wie man ihrer heimtückischen Krankheit Einhalt gebieten könnte, hat sich Dylia mit ihrem Zustand längst abgefunden und nutzt die zusätzliche Zeit, sich ihrer ganz besonderen Leidenschaft, der Sprache, zu widmen. Sie übersetzt und erfindet dabei nicht nur eine Reihe spezieller Wörter, die sie selbst Pfauenwörter tauft, sondern wendet auch ein selbst erdachtes Buchstabenvertauschungsprogramm von verblüffender Wirksamkeit an. Durch das „ridikülisierende Anagrammieren“ kann sie jedes Schreckenswort in eine Karrikatur seiner selbst verwandeln und sogar Krankheiten und dem Tod den Stachel ziehen.

Prinzessin Dylias Pfauenwörter in alphabetischer Reihenfolge

„Prinzessin Dylia hatte nun einmal ein außergewöhnlich leidenschaftliches Verhältnis zu Sprachen. Zu Buchstaben. Zu Wörtern aller Art, deren Verbreitung sie gewissermaßen als ihre ganz eigene diplomatische Mission am Königshof empfand. (…) Sie übersetzte leidenschaftlich gerne von einer in die andere und wieder zurück. Übersetzen, so glaubte Dylia, sei wie Wörtern über die Grenze zu helfen. Selbst illegaler Wörterschmuggel und nicht autorisierte Übersetzungen konnten in ihren Augen wertvolle Beiträge zur Völkerverständigung sein.“

Zitat, Seite 50

Als eines Tages ein merkwürdig hässlicher Gnom mit schimmernd lederner Haut und einem unerhört losen Mundwerk in ihrem Schlafgemach auftaucht, wird ihr dennoch Angst und Bange. Denn Havarius Opal ist ein alptraumfarbener Nachtmahr. Sie sind es, die das Alptraumgeschäft verwalten und ihre Opfer so sehr in den Wahnsinn treiben, dass sie ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Auch Havarius verheißt Dylia, ihr von nun an nicht mehr von der Seite zu weichen und sie bis zu ihrem befreienden Sprung in den Tod zu begleiten.

„Wer nicht springen will, muss fühlen.“

Zitat, Seite 107

Doch Dylia beabsichtigt nicht im Geringsten, sich frühzeitig aus dem Leben zu verabschieden. Sie wählt daher die für sie viel interessantere Alternative: eine Reise nach Amygdala. Ein abenteuerlicher Trip in die Stadt der Angst und ins dunkle Herz der Nacht.

„Langeweile, das war für Prinzessin Dylia etwas, worunter kleine Kinder litten, die noch nicht genug Gehirnmasse entwickelt hatten. Oder Vollidioten, bei denen das mit der Gehirnmasse auch im Erwachsenenalter nicht klappte.“

Zitat, Seite 37

Ein irrer Trip durch die Windungen eines Hirns

Da ist es nun, das neue Werk von Walter Moers. Doch es ist nicht „Das Schloss der träumenden Bücher“, auf das Fans bereits seit geraumer Zeit warten, sondern vielmehr ein neues Zamonien-Projekt, das nach Aussage von Moers alle anderen vorübergehend verdrängt hat.

Zu seinem neuesten Werk, das er der zamonischen Spätromantik und erneut dem Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz zuschreibt, wurde Moers von Lydia Rode inspiriert, die sein Werk nicht nur farbig illustrierte, sondern auch an der seltenen und rätselhaften Krankheit Chronic Fatigue Syndom (CFS) leidet, einem chronischen Erschöpfungssyndrom, dessen Leitsymptom eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung ist.

Amygdala ©Illustration von Lydia Rode

Nun, Moers-Fans wie mir, ist es ehrlich gesagt völlig egal, wie das neue Zamonien-Werk nun heißt und in welche abgelegenen Winkel es mich führen wird, das einzig Wichtige ist, er schenkt mir neuen zamonischen Lesestoff. Und da ist er nun: „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“.

Und Moers enttäuscht mich nicht. Ganz im Gegenteil. Während das vorangegangene „Labyrinth der träumenden Bücher“ zwar eine Reihe an kreativen Ideen beinhaltete, aber auch vor altbekannten Begriffen und Wiederholungen aus den Vorgängerbänden strotzte, überrascht er mich nun mit einer wiedergewonnenen Stärke und einem neu angereicherten Ideenreichtum, mit dem er mich seit jeher zu begeistern versteht.

Dieser besagte Reichtum präsentiert sich nicht nur in einer Vielzahl an raffinierten Wörtern, skurillen Figuren und mysteriösen Schauplätzen, sondern auch durch einen gänzlich neuen Plot. Denn weder der Prinzessin noch dem Nachtmahr bin ich je zuvor begegnet. Es sind ihre rebellischen Persönlichkeiten, die in Konversationen voller unterhaltendem Wortwitz, starkem Sarkasmus und kämpferischem Gefrotzel ausufern. Moers schleudert mir Sprichwörter ums Ohr, die mir irgendwie vertraut vorkommen, und dennoch völlig anders sind. Schreckenswörter verwandelt er in verweichlichte Anagramme und aus merkwürdigen Fantasiebegriffen werden essentielle Pfauenwörter.

Während Moers sich anfangs recht eingehend mit Prinzessin Dylias Krankheit Insomnia und ihrer besonderen Vorliebe für die Sprache beschäftigt, kommt die Geschichte eigentlich erst so richtig mit der Begegnung von Havarius Opal, dem alptraumfarbenen Nachtmahr, und ihrer gemeinsamen Reise nach Amygdala ins Rollen.

Es ist die Schlaflosigkeit der Prinzessin, die uns Zugang zu einer völlig neuen Welt eröffnet und uns ins tiefere Innere ihres Gehirns führt. Eine abenteuerliche Reise voller ungeahnter Gefahren beginnt. Sie lässt uns durch dichte Nebelsuppe flimmen, Denkfalten passieren und in eine Hirnklamm hinabsteigen, wo wir nicht nur fragilen Geistgeistern (bzw. Zwielichtzwergen) und parasitären Zergessern begegnen, sondern auch über Zweifelspfützen springen, Ideen beim Schlüpfen zusehen und Geistesblitzen ausweichen müssen, um sie nicht in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen.

Wir reisen mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht, und winden uns voller Behanglichkeit in der moers’schen Kreativität. Die farbigen Illustrationen von Lydia Rode, die uns während der gesamten Reise durchs Buch begleiten, sind dabei nicht nur besonders schön anzusehen, sondern auch besonders wirkungsvoll. Sie erwecken die zahlreichen Fantasiefiguren und Schauplätze zum Leben und schenken Moers‘ Zeilen eine besondere Tiefe. Als wenn Rode Feenstaub über die Seiten gestreut hätte.

„Dein Gehirn ist ein Dschungel wie jedes andere Gehirn auch. Ein wilder, gefährlicher, gnaden- und gesetzloser Urwald voller unberechenbarer Kreaturen. Perfekte Ordnung und totales Chaos, Diktatur und Anarchie, freier Wille und irrer Zwang, Fressen und Gefressenwerden – all das existiert darin. Wie in einem Zoo, in dem alle Käfigtüren offenstehen.“

Zitat, Seite 111

Ein römisches Inhaltsverzeichnis

Insgesamt ist das zamonische Märchen in achtzehn Kapitel eingeteilt, die mit römischen Zahlwörtern versehen sind. So beginnt die Reise mit dem ersten Kapitel Primus und endet mit Octavus Decimus. Darüber hinaus ordnet Moers ihnen noch zusätzliche Unterschriften zur Orientierung wie z.B. Der Friedhof des bunten Humors hinzu. Dank ihnen lässt es sich auch im Nachhinein noch einmal ganz leicht durch die Schauplätze der Geschichte hangeln.

„Jedes Gehirn ist anders, jedes Gehirn ist verrückt und jedes Gehirn ist anders verrückt. Aber auf keinen Fall ist es nur.“

Zitat, Seite 111

Eine audiovisuelles Vergnügen

Hörbuch zum Roman ©2017 der Hörverlag

Eckdaten

Hörbuch, 1 mp3-CD

Laufzeit: 11 h 23 min

Produktion: der Hörverlag

Gelesen von: Andreas Fröhlich

ISBN: 978-3-8445-2809-1

Preis: € 24,99 [D]

Während ich sonst hauptsächlich nur lese, wagte ich mich bei „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf relativ unerforschtes Terrain und ließ mich neben der Lektüre auch von Andreas Fröhlichs facettenreicher Stimme berieseln, die sowohl als Stimme von Prinzessin Dylia als auch Havarius Opal in meinen Ohren Gestalt annahm.

Fröhlichs Stimme konnte mich erstaunlich schnell in seinen Bann ziehen. Er spielt wie ein Jongleur mit ihr, bedient sich unterschiedlichen Stimmlagen und betonenden Sprachpausen. Er schnauft und jammert was das Zeug hält und scheint selbst in Moers‘ raffiniertesten Fantasiebegriffen und Zungenbrechern kein Hindernis zu sehen. Gekonnt hangelt er sich durch die Geschichte, begeistert mit einem unbeirrbaren Redefluss.

Doch auch wenn Fröhlich mich während der gesamten Reise durch das Buch sehr gut unterhalten konnte, kann ich mich dem Gedanken; wie das Werk wohl vom verstorbenen Dirk Bach gelesen worden wäre, der alleine schon aufgrund seines aberwitzigen Naturells perfekt zu der Skurrilität von Moers‘ Zeilen gepasst hat; nicht verwehren.

Fest steht, dass das audiovisuelle Zusammenspiel dem zamonischen Vergnügen nicht nur eine zusätzliche Dimension schenkt, sondern die Geschichte auch mit einer besonderen Note Alptraum garniert. Es setzt Moers‘ Geschichte die Krone auf und sorgt dafür, dass Havarius‘ Stimme auch nach dem Ende des Hörbuchs noch lange in mir nachhallt. Fast sehne ich mich selbst nach der Begegnung mit einem Nachtmahr, der mich in das tiefste Innere meines Gehirns entführt. Es ist der fieberhafte Traum von einem Alptraum, der mich fortan wachhalten wird.

Besonders gelungen finde ich das Beiheft, das sich neben der CD im Inlay des Hörbuchs befindet und den Hörbuch-Hörern eine Auswahl von Lydia Rodes Illustrationen mitsamt Erklärungen der wichtigsten Phänomen des Romans schenkt.

„Stell es dir einfach so vor: Ein Alptraum ist ein Paket, das du bekommst. Der Nachtmahr ist der Postbote, der es zustellt.“

Zitat, Seite 77

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Anima Libri

Kapri-zioes

Wortmalerei

Meine gebundenen Moers-Schätze

Heavy guitars

„Vintage“ – Grégoire Hervier

„Für mich ist Prestige Guitars der schönste Gitarrenladen in Paris. Um nicht zu sagen der schönste Laden überhaupt in Paris. Ein Hafen des Friedens mitten in Pigalle, eine Zeitinsel, in der man sich in der goldenen Ära des Rock vergnügen und vielleicht auch verlieren konnte. Die Gitarren an den Wänden waren keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern Waffen, an denen noch das Blut einer Revolution klebte.“

Zitat, Seite 12

Als Alain de Chévignés, Besitzer des Gitarrenladens Prestige Guitars in Paris krankheitsbedingt ausfällt, schmeißt Thomas Dupré vorübergehend den Laden. Für den leidenschaftlichen Gitarristen Thomas kommt der Job wie gerufen. Schließlich lässt es sich nirgendwo so herrlich durch die goldenen Zeiten der Rockgeschichte reisen wie in Alain’s Laden. Hier ist er von der Aura hochkarätiger Modelle einzigartiger Vintage-Gitarren umgeben, die er sich nicht im Lebtag leisten könnte.

Eines Tages wird das teuerste Modell des Ladens von einem anonymen Käufer in Schottland erworben. Die limitierte Les Paul von 1954, Alains bestes Stück; die ihren Namen der funkelnden goldlackierten Decke zu verdanken hat; soll in Schottland persönlich dem Käufer übergeben werden. Alain beauftragt Thomas mit der Übergabe, für den der vom Käufer gesponserte Trip nach Schottland eine gelungene Abwechslung darstellt.

Seine Reise führt ihn zu einem Landhaus in der Nähe von Loch Ness. Doch es ist kein gewöhnliches Anwesen, das ihn dort empfängt, sondern das Boleskine House, das sich Rocklegende Jimmy Page in seiner Anfangszeit von Led Zeppelin gekauft hat und mittlerweile im Besitz von Lord Charles Dexter Winsley ist. Thomas traut seinen Augen kaum, als er neben derlei anderem Reichtum auch an die 30 Gitarren-Sammlerstücke in der Villa erblickt; darunter eine weiße Broadcaster, eine Stratocaster in Lake-Placid-Blau und eine Les Paul Standard von 1959 mit geflammter Decke, die alleine um die halbe Million Dollar wert ist.

Doch als Winsley Thomas sein unvollständiges Triptychon von Gibson Gitarren in einem versteckten Hinterzimmer präsentiert, schwant ihm noch nicht, welches Ausmaß sein Besuch im Boleskine House erreichen wird. Denn zwischen den höchst gefragten Unikaten der Flying V und der Explorer klafft eine schmerzhafte Lücke. Das Herzstück der Sammlung fehlt: die legendäre Gibson Moderne. Eine Million Dollar verspricht Winsley ihm, wenn er den für den Lord nötigen Beweis liefert, dass die Moderne tatsächlich gebaut worden ist. Eine Falle oder einfach nur der lukrativste Job seines Lebens?

„Dies ist keine Sammlung wie jede andere (…) Es ist nicht der Friedhof meiner jungen Jahre, ein Mahnmal alter Erinnerungen, an die man nicht rühren durfte. Jede dieser Gitarren hat eine Geschichte, eine ruhmreiche Geschichte (…) Sie wartet nur darauf, von Zeit zu Zeit erzählt zu werden. Erwecken Sie sie zum Leben.“

Zitat, Seite 37

Eine Geschichte wie ein Song

Grégoire Herviers dritter Roman „Vintage“ präsentiert sich nicht nur in überaus ansprechender Optik, sondern auch äußerst facettenreicher Natur. Denn neben dem großflächigen Cover begeistert mich auch der Aufbau von Herviers Roman, der der Struktur eines Musikstücks gleicht und daher in die einzelnen Elemente eines Songs unterteilt ist. Es ist unschwer zu erkennen, dass Hervier eine Schwäche für Rockmusik hat, denn sie prägt sein Werk bis zur letzten Seite und schenkt ihr damit eine noch authentischere Note.

Zugegeben, der Experte in Sachen Rockmusik bin ich nicht. Dennoch hat mich Herviers Roman, der rein optisch bereits aus dem üblichen Diogenes Raster fällt, gleich auf Anhieb angesprochen. Ich bin mit den Rocklegenden meines Papas aufgewachsen, erinnere mich noch gut an die bis zum Anschlag aufgetreten Klänge von Rocksongs, mit denen mein Vater die Wände zum Zittern brachte. „Gute Musik muss man laut hören!“ pflegt er auch noch heute zu sagen. Die zahlreichen von Hervier erwähnten Künstler und Songs waren mir daher weitestgehend bekannt, wenn auch nicht in aller Vollständigkeit vertraut. Sicherlich werden eingefleischte Rockliebhaber hier auf ihre Kosten kommen.

Auf der Suche nach der legendären Gibson Moderne schickt Hervier seinen Protagonisten Thomas auf eine faszinierende Reise quer durch Amerika. Auf seinem Weg begegnet er nicht nur bessenenen Musikliebhabern und leidenschaftlichen Sammlern, sondern auch derlei zwielichtigen Gestalten, die ihm schon bald zum Verhängnis werden. Angestachelt von der lukrativen Belohnung Winsley’s und getrieben von seiner Neugier nach der Wahrheit, stößt Thomas auf einen nahezu unbekannten Künstler namens Li Grand Zombie Robertson, auf dessen einziger Platte von Half Moon Blues / Song to Rest in the Hell aus dem Jahre 1958 die vermeintlichen Klänge einer Moderne zu entnehmen sind.

Der scheppernde hypnotische Stil von Robertsons dunklem schweren Song erfasst schon bald die Seiten des Buchs und breitet sich langsam aber sicher auch auf Thomas und den Leser aus. Ehe man sich versieht, ist man, gelähmt von den düsteren Klängen, in eine rasante Verfolgungsjagd verstrickt, die nicht nur in die abgelegensten Winkel führt, sondern auch um Leben und Tod rennen lässt. Der Fluch der legendären Gibson Moderne sorgt zeitgleich für Faszination wie Besorgnis und lässt Herviers Geschichte Seite für Seite zu einem rasanten Krimi heranreifen, der in uns die Saiten zum Klingen bringt.

Grégoire Herviers Geschichte ist das Ergebnis einer raffinierten Verwebung von wahren Fakten und Fiktion. Sie verankert sich so intensiv in unserem Gedächtnis wie ein hartnäckiger Ohrwurm, der uns auch noch Stunden nach dem Hören durch den Alltag begleitet.

„Harold war die Suche wichtiger als das Ergebnis. Das hat seinen Kunstsinn verfeinert, ihn aber letzlich vielleicht auch limitiert. Er schielte kein bisschen auf den Erfolg seiner Musik. (…) Er holte sich seine Ideen aus der Zukunft und richtete seine Musik auch an sie. Das Hier und Jetzt war für ihn nur ein Durchgangsort. Er war ein Außerirdischer. Man wusste nicht, ob er schwarz oder weiß war, aus dem Norden oder aus dem Süden stammte, ob er noch von dieser Welt oder schon anderswo war. Der Einzige, bei dem ich später dasselbe Gefühl hatte, war Michael Jackson.“

Zitat, Seite 278

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Diogenes hat zur Erscheinung des Romans ein passendes Mixtape mit Klassikern veröffentlicht. Eine Reise von Robert Johnson, Chuck Berry und Elvis über The Kinks bis zu BRMC.

Hör mal rein:

(c)2017 Stayed Up All Night / Diogenes Verlag

Weitere Besprechungen zu diesem Buch findest du hier:

Studierenichtdeinleben

Leseschatz

Feiner reiner Buchstoff

 

The map that leads to you

„Liebe findet uns“ – J.P. Monninger

Den letzten Sommer nach der Uni wollen Heather, Amy und Constance für eine gemeinsame Europa-Reise nutzen. Während sich Amy in die Arme zahlreicher Männer wirft und Constance sich ihrer Leidenschaft für Madonna-Statuen hingibt, ist Heather ganz vertieft in ihren Hemingway und will sich durch die Gassen der Altstädte treiben lassen. Dass sie im Zug nach Amsterdam auf ihre große Liebe trifft, hätte sie nie für möglich gehalten.

Was als flapsiger Schlagabtausch zwischen zwei Reisenden beginnt, entwickelt sich schon bald zu einer schicksalhaften Begegnung mit Folgen. Denn Heather und Jack können die Augen nicht mehr voneinander lassen, fühlen sich auf magische Weise zueinander hingezogen.

Und so ergänzt Jack fortan das Dreiergespann und entführt Heather zu den Stationen eines alten Reisetagebuchs seines Großvaters, das seine Reise bestimmt. Sie entdecken dabei die Schönheit ungewöhnlichster Orte und teilen die außergewöhnlichsten Momente zusammen. Doch als Heather klar wird, was sie für Jack empfindet, verschwindet er genauso plötzlich wie er kam.

War ihre Liebe nur für einen Sommer bestimmt?

„Wir standen da und verloren uns in den Augen des anderen. Im Vergleich dazu war jeder Blick, den ich je mit einem anderen getauscht hatte, nur eine Vorübung gewesen. Dieser Moment war überwältigend, wunderschön und beängstigend, und wenn mein Leben jetzt zu Ende gewesen wäre, hätte ich immerhin gewusst, wie es sich anfühlt, den Blick eines anderen festzuhalten und ohne jeden Zweifel zu wissen, dass das, was wir Seele nennen, auf die des anderen reagiert hat. Dass wir diesen Blick, diesen Moment, bis in alle Ewigkeit besitzen würden wie einen seltenen Schatz, zusammen mit dem Wissen, dass keiner von uns jemals wieder allein sein musste, niemals so ganz, nie wieder.“

Zitat, Seite 172

Es gibt Bücher, die triefen förmlich nach Liebesroman. Auch dieses hier schien mir so eines zu sein. Ich hatte so lange keine Liebesgeschichte mehr gelesen, dass ich ganz zielsicher nach „Liebe findet uns“ griff und überrascht war, als sich die Geschichte doch ganz anders präsentierte. Nun ja, nicht völlig, aber dennoch anders.

Denn Monningers Roman ist ein Mix aus vielem: Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte. Während Cover und Titel sich ganz eindeutig in die Richtung Liebesroman bewegen, folgen die Zeilen vorerst einer anderem Ziel: einer Reise durch Europa. Was anfangs als reiner Mädelstrip geplant war, wird schon bald zum Abenteuertrip für alle Beteiligten. Allen voran für Heather, die von Jack in ein altes Reisetagebuch eingeweiht wird und fortan mit ihm die Stationen seines verstorbenen Großvaters bereist. Nach Amsterdam folgt u.a. Polen, Italien und Frankreich.

„Egal was du mit nach Paris bringst, die Stadt nimmt es dir und gibt es erst wieder her, wenn sie es nicht mehr braucht. Dann ist es verändert, manchmal nur geringfügig, manchmal stärker, aber immer behält die Stadt einen kleinen Teil für sich. Paris ist ein Dieb. Ein lächelnder Dieb, der sich mit dir über einen Witz amüsiert und dich gleichzeitig beklaut.“

Zitat, Seite 227

Es sind die Stationen der Reise, in die Monninger auch seinen Roman unterteilt. Während sich die erste Hälfte seiner Geschichte mit dem Trip und der gemeinsamen Zeit von Heather und Jack befasst, erzählt die zweite von der Zeit danach. Von einer verlassenen Heather, die nach dem Verschwinden von Jack mit aller Macht versucht, ins Leben zurückzufinden und die geheimnisvolle Reisebekanntschaft zu vergessen.

Monningers Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Während er seine Leser stellenweise mit der nötigen Prise Romantik versorgt, findet er immer wieder zu einem gereiften und realistischen Ton zurück. Dieser Stilmix nimmt der Geschichte den unnötigen Kitsch, den ich von so vielen Liebesromanen kenne und lässt auch Heather, aus deren Perspektive erzählt wird, authentischer wirken.

Die Verflechtung der Geschichte mit Momentaufnahmen aus dem Reisetagebuch von Jacks Großvater habe ich sehr genossen. Sie hat den Orten, die Jack und Heather besucht haben, eine authentischere Note verliehen und ihnen einen ganz besonderen Wegbegleiter geschenkt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Monninger auf die Beziehung, die Jack mit seinem Großvater verband, noch etwas näher eingeht. Teilweise erschien mir der Verlauf der Passagen zu abrupt, lies mich verstimmt zurück.

Auch der zweite Teil des Romans präsentiert sich in meinen Augen deutlich schwächer als der erste. Es wirkt fast so, als wären Monninger die Ideen ausgegangen, die er im ersten Teil noch so fein ausgearbeitet hat. Er lässt Heather durch eine Reihe an Belanglosigkeiten wandern, die sicherlich der Realität und ihrer Trauerphase um Jack zuzuschreiben ist, seinen Zeilen aber auch ein bisschen an Besonderheit nimmt.

Das Ende hingegen hat mich wieder ein bisschen friedlich gestimmt. Es ist schlicht und ein angenehmer Kontrast zu den üblichen Happy Ends. Eins, das dem Leben ins Auge blickt und den Lesern Spielraum für ihre eigene Interpretation schenkt. So begegnet mir „Liebe findet uns“ als angenehm überraschende Liason aus Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte, die mich trotz einiger Schwächen, gut zu unterhalten wusste und einmal mehr unter Beweis stellt, dass die Liebe ihre ganz eigenen Wege geht.

„Die Liebe, die wir suchen, kommt von selbst und geht, wann sie will. Wer behauptet, wir würden Liebe finden, versteht ihr Wesen nicht. Liebe findet uns, durchfließt uns, zieht weiter. Wir können sie ebenso wenig zwingen, wie man Luft oder Wasser zwingen kann; ohne Luft und Wasser können wir genauso wenig leben wie ohne Liebe. Sie ist lebenswichtig und alltäglich wie Brot. Wenn man offen für sie ist, wird man sie überall sehen und nie ohne sie sein.“

Zitat, Seite 378

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Wo heimliche Bestseller ruhen

Das geheime Leben des Monsieur Pick – David Foenkinos

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„Diese Bibliothek ist gefährlich.“

Vorangestelltes Zitat

Crozon, ein bretonisches Küstendorf im Finistère. Hier, in ihrem bescheidenen Heimatort am Ende der Welt rechnet Delphine am Allerwenigsten mit einer Sensation. Doch während ihr Freund Frédéric sich verzweifelt an einem zweiten Roman versucht, stößt die junge Lektorin in der Gemeindebibliothek auf eine ganz besondere Geschichte: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“.

Doch es ist kein Buch wie jedes andere. Seit Jahren schlummert die Liebesgeschichte in der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte, die der frühere Bibliothekar Jean-Pierre Gourvec als Hommage an die Brautigan Library aus den Vereinigten Staaten ins Leben rief, um abgelehnten und verwaisten Manuskripten eine letzte Ruhestätte zu schenken.

Dass es von Henri Pick stammen soll, kann keiner glauben. Denn die Aufmerksamkeit des simpel gestrickten Henri galt zu seinen Lebzeiten nie etwas Anderem als seiner Tätigkeit als Pizzabäcker. Mit seiner Frau Madeleine unterhielt er vierzig Jahre lang die Dorfpizzeria, machte sich neben dem Schreiben des Einkaufszettels weder durch übermäßiges Schreiben noch durch Lesen bemerkbar.

Wie konnte es Madeleine entgehen, dass in ihrem Mann ein Romanautor schlummert? Sind Henris Zeilen, die selbst im fernen Paris für Aufregung sorgen, gar ihr gewidmet? Auf der Suche nach der Inspirationsquelle des rätselhaften Romans, wird nicht nur das bretonische Küstendörfchen Crozon und seine Bewohner, sondern auch die gesamte Literaturwelt auf den Kopf gestellt.

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„Der erste Roman ist immer der eines fleißigen Schülers. Nur Genies sind von Anfang an faul. Es brauchte sicher Zeit, um zu begreifen, wie so ein Text atmet, wie man im Geheimen die Fäden spinnt.“

Zitat, Seite 39

Es mag an meiner zwiespältigen Beziehung zu französischen Romanautoren und ihrer besonderen Schreibweise liegen, dass mich „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ nicht übermäßig begeistern konnte. Bereits zum zweiten Mal habe ich mich auf den französischen Bestsellerautor eingelassen, der mit einem reizend anzuschauenden Roman daherkam, der sich mir präsentierte, wie eine Einladung in die Bretagne.

Leider konnte Foenkinos mich, ähnlich wie bei seinem Werk „Nathalie küsst“, nicht auf seine Seite ziehen, weshalb ich mich nun der schmerzlichen Erkenntnis ins Auge blicken sehe, dass auch ein weiterer seiner Romane das Ruder nicht herumzureißen vermag. Monsieur Foenkinos und ich scheinen einfach nicht füreinander geschaffen zu sein.

Doch alles der Reihe nach. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ kommt als überaus hübsch verpackter Roman daher. Sowohl das Cover als auch die Beschreibung ließen mich auf ein paar unterhaltsame Lesestunden hoffen, die mich gedanklich von der doch recht radikalen Vorgängerlektüre wegtragen sollten. Die mentale Ablenkung gelang Foenkinos zwar, die Entzückung über seine Geschichte blieb dennoch aus. C’est la vie!

Zugegeben, die Geschichte seines Romans ist durchaus originell. Ich begegne einer Bibliothek, die verstoßene Manuskripte beherbergt und einem ganz besonderen Fundstück, das trotz seines Potentials jahrelang keine Wertschätzung erfährt. Auch die bizarren Figuren, an deren Seite mich Foenkinos durch seine Geschichte geleitet und die wohl eher ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Romans sorgen für jede Menge Unterhaltung.

Dennoch, zwischen all den netten Zeilen über die Liebe und das Leben, begegne ich einer Reihe an Belanglosigkeiten. Zeilen, denen eine gewisse Tristesse anhaftet und die in meinen Augen so ganz und gar nicht zu der sonst so spektakulären Geschichte passen. Während seine zahlreichen Fußnoten noch für Belustigung sorgen, langweilen diese Zeilen mich enorm, sorgen für unnötige Längen im Roman und eine gewisse Zähe im Lesefluss.

Trotz seiner heimtückischen Handlungsbremsen begeistert mich Foenkinos aber mit einem ganz und gar schelmischen Blick auf die Verlagswelt, durch die er so manche Entscheidungen fragwürdig erscheinen lässt und sie einmal quer durch den Kakao zieht. Den Erfolg von „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ schreibt er nämlich nicht der Qualität von Picks Zeilen, sondern vielmehr der sensationsträchtigen Entstehungsgeschichte des Werkes zu, der sehr viel mehr Gewichtung zuzufallen scheint, als alles andere.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als den Roman auf den Stapel der aussortierten Werke zu legen, die sich dort, ähnlich wie die verstoßenen Manuskripte der Bibliothek von Crozon, nach Wertschätzung sehnen. Wer sich dem Werk annehmen möchte, der möge es mich in der Kommentarspalte wissen lassen.

„Der Anfang vom Ende einer Liebe ist immer schwer genau zu bestimmen. Die Dinge geschehen langsam, sie schleichen sich ein, mit der hinterhältigen Gewandtheit des Sterbens.“

Zitat, Seite 142

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Das Licht und die Geräusche

Das Licht und die Geräusche – Jan Schomburg

Wenn es nach Johanna ginge, wären sie und Boris ein Paar. Doch in Portugal gibt es Ana-Clara, seine Freundin, von der Boris kaum redet, obwohl er und Johanna fast jede freie Minute miteinander verbringen. Sie reden über Gott und die Welt und sind doch nicht wirklich offen zueinander.

So viele Chancen bleiben ungenutzt. Auch die Gelegenheit zu einem ersten Kuss verpassen sie um Haaresbreite. Johanna ist genervt davon, weiß nicht, ob es bloße Zuneigung oder gar Liebe ist, was sie für Boris empfindet. Genauso wenig versteht sie, warum sich Boris so komisch verhält. Warum er sich über Typen lustig macht, die ihm eindeutig eine verpassen wollen oder warum er nach einer abenteuerlichen Nacht am See ganz plötzlich verschwindet.

Als Johanna ein Brief von Boris erreicht, sieht sie sich dafür verantwortlich, nach ihm zu suchen. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris‘ Eltern fährt sie nach Island und bemerkt, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Die Reise hält einige ungeahnte Überraschungen bereit, die ihre Sicht auf die Welt von Grund auf verändern wird.

„Inmitten des laut-leisen Rauschens empfinde ich plötzlich so etwas Dankbarkeit für das Geräusch der Nähmaschine aus dem Wohnzimmer, ohne dass ich genau verstehe, warum. Während ich mit dem Brief in der Hand ins Wohnzimmer gehe, merke ich, dass ich mir überlege, wie ich das gleich meiner Mutter sage.“

Zitat, Seite 152

Es ist sind die audiovisuellen Komponenten, die Jan Schomburgs Roman innewohnen und ihn so besonders machen. Denn der Titel des Romans klingt nicht nur gut, sondern verkörpert auch seine tragenden Elemente, die gleichwohl für die Lebenselixiere eines Autors stehen, der hauptberuflich als Regisseur arbeitet: das Licht und die Geräusche.

Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Jugendlicher; Johanna, Boris und Ana-Clara; die uns in Schomburgs Roman begegnen. Während die Geschichte stringent aus den Augen von Johanna erzählt wird, folgt die Anordnung des Geschehens einer anderen Logik. Denn Schomburg entzieht seiner Geschichte die chronologische Reihenfolge und präsentiert sie uns als wirres Durcheinander von Rückblenden und Gegenwartsaufnahmen. Er lädt seine Leser zum intuitiven Lesen ein, schenkt uns die Möglichkeit, die Dinge völlig eigenständig zu interpretieren und den freien Raum mit unseren Gedanken zu füllen.

Und er füllt sich. Denn die einzelnen Handlungsfäden, die vorerst nicht in Verbindung zu stehen scheinen, finden nach und nach zueinander. Wie einzelne Mosaiksteine formieren sie sich zu einem individuellen Muster, formen das licht- und geräuschvolle Gerüst des Romans.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Zitat, Seite 160

Die Geschichte ist weitaus komplexer, als dass die Betitelung „Coming of Age“ Roman, die dem Roman mehrfach zugespielt wurde, ausreiche. Sicherlich ist Schomburgs Roman eine kleine Reise in die Zeit des jugendlichen Heranwachsens. Er lässt uns teilhaben, am persönlichen Entwicklungsprozess seiner drei Protagonisten, der teils naive, experimentelle und auch widersprüchliche Handlungen zur Folge hat, darüber hinaus lädt er uns aber auch zu einer wunderbaren Entdeckungsreise ein; einer Reise, die uns die wesentlichen Dinge neu entdecken und wahrnehmen lässt.

In „Das Licht und die Geräusche“ finden einige existentielle und auch düstere Gedanken ihren Platz, die dem Roman mitunter dramatische und hochemotionale Wesenszüge verleihen. Insgesamt hat Schomburg aber einen wunderbaren Ton gefunden, der uns mit einer gewissen Leichtigkeit durch so manche Schwere geleitet und das Lesen zu keinem deprimierenden Unterfangen macht.

Es ist der ehrliche Blick auf sich selbst und das Leben, mit dem mich Schomburg in seinem Roman so begeistert hat. Seine Protagonistin Johanna ist eine dialektische Denkerin, die sich nicht davor scheut, Dinge zu Ende zu denken und andere Perspektiven einzunehmen. Durch sie fand ich auf Anhieb Zugang zur Geschichte und konnte mich komplett auf das licht- und geräuschvolle Abenteuer einlassen, dessen Töne noch lange nach dem Lesen in mir nachhallten.

„Als Jugendlicher hat man so viele unterschiedliche Ichs. Man kann so viele Dinge auf einmal sein, die sich eigentlich widersprechen.“(J.S.)

Arndt von der literarischen Sternwarte AstroLibrium und ich hatten die Gelegenheit, mit dem Autor Jan Schomburg über seinen Roman und seine Hintergründe zu sprechen. Meine Eindrücke zu unserem Interview und den Weg zur Radioreportage für das Literaturradio Bayern findest du hier.

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Das Labyrinth der Lichter

„Das Labyrinth der Lichter“ – Carlos Ruiz Zafón

„Die Welt ist nicht der unmoralische Ort, den du bisher gekannt hast, Alicia. Die Welt ist schlicht ein Spiegel von uns, die wir sie bilden, und sie ist nicht mehr und nicht weniger als das, was wir alle gemeinsam mit ihr anstellen.“

Zitat, Seite 275

Es ist das plötzliche Verschwinden des Ministers Mauricio Valls, das Alicia Gris zurück nach Barcelona führt, das sie für immer hinter sich lassen wollte. Doch ein Auftrag der politischen Polizei zwingt sie dazu, hinter das Geheimnis eines geheimnisvollen Buches aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“ zu kommen, das sich in Valls Besitz befand und im Zusammenhang mit seinem Verschwinden stehen könnte.

In den Straßen von Barcelona prasseln die Erinnerungen vergangener Tage auf sie ein wie ein brennender Feuerhagel und rauben ihr nahezu die Luft zum Atmen. Trotz seelischer und körperlicher Schmerzen schleppt sie sich durch das mystische Geflecht der Stadt und nimmt die Spur des Ministers auf, die sie direkt in die Buchhandlung Sempere & Söhne spült. Doch in der Buchhandlung empfängt Alicia nicht nur die magische Atmosphäre, die ihr seit jeher innewohnt, sondern auch eine Wahrheit ungeheuerlichen Ausmaßes, die Alles über sie zum Einstürzen bringen könnte.

„Als sie eintrat, wurde sie vom Glöckchen an der Tür empfangen, dem von Tausenden Seiten ausgehenden Duft von Büchern, die auf ihre Chance warteten, und einer nebligen Helligkeit, die die Szenerie mit einem Traumgewebe überzog. Alles war so, wie sie es in Erinnerung hatte, von der Vielzahl der hellen Holzregale bis zum letzten im Licht des Schaufensters gefangenen Stäubchen. Alles außer ihr. Sie betrat diesen Raum, als kehrte sie in eine wiedergefundene Erinnerung zurück.“

Zitat, Seite 361

Sechs Jahre nach seinem Roman „Der Gefangene des Himmels“ beglückt uns Carlos Ruiz Zafón mit dem vierten und letzten Roman der Barcelona-Reihe um das literarische Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher und präsentiert sich besser den je.

Es ist seine lebendige und von Metaphern getränkte Schreibweise, die mich seit jeher in ihren Bann zieht. Kaum ein anderer Autor vermag es die düstere und mystische Seite Barcelonas mit seinem Netz aus Kriminalität, Intrigen und Gewalt so authentisch heraufzubeschwören wie er. Er erweckt die Gässchen, Straßen und Hinterhöfe Barcelonas nicht nur zum Leben, sondern verleiht der katalonischen Hauptstadt auch eine gewisse Anmut, wenn auch mit zwielichtiger Note.

Und so katapultieren mich Zafóns Zeilen in „Das Labyrinth der Lichter“ ohne langes Vorgeplänkel unmittelbar ins Geschehen. Ich bin zurück, im vom Nebelschwaden durchwaberten und düsteren Barcelona.

Erstmalig begleiten uns Fotografien durch die Geschichte

„Ich zog los, erinnere mich aber, dass die Kleider, die Schuhe und selbst die Haut schwer an mir zogen. Ein Schritt war anstrengender als der andere. Als ich auf die Ramblas gelangte, sah ich, dass die Stadt in einem Augenblick der Unendlichkeit verharrte. Die Menschen waren stehengeblieben, eingefroren wie die Gestalten auf einer alten Fotografie. Der Flügelschlag einer auffliegenden Taube war nur gerade eine verschwommene Skizze. Pollenfäserchen hingen unbeweglich wie pulverisierendes Licht in der Luft. Das Wasser des Canaletas-Brunnens glitzerte im Leeren gleich einem Kollier aus gläsernen Tränen.“

Zitat, Seite 9

Obwohl ich gleich zu Beginn alte Bekannte aus Vorgängerromanen treffe, begegne ich in „Das Labyrinth der Lichter“ einer neuen Protagonistin, Alicia Gris, an deren Seite ich von Zafón durch die Geschichte geführt werde. Die in Barcelona geborene und durch die Folgen eines erbarmungslosen Krieges hartgesottene Alicia wird von Madrid zurück nach Barcelona gespült, wo sie sich nicht nur den Gespenstern ihrer Vergangenheit, sondern auch den schockierenden Wahrheiten stellen muss, die ihre Suche nach dem verschwundenen Minister zu Tage fördert.

Es ist ein heikles und weitreichend verflechtetes Unterfangen, in das die junge aber vom Leben abgehärtete Hauptfigur sich durch die Suche nach Mauricio Valls manövriert, weshalb sich der Leser schnell mit allerhand blutigen, brutalen und schwer verdaulichen Szenen konfrontiert sieht.

Während man Zafóns Barcelona-Bücher durch ihre in sich geschlossenen Geschichten allesamt auch eigenständig lesen kann, empfiehlt sich in meinen Augen dennoch die vorangegangene Lektüre von „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefange des Himmels“. Nur so setzt sich eine puzzleteilartige Verkettung in Gang, die die Figuren und Handlungsstränge des aktuellen Romans mit den der alten verbindet und dem Ganzen eine zusätzliche Dimension schenkt.

Nachdem mich „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ aufgrund von zu vielen aufgenommen und zwischendurch fallengelassenen Handlungssträngen etwas enttäuscht zurückgelassen haben, schließt sich nun der Kreis um den Zyklus von Romanen, die sich im literarischen Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher überkreuzen.

Ähnlich wie „Der Schatten des Windes“ übte „Das Labyrinth der Lichter“ eine sogartige Wirkung auf mich aus, die mich unmittelbar auf den ersten Seiten erfasste und mich erst wieder losließ, als ich die über 900 Seiten bewältigt hatte. „Das Labyrinth der Lichter“ ist daher sicherlich nicht die geeigneteste Lektüre für unterwegs, sicherlich aber eine der ausdauernsten und rasantesten aus Zafóns Repertoire.

Carlos Ruiz Zafón at his best!

„Die meisten von uns Sterblichen lernen ihr wirkliches Schicksal nie kennen; wir werden ganz einfach von ihm überrollt. Wenn wir dann den Kopf heben und sehen, wie es sich auf der Landstraße entfernt, ist es schon zu spät, und den Rest des Weges müssen wir im Straßengraben dessen zurücklegen, was die Träumer die Reife nennen. Die Hoffnung ist nichts weiter als der Glaube, dass dieser Moment noch nicht gekommen ist, dass es uns gelingt, unser wirkliches Schicksal zu sehen, wenn es heranrückt, und dass wir an Bord springen können, ehe sich die Chance, wir selbst zu werden, auf ewig verflüchtigt und uns dazu verdammt, leer zu leben und uns nach dem zu sehnen, was hätte sein müssen und nie war.“

Zitat, Seite 360/361

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