Loyalität bis zur Selbstzerstörung

„Loyalitäten“ – Delphine de Vigan

„Das ist es, was er jeden Freitag zur etwa gleichen Uhrzeit leisten muss: diesen Umzug von einer Welt in die andere, ohne Brücke, ohne Fährmann. Zwei nichtleere Mengen ohne jede Schnittmenge. Acht Metrostationen entfernt: eine andere Kultur, andere Sitten, eine andere Sprache. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um sich zu akklimatisieren.“

Zitat, Seite 19/20

Bereits mit 12 Jahren sieht Théo keinen anderen Ausweg als seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Der Junge wächst in wechselnder Obhut seiner geschiedenen Eltern auf und versucht der unglücklichen Mutter und dem einsamen Vater gerecht zu werden. Doch die Eltern verschwinden in ihrem eigenen Leid und nehmen ihren unglücklichen Sohn kaum noch wahr. Théo macht das zu schaffen. Er zieht sich zunehmend zurück, vergräbt sich an stille Orte und trinkt. Auch seine Lehrerin Hélène stellt diese besorgniserregende Veränderung an ihm fest. Doch keiner aus ihrer Kollegenschaft will davon etwas hören.

Dass das Trinken für Théo kein reines Spiel mehr ist, bemerkt irgendwann auch sein bester Freund Mathis. Nur er weiß, dass Théo sogar in der Schule trinkt, der Alkohol längst zum täglichen Begleiter geworden ist. Anfangs hat Mathis noch mitgetrunken, doch mittlerweile erschrickt es ihn immer mehr, was der Alkohol aus seinem Freund macht. Wie gern würde er Théo helfen. Doch wie kann er seinen Freund von seinem größten Laster befreien ohne ihn dabei zu verraten? Einen Freund verrät man schließlich nicht!

Als sie sich zu einem gefährlichen Spiel im schneebedeckten Park zusammenfinden, scheint jede Hilfe zu spät! Denn es ist Théo, der dabei bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Ein weitreichendes Beziehungsgeflecht

„Die Intensität dieses schmalen Büchleins wird dich umhauen und ihre Geschichte noch lange in dir nachhallen.“

Man mag es kaum glauben, dass dieser Roman nur 176 Seiten umfasst und Delphine de Vigan auf ihnen dennoch so viel zu transportieren vermag. Denn die Kraft, die diesem schmalen Büchlein innewohnt, hat mich umgehauen und ihre Story mich noch lange beschäftigt. Sie tut es noch.

Es ist das Leben von Théo, das in „Loyalitäten“ primär im Vordergrund steht. Er ist es, der sich mit seinem zarten Alter durch das Dickicht der gescheiterten Beziehung seiner Eltern kämpfen und ihren Ansprüchen gerecht werden muss. Woche für Woche pendelt der Junge zwischen der verletzten Mutter und dem zunehmend hilflosen Vater; muss sich den unterschiedlichen Umgebungen, Regeln und Stimmungen seiner Eltern anpassen. Während sich die Eltern in ihrem eigenen Elend suhlen, rückt Theo immer mehr in den Hintergrund. Er muss zurückstecken, fühlt sich von ihnen im Stich gelassen und allein, fühlt sich aber gleichzeitig auch für sie verantwortlich. Aus Loyalität zu ihnen lässt Théo der Entwicklung ihren Lauf, lässt die Hasstiraden seiner Mutter und die stetig voranschreitende Entgleisung seines Vaters über sich ergehen.

„Théo steckt es ein, sein zarter Körper ist von Wörtern durchlöchert, doch sie sieht es nicht. Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“

Zitat, Seite 22

Doch schon bald erliegt Théo den verheerenden Auswirkungen des ständigen Konflikts. Dass der schier unerträgliche Ton, ein schrilles fernes Pfeifen, den er eines Tages vernimmt, in seinem Kopf haust, versteht er nicht. Er greift zum Alkohol; erkennt, dass sich das tinnitusartige Geräusch, das ihn schon bald nicht nur noch nachts heimsucht, durch Hochprozentiges verflüchtigt. Doch er legt mit dem Alkohol nicht nur das Geräusch lahm sondern auch sich selbst. Langsam aber sicher ergreift der Alkohol von ihm Besitz.

„Er wünschte, er hätte sich in einem entlegenen Winkel seines Hirns, zu dem er jetzt die Tür ein wenig öffnen könnte, ein wages Trunkenheitsgefühl aufbewahrt. Er sucht in sich nach einer Spur der Betäubung. Er wünschte, er könnte dem Stempel des Alkohols noch in seinen Bewegungen aufspüren, eine Langsamkeit und Benommenheit, so winzig sie auch wäre, aber es ist nichts mehr übrig. Er hat keinen Panzer mehr. (…) Er ist wieder zu diesem Kind geworden, das er hasst, das mit einem Bauch voller Angst auf den Knopf des Aufzugs drückt.“

Zitat, Seite 60

Dass Théo sich zunehmend verändert, bemerkt nicht nur sein Freund Mathis sondern auch seine Lehrerin Hélène. Dank unterschiedlicher Perspektiven lässt die Autorin uns ihre unterschiedlichen Blickwinkel einnehmen und ein Gespür für ihre Sicht auf die Dinge entwickeln. Schon bald wird deutlich, wie weitreichend das Beziehungsgeflecht der Geschichte reicht und welch gefährliche Komplexität sie darüber hinaus mit sich bringt. Neben dem persönlichen Schicksal von Theo geht die Autorin auch auf das der restlichen Figuren ein. Sie alle haben ein Päckchen zu tragen, sind auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg.

Sehr anschaulich wird uns verdeutlicht, wie uns persönliche Erfahrungen prägen und die eigene Wahrnehmung für Dinge schulen können, wie wir unsere Antennen für andere öffnen oder schließen. Dass der Grat zwischen richtig und falsch sehr schmal ist. Man oft nicht weiß, wann man sich einmischen oder doch lieber raushalten sollte. Wie weit darf Loyalität gehen? Darf sie uns auch unwissend zu Verbündeten machen, zu Mittätern?

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit „Loyalitäten“ gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.

Wenn das Herz zu Bersten droht

Rattatatam, mein Herz – Franziska Seyboldt

Etwa jeder sechste Deutsche leidet unter einer Angststörung, doch kaum einer traut sich darüber zu sprechen. Franziska Seyboldt schon. Im August 2006 entscheidet sich die Autorin und Redakteurin der taz zu einem Geständnis. In Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle – Leben mit einer Angststörung spricht sie offen über ihre Angststörung. Einer Krankheit, die als häufigste psychische Erkrankung, noch vor Depressionen und Alkoholismus, gilt. Die Resonanz auf ihren Artikel war überwältigend. Deshalb entschied sich Seyboldt ein Buch daraus enstehen zu lassen. Eines, das auch mich letztes Jahr erreichte und jedem Menschen ans Herz gelegt sei.

Rattatatam, mein Herz

Zugegeben, als das Buch bei mir ankam, habe ich mir nicht allzu viel davon versprochen. Weder leide ich an einer Angststörung, noch bin ich der typische Ratgeber-Typ. Doch die Zeilen auf der Rückseite des Buches hatten mich sofort. Es war die ihnen anhaftende Mischung aus tiefer Ehrlichkeit und Intensität, die mich in ihren Bann zogen.

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. (…) An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. (…) Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür. Herzlich willkommen, treten Sie ein und treten Sie zu, die Fassade bröckelt schon.“

Zitat, Seite 15/16

Ein Rauschen wie heranrollende Wellen

Das erste Mal ohnmächtig wird Seyboldt mit zwölf Jahren bei einer Untersuchung beim Arzt. Plötzlich ist da ein Rauschen in ihren Ohren, das einer Ohnmacht vorausgeht und wie heranrollende Wellen eiskalt über ihre Extremitäten schwappt. Schwarze Punkte beginnen vor ihren Augen zu tanzen, ehe sie sie schließt und sich der Ohnmacht hingibt. Später wird ihr klar, dass es ihre erste Begegnung mit der Angst war. Einer Angst, die sich von da an in ihrem Leben einnistet und nicht wieder abschütteln lässt. Auch die Leser von „Rattatatam, mein Herz“ machen mit dieser Angst Bekanntschaft. Der lästige Begleiter spielt in Seyboldts Buch nicht nur eine zentrale Rolle, er ergreift auch noch ständig das Wort.

„Die Angst und ich sind auf dem Spielplatz und wippen. (…)

„Wer hat dich eigentlich so verkorkst?“, fragt die Angst. Diplomatie ist nicht so ihr Ding.

„Na, du.“

„Kann gar nicht sein!“

„Warum nicht?“

„Ist doch klar: Wenn du normal wärst, wär ich gar nicht da.“

„Moment mal. Was soll das heißen?“

„Ich stoppe die Wippe, indem ich mich nach hinten lehne. Die Angst thront hoch oben wie ein Cowboy auf seinem Pferd. Enspannte Zügelführung, Sonne im Rücken, wehendes Haar. (…) Sie ist übertrieben lässig. Dazu dieser selbstsichere Ausdruck um den Mund, der bei mir reflexhaft Argwohn auslöst. Kann man so jemandem trauen? Nein.“

Zitat, Seite 51/52

Therapie ist nicht gleich Therapie

Und so berichtet Seyboldt von ihrem Leben mit der Angst. Wie sie erst nach einer ganzen Weile lernt mit ihr und nicht gegen sie zu leben und was dafür nötig war, um das zu begreifen. Was mit einem miserablen Therapeuten beginnt, der wie Hannibal Lecter aussieht und ihr lediglich ein Buch empfiehlt, dessen Angsttest sie bewältigen muss, endet bei einem empathischen Menschen, der sie dazu auffordert, über alles zu sprechen, was sie beschäftigt. So kommt sie nicht nur auf ihre Angst, sondern auch über ihre Kindheit, ihre Zukunftssorgen und Beziehungsprobleme zu sprechen. Endlich wird sie nicht mehr nur ausschließlich auf ihre Angst reduziert. Durch diese Sitzungen erkennt sie, dass es die unterschiedlichsten Ursachen für ihre Angststörung gibt. Und dass sie sich dafür nicht zu schämen braucht!

„Bei Dr. Goldberg war ich ein Mensch mit einer Angststörung. Bei Hannibal Lecter eine Angststörung mit einem lästigen menschlichen Anhängsel.“

Zitat, Seite 45

Franziska Seyboldt hat hier keinen klassischen Ratgeber geschrieben, sondern vielmehr einen persönlichen Erfahrungsbericht mit ermutigender Botschaft. Mit ihren schonungslos ehrlichen Zeilen gibt sie nicht nur den Weg in ihr Innerstes frei (durch das sie Angstpatienten sicherlich zu einem offeneren Umgang mit ihrer Krankheit ermutigt), sondern öffnet vielleicht auch dem ein oder anderen nicht betroffenen Leser die Augen. Vielleicht gelingt es ihr sogar der Stigmatisierung, die in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert scheint, ein kleines bisschen entgegenzuwirken. Denn die Symptome der Krankheit nehmen leider immer noch viel zu viele Menschen zum Anlass, jemanden als verweichlicht, nicht gesellschaftsfähig, irrational oder unproduktiv einzuordnen. Dabei sehen sich selbst Nicht-Angst-Patienten häufiger einer Angst vor dem persönlichen Scheitern konfrontiert als ihnen lieb ist. Wir alle haben täglich ein stetig wachsendes Arbeitspensum zu bewältigen und hangeln uns dabei durch eine Reihe von Stressituationen, die uns körperlich wie geistig einiges abverlangen. Das darf einen schon mal in Angst versetzen!

„Angstschweiß stinkt übrigens immer, trotz Deo. Er riecht viel beißender als der Schweiß an einem heißen Tag oder beim Sport, vielleicht, um den Angreifer olfaktorisch in die Flucht zu schlagen. Was einigermaßen sinnlos ist, wenn sich der Angreifer in meinem Kopf befindet.“

Zitat, Seite 28

Das Buch ist ein interessanter und unglaublich unterhaltsamer Exkurs in das das Krankheitsbild einer Angststörung. Man mag es kaum glauben, wie leichtfüßig und locker sich die Autorin durch ihr Buch bewegt. Es scheint mir, als könnte Seyboldt mittlerweile mit Leichtigkeit ihrer Angst die Stirn bieten. Seyboldts Zeilen haben mich auf Anhieb abgeholt. Auch ohne Angststörung konnte ich mich wunderbar in die Lage der Autorin versetzen und mich in der ein oder anderen Situation sogar wiederfinden. Das Rattern von Seyboldts Herzschlag begleitet einen durch das gesamte Buch und macht es damit zu einem unglaublich emotionalen Unterfangen. Ratta-ta-tam!

„Es ging um meine Einstellung zum Leben und darum, wie ich mit Belastungen umgehe, ganz egal, ob sie objektiv nachweisbar sind oder nicht. (…) Stress ist keine Währung, die für jeden den gleichen Wert hat.“

Zitat, Seite 65/66

Pax (lat.): Frieden

Mein Freund Pax – Sara Pennypacker

Seit Peter den Fuchswelpen Pax vor dem Tod gerettet und aufgezogen hat, sind die beiden unzertrennlich. Doch eines Tages zwingt sein Vater ihn, den Fuchs wieder in die Freiheit zu entlassen und ihn den Gesetzen der Natur auszusetzen.

Der Krieg geht ins Land und fordert seine Opfer. Auch an Pax und Peter zieht er nicht spurlos vorüber. Doch während Mensch und Tier vor ihm fliehen, laufen die beiden Freunde ihm blindlings entgegen. Während Peter glaubt, dass sein Fuchs ohne ihn in der Wildnis nicht überleben kann, ist sich auch Pax sicher, dass Peter seinen Schutz braucht.

Und so machen sich die beiden Freunde, getrieben von ihrer Sehnsucht, auf die Suche nach dem jeweils anderen. Denn auch Hunderte Kilometer voneinander entfernt, reißt ihr enges Band der Verbundenheit nicht.

„Der Krieg, der kommt – bist du sicher, dass er allen schadet, die ihm auf seinem Weg begegnen? Selbst den ganz Jungen?, fragte er Gray. Allen. Krieg zerstört alles.“

Zitat, Seite 148

Sara Pennypacker bringt den zwölfjährigen Halbwaisen Peter und den Fuchswelpen Pax kurz nach dem Autounfall der Mutter zusammen. In einem Fuchsbau nahe der Straße finden sie zueinander. Seitdem sind sie unzertrennlich. Zum Vater findet Peter keinen wirklichen Zugang, genauso wenig wie zu seinem lieblosen Großvater, bei dem ihn der Vater kurz vor dem Einzug in den Krieg absetzt.

Pax da draußen alleine zu wissen, lässt dem Zwölfjährigen keine Ruhe. Und so lässt es nicht lange auf sich warten, bis Peter das Weite sucht, um nach seinem ausgesetzten Fuchs zu suchen, der sich nun alleine der Wildnis stellen muss. 300 Kilometer entfernen ihn zu der Stelle, an der er ihn verlassen musste. Ein Weg, der kein leichter ist. Erst Recht nicht, wenn man sich schon am ersten Tag den Fuß bricht und sich nur mühsam in eine nah gelegene Scheune schleppt. Es ist Vola, eine auf den ersten Blick verrückte alte Frau mit Holzbein, die den Jungen findet und sich bereiterklärt, ihm wieder zu Kräften zu verhelfen, damit er die Fährte nach seinem Fuchs schnellstmöglich wiederaufnehmen kann.

Pax unterdessen, weiß mit der neu gewonnenen Freiheit anfangs nicht umzugehen. Doch bereits wenig später begegnet er der kühnen Fuchsdame Bristle und ihrem schwächlichen kleinen Bruder Runt, die sich seit ihre Eltern den Menschen in die Falle gegangen sind, alleine herumschlagen müssen; und dem alten Fuchs Gray, der sich schon bald mit Pax zusammentut, um zum einen nach seinem Jungen und zum anderen nach einer sicheren Gegend für die anderen Füchse zu suchen.

„All diese Erinnerungen schwanden langsam, ebenso wie die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, eingesperrt zu sein. Schon wusste er nicht mehr, wie es war, den Himmel durch sechseckige Öffnungen im Drahtzaun um sein Gehege herum anzusehen.“

Zitat, Seite 146

In abwechselnden Erzählsträngen schildert Pennypacker die Erlebnisse des Jungen und des Fuchses, die ähnliche Entwicklungen durchleben. Denn nachdem beide von ihrer Umgebung anfangs argwöhnisch beäugt werden, finden sie später Anschluss bei ihresgleichen. Und so wird die Suche nach dem besten Freund für beide Protagonisten am Ende auch eine Suche zu sich selbst. Es ist eine charakterliche Entwicklung, die Pennypacker ihre Figuren durchleben lässt. Eine Entwicklung an der die Freunde reifen und letztendlich auch die Geschichte selbst.

„Während die beiden Füchse weiterzogen, beschäftigte Pax ein weiterer, rätselhafter Geruch seines Jungen, ein Geruch aus einer tieferen Schicht als die anderen. Der hatte etwas mit Kummer zu tun, aber auch mit Sehnsucht und entsprang einem tiefen Schmerz, den Pax nie ergründen konnte.“

Zitat, Seite 147

Was Sara Pennypacker mit „Mein Freund Pax“ gelingt, ist eine tief berührende Geschichte über Freundschaft, über Menschlichkeit und Nächstenliebe in Zeiten des Krieges. Mit den wunderbaren Illustrationen von Jan Klassen, die die Stimmungen der Protagonisten perfekt wiederspiegelt und damit im harmonischen Einklang mit der Geschichte stehen, wird dieses Jugendbuch zu einer Perle am Buchmarkt. Der poetische Erzählstil, der gleichwohl aussagekräftig und für Kinder leicht zugänglich ist, verleiht der Geschichte einen besonderen Glanz.

Doch auch vor der erschreckenden Realität schreckt Pennypacker nicht zurück, weshalb sich die Leser auch schonungslosen Schilderungen stellen müssen, die der Krieg und die Skrupellosigkeit der Menschen mit sich bringt. An vielen Ecken lauert der Tod, dem gleichwohl Mensch als auch Tier erliegt. So kommt man nicht umhin, dass einem mitunter ein beklemmendes Gefühl begleitet und die ein oder andere Träne in die Freiheit entweicht.

„Auf seiner Wanderung begleiteten ihn die Erinnerungen an all die verlassenen Tage mit den hungrigen Augen. Wie anklagende Geister waren sie auf seinem Weg aufgetaucht und wieder verschwunden. Wie gern hätte er ihnen gesagt, dass er das Gefühl kannte, plötzlich den Menschen zu verlieren, der einen liebte und umsorgte. Das Gefühl, dass die Welt auf einmal ein gefährlicher Ort war.“

Zitat, Seite 269

Eine Bergfreundschaft

„Acht Berge“ – Paolo Cognetti

„Manchmal findet man seinen Platz im Leben auf deutlich weniger verschlungenen Wegen als gedacht.“

Zitat, Seite 214

Die Faszination für die Berge bekommt Pietro von seinen Eltern in die Wiege gelegt. Die Dolomiten waren nicht nur ihre erste große Liebe, sondern auch der Grundstein ihrer Ehe, die am Fuß der Drei Zinnen beschlossen wurde. Selbst als sie mit Anfang dreißig vom ländlichen Veneto nach Mailand ziehen, geht ihnen ihre Leidenschaft für die Berge nie verloren, weshalb sie sich eines Tages entschließen, eine eigene Berghütte zu kaufen.

Diese rustikale Berghütte im Bergdörfchen Grana wird von da an Pietros zweites Zuhause. Jeden Sommer kommt er dorthin zurück und folgt schon bald mit wachsender Begeisterung seinem Vater in das Gebirge. Das Bergsteigen bleibt dabei die einzig richtige Erziehung, die Pietro von seinem Vater erfährt, der nur selten da ist und sich die meiste Zeit seiner Arbeit in Mailand widmet. Doch Pietros Vater ist streng, duldet beim Aufstieg kaum eine Rast. Umso schöner werden für ihn die Erkundungstouren mit dem Bergjungen Bruno, der schon als Kind auf die Kühe seiner Eltern aufpassen muss und sich in der Umgebung auskennt wie in seiner Westentasche. Mit Bruno durchkreuzt er das Unterholz, entdeckt dabei verlassene Hütten, versteckte Bachläufe und die Schönheit der Natur. Durch ihn lernt er die Berge erst richtig kennen. Es ist Brunos Geruch nach Stall, Heu, geronnener Milch, feuchter Erde und Kaminrauch, den er von da an mit den Bergen verbindet.

„Mit Bruno in die Berge zu gehen hatte nichts mit dem Erstürmen von Gipfeln zu tun. Wir nahmen zwar einen Weg, liefen durch den Wald und rannten eine halbe Stunde bergauf, aber an irgendeinem Punkt, den nur er kannte, verließen wir den ausgetretenen Pfad und suchten neue Routen. (…) Es war mir ein Rätsel woran er sich orientierte. Er marschierte zügig drauflos, folgte einem inneren Kompass, der ihm Wege aufzeigte, wo ich nur ein abgerutschtes Ufer oder einen zu steilen Felsen sah.“

Zitat, Seite 63

Ihre Leidenschaft für die Natur teilen sich die beiden Männer ein Leben lang. Es ist das Bindeglied ihrer Freundschaft, die dreißig Jahre anhält, auch wenn sie unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Während es Pietro in die Ferne zieht, bleibt Bruno den Bergen ein Leben lang treu. Doch auch über die Entfernung bleiben die beiden Freunde eine Konstante im Leben des jeweils anderen, weshalb sie nicht nur die Höhen sondern auch die Tiefen des Lebens gemeinsam durchleben.

„Manchmal muss man eben einen Schritt zurückgehen, um vorwärtszukommen. Vorausgesetzt, man besitzt die Bescheidenheit, das zu akzeptieren.“

Zitat, Seite 231

Was Paolo Cognetti in „Acht Berge“ erschaffen hat, ist die Geschichte einer wahren Männerfreundschaft vor gewaltiger Bergkulisse. Durch wunderbar atmosphärische Beschreibungen erweckt er eine Landschaft zum Leben, die uns einmal mehr vor Augen hält, wie atemberaubend schön und heimtückisch die Natur doch ist. Denn auch mit wachsender Evolution bleibt die Natur stets gewaltiger als der Mensch. Eine Tatsache, die der Autor in seiner Geschichte mit treffenden Ereignissen untermauert.

Sein Roman, der in Anbetracht dessen, dass Cognetti selbst in Mailand lebt und sich in den Sommermonaten in die Abgeschiedenheit seiner Berghütte im Aostatal zurückzieht, hat sicher autobiografische Züge. Denn wer die Zeilen des Romans aufmerksam liest, kann den Autor darin sicher wiederfinden. Schon der Blick auf das Autorenprofil lässt erste Parallelen zu seinem Protagonisten Pietro erkennen.

Die Geschichte handelt von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bruno, ein waschechter Naturbursche und Pietro, der Junge aus der Stadt. Die Berge werden zum Bindeglied ihrer Freundschaft. Ihr markantes Profil ragt hinter ihnen hervor, begleitet uns wie ein roter Faden durch die Geschichte. Ihre Präsenz ist allgegenwärtig, auf jeder Seite des Romans spürbar. Das macht „Acht Berge“ zu einem unglaublich intensiven und atmosphärischen Leseerlebnis.

„Der See war ein Nachthimmel in Bewegung. Böen wehten kleine Wellen von einem Ufer zum andern. Glitzernde Sterne, die sich entlang der Kraftlinien auf dem schwarzen Wasser niederließen, erloschen, blinkten wieder auf und wechselten abrupt die Richtung. Ich blieb reglos und betrachtete diese Muster. Mir war, als könnte ich das Leben der Berge in Abwesenheit des Menschen sehen.“

Zitat, Seite 188/189

Mit „Acht Berge“ regt Cognetti seine Leser zum Nachdenken an, er bringt sie unausweichlich zu der Frage, welcher Weg der richtige im Leben ist. Durch die unterschiedlichen Lebenswege seiner Protagonisten zeigt er uns zwei mögliche Pfade auf, überlasst es uns zu entscheiden, welchen wir selbst einzuschlagen gedenken. Und obwohl der Autor die Welten der beiden Freunde sichtbar aufeinanderprallen lässt, bewahrt er dennoch die Harmonie zwischen ihnen.

Cognettis Stil hat mich wirklich beeindruckt. Seine Zeilen begegnen einem auf sehr ruhige und geerdete Weise. Sie sind ehrlich und ungeschönt, nehmen das Leben so wie es ist. Selbst durch die Widrigkeiten des Lebens scheint seine Gelassenheit nichts einzubüßen. Er stattet seine Geschichte zwar mit reichlich Metaphern und Landschaftsbeschreibungen aus, kommt aber ohne jeglichen Kitsch aus. Es scheint ihm ein Anliegen, die Schönheit der Natur in all seinen Facetten aufzuzeigen und uns einmal mehr ins Bewusstsein zu rufen, was im Leben wirklich zählt. Das offene Ende, das für mich sehr abrupt kam, letzten Endes aber für Authentizität sorgt, rundet seine Geschichte auf harmonische Weise ab.

Und so gesellt sich „Acht Berge“ zu meinen Lesehighlights des Jahres 2018. Ich habe jede Zeile dieses Werkes genossen, in mich aufgesaugt und meine Lungen von der kristallklaren Bergluft erfüllen lassen, die ihm entweicht.

„Als Erwachsener kann man einen Ort, den man als Kind geliebt hat, auf einmal ganz anders empfinden und von ihm enttäuscht sein. Oder aber er erinnert einen an denjenigen, der man einmal war, und macht einen unendlich traurig.“

Zitat, Seite 107

Wenn Bücher dein Leben verändern

„Das Mädchen, das in der Metro las“ – Christine Féret-Fleury

„Bei Büchern war man vor Überraschungen niemals sicher.“

Zitat, Seite 163

Juliette liebt Bücher. Jeden Morgen fährt sie mit der Metro in die Arbeit, im Gepäck stets ein Buch. Doch anstatt in ihr eigenes Buch einzutauchen, nehmen ihre lesenden Mitfahrer immer häufiger ihren Blick gefangen: der Herr mit dem grünen Hut und seiner Vorliebe für Insekten, die alte Frau mit dem abgegriffenen italienischen Kochbuch und die junge Verliebte mit den dicken Wälzern, der stets auf Seite 247 ein paar Tränchen über die Wangen kullern. Wie gerne würde sie die Geschichten hinter den Menschen und ihren Büchern erfahren. Ihre eigene hingegen findet sie ziemlich ernüchternd. Ein öder Job in einem noch viel öderen Maklerbüro. Ihrer anfänglichen Euphorie ist längst Langeweile gewichen. Das scheußliche Gelb ihrer Pappordner haftet an ihr wie zähflüssiger Kleber.

Eines Tages steigt sie zwei Stationen früher aus als sonst. Der Weg zum Büro ist nur unwesentlich länger, ein Fußmarsch von zehn Minuten sollte für ausreichend frischen Wind sorgen, den sie bitter nötig hat. Und so läuft sie emsigen Schrittes die Straße hinunter und schwebt gedanklich davon, bis ein jäher Möwenschrei sie in die Realität zurückholt. Ein junges Mädchen wirbelt an ihr vorbei und will sich durch ein verrostetes Metalltor zwängen, das ihr plötzlich zu Füßen liegt. Es ist mit einem Buch verankert. Auf Augenhöhe ein Messingschild mit der Inschrift Bücher ohne Grenzen.

Hier trifft Juliette nicht nur auf den schrulligen Soliman und seine Tochter Zaïde, sondern auch auf ein chaotisches Bücherzimmer. Soliman verlässt es nur selten und widmet sich voller Hingabe den Büchern, die überall herumstehen und das ganze Zimmer einnehmen. Er glaubt, dass jedes einzelne von ihnen die Macht hat, ein Leben zu verändern. Vorausgesetzt, es kommt zur richtigen Person. Es sind auserwählte Boten, die er aussendet, um Menschen und deren Verhalten zu studieren, um sie anschließend mit dem richtigen Buch zu versorgen. Auch Juliette möchte eine Botin werden und hängt kurzerhand ihren öden Job an den Nagel. Ob die neue Aufgabe ihrem Leben Schwung verleiht?

„Juliette (…) hatte die Bücher wie einen Fächer um sich herum ausgebreitet. Siebzehn waren es. Sie hatte sie gezählt, jedes einzelne in die Hand genommen, sein Gewicht abgeschätzt und es durchgeblättert. Sie hatte ihre Nase zwischen die Seiten gesteckt und den Duft eingeatmet, hier und dort Wendungen aufgeschnappt, unvollständige Absätze, Worte, die verlockten wie Süßes oder verletzten wie Klingen.“

Zitat, Seite 51/51

Ich bin vernarrt in Bücher. Sie bereichern mein Leben, machen mich glücklich und verändern manchmal sogar mein Leben. Nicht auf dramatische Weise, aber insofern, dass sie meinen Blick auf das Leben oder meine Denkweise in eine andere Richtung lenken, mich einen neuen Weg einschlagen und mich etwas völlig Neues wagen lassen. „Das Mädchen, das in der Metro las“ schien daher genau die richtige Lektüre für mich zu sein.

In Féret-Fleury’s Geschichte spielt das Bookcrossing, sprich das Ablegen eines Buches an einer beliebigen Stelle, damit eine andere Person es findet und sich ihm annimmt, eine entscheidende Rolle. Es wurde 2001 von einem Amerikaner gegründet, der sich die Welt als Bibliothek vorstellte. Auch Soliman’s Agentur Bücher ohne Grenzen lebt die Philosophie des „Bücher in die Welt hinaus – Tragens“. Doch Soliman will sie nicht nur an x-beliebige Personen weitergeben, er will sicher sein, dass seine Bücher auch an den richtigen Mann bzw. an die richtige Frau kommen. Deshalb engagiert er ausgewählte Bücherboten, die die potentiellen Bücherempfänger im Vorfeld beschatten. Die Vorgehensweise klingt ein bisschen wie Stalking, dient letzten Endes aber einem guten Zweck. Auch Juliette ist gut im Beobachten, weshalb es naheliegend scheint, dass auch sie eines Tages zur Botin wird.

Manche Bücher waren wie stürmische, undressierte Pferde, die mit einem davongaloppierten, während man sich klopfenden Herzens an ihre Mähne klammerte.“

Zitat, Seite 100

Der Gedanke, dass Bücher tatsächlich unser Leben verändern können, gefällt mir. Wie eine derartige Veränderung vonstatten gehen kann, zeigt Féret-Fleury an ihrer Protagonistin Juliette, die ihren öden Job an den Nagel hängt und sich durch die Lektüre von Soliman’s Büchern Stück für Stück von ihrem alten Leben verabschiedet und am Ende beschließt, in einem alten Bücherbus über die Dörfer zu tingeln. Doch Féret-Fleury’s Spiel bleibt oberflächlich, verliert sich für meinen Geschmack in zu vielen Handlungsfäden, die die Autorin über die Geschichte hinweg aufnimmt und wenig später wieder verliert. Denn sowohl Soliman als auch Zaïde bleiben leider als Figuren blass. Selbst Juliettes lesenden Mitfahrern schenkt Féret-Fleury mehr Beachtung.

Was blieb war eine nette, wenn auch etwas seichte Geschichte über das Lesen und die Macht der Bücher. Zahlreiche Textstellen sorgen bei Bibliophilen für Entzückung, machen deutlich, wie lebendig gedruckte Zeilen doch sind. Eine Reihe an Klassikern, die in der Geschichte Erwähnung finden als auch die im Anschluss angehängte Bücherliste von Juliette’s Bücherbus lassen den Wunschzettel gehörig an Höhe gewinnen.

„Juliette schlüpfte in jede Geschichte wie in eine wunderbare neue Haut, mit Salz bestreut, mit Parfum benetzt oder mit Natron bedeckt, wie die Gliedmaßen von Tahoser, der Heldin aus Gautiers Roman de la Momie, damit sie geschmeidig blieben; ihre Haut empfing die Zärtlichkeiten eines Unbekannten, dem sie an Bord eines Schiffes begegnet war, sie wurde von Pollen bestäubt, welche von Bäumen am anderen Ende der Welt stammten, mitunter vom Blut einer offenen Wunde befleckt. Ihre Ohren waren erfüllt von lärmenden Gongs, dem Zirpen antiker Flöten, von Händen, die klatschend einen Rhythmus begleiteten oder einer Rede applaudierten, vom leisen Rauschen der Wellen, die in ihrem trüben Innenleben runde Kiesel ansollten. Ihre Augen brannten vom Wind, von Tränen, von dick aufgetragener Kurtisanenschminke. Ihre Lippen waren von unzähligen Küssen wundgeküsst. Ihre Finger von unsichtbarem Goldpuder bedeckt.“

Zitat, Seite 117

3/5*

Und da ich die Strategie fahre, dass Bücher, die mich nicht vollends überzeugen konnten, nicht ins heimische Bücherregal einziehen müssen, möchte ich es an einen von euch weitergeben, ganz im Sinne des Bookcrossing sozusagen. Nur, dass ich es nicht dem Zufall überlasse, wem. Habt ihr Lust auf die Geschichte? Lasst es mich im Kommentarfeld wissen und ich lose im Anschluss aus.

Die Kraft der Worte

„Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ – Stephanie Butland

„Oben wurde es still. Ich erinnere mich an das Gefühl, es war schmerzlich, unnatürlich, als verdaue mein Magen sich selbst. Meine Welt veränderte sich, sie war nicht mehr die, die ich kannte.“

Zitat, Seite 68

Loveday verlebt eine glückliche Kindheit bis ein tragisches Ereignis ihr alles nimmt. Die Familie zerbricht von einem Tag auf den anderen und verwandelt das junge aufgeschlossene Mädchen in einen Schatten ihrer selbst. Sie igelt sich ein, meidet fortan den Kontakt mit Menschen und flüchtet sich in Bücher. Sie beginnt einen Job im Antiquariat und versinkt in den Seiten zahlreicher Werke. In ihnen findet sie die Zuflucht, die die Menschen ihr scheinbar nicht geben können. Schon bald ist ihr Körper bedeckt von Textstellen; Lieblingszeilen, die sich in ihren Körper und in ihre Seele gebrannt haben.

Nur Archie, der alte Antiquar, wird für die junge Frau zum Freund. Er bedrängt sie nicht, schenkt ihr den nötigen Freiraum zum Entfalten, Zuwendung und Respekt. Und so beginnen Loveday’s Wunden der Vergangenheit langsam aber sicher zu heilen. Doch als eines Tages eine Kiste voller Bücher ihrer Mutter im Laden eintrifft, wird sie schlagartig von der Vergangenheit eingeholt. Was, wenn jemand ihr dunkelstes Geheimnis kennt?

Beim Poetry-Slam mit dem Illusionisten Nathan eröffnet sich ihr eine neue Welt: Denn durch die Gedichte bahnen sich die Gedanken aus ihrem tiefstem Inneren einen Weg in die Freiheit.

„Wenn die Familie auseinanderbricht, tun eine Weile lang die großen Dinge weh, wie direkt nach einem Schlag, doch diese Art Schmerz schwindet ziemlich schnell, weil man gezwungen ist, sich daran zu gewöhnen. (…) Kleine Dinge, wie das hier, kriegen dich hingegen immer wieder dran, und zwar für immer, soweit ich das sagen kann. (…) Wahrscheinlich liegt es daran, dass diese kleinen Erinnerungen von winzigen Dingen ausgelöst werden, die nicht vorhersehbar sind und vor denen man sich demnach nicht schützen kann. Sie erwischen einen wie eine Papierschnittwunde am Herzen.“

Zitat, Seite 81/82

In „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ erzählt Stephanie Butland eine jener leisen und gefühlvollen Geschichten, die ich so unglaublich gerne mag. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die bereits mit neun Jahren aus ihrem behüteten Umfeld gerissen und in das staatliche Fürsorgesystem gesteckt wird, weil ein tragischer Unfall ihr beide Eltern nimmt.

Von da an zieht sich Loveday aus dem Leben zurück, wird zu einer schwer zugänglichen Person und findet selbst zu der fürsorglichen Langzeitpflegemutter Annabel keinen wirklichen Zugang. Nur beim Lesen fühlt sie sich geborgen. Sie vergräbt sich in Bücher, findet in Textstellen Kraft und schmückt ihren Körper schon bald mit Tattoos ihrer liebsten Zitate. Wie ein Schutzschild legen sie sich um ihren Körper, wirken nahezu besänftigend auf ihr inneres Seelenleid.

Als Loveday in Archie’s Antiquariat Brodie’s Books strandet, fühlt sie sich auf Anhieb gut aufgehoben. In dem Job im Laden, den ihr der alte Antiquar möglich macht, findet sie eine Aufgabe und in Archie einen väterlichen Freund. Umgeben von Büchern, schöpft sie neuen Mut und begegnet auch dem Illusionisten Nathan, der sich langsam aber sicher einen Weg in ihr Herz bahnt. Er ist es auch, der ihr zeigt, wie sie ihre Gedanken mithilfe von Gedichten in die Freiheit entlässt. Durch die Kraft der Poesie findet sie schlussendlich einen Weg, sich von all ihrem Seelenballast zu befreien.

„Archie meint, dass Bücher die besten Geliebten sind und die anspruchsvollsten Freunde. Er hat recht, aber auch ich habe recht: Bücher können echten Schmerz zufügen.“

Zitat, Seite 7

Butland erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Loveday, die mit uns durch drei Zeitabschnitte reist. Die Ich-Perspektive ließ mich schnell Zugang zu der jungen Frau finden, deren innerliche Zerrissenheit durch ihre Gedanken gut zum Vorschein kam. Neben dem aktuellen Geschehen, das im Jahr 2016 spielt, reisen wir auch in ihre drei Jahre zurückliegende Beziehung zu dem Wissenschaftler Rob und in Loveday’s Kindheit zurück. So eröffnen sich uns immer mehr Details, durch die wir die junge Frau kennenlernen und ihre Situation besser einzuschätzen verstehen.

Es ist ein bewegender Roman voller Poesie und Mitgefühl. Mit sanften und gefühlvollen Zeilen und einer beeindruckenden Bildsprache lässt Butland uns an der Entwicklung einer jungen Büchernärrin teilhaben, die sich nach einer Familientragödie und einer gescheiterten Beziehung nur ganz schwer wieder auf das Leben und die Liebe einlassen kann. Der Roman ist nicht nur eng mit der Literatur im Allgemeinen, sondern insbesondere auch mit der Lyrik eng verbunden, weshalb er sicher nicht nur mein Herz, sondern die Herzen zahlreicher Buchliebhaber höher schlagen lässt.

„Es gibt niemals ein Ende, und das gefällt mir so gut daran: der Zyklus eines Bücherlebens. Die einen kommen auf der Suche nach einem Buch, die anderen bringen es her, weil es in diesem Leben seinen Zweck nicht mehr erfüllt, aber zu einem anderen wiedergeboren werden kann. Und ich halte das ganze System am Laufen, so eine Art heiliger Petrus der Bücher.“

Zitat, Seite 140

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Kinderfreuden #24: Das Leben ist schön

Leben – Cynthia Rylant & Brendan Wenzel

“It’s the little things that make life big.“

Jedes Leben beginnt klein. Sogar bei den Elefanten. Dann beginnt es zu wachsen und  langsam aber sicher zu etwas Großem heranzureifen. Leben unterliegt der ständigen Veränderung, durchläuft gute wie schlechte Zeiten, Tag und Nacht, Licht und Schatten. Es hält  jede Menge Überraschungen für uns bereit: Abenteuer, die es zu bestreiten und Ängste, die es zu überwinden gilt. Doch trotz aller Widrigkeiten ist es wunderschön.

Die Tierwelt weiß das und genießt das Leben in vollen Zügen. Brendan Wenzel und Cynthia Rylant laden uns daher ein, die Welt aus der Sicht von Tieren zu betrachten und einen Weg zu gehen, der von den Emotionen und Erfahrungen der Tierwelt geprägt ist.

Begleitest du sie, auf ihrer Entdeckungsreise durch das Leben?

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

48 Seiten
22,5 x 29 cm
ISBN: 978-3314104176
Übersetzt von Thomas Bodmer

NordSüd Verlag

16,00 €

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Blickwinkel aus großen Augen

Es gibt Kinderbücher, da geht einem beim Ansehen das Herz auf. So auch bei „Leben“, das ganz und gar bezaubernde Illustrationen von Brendan Wenzel und begleitende Zeilen von Cynthia Rylant in sich trägt. Es handelt wie der Titel bereits verrät, vom Leben. Und obwohl es uns keine völlig neue oder spektakuläre Geschichte erzählt, gelingt ihm dennoch etwas ganz Besonderes: es schenkt uns Augen für das Wunderbare.

Es ist der Blickwinkel von Tieren, den Rylant und Wenzel die Kleinen einnehmen lässt. Eine Perspektive, die den Kindern fremd ist und ihnen ganz neue Facetten des Lebens aufzeigt. Dass das Leben trotz oder gerade wegen aller Widrigkeiten so lebenswert ist. So liebt der Habicht den Himmel, das Kamel den Sand und die Schlange das Gras. Und obwohl die Schildkröte dem Leben vielleicht nichts Besonderes abgewinnen kann, liebt sie es dennoch. Denn an ihrem Panzer hat sie im Lauf der Jahre viel Wasser abperlen lassen und der Melodie des Regens gelauscht – dem einzigartigen Lied der Natur.

Doch Rylant und Wenzel führen ihren Betrachtern nicht nur die schönen Seiten des Lebens vor Augen, sondern geleiten sie auch durch wilde und wüste Passagen. Mit einem Vogel fliegen sie durch einen von Dunkelheit und Unwetter erfassten Wald und kommen verängstigt, aber unbeschadet wieder heraus. Und so lernen schon die Kleinsten das Leben in seiner Gänze kennen, nicht aber, ohne ihnen dabei Mut und Kraft zu schenken, sich dem Leben zu stellen. Ihnen zu zeigen, dass es stets einen Ausweg gibt.

„Das Leben ist nicht immer leicht. Zuweilen gibt es wilde, wüste Strecken. Doch auf die eine oder andere Art kommt man da auch wieder raus.“

Durch ein wunderbar hamonisches Zusammenspiel ist dem Illustrator und der Autorin ein ganz wunderbares Kinderbuch gelungen, das uns einmal mehr vor Augen hält, wie schön das Leben sein kann. Die Geschichte, die von Wenzels atemberaubenden Illustrationen und Rylants poetischen Zeilen lebt, unterliegt, genau wie das Leben selbst, der stetigen Veränderung. Es sensibilisiert uns, in den kleinsten Dingen das Wunderbare zu sehen und verzaubert kleine wie große Betrachter mit seinen stimmungsvollen Bildern. Und auf einmal wird uns ganz klar, warum es sich lohnt, jeden Morgen aufzuwachen und zu schauen, was passiert. „Denn das Leben fängt klein an. Und es wächst.“

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Blickwinkel aus kleinen Augen

Lenas Urteil:

Lena SteckbriefGefällt dir das Buch? Ja, sehr.

Was hat dir besonders gefallen? Die Tiere

Worum geht die Geschichte? um das Leben

Wo steht das Buch im Regal? neben „Die Flucht“

Lesezeit: bei Tageslicht

Bester Leseplatz: im Bett

Schlüpft in die Rolle von: einer Entdeckerin

Wo heimliche Bestseller ruhen

Das geheime Leben des Monsieur Pick – David Foenkinos

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„Diese Bibliothek ist gefährlich.“

Vorangestelltes Zitat

Crozon, ein bretonisches Küstendorf im Finistère. Hier, in ihrem bescheidenen Heimatort am Ende der Welt rechnet Delphine am Allerwenigsten mit einer Sensation. Doch während ihr Freund Frédéric sich verzweifelt an einem zweiten Roman versucht, stößt die junge Lektorin in der Gemeindebibliothek auf eine ganz besondere Geschichte: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“.

Doch es ist kein Buch wie jedes andere. Seit Jahren schlummert die Liebesgeschichte in der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte, die der frühere Bibliothekar Jean-Pierre Gourvec als Hommage an die Brautigan Library aus den Vereinigten Staaten ins Leben rief, um abgelehnten und verwaisten Manuskripten eine letzte Ruhestätte zu schenken.

Dass es von Henri Pick stammen soll, kann keiner glauben. Denn die Aufmerksamkeit des simpel gestrickten Henri galt zu seinen Lebzeiten nie etwas Anderem als seiner Tätigkeit als Pizzabäcker. Mit seiner Frau Madeleine unterhielt er vierzig Jahre lang die Dorfpizzeria, machte sich neben dem Schreiben des Einkaufszettels weder durch übermäßiges Schreiben noch durch Lesen bemerkbar.

Wie konnte es Madeleine entgehen, dass in ihrem Mann ein Romanautor schlummert? Sind Henris Zeilen, die selbst im fernen Paris für Aufregung sorgen, gar ihr gewidmet? Auf der Suche nach der Inspirationsquelle des rätselhaften Romans, wird nicht nur das bretonische Küstendörfchen Crozon und seine Bewohner, sondern auch die gesamte Literaturwelt auf den Kopf gestellt.

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„Der erste Roman ist immer der eines fleißigen Schülers. Nur Genies sind von Anfang an faul. Es brauchte sicher Zeit, um zu begreifen, wie so ein Text atmet, wie man im Geheimen die Fäden spinnt.“

Zitat, Seite 39

Es mag an meiner zwiespältigen Beziehung zu französischen Romanautoren und ihrer besonderen Schreibweise liegen, dass mich „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ nicht übermäßig begeistern konnte. Bereits zum zweiten Mal habe ich mich auf den französischen Bestsellerautor eingelassen, der mit einem reizend anzuschauenden Roman daherkam, der sich mir präsentierte, wie eine Einladung in die Bretagne.

Leider konnte Foenkinos mich, ähnlich wie bei seinem Werk „Nathalie küsst“, nicht auf seine Seite ziehen, weshalb ich mich nun der schmerzlichen Erkenntnis ins Auge blicken sehe, dass auch ein weiterer seiner Romane das Ruder nicht herumzureißen vermag. Monsieur Foenkinos und ich scheinen einfach nicht füreinander geschaffen zu sein.

Doch alles der Reihe nach. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ kommt als überaus hübsch verpackter Roman daher. Sowohl das Cover als auch die Beschreibung ließen mich auf ein paar unterhaltsame Lesestunden hoffen, die mich gedanklich von der doch recht radikalen Vorgängerlektüre wegtragen sollten. Die mentale Ablenkung gelang Foenkinos zwar, die Entzückung über seine Geschichte blieb dennoch aus. C’est la vie!

Zugegeben, die Geschichte seines Romans ist durchaus originell. Ich begegne einer Bibliothek, die verstoßene Manuskripte beherbergt und einem ganz besonderen Fundstück, das trotz seines Potentials jahrelang keine Wertschätzung erfährt. Auch die bizarren Figuren, an deren Seite mich Foenkinos durch seine Geschichte geleitet und die wohl eher ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Romans sorgen für jede Menge Unterhaltung.

Dennoch, zwischen all den netten Zeilen über die Liebe und das Leben, begegne ich einer Reihe an Belanglosigkeiten. Zeilen, denen eine gewisse Tristesse anhaftet und die in meinen Augen so ganz und gar nicht zu der sonst so spektakulären Geschichte passen. Während seine zahlreichen Fußnoten noch für Belustigung sorgen, langweilen diese Zeilen mich enorm, sorgen für unnötige Längen im Roman und eine gewisse Zähe im Lesefluss.

Trotz seiner heimtückischen Handlungsbremsen begeistert mich Foenkinos aber mit einem ganz und gar schelmischen Blick auf die Verlagswelt, durch die er so manche Entscheidungen fragwürdig erscheinen lässt und sie einmal quer durch den Kakao zieht. Den Erfolg von „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ schreibt er nämlich nicht der Qualität von Picks Zeilen, sondern vielmehr der sensationsträchtigen Entstehungsgeschichte des Werkes zu, der sehr viel mehr Gewichtung zuzufallen scheint, als alles andere.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als den Roman auf den Stapel der aussortierten Werke zu legen, die sich dort, ähnlich wie die verstoßenen Manuskripte der Bibliothek von Crozon, nach Wertschätzung sehnen. Wer sich dem Werk annehmen möchte, der möge es mich in der Kommentarspalte wissen lassen.

„Der Anfang vom Ende einer Liebe ist immer schwer genau zu bestimmen. Die Dinge geschehen langsam, sie schleichen sich ein, mit der hinterhältigen Gewandtheit des Sterbens.“

Zitat, Seite 142

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Heldenreise

lesenslust über „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski

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„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

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Wenn Worte beflügeln

lesenslust über „Der Wörterschmuggler“ von Natalio Grueso

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Als Bruno Lapastide, Zeit seines Lebens als Vagabund, Charmeur und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler im Land unterwegs, in Venedig die geheimnisvolle Japanerin Keiko kennenlernt, ist es wie um ihn geschehen. Doch um ihr Herz zu gewinnen, bedarf es viel mehr Einsatz als sonst. Denn was die junge Japanerin mit dem scheuen Lächeln und den honigfarbenen Augen betört, ist nicht sein Charme, sondern vielmehr das geschriebene Wort.

„Für sie zählten einzig und allein die Worte, der geschriebene Vers, das zu Papier gebrachte Gefühl.“

Zitat, Seite 11

Jeden Abend bei Sonnenuntergang öffnet Keiko die Briefe ihrer zahlreichen Verehrer. In ihrem Briefkasten stecken Umschläge voll unbändiger Lyrik, klarer Worte und purer Leidenschaft. Auch die Briefe von Lapastide gesellen sich dazu. Während seiner Reisen um die Welt hat der Abenteurer so viele Geschichten gesammelt, dass es ihm ein Leichtes erscheint, seine Mitbewerber auszustechen. Mit seinen raffinierten Zeilen will er das Herz der jungen Japanerin ganz für sich gewinnen.

„Wörter waren der einzige Schlüssel, der die Türen zum Paradies öffnete. (…) Um die Schwelle des magischen Bordells von Dorsoduro zu überschreiten, musste man etwas gänzlich Wohlklingendes erschaffen, Verse, Gedichte oder wundersame Geschichten ersinnen, die berührten. Nur wer es schaffte, Keikos Herz zu liebkosen, erwarb sich auch das Privileg, ihren Körper zu liebkosen.“

Zitat, Seite 225

Doch schon bald ringt der leidenschaftliche Geschichtenerzähler um Worte und die Quelle der Inspiration versiegt. Wird es ihm dennoch gelingen, Keikos Herz zu erobern?

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„Der Wörterschmuggler“ birgt nicht nur eine, sondern zahlreiche Geschichten in sich. Er erzählt von einem Geschichtenerzähler, der sich seiner Eindrücke als Weltenbummler bedient, um eine ganz besondere Frau zu berühren. Denn die Japanerin Keiko lässt sich von Worten betören. Als Gegenleistung bietet sie ihren Körper. Für eine Nacht.

Doch Lapastide will Keiko ganz für sich alleine haben und so schreibt er sich die Finger wund. Er erzählt von einer Zeit, in der man Wörter schmuggelt, weil man für sie bezahlen muss und ein Junge sie braucht um dem Mädchen seines Herzens seine Liebe zu gestehen; von einem Mann, der Bücher wie Medizin fürs Leben verschreibt, und damit so manches Schicksal mitbestimmt oder von einem berühmten Moderator, der seine Karriere opfert, um den Herzenswunsch seines Großvaters zu erfüllen. Geschichten voller Leidenschaft. Lebendig. Schräg. Fantasievoll.

Natalio Gruesos Debüt ist alles, aber definitiv nicht alltäglich. Die darin verborgenen Geschichten sprudeln vor Kreativität und Lebendigkeit und lesen sich nicht nur atmosphärisch, sondern auch noch erstaunlich leicht. Viele Zeilen wirken im ersten Moment unbekümmert, obwohl sie von erstaunlicher Tiefe und Einsamkeit getränkt sind. Der Autor, der Regisseur am Teatro Espanol und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid ist, versteht es, seine einzelnen Geschichten raffiniert ineinander zu verschachteln. Wie Puzzleteile setzt er sie  Stück für Stück aneinander und präsentiert den „Wörterschmuggler“ als großes Ganzes.

Während wir den Protagonisten Lapastide sehr gut kennenlernen, bleibt die Japanerin Keiko geheimnisumwoben und unnahbar. Ihr Wesen verzaubert nicht nur Lapastide, sondern auch den Leser, weshalb wir uns Seite für Seite durch die Geschichte locken lassen, in der Hoffnung mehr über sie zu erfahren.

Gruesos Geschichte begegnet uns wie eine Gutenachtgeschichte am Abend, die Eltern ihren Kindern vorlesen, um sie ins Land der Träume zu begleiten. Sie lummelt dich ein, bettet dich in ein weiches Nest aus federleichten Zeilen und wohliger Wärme.

„Abschiede sind stets seltsame Augenblicke. Sie sind geprägt von einer Nostalgie gegenüber dem Erlebten, nicht Wiederholbaren, von der Aufregung angesichts der ungewissen Zukunft, der neuen Vorhaben und der kommenden Abenteuer. Auch von dem Glück über die Freunde, die wir gewonnen haben, und von der Melancholie, die uns unweigerlich überfällt, wenn etwas zu Ende geht, wenn ein Kapitel unseres Lebens abgeschlossen wird.“

Zitat, Seite 165

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