Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

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Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

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Seems like family

lesenslust über „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ von Estelle Laure

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„Wir sind allein, Wrenny und ich. Fürs Erste zumindest. Wren und Lucille. Lucille und Wren. Ich tue, was ich tun muss. Keiner darf uns trennen. Das heißt, so normal wie möglich weitermachen. So tun als ob. Auch wenn nichts weiter weg von normal sein könnte. Normal ist mit Dad verschwunden.“

Zitat, Seite 7

Eigentlich hat Lu viel Wichtigeres zu tun, als sich in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. Denn als ein schreckliches Ereignis seinen Schatten auf ihre Familie wirft, muss die siebzehnjährige Lu das Ruder der Familie übernehmen. Der verkorkste Vater verschwindet in Therapie und die psychisch labile Mutter im Nirgendwo. Zurück bleiben zwei völlig verstörte Mädchen, die fortan nur noch sich selbst haben. Aber das darf keiner wissen.

Damit sie nicht getrennt werden, tun die beiden Geschwister so, als wär alles normal. Sie belügen Nachbarn, Lehrer und Bekannte und klammern sich verzweifelt an eine schwindende Hoffnung: die baldige Rückkehr der Mutter. Doch als die Lebensmittelvorräte knapp werden und die Rechnungen sich gefährlich stapeln, muss Lu handeln. Sie sucht sich einen Job und schleust sich und ihre Schwester Wren damit notdürftig durchs Leben. Doch Lu ist wütend und verletzt. Keine Eltern der Welt lassen ihre Kinder einfach im Stich! Ihre schon.

Und als wäre das alles noch nicht genug, ist da noch Digby, der Zwillingsbruder ihrer besten Freundin Eden, in dessen Nähe Lus Herz heftig zu pochen beginnt. Ein Gefühlsausbruch, den sie sich nicht leisten kann. Nicht jetzt. Aber wer kann sich der Liebe schon verwehren, wenn sie direkt vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance.

„Ich denke nicht an Mom, außer manchmal beim Aufwachen. Dann sehe ich ihre hellblauen Augen, ohne Licht, so wie sie waren, bevor sie ging. Nach dem Aufwachen ist mein Schutzwall am schwächsten. Ich brauche eine Sekunde. Atme. Starre in ihre Augen. Und dann falte ich sie zusammen. Falte sie einmal, weil sie uns allein gelassen hat, zweimal, weil sie nicht zurückgekommen ist, falte ihre Augen dreimal, bis sie ganz klein ist, zwei bedeutungslose Punkte, und dann puste ich sie weg.“

Zitat, Seite 69

Es liegt klar auf der Hand, dass Lu nicht gut auf das Schicksal zu sprechen ist. Erst dreht ihr Vater durch und verschwindet in Therapie, dann nimmt sich die Mutter eine zweiwöchige Auszeit und überlässt die Geschwister sich selbst. Keiner hat die siebzehnjährige Lu gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Ob sie sich der Verantwortung, alleine für ihre kleine Schwester zu sorgen, überhaupt gewachsen fühlt. Doch ehe sie reagieren kann, ist die Mutter weg. Sang- und klanglos.

Estelle Laure staffelt ihre Geschichte in Tagen. Sie beginnt am vierzehnten Tag. Dem Tag, an dem die Mutter zurückkehren und das Leben von Lu und Wren wieder zurück in die Normalität finden sollte. Eigentlich. Denn dass die Mutter nicht wiederkommt, hat Lu bereits geahnt und nun packt sie die schockierende Realität am Kragen. Die Verzweiflung wächst. Vor allem bei Lu, die der schrecklichen Tatsache ins Auge blicken muss, dass das Jugendamt sie und Wren trennen könnte, wenn irgendjemand davon Wind bekommt.

„Nur weil man den Riss nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist.“

Zitat, Seite 98 

Die Ausgangssituation von Laures Debüt gefiel mir wirklich gut. Zwei Geschwister, die nach dem Verschwinden der Eltern fortan auf sich alleine gestellt sind. Die sie innig lieben und hilflos aneinanderklammern. Die Angst davor haben, getrennt zu werden. Wie sich die ältere Lu einen Job suchen muss, um die vielen Rechnungen zu begleichen und ihnen Essen kaufen zu können. Der verzweifelte Versuch ihrem Leben wieder Normalität zu verleihen, obwohl es alles andere als normal verläuft.

Auch der Entwicklungsprozess der siebzehnjährigen Lu kommt in Laures Debüt sehr deutlich zum Vorschein. Die neue Rolle zwingt Lu viel zu schnell dazu, erwachsen zu werden und damit auch ihre eigenen Interessen hintenanzustellen. Lus Verliebtheit zu Digby, die anfänglich sehr kitschig und naiv herüberkommt, erscheint mir daher auch irgendwie passend. Sie macht deutlich, worum sich die Gedanken eines Teenagers eigentlich drehen sollten und dass das Leben eben seinen eigenen Rhythmus hat. Lus anfängliche Verliebtheit für Digby weicht mit der Zeit einer sehr intensiven Verbundenheit, die mir sehr gefallen hat. Einer Beziehung, die Lu Halt und Zuflucht schenkt, auch wenn der Zeitpunkt ganz und gar nicht richtig scheint.

„Ich schlage die Hände vors Gesicht. Zähle bis drei. Nehme die Hände weg. Nein, es ist alles noch da, die gleiche Welt, das gleiche Leben.“

Zitat, Seite 79

Aufs Ganze gesehen konnte mich „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ dennoch nicht ganz überzeugen. Was so vielversprechend begann, verlor nämlich irgendwann an Struktur. Es erschien mir fast so, als hätte die Autorin plötzlich selbst vergessen, worum es in ihrem Roman geht. Sie nimmt Nebenstränge auf, die mir deplatziert und unnötig erscheinen und vergisst dabei völlig, ihre Grundgedanken zu Ende zu denken.

So lässt sie den Leser mit Fragen zurück, deren Antworten essenziell sind, um den inhaltlich sehr gewichtigen Ausgangspunkten gerecht zu werden: Häusliche Gewalt, verantwortungslose Eltern, hilflose Kinder. Laure setzt ihrer Geschichte vielmehr unnötige Dramatik hinzu, die in meinen Augen mit der eigentlichen Geschichte gar nichts mehr zu tun haben. So ist das offene Ende kein wirklicher Cliffhanger, sondern vielmehr ein jäher Spalt, der den Leser verzweifelt in die Tiefe seiner eigenen Gedanken zieht.

Auch wenn Laures Debüt sich sehr lebendig und intensiv präsentiert, bußt es damit an Glaubwürdigkeit ein. Vielleicht hätte sie ihren Gedanken lieber noch etwas mehr Raum schenken sollen, um ihrem Roman die Tiefe zu verleihen, die er verdient hätte.

„Vertrauen. Was heißt das überhaupt? Wenn du einem Menschen vertraust, drückst du ihm ein Messer in die Hand, das er dir in den Bauch rammen kann. So viel weiß ich.“

Zitat, Seite 30

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Liebe ist was für Idioten

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Liebe ist was für Idioten. Das beschließt Viki, als sie sich ihrer ersten großen Liebe hingibt und bereits wenig später fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Von da an hält sie Abstand von allem, was mit Liebe zu tun hat.

Doch die Drogen, der wummende Beat und die kräftigen Schultern von Jay Feretty, Schulschönling und Rockstar, sind stärker. Eigentlich kann Viki den Blondschopf nicht leiden, der seine Mädels wie Unterwäsche wechselt, einen auf Weltverbesserer macht und  superstylisch durch die Gegend rennt. Nur doof, dass es Viki ist, die nach einer berauschenden Nacht in seinem Bett aufwacht. Nackt natürlich.

Sie ergreift die Flucht, kann es nicht fassen, dass sie scheinbar kein bisschen anders ist als die anderen: Naiv, blauäugig und hungrig nach Liebe. Doch Jays tiefblaue Augen lassen Viki nicht mehr los und auch Jay scheint Viki gar nicht durch eine Andere ersetzen zu wollen. Kann es tatsächlich Liebe sein? Nein. Schließlich ist Liebe nur was für Idioten!

„Sein Hals riecht nach frischem Aftershave; der Duft frisst sich durch meine Nasenhöhle bis hinunter in den Bauch. Ein Tier, das hinter meinen Rippen eingesperrt ist, brüllt: Das hast du dir selber eingebrockt, Viktoria Stein!“

Zitat, Seite 91

Ja, es gibt sie, Jugendromane, die sich mit frechen Covern, spritzigen Titeln und vermeintlich harmlosen Kurzbeschreibungen tarnen und dich komplett von den Socken hauen. Längst nicht alle erwachsenen Leser wissen um die Wirkung dieser Juwelen Bescheid. Es sind Geschichten, die auf einem viel höheren Niveau angesiedelt sind, als man es bei einem Jugendroman vermutet und die so erschreckend ehrlich, tiefgründig und berauschend schön sind, dass sie dich restlos begeistern können. Es sind Bücher wie „Liebe ist was für Idioten. Wie mich“.

Sabine Schoder ist ein Debüt gelungen, das mich mitten ins Herz getroffen hat. Mit Zeilen voller Sarkasmus und erschreckender Ehrlichkeit erzählt sie eine Geschichte um Liebe, Familie und Freundschaft. Von inneren Unruhen, fehlender Zugehörigkeit, Trauer, Verlust und unbändiger Wut. Es ist die Entwicklungsreise zweier Teenager, die sich ihren Gefühlen hingeben, ohne wirklich zu wissen, wo die Reise hingeht.

„Ich kralle mich an mein Glas. Für einen wahnwitzigen Moment glaube ich, das Wasser darin beginnt zu kochen. Aber es sind nur Luftblasen, natürlich, sonst gibt es nichts zwischen uns. Nicht mal genug Platz zum Atmen.“

Zitat, Seite 91

Das Schöne an Schoders Protagonisten ist die Tatsache, dass sie perfekt unperfekt sind. Sie sind Teenager und stolpern deshalb auch völlig unbeholfen aufeinander zu. Zu Recht. Denn Vikis und Jays Erfahrung mit der Liebe ist jungfräulich und ihre Worte und Gesten von Unsicherheit bestimmt. Doch ihre Annäherung begegnet uns nicht kitschig, sondern auf bezaubernde Weise aufrichtig und überlegt. Die Schutzmauer, von der beide anfänglich umgeben sind, beginnt Stück für Stück  zu bröckeln und gewährt dem anderen Einblick in das Innere. Herzflattern reift zu wahren Gefühlen. Schoder hat genau den richtigen Ton für ihre Geschichte gewählt.

Die Welt braucht mehr von solchen Geschichten. Von Geschichten, die so nah am Leben spielen und zugleich berauschend schön sind. Die uns wohlige Gänsehaut über die Arme fegt und das Lesen zu einem wahrem Genuss macht. Dank Daniela von Brösels Bücherregal hat sich dieses Buch direkt in mein Herz geschlichen und sitzt dort für immer fest.

„Alles endet in einem Kuss. Einem unendlich langen Kuss, der nur aus der Berührung unserer Lippen besteht. Gefüllt mit einem Wunsch nach etwas, das ich nicht begreife. Für den Splitter eines Atemzuges, für ein Stechen meines Herzens nur, fühlt es sich an … wie Liebe.“

Zitat, Seite 99

„Traurigkeit ist wie Wein. Sie lässt sich in Fässer füllen und tief im Innern lagern, wo sie mit den Jahren zu Apathie und vermeintlicher Stärke gärt. Bis sie eines Tages kippt. Sich in Essig verwandelt, das Herz übersäuert, die Seele vergiftet. Und nur ein Ausweg bleibt: sich in Tränen zu übergeben.“

Zitat, Seite 341

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Drachenzeit..

lesenslust über „Glücksdrachenzeit“ von Katrin Zipse

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„Leise zieht Papa die Tür hinter sich zu. Ich höre ihn an die Badezimmertür pochen und nach Mama flüstern, alles ganz leise, leise, aber ich kann es trotzdem hören, weil ich es einfach weiß. Wie Mama und Papa plötzlich leise werden, leise und noch leiser und stumm und noch stummer, bis keine Luft mehr zum Atmen da ist, weil die Stille den ganzen Raum eingenommen hat.“

Zitat, Seite 17

Gemeinsam mit Kolja trotzt Nellie dem Rest der Welt. Bis ihr großer Bruder nach Frankreich abhaut und seine Schwester zurücklässt. In einer Familie, die von Stille und Schmerz dominiert wird und in der Nellie ohne Kolja nicht überleben kann.

Sie beschließt, ihm hinterher zu reisen. Per Anhalter will sie nach Avignon. Für eine 15-jährige ein riskantes Wagnis. Denn bei ihrem abenteuerlichen Trip trifft sie auf naive Mädels auf der Überholspur und schmierige Typen am Steuer, denen sie nur mithilfe einer rüstigen alten Dame in einem pfefferminzgrünen Morris haarscharf entkommen kann.

Unterwegs nach Frankreich gabeln Nellie und Miss Wedlock den süßen Elias auf und geraten in unerwartete Turbulenzen. Denn ähnlich wie Nellie schleppt auch die bezaubernde alte Dame  eine traumatische Vergangenheit mit sich herum, die sie auf ihrer gemeinsamen Fahrt einholt.

Und als wäre das noch nicht genug, muss Nellie sich in Avignon nicht nur mit einem störrischen Kolja, sondern gleich mit einer ganzen Bande von Drogendealern auseinandersetzen. Wie soll sie aus diesem Schlamassel jemals wieder herauskommen?

„Okay. Es kommt, wie es kommt. Und dann reagiert man eben. Aber nicht vorher. Vorher nie.“

Zitat, Seite 10

Lange hat es gedauert, bis ich mich Katrin Zipses Jugendbuchdebüt annehmen konnte. Endlich habe auch ich es geschafft. Nun liegt ein ganz besonderes Leseerlebnis hinter mir, das sicherlich noch lange nachhallen wird. Denn was sich hinter dem fröhlich gepunkteten Cover von „Glückdrachenzeit“ verbirgt, ist keine  seichte Jugendgeschichte, sondern ein emotionaler Roadtrip per excellence.

So gibt uns die Autorin Nellie an die Hand: Eine verstörte 15-Jährige, die nach dem Verschwinden ihres großen Bruders Kolja hilflos zurückbleibt. In ihrer Familie, die von einer traumatischen Vergangenheit überschattet ist, bekommt sie kaum Luft zum Atmen. Ihre Eltern scheinen wie versteinert und nicht im Stande, sich ihren Kindern anzunehmen. Immer ist es der Bruder, der Nellie rettet: Vor ihrem Kummer und vielen schlaflosen Nächten. Doch irgendwann verliert sich Kolja selbst, gerät auf die schiefe Bahn, findet keinen Zugang mehr zur Familie und flieht.

So beginnt auch Nellie aus dem Glashaus, in dem die unfähigen Eltern sitzen und auf bessere Tage warten, zu fliehen. Sie will nach Frankreich, ihrem Bruder hinterher. Nur mit ihm kann wieder alles besser werden. Doch der Trip nach Avignon entwickelt sich ganz anders, als Nellie es erwartet. Schon beim Trampen entkommt sie nur knapp den falschen Leuten und wird von Miss Wedlock, einer rüstigen alte Dame in einem pfefferminzgrünen Oldtimer, aufgelesen.

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wpid-wp-1435576472991.jpegDoch auch die Fahrt mit Miss Medlock wird zur Herausforderung. Denn die alte Dame wird von Gespenstern aus ihrer Vergangenheit verfolgt, die sie seit 70 Jahren begleiten. Gespenster, die Autofahrten gefährlich und Autobahnrasten zu Abenteuern mit ungewissem Ausgang machen. Mit Elias, einem jungen Tramper, setzt Zipse den beiden Frauen einen weiteren Begleiter ins Auto, der nicht nur für haarige Glücksdrachentattoos sondern auch für Schmetterlinge in Nellies Magengegend sorgt und dem Roman eine gefühlvolle und ganz und gar bezaubernde Komponente schenkt.

„In dieser Nacht sitze ich mit einem wildfremden Jungen auf der Bordsteinkante einer Autobahnraststätte, und es gibt keinen Ort, an dem ich lieber wäre. Denn diese Nacht ist eine Zaubernacht im Niemandsland. Sogar für jemanden, der nicht an Magie glaubt.“

Zitat, Seite 110

Ohne dem facettenreichen Roman noch mehr an Entwicklung vorneweg zu nehmen, sei euch „Glücksdrachenzeit“ einfach nur ans Herz gelegt. Zipses Debüt ist eine spannende Reise zweier Geschwister, die lernen müssen auf eigenen Füßen zu stehen und für ein besseres Leben  kämpfen. Die Autorin setzt sich dabei sehr gefühlvoll mit den Themen Trauerbewältigung, familiärer Zusammenhalt und Geschwisterliebe auseinander. Sie hat einen mitreißenden Jugendroman geschrieben, den man nur schwer aus der Hand legen kann und mit dem sie nicht nur junge sondern auch erwachsene Leser zu beeindrucken vermag.

„Es beginnt ganz unspektakulär. (…) Erst eine Träne und dann noch eine. Nur dass es einfach nicht mehr aufhört. Ich weine und weine. Tatsächlich. Es müssen fossile Tränen sein, so lange habe ich nicht mehr geweint. Sie schmerzen in meinem Hals, in meinen Augen, auf meinen Wangen. Sie ätzen und brennen und schneiden mir in die Haut.“

Zitat, Seite 264

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Der Junge mit dem pechschwarzen Haar..

lesenslust über „Anders“ von Andreas Steinhöfel

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„Ein goldenes Wort, ein schwarzer Engel, ein geflüstertes Geheimnis.“

Zitat, Seite 103

Felix Winter ist elf Jahre alt, als er bei einem unglücklichen Unfall von seiner Mutter mit dem Auto erfasst wird. Er fällt für 263 Tage in ein Koma, exakt die Anzahl jener Tage, die seine Mutter mit ihm schwanger war. Zufall oder schlechtes Karma?

Eines Sommertages geschieht ein Wunder und Felix erwacht aus dem Koma. Der Winterjunge, den die Leute im Krankenhaus aufgrund seiner hellen Haut, dem pechschwarzen Haar und denn kirschroten Lippen liebevoll Schneewittchen nennen, kehrt ins Leben zurück.

Die Ärzte diagnostizieren retrograde Amnesie. Während Felix‘ Verstand klar wirkt, scheint seine Erinnerung an die letzten elf Jahre wie ausgelöscht. Der Junge wirkt verändert, ist selbstbewusster und souveräner. Der überfürsorglichen teilweise elitären Erziehung seiner Mutter begegnet er fortan mit Rebellion. Täglich erfindet er sich seine Welt neu und nennt sich künftig Anders.

„Ich heiße jetzt nicht mehr Felix, ich heiße Anders. Mit einem großen A. Wie Andersen, Sie wissen schon. Der mit dem Märchen von der kleinen Seejungfrau.“

Zitat, Seite 82

Doch das veränderte Verhaltensmuster des Jungen irritiert die Menschen in seinem Umfeld. Anders ordnet ihnen fortan Farben zu, durchleuchtet sie und erkennt ihren Seelenballast. Seine offenen konfrontierenden Worte verängstigt sie. Und ehe sich Anders versieht, wird er zur Zielscheibe öffentlichen Ärgernisses.

„Ich hab dich lieb“, sagt André zu seinem Sohn. „schon immer für immer.“

Zitat, Seite 96

Doch die Veränderung des Jungen scheint einen tiefergehenden Hintergrund zu haben. Anders wahrt ein schreckliches Geheimnis, dessen Offenbarung schlimme Folgen hat. Und jemandem scheint viel daran zu liegen, dass es für immer im Dunkeln bleibt.

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„Fast jeder Mensch, da machte sie selber bestimmt keine Ausnahme, war in irgendwelche Zwänge eingebunden, wurde von inneren und äußeren Einflüssen bestimmt, die sich seinem Willen und seinem Zutun entzogen. Aber wer zwischen vollmundig und malzig lebte, der lebte unmöglich wirklich.“

Zitat, Seite 167

Andreas Steinhöfel entführt uns in eine Welt voller Farben. Es ist die Welt des Winterjungen Felix oder vielmehr Anders, der nach einem 263-tägigen Koma mit einer neuen Persönlichkeit das Licht der Welt erblickt, unangepasst und eigentbrötlerisch.

Steinhöfels Geschichte ist erfrischend anders. Mit einer distanzierten Betrachtungsweise gibt er uns den Blick auf ein Familiendrama frei, das tief verwurzelt ist. Er präsentiert es dem Leser auf ungewöhnlich unsentimentale Weise, nährt die Geschichte mit Emotionen und Farben und tränkt sie gelegentlich mit einem Hauch von Poesie. Eine düstere Poesie, die teilweise für mystische und unheimliche Klänge sorgt, dem Roman aber eine sehr melodisch atmosphärische Untermalung schenkt.

„Er schlug das Album auf. Erinnerungen sprangen ihn an, denen er spielend eine Farbe hätte zuordnen können, ein warmes, abgetöntes Nussbraun, das süße Stille versprach, aber er wusste, das war ein trügerisches Versprechen. Die Farbe flüsterte und lockte mit dem einzigen Ziel, sich über sein Denken und Fühlen zu legen wie Mehltau, es würde Tage dauern, eher Wochen sogar, sich davon zu befreien.“

Zitat, Seite 144

Der Roman, der im Kinder- und Jugendbuchgenre angesiedelt ist, bedient sich einem sehr dramatischem, teilweise metaphergetränkten Schreibstil, dessen Inhalt sich sicherlich nicht jedem Leser erschließt, schon gar nicht Kinder oder Jugendlichen. Steinhöfel wandert teilweise auf einem sprachlich sehr hohem Niveau, das die Lektüre sicherlich auch für den ein oder anderen Erwachsenen zu einer sehr anspruchsvollen Lektüre macht.

„Ich hatte ganz vergessen, wie hell ihr seid. Das Licht im Dunkel der Welt. […] ihr strebt der Zukunft als Flammen entgegen: voller Hoffnung, mit dem Glauben an Veränderung.“

Zitat, Seite 150

Die Aufmachung und Illustrationen des Buches sind minimalistisch, spiegeln aber bei näherer Betrachtungsweise den Inhalt des Romans perfekt wieder. Trotz farbgetränkter Geschichte scheint mir die Konzentration der Illustrationen auf die Farben goldgelb, schwarz und weiß als die ideal.

Ohne den Inhalt und Verlauf der Geschichte vorweg zu nehmen, möchte ich auf Steinhöfels wunderschöne Verwebung der einzelnen Protagonisten hinweisen. Auch wenn Felix und seine Eltern den zentralen Kern der Geschichte darstellen, schienen mir sämtliche Nebendarsteller wichtiger Bestandteil des großen Ganzen zu sein. Das Gerüst der Story präsentierte sich mir wie ein riesiges Spinnennetz, in dem die Ereignisse, Personen und Orte kunstvoll miteinander verwoben sind.

„Nur hier findet der Junge wirklich Ruhe, nur hier schweigt sein Kopf, der sonst schier zu zerbersten droht unter den unaufhörlichen und gleichzeitigen Eindrücken kaskadischer Worte und disharmonischer Musik, und nur hier schweigt sein Körper, in dem jede Farbe, sobald sie seine Augen trifft, einen Geruch erzeugt, jedes Lichtpartikel einen Geschmack, und der von innen verbrennt, weil er Luft als Feuer einatmet, und der sofort wieder abkühlt, weil er sie als Schnee wieder entlässt.“

Zitat Seite 105

Durch kursiv gedruckte Gedankengänge einzelner Protagonisten schenkt Steinhöfel der Geschichte eine persönliche Note. Er gibt den Lesern dadurch den Blick auf das Innerste der Figuren frei und ermöglicht es, seine anspruchsvolle Kost besser zu erfassen.

Für die Möglichkeit, Anders ein Stück seines Weges zu begleiten, bedanke ich mich recht ❤ – lich beim Königskinder Verlag (Carlsen Verlag), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Es wird sicherlich nicht das einzige Buch von Andreas Steinhöfel bleiben.

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Bücher, die die Welt bedeuten..

lesenslust über „Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer

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„Während sie die Stufen zur Bibliothek hinablief, konnte Furia die Geschichten schon riechen: den besten Geruch der Welt.“

Zitat, Seite 9

Furia Salamandra Faerfax lebt gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder ein abgeschiedenes Leben in der Welt der Bücher. Im englischen Landsitz der Familie, der „Residenz“, suchen sie Schutz vor der Adamitischen Akademie, die sich es zur Aufgabe gemacht hat, alle Mitglieder der Familie Faerfax, die sich seit Generationen aus mächtigen Bibliomanten zusammensetzt, zu töten.

In den Katakomben des Anwesens stößt man auf ein riesige unterirdische Bibliothek, die neben unzähligen Büchern auch eine Reihe an magischen Kreaturen beherbergt: Lebendige Origamis, die Büchern den Staub vom Deckel fressen, ein wuselnder Buchstabenhaufen, der Furia gerne auf ihren Streifgängen durch die dunklen Regalreihen begleitet und ein bedrohlicher Schimmelrochen.

Voller Sehnsucht wartet Furia auf die Offenbarung ihres Seelenbuches, um endlich in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und eine echte Bibliomantin zu werden. Denn nur mithilfe ihres eigenen Seelenbuches kann sie die volle Magie der Bibliomanie und die Macht der Worte entfesseln.

Lyrik versteht man nicht, man fühlt sie.

Zitat, Seite 195

Als ihr Bruder entführt wird, muss sich Furia auf den Weg nach Libropolis machen, der Stadt an der Grenze der Nachtrefugien und der Heimat der verschwundenen Buchläden. In der Bücherstadt trifft sie auf Cat, der Königin der Straße und den rebellischen Finnian. Gemeinsam stellen sie sich gegen die mächtigsten Bibliomanten von Libropolis um die vorhergesagte Entschreibung aller Bücher zu verhindern.

Eine rasante Verfolgungsjagd durch Libropolis beginnt..

“Zwischen all den Papieren und Büchern fand sie schließlich, was sie suchte. Ein schmales Leszeichen aus Pappe, nur mit einem einzigen Wort bedruckt: Libropolis. Als sie mit der Fingerspitze darüberfuhr, war es, als wimmelten Flöhe unter ihrer Haut. Das Ding mochte unscheinbar aussehen, aber es war bis in die letzte Faser von bibliomantischer Energie erfüllt.”

Zitat, Seite 120

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Vom Autor hatte ich vor diesem Roman bereits gehört, allerdings noch keines seiner Bücher gelesen. Meyers Roman „Die Seiten der Welt“ konnte mich (trotz  Jugenbuch-Genre) mit seiner bezaubernden Aufmachung und der liebevollen Vermarktung sofort für sich gewinnen. Die Neugier, hinter den schwarzen Buchdeckel mit den goldenen Lettern zu blicken und die Welt von Libropolis zu erforschen, hat mich unvermittelt gepackt. Meine Begeisterung für fantastische Geschichten fand ihren Ursprung bereits in Walter Moers Zamonienreihe oder auch J.K.Rowlings Harry Potter, weswegen es absehbar war, dass auch Kai Meyers „Die Seiten der Welt“ seinen Weg in mein Bücherregal finden wird.

Die Idee des Romans finde ich sehr gelungen. Die Geschichte, die von der Magie der Worte getränkt ist und dich in eine Welt voller magischer Kreaturen, Bücher und Buchliebhaber eintauchen lässt, begegnete mir wie eine magische Entdeckungsreise. Die Geschichte nahm ziemlich schnell an Fahrt auf. Einige Dinge entwickelten sich für meinen Geschmack etwas zu schnell um sie richtig erfassen zu können und überfielen mich mit ihrem rasanten Tempo regelrecht während sich andere Zeilen um das eigentlich Geschehen herumschlichen und für ein paar unnötige Längen im Roman sorgten.

Eine schöne Konstante in diesem Fantasyabenteuer ist allerdings der Ideenreichtum des Autors, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Meyer begeistert mich mit sprechenden Möbelstücken, lebendigen Origamitieren und wuselnden Buchstabenhaufen (namens Ypsilonzett), heftet mir müffelnde Schimmelrochen an die Fersen oder lässt mich Bekanntschaft mit Exlibris (aus dem Text gefallenen Romanhelden) und Bibliomanten unterschiedlichster Art machen.

Bei aller Liebe zum Buch war Libropolis ein gescheitertes Experiment: mehr Bücher, als irgendjemand besitzen wollte; mehr Geschäfte als Käufer, die über Brücken kamen; und mehr Absicherung durch die Akademie, als wirtschaftlich sinnvoll war. Libropolis war ein Denkmal, kein Geschäftsmodell, und es war kein Wunder, dass so viele Bibliomanten das guthießen.

Zitat, Seite 480

Libropolis, die Bücherstadt, die Meyer als Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte dient, baute sich mit ihren zahlreichen Gässchen, tummelnden Buchhändlern und ihren dicht aneinander kuschelnden Geschäften schnell vor meinem geistigen Auge auf. Ich kann mich dem Gefühl, einige Parallelen zwischen Meyers Libropolis und Moers Buchhaim, in die sich Hildegunst von Mythenmetz in Die Stadt der träumenden Bücher aufmacht, zu entdecken, aber nicht entziehen. Meiner Begeisterung für die Bücherstadt Libropolis tut das aber keinen wirklichen Abbruch.

Die Figuren in Meyers Roman sind mir recht schnell ans Herz gewachsen. Allen voran begegnete mir Protagonistin Furia als leidenschaftliche Kämpferin, die durch ihre Belesenheit und den prägenden Erfahrungen ihrer Kindheit schon sehr erwachsen und überlegt auftritt. Bei Suche nach ihrem kleinen Bruder wächst sie Seite für Seite an den sich ihr stellenden Herausforderungen.

Auch Cat und Severin, die in Libropolis zu Furias Freunden und zukünftigen Weggefährten werden, konnten mich mit ihren liebevoll gezeichneten Persönlichkeiten begeistern. Die Liebe, die zwischen den beiden Protagonisten wächst, verleiht der Geschichte Flügel, die mir in Zeiten des Kampfes wie kleine Seelenschmeichler agieren.

 Insgesamt finde ich das Werk von Meyer sehr gelungen, weshalb ich mich sehr auf den fantastischen Nachfolgeband freue, der laut Aussage des Autor bereits im Herbst 2015 erscheinen wird.

Gedanken und Ideen lösen sich in jeder Sekunde überall auf der Welt einfach in Wohlgefallen auf, keiner trauert ihnen nach, sie werden vergessen und sind fort. Selbst solche, die niedergeschrieben werden, verschwinden wieder. Tafeln werden leer gewischt, Bücher werden verbrannt. Nichts ist so vergänglich wie ein Gedanke.

Zitat, Seite 402

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