Seems like family

lesenslust über „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ von Estelle Laure

image

„Wir sind allein, Wrenny und ich. Fürs Erste zumindest. Wren und Lucille. Lucille und Wren. Ich tue, was ich tun muss. Keiner darf uns trennen. Das heißt, so normal wie möglich weitermachen. So tun als ob. Auch wenn nichts weiter weg von normal sein könnte. Normal ist mit Dad verschwunden.“

Zitat, Seite 7

Eigentlich hat Lu viel Wichtigeres zu tun, als sich in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. Denn als ein schreckliches Ereignis seinen Schatten auf ihre Familie wirft, muss die siebzehnjährige Lu das Ruder der Familie übernehmen. Der verkorkste Vater verschwindet in Therapie und die psychisch labile Mutter im Nirgendwo. Zurück bleiben zwei völlig verstörte Mädchen, die fortan nur noch sich selbst haben. Aber das darf keiner wissen.

Damit sie nicht getrennt werden, tun die beiden Geschwister so, als wär alles normal. Sie belügen Nachbarn, Lehrer und Bekannte und klammern sich verzweifelt an eine schwindende Hoffnung: die baldige Rückkehr der Mutter. Doch als die Lebensmittelvorräte knapp werden und die Rechnungen sich gefährlich stapeln, muss Lu handeln. Sie sucht sich einen Job und schleust sich und ihre Schwester Wren damit notdürftig durchs Leben. Doch Lu ist wütend und verletzt. Keine Eltern der Welt lassen ihre Kinder einfach im Stich! Ihre schon.

Und als wäre das alles noch nicht genug, ist da noch Digby, der Zwillingsbruder ihrer besten Freundin Eden, in dessen Nähe Lus Herz heftig zu pochen beginnt. Ein Gefühlsausbruch, den sie sich nicht leisten kann. Nicht jetzt. Aber wer kann sich der Liebe schon verwehren, wenn sie direkt vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance.

„Ich denke nicht an Mom, außer manchmal beim Aufwachen. Dann sehe ich ihre hellblauen Augen, ohne Licht, so wie sie waren, bevor sie ging. Nach dem Aufwachen ist mein Schutzwall am schwächsten. Ich brauche eine Sekunde. Atme. Starre in ihre Augen. Und dann falte ich sie zusammen. Falte sie einmal, weil sie uns allein gelassen hat, zweimal, weil sie nicht zurückgekommen ist, falte ihre Augen dreimal, bis sie ganz klein ist, zwei bedeutungslose Punkte, und dann puste ich sie weg.“

Zitat, Seite 69

Es liegt klar auf der Hand, dass Lu nicht gut auf das Schicksal zu sprechen ist. Erst dreht ihr Vater durch und verschwindet in Therapie, dann nimmt sich die Mutter eine zweiwöchige Auszeit und überlässt die Geschwister sich selbst. Keiner hat die siebzehnjährige Lu gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Ob sie sich der Verantwortung, alleine für ihre kleine Schwester zu sorgen, überhaupt gewachsen fühlt. Doch ehe sie reagieren kann, ist die Mutter weg. Sang- und klanglos.

Estelle Laure staffelt ihre Geschichte in Tagen. Sie beginnt am vierzehnten Tag. Dem Tag, an dem die Mutter zurückkehren und das Leben von Lu und Wren wieder zurück in die Normalität finden sollte. Eigentlich. Denn dass die Mutter nicht wiederkommt, hat Lu bereits geahnt und nun packt sie die schockierende Realität am Kragen. Die Verzweiflung wächst. Vor allem bei Lu, die der schrecklichen Tatsache ins Auge blicken muss, dass das Jugendamt sie und Wren trennen könnte, wenn irgendjemand davon Wind bekommt.

„Nur weil man den Riss nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist.“

Zitat, Seite 98 

Die Ausgangssituation von Laures Debüt gefiel mir wirklich gut. Zwei Geschwister, die nach dem Verschwinden der Eltern fortan auf sich alleine gestellt sind. Die sie innig lieben und hilflos aneinanderklammern. Die Angst davor haben, getrennt zu werden. Wie sich die ältere Lu einen Job suchen muss, um die vielen Rechnungen zu begleichen und ihnen Essen kaufen zu können. Der verzweifelte Versuch ihrem Leben wieder Normalität zu verleihen, obwohl es alles andere als normal verläuft.

Auch der Entwicklungsprozess der siebzehnjährigen Lu kommt in Laures Debüt sehr deutlich zum Vorschein. Die neue Rolle zwingt Lu viel zu schnell dazu, erwachsen zu werden und damit auch ihre eigenen Interessen hintenanzustellen. Lus Verliebtheit zu Digby, die anfänglich sehr kitschig und naiv herüberkommt, erscheint mir daher auch irgendwie passend. Sie macht deutlich, worum sich die Gedanken eines Teenagers eigentlich drehen sollten und dass das Leben eben seinen eigenen Rhythmus hat. Lus anfängliche Verliebtheit für Digby weicht mit der Zeit einer sehr intensiven Verbundenheit, die mir sehr gefallen hat. Einer Beziehung, die Lu Halt und Zuflucht schenkt, auch wenn der Zeitpunkt ganz und gar nicht richtig scheint.

„Ich schlage die Hände vors Gesicht. Zähle bis drei. Nehme die Hände weg. Nein, es ist alles noch da, die gleiche Welt, das gleiche Leben.“

Zitat, Seite 79

Aufs Ganze gesehen konnte mich „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ dennoch nicht ganz überzeugen. Was so vielversprechend begann, verlor nämlich irgendwann an Struktur. Es erschien mir fast so, als hätte die Autorin plötzlich selbst vergessen, worum es in ihrem Roman geht. Sie nimmt Nebenstränge auf, die mir deplatziert und unnötig erscheinen und vergisst dabei völlig, ihre Grundgedanken zu Ende zu denken.

So lässt sie den Leser mit Fragen zurück, deren Antworten essenziell sind, um den inhaltlich sehr gewichtigen Ausgangspunkten gerecht zu werden: Häusliche Gewalt, verantwortungslose Eltern, hilflose Kinder. Laure setzt ihrer Geschichte vielmehr unnötige Dramatik hinzu, die in meinen Augen mit der eigentlichen Geschichte gar nichts mehr zu tun haben. So ist das offene Ende kein wirklicher Cliffhanger, sondern vielmehr ein jäher Spalt, der den Leser verzweifelt in die Tiefe seiner eigenen Gedanken zieht.

Auch wenn Laures Debüt sich sehr lebendig und intensiv präsentiert, bußt es damit an Glaubwürdigkeit ein. Vielleicht hätte sie ihren Gedanken lieber noch etwas mehr Raum schenken sollen, um ihrem Roman die Tiefe zu verleihen, die er verdient hätte.

„Vertrauen. Was heißt das überhaupt? Wenn du einem Menschen vertraust, drückst du ihm ein Messer in die Hand, das er dir in den Bauch rammen kann. So viel weiß ich.“

Zitat, Seite 30

❤ ❤ ❤

image

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s