Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

<3 <3 <3 <3 <3

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Gefühle im Essen schmecken…

lesenslust über „Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen“ von Aimee Bender

~*Die Story*~

Rose ist zarte 12 Jahre alt, als das Ganze beginnt.

Sie taucht ein, in eine ihr völlig unbekannte Welt. Sie entdeckt eine sonderbare Begabung: sie schmeckt die Gefühle von anderen aus dem Essen.

Anfangs verzweifelt und völlig überfordert mit der Situation, vermutet sie, krank zu sein, sucht nach den Ursachen dieser ungewöhnlichen Empfindungen und wird von ihrem Umfeld kritisch beäugt. Man vermutet eine Esstörung. Glaubt, sie leide an Wahnvorstellungen. Keiner glaubt ihr. Keiner, bis auf eine Person: George. Der beste und einzige Freund ihres Bruders Joe. Joe, ihrem sonderbaren Bruder.

Langsam, ganz langsam lernt sie ihre Empfindungen richtig einzuordnen. Schmeckt Verzweiflung, Enttäuschung, Wut. Definiert den Bauern, das Feld, den Zuchort. Alles scheint sich zu vereinen und wieBallast auf ihre Schultern zu laden. Sie ist gezwungen, ihr Essverhalten zu verändern. Ihr Alltag wird zur Herausforderung.

Eines Tages schmeckt sie aus dem Essen der Mutter eine zarte Verliebtheit heraus und weiß genau, dass diese Gefühle nicht ihrem Vater gelten.

Ein Geheimnis, das ihr allein zuteil wird und nicht das letzte Geheimnis bleiben soll…

~*Meine Meinung*~

Das Cover des Buches gefiel mir auf Anhieb. Durch seine Leichtigkeit und farbenfrohe Frische erschien es mir wie eine Einladung, die ich gerne annahm. Den Titel finde ich zudem sehr originell und als genau das richtige Lockmittel um Leser für sich zu gewinnen. Wie man sieht, hat es bei mir geklappt.

Die Geschichte bezaubert den Leser mit ihrer Außergewöhnlichkeit. Die Begabung, die Gefühle anderer aus dem Essen zu schmecken erschien mir anfänglich noch als Glücksgriff und wahnsinnig spannend. Die Autorin hat mir jedoch sehr schnell die Konsequenzen gezeigt, die durch diese Begabung resultieren. Nicht immer kocht man mit guter Laune, Verliebtheit oder Tatendrang. Auch Wut, Unzufriedenheit und Enttäuschung mischen sich unter und geben dem Essen einen unangenehmen Beigeschmack. Sie stellen für Rose, der Hauptprotagonistin der Geschichte, schier unüberwindbare Hürden dar und führen unweigerlich zu extremen Situationen. Wie zum Beispiel dem Tag, an dem Rose sich vor Verzweiflung den Mund aus dem Gesicht reißen und sich mit dem Messer den Geschmack von der Zunge schaben möchte. Eine Situation, die für mich pure Verzweiflung und so viel Gefühl verkörperte, dass ich ensetzt war.
Nicht die einzigste Stelle im Buch, in der es der Aimee Bender gelingt, mir mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Empathie eine Welt aufzuzeigen, über die ich mir sonst sicherlich nie Gedanken gemacht hätte. Zu behaupten, dass es Menschen gibt, die eine derartige Begabung besitzen, ist vielleicht zu weit hergeholt. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass der ein oder andere unter uns sicherlich über ein besonderes Gespür oder einen besonders intensiven Geschmackssinn verfügt, welcher ihm ähnliche Nuancen aus dem Essen herausschmecken lässt.

Innerhalb der Geschichte offenbaren sich der kleinen Rose eine Menge Geheimnisse. Sie betritt die Welt der besonderen Empfindungen und Geschmäcker und nimmt uns auf ihre Reise mit. Wir sind ihre Wegbegleiter und dürfen sowohl an ihren Geschmacksexplosionen als auch Geschmacksfehltritten teilhaben.
Doch nicht nur Rose allein lässt die Geschichte zum Leben erwecken. Neben ihr spielt auch Joe, ihr verquerer Bruder eine wichtige Rolle. Er begegnet mir als ein Eigenbrötler. Lebt in seiner eigenen Welt, verlässt oft tagelang sein Zimmer nicht. Es scheint fast, als wäre er autistisch. Die Entwicklung seiner Person ist für mich jedoch ein negativer Aspekt des Buches. Ohne zu viel zu verraten, sei so viel gesagt: sie erschien mir derart fantastisch, unrealistisch und einfach zu strange, dass es mich gestört hat. Etwas, das ich einfach unnötig fand. Keine Ahnung, was Frau Bender mir durch seine Person zeigen wollte.

Alles im Ganzen hat mich Bender mit ihrem Roman sehr gut unterhalten und mir ein paar neue Denkansätze gegeben, auf die ich ohne ihren Roman sicherlich nicht gestoßen wäre.

Eine Geschichte, die berührt, fasziniert und sich von der einfachen Unterhaltungsstruktur abhebt! Weiter so, Frau Bender!