Seelenschmeichler

„Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiß und wisperig. […] Liss sah und roch und hörte, dass der Sommer zu Ende ging. Es war ein gutes Gefühl.“

Zitat, Seite 5

Als ich die letzte Seite von „Alte Sorten“ hinter mir ließ, saß ich beseelt da. Und überwältigt. Voller Wehmut strich ich über die ausgestanzten Birnen auf dem Cover, konnte ihre Konturen spüren, ihren intensiven Duft und Geschmack nahezu vernehmen. Der süßlich herbe Geschmack erfüllte meinen Mund, der klebrige Birnensaft lief mir an meinem Kinn herunter. Alexander Lucas. Die Birne, zu der ich in Liss‘ altem Zaubergarten am Ehesten gegriffen hätte. Es ist die Birnensorte, auf die ich nach der Lektüre am meisten Lust verspüre. Ihren Geschmack beschreibt der Autor mit dem Sonnenlicht, „wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele“. Wer kann solchen Zeilen schon widerstehen?

Was sich mir da in „Alte Sorten“ offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

Mir scheint, ich habe „Alte Sorten“ genau zur richtigen Zeit gelesen. Denn die Geschichte beginnt gegen Ende des Sommers, am 1. September, und erstreckt sich bis in den Oktober hinein. Meine Lektüre lief nur leicht verzögert mit den Kapitelüberschriften, die Arenz den Tagen gewidmet hat, die Liss und Sally, die beiden Protagonistinnen, gemeinsam verbringen. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters treffen hier aufeinander: Liss, Mitte Vierzig; Sally, gerade mal 16. Und obwohl die beiden Frauen einem äußerlich sehr unterschiedlich begegnen, umtreibt sie innerlich ein ganz ähnliches Seelenleid. Denn beiden hat das Leben stark zugesetzt. Ihre Seelen sind zerklüftet von den Spuren schmerzhafter Ereignisse.

„Es gab Tage, an denen es schwerer fiel, nur auf das zu sehen, was war. Nicht zurück, nicht vor. Nur auf das, was eben war. Weil ja auch alles, was gerade war, nicht aus dem Nichts kam und nicht ins Nichts ging. Alles hat eine Geschichte. Selbst Dinge, die sich nicht bewegten, bekamen eine Geschichte.“

Zitat, Seite 49

Und so bleibt ihre Begegnung an einem Spätsommertag draußen im Weinberg nicht ohne Folgen. Denn die körperlich ausgezehrte und ihrem Leben entflohene Sally ist von Liss‘ bodenständigem Auftritt so fasziniert, dass sie mit auf den Bauernhof kommt, den Liss alleine bewirtschaftet, und sich dort eine Zeit lang verschanzt. Es gehen Wochen ins Land, in denen sich die beiden Frauen gemeinsam dem Handwerk widmen, das Land und die Natur dabei vollends in sich aufnehmen. Sie backen Brot, bei dem man den frisch gemahlenen Roggen noch riechen kann; sie lesen Kartoffeln, deren erdiger Geschmack in schlichter Begleitung von Butter und Salz am besten zur Geltung kommt; sie pflücken bei klirrender Kälte Trauben im Weinberg, die sie später zu Wein verarbeiten und pflücken Birnen von alten Bäumen, die neben wuchernden Kräutern und Brennnesseln längst Teil eines Zaubergartens geworden sind, der uns wild und unbezähmbar begegnet. Es sind die vielen kleinen Momente, die für beide Frauen von großer Bedeutung werden und diesen Roman zu etwas ganz besonderem machen. Arenz‘ leise und eindringliche Zeilen, die einem oft nahezu poetisch begegnen und die Natur auf sehr eindrückliche Weise beschreiben, machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen.

„Das hier ist der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe.“ […] „Ich kann sehen, dass der Garten mal wie ein Käfig für dich war. Aber du siehst doch, was daraus geworden ist!“ Sie drehte sich im Kreis und versuchte, alles in sich aufzunehmen. Die von den Hecken wild überwucherten, sanft nach innen gedrückten verwitterten Latten des Zauns. Die parallel stehenden Bäume, die in ihren breit aufgefächerten Kronen, ihren geneigten Stämmen und in ihren Blätterwolken längst alle Rechteckigkeit zu einer verblassenden Erinnerung gemacht haben. Das Meer aus Gras, aufgeschossenen Kräutern und Brennnesseln, durch das im leichten Septemberwind hellgrüne Wellen von einem Ende des Gartens zum anderen liefen. „Das ist alles …“, wieder suchte sie nach dem richtigen Wort, „das ist alles wie eine wunderbare Strafe für den Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen.“

Zitat, Seite 117/118

Mit Liss und Sally sind Arenz zwei wunderbare Charaktere gelungen, die einem mit jeder Seite näher ans Herz wachsen. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten stehen im perfekten Kontrast zueinander: Sally, laut und ungestüm; Liss, leise und zurückhaltend. Sallys rebellisches Aufbegehren weckt in Liss nicht nur die Erinnerungen an sich selbst, die Zeit mit dem Mädchen schenkt ihr gewissermaßen auch eine Chance, zurechtzurücken, was der Vater bei ihr selbst falsch gemacht hat. Sally findet in Liss nicht nur einen Menschen, der sie hört und sieht, wie keiner zuvor, sondern auch ein Zuhause, das ihr die Eltern nie zu geben vermochten. So entwickelt sich zwischen den Frauen ein zartes Band der Freundschaft, das sie langsam aber sicher zurück ins Leben navigiert.

„Weil alles andere schlechter war, als das hier. Der Gedanke traf sie erst jetzt, mit der vollen Bedeutung. Plötzlich musste sie lachen. Einfach lachen. Sie wusste, es war alles nur auf Zeit. Auch das Lachen war eigentlich nur geliehen, dieser Augenblick der Befreiung nur auf Kredit, weil sie hier ja nicht immer würde bleiben können. Aber in diesem Moment war das egal. In diesem Moment waren die verstörenden Bilder auf einmal weg, als hätte man eine graue Folie zwischen ihr und der Welt weggezogen, und sie sähe das Dorf zum ersten Mal richtig und in allen Farben.“

Zitat, Seite 159/160

Nach dem Lesen dieses Romans machte sich eine ungeheure Sehnsucht in mir breit. Es war die Sehnsucht nach abgeernteten Weizenfeldern, dem sonnig-staubigen, uralten Geruch von Stroh und Heu in einer Scheune nach warmen Spätsommertagen und nach dem Duft von warmem Sommerregen. Wie gern würde ich mich mit Liss und Sally noch einmal ins Abenteuer stürzen. Was für ein Roman, was für eine Pracht! Ich habe jedes Wort und jede Zeile genossen. Und so hat mir Arenz ganz unverhofft ein Lesehighlight 2020 beschert!

„Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten sich Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.“

Zitat, Seite 127

#baybuch: Tigerschatten

„Levi“ – Carmen Buttjer

„Wenn Menschen traurig waren, dann taten sie ganz unterschiedliche Dinge. Manche heulten. So lange, bis sie nicht einmal mehr bemerkten, dass sie es taten. Andere wurden ganz laut oder leise, wütend für ein oder zwei Jahre, versteckten sich, tranken, aßen, bis sie fett waren, oder zogen in ein anderes Land. Irgendeins, das sie vorher noch nie gesehen hatten. Mein Vater tat nichts davon, und während er das tat, versuchte ich, ihn nicht zu stören.“

Zitat, Seite 12

Levi ist elf Jahre alt als seine Mutter stirbt. Ihren Verlust kann er kaum ertragen. Genauso wenig wie die Anwesenheit seines Vaters an deren Beerdigung, dem nur ein gesittetes Benehmen und der Dresscode wichtig zu sein scheint. Überhaupt scheint sein Vater die Vaterrolle nur im Auferlegen von Regeln zu verstehen. Auch jetzt. Nach ihrem Tod. Dabei war sie das einzige Bindeglied, das Vater und Sohn noch miteinander verband.

Seit dem Tod seiner Mutter ist Levis Kopf voller Fragen. Fragen, die er so gerne in die Freiheit entlassen würde, sich beim Anblick seines Vater aber doch besser verkneift. Auch sich bei der Beerdigung die Urne seiner Mutter zu schnappen, hätte er sich lieber verkneifen sollen. Und tut es dennoch. Mit ihren Überresten verkriecht er sich auf das Dach eines Hochhauses. Hier, nur ein paar Stockwerke über seinem Vater, schlägt er sein Lager auf und versucht mit aller Macht, der Realität zu entfliehen.

Doch auch zwischen den Dächern Berlins fühlt Levi sich weiterhin verfolgt. Ein Tiger scheint zwischen den Dächern herumzustreifen. Er muss es auf ihn und die Urne abgesehen haben. Sicher hat er auch seine Mutter auf dem Gewissen…

„Dass mit dem Tod hatte ich mir immer so vorgestellt, dass man erst starb, sobald man alt genug geworden war. Nach hundert Jahren, ich hielt hundert für eine gute Zahl. Mein Vater war noch weit davon entfernt, genauso wie meine Mutter, und trotzdem war sie vorher gestorben. Das war das Nächste, was ich über den Tod gelernt hatte. Niemand musste alt werden, um zu sterben.“

Zitat, Seite 30

Es ist die kindlich naive Sicht eines Jungen, um genau zu sein die des elfjährigen Protagonisten Levi, die uns Buttjer in ihrer Geschichte einnehmen lässt. Wir begegnen den Dingen damit unvoreingenommen und neugierig und pirschen uns mit allen Sinnen durch den Großstadtdschungel Berlins. Nicht selten passieren wir dicht aneinandergereihte Häuser, die sich so hoch wie Mammutbäume erstrecken, atmen sumpfig-schwüle Luft ein und erhaschen Tierschatten an den Häuserfassaden. Mit Levi driften wir in eine fantastische Zwischenwelt ab. Eine Welt, die uns vor der knallharten Realität ablenken soll.

Denn Levis Mutter ist tot. Wie sie starb wissen wir nicht. Ein Zeitungsausschnitt berichtet von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levi spinnt sich daraus seine eigene Geschichte zusammen, schwört schon bald darauf, dass es ein Tiger war, der seine Mutter getötet und es nun auf ihre Urne abgesehen hat. Er kann seine Präsenz förmlich spüren. Er sitzt ihm im Nacken, streift an den Häuserfassaden entlang und beobachtet ihn aus einem Hinterhalt. Im Nachbarsjungen Vincent findet Levi einen Verbündeten, der sich mit ihm schon bald auf die Lauer nach dem Tiger legt.

Der Kioskbesitzer Kolja hingegen holt Levi immer wieder in die Realität zurück. Erinnert ihn daran, dass sein Vater nach ihm sucht und dass Erwachsene und Kinder oft eine ganz unterschiedliche Sicht auf die Dinge haben. Dabei nimmt der ehemalige Kriegsfotograf sein Leben selbst nicht richtig wahr. Er lebt in den Tag hinein, versucht die Erinnerungen vergangener Tage mit Whiskey auszulöschen. Doch sie sind hartnäckig, kämpfen sich langsam aber sicher wieder in Koljas Bewusstsein zurück. Und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Doch Kolja gelingt, woran Levis Vater scheitert: er kann sich auf den Jungen einlassen, versteht seine Sorgen, Ängste und vor allem die Trauer um seine Mutter.

„Unsinn ist normal“, erwiderte er. „Die Wirklichkeit macht manchmal einfach keinen Sinn, sie ist ungerecht, sogar grausam, einfach so. Selbst wenn Erwachsene das Gegenteil behaupten.“ „Warum tut ihr dann so, als ob es anders wäre? „Weil Geschichten einfacher sind als die Wirklichkeit.“ […] Sie haben ein Ende, einen Anfang, irgendeine Bedeutung und etwas, das die Wirklichkeit viel seltener hat: ein Happy End. Meistens jedenfalls. Die Wirklichkeit dagegen ist anders: Sie ist nie so schlimm, dass es nicht noch schlimmer werden kann.“

Zitat, Seite 158

„Als hätte ich die Erinnerung daran vor- oder zurückgespult, war da meine Mutter. Mit angewinkelten Armen saß sie hinter dem Steuer des Autos und lächelte. Ihre langen Haare waren nass, sie tropften ihr gleichmäßig auf die Beine und das rote Handtuch, auf dem sie saß. Sie sah mir in die wassergrauen Augen und meine Rippen zogen sich zusammen. Alles, was ich in dieser Sekunde wollte, war in dieser Erinnerung zu bleiben, ich wollte darin weiterleben, doch je mehr ich mich konzentrierte, desto schneller kehre das Zelt zurück, genauso wie die Konturen des Daches. Was blieb, war das Muster ihres Kleides. […] Dass meine Eltern damals kein Wort miteinander geredet hatten, hatte ich fast vergessen.“

Zitat, Seite 66

Mit Levi und David knüpft die Autorin ein Vater-Sohn-Geflecht, das zwar nur lose zusammengebunden ist, sich aber dennoch über die gesamte Geschichte erstreckt. Denn vom Vater, der sich als Anwalt vollständig in der Arbeit verliert, bekommt der Junge nicht viel mit, während die Mutter hingegen ihre Arbeit in der Pathologie mit ihrem Sohn zu vereinen versucht. Die Berührungspunkte als Familie beschränken sich auf zwei Extreme: hitzige Wortgefechte oder Schweigen zwischen den Eltern. Levi und sein Vater scheinen zwischen all dem verloren gegangen zu sein. Sie finden nicht zueinander, stoßen sich bei jeder Gelegenheit voneinander ab. Dabei teilen sie einen ganz ähnlichen Schmerz, den jeder auf seine ganz eigene Weise zu verarbeiten versucht. Levis Vater, der mir anfangs gefühlskalt und arrogant erschien, wurde mir im Verlauf der Geschichte um einiges zugänglicher. Ich vernahm Hilflosigkeit und Verzweiflung. Auf gewisser Weise auch Trauer.

Carmen Buttjers Roman ist atmosphärisch stark. „Levi“ lebt von poetischen und sprachlich raffinierten Zeilen, die stets von einem Hauch Melancholie begleitet sind. Natürlich steht hier ein trauernder Junge im Mittelpunkt. Die Szenerie, durch die Buttjer ihn wandern lässt, ist aber gewaltig. Es ist ein vor Hitze flimmerndes lebendiges Berlin, das so manch Unterwartetes für uns bereit hält: die Prise eines lautlosen Windes, die Begegnung mit Menschen, die in der heißen Luft lehnen und durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden sind und das Ineinanderfließen von orangen Sonnenlicht mit dem Blau des Himmels. Manchmal regnet es auch in unseren Ohren, es rauscht so laut, dass wir gar nichts anderes mehr vernehmen.

An Lebendigkeit fehlt es dem Roman sicherlich nicht. Wer sich aber nach einer Geschichte sehnt, die zu einem Ende findet, wird mit diesem Roman seine Schwierigkeiten haben. Was bleibt, ist die Gelegenheit, sie in unseren Köpfen zu vollenden.

„Geschichten sind, was sie sind, sie bleiben Geschichten. Du kannst dir so viele erzählen lassen, wie du willst, Hunderte, tausend, völlig egal, das Einzige, worum es sich dreht, ist, an welche davon du nicht glaubst.“

Zitat, Seite 159

Ich stieß auf „Levi“ erst im Rahmen meiner Tätigkeit als Buchpreisbloggerin. Für einige Literaturpreise wurde der Roman bereits nominiert, bisher aber noch nie zum Sieger gekürt. Jetzt hat er es auf die Shortlist des Bayerischen Buchpreises geschafft. Ich werde der Verleihung heute Abend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz selbst beiwohnen und über den Abend auf meinen Social Media Kanälen berichten. Du findest meine Beiträge unter dem Hashtag #baybuch. Mehr zum Bayerischen Buchpreis findest du auf der Projektseite „Bayerischer Buchpreis 2019“.

Der Weg ist das Ziel

„Töchter“ – Lucy Fricke

Martha und Betty, zwei Frauen um die vierzig, brechen zu einer Reise in die Schweiz auf. Im Schlepptau Marthas todkranker Vater Kurt. Es soll seine letzte Reise werden und doch kommt alles ganz anders.

Während Kurt bei einer verloren geglaubten Liebe am Lago Maggiore strandet, reisen die beiden Frauen alleine weiter. Mit Kurts altem Golf kämpfen sie sich durch den italienischen Verkehr, quetschen sich durch beengte Parkhäuser und schleichen durch zwielichtige Gassen. Als sie im italienischen Nirgendwo stranden, lassen sie sich fortan von ihren Gefühlen leiten. Es gilt für beide aufgestaute Emotionen zu verarbeiten, von denen es aufgrund der zerklüfteten Familienverhältnisse beider zuhauf gibt. Während sich Betty in Griechenland ihrer Vergangenheit hingibt, versucht Martha den Abschied von Kurt zu verkraften.

Doch die Frauen haben ihre Rechnung ohne das Schicksal gemacht! Denn in der Einöde einer griechischen Insel treffen alle drei wieder aufeinander.

„Mir war nicht ganz klar, wer hier wen wohin fuhr. Zu wessen Abschieden und Erinnerungen wir auf dem Weg waren. „Was soll das eigentlich werden?“, fragte ich. „Thelma und Louise?“ „Die waren jung, sexy und unterdrückt“, sagte Martha. „Guck uns an, wir sind nicht mal unterdrückt.“ „Tschick?“, probierte ich weiter. „Das waren Jungs. Wir sind Frauen kurz vor den Wechseljahren. Ich hoffe, das willst Du nicht vergleichen.“

Zitat, Seite 87

Manchmal nimmt man Bücher genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hand. Und dann inhaliert man sie einfach so weg. Bei diesem hier verhielt es sich genau so. Dabei erzählt Lucy Fricke in „Töchter“ an sich keine heitere Geschichte. Denn es ist die einer letzten Reise, einer verzweifelten und von widersprüchlichen Gefühlen begleiteten Fahrt in die Schweiz. Denn Martha soll Kurt zum Sterben fahren. Dabei hatten Vater und Tochter zu Lebzeiten kaum Kontakt. Martha steht ihrem leiblichen Vater nicht mal sonderlich nahe, fühlt sich ihm aber dennoch verpflichtet, weshalb sie ihre Freundin Betty um Hilfe bittet. Seit einem Autounfall vor ein paar Jahren saß sie nicht mehr am Steuer. Betty sichert ihre Unterstützung zu, nimmt mit Martha und Kurt schon bald Kurs Richtung Schweiz auf.

Doch manchmal kommt alles ganz anders als geplant und so reiht sich Kurts klappriger und nach Öl lechzender Golf schon wenig später in die Spur Richtung Italien ein und spuckt seine Passagiere am Lago Maggiore aus. Hier soll Kurt auf auf eine alte Liebschaft treffen und seinem Schicksal überlassen werden. Da in Italien auch ein Teil von Bettys Vergangenheit begraben liegt, bleiben auch Betty und Martha dem Land vorerst treu und packen die Gelegenheit beim Schopf mit der Vergangenheit reinen Tisch zu machen. Doch der Kurs der Reise ändert sich erneut und schickt sie in die Einöde einer griechischen Insel.

„Ein letztes Mal drehte Martha sich um, schickte einen Abschiedsgruß aus dem geöffneten Fenster. Wir fuhren los, und vor uns lag der Lago Maggiore. Der Nebel hatte sich gelichtet, auf die Berggipfel fiel das klare Sonnenlicht, wir sahen die drei winzigen Inseln im Wasser liegen. Es war ein wirklich schöner Anblick, das Kitschigste, was die Natur zu bieten hatte, und offenbar mehr, als Martha aushalten konnte.“

Zitat, Seite 81

Wenn man alleine den Verlauf der Reise betrachtet, kann man schon erahnen, auf welch schrägen Roadtrip uns Lucy Fricke schickt.  Ihre Geschichte ist durchweg von Wehmut und Trauer begleitet, aber auch mit jeder Menge schwarzem Humor, der sich vor allem in Italien von einer sehr ausgeprägten Seite zeigt. Im Verlauf der Geschichte zeigt sich auch, dass Kurts baldiges Ableben tatsächlich nur ein kleiner Bestandteil des Romans ist und Fricke sich auch den Schicksalen seiner weiblichen Protagonistinnen widmet.

Mit Martha und Betty sind der Autorin zwei wunderbare Charaktere gelungen. Beide Frauen stehen in der Mitte ihres Lebens, sind über die Jahre zu selbständigen Persönlichkeiten herangereift. Eine verkorkste Kindheit und emotionale Tiefschläge haben sie in die Knie gezwungen, aber auch wieder aufstehen und ihren eigenen Weg finden lassen. Wie sehr sich die zerrütteten Familienverhältnisse der beiden Frauen ähneln, wird dem Leser von Seite zu Seite klarer, während die Freundinnen selbst nichts davon ahnen. Denn obwohl Betty und Martha bereits seit über zwei Jahrzehnten eine innige Freundschaft verbindet, haben sie über all die Jahre so wenig  wie möglich von ihrer Vergangenheit preisgegeben. Sie zehrt an ihnen, macht sie nahezu zerbrechlich.

Es ist Kurts letzte Reise, die ihnen die Chance schenkt, sich von ihrem emotionalen Ballast zu befreien. Uwe alias Kaffeehaussitzer bezeichnete das Buch in seiner Rezension als Midlifecrisis-Roadmovie-Roman mit weiblicher Besetzung, und das trifft, wie ich finde, den Nagel auf den Kopf. Auch bei Eliane alias mintundmalve könnt ihr eine wunderbare Rezension über das Buch lesen, die mich das Buch aus einem öffentlichen Bücherregal fischen und geradewegs in die Geschichte versinken hat lassen.

„Martha wollte, nach zahlreichen gescheiterten Fluchtversuchen, nun um jeden Preis eine Familie gründen, um alles besser zu machen, um es überhaupt zu machen, glücklich werden, es durchziehen. Mir hatte die Kindheit und mehr noch die Jugend jede Sehnsucht nach Familie so gründlich aus den Knochen getrieben, dass schon die Aussicht darauf Beklemmung in mir auslöste.“

Zitat, Seite 19/20

Es grünt so grün, wenn Omas Pflänzchen blühn

„Großmutters Haus – Thomas Sautner“

„Ich neige zum Bild des Buches als Lebensvergleich, eines, vom dem die Leser annehmen, es sei zu Ende, doch dann entdecken sie, hoppla, das waren nur die ersten Zeilen einer sich jäh auftuenden unendlichen Geschichte.“

Zitat, Seite 247

Malina glaubt ihren Augen nicht, als ihr der Postbote ein prall gefülltes Päckchen voller Geldscheine von ihrer totgeglaubten Großmutter überreicht. Kurzerhand nimmt sie sich Urlaub und plant die Oma in der Heimat aufzusuchen. Und auf was Malina da tief im Wald stößt, hat es wirklich in sich. Denn ihre unkonventionelle Großmutter ist nicht nur top in Schuss, lebensfroh und mega lässig, sondern auch eine Dealerin wie sie im Buche steht!

Das illegale Treiben von Oma Kristyna scheint im Dorf niemanden zu stören. Schließlich sind die Polizeichefs und der Bürgermeister höchstpersönlich Abnehmer der heißen Ware. Dass Großmutters Able, Sputnik und Godfather fünftausend wilde Kräutermischungen in sich bergen, die zu Bewusstsein- und Persönlichkeitsveränderungen führen können, scheint Kristyna nicht zu jucken. Ist schließlich alles eine Sache der richtigen Dosierung!

Und so vertickt sie ihre Selbstgedrehten nicht nur am laufenden Band, sondern gönnt sie sich auch noch selbst. Man muss ja schließlich wissen, was man an den Mann bringt! Auch Malina scheint nach anfänglicher Skepsis Gefallen an den Joints zu finden. Schließlich ist die junge Frau auf der Suche nach sich selbst und die besagten Kräuter tun dabei ihr Übliches!

„Deine Omi, das ist die heißeste Missionarin auf Gottes Erdenrund. Zudröhnen kann man sich mit allem Möglichen, aber mit ihren Dingern öffnet sie das Herz und den Geist und die Augen und die Ohren der Menschen.“

Zitat, Seite 221

Welch wahnwitzige Geschichte in „Großmutters Haus“ steckt, muss ich euch nun sicher nicht mehr erzählen. Zwischen den Zeilen wabert ordentlich Qualm! Thomas Sautner sorgt für einen wirklich abgefahrenen Lesetrip. Seine Figuren könnten nicht skuriller sein. Allen voran Malinas Großmutter, aber auch sämtliche ihrer Kundschaft scheinen Bizarrheit für sich gepachtet zu haben. Das sorgt natürlich für ordentlich Lesespaß. Doch die Geschichte befasst sich nicht ausschließlich mit Omas illegalem Gewerbe, sondern auch mit einer Reihe an existentiellen und spirituellen Fragen. Wer bin ich? Wo will ich hin? Was ist der Sinn des Lebens? Sautner lässt seine Protagonistin Malina sogar das Tor zum Universum öffnen, um sich selbst zu finden.

„Du glaubst vielleicht, Bücher verändern die Welt, und das ist ja auch ein herziger Gedanke, aber in Wirklichkeit verändert nur eines die Welt: Egoismus.“

Zitat, Seite 222

Insgesamt scheint Sautners Roman überhaupt viel komplexer zu sein, als ich anfangs vermutet hatte. Was mir am Sautners Stil sehr gefällt, ist, dass er die Fragen, die sich Malina stellt, zumeist offen, den Leser selbst entscheiden lässt, wie er zum Leben steht. Sicherlich, so ein paar lässige Sprüche lässt Kristyna-Oma freilich vom Stapel, aber alles in allem fordert sie ihre Enkelin auf, selbst Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden., die Malina mitgebracht zu haben scheint.

Nebenbei würzt Sautner seine Geschichte noch mit einer Prise Verliebtheit, verleiht ihr damit einen Hauch von Romantik, ohne sie aber in unnötigen Kitsch abtriften zu lassen. Seine Zeilen lesen sich fluffig weg, begegnen dem Leser oft sehr poetisch, teilweise sogar spirituell. An Lieblingstextstellen mangelt es dem Buch nicht. Vor allem Buchliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Wie berauscht taumle ich aus der Geschichte. Selbst passiven Rauchern weht gehörig Stoff um die Nase!

„Schon als Kind war es so, Höhe und Halt suchte ich in Büchern. (…) Zwischen Buchdeckeln war die Welt weiter. Der Zauber begann zumeist unmittelbar nach dem Eintritt. Ideen fluteten mich und ich ging mir verloren in ihnen. Sah überrascht auf, entdeckte mich verwandelt wieder. Keine gänzlich andere als gerade eben war ich, aber eine größere, reichere.“

Zitat, Seite 10/11

Loyalität bis zur Selbstzerstörung

„Loyalitäten“ – Delphine de Vigan

„Das ist es, was er jeden Freitag zur etwa gleichen Uhrzeit leisten muss: diesen Umzug von einer Welt in die andere, ohne Brücke, ohne Fährmann. Zwei nichtleere Mengen ohne jede Schnittmenge. Acht Metrostationen entfernt: eine andere Kultur, andere Sitten, eine andere Sprache. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um sich zu akklimatisieren.“

Zitat, Seite 19/20

Bereits mit 12 Jahren sieht Théo keinen anderen Ausweg als seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Der Junge wächst in wechselnder Obhut seiner geschiedenen Eltern auf und versucht der unglücklichen Mutter und dem einsamen Vater gerecht zu werden. Doch die Eltern verschwinden in ihrem eigenen Leid und nehmen ihren unglücklichen Sohn kaum noch wahr. Théo macht das zu schaffen. Er zieht sich zunehmend zurück, vergräbt sich an stille Orte und trinkt. Auch seine Lehrerin Hélène stellt diese besorgniserregende Veränderung an ihm fest. Doch keiner aus ihrer Kollegenschaft will davon etwas hören.

Dass das Trinken für Théo kein reines Spiel mehr ist, bemerkt irgendwann auch sein bester Freund Mathis. Nur er weiß, dass Théo sogar in der Schule trinkt, der Alkohol längst zum täglichen Begleiter geworden ist. Anfangs hat Mathis noch mitgetrunken, doch mittlerweile erschrickt es ihn immer mehr, was der Alkohol aus seinem Freund macht. Wie gern würde er Théo helfen. Doch wie kann er seinen Freund von seinem größten Laster befreien ohne ihn dabei zu verraten? Einen Freund verrät man schließlich nicht!

Als sie sich zu einem gefährlichen Spiel im schneebedeckten Park zusammenfinden, scheint jede Hilfe zu spät! Denn es ist Théo, der dabei bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Ein weitreichendes Beziehungsgeflecht

„Die Intensität dieses schmalen Büchleins wird dich umhauen und ihre Geschichte noch lange in dir nachhallen.“

Man mag es kaum glauben, dass dieser Roman nur 176 Seiten umfasst und Delphine de Vigan auf ihnen dennoch so viel zu transportieren vermag. Denn die Kraft, die diesem schmalen Büchlein innewohnt, hat mich umgehauen und ihre Story mich noch lange beschäftigt. Sie tut es noch.

Es ist das Leben von Théo, das in „Loyalitäten“ primär im Vordergrund steht. Er ist es, der sich mit seinem zarten Alter durch das Dickicht der gescheiterten Beziehung seiner Eltern kämpfen und ihren Ansprüchen gerecht werden muss. Woche für Woche pendelt der Junge zwischen der verletzten Mutter und dem zunehmend hilflosen Vater; muss sich den unterschiedlichen Umgebungen, Regeln und Stimmungen seiner Eltern anpassen. Während sich die Eltern in ihrem eigenen Elend suhlen, rückt Theo immer mehr in den Hintergrund. Er muss zurückstecken, fühlt sich von ihnen im Stich gelassen und allein, fühlt sich aber gleichzeitig auch für sie verantwortlich. Aus Loyalität zu ihnen lässt Théo der Entwicklung ihren Lauf, lässt die Hasstiraden seiner Mutter und die stetig voranschreitende Entgleisung seines Vaters über sich ergehen.

„Théo steckt es ein, sein zarter Körper ist von Wörtern durchlöchert, doch sie sieht es nicht. Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“

Zitat, Seite 22

Doch schon bald erliegt Théo den verheerenden Auswirkungen des ständigen Konflikts. Dass der schier unerträgliche Ton, ein schrilles fernes Pfeifen, den er eines Tages vernimmt, in seinem Kopf haust, versteht er nicht. Er greift zum Alkohol; erkennt, dass sich das tinnitusartige Geräusch, das ihn schon bald nicht nur noch nachts heimsucht, durch Hochprozentiges verflüchtigt. Doch er legt mit dem Alkohol nicht nur das Geräusch lahm sondern auch sich selbst. Langsam aber sicher ergreift der Alkohol von ihm Besitz.

„Er wünschte, er hätte sich in einem entlegenen Winkel seines Hirns, zu dem er jetzt die Tür ein wenig öffnen könnte, ein wages Trunkenheitsgefühl aufbewahrt. Er sucht in sich nach einer Spur der Betäubung. Er wünschte, er könnte dem Stempel des Alkohols noch in seinen Bewegungen aufspüren, eine Langsamkeit und Benommenheit, so winzig sie auch wäre, aber es ist nichts mehr übrig. Er hat keinen Panzer mehr. (…) Er ist wieder zu diesem Kind geworden, das er hasst, das mit einem Bauch voller Angst auf den Knopf des Aufzugs drückt.“

Zitat, Seite 60

Dass Théo sich zunehmend verändert, bemerkt nicht nur sein Freund Mathis sondern auch seine Lehrerin Hélène. Dank unterschiedlicher Perspektiven lässt die Autorin uns ihre unterschiedlichen Blickwinkel einnehmen und ein Gespür für ihre Sicht auf die Dinge entwickeln. Schon bald wird deutlich, wie weitreichend das Beziehungsgeflecht der Geschichte reicht und welch gefährliche Komplexität sie darüber hinaus mit sich bringt. Neben dem persönlichen Schicksal von Theo geht die Autorin auch auf das der restlichen Figuren ein. Sie alle haben ein Päckchen zu tragen, sind auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg.

Sehr anschaulich wird uns verdeutlicht, wie uns persönliche Erfahrungen prägen und die eigene Wahrnehmung für Dinge schulen können, wie wir unsere Antennen für andere öffnen oder schließen. Dass der Grat zwischen richtig und falsch sehr schmal ist. Man oft nicht weiß, wann man sich einmischen oder doch lieber raushalten sollte. Wie weit darf Loyalität gehen? Darf sie uns auch unwissend zu Verbündeten machen, zu Mittätern?

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit „Loyalitäten“ gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.

Sag den Wölfen, ich bin zuhause

„Sag den Wölfen, ich bin zuhause – Carol Rifka Brunt

„Finn und ich sahen uns quer durch den Raum an, wortlos. Und hörten einander doch. Diese Art von Liebe stellte ich mir mit Finn vor. (…) Diese Art von Liebe, an der nichts Ekliges ist, weil sie in einer anderen Zeit existiert und ich nicht wirklich ich bin.“

Zitat, Seite 83

June ist anders als die anderen Mädchen ihres Alters. Sie liebt den Wald, das Mittelalter und ihren Onkel Finn. Ihm muss sie ihre Welt nicht erklären. Sie verstehen sich blind, lauschen gemeinsam Mozarts Requiem, schauen Filme oder schlürfen Tee aus Finns alter Teekanne. Als ihr Onkel an Aids stirbt, weiß June nicht mehr weiter. Als verquere Einzelgängerin flüchtet sie in den Wald, versucht dort, der Zeit und Welt zu entkommen.

Doch schon kurz nach Finns Tod stellt sie fest, dass sie mit ihrer Trauer um ihren Onkel nicht alleine ist. An seiner Beerdigung entdeckt June einen scheuen jungen Mann, der sich im Hintergrund des Geschehens hält, und den alle für Finns Tod verantwortlich machen. Als June kurze Zeit später ein Päckchen mit Finns Teekanne und einer Nachricht von Toby, dem mysteriösen Fremden, erhält, muss sie sich entscheiden, wie weit sie gehen will.

Voller Neugier und Misstrauen lässt sie sich auf Toby ein und erkennt, dass hinter der verstörenden Wahrheit um Finns Tod eine einzigartige Persönlichkeit steckt, die ihrem geliebten Onkel viel ähnlicher ist, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.

„Eine heiße Träne lief mir über die Wange. Und dann erhob sich auf einmal, in die Stille hinein und über alles andere hinweg, ein langes, trauriges Heulen. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als wäre dieses Geräusch aus meinem Inneren gekommen. Als hätte die Welt alles, was ich fühlte, zusammengefasst und in einen Ton verwandelt.“

Zitat, Seite 41

Es gibt sie, diese wahren Wohlfühlbücher, die dir beim Lesen einen wohligen Schauer über die Arme jagen und dich mit ihren einfühlsamen und poetischen Zeilen trotz aller Tragik und Emotionalität einhüllen wie eine wohlige Decke. Carol Rifka Brunts Debüt ist so eins. „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ ist sanftmütig, berührend und tröstlich. Eines jener Bücher, bei dem du dir wünscht, dass es nie zu Ende geht.

Wir reisen zurück in die späten Achtziger. Hier wachsen die 14-jährige June und ihre zwei Jahre ältere Schwester Greta nahezu eigenständig auf, während die Eltern sich in ihrer Arbeit als Buchhalter verlieren. Obwohl die Geschwister früher beste Freundinnen waren, entwickeln sich sich mit den Jahren in zwei völlig unterschiedliche Richtungen, hegen nahezu ein Hassliebe füreinander. Während Greta sich überall engagiert, zieht sich June immer mehr zurück. Nur bei Finn fühlt sie sich verstanden. Die Sonntage, an denen sie alleine ihren Onkel besuchen kann, sind ihr die Liebsten.

„Und bevor ich mich versah hatte sie den Mistelzweig hervorgeholt und hielt ihn mit einer Hand hoch. Sie zog damit einen Bogen über unsere Köpfe, als schneide sie die Luft, als halte sie mehr in der Hand als ein Stückchen Ast aus Weihnachtsgrün und Beeren. Finn und ich blickten beide nach oben, und mein Herz zog sich zusammen. Für einen kurzen Augenblick, der vielleicht so lang währt wie ein Sandkorn im Stundenglas oder ein Tropfen in einem undichten Wasserhahn, trafen sich unsere Blicke, und Finn, mein Onkel Finn, durchschaute mich – zack – einfach so. In diesem winzigen Sekundenbruchteil erkannte er, dass ich Angst hatte, er senkte meinen Kopf leicht nach unten und küsste mich mit einer so sanften Berührung auf den Scheitel, dass es sich eher anfühlte wie ein landender Schmetterling.“

Zitat, Seite 15

Als June erfährt, dass Finn an HIV erkrankt ist, bricht für sie eine Welt zusammen. Schon bald werden die gemeinsamen Sonntage seltener und man findet sich nur noch einmal im Monat zusammen. Die Krankheit schreitet unaufhaltsam voran. Finn, der sich Zeit seines Lebens als Künstler einen Namen gemacht hat, möchte noch ein letztes Bild malen: ein Porträt der beiden Schwestern mit der Mutter. Es wird eines Tages den Titel „Sag den Wölfen, ich bin zuhause“ tragen.

Obwohl June bewusst ist, dass Finns Tage gezählt sind, trifft sein Tod sie mit aller Wucht. Sie weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, verschanzt sich noch mehr im Wald. Am Tag der Beerdigung erfährt sie von Toby, der über all die Jahre an der Seite ihres Onkels gelebt hat. Ein Leidensgenosse. Einer, der Finn genauso vermisst wie sie. Von Misstrauen und Neugier begleitet, nähert sich June dem Fremden und bringt damit nicht nur Toby’s Erinnerungen an Finn sondern auch noch eine ganze Reihe anderer Geheimnisse zutage, die Junes Gefühlswelt in Aufruhr versetzen und sie ihre ganze Welt in Frage stellen lässt.

„In diesem Moment schien etwas Gefährliches in mir zu erwachen. Etwas Hartes, Dunkles, Schlafendes tief in meinem Bauch hatte ein Auge geöffnet. Und dann war es wieder weg. Einfach so. Es fühlte sich an wie ein in meiner Brust zerplatzter Ballon.
Zitat, Seite 311

Carol Rifka Brunt ist hier ein erstaunlich einfühlsames Debüt gelungen, das sich nahezu leichtfüßig den Themen Homosexualität, Aids, Verlust und Trauer nähert. Es erzählt vom Heranwachsen, vom Anderssein und der Hassliebe zwischen Geschwistern, von Eifersucht innerhalb der Familie, von Schuldzuweisung aber auch von familiärem Zusammenhalt, von Freundschaft und Liebe. Dieser Roman ist so komplex und dennoch leicht zugänglich, dass man innerhalb weniger Zeilen sein Herz an ihn verliert. Ich kann ohne Zweifel sagen, dass er mein bisheriges Jahreshighlight ist.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause. Vielleicht hatte Finn das alles längst verstanden, so wie immer. Man kann ihnen ruhig sagen, wo man wohnt, denn sie finden einen sowieso. Das tun sie immer.“

Zitat, Seite 408/409

 

Lügen haben lange Beine

„Kleine Lügen erhalten die Familie“ – Katia Weber

„Alles zitterte. Wie bei einem Erdbeben. Sie hatte sich in letzter Sekunde in den Schutz eines Türrahmens gerettet, und jetzt klammerte sie sich mit aller Kraft an das Holz und sah dabei zu, wie alles um sie herum zusammenkrachte. Nicht in sich zusammenstürzte. Es krachte. Mit Verlusten. Mit Verletzten und Wunden.“

Zitat, Seite 7

Franzi ist Ende Vierzig, als sie einsehen muss, dass ihr die Liebe zu ihrem Mann Michael irgendwie abhanden gekommen ist. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachten sie zusammen, wurden Eltern von drei Kindern und Besitzer eines Hauses in Berlin. Zusammenleben wollen sie nicht mehr, so ganz aufeinander verzichten aber auch nicht.

Dass sie auch nach Michaels Auszug noch regelmäßig zusammen im Bett landen, muss ja keiner wissen. Schließlich hat doch jeder in der Familie seine kleinen und großen Geheimnisse.

Doch dass Brunhilde, Franzis Mutter, bereits seit ihrer Kindheit ein großes Geheimnis hütet, ahnt Franzi nicht. Denn ihren eigentlichen leiblichen Vater hat Brunhilde ihr über all die Jahre verschwiegen. Auch, dass ihre Mutter in den siebziger Jahren Villen ausgeraubt und dabei ein wertvolles Gemälde mitgehen hat lassen, ahnt keiner.

Doch auf einmal wohnt Franzis leiblicher Vater gar nicht so weit von seiner Tochter entfernt. Und Brunhilde fragt sich, ob nun die Zeit für die Wahrheit gekommen ist.

Ich möchte betonen, ich bin absolut kein Fan von Lügen. Ich verabscheue sie und vertraue nach wie vor auf die gute alte Wahrheit, mit der ich bislang am Besten gefahren bin. Hinter dem Titel des vorliegenden Buches stehe ich deshalb ganz und gar nicht, wo seine Aussage doch für genau das Gegenteil steht: dass es ohne sie nicht geht.

Als man mir jedoch Katia Webers Debüt als amüsante und gut unterhaltende Familiengeschichte verkauft hat, habe ich mich dennoch darauf eingelassen und fuhr damit gar nicht mal so schlecht. Zugegeben, es ist erneut ein Roman, der der unterhaltenden Frauenliteratur zuzuordnen ist. Und das ist irgendwie amüsant, wo ich doch all die vergangenen Jahre einen großen Bogen darum gemacht habe.

Was sich allerdings hinter dem entzückenden Deckel von „Kleine Lügen erhalten die Familie“ versteckt, ist eine durchaus unterhaltsame als auch sympathische Geschichte. Denn im Gegensatz zu Lügen bedienen wir uns wohl alle kleinen Geheimnissen, die man manchmal einfach besser für sich behält, als damit das große Chaos anzurichten.

Franzis Familie ist dafür ein gelungenes Beispiel. Denn hier behält nicht nur Franzi ihr geheimes tête-à-tête mit ihrem Ex-Mann, sondern auch ihre Kinder, der Hund und die Mutter so manche Sache für sich. Dass es sich bei Franzis Mutter Brunhilde allerdings um eine kriminelle Vergangenheit und die Wahrheit um Franzis leiblichen Vater handelt, ist schon ein starkes Stück. Und so ist das Chaos perfekt, als die Wahrheit Stück für Stück ans Tageslicht gerät und nicht nur Franzis Familie, sondern auch so manch anderen Haushalt durcheinanderwirbelt.

„Dieses Immer. Das war ihr irgendwann zu viel geworden. Ein Immer ging in ihren Augen nur, wenn man glaubt. Und lieben kann. Und Hoffnung hat. Aber Leute wie sie, die konnten das nicht. Die reagierten mit Sarkasmus auf Hoffnung und verdrehten bei Gefühlsduseleien die Augen. Das war wie ein Reflex.“

Zitat, Seite 87

Zu ihrem Roman wurde Katia Weber von einem Gemälde namens Die Toteninsel von Arnold Böcklin inspiriert, das sie eines Tages auf einem Kalenderblatt ihres Abreißkalender entdeckt hat. Die Faszination für das Gemälde und seine Geschichte haben für den vorliegenden Roman gesorgt, deren Geschichte Weber raffiniert mit ihm verwebt. So gelingt ihr eine unterhaltsame Familiengeschichte voller Humor, Wärme und der unumstößlichen Erkenntnis, dass Ehrlichkeit immer noch am Längsten währt.

<3 <3 <3

Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

<3 <3 <3

Wenn das Leben es gut mit dir meint

Es wird ein besonderer Abend werden, da sind sich Arndt von der literarischen Sternwarte Astrolibrium und ich bereits sicher, als wir den unter Blättern versteckten Schriftzug „Maria Passagne“ des kleinen Club Privé in Haidhausen am Montagabend entdecken. Durch den schmalen Eingang der Bar können wir bereits ein rötlich schimmerndes Spirituosenregal erspähen. Gedämmtes Licht empfängt uns, als wir eintreten und urplötzlich in eine andere Welt versetzt werden.

Wir sind eingeladen, zur Livestreamlesung von Alex Capus dsc_0218-01.jpegneuem Roman „Das Leben ist gut“. Für die Lesung des Schweizer Autors hat sich Lovelybooks dieses Mal außerhalb seiner eigenen Räumlichkeiten umgesehen und mit dem Carl Hanser Verlag eine besonders schöne Location gewählt. Denn das Innere der kleinen Münchner Bar, die an ein privates Wohnzimmer der 50er Jahre erinnert, präsentiert sich mit einem exotischen Allerlei aus Flohmarktnippes und kleinen intimen Sitzgelegenheiten. Die perfekte Location für ein Date, unsere erste Begegnung mit Alex Capus.


Alex Capus: „Besuchsweise gefällt’s mir überall. (…) Ich mag nur die Städte nicht, die sich selber so hübsch finden.“

Kurz nach seinem Erscheinen erfüllt Capus den Raum mit seinem unverwechselbaren Charme. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er wirft lockere Sprüche in den Raum und begrüßt uns voller Herzlichkeit. Frei von jeglicher Arroganz, natürlich und unbekümmert nimmt Capus am Nachbartisch Platz. Die Luft ist von knisternder Spannung erfüllt, als die letzten Minuten vor der Übertragung laufen und sich Aila von Lovelybooks und Capus ins rechte Licht rücken.

Nahezu ohne Hilfestellung des Buches, begleitet von spielerischer Leichtigkeit und schweizerischem Dialekt, liest uns Capus aus seinem Roman vor, der vom Leben des Barbesitzers Max, seiner Frau Tina und der „unübersichtlichen“ Anzahl an Söhnen erzählt. Es entfaltet sich ein interessantes Spiel aus Fiktion und Realität. Alltäglichkeiten, wie wir sie alle kennen und die sich dennoch höchst charmant präsentieren.

Alex Capus: „Es steht Roman vorne drauf, also ist auch Roman drin.“

Es ist eine Geschichte, die Spiegelungen von Capus Leben enthält, der selbst im schweizerischen Olten eine kleine Bar (Bar Galicia) besitzt und dort montags hinterm Tresen steht. Doch der Autor betont, es sei nicht seine, sondern die Geschichte von Protagonist Max. Er sehe dem Helden lediglich ähnlich.

Während die Schweizer Presse sein neuestes Werk sehr gut angenommen hat, vernimmt man seit ein paar Tagen in den sozialen Netzwerken Unruhen unter Lesern und Bloggern. Capus Werk sei diskriminierend, er konfrontiere die Leser mit einem bestimmten Frauenbild. Außerdem sei die Geschichte langweilig und verlöre sich in nichtssagenden Alltäglichkeiten.

Alex Capus: „Frauen unter 40 machen mit Angst, die haben so gewalttätige Gefühle.“

Ich muss gestehen, dass ich das Werk bis dato lediglich angelesen und noch nicht vollständig gelesen habe. Vielleicht hat mir aber gerade diese literarische Jungfräulichkeit ermöglicht, vorbehaltslos den Textstellen und Anekdoten Capus‘ zu lauschen, die sich mir keineswegs frauenfeindlich oder langweilig, sondern vielmehr bewusst überspitzt und höchst charmant präsentiert haben.

Was in Capus Roman durchblitzt, ist eine tiefempfundene Liebe zu der Ehefrau und zum Leben. Dass so ein 25-jähriges Eheleben auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit mit sich bringt, scheint mir legitim, weswegen ich es dem Protagonist Max nachsehen kann, dass er sich bei Touren um den Block von Unmut und in sich schlummernden Schimpftiraden für seine Frau befreit. Es ist die Geschäftsreise seiner Frau die Max ihre fehlende Präsenz und seine tiefe Liebe zu ihr und der gemeinsamen Familie bewusst macht. Tapfer nimmt er sich seinem Baralltag an, empfängt tagsüber strandende Freunde, bringt Altglas vom Vortag weg, repariert Mobiliar und bringt verstecktes Fischgrätenparkett zum Vorschein, bis die Bar in den Abendstunden seine Türen öffnet.

„Der Capus klaut Türen.“

Doch der Abend offenbart uns nicht nur eine Reihe ausgewählter Textstellen aus dem Roman, sondern auch zahlreiche Anekdoten aus Capus‘ Leben, der nachts heimlich Türen für das Nachbarschaftshaus klaut, die Schicksalshaftigkeit eines Wirbelsturmes namens Lotar kennenlernt und mit seinem Freund Vincenzo über die Funktionalität einer Ampel philosophiert. Darüber hinaus widmet sich Capus den Fragen die während der Lesung von den Lovelybooks Nutzern eintrudeln. Die Fiktion, auf die Capus während seiner Lesung wiederholt hinweist, trifft den Schriftsteller während des gesamten Abends frontal. Irgendwie scheint es das Leben mit Alex Capus recht gut zu meinen, oder Alex Capus mit dem Leben.

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Mein Dank für diesen wundervollen Abend gilt dem Team von Lovelybooks, dem Carl Hanser Verlag und Bloggerkollegen Arndt für die charmante Begleitung. Und da vier Augen immer mehr sehen und vier Ohren immer mehr hören als zwei, gibt’s hier noch Arndts Impressionen obendrauf. Den Stream von Lovelybooks könnt ihr euch hier jederzeit noch einmal ansehen.

Alex Capus: „In einer Bar trifft man die Menschen nicht immer in ihren besten Momenten an.“

Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

<3 <3 <3 <3 <3

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