Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

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Heldenreise

lesenslust über „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski

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„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

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Liebe ist was für Idioten

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Liebe ist was für Idioten. Das beschließt Viki, als sie sich ihrer ersten großen Liebe hingibt und bereits wenig später fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Von da an hält sie Abstand von allem, was mit Liebe zu tun hat.

Doch die Drogen, der wummende Beat und die kräftigen Schultern von Jay Feretty, Schulschönling und Rockstar, sind stärker. Eigentlich kann Viki den Blondschopf nicht leiden, der seine Mädels wie Unterwäsche wechselt, einen auf Weltverbesserer macht und  superstylisch durch die Gegend rennt. Nur doof, dass es Viki ist, die nach einer berauschenden Nacht in seinem Bett aufwacht. Nackt natürlich.

Sie ergreift die Flucht, kann es nicht fassen, dass sie scheinbar kein bisschen anders ist als die anderen: Naiv, blauäugig und hungrig nach Liebe. Doch Jays tiefblaue Augen lassen Viki nicht mehr los und auch Jay scheint Viki gar nicht durch eine Andere ersetzen zu wollen. Kann es tatsächlich Liebe sein? Nein. Schließlich ist Liebe nur was für Idioten!

„Sein Hals riecht nach frischem Aftershave; der Duft frisst sich durch meine Nasenhöhle bis hinunter in den Bauch. Ein Tier, das hinter meinen Rippen eingesperrt ist, brüllt: Das hast du dir selber eingebrockt, Viktoria Stein!“

Zitat, Seite 91

Ja, es gibt sie, Jugendromane, die sich mit frechen Covern, spritzigen Titeln und vermeintlich harmlosen Kurzbeschreibungen tarnen und dich komplett von den Socken hauen. Längst nicht alle erwachsenen Leser wissen um die Wirkung dieser Juwelen Bescheid. Es sind Geschichten, die auf einem viel höheren Niveau angesiedelt sind, als man es bei einem Jugendroman vermutet und die so erschreckend ehrlich, tiefgründig und berauschend schön sind, dass sie dich restlos begeistern können. Es sind Bücher wie „Liebe ist was für Idioten. Wie mich“.

Sabine Schoder ist ein Debüt gelungen, das mich mitten ins Herz getroffen hat. Mit Zeilen voller Sarkasmus und erschreckender Ehrlichkeit erzählt sie eine Geschichte um Liebe, Familie und Freundschaft. Von inneren Unruhen, fehlender Zugehörigkeit, Trauer, Verlust und unbändiger Wut. Es ist die Entwicklungsreise zweier Teenager, die sich ihren Gefühlen hingeben, ohne wirklich zu wissen, wo die Reise hingeht.

„Ich kralle mich an mein Glas. Für einen wahnwitzigen Moment glaube ich, das Wasser darin beginnt zu kochen. Aber es sind nur Luftblasen, natürlich, sonst gibt es nichts zwischen uns. Nicht mal genug Platz zum Atmen.“

Zitat, Seite 91

Das Schöne an Schoders Protagonisten ist die Tatsache, dass sie perfekt unperfekt sind. Sie sind Teenager und stolpern deshalb auch völlig unbeholfen aufeinander zu. Zu Recht. Denn Vikis und Jays Erfahrung mit der Liebe ist jungfräulich und ihre Worte und Gesten von Unsicherheit bestimmt. Doch ihre Annäherung begegnet uns nicht kitschig, sondern auf bezaubernde Weise aufrichtig und überlegt. Die Schutzmauer, von der beide anfänglich umgeben sind, beginnt Stück für Stück  zu bröckeln und gewährt dem anderen Einblick in das Innere. Herzflattern reift zu wahren Gefühlen. Schoder hat genau den richtigen Ton für ihre Geschichte gewählt.

Die Welt braucht mehr von solchen Geschichten. Von Geschichten, die so nah am Leben spielen und zugleich berauschend schön sind. Die uns wohlige Gänsehaut über die Arme fegt und das Lesen zu einem wahrem Genuss macht. Dank Daniela von Brösels Bücherregal hat sich dieses Buch direkt in mein Herz geschlichen und sitzt dort für immer fest.

„Alles endet in einem Kuss. Einem unendlich langen Kuss, der nur aus der Berührung unserer Lippen besteht. Gefüllt mit einem Wunsch nach etwas, das ich nicht begreife. Für den Splitter eines Atemzuges, für ein Stechen meines Herzens nur, fühlt es sich an … wie Liebe.“

Zitat, Seite 99

„Traurigkeit ist wie Wein. Sie lässt sich in Fässer füllen und tief im Innern lagern, wo sie mit den Jahren zu Apathie und vermeintlicher Stärke gärt. Bis sie eines Tages kippt. Sich in Essig verwandelt, das Herz übersäuert, die Seele vergiftet. Und nur ein Ausweg bleibt: sich in Tränen zu übergeben.“

Zitat, Seite 341

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