Kinderfreuden #49: Ein Buch mit tausend Geschichten

„Als die Schweine ins Weltall flogen …“ – Susanne Straßer

Wenn Wildschweine von Ufos aufgesogen werden, sich mächtige Braunbären hinter Bäumen verstecken, bebrillte Hühnereier einen heißen Reifen auf der Autobahn fahren, ein Drache im Lebkuchenhäuschen der Hexe chillt, ein Baum bei strömendem Regen gegossen wird, ein radelnder Elefant von einem Strauß aus Luftballons davongetragen wird oder ein grün-gelb gepunkteter Löwe mit blauer Mähne von einer Greifzange erfasst wird, ist man wohl in die Erzählbilder von Susanne Straßer abgetaucht.

Wollen wir wetten? Mit Einzug dieses verrückten Erzählbilderbuchs geht’s im Kinderzimmer garantiert heiß her! Denn die verrückten Szenerien, die sich ganz spielerisch mit zwölf Alltagsbegriffen auseinandersetzen, bergen so viele Kuriositäten in sich, dass großen und kleinen Leser:innen garantiert nicht der Gesprächsstoff ausgehen wird.

Eckdaten

Gebunden, ab 3 Jahren

32 Seiten
ISBN: 978-3-95854-148-1

Illustration: Susanne Straßer

echter Vor- & Nachsatz, durchgängig farbig illustriert

Mixtvision Verlag
15,00 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Ich muss gestehen, als ich das ausgefallene Cover von „Als die Schweine ins Weltall flogen …“ von Susanne Straßer das erste Mal sah, sprang nicht sofort der Funke über. Der Titel brachte mich zwar zum Schmunzeln, das Cover sprach mich aber so gar nicht an. Ich verstand nicht ganz, wofür das Ganze gut sein sollte. Dass die Ausgefallenheit aber einem ganz bestimmten Zweck dient, verstand ich erst viel später.

Was dieses Bilderbuch von anderen unterscheidet, ist, dass es nicht nur eine, sondern zahlreiche Geschichten beherbergt. Es sind insgesamt zwölf Szenen, die Susanne Straßer zu gängigen Alltagsbegriffen – wie Auto, Licht, Luft oder Regen – zu Papier gebracht hat. Und so blicken wir auf jeder Doppelseite einer wilden Szenerie entgegen, die zwar einem dieser Begriffe zuzuordnen ist, nicht aber einer einzelnen Geschichte. Denn die verrückten Bilder voller Farbintensität, Detailverliebtheit und Überspitztheit entfalten sich bei jedem Betrachter und bei jeder Lektüre anders. Sie beflügeln die Fantasie, erwecken Geschichten zum Leben, die schräger nicht sein könnten und die keine Grenzen oder Tabus kennen.

So kommt es, dass es bald nicht nur vor verrückten Motiven, sondern auch vor absurden Ideen wimmelt. Denn was beim Anblick der Szenerien so alles freigesetzt wird, sorgt nicht nur für ordentlich Gelächter beim Betrachter, sondern auch für viele Fragen, Gespräche und wilde Spekulationen. Kinder fühlen sich darin bestärkt, sich von ihrer Fantasie leiten zu lassen. Sie verlieren sich im Flow, fragen und fabulieren was das Zeug hält. Denn plötzlich gibt es kein richtig oder falsch mehr, keine eindeutigen Antworten oder Erklärungen. Und dennoch geben die Bilder, die sich tatsächlich jeglicher Logik entziehen bzw. sich fernab der Realität abspielen, den Eltern Anlass, sich mit ihren Kindern über die Begrifflichkeiten auszutauschen und in tiefergehende Unterhaltungen überzugehen.

Doch was ich bei diesem Erzählbilderbuch ganz bemerkenswert finde (und jetzt komme ich wieder zu dem Punkt, dass ich anfangs nicht wusste, wozu das alles gut ist), ist, dass die Bilder das selbstständige Denken der Kinder fördern, dass es sie dazu anregt, eigene Standpunkte zu entwickeln, zu hinterfragen und sich zu erklären. Hier müssen die Erklärungen der Kinder nicht einer vorgegebenen Richtung entsprechen, sondern dürfen ganz ihrer eigenen Logik folgen. Oft bergen die Bilder auch sehr viel Rätselhaftes in sich, das man gar nicht so recht erklären kann. Kinder bekommen so ganz spielerisch vermittelt, dass man nicht alles in dieser Welt erklären kann und es erst recht nicht muss. Das trägt zu einem komplexen Weltbild und einer Vielfalt von Sichtweisen und Deutungsmöglichkeiten bei. Und das Philosophieren macht sowohl Kindern als auch Erwachsenen Spaß.

Es hat deshalb auch nicht lange auf sich warten lassen, bis ich meiner 3-jährigen Tochter Rede und Antwort stehen musste. Ganz besonders beschäftigt hat sie die dritte Szenerie zum Begriff „Licht“. Was sich da so alles in der Nacht im Wald abspielt, führte bei Emma nicht nur für Begeisterung, sondern auch zu unglaublich vielen Fragen. Da ist ein Wildschwein, das von einem Ufo aufgesogen wird. Ein Ufo, ja – was ist das gleich? Was sind Außerirdische? Sind die lieb oder sind die böse? „Was macht der Hase da mit diesem roten Stab?“ Das ist ein Laserschwert. „Mama, was ist ein Laserschwert?“ Öhm, ja… Bären verstecken sich hinter Bäumen, „Sind die nicht eigentlich ganz stark und mutig?“, eine Eule glotzt ganz oben im Baumwipfel in einen Fernseher, dessen Stecker im benachbarten Baum steckt, „Mama, kommt aus den Bäumen Strom?“, Fische fliegen durch den Nachthimmel und haben idealerweise sogar ihre eigene Laterne dabei, „Aber warum haben die denn so große Zähne, Mama?“, Das sind Piranhas. , „Piranhas?“, Nun ja, das sind die etwas grimmigeren Genossen unter den Fischen., „Haben alle Fische Zähne?“, „Wie cool, die Maus wohnt in einem Baum!“ und „Da in dem Zelt liege ich, Mama, mit meinem Freund Nikos, denn wir wollen ein Abenteuer erleben!“ Wow, das klingt toll!

Natürlich habe ich einige der Fragen meiner Tochter beantwortet, viele habe ich aber einfach mit Gegenfragen beantwortet und Emma so dazu animiert, mir zu erzählen, was sie auf den Bildern sieht, was sie denkt, was dort passiert, und warum wieso weshalb das so ist. Und ihr werdet es nicht glauben, welch‘ fantasievollen Geschichten im Kopf einer Dreijährigen so alles entstehen können! Oder doch!? Die aktuelle Lieblingsseite meiner Tochter ist die Szenerie zum Begriff „Quatsch“. Denn so eine Quatschtante wie Emma hat sich in der ausgefallenen Szenerie sofort Wohl gefühlt. Wer Lust hat, zu erfahren, wie die Geschichte dazu ausgefallen ist, Emma verrät sie euch ganz unten.

Und so möchte ich euch dieses wirklich ausgefallene Erzählbilderbuch ans Herz legen. Es sorgt für jede Menge Spaß und gute Laune im Kinderzimmer. Langweilig wird’s daomit garantiert nicht! Man sollte allerdings für schräge Fragen, absurde Geschichten und tiefergehende Gespräche gewappnet sein. Möge die Macht mit euch sein!

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Welches ist deine Lieblingsseite im Buch, Emma? Magst du uns erzählen, was dort passiert?

„Meine Lieblingsseite im Buch ist die Quatschseite. Weil die alle irgendwie Blödsinn machen und genau solche Quatschtanten sind, wie wir, Mama! Da ist ein Mädchen, das einfach furzt. Ihhhh, das stinkt aber! Das mach ich ja auch manchmal (lacht sich kaputt).

Da hat sich jemand als Osterhase verkleidet und pieselt einfach auf den Boden. Der musste so dringend, dass er es nicht mehr halten konnte. Sonst wäre seine Unterhose nass geworden. Sicher gibt ihm der Batman ein bisschen was vom Klopapier ab, dass er sich da einfach gemopst hat.

Das Gespenst wird gleich hinfallen, weil sein Schnürsenkel auf ist, hoffentlich fällt das grüne Monster dabei nicht aus dem Wagen. Die waren nämlich grade beim Einkaufen, weißt du. Die Einkäufe liegen unter dem Monster. Die sieht man nur nicht, weil das Monster so dick ist. Den Einkaufswagen müssen sie aber wieder zurückgeben. Ich steck‘ dann gerne den Einkaufschip ein! So wie ich das immer mache, wenn wir einkaufen, Mama.

Da ist ein Junge mit so ’ner coolen Mütze, warte mal Mama, so eine habe ich auch (zieht sich eine ihrer Unterhosen über den Kopf und grinst bis über beide Ohren). Der hampelt aber ganz schön rum. Eine richtiger Schlawutzi (emmaisch für Gauner).

Pippi Langstrumpf ist auch da, mit Augenklappe, die fährt sicher zu ihrem Papa, dem Seeräuber, und will ganz gefährlich aussehen! An Fasching mag ich auch so eine Augenklappe tragen, Mama! Darf ich mich nächstes Mal auch als Pippi Langstrumpf verkleiden? Müssen dafür noch meine Haare wachsen?

Und dann ist da noch ein Junge der wie ein Hund an der Leine läuft und von seinem Hund Gassi geführt wird, der in einer Wurst steckt. Das ist ja komisch! So ein Blödsinn!

Der Ruckeli (emmaisch für Brokkoli) ruft ganz laut „Soooße“, weil er uns daran erinnern möchte, dass es Soße zu den Nudeln gibt und wir sie nicht blank essen sollen, wie ich das immer mache! Ich weiß, Mama, in der Soße sind Vitamine drin.

Ich glaube, hier stinkt’s immer noch Mama, mach mal das Fenster auf (hält sich  bestürzt die Nase zu)!“

Woran erinnert dich der Ruckeli (emmaisch für Brokkoli)?

An die ruckeligen Nudeln, die ich mal als Baby gegessen habe. Bäh! Die mag ich gar nicht mehr. Die sind so grün! (zur Erklärung: ruckelige Nudeln sind Nudeln mit „Beas Brokkolipesto“ aus dem Kochbuch der Frechen Freunde.

In welches Bild würdest du gerne am allerliebsten sein, wenn es zum Leben erwachen würde?

In das Bild zum „Kaugummi“. Denn da könnte ich ne Runde durchs Bällebad schwimmen. Das hab ich früher auch immer beim Kinderturnen gemacht.

Was gefällt dir am Buch am besten?

Dass ich dir die Geschichten erzählen darf und nicht du mir!

Wird zur:

weltbesten Geschichtenerzählerin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von mixtvision als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

#baybuch: Tigerschatten

„Levi“ – Carmen Buttjer

„Wenn Menschen traurig waren, dann taten sie ganz unterschiedliche Dinge. Manche heulten. So lange, bis sie nicht einmal mehr bemerkten, dass sie es taten. Andere wurden ganz laut oder leise, wütend für ein oder zwei Jahre, versteckten sich, tranken, aßen, bis sie fett waren, oder zogen in ein anderes Land. Irgendeins, das sie vorher noch nie gesehen hatten. Mein Vater tat nichts davon, und während er das tat, versuchte ich, ihn nicht zu stören.“

Zitat, Seite 12

Levi ist elf Jahre alt als seine Mutter stirbt. Ihren Verlust kann er kaum ertragen. Genauso wenig wie die Anwesenheit seines Vaters an deren Beerdigung, dem nur ein gesittetes Benehmen und der Dresscode wichtig zu sein scheint. Überhaupt scheint sein Vater die Vaterrolle nur im Auferlegen von Regeln zu verstehen. Auch jetzt. Nach ihrem Tod. Dabei war sie das einzige Bindeglied, das Vater und Sohn noch miteinander verband.

Seit dem Tod seiner Mutter ist Levis Kopf voller Fragen. Fragen, die er so gerne in die Freiheit entlassen würde, sich beim Anblick seines Vater aber doch besser verkneift. Auch sich bei der Beerdigung die Urne seiner Mutter zu schnappen, hätte er sich lieber verkneifen sollen. Und tut es dennoch. Mit ihren Überresten verkriecht er sich auf das Dach eines Hochhauses. Hier, nur ein paar Stockwerke über seinem Vater, schlägt er sein Lager auf und versucht mit aller Macht, der Realität zu entfliehen.

Doch auch zwischen den Dächern Berlins fühlt Levi sich weiterhin verfolgt. Ein Tiger scheint zwischen den Dächern herumzustreifen. Er muss es auf ihn und die Urne abgesehen haben. Sicher hat er auch seine Mutter auf dem Gewissen…

„Dass mit dem Tod hatte ich mir immer so vorgestellt, dass man erst starb, sobald man alt genug geworden war. Nach hundert Jahren, ich hielt hundert für eine gute Zahl. Mein Vater war noch weit davon entfernt, genauso wie meine Mutter, und trotzdem war sie vorher gestorben. Das war das Nächste, was ich über den Tod gelernt hatte. Niemand musste alt werden, um zu sterben.“

Zitat, Seite 30

Es ist die kindlich naive Sicht eines Jungen, um genau zu sein die des elfjährigen Protagonisten Levi, die uns Buttjer in ihrer Geschichte einnehmen lässt. Wir begegnen den Dingen damit unvoreingenommen und neugierig und pirschen uns mit allen Sinnen durch den Großstadtdschungel Berlins. Nicht selten passieren wir dicht aneinandergereihte Häuser, die sich so hoch wie Mammutbäume erstrecken, atmen sumpfig-schwüle Luft ein und erhaschen Tierschatten an den Häuserfassaden. Mit Levi driften wir in eine fantastische Zwischenwelt ab. Eine Welt, die uns vor der knallharten Realität ablenken soll.

Denn Levis Mutter ist tot. Wie sie starb wissen wir nicht. Ein Zeitungsausschnitt berichtet von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levi spinnt sich daraus seine eigene Geschichte zusammen, schwört schon bald darauf, dass es ein Tiger war, der seine Mutter getötet und es nun auf ihre Urne abgesehen hat. Er kann seine Präsenz förmlich spüren. Er sitzt ihm im Nacken, streift an den Häuserfassaden entlang und beobachtet ihn aus einem Hinterhalt. Im Nachbarsjungen Vincent findet Levi einen Verbündeten, der sich mit ihm schon bald auf die Lauer nach dem Tiger legt.

Der Kioskbesitzer Kolja hingegen holt Levi immer wieder in die Realität zurück. Erinnert ihn daran, dass sein Vater nach ihm sucht und dass Erwachsene und Kinder oft eine ganz unterschiedliche Sicht auf die Dinge haben. Dabei nimmt der ehemalige Kriegsfotograf sein Leben selbst nicht richtig wahr. Er lebt in den Tag hinein, versucht die Erinnerungen vergangener Tage mit Whiskey auszulöschen. Doch sie sind hartnäckig, kämpfen sich langsam aber sicher wieder in Koljas Bewusstsein zurück. Und hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Doch Kolja gelingt, woran Levis Vater scheitert: er kann sich auf den Jungen einlassen, versteht seine Sorgen, Ängste und vor allem die Trauer um seine Mutter.

„Unsinn ist normal“, erwiderte er. „Die Wirklichkeit macht manchmal einfach keinen Sinn, sie ist ungerecht, sogar grausam, einfach so. Selbst wenn Erwachsene das Gegenteil behaupten.“ „Warum tut ihr dann so, als ob es anders wäre? „Weil Geschichten einfacher sind als die Wirklichkeit.“ […] Sie haben ein Ende, einen Anfang, irgendeine Bedeutung und etwas, das die Wirklichkeit viel seltener hat: ein Happy End. Meistens jedenfalls. Die Wirklichkeit dagegen ist anders: Sie ist nie so schlimm, dass es nicht noch schlimmer werden kann.“

Zitat, Seite 158

„Als hätte ich die Erinnerung daran vor- oder zurückgespult, war da meine Mutter. Mit angewinkelten Armen saß sie hinter dem Steuer des Autos und lächelte. Ihre langen Haare waren nass, sie tropften ihr gleichmäßig auf die Beine und das rote Handtuch, auf dem sie saß. Sie sah mir in die wassergrauen Augen und meine Rippen zogen sich zusammen. Alles, was ich in dieser Sekunde wollte, war in dieser Erinnerung zu bleiben, ich wollte darin weiterleben, doch je mehr ich mich konzentrierte, desto schneller kehre das Zelt zurück, genauso wie die Konturen des Daches. Was blieb, war das Muster ihres Kleides. […] Dass meine Eltern damals kein Wort miteinander geredet hatten, hatte ich fast vergessen.“

Zitat, Seite 66

Mit Levi und David knüpft die Autorin ein Vater-Sohn-Geflecht, das zwar nur lose zusammengebunden ist, sich aber dennoch über die gesamte Geschichte erstreckt. Denn vom Vater, der sich als Anwalt vollständig in der Arbeit verliert, bekommt der Junge nicht viel mit, während die Mutter hingegen ihre Arbeit in der Pathologie mit ihrem Sohn zu vereinen versucht. Die Berührungspunkte als Familie beschränken sich auf zwei Extreme: hitzige Wortgefechte oder Schweigen zwischen den Eltern. Levi und sein Vater scheinen zwischen all dem verloren gegangen zu sein. Sie finden nicht zueinander, stoßen sich bei jeder Gelegenheit voneinander ab. Dabei teilen sie einen ganz ähnlichen Schmerz, den jeder auf seine ganz eigene Weise zu verarbeiten versucht. Levis Vater, der mir anfangs gefühlskalt und arrogant erschien, wurde mir im Verlauf der Geschichte um einiges zugänglicher. Ich vernahm Hilflosigkeit und Verzweiflung. Auf gewisser Weise auch Trauer.

Carmen Buttjers Roman ist atmosphärisch stark. „Levi“ lebt von poetischen und sprachlich raffinierten Zeilen, die stets von einem Hauch Melancholie begleitet sind. Natürlich steht hier ein trauernder Junge im Mittelpunkt. Die Szenerie, durch die Buttjer ihn wandern lässt, ist aber gewaltig. Es ist ein vor Hitze flimmerndes lebendiges Berlin, das so manch Unterwartetes für uns bereit hält: die Prise eines lautlosen Windes, die Begegnung mit Menschen, die in der heißen Luft lehnen und durch unsichtbare Fäden miteinander verbunden sind und das Ineinanderfließen von orangen Sonnenlicht mit dem Blau des Himmels. Manchmal regnet es auch in unseren Ohren, es rauscht so laut, dass wir gar nichts anderes mehr vernehmen.

An Lebendigkeit fehlt es dem Roman sicherlich nicht. Wer sich aber nach einer Geschichte sehnt, die zu einem Ende findet, wird mit diesem Roman seine Schwierigkeiten haben. Was bleibt, ist die Gelegenheit, sie in unseren Köpfen zu vollenden.

„Geschichten sind, was sie sind, sie bleiben Geschichten. Du kannst dir so viele erzählen lassen, wie du willst, Hunderte, tausend, völlig egal, das Einzige, worum es sich dreht, ist, an welche davon du nicht glaubst.“

Zitat, Seite 159

Ich stieß auf „Levi“ erst im Rahmen meiner Tätigkeit als Buchpreisbloggerin. Für einige Literaturpreise wurde der Roman bereits nominiert, bisher aber noch nie zum Sieger gekürt. Jetzt hat er es auf die Shortlist des Bayerischen Buchpreises geschafft. Ich werde der Verleihung heute Abend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz selbst beiwohnen und über den Abend auf meinen Social Media Kanälen berichten. Du findest meine Beiträge unter dem Hashtag #baybuch. Mehr zum Bayerischen Buchpreis findest du auf der Projektseite „Bayerischer Buchpreis 2019“.

Ich ängstige dich, also bin ich

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ – Walter Moers

Autor: Walter Moers | Illustrationen: Lydia Rode | Seiten: 344 | Gebundenes Buch, Pappband mit Schutzumschlag | 24.99 € [D] | ISBN: 978-3-8135-0785-0 | Erscheinungstermin: 28.08.2017 | Knaus Verlag

„Wenn die Minuten durch die Jahre rufen, erhebt sich der ewige Träumer über seine irdische Last. Und reist mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht.“

Prinzessin Dylia ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien, weswegen sie sich auch gerne „Prinzessin Insomnia“ nennt. Ihr Rekord schlafloser Nächte liegt bei 18 Tage. Während sich der gesamte Königshof den Kopf darüber zerbricht, wie man ihrer heimtückischen Krankheit Einhalt gebieten könnte, hat sich Dylia mit ihrem Zustand längst abgefunden und nutzt die zusätzliche Zeit, sich ihrer ganz besonderen Leidenschaft, der Sprache, zu widmen. Sie übersetzt und erfindet dabei nicht nur eine Reihe spezieller Wörter, die sie selbst Pfauenwörter tauft, sondern wendet auch ein selbst erdachtes Buchstabenvertauschungsprogramm von verblüffender Wirksamkeit an. Durch das „ridikülisierende Anagrammieren“ kann sie jedes Schreckenswort in eine Karrikatur seiner selbst verwandeln und sogar Krankheiten und dem Tod den Stachel ziehen.

Prinzessin Dylias Pfauenwörter in alphabetischer Reihenfolge

„Prinzessin Dylia hatte nun einmal ein außergewöhnlich leidenschaftliches Verhältnis zu Sprachen. Zu Buchstaben. Zu Wörtern aller Art, deren Verbreitung sie gewissermaßen als ihre ganz eigene diplomatische Mission am Königshof empfand. (…) Sie übersetzte leidenschaftlich gerne von einer in die andere und wieder zurück. Übersetzen, so glaubte Dylia, sei wie Wörtern über die Grenze zu helfen. Selbst illegaler Wörterschmuggel und nicht autorisierte Übersetzungen konnten in ihren Augen wertvolle Beiträge zur Völkerverständigung sein.“

Zitat, Seite 50

Als eines Tages ein merkwürdig hässlicher Gnom mit schimmernd lederner Haut und einem unerhört losen Mundwerk in ihrem Schlafgemach auftaucht, wird ihr dennoch Angst und Bange. Denn Havarius Opal ist ein alptraumfarbener Nachtmahr. Sie sind es, die das Alptraumgeschäft verwalten und ihre Opfer so sehr in den Wahnsinn treiben, dass sie ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Auch Havarius verheißt Dylia, ihr von nun an nicht mehr von der Seite zu weichen und sie bis zu ihrem befreienden Sprung in den Tod zu begleiten.

„Wer nicht springen will, muss fühlen.“

Zitat, Seite 107

Doch Dylia beabsichtigt nicht im Geringsten, sich frühzeitig aus dem Leben zu verabschieden. Sie wählt daher die für sie viel interessantere Alternative: eine Reise nach Amygdala. Ein abenteuerlicher Trip in die Stadt der Angst und ins dunkle Herz der Nacht.

„Langeweile, das war für Prinzessin Dylia etwas, worunter kleine Kinder litten, die noch nicht genug Gehirnmasse entwickelt hatten. Oder Vollidioten, bei denen das mit der Gehirnmasse auch im Erwachsenenalter nicht klappte.“

Zitat, Seite 37

Ein irrer Trip durch die Windungen eines Hirns

Da ist es nun, das neue Werk von Walter Moers. Doch es ist nicht „Das Schloss der träumenden Bücher“, auf das Fans bereits seit geraumer Zeit warten, sondern vielmehr ein neues Zamonien-Projekt, das nach Aussage von Moers alle anderen vorübergehend verdrängt hat.

Zu seinem neuesten Werk, das er der zamonischen Spätromantik und erneut dem Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz zuschreibt, wurde Moers von Lydia Rode inspiriert, die sein Werk nicht nur farbig illustrierte, sondern auch an der seltenen und rätselhaften Krankheit Chronic Fatigue Syndom (CFS) leidet, einem chronischen Erschöpfungssyndrom, dessen Leitsymptom eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung ist.

Amygdala ©Illustration von Lydia Rode

Nun, Moers-Fans wie mir, ist es ehrlich gesagt völlig egal, wie das neue Zamonien-Werk nun heißt und in welche abgelegenen Winkel es mich führen wird, das einzig Wichtige ist, er schenkt mir neuen zamonischen Lesestoff. Und da ist er nun: „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“.

Und Moers enttäuscht mich nicht. Ganz im Gegenteil. Während das vorangegangene „Labyrinth der träumenden Bücher“ zwar eine Reihe an kreativen Ideen beinhaltete, aber auch vor altbekannten Begriffen und Wiederholungen aus den Vorgängerbänden strotzte, überrascht er mich nun mit einer wiedergewonnenen Stärke und einem neu angereicherten Ideenreichtum, mit dem er mich seit jeher zu begeistern versteht.

Dieser besagte Reichtum präsentiert sich nicht nur in einer Vielzahl an raffinierten Wörtern, skurillen Figuren und mysteriösen Schauplätzen, sondern auch durch einen gänzlich neuen Plot. Denn weder der Prinzessin noch dem Nachtmahr bin ich je zuvor begegnet. Es sind ihre rebellischen Persönlichkeiten, die in Konversationen voller unterhaltendem Wortwitz, starkem Sarkasmus und kämpferischem Gefrotzel ausufern. Moers schleudert mir Sprichwörter ums Ohr, die mir irgendwie vertraut vorkommen, und dennoch völlig anders sind. Schreckenswörter verwandelt er in verweichlichte Anagramme und aus merkwürdigen Fantasiebegriffen werden essentielle Pfauenwörter.

Während Moers sich anfangs recht eingehend mit Prinzessin Dylias Krankheit Insomnia und ihrer besonderen Vorliebe für die Sprache beschäftigt, kommt die Geschichte eigentlich erst so richtig mit der Begegnung von Havarius Opal, dem alptraumfarbenen Nachtmahr, und ihrer gemeinsamen Reise nach Amygdala ins Rollen.

Es ist die Schlaflosigkeit der Prinzessin, die uns Zugang zu einer völlig neuen Welt eröffnet und uns ins tiefere Innere ihres Gehirns führt. Eine abenteuerliche Reise voller ungeahnter Gefahren beginnt. Sie lässt uns durch dichte Nebelsuppe flimmen, Denkfalten passieren und in eine Hirnklamm hinabsteigen, wo wir nicht nur fragilen Geistgeistern (bzw. Zwielichtzwergen) und parasitären Zergessern begegnen, sondern auch über Zweifelspfützen springen, Ideen beim Schlüpfen zusehen und Geistesblitzen ausweichen müssen, um sie nicht in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen.

Wir reisen mitten hinein, ins dunkle Herz der Nacht, und winden uns voller Behanglichkeit in der moers’schen Kreativität. Die farbigen Illustrationen von Lydia Rode, die uns während der gesamten Reise durchs Buch begleiten, sind dabei nicht nur besonders schön anzusehen, sondern auch besonders wirkungsvoll. Sie erwecken die zahlreichen Fantasiefiguren und Schauplätze zum Leben und schenken Moers‘ Zeilen eine besondere Tiefe. Als wenn Rode Feenstaub über die Seiten gestreut hätte.

„Dein Gehirn ist ein Dschungel wie jedes andere Gehirn auch. Ein wilder, gefährlicher, gnaden- und gesetzloser Urwald voller unberechenbarer Kreaturen. Perfekte Ordnung und totales Chaos, Diktatur und Anarchie, freier Wille und irrer Zwang, Fressen und Gefressenwerden – all das existiert darin. Wie in einem Zoo, in dem alle Käfigtüren offenstehen.“

Zitat, Seite 111

Ein römisches Inhaltsverzeichnis

Insgesamt ist das zamonische Märchen in achtzehn Kapitel eingeteilt, die mit römischen Zahlwörtern versehen sind. So beginnt die Reise mit dem ersten Kapitel Primus und endet mit Octavus Decimus. Darüber hinaus ordnet Moers ihnen noch zusätzliche Unterschriften zur Orientierung wie z.B. Der Friedhof des bunten Humors hinzu. Dank ihnen lässt es sich auch im Nachhinein noch einmal ganz leicht durch die Schauplätze der Geschichte hangeln.

„Jedes Gehirn ist anders, jedes Gehirn ist verrückt und jedes Gehirn ist anders verrückt. Aber auf keinen Fall ist es nur.“

Zitat, Seite 111

Eine audiovisuelles Vergnügen

Hörbuch zum Roman ©2017 der Hörverlag

Eckdaten

Hörbuch, 1 mp3-CD

Laufzeit: 11 h 23 min

Produktion: der Hörverlag

Gelesen von: Andreas Fröhlich

ISBN: 978-3-8445-2809-1

Preis: € 24,99 [D]

Während ich sonst hauptsächlich nur lese, wagte ich mich bei „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ auf relativ unerforschtes Terrain und ließ mich neben der Lektüre auch von Andreas Fröhlichs facettenreicher Stimme berieseln, die sowohl als Stimme von Prinzessin Dylia als auch Havarius Opal in meinen Ohren Gestalt annahm.

Fröhlichs Stimme konnte mich erstaunlich schnell in seinen Bann ziehen. Er spielt wie ein Jongleur mit ihr, bedient sich unterschiedlichen Stimmlagen und betonenden Sprachpausen. Er schnauft und jammert was das Zeug hält und scheint selbst in Moers‘ raffiniertesten Fantasiebegriffen und Zungenbrechern kein Hindernis zu sehen. Gekonnt hangelt er sich durch die Geschichte, begeistert mit einem unbeirrbaren Redefluss.

Doch auch wenn Fröhlich mich während der gesamten Reise durch das Buch sehr gut unterhalten konnte, kann ich mich dem Gedanken; wie das Werk wohl vom verstorbenen Dirk Bach gelesen worden wäre, der alleine schon aufgrund seines aberwitzigen Naturells perfekt zu der Skurrilität von Moers‘ Zeilen gepasst hat; nicht verwehren.

Fest steht, dass das audiovisuelle Zusammenspiel dem zamonischen Vergnügen nicht nur eine zusätzliche Dimension schenkt, sondern die Geschichte auch mit einer besonderen Note Alptraum garniert. Es setzt Moers‘ Geschichte die Krone auf und sorgt dafür, dass Havarius‘ Stimme auch nach dem Ende des Hörbuchs noch lange in mir nachhallt. Fast sehne ich mich selbst nach der Begegnung mit einem Nachtmahr, der mich in das tiefste Innere meines Gehirns entführt. Es ist der fieberhafte Traum von einem Alptraum, der mich fortan wachhalten wird.

Besonders gelungen finde ich das Beiheft, das sich neben der CD im Inlay des Hörbuchs befindet und den Hörbuch-Hörern eine Auswahl von Lydia Rodes Illustrationen mitsamt Erklärungen der wichtigsten Phänomen des Romans schenkt.

„Stell es dir einfach so vor: Ein Alptraum ist ein Paket, das du bekommst. Der Nachtmahr ist der Postbote, der es zustellt.“

Zitat, Seite 77

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Weitere Besprechungen findest du hier:

Anima Libri

Kapri-zioes

Wortmalerei

Meine gebundenen Moers-Schätze

Bücher, die die Welt bedeuten..

lesenslust über „Die Seiten der Welt“ von Kai Meyer

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„Während sie die Stufen zur Bibliothek hinablief, konnte Furia die Geschichten schon riechen: den besten Geruch der Welt.“

Zitat, Seite 9

Furia Salamandra Faerfax lebt gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder ein abgeschiedenes Leben in der Welt der Bücher. Im englischen Landsitz der Familie, der „Residenz“, suchen sie Schutz vor der Adamitischen Akademie, die sich es zur Aufgabe gemacht hat, alle Mitglieder der Familie Faerfax, die sich seit Generationen aus mächtigen Bibliomanten zusammensetzt, zu töten.

In den Katakomben des Anwesens stößt man auf ein riesige unterirdische Bibliothek, die neben unzähligen Büchern auch eine Reihe an magischen Kreaturen beherbergt: Lebendige Origamis, die Büchern den Staub vom Deckel fressen, ein wuselnder Buchstabenhaufen, der Furia gerne auf ihren Streifgängen durch die dunklen Regalreihen begleitet und ein bedrohlicher Schimmelrochen.

Voller Sehnsucht wartet Furia auf die Offenbarung ihres Seelenbuches, um endlich in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und eine echte Bibliomantin zu werden. Denn nur mithilfe ihres eigenen Seelenbuches kann sie die volle Magie der Bibliomanie und die Macht der Worte entfesseln.

Lyrik versteht man nicht, man fühlt sie.

Zitat, Seite 195

Als ihr Bruder entführt wird, muss sich Furia auf den Weg nach Libropolis machen, der Stadt an der Grenze der Nachtrefugien und der Heimat der verschwundenen Buchläden. In der Bücherstadt trifft sie auf Cat, der Königin der Straße und den rebellischen Finnian. Gemeinsam stellen sie sich gegen die mächtigsten Bibliomanten von Libropolis um die vorhergesagte Entschreibung aller Bücher zu verhindern.

Eine rasante Verfolgungsjagd durch Libropolis beginnt..

“Zwischen all den Papieren und Büchern fand sie schließlich, was sie suchte. Ein schmales Leszeichen aus Pappe, nur mit einem einzigen Wort bedruckt: Libropolis. Als sie mit der Fingerspitze darüberfuhr, war es, als wimmelten Flöhe unter ihrer Haut. Das Ding mochte unscheinbar aussehen, aber es war bis in die letzte Faser von bibliomantischer Energie erfüllt.”

Zitat, Seite 120

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Vom Autor hatte ich vor diesem Roman bereits gehört, allerdings noch keines seiner Bücher gelesen. Meyers Roman „Die Seiten der Welt“ konnte mich (trotz  Jugenbuch-Genre) mit seiner bezaubernden Aufmachung und der liebevollen Vermarktung sofort für sich gewinnen. Die Neugier, hinter den schwarzen Buchdeckel mit den goldenen Lettern zu blicken und die Welt von Libropolis zu erforschen, hat mich unvermittelt gepackt. Meine Begeisterung für fantastische Geschichten fand ihren Ursprung bereits in Walter Moers Zamonienreihe oder auch J.K.Rowlings Harry Potter, weswegen es absehbar war, dass auch Kai Meyers „Die Seiten der Welt“ seinen Weg in mein Bücherregal finden wird.

Die Idee des Romans finde ich sehr gelungen. Die Geschichte, die von der Magie der Worte getränkt ist und dich in eine Welt voller magischer Kreaturen, Bücher und Buchliebhaber eintauchen lässt, begegnete mir wie eine magische Entdeckungsreise. Die Geschichte nahm ziemlich schnell an Fahrt auf. Einige Dinge entwickelten sich für meinen Geschmack etwas zu schnell um sie richtig erfassen zu können und überfielen mich mit ihrem rasanten Tempo regelrecht während sich andere Zeilen um das eigentlich Geschehen herumschlichen und für ein paar unnötige Längen im Roman sorgten.

Eine schöne Konstante in diesem Fantasyabenteuer ist allerdings der Ideenreichtum des Autors, dem keine Grenzen gesetzt scheinen. Meyer begeistert mich mit sprechenden Möbelstücken, lebendigen Origamitieren und wuselnden Buchstabenhaufen (namens Ypsilonzett), heftet mir müffelnde Schimmelrochen an die Fersen oder lässt mich Bekanntschaft mit Exlibris (aus dem Text gefallenen Romanhelden) und Bibliomanten unterschiedlichster Art machen.

Bei aller Liebe zum Buch war Libropolis ein gescheitertes Experiment: mehr Bücher, als irgendjemand besitzen wollte; mehr Geschäfte als Käufer, die über Brücken kamen; und mehr Absicherung durch die Akademie, als wirtschaftlich sinnvoll war. Libropolis war ein Denkmal, kein Geschäftsmodell, und es war kein Wunder, dass so viele Bibliomanten das guthießen.

Zitat, Seite 480

Libropolis, die Bücherstadt, die Meyer als Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte dient, baute sich mit ihren zahlreichen Gässchen, tummelnden Buchhändlern und ihren dicht aneinander kuschelnden Geschäften schnell vor meinem geistigen Auge auf. Ich kann mich dem Gefühl, einige Parallelen zwischen Meyers Libropolis und Moers Buchhaim, in die sich Hildegunst von Mythenmetz in Die Stadt der träumenden Bücher aufmacht, zu entdecken, aber nicht entziehen. Meiner Begeisterung für die Bücherstadt Libropolis tut das aber keinen wirklichen Abbruch.

Die Figuren in Meyers Roman sind mir recht schnell ans Herz gewachsen. Allen voran begegnete mir Protagonistin Furia als leidenschaftliche Kämpferin, die durch ihre Belesenheit und den prägenden Erfahrungen ihrer Kindheit schon sehr erwachsen und überlegt auftritt. Bei Suche nach ihrem kleinen Bruder wächst sie Seite für Seite an den sich ihr stellenden Herausforderungen.

Auch Cat und Severin, die in Libropolis zu Furias Freunden und zukünftigen Weggefährten werden, konnten mich mit ihren liebevoll gezeichneten Persönlichkeiten begeistern. Die Liebe, die zwischen den beiden Protagonisten wächst, verleiht der Geschichte Flügel, die mir in Zeiten des Kampfes wie kleine Seelenschmeichler agieren.

 Insgesamt finde ich das Werk von Meyer sehr gelungen, weshalb ich mich sehr auf den fantastischen Nachfolgeband freue, der laut Aussage des Autor bereits im Herbst 2015 erscheinen wird.

Gedanken und Ideen lösen sich in jeder Sekunde überall auf der Welt einfach in Wohlgefallen auf, keiner trauert ihnen nach, sie werden vergessen und sind fort. Selbst solche, die niedergeschrieben werden, verschwinden wieder. Tafeln werden leer gewischt, Bücher werden verbrannt. Nichts ist so vergänglich wie ein Gedanke.

Zitat, Seite 402

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Wo Fische zwitschern..

lesenslust über „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché

Der Ort, wo die Fische zwitschern können, ist ein Ort, an dem Alles möglich ist. Hier lässt du deinen Gedanken freien Lauf; entdeckst Türen, die dir unbekannte Wege eröffnen und entdeckst eine Liaison von Vergangenheit und Gegenwart.

Es ist der Ort, wo deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt werden und Wirklichkeit und Fiktion ineinander verschmelzen. Es ist ein Treffpunkt von Büchern. Ein Aufeinanderprallen von Welten, Menschen und Ereignissen. Es ist der Ort, wo scheinbar Unmögliches möglich und scheinbar Offensichtliches unwirkliche Züge annehmen wird.

Und so beginnen Yannis fantastischste und eindrucksvollste Erlebnisse an einem scheinbar unspektakulärem Ort.
„Ausgerechnet im Buchladen fing er Feuer.“

Zitat, Seite 9
„Mit einem leisen Knarren öffnete sich die alte Holztür. Und vielleicht auch ein neues Leben, denn wenn man durch eine Tür tritt, weiß man nie, welche Veränderungen einen dahinter erwarten.

Es sind schon Kinder durch Türen gegangen und als Erwachsene zurückgekehrt. Hinter Türen können Narren zu Weisen werden, Ziellose zu Menschen mit einer Bestimmung und Ungläubige zu Gläubigen. Aber auch Gesunde zu gebrochenen Seelen, Unschuldige zu Schuldigen und Vernünftige zu Wahnsinnigen.

Hinter jeder Tür wartet eine Möglichkeit. Leider weiß man vorher nicht immer, welche.“

Zitat, Seite 17
Yannis ist ein leidenschaftlicher Buchliebhaber. Bei einem Spaziergang durch die Athener Altstadt stößt er auf einen unscheinbaren Buchladen in einer ruhigen Seitenstraße. Durch das Betreten des Buchladens und dem Zusammentreffen mit Lio, der geheimnisvollen Buchhändlerin mit den großen dunklen Augen, ist Yannis Alltag plötzlich von Poesie und Fantasie erfüllt.

Er hält es für Liebe. Doch das, was Yannis entdecken wird, ist viel mehr als das. Es überschreitet das Greifbare und gewährt ihm einen Blick hinter die Fassade. Yannis entdeckt neue Blickwinkel des Lebens und wird von einer ungeahnten Passion erfüllt. Es gilt Rätsel zu lösen und Dinge zu hinterfragen, sich von Gefühlen leiten zu lassen und eine Mission zu bestreiten. Wie wird Yannis sie meistern?

Andreas Séché hat bereits Anfang 2011 zahlreiche Leser mit seinem Erstlingswerk „Namiko und das Flüstern“ begeistert. Während mir sein erster Roman bisher noch unerschlossen geblieben ist, durfte ich mich von der Besonderheit seines zweiten Werkes in einer vom Autor begleiteten Lesrunde persönlich überzeugen.

Das Buch ist ein wahrer Schatz. Es ist eine Einladung zu einer ganz besonderen Reise. Eine fantastische Reise, bei der wir Yannis, den Protagonisten der Geschichte begleiten dürfen. Eine Reise, die dir neue Denkanstöße schenken und dich um neue Blickwinkel bereichern kann – wenn du es tatsächlich zulässt.

„Bücher waren wie Termitenhaufen, warm, summend, pulsierend.

Hinter der Fassade, da, wo mancher niemals etwas vermuten würde, wüteten im Verborgenen ganze Universen. Nur wer sehr aufmerksam war, konnte sehen, dass Bücher manchmal vibrierten, dass ein Buchdeckel sich kaum merklich anhob, dass oft Gemurmel und Gewisper aus papiernen Seiten drang und zuweilen auch einer kurzer Schrei, der meist im Getöse der Realität verloren ging.

Bücher glühten, bebten, hypnotisierten, lockten, lagen auf der Lauer, waren sprungbereit, und oft wirkten sie wie gespannte Mausefallen, die man nur mit größtem Respekt in die Hand nahm, weil sie jeden Moment zuschnappen konnten.“

Zitat, Seite 39
„Lesen öffnet Horizonte. (…) Lesen verdeutlicht die Dinge und natürlich auch die eigenen Emotionen. Wenn man Buchseiten aufblättert, blättert man auch Facetten des Lebens auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Denn Lesen ist wie eine Lupe, die einem hilft, genauer hinzusehen.“

Zitat, Seite 47
Das Buch ist zudem eine wahre Fundgrube bemerkenswerter Persönlichkeiten und deren Werke aus vergangenen Literaturepochen. Séché nennt vertraute wie unbekannte Werke und macht „Zwitschernde Fische“ zu einem prallgefüllten Notizbuch persönlicher Buchempfehlungen. Eine wahre Bereicherung für jeden Buchliebhaber!

Und damit die Geschichte von jedem Einzelnen auf seine Weise entdeckt und erobert werden kann möchte ich nicht mehr und auch nicht weniger über „Zwitschernde Fische“ erzählen. Seid euch sicher, dass jedes einzelne der 5 von 5 möglichen Kaninchen, die ich Séché für seinen bezaubernden Roman umherhoppeln lasse, die Geschichte wert ist. Eins meiner Lesehighlights 2012!

Phantastisches Puppentheater…

lesenslust über „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ von Walter Moers

~*°..Ein Lindwurm entdeckt das neue Buchhaim..°*~

Hildegunst von Mythenmetz is back!

Nach 200 Jahren lässt ein rätselhafter Brief den Lindwurm erneut in die Stadt der träumenden Bücher reisen. Die beeindruckende Bücherstadt, die er einst lichterloh hinter sich gelassen hat um zur vertrauten Lindwurmfeste zurückzukehren.

Durch seinen Bestseller „Die Stadt der träumenden Bücher“, der von seiner jungfräulichen Reise in die Bücherstadt handelt, erlangte er Ruhm und Reichtum. Ein Aspekt, der ihn nicht nur dick sondern auch faul und überheblich hat werden lassen. Vom Orm, welches ihn einst durchfloss, ist er meilenweit entfernt, weshalb er sich im Schreiben belangloser Lektüren verliert. Einzig und allein die Leserbriefe, die ihm seine alltägliche Ration „Belobhudeltwerden“ schenken, scheinen seinem Leben noch einen Sinn zu schenken.

Doch nun findet sich Mythenmetz erneut in Buchhaim wieder. Er begegnet dabei nicht nur alten Freunden, sondern entdeckt auch, dass die Stadt neu zum Leben erweckt wurde. Denn Buchhaim ist aus der Asche auferstandenund scheint nun noch mächtiger als je zuvor. Ein magischer Sog umgibt ihn, der unaufhörlich an ihm zehrt…

~*°..“Ich hatte mich in Buchhaim immer schon so gefühlt, als wandelte ich durch ein illustriertes Buch, in dem sich die Bilder bewegen.“(Zitat, Seite 148)..°*~

Ich wage zu behaupten, dass sowohl die Ankündigung als auch der Aufbau des neuen Moers etwas unglücklich verlaufen ist. Während die Kurzbeschreibung von „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ den Leser auf eine spannendes Abenteuer in der Unterwelt Buchhaims hoffen lässt, wird er unweigerlich am Ende des Romans vor den Kopf gestoßen. Denn Moers neuestes Werk ist lediglich der erste Teil eines Zweiteilers und das eigentliche Abenteuer beginnt erst am Ende.
Dass sich Autor und Verlag dazu entschlossen haben, die Geschichte in zwei Teile zu verpacken, finde ich nicht weiter schlimm. Schließlich ist Moers für sein Ideenreichtum bekannt und es ist für mich nicht groß verwunderlich, dass nicht alle seine Ideen auf den 432 Seiten des neuen Buches Platz gefunden haben. Doch was mich enttäuscht, ist die Handlungsweise des Autors bzw. des Verlags, dem Leser diese durchaus wichtige Information erst am Ende des Buches zu gestehen und nicht schon am Anfang der Geschichte oder noch besser, bereits bei der Ankündigung des Romans. Denn dort hätte sie sicherlich für eine völlig andere Erwartungshaltung des Lesers gesorgt und wäre Enttäuschungen geschickt vorausgeeilt. Enttäuschungen, die jetzt warscheinlich unvermeidbar sind.

„Das Labyrinth der träumenden Bücher“ begegnet dem Leser wie ein etwas umfangreicherer Neugierde weckender Prolog, eine Vorgeschichte vor der eigentlichen Geschichte. Eine Art humoristisches und lebhaftes Sachbuch, das unsere Erinnerung scheinbar nicht nur auffrischen soll, sondern unser Wissen zudem um eine Fülle an Informationen bereichert. Wir begleiten den Protagonisten Hildegunst von Mythenmetz erneut nach Buchhaim. In ein neues Buchhaim. Einer Stadt, die sich nach dem großen Brand neu erfunden hat und die aus der Asche auferstanden ist. Nachdem Buchhaim am Ende von „Die Stadt der träumenden Bücher“ mitsamt dem Schattenkönig in Flammen aufging, blieb von der gigantischen Bücherstadt kaum mehr als Schutt und Asche übrig. Sie war verwundet, fast vollständig zerstört und zwang seine Bewohner zu einem radikalen Neuanfang. So entstanden neue Kulturen & Lebensstile, neue kulturelle Einrichtungen und neue Bewegungen. Kurzum eine neue Epoche. Eine Epoche, die literarisch sehr viel zu Tage brachte und das Stadtbild sichtbar prägte. Neue Viertel entstanden, die Architektur der Häuser veränderte sich und neue Arbeitsfelder wurden geschaffen. Neuerdings trifft Mythenmetz in der gesamten Stadt auf Puppentheater. Puppentheater jeglicher Art, bei denen der Fantasie des Betriebers keine Grenzen gesetzt sind. Das Puppaecircus Maximus soll dabei als das größte und beeindruckenste Theater aus dem Stadtbild herausragen. Hier werden die Werke der bedeutendsten Schriftsteller visuell wie akustisch in Szene gesetzt um sie den Bewohnern jeglicher Alterstufen nahe zu bringen. Auch Mythenmetz Werk „Die Stadt der träumenden Bücher“ findet hier seine ehrenvolle und atemberaubende Inszenierung. Sie begegnet einem wie eine Ode an die Stadt und Mythenmetz zugleich.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen, sei erwähnt, dass Moers neuestes Werk definitv seine Längen hat. Mythenmetz nimmt von seinem bereits aus „Die Stadt der träumenden Bücher“ bekannten Stilmittel, der Mythenmetzschen Abschweifung, erneut Gebrauch und nutzt sie bis ins schier Unermässliche. Sie raubt einem oft den Atem und stellt die Geduld des Lesers auf eine harte Probe. Doch ein Moers wäre kein Moers ohne dieses eigens kreierte Stilmittel. Keine Abschweifung ist amüsanter, kreativer oder unterhaltender als die von Moers. Ein Moers ist eben nicht bescheiden oder gar wortkarg. Seine Neigung auszuschweifen ist allgegenwärtig. Sie gehört zu ihm wie das täglich Bort und könnte fast schon als eine seiner prägnantesten schriftstellerischen Charaktereigenschaften bezeichnet werden.

Auch wenn Moers in „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ wieder mal mit neuen Begriffen, Wesen und Szenerien jongliert, als hätte er die Raffiniertesten eigens für sich gepachtet, gelingt es ihm nicht, mich auf derartig enthustiastische Art und Weise zu begeistern, wie es ihm mit dem Vorgänger gelungen ist. Was dafür fehlte, war ein Hauch Gefahr, eine Prise Abentuer und eine Pipette Spannung. Doch der zweite Teil lässt mich auf derartiges hoffen und daher ergattert „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ gnädige 4 von 5 stolzierenden Unterwasser-Marionetten für sich.

Winter vs. Sommer…

lesenslust über „Winterwelt“ von Nicole Bulgrin

~°..“Wenn jene sich von einem fern halten, den sie lieben und spitze Ohren anderen Angst machen, wenn man daheim eine Fremde und die eigene Heimat einem nicht vertraut ist, wenn Schmetterlinge flüstern und Schneeengel zum Tanz auffordern, dann verschwimmen die Grenzen zwischen dieser und jener Welt und Du bist mittendrin.“(Zitat, Klappentext)..°~

Arrow genießt eine wohlbehütete Kindheit in Elm Tree, einem kleinen verschneiten Dorf mitten im Nirgendwo. Bei ihren Freunden Linda, Lizzy, Robert und Adam ist sie für ihre eigene und magische Art bekannt. Schnell haben sie gemerkt, dass auf Arrow und ihrer Familie ein gewisser Zauber liegt, den sie jedoch auf Arrows Wunsch hin, zu keiner Zeit hinterfragen. Ihr geliebter Vater Melchior und ihr Halbbruder Dewayne sind das ganze Jahr über auf Reisen. Wo ihre Reisen sie hinführen, weiß sie nicht. Alles was für sie zählt, ist, dass sie an Weihnachten, dem Fest der Liebe, wieder alle glücklich beieinander sind.

Anne, die gute Seele des Hauses sorgt sich liebevoll um Arrow. Neben ihren Freunden ist sie Arrows Bezugsperson, quasi ein Teil der Familie. Die monatelange Abwesendheit ihres Vaters und Halbbruders machen Arrow schwer zu schaffen. Irgendwie fühlt sie sich alleine gelassen. Sie nutzt daher jede erdenkliche Minute, die sie im Freien sein kann und Anne duldet es. Gemeinsam mit ihren Freunden tobt Arrow dort ausgelassen durch den Schnee, fängt Schneeflocken ein, tanzt durch die glitzernd weiße Schneelandschaft und kann einfach sie selbst sein – so herrlich normal sein.
Bei ihren Erkundungstouren treffen sie auch auf den nicht weit von Elm Tree entfernten Wald, dem geheimen Wald. Er soll magische und düstere Wesen beherbergen und der Zutritt ist ihnen deshalb strengstens verboten. Es heißt, er sei gefährlich. Doch gefährliche Dinge locken.

Nachts stiehlt sich Arrow in die geheime Bibliothek mit den verbotenen Büchern ihres Vaters. Auch sie sind ihr verboten – doch der Verstoß, sie trotzdem zu lesen, scheint ihr weniger schlimm als den geheimen Wald zu betreten. Doch auch durch das Lesen bleiben viele Fragen offen – zu viele?!

Eines Winters bittet ihr Vater Melchior sie, ihn in den geheimen Wald zu begleiten. Arrow ist verwundert und neugierig zugleich. Als sie ihr Haus hinter sich lassen, stürzt es zusammen. Ein letzter Blick zurück lässt Arrow eine Ruine erblicken. Es scheint, als wären sie nie dort gewesen. Ist es real oder träumt sie nur? Als sie realisiert, dass es tatsächlich passiert ist sie geschockt. Was war hier los? Doch für Fragen ist keine Zeit. „Später..“, sagt der Vater, „..später wirst du alles verstehen…“

~°..“Zwischen den dicken Schwaden wurden Umrisse von Bäumen erkennbar und die Luft war gefüllt mit dem süßen Duft von Sommer. Jeder Atemzug schmeckte nach Äpfeln, Orangen und Raps, gemischt mit einer Prise von Moos und Pilzen. (Zitat, Seite 72)..°~

Nicole Bulgrins Geschichte hat mich vom ersten Augenblick an in seinen Bann gezogen. „Winterwelt“ hat mich zugegeben unerwartet vom Hocker gerissen, mich stets aufs Neueste überrascht, mich entzückt, mich geschockt, mich unterhalten.
In manchen Momenten hat Bulgrin mich verzaubert. Sie hat mir kalte Schneeflocken ins Gesicht gewirbelt und mir warme sommerliche Düfte um die Nase wehen lassen. Sie ließ magische Wesen an mir vorbeitänzeln und offenbarte mir Blicke auf satte und blühende Wiesen, auf glitzernd weiße Scheneelandschaften oder verschnörkelte Schlösser. Wie ein wahr gewordenes Märchen und doch nicht real?! Plötzlich war alles Schein. Düstere Wesen kamen, kratzten an der Tür, setzten sich mit ihren schaurigen Klängen in meinen Gliedern fest, verbreiteten Angst und Schrecken, machten Alpträume wahr. Eine Hölle auf Erden. Real oder Schein? Plötzlich verschwamm alles. Ich war selbst dort, musste mich orientieren, wandelte mit Arrow verwirrt umher. Wir wurden Weggefährten.

Bulgrin hat mich ihrem Einfallsreichtum geplättet. Sie offenbarte mir eine derartige Fülle an mystischen und zauberhaften Wesen, welche mir gänzlich unbekannt waren, dass mir anfangs der Kopf brummte. Sie orientierte sich an Sagen und Mythen, an Märchen wie Schauergeschichten und entwickelte daraus ihren ganz eigenen Stil. Ihre eigene fantastische Geschichte. Winterwelt.

Arrow, die mir anfangs als junges naives Mädchen begegnete verabschiedete sich am Ende der Geschichte als junge Frau. Bulgrin ließ mich ihre Entwicklung miterleben. Sie wachsen, verzweifeln, weinen, lachen, lieben. All die liebevollen und schaurigen Begegnungen während ihrer Reise haben mich begeistert. Kapitel für Kapitel häuften sich Fragen, Kapitel für Kapitel kamen Antworten. Doch die Entwicklungen und Offenbarungen waren geschickt eingefädelt, ließen mich oft im Ungewissen, machten mich neugierig, ließen die Spannung steigen und Hoffnungen zum Leben erwecken. Die Spannung riss nie ab, zog sich gleichmäßig durchs Buch bis zum Ende.

Ausgenommen das Ende fand ich zu endgültig, zu abgeschlossen, zu wenig Cliffhanger für ein Auftakt einer Trilogie. Irgendwie hätte ich mir mehr offengebliebene Fragen gewünscht, denen sich erst im nächsten Band angenommen wird. Doch vielleicht ist das auch nur Geschmackssache und der Abschluss steht für den Abschluss einer Episode – ein Lebensabschnitt von Arrow. Also durchaus passend und genau richtig! Bulgrins Einfallsreichtum bekommt von mir 4 von 5 zauberhaften Elfenwesen.

Zeit für Veränderungen…

lesenslust über „Rebellion der Engel“ von Brigitte Melzer

Schweigend klammerte sich das Mädchen an die Hand seines Vaters und starrte auf den Sarg, der langsam in die Grube hinabgelassen wurde. Der Pfarrer stand daneben, seine Lippen bewegten sich, doch die Worte gingen im Rauschen des Regens und dem Wispern trauriger Gedanken unter. Ein Meer von schwarzen Schirmen umringte das offene Grab, die weißen Klappstühle dahinter waren nass und verlassen.

Zitat (Seite 5)

~*°Story°*~

Durch einen Autounfall verliert Rachel nicht nur ihre Mutter sondern auch die liebevolle Zuwendung ihres Vaters. Erfasst von unendlicher Trauer scheint er im Meer seiner Traurigkeit zu versinken und beginnt sie fortan aus seinem Leben auszuschließen. Obwohl Rachel unter der Situation leidet, wächst sie über die Jahre zu einer äußerlich starken und bemerkenswerten Persönlichkeit heran.

Ein paar Jahre später, an ihrem Geburtstag, überzeugt ihre Freundin Amber sie zu einem gemeinsamen Ausflug in eine Bar. Was auf der Autofahrt passiert, bleibt nicht ohne Folgen:

Rachel erblickt im Rückspiegel einen fremden Mann auf dem Rücksitz ihres Autos und verliert die Kontrolle über den Wagen. Wenige Augenblicke später findet sie sich neben ihrem scheinbar toten Ich am Straßenrand wieder. Ihre Freundin Amber, völlig verstört, sitzt schluchzend daneben. Sie scheint sie nicht zu sehen, Rachels Worte prallen an ihr ab.
Obwohl die Ärzte sie bereits für tot erklären, durchströmt Rachels Körper kurz darauf wieder der Atem des Lebens. Die Ärzte halten es für ein Wunder, Rachel selbst glaubt, sie leide an Wahnvorstellungen und das Ganze entspränge ihrer lebhaften Fantasie.

Doch in den darauffolgenden Tagen ereignen sich weitere merkwürdige Dinge, die sie sich nicht zu erklären weiß: Ihr Kater Popcorn kann plötzlich mit ihr sprechen, sie sieht schwarzgefiederte Menschen in ihrem Garten und der Mann aus dem Auto taucht plötzlich wieder auf und behauptet ihr Schutzengel zu sein. Dreht sie jetzt völlig durch?

Als sie ein paar Tage später nachts auf dem Heimweg von zwei maskierten Männern verfolgt wird, sieht Rachel ein, dass es sich dabei nicht mehr um bloße Zufälle handeln kann. Sie beginnt die Veränderungen in ihrem Leben zu hinterfragen und stößt dabei auf fantastische Ergebnisse…

~*°Mein Fazit°*~

„Rebellion der Engel“ stand eine gefühlte Ewigkeit unangetastet in meinem Bücherregal. Ein Fauxpas – denn die Geschichte hat mich wirklich begeistert. Selten können mich Romane derart in den Bann ziehen, dass ich sie in einem „gefühlten Atemzug“ lese. Meine Erwartungen an „Rebellion der Engel“ waren relativ gering und das Genre Fantasy war mir regelrecht suspekt, doch die Entwicklung der Geschichte hat mich positiv überrascht und macht mir nun Lust auf mehr.

Was mir an Melzers Geschichte auf Anhieb gefallen hat, ist die Tatsache, dass sie in einer „mehr oder weniger normalen Welt“ spielt – Seattle und Ruby Falls. Durch diesen Aspekt wirkt die Geschichte nicht übertrieben fantastisch und besitzt zudem einen authentischen Charakter.
Obwohl die Überschrift auf dem Buchrücken „Eine Liebe gegen alle Gesetze des Himmels“ heißt und sich die Kurzbeschreibung meines Erachtens viel zu sehr auf die Begegnung von Rachel und ihrem Schutzengel Akashiel konzentriert, offenbarte sich mir hier mehr als nur eine Liebesgeschichte. In „Rebellion der Engel“ wurden so viel mehr Gefühlszustände berücksichtigt als bloß die Liebe. Man spürte Trauer um verlorene Familienmitglieder, die Gefühle von Freundschaft, Angst und Verlust sowie Zustände der Verwirrung und der Überraschung.

Bereits die ersten Zeilen des Buches (Zitat, Seite 5) haben mich in ihren Bann gezogen. Das Schicksal der kleinen Rachel hat mich zutiefst berührt. Durch die lebendige Sprache der Autorin erschienen mir viele Ereignisse sehr präsent, fast schon real. Bei der Beerdigung auf den ersten Seiten konnte ich beispielsweise die Trauer der Anwesenden spüren. Sie war so bedrückend, dass mir fast die Luft weg blieb. Gefühlsregungen, die nicht jeder Autorin/jedem Autor gelingen, sie beim Leser hervorzurufen.

Durch unerwartete Wendungen, fantastische Offenbarungen und sehr viel Gefühl lässt Melzer uns an einer rauschenden Achterbahnfahrt teilhaben. Die Spannung weicht ab und an sehr gefühlvollen Stellen, nie aber der Langeweile. Der Verlauf der Ereignisse ist nicht immer so vorhersehbar, wie ich anfangs dachte, wodurch die Neugierde des Lesers immer wieder aufs Neue geweckt wird. Auf die Figuren in der Geschichte geht die Autorin sehr intensiv ein, was uns ihre persönlichen Hintergründe und Gedanken verstehen und die verschiedenen Blickwinkel einnehmen lässt.
Obwohl der Schwerpunkt der Autorin auf Rachel und Akashiel lag, waren mir deshalb auch die Nebenrollen schnell vertraut, die nicht unwesentlich zum Verlauf der Geschichte beitrugen.

Insgesamt hat Brigitte Melzer es geschafft, mich zu begeistern. Ihr nächster Roman, der im September erscheint, ist schon auf meiner Wunschliste gelandet. Näher ins Detail zu gehen, würde unnötig viel verraten. Melzers Werk ist definitv das Lesen wert und bekommt deswegen 5 von 5 schwarzgefiederten Engeln!!

Fremde Welten…

lesenslust über „Das magische Portal: Weltennebel“ von Aileen P. Roberts

 

“Ganz langsam gingen sie näher heran. Darian fühlte, wie Mias Hand sich fest um seine schloss. Er hatte das Gefühl, alles würde sich um ihn drehen. Undeutlich, von Nebelschwaden verhüllt, erschien plötzlich ein in fahlem Silber und Gold glänzendes Portal.“

 

Darian ist Waise und verbringt seine erste Kindheit im Waisenhaus. Dank der Adoption des wohlhabenden Samuel Drake lebt er ein opulentes Leben. Er genießt es, an einer teuren Universität in London zu studieren, hat eine attraktive Freundin und viele Freunde. Doch was ist dieser Luxus wert, wenn man sich nicht wirklich zugehörig fühlt? Ein Gedanke, der ihn auf einer Studienfahrt durch Schottland nicht mehr loslässt. Schon bald bemerkt er eine seltsame Vertrautheit zu den schottischen Highlands. Ein Gefühl, das ihn verwirrt und gleichzeitig so gegenwärtig ist, dass er es nicht ignorieren kann.
Als ihm seine unscheinbare Studienkollegin Mia auf der Reise ein Geheimnis offenbart, scheint alles plötzlich einen Sinn zu ergeben:

Darian sei der letzte Erbe eines Königgeschlechts und rechtmäßiger Thronfolger von Albany, einer magischen Parallelwelt. Durch eine Täuschung fiel seine ganze Familie einer Verschwörung zum Opfer. Nur er konnte durch das magische Portal in Sicherheit gebracht werden. Noch vor Vollendung seines 25. Lebensjahres muss er durch das magische Portal nach Albany zurückreisen, um sein Erbe anzutreten. Nur so kann er die magische Welt aus den Klauen des machtgierigen und tyrannischen Fehenius befreien.

Nach anfänglichen Zweifeln ist diese Mission für Darian schon bald so verlockend, dass er es kaum abwarten kann, die Reise anzutreten. Doch das Passieren des Portals am Stein von Altnaharra gestaltet sich alles andere als einfach. Denn überall lauern sie, seine Feinde, deren Mission nichts anderes ist, als ihn davon abzuhalten. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt…

 

~°~Meine Meinung~°~

Mit Albany hat die Autorin eine fantastische und magische Parallelwelt geschaffen, die durch eine Fülle an mystische Wesen und dem Zauber einer uns unbekannten Welt lockt. Roberts´ Zeilen wirkten wie eine Einladung zu einer Reise, einer Reise ins Ungewisse.
Der Hauptprotagonist Darian erschien mir trotz seines opulenten Lebens bei seinem reichen Adoptivvater Samuel zu keiner Zeit arrogant oder oberflächlich. Durch sein nachdenkliches und eher bescheidenes Wesen hat er sich bereits am Anfang meine Sympathie eingeheimst. Mia, die in London noch die unscheinbare Kommilitonin mimt, verzauberte während der Geschichte nicht nur Darian sondern auch mich mit ihrer elfengleichen Schönheit und kämpferischen Seele. All die Wegbegleiter und Feinde, die sich während ihrer Reise offenbarten, wurden von der Autorin liebevoll gezeichnet.

Roberts´ lebendige Beschreibungen haben ihre Zeilen zum Leben erwecken lassen und gaben mir schon bald das Gefühl ein Wegbegleiter der beiden zu sein. Roberts´ Liebe zu Schottland ist in den liebevollen und farbenfrohen Beschreibungen des Landes zu erkennen und lässt uns Fernweh verspüren.
Die Fülle an Informationen über die Konstellationen der einzelnen Figuren prasselte anfangs wie ein Schwall Wasser auf mich ein und hat mich, zugegebener Maßen, etwas überfordert. Doch mit der Zeit gelang es mir, ein Gespür für die Zusammenhänge zu entwickeln. Das im Anschluss angefügte Personenverzeichnis verhalf mir bei vorübergehenden Gedächtnislücken auf die Sprünge. Die Entwicklung einzelner Personen überraschte und schockierte mich teilweise. Sie stellten für mich jedoch sehr gute stilistische Mittel dar, um die Spannungskurve und den Überraschungsmoment zu wahren, gerade wenn sich die Entwicklung etwas hinzog.
Der Cliffhanger zum Schluß sorgt für die nötige Würze und Neugier beim Leser. Er lässt mich voller Vorfreude die Fortsetzung, die für August angesetzt ist, erwarten.

Fhernhachen-Zwerge auf großer Reise

„Ensel und Krete“ – Walter Moers

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„Stelle Dich an den Abgrund der Hölle und tanze zur Musik der Sterne!“

Wahlspruch der Bewohner der Lindwurmfeste

Ensel und Krete, ja richtig gelesen – nicht Hänsel und Gretel! zwei junge Fhernhachen-Zwergenkinder machen mit ihren Eltern Urlaub im zamonischen Großen Wald.

Der Große Wald ist eine Region vom überaus multikulturellen und fantasievollen Ort Zamonien.

Seid der Ansiedlung der Buntbären im Großen Wald, zählt die Gemeinde Bauming als eine der touristischen Angelpunkte Zamoniens. Er lädt mit seiner überaus vielfältigen Forstnatur zu einem Aufenthalt in vollkommen harmonischer und erholender Umgebung ein. Hier stehen Zyklopeneichen neben Druidenbirken, strecken sich Hutzenlärchen neben florinthischen Rottannen und das dort lebende Buntbärenvolk kümmert sich um das Aufrechterhalten der harmonischen Idylle. Die Buntbären sind die Waldhüter des Großen Waldes und stets auf ihren Patrouillengängen durch den Wald unterwegs.

Deshalb ist es Besuchern des großen Waldes stets untersagt, die festen bezeichneten Wanderwege, die sich durch den Buntbärenwalt schlengeln, zu verlassen.

Da sich Ensel und Krete aber langweilen und aus ihrem Urlaub einen möglichst abenteuerreichen und spannenden Aufenthalt machen wollen, kommen sie bewusst von den üblichen Wanderwegen ab um ein kleinwenig ihres jungen rebellischen Übermutes auf die Probe zu stellen.

Doch wie soll es anders kommen? Sie kommen vom Weg ab und verirren sich. Von da an begeben sich die beiden Fhernhachen-Zwerge auf eine magische Reise voller lustiger und gefährlicher Begegnungen, die mit Tagen und Nächten voller Angst, Freude und Übermut, Einsamkeit und großer Gefahr verbunden sind.

Neben dem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher“ gibt sich dieser Roman seitenmäßig recht bescheiden.
Nach anfänglichen Bedenken schlitterte ich nur so dahin ins mythenmetzsche Zamonien-Märchen.

Die Bedenken meinerseits entstanden aufgrund anfänglich sehr sachlicher und objektiver Betrachtungsweise des Erzählers. Die Aufteilung des Großen Waldes und Bauming schien mir zwar als wichtig, aber ich vermisste doch recht bald den mir bisher bekannten Dialog in der Erzählung, der es ermöglicht, sich in die Geschichte hineinzuversetzt zu fühlen.

Doch sie blieb nicht aus, sie kam! Aber später als erwartet.Von da an begegnete ich zahlreichen fantasievollen Begebenheiten und Wesen, die niemals langweilig wurden und meinen Eindruck von Walter Moers´ gigantisch fesselnder Erzählungsweise für die Zunkunft nur noch mehr festigt.

Unzählig viele Illustrationen und grafische Zeichnungen ermöglichten es mir ein Bild von den beschriebenen Kreaturen zu bekommen und zu intensivieren. Man kann die Route der Fhernhachen-Geschwister auf der Karte verfolgen und auch die Vorgänger- und Nachfolger-Romane zusammensetzen und bildhaft nachverfolgen.

Hilfreich sind die „Mythenmetzsche Abschweifungen“ – welche ein eigens von Hildegunst von Mythenmetz entwickelt und benanntes rhetorisches Stilmittel ist, welches dem Leser ermöglicht ohne Ausnahme wann immer er will, in die Geschichte einzugreifen, sie anzuhalten oder seinen Launen nach belanglosen Plaudereien nachzugehen, ohne dass ein Literaturkritiker ihm das ankreiden kann. Dank diesem erfundenen Mittel konnte ich stets herzhaft lachen, mich wegen abschweifender Plauderein aufregen oder dankend nach einer Pause äußern. Eine Anfügung dieser Art habe ich bisher noch in keinem Buch entdeckt – wirklich raffiniert!

Man findet die unterschiedlichst durchspielten Enden der Geschichte, was eine sehr lustige Idee von Moers ist.

Für mich hat diese Geschichte, auch wenn anfans nicht vermutet wieder mal eine absolut überwältigende und unterhaltende Wirkung gehabt.