Wenn das Herz zu Bersten droht

Rattatatam, mein Herz – Franziska Seyboldt

Etwa jeder sechste Deutsche leidet unter einer Angststörung, doch kaum einer traut sich darüber zu sprechen. Franziska Seyboldt schon. Im August 2006 entscheidet sich die Autorin und Redakteurin der taz zu einem Geständnis. In Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle – Leben mit einer Angststörung spricht sie offen über ihre Angststörung. Einer Krankheit, die als häufigste psychische Erkrankung, noch vor Depressionen und Alkoholismus, gilt. Die Resonanz auf ihren Artikel war überwältigend. Deshalb entschied sich Seyboldt ein Buch daraus enstehen zu lassen. Eines, das auch mich letztes Jahr erreichte und jedem Menschen ans Herz gelegt sei.

Rattatatam, mein Herz

Zugegeben, als das Buch bei mir ankam, habe ich mir nicht allzu viel davon versprochen. Weder leide ich an einer Angststörung, noch bin ich der typische Ratgeber-Typ. Doch die Zeilen auf der Rückseite des Buches hatten mich sofort. Es war die ihnen anhaftende Mischung aus tiefer Ehrlichkeit und Intensität, die mich in ihren Bann zogen.

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. (…) An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. (…) Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür. Herzlich willkommen, treten Sie ein und treten Sie zu, die Fassade bröckelt schon.“

Zitat, Seite 15/16

Ein Rauschen wie heranrollende Wellen

Das erste Mal ohnmächtig wird Seyboldt mit zwölf Jahren bei einer Untersuchung beim Arzt. Plötzlich ist da ein Rauschen in ihren Ohren, das einer Ohnmacht vorausgeht und wie heranrollende Wellen eiskalt über ihre Extremitäten schwappt. Schwarze Punkte beginnen vor ihren Augen zu tanzen, ehe sie sie schließt und sich der Ohnmacht hingibt. Später wird ihr klar, dass es ihre erste Begegnung mit der Angst war. Einer Angst, die sich von da an in ihrem Leben einnistet und nicht wieder abschütteln lässt. Auch die Leser von „Rattatatam, mein Herz“ machen mit dieser Angst Bekanntschaft. Der lästige Begleiter spielt in Seyboldts Buch nicht nur eine zentrale Rolle, er ergreift auch noch ständig das Wort.

„Die Angst und ich sind auf dem Spielplatz und wippen. (…)

„Wer hat dich eigentlich so verkorkst?“, fragt die Angst. Diplomatie ist nicht so ihr Ding.

„Na, du.“

„Kann gar nicht sein!“

„Warum nicht?“

„Ist doch klar: Wenn du normal wärst, wär ich gar nicht da.“

„Moment mal. Was soll das heißen?“

„Ich stoppe die Wippe, indem ich mich nach hinten lehne. Die Angst thront hoch oben wie ein Cowboy auf seinem Pferd. Enspannte Zügelführung, Sonne im Rücken, wehendes Haar. (…) Sie ist übertrieben lässig. Dazu dieser selbstsichere Ausdruck um den Mund, der bei mir reflexhaft Argwohn auslöst. Kann man so jemandem trauen? Nein.“

Zitat, Seite 51/52

Therapie ist nicht gleich Therapie

Und so berichtet Seyboldt von ihrem Leben mit der Angst. Wie sie erst nach einer ganzen Weile lernt mit ihr und nicht gegen sie zu leben und was dafür nötig war, um das zu begreifen. Was mit einem miserablen Therapeuten beginnt, der wie Hannibal Lecter aussieht und ihr lediglich ein Buch empfiehlt, dessen Angsttest sie bewältigen muss, endet bei einem empathischen Menschen, der sie dazu auffordert, über alles zu sprechen, was sie beschäftigt. So kommt sie nicht nur auf ihre Angst, sondern auch über ihre Kindheit, ihre Zukunftssorgen und Beziehungsprobleme zu sprechen. Endlich wird sie nicht mehr nur ausschließlich auf ihre Angst reduziert. Durch diese Sitzungen erkennt sie, dass es die unterschiedlichsten Ursachen für ihre Angststörung gibt. Und dass sie sich dafür nicht zu schämen braucht!

„Bei Dr. Goldberg war ich ein Mensch mit einer Angststörung. Bei Hannibal Lecter eine Angststörung mit einem lästigen menschlichen Anhängsel.“

Zitat, Seite 45

Franziska Seyboldt hat hier keinen klassischen Ratgeber geschrieben, sondern vielmehr einen persönlichen Erfahrungsbericht mit ermutigender Botschaft. Mit ihren schonungslos ehrlichen Zeilen gibt sie nicht nur den Weg in ihr Innerstes frei (durch das sie Angstpatienten sicherlich zu einem offeneren Umgang mit ihrer Krankheit ermutigt), sondern öffnet vielleicht auch dem ein oder anderen nicht betroffenen Leser die Augen. Vielleicht gelingt es ihr sogar der Stigmatisierung, die in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert scheint, ein kleines bisschen entgegenzuwirken. Denn die Symptome der Krankheit nehmen leider immer noch viel zu viele Menschen zum Anlass, jemanden als verweichlicht, nicht gesellschaftsfähig, irrational oder unproduktiv einzuordnen. Dabei sehen sich selbst Nicht-Angst-Patienten häufiger einer Angst vor dem persönlichen Scheitern konfrontiert als ihnen lieb ist. Wir alle haben täglich ein stetig wachsendes Arbeitspensum zu bewältigen und hangeln uns dabei durch eine Reihe von Stressituationen, die uns körperlich wie geistig einiges abverlangen. Das darf einen schon mal in Angst versetzen!

„Angstschweiß stinkt übrigens immer, trotz Deo. Er riecht viel beißender als der Schweiß an einem heißen Tag oder beim Sport, vielleicht, um den Angreifer olfaktorisch in die Flucht zu schlagen. Was einigermaßen sinnlos ist, wenn sich der Angreifer in meinem Kopf befindet.“

Zitat, Seite 28

Das Buch ist ein interessanter und unglaublich unterhaltsamer Exkurs in das das Krankheitsbild einer Angststörung. Man mag es kaum glauben, wie leichtfüßig und locker sich die Autorin durch ihr Buch bewegt. Es scheint mir, als könnte Seyboldt mittlerweile mit Leichtigkeit ihrer Angst die Stirn bieten. Seyboldts Zeilen haben mich auf Anhieb abgeholt. Auch ohne Angststörung konnte ich mich wunderbar in die Lage der Autorin versetzen und mich in der ein oder anderen Situation sogar wiederfinden. Das Rattern von Seyboldts Herzschlag begleitet einen durch das gesamte Buch und macht es damit zu einem unglaublich emotionalen Unterfangen. Ratta-ta-tam!

„Es ging um meine Einstellung zum Leben und darum, wie ich mit Belastungen umgehe, ganz egal, ob sie objektiv nachweisbar sind oder nicht. (…) Stress ist keine Währung, die für jeden den gleichen Wert hat.“

Zitat, Seite 65/66

Ein Generationsporträt

lesenslust über „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau

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Georg, Isabell und Matti: Eine Kleinfamilie wie aus dem Bilderbuch. In ihrer reizenden Altbauwohnung in Hamburg leben sie ein glückliches Leben. Das Viertel mit seinen bonbonfarbigen Häuserfassaden, gusseisernen Geländern und von Blumen übersäten Balkonen spiegelt ihre Lebensfreude wieder. Aus den Ladengeschäften und Cafés ihrer Straße dringen lebendige Gesprächsfetzen an ihr Fenster, werden Teil ihrer Gespräche am Frühstückstisch. Es ist ein unbekümmertes Leben, das ihnen steht wie ein schickes Accessoire.

„Die Arbeit ist geprägt von dem Wort Defizit, das Produkt sei defizitär, mindestens zweimal im Jahr erklärt ihnen das jemand aus dem Management, und es klingt dann, als wären sie eine Horde Kinder, die dankbar sein sollte, dass sie noch jemand mit Müh und Not durchfüttert.“

Zitat, Seite 69

Georg ist Redakteur bei einer Tageszeitung. Er überarbeitet Texte, verwaltet Projektpläne und porträtiert manchmal auch das Leben von Aussteigern auf dem Land. Kein Riesenjob, aber immerhin einer, der ihnen ein gutes Leben finanziert. Schließlich steht es ihnen gut. Doch die Zeitung muss sparen. Es werden Stellen abgebaut und irgendwann muss auch Georg daran glauben. Es kommt zur Kündigung. Er bezieht Arbeitslosengeld. Es fühlt sich an wie Geld auf Bewährung.

„Sie spielte wie unter einer Glasglocke. Jeder konnte ihr dabei zusehen. Sie hatte den Klang verloren, und die Leichtigkeit.“

Zitat, Seite 18

Isabell ist Cellistin. Sie spielt im Orchestergraben eines Musicals. Es ist nicht die Karriere im Symphonieorchester, von der sie einst träumte, aber immerhin verhilft es ihnen zu den wöchentlichen Einkäufen im Feinkostladen und den Besuchen in den teuren Bio-Cafés ihrer Stadt. Nach der Babypause steigt sie rasch wieder in den Job ein, aus Angst auf der Strecke zu bleiben. Und spielt. Doch ihre Melodien haben an Leichtigkeit verloren. Die Hände beginnen zu zittern. Der Druck ist zu groß. Sie lässt sich krankschreiben. Wird gekündigt. Die innere Unruhe wächst unaufhaltsam.

Als „die Glücklichen“ arbeitslos aufeinander treffen, beginnt die Mauer der Unbeschwertheit zu bröckeln. Unsicherheit und Selbstzweifel gesellen sich zu ihnen. Plötzlich ist ihr Alltag nicht mehr von Lachen und Freude, sondern vielmehr von Kummer und Schuldzuweisungen geprägt. Ein täglicher Kampf um ein harmonisches Miteinander beginnt, lässt Georg und Isabell Stück für Stück voneinander entfernen. Irgendwann müssen sie ihrem Scheitern ins Gesicht blicken. Einem Scheitern, an das sie nie denken wollten.

„Es ist wie eine Probe. Sie werden etwas herausfinden. Über sich als Paar, als Familie. Oder irrt er sich? Radiert er mit all diesen Maßnahmen den Alltag aus? Höhlt ihn aus, um die Fassade zu retten? Wenn er das wüsste. Er braucht eine klare Richtung, eine Zukunft. Er will endlich wissen, wohin, ohne dieses Gefühl der Enge in der Brust, und wenn, und wenn, und wenn.“

Zitat, Seite 200

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„Die Straßen ihres Viertels sind nichts für Versager, die Nacht schärft die Konturen dieser Wirklichkeit, das Herz klopft hart gegen die Brust, bereit zur Flucht, und sie sehnt sich nach Schlaf, vereint mit Matti (…), so möchte sie einschlafen und nicht mehr zurückkommen in diese Wirklichkeit. (…) Sie zieht die Knie an den Körper und rutscht näher an den Atem ihres Kindes; verwerflich ist diese Sehnsucht, gemeinsam unterzugehen.“

Zitat, Seite 256

Der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft steigt stetig. Täglich werden wir mit Veränderungen konfrontiert, die unausweichlich scheinen. Mehr Leistung für weniger Geld ist die Devise. Einsparungen sind Gang und Gebe. Im Gegensatz dazu verändern sich die Lebensgewohnheiten der Menschen. Man strebt nach mehr, will sich fortan noch gesünder ernähren und nachhaltiger leben. Lebensmittel vom Discounter scheinen ausschließlich für die Mittelklasse, wer dazu gehören will braucht Bio-Obst von Demeter, hochpreisige Energieshakes und Steak vom argentinischen Weiderind. Mit jedem neuen Firmensitz, jedem Ladengeschäft und jeder Grünanlage verändert sich das Stadtbild. Ein Wandel vollzieht sich. Lässt die Viertel szeniger werden und die Mieten steigen. Reißt uns ein großes Loch ins Portemonnai und lässt unsere Unbeschwertheit verpuffen.

Mit erschreckender Präzision führt uns Kristine Pilkau diese Veränderung vor Augen. In ihrem Debütroman „Die Glücklichen“ zeichnet sie das Bild einer nervösen Generation, unserer Generation. Sie entscheidet sich dabei für die Sicht aus einer jungen Familie, wie wir sie alle in unserer Nachbarschaft finden. Hier heißen sie Georg und Isabell, aber eigentlich könnten sie auch jeden anderen Namen tragen. Es sind Menschen wie du und ich.

So nimmt sich Bilkau zwei jungen Eltern an, die völlig unerwartet ihre Stellung in der Gesellschaft verlieren. Die verzweifeln und plötzlich alles in Frage stellen, die auseinander triften anstatt zusammenzuhalten. Georg und Isabell werden zu Einzelkämpfern, können sich nicht mehr in die Augen sehen. Die Angst zu scheitern ist allgegenwärtig.

Auf dem Heimweg schaut er wieder in die Fenster der anderen, dringt mit seinem Blick in ihre hellen Räum ein. Früher haben er und Isabell das oft gemeinsam gemacht. Zusammen schauten sie in fremde Zimmer. Bei abendlichen Spaziergängen wurden sie zu Voyeuren. Regalwände voller Bücher, geschmackvoller Deckenlampen, moderne, offene Küchen, die bunten Vorhänge der Kinderzimmer. Signale gesicherter Existenzen, die ihnen immer ein wohliges Gefühl gaben. Das eigene Leben in den fremden Wohnungen erkennen. Inzwischen sagen alle dasselbe: Wir können, du nicht.

Zitat, Seite 200/201

Mutig und schamlos setzt sich Bilkau in ihrem Debüt mit existenziellen Fragen auseinander: Wie definiert man Glück? Ab wann gilt man als gescheitert? Wie bewahren wir unser Ansehen in der Gesellschaft? Mit ihrem Blick hinter die glitzernde Fassade bohrt sie in offene Wunden. Ganz bewusst hält sie uns den Spiegel vor Augen. Scheint uns darin bestärken zu wollen, unserem Stil treu zu bleiben und uns keinen Stempel aufdrücken zu lassen. Wir sollten glücklich sein, wenn wir es wollen und nicht, wenn wir es müssen.

<3 <3 <3 <3 <3

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