Guten Tag, Leben!

„Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ – Tabea Hertzog

„Oft sitze ich jetzt einfach nur in meiner Küche. Der Frühling ist da und die Vögel und das Licht und die hellgrünen Knospen. Manchmal komme ich mir so lächerlich vor. Jeder Augenblick erscheint lächerlich. Als wäre der Sinn verloren gegangen.“

Zitat, Seite 17

Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag erhält Tabea die lebensverändernde Diagnose „Chronische Niereninsuffizienz“. Plötzlich steht alles in den Sternen, nicht nur ihre geplante Reise in den Iran, sondern auch ihr weiterer Weg durchs Leben. Kurz darauf verschlechtert sich ihr Zustand, zwingt sie zur regelmäßigen Dialyse und schon bald ist klar, dass auch kein Weg an einem Spenderorgan vorbeiführt.

Auf der Suche nach einer neuen Niere irrt sie auch durch ihr zerklüftetes Familienkonstrukt, das sich aus einem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter und einem relativ neuen Kontakt zum Vater, der über Jahre nicht Teil ihres Lebens war, zusammensetzt. Während die Mutter anfangs noch sporadisch an ihrer Seite steht, dann aber völlig von der Bildfläche verschwindet, ist es der Vater, der plötzlich wieder eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielt: Er fungiert als lebensrettender Organspender.

Dass es ausgerechnet die Niere ihres Vaters sein wird, die ihr das Weiterleben ermöglicht, versetzt Tabea in Aufruhr. Seine Art, ihr plötzlich alles recht machen zu wollen, macht sie wütend. Ihre Wut ist von Abwehr begleitet, von dem Wunsch weiterhin eigenständig agieren zu können und nicht von ihrem Vater abhängig zu sein. Wo er doch ihr halbes Leben nicht für sie da war. Seine Niere mag ihr ein neues Leben schenken, nicht aber die verloren gegangene Bindung zu ihm zurückbringen.

„Manchmal ist es besser, dass alles neu ist, als umgekehrt. (…) Manche Erfahrungen noch nicht gemacht zu haben bedeutet auch, dass der Umgang damit noch nicht von Gefühlen vorbelastet ist.“

Zitat, Seite 20

Es sind leise und behutsame, aber sehr berührende Zeilen, mit denen Tabea Hertzog uns ihre Geschichte erzählt. Denn „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ ist ein autobiografischer Roman, er spiegelt Hertzogs persönlichen Weg als Organempfängerin wieder. Und so begegne ich in diesem Roman einer jungen Frau, die uns auf sehr offene, ehrliche und zugleich kühle und humorvolle Art ihre Geschichte erzählt, die uns ihre Gedanken und Gefühle anvertraut, die sie während all der Zeit durchfluteten.

„Mir wurde nicht beigebracht zu fühlen. Mir wurde beigebracht, stark zu sein. Vielleicht stammt daher mein Wille. Das Fühlen versuche ich zu lernen . Den Willen würde ich niemals aufgeben.“

Zitat, Seite 93

Die Diagnose an sich, so unerwartet und plötzlich sie für Hertzog kam, schien die Autorin ganz gut wegzustecken. Sie reagierte souverän, bewahrte über all die Zeit eine unglaubliche Ruhe und arrangierte sich mit den Veränderungen, die die Krankheit mit sich brachte. Die Dialyse, die Umstellung von Ernährungs- und Trinkgewohnheiten, die Veränderungen im Privatleben, die sich in einem stetigen wachsenden Rückzug von ihren Freunden und einer wachsenden Verbundenheit zu anderen Dialysepatienten bemerkbar machte. Doch was Hertzog auf ihrem ohnehin schon beschwerlichen Weg wirklich zusetzte, war der familiäre Ballast. Ballast, der schwer auf ihr wog, ihr die Luft zum Atmen nahm und sie in ihrer Freiheit einschränkte. Während die eigene Mutter sich bereits bei der Suche nach einem geeigneten Organ klammheimlich aus der Affäre zieht und ihrer Tochter damit jegliche Unterstützung verwehrt, ist es Hertzogs Vater, der sich bereiterklärt, seine Niere zu spenden.

Doch wie steht man zu einem Menschen, der das halbe Leben nicht da war, zu dem man keinerlei väterliche Bindung hat, der wie ein Fremder ist? Wie schwierig es war, mit ihrem Vater plötzlich so vieles teilen zu müssen, sich auf ihn einzuspielen, seinem ständigen Bedürfnis nach Konversation gerecht zu werden, bringt Hertzog wunderbar zum Ausdruck. Überhaupt sorgt sie dafür, dass man ihr während des Lesens sehr nahe kommt, sich gut in ihre Haut hineinversetzen, ihre Enttäuschung, ihre gelegentlich aufkommende Wut und ihre Furcht um schwindende Eigenständigkeit absolut verstehen kann.

„Ich vermisse die uneingeschränkte Freiheit. Manchmal glaubt man, unbedingt einen Liter Cola trinken zu müssen. Es geht dabei nicht um den ganzen Liter, weit weniger würde reichen. Doch will man die Möglichkeit haben. Bedingungslos. Das Gefühl, keine Grenzen zu haben. Phosphat ist Gift für meinen Körper. Cola hat viel zu viel Phosphat. Das erste, was ich nach der Operation tun werde (…) ? Mir am Automaten eine Cola kaufen.

Zitat, Seite 149/150

Doch trotz des an sich traurigen Themas gelingt Hertzog die Geschichte mit einer wunderbaren Leichtigkeit zu versehen. Nahezu leichtfüßig bewegt sie sich durch ihren Roman, zeigt, dass sie über all die Zeit ihren Humor und ihren Lebenswillen beibehalten hat und ihre Krankheit manchmal sogar auf die Schippe nahm. Hertzogs Art und Weise auf die Welt zu blicken, uns zu verdeutlichen, wie selbstverständlich wir Dinge oft nehmen, die alles andere als selbstverständlich sind, dass es die kleinen und nicht die großen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen – all das hat mich wirklich unglaublich berührt.

Es ist schon faszinierend, wie anders einem das Leben plötzlich begegnet, obwohl es eigentlich immer noch das gleich ist. Und doch irgendwie nicht.

„Wir neigen dazu, Dinge aufheben zu wollen für eine Zeit, die möglicherweise niemals kommt. Die Vorstellungskraft ist am größten, wenn ein Schritt noch nicht getan wurde. Denn genau dann ist noch alles möglich.“ 

Zitat, Seite 121

#diesertageinleben 2: Das stärkste Mädchen der Welt

Wie alles begann

„Pippi ist ein Einfall, keine von Anfang an durchdachte Figur. Freilich war sie von Anfang an bereits ein kleiner Superman – stark, reich und unabhängig.“

Astrid Lindgren in einem Interview des Svenska Dagbladet, 24. Dezember 1967

Ich möchte heute, in der Woche ihres 75. Geburtstags, mit Lindgren’s Figur „Pippi Langstrumpf“ beginnen. Denn wenn man es genau nimmt, haben wir Pippi all die vielen Geschichten von Astrid Lindgren zu verdanken, die es nach ihr zur Veröffentlichung schafften. Sie hat quasi den Grundstein für Lindgrens Karriere als Kinderbuchautorin gelegt. Vielleicht war es es aber auch der Verdienst von Bibliothekarin Elsa Olenius, die sich damals dafür eingesetzt hat, dass es das stärkste Mädchen der Welt überhaupt in den Buchhandel geschafft hat. Denn die Geschichte, die Lindgren im Frühjahr 1941 für ihre an Lungenentzündung erkrankte Tochter Karin erfand und 1944 niederschrieb, als sie wegen eines verstauchten Knöchels bettlägerig war, musste erst einige Hürden überwinden, bevor sie endlich die Kinderzimmer außerhalb der Lindgren-Familie stürmen konnte.

Wusstest du es?

Der Name Pippi Langstrumpf war ein spontaner Einfall von Lindgrens Tochter Astrid

Elsa Olenius, die 1944 in der Jury eines Schreibwettbewerbs von Rabén & Sjögren saß, an dem Lindgren mit ihrer Geschichte „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ teilgenommen und den zweiten Preis gewonnen hatte, und zudem als Lektorin beim Verlag arbeitete, war sicher die Erste, die das Potential der Pippi-Geschichten erkannte. Deshalb sorgte sie auch dafür, dass Lindgren im darauffolgenden Jahr mit ihrem überarbeiteten Pippi-Manuskript den ersten Preis beim Schreibwettbewerb desselben Verlages einheimste. Dass die Geschichte der frechen Seemannstochter dann aber auch gedruckt wurde, haben wir sicherlich Olenius‘ unermüdlichen Einsatz zu verdanken. Ein Jahr zuvor hatte Lindgren ihr Manuskript noch hoffnungsvoll an den großen Bonnier Verlag geschickt und nach langer Wartezeit eine Ablehnung erhalten. Es hieß, der Verlag habe sein Kinderbuchprogramm für die nächsten zwei Jahre bereits finalisiert, in Wahrheit empfand der Verleger Gerard Bonnier, selbst Vater von kleinen Kindern, die Geschichte der selbstbewussten Pippi einfach zu anspruchsvoll.

1945 durfte Pippi dann endlich unter dem Dach von Rabén & Sjögren die Welt erobern und schaffte es 1949 auch nach Deutschland. Die Geschichte, die wir unter dem Titel „Pippi Langstrumpf“ kennen, weicht allerdings von den elf Kapiteln der Ur-Pippi, die Lindgren ihrer Tochter zum zehnten Geburtstag schenkte, ab. Im Original war Pippi noch viel frecher und verrückter als wir sie heute kennen. Hättest du das für möglich gehalten? Das Original-Manuskript von Pippi Langstrumpf erschien 2007 anlässlich des 100. Geburtstages von Astrid Lindgren unter dem Titel „Ur-Pippi“.

Wusstest du es?

Da Lindgren die Geschichte als Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter Karin niederschrieb, hat Pippi Langstrumpf am exakt gleichen Tag wie Karin Geburtstag, am 21. Mai.

Das Pippi-Fieber bricht aus

Zur Veröffentlichung von „Pippi Langstrumpf“ ist in Schweden ein regelrechtes Pippi-Fieber ausgebrochen, das seinen Höhepunkt 1949 im Park Humlegården zum „Tag des Kindes“ fand. Zehntausende von Eltern und Kindern stürmten an diesem Tag den Park, in dem eine Art Pippi-Themenpark aufgebaut war. Alle wollten Pippi, ihren kleinen Affen Herrn Nilsson und ihr Pferd vor der Villa Kunterbunt sehen. Es kam dabei zu tumultartigen Szenen:

„Kinder und Eltern drängten sich um die große Villa-Kunterbunt-Bühne in der Mitte des Parks, um eine Runde auf Pippis Pferd zu reiten, am Wettbewerb um die beste Pippi-Verkleidung teilzunehmen oder um einige der glitzernden Goldmünzen zu erwischen, die laut Programm zwei Mal am Tag vom Himmel „regnen“ sollten. Die Schlange zum Miniaturzug „Pippi-Express“, der durch Humlegården tuckerte, war kilometerlang, und die Bahn hatte so prominente Passagiere wie Carl Gustaf, den „Kleinen Prinzen“ von Schweden, und seine ältere Schwester Christina an Bord.“

Auszug aus Jens Andersens Biografie „Astrid Lindgren – Ihr Leben“

Die Einflüsse des Krieges

Als ich die Geschichte von Pippi Langstrumpf als Jugendliche kennen und lieben gelernt hatte, spielte die Zeit ihres Entstehens natürlich keine wirkliche Rolle für mich. Der kecke Rotschopf gefiel mir auf Anhieb, diente mir bei meiner persönlichen Entwicklung als großes Vorbild. Ich wollte genauso frech, mutig und selbstbewusst sein wie sie und trieb mitunter zu Fasching als Pippi mein Unwesen.

Heute bin ich um einige Informationen reicher, weiß, dass Pippi in einer der schlimmsten Phasen des Zweiten Weltkriegs und damit in einer sehr menschenverachtenden und emotional abgestumpften Zeit entstanden ist. Der Krieg hinterließ bei vielen seine Spuren, auch bei Lindgren. Ihre Abscheu vor Gewalt und Totalitarismus ist im Wesen ihrer Pippi gut zu erkennen. In Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern von 1939 – 1945, die unter dem Titel „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ sind, wird außerdem deutlich, dass nicht nur der Krieg selbst, sondern auch einzelne Personen (wie z.B. Hitler, Stalin und Mussolini) für manche Pippi-Geschichten von Bedeutung waren.

Lindgrens Haltung zu Hitler, die eine Mischung aus Abscheu und Faszination war, mündete sogar in einer Art Hitler-Satire. Im Kapitel „Pippi im Zirkus“ wird Hitler zu einem cholerischen Zirkusdirektor in schwarzem Frack und Peitsche, der sich einigen Kraftproben mit dem frechen Rotschopf stellen musste. Pippi, die anfangs noch im Publikum sitzt, und später auf den Rücken eines der Pferde in der Manage springt, tanzt dem energischen Zirkusdirektor derart auf der Nase herum, dass seine diktatorische Ordnung in der Manege irgendwann völlig im Chaos versinkt.

Wenn es im wahren Leben doch auch so eine mutige Pippi gegeben hätte!

Die Rechte der Kinder

Entgegen vieler Vermutungen zielte Astrid Lindgren mit ihrem starken Mädchen wohl nicht in eine spezielle pädagogische Richtung ab, sondern erweckte Pippi vielmehr als Antwort auf die Brutalität und Bosheit des Krieges zum Leben. Sie versah ihr Heldin mit all den Charaktereigenschaften, die zu der Zeit sehr rar waren. Sie ließ sie stets gut gelaunt, gütig, großzügig, furcht- und vorbehaltslos werden. Aber eben auch verrückt, laut und ungezogen. Pippis Kraft war und ist ungeheuerlich! Das wurde nicht nur anhand ihrer Stärke (mit der sie mal eben ihr Pferd hochhebt), sondern auch ihres Charakters deutlich. Darum lieben sie Kinder wohl auch damals wie heute. Sie macht sich die Welt einfach „widde widde wie sie ihr gefällt“; schert sich nicht, was die Erwachsenen von ihr denken, und fordert vehement ihre Rechte als Kind ein. Auch stellvertretend für die anderen Kinder.

Wusstest du es?

Astrid Lindgren hat sich zeitlebens für die Rechte der Kinder eingesetzt und wurde 1978 als erste Kinderbuchautorin für ihr Engagement mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Mancherorts behauptete man ja, dass die unkonventionelle Pippi nur so legendär geworden wäre, weil sie während der Zeit der Kindererziehungsdebatten in Schweden zu ihrer Veröffentlichung fand. Überall ist Lindgren mit ihrem starken Mädchen angeeckt und hat für mächtig Schlagzeilen gesorgt. „Pippi Langstrumpf“ hat eine heftige Lawine an Diskussionen über Kindererziehung in Gang gesetzt. Denn Pippis Verhalten duldete man bei den eigenen Kindern nicht. Viele Erwachsene befürchteten, dass der freche Rotschopf, der seinen ganz eigenen Regeln folgte, ein schlechtes Beispiel für die Kinder sei. Auf lange Sicht haben sich diese Befürchtungen aber nicht bewahrheitet. Die Geschichten von Pippi dienten und dienen noch heute den Kindern als Zufluchtsort; ein Ort, an dem alles möglich ist. Astrid Lindgren gab den Kindern Pippi zur Freundin.

„Freie und unautoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen. Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden.“

Astrid Lindgren in ihrer Dankesrede 1978, die unter dem Titel „Niemals Gewalt“ erschienen ist 

Vom Buch zum Film

1969 wurde Pippi Langstrumpf erstmals mit Inger Nilsson in der Hauptrolle verfilmt. Insgesamt sind vier Spielfilme und eine 21-teilige Fernseh-Serie entstanden. Allerdings unterscheiden sich die Filme von den Büchern, selbst wenn Astrid Lindgren dafür die Drehbücher geschrieben hat. Denn natürlich kam es zu einigen Anpassungen für die Filme.

So trägt Pippi ihren 4.Vornamen „Schokominza“ beispielsweise nur nur in den Filmen, während im Buch an dieser Stelle „Pfefferminz“ steht. In den Büchern stellt sich Pippi das erste Mal im Kapitel „Pippi geht in die Schule“ mit ihrem vollständigen Namen vor, als sie von der netten Lehrerin danach gefragt wird.

„Ich heiße Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, Tochter von Kapitän Efraim Langstrumpf, früher Schrecken der Meere, jetzt Negerkönig. Pippi  ist eigentlich nur mein Kosename, denn Papa meinte. Pippilotta wäre zu lang.“

Was wir von Pippi lernen können

Im Internet stößt man auf eine ganze Reihe an scheinbaren Pippi-Zitaten, die über die Jahre einen gewissen Bekanntheitsgrad erfahren haben. Oft handelt es sich jedoch um Zitate, die ich weder den Pippi-Büchern noch den -Filmen zuordnen kann. Nachfolgend möchte ich euch ein paar meiner ganz persönlichen Lieblings-Pippi-Zitate verraten, die in der Pippi-Gesamtausgabe  von 1978 zu finden sind.

In vielen Aussagen von Pippi steckt sehr viel Wahrheit, auch wenn die Formulierung natürlich die eines Kindes ist. Sie verdeutlichen wunderbar Pippis starken Charakter. Denn Pippi ist nicht nur frech, ungezogen und mutig, sondern auch sehr schlau und gewitzt. Sie spricht oft das aus, was andere denken. Und deshalb dient Pippi nicht nur den Kindern, sondern auch den Erwachsenen gewissermaßen als Vorbild. Man muss die Botschaft der Aussagen nur richtig verstehen.

„Warum bist du rückwärts gegangen?“ „Warum ich rückwärts gegangen bin?“ sagte Pippi. „Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte?“

Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ein, Seite 15

„Am besten, ihr geht jetzt nach Hause“, sagte Pippi, „damit ihr morgen wiederkommen könnt. Denn wenn ihr nicht nach Hause geht, könnt ihr ja nicht wiederkommen. Und das wäre schade.“

Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ein, Seite 20

„Ich hab schon einen Platz im Kinderheim“, sagte Pippi. (…) „Ich bin ein Kind. Und das ist mein Heim, also ist es ein Kinderheim.“

Pippi spielt Fangen mit Polizisten, Seite 36

„Liebe Kinder, ihr sollt ja auch eure Geburtstagsgeschenke haben“, sagte sie. „Ja, aber – wir haben doch gar nicht Geburtstag“, sagten Thomas und Annika. Pippi sah sie erstaunt an. „Nein, aber ich hab Geburtstag, und da kann ich euch ja wohl auch Geschenke machen! Oder steht irgendwo in den Schulbüchern, dass man das nicht kann?“

Pippi feiert Geburtstag, Seite 135

„Annika“, rief Pippi streng, „was machst du da? Merk dir, dass Eine-Wirklich-Feine-Dame sich nur in der Nase bohrt, wenn sie allein ist!“

Pippi macht einen Schulausflug mit, Seite 197

„Annika fragte: „Dürfen wir mit den Fingern essen?“ „Meinetwegen gern“, sagte Pippi. „Aber ich halt mich an den alten Trick, mit dem Mund zu essen.“

Pippi erleidet Schiffbruch, Seite 236/237

„Ach was“, sagte Pippi. „Wenn das Herz nur warm ist und schlägt, wie es schlagen soll, dann friert man nicht.“

Pippi verlässt die Taka-Tuka-Insel, Seite 379

„Erbsen!“ sagte Thomas erstaunt. „Glaubst du, was?“ sagte Pippi. „Das sind keine Erbsen. Das sind Krummeluspillen. Ich hab sie vor langer Zeit in Rio von einem alten Indianerhäuptling gekriegt, als ich gerade mal sagte, dass mir nicht so viel daran läge, groß zu werden. (…) Man muss sie im Dunkeln nehmen, und dazu muss man sagen: „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß.“

Pippi Langstrumpf will nicht groß werden, Seite 386

„Was in aller Welt ist mit euch los?“, fragte Pippi gereizt. „Ich will euch nur sagen, dass es gefährlich ist, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.“

Pippi geht an Bord

Quellen

„Astrid Lindgren – Ihr Leben“ – Jens Andersen (DVA, 2014)

„Die Menschheit hat den Verstand verloren – Astrid Lindgren“ (Tagebücher 1939-1945, Ullstein, 2015)

Pippi Langstrumpf – Astrid Lindgren (Gesamtwerk, Oetinger, 1978)

„Niemals Gewalt“(Astrid Lindgrens Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, 1978)

efraimstochter.de (Pippi Langstrumpf Fanseite)

Aus dem Leben einer Mutter + Giveaway

Gedanken und Impressionen zu

„Mama“ von Quentin Gréban & Hélène Delforge

Mama

Substantiv, [die]

Eine Frau, die immer das Beste in ihren Kindern sieht, selbst wenn diese sie ihn den Wahnsinn treiben

Synonym: Alltagsheldin, beste Freundin, Mami

Mama: Wenn ein Wort für Leben steht

Heute ist Muttertag. Der perfekte Zeitpunkt, um unseren Müttern zu danken. Für all die Zuwendung, die sie uns im Laufe unseres Lebens geschenkt; für all die schlaflosen Nächte, die sie für uns auf sich genommen; für all den Kummer, den sie für uns ertragen und für all den Glauben, den sie in uns gesetzt haben. Dafür, dass sie immer für uns da waren und es bis heute sind.

Zugegeben, seit ich selbst Mama bin, rückt mir die Komplexität und Bedeutung einer Mutter für ihr Kind immer mehr ins Bewusstsein. Ich bin lange Zeit davon ausgegangen, eine geborene Mama zu sein. Bis ich zu einer Mutter wurde und mir eingestehen musste, dass die Rolle weitaus anspruchsvoller ist, als ich gedacht hätte. Dass ich nicht als Mama geboren wurde, sondern vielmehr hineinwachsen muss; mich erst auf dem Weg dorthin befinde, eine zu werden. Eine, wie ich sie für meine Tochter sein möchte. Eine, die ihr Kind völlig übermüdet und schlaftrunken in die Arme schließt, den zehnten Tobanfall am Tag milde über sich ergehen und alle Fünfe mal grade sein lässt. Eine, die den schmalen Grat zwischen Mutter und Frau meistert; sich selbst nicht so wichtig nimmt, neben der Mama aber auch noch weiterhin existiert. Als Frau. Als Partnerin. Als eigenständige Person.

Ich habe Kinder schon immer geliebt, mich in ihrer Nähe stets wohlgefühlt. Doch zwischen der Funktion als Patentante bzw. Babysitterin und der als Mama besteht ein großer Unterschied. Das muss nun auch ich einsehen. Die Mutterschaft ist nicht zeitlich begrenzt. Sie beginnt mit der Geburt des Kindes und begleitet uns von da an täglich bis zu unserem Tod. Sie ist ein Fulltime-Job. Bedingungslose Liebe 24/7. Und so musste auch ich in den ersten eineinhalb Jahren meine ersten Schritte als Mama gehen; an persönliche Grenzen stoßen, Eingeständnisse machen, Erfahrungen sammeln und Dinge erlernen; um zukünftig als Mutter zu funktionieren. Die Entwicklung steckt noch immer in den Kinderschuhen, ist quasi ein Lebensprojekt.

Wie wir an Kindern wachsen

Sicher war mir bewusst, dass Babys weinen. Dass es am Anfang überhaupt ihre einzige Möglichkeit ist, um auf sich aufmerksam zu machen. Weinen ist ihr Weg ihre Bedürfnisse auszudrücken, ihren Kummer für uns spürbar werden zu lassen. Nie hätte ich gedacht, wie sehr mich so ein anhaltendes Weinen, das in Schreien übergehen kann, mitnimmt. Wie es mir in Mark und Bein übergeht. Wie es mich fordert. Es hat mich in der Anfangszeit schier in den Wahnsinn getrieben, ständig abrufbar sein und meine Bedürfnisse komplett zurückstecken zu müssen. Oft war ich verzweifelt, nahezu hilflos und brach in Tränen aus, manchmal wurde ich auch richtig wütend. Auf mich selbst, auf die Situation, auf meine Tochter. Macht mich das zu einer schlechten Mama? Oft ist mein Scheitern in dieser Frage gemündet.

Emma ist nun eineinhalb Jahre alt. Sie läuft mittlerweile recht zügig, spricht ihre ersten Wörter und macht mir immer mehr verständlich was sie möchte. Sie ist ein Sonnenschein und im nächsten Moment ein Teufelchen. Sie wächst in einem rasenden Tempo, entwickelt sich von Tag zu Tag mehr zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Die erste Bewährungsprobe als Mama liegt hinter mir, die nächste steht unmittelbar bevor. Ich bin nicht perfekt, übe mich aber jeden Tag ein bisschen mehr in Geduld, in Ruhe und Gelassenheit. Tugenden, die mir sicher nicht in die Wiege gelegt wurden. Oft gelingt es mir nicht, meine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Dann frage ich mich, ob ich sie zu hoch gesteckt habe, ob es nur mir so geht oder irgendwie jede Mama eine derartige Entwicklung durchmacht. Manchmal aber werde ich meinen Erwartungen gerecht. Und dann gehe ich völlig als Mutter auf. Dann ist es die große Liebe!

Kinder bringen Seiten in uns zum Vorschein, die wir bis dato nicht an uns kannten. Sie erfordern unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bringen uns damit oft an persönliche Grenzen, lassen uns aber zeitgleich an den Herausforderungen wachsen. Sie schenken uns die Möglichkeit, die Welt aus ihren Augen zu betrachten und in klitzekleinen Dingen das Schöne zu sehen. Uns an der Welt zu erfreuen. Sie lassen uns mit gutem Beispiel vorangehen, ihnen ein Vorbild sein, gleichzeitig aber selbst wieder zum Kind werden. Albern sein. Unsinnige Dinge machen. All die Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe, die wir in unsere Kinder säen, werden irgendwann in einer Persönlichkeit fruchten, der wir mit Stolz in die Augen blicken und sagen können: „Du bist mein Kind.“

„Es gibt kein Alter, in dem alles so irrsinnig intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.“

Astrid Lindgren

Emma – Ein Potpourri aus Momentaufnahmen

Momente des Glücks:

  • dein erstes richtiges Lächeln (das nicht aus Reflex entsteht)
  • wie du das erste Mal „Mama“ zu mir sagst
  • deine ersten holprigen Schritte, barfuss über unseren Rasen
  • wie du dich in meine Arme wirfst
  • dein engelsgleicher Gesichtsausdruck beim Schlafen
  • deine Hand in meiner
  • wie du voller Herzen lachst

Momente des Haderns:

  • wie ich nachts zum Bett tapse, um zu schauen, ob du noch atmest
  • wie ich ins Nebenzimmer flüchte, weil ich dein Schreien nicht mehr ertrage
  • der schmale Grat zwischen Entzückung und Bedrängnis, als du mit deinen Händen auf meinem Dekolletee herumknetest
  • als meine Hände durch das viele Tragen eingeschlafen sind
  • wie dein Einschlafritual sich in Blutergüssen und Kratzspuren bemerkbar macht
  • wie du dich zu Boden wirfst, so schwer wirst, dass ich dich nicht mehr halten kann

 

Momente des Stolzes:

  • wie du dich das erste Mal vom Rücken auf den Bauch rollst
  • wie du dein Knusper mit anderen Kindern teilst
  • wie du das erste Mal alleine schaukelst
  • wie du deine Umgebung aufmerksam studierst
  • wie du für eine halbe Stunde in deine Bücher versinkst
  • als du genau weißt, wovon ich spreche

Wenn ein Buch das Leben einfängt

„Kleine Momentaufnahmen, überbelichtet, unscharf, verwackelt. Echt. Unendlich kostbar. Hier, hier versteckst du dich, hier finde ich dich wieder, mein Sohn.“

Zitat aus dem Buch

Ob es ein Buch gibt, dass all meine Gedanken widerspiegelt und für das Leben einer Mutter steht. Ja, das gibt es. Es heißt „Mama“.

Es gibt sie, Bilder, die dich so sehr berühren, dass du dich nicht von ihnen abwenden kannst. Sie fesseln dich, versetzen dich in Aufruhr, bringen dich zum Lachen oder auch zum Weinen. Sie lassen dich gedanklich zurückreisen. Zu Momenten aus deinem eigenen Leben und plötzlich schäumen sie wieder hoch, die Gefühle vergangener Tage. Sie sind wieder so präsent, als hättest du sie erst gestern verspürt. In „Mama“ gibt es Bilder dieser Art reichlich. Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben einer Mutter. Gleichzeitig wohnen dem Buch aber auch Zeilen inne, die für Verzweiflung, Hilflosigkeit aber auch ganz viel Liebe und im perfekten Einklang zu den Bildern stehen. Durch das harmonische Zusammenspiel von Quentin Grébans zauberhaften Bildern und Hélène Delforges berührenden Zeilen wurden in diesem Buch die unterschiedlichsten Momentaufnahmen aus dem Leben einer Mutter eingefangen. Während ich einige dieser Momente bereits selbst erleben durfte, liegen einige noch vor mir. Manche wiederum sind nur für gewisse Menschen, gewissen Lebensumständen bestimmt. Jeder wird hier seine ganz eigenen persönlichen Momentaufnahmen wiederfinden.

„Mama“ ist kein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es ist genaugenommen ein Buch für alle Mütter dieser Erde. Für Mütter unterschiedlicher Herkunft, Religion und Hautfarbe. Es ist eine Hommage an das Muttersein. Und so authentisch und ungeschönt, dass es dich mitten ins Herz trifft.

Ein Penny für deine Gedanken – Ein Giveaway für deine Momentaufnahme

Wenn ich in den ersten eineinhalb Jahren als Mama etwas gelernt habe, dann dass man seinen ganz individuellen Weg gehen und seine eigenen Entscheidungen treffen muss. Dass es kein richtig und kein falsch gibt, wenn man zum Wohle des Kindes handelt. Egal was die anderen denken. Egal, welche Ratschläge dich von vielen Seiten erreichen. Die Ernte aus deiner Saat wird eines Tages erfolgen.

Dennoch dienen mir die Erfahrungen anderer oft als Inspirationsquelle, können zu einem Wegweiser auf meinem Weg durch das Leben werden. Ich würde mich daher sehr freuen, wenn du mir eine Momentaufnahme aus deinem Leben als Mama mit auf den Weg gibst. Ganz gleich ob positiver oder negativer Natur. Verrate mir bis Sonntag, den 19. Mai 2019 um 23:59 Uhr deine persönliche Geschichte in Form eines Kommentars und springe damit in den Lostopf für ein Exemplar des Buchs.

Viel Glück!

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von arsEdition für die Verlosung zur Verfügung gestellt. Mein eigenes Exemplar ist selbst gekauft.]

Kinderfreuden #31: Frühling, Frühling, wird es nun bald!

„Hopp! Hopp! Aufgewacht, die Sonne lacht!“ – Linda Ashman, Chuck Groenink

„Hopp! Hopp“, ruft Till. „Schnell aufgewacht, der Frühling kommt, die Sonne lacht.“

Nach einem langen Winterschlaf scheucht Till die gesamte Rasselbande aus dem Bett. Nur mühsam lassen sich seine tierischen Bettgenossen davon überzeugen, aus dem warmen Bett zu klettern um ihm bei den Vorbereitungen eines ganz besonderen Festes zu unterstützen. Denn es hat sich ein gefiederter Frühlingsbote angekündigt, der gebührend empfangen werden will. Gemeinsam gehen die Vorbereitungen einfacher von der Hand und so helfen alle Freunde mit, nur der kleine Waschbär kommt einfach nicht aus den Federn. Ob der Duft von frischgebackenem Kuchen ihn aus dem Bett locken kann?

Eckdaten

Pappbuch, ab 3 Jahren

35 Seiten
25 x 27,50 cm
ISBN: 978-3-8458-3042-1

Text: Linda Ashman
Illustration: Chuck Groenink

Verlag arsEdition

12,99 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Nachdem der kleine Junge Till im vorangegangenen Werk „Klopf! Klopf! Komm herein, keiner bleibt heut Nacht allein!“ ein Tier nach dem anderen in seinem Bett empfangen hat, um sie vor der kalten Winternacht zu retten, scheucht er nun in „Hopp! Hopp! Aufgewacht, die Sonne lacht!“ einen nach dem anderen aus dem Bett, um den Frühling zu begrüßen, der sich in Form eines gefiederten Gastes angekündigt hat.

Vorgänger „Klopf! Klopf“ Komm herein, keiner bleibt heut Nacht allein!“

Ich finde bei den Werken von Linda Ashman und Chuck Groenink nicht nur die Wortspiele im Titel wirklich gelungen, sondern auch dass sich beide Werke im wechselnden und für eine Geschichte einheitlichen Farbschema präsentieren. Während der Vorgänger im dunklen Blau daherkam und symbolisch für die kalte Winternacht stand, begegnet uns das neue Werk nun in sanftem Frühlingsgelb. Schön wäre es sicher, wenn das Wetter sich gerade so strahlend präsentieren würde, wie im vorliegenden Buch. Nachdem hier für ein paar Tage bestes Wetter geherrscht hat, das sich schon mehr nach Sommer als nach Frühling anfühlte, ist ist es nun wieder kalt und verregnet draußen. Das Pappbuch hat uns daher genau zum richtigen Zeitpunkt erreicht, denn es ist der ideale Stimmungsaufheller!

Die Geschichte, die in perfektem Einklang von Groeninks liebevollen und großformatigen Illustrationen und Ashmans Text in melodischer Reimform steht, ist nicht nur herzerwärmend sondern auch lehrreich. Denn während der Junge die Tiere in der kalten Winternacht bei sich in der warmen Stube aufgenommen hat, bekommen sie nun die Gelegenheit sich bei Till zu revanchieren. Der gefiederte Gast soll schließlich gebührend empfangen werden. Und so scheucht Till ein Tier nach dem anderen aus dem kuscheligen Bett, damit sie ihn bei den Vorbereitungen des Frühlingsfestes unterstützen. Gut, der Waschbär kommt irgendwie nicht aus den Puschen, aber irgendeiner trödelt ja immer!

Und so wird hier nicht nur eine Geschichte von Freundschaft und Zusammenhalt erzählt, sondern auch von Nachsicht. Denn dass der Waschbär sich bis zum Schluss vor der Mithilfe drückt, sorgt bei den restlichen Tieren natürlich nicht für Begeisterung. Erst sein Einsatz für die Vogelnester im Wald, kann sie friedlich stimmen. Schließlich sollte jeder seinen Teil am Frühlingsfest beitragen, bevor er sich ein Stück vom Kuchen gönnt.

In der Position des Waschbären werden sich sicher einige Kinder auf Anhieb wiederfinden. Denn getrödelt wird bei den Kleinen ja schon mal ganz gerne. Hier erfahren die kleinen Entdecker nicht nur, welche Konsequenzen das haben kann, sondern auch was Freundschaft und Zusammenhalt ausmacht. Zusammen gehen die Dinge eben viel leichter von der Hand und einem Freund kann man doch schließlich nicht im Stich lassen!

Besonders schön anzuschauen finde ich das letzte Bild im Buch (s.u.), auf dem man den Waschbären tatsächlich dabei beobachten kann, wie er im Baumwipfel ein Vogelnest platziert, während es sich die anderen Tiere bereits mit Till auf der Picknickdecke gemütlich gemacht haben. Hier kommt mir sofort „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ in den Sinn. Kann sein, dass ich den Satz als Kind häufiger gehört habe, als mir lieb war.

„Hopp“ Hopp“ Aufgewacht, die Sonne lacht!“ ist ein wunderbares Pappbuch für kleine Tierfreunde. Dank der großen Bilder (die sehr stimmig und nicht überladen wirken) und den Reimen, die schnell ins Ohr gehen und im Kopf bleiben, lädt es bereits weitaus jüngere Kinder zur Entdeckungsreise ein. Emma hat die Geschichte bereits liebgewonnen, auch wenn sie sich oft nicht zwischen all ihren Büchern entscheiden kann. Die dünnen Pappseiten sind von kleinen Kinderhänden nicht nur leicht umzublättern, sondern haben aufgrund ihrer abgerundeten Ecken auch eine längere Lebensdauer (weil sie weniger ausfranzen). Die Bedeutung der vermittelten Werte, ist aber sicherlich erst für Kinder im Kindergartenalter vollends zu begreifen.

„Hallo, Freunde! Hallo Sonne! Hallo, Frühling, welche Wonne!“

Man bemerke den Waschbären links oben im Bild

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Gefällt dir das Buch?

Ja

Wo steht das Buch bei dir?

Mal bei den Gute-Nacht-Geschichten, mal beim Rest im Wohnzimmer

Lieblingsstelle im Buch?

Als der Kuchen fertig auf dem Tisch steht (ich zitiere „Mhhmmm!“), als der gefiederte Frühlingsbote ankommt

 

Worum geht es im Buch?

Um ein ganz besonderes Fest, dass zusammen alles viel einfacher geht

Worauf macht das Buch Lust?

Auf kitzelnde Frühlingssonnenstrahlen auf der Nase

Schlüpft in die Rolle von:

Einer fleißigen Helferin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von arsEdition als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Es grünt so grün, wenn Omas Pflänzchen blühn

„Großmutters Haus – Thomas Sautner“

„Ich neige zum Bild des Buches als Lebensvergleich, eines, vom dem die Leser annehmen, es sei zu Ende, doch dann entdecken sie, hoppla, das waren nur die ersten Zeilen einer sich jäh auftuenden unendlichen Geschichte.“

Zitat, Seite 247

Malina glaubt ihren Augen nicht, als ihr der Postbote ein prall gefülltes Päckchen voller Geldscheine von ihrer totgeglaubten Großmutter überreicht. Kurzerhand nimmt sie sich Urlaub und plant die Oma in der Heimat aufzusuchen. Und auf was Malina da tief im Wald stößt, hat es wirklich in sich. Denn ihre unkonventionelle Großmutter ist nicht nur top in Schuss, lebensfroh und mega lässig, sondern auch eine Dealerin wie sie im Buche steht!

Das illegale Treiben von Oma Kristyna scheint im Dorf niemanden zu stören. Schließlich sind die Polizeichefs und der Bürgermeister höchstpersönlich Abnehmer der heißen Ware. Dass Großmutters Able, Sputnik und Godfather fünftausend wilde Kräutermischungen in sich bergen, die zu Bewusstsein- und Persönlichkeitsveränderungen führen können, scheint Kristyna nicht zu jucken. Ist schließlich alles eine Sache der richtigen Dosierung!

Und so vertickt sie ihre Selbstgedrehten nicht nur am laufenden Band, sondern gönnt sie sich auch noch selbst. Man muss ja schließlich wissen, was man an den Mann bringt! Auch Malina scheint nach anfänglicher Skepsis Gefallen an den Joints zu finden. Schließlich ist die junge Frau auf der Suche nach sich selbst und die besagten Kräuter tun dabei ihr Übliches!

„Deine Omi, das ist die heißeste Missionarin auf Gottes Erdenrund. Zudröhnen kann man sich mit allem Möglichen, aber mit ihren Dingern öffnet sie das Herz und den Geist und die Augen und die Ohren der Menschen.“

Zitat, Seite 221

Welch wahnwitzige Geschichte in „Großmutters Haus“ steckt, muss ich euch nun sicher nicht mehr erzählen. Zwischen den Zeilen wabert ordentlich Qualm! Thomas Sautner sorgt für einen wirklich abgefahrenen Lesetrip. Seine Figuren könnten nicht skuriller sein. Allen voran Malinas Großmutter, aber auch sämtliche ihrer Kundschaft scheinen Bizarrheit für sich gepachtet zu haben. Das sorgt natürlich für ordentlich Lesespaß. Doch die Geschichte befasst sich nicht ausschließlich mit Omas illegalem Gewerbe, sondern auch mit einer Reihe an existentiellen und spirituellen Fragen. Wer bin ich? Wo will ich hin? Was ist der Sinn des Lebens? Sautner lässt seine Protagonistin Malina sogar das Tor zum Universum öffnen, um sich selbst zu finden.

„Du glaubst vielleicht, Bücher verändern die Welt, und das ist ja auch ein herziger Gedanke, aber in Wirklichkeit verändert nur eines die Welt: Egoismus.“

Zitat, Seite 222

Insgesamt scheint Sautners Roman überhaupt viel komplexer zu sein, als ich anfangs vermutet hatte. Was mir am Sautners Stil sehr gefällt, ist, dass er die Fragen, die sich Malina stellt, zumeist offen, den Leser selbst entscheiden lässt, wie er zum Leben steht. Sicherlich, so ein paar lässige Sprüche lässt Kristyna-Oma freilich vom Stapel, aber alles in allem fordert sie ihre Enkelin auf, selbst Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden., die Malina mitgebracht zu haben scheint.

Nebenbei würzt Sautner seine Geschichte noch mit einer Prise Verliebtheit, verleiht ihr damit einen Hauch von Romantik, ohne sie aber in unnötigen Kitsch abtriften zu lassen. Seine Zeilen lesen sich fluffig weg, begegnen dem Leser oft sehr poetisch, teilweise sogar spirituell. An Lieblingstextstellen mangelt es dem Buch nicht. Vor allem Buchliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Wie berauscht taumle ich aus der Geschichte. Selbst passiven Rauchern weht gehörig Stoff um die Nase!

„Schon als Kind war es so, Höhe und Halt suchte ich in Büchern. (…) Zwischen Buchdeckeln war die Welt weiter. Der Zauber begann zumeist unmittelbar nach dem Eintritt. Ideen fluteten mich und ich ging mir verloren in ihnen. Sah überrascht auf, entdeckte mich verwandelt wieder. Keine gänzlich andere als gerade eben war ich, aber eine größere, reichere.“

Zitat, Seite 10/11

Instagrampoesie

„Love. Her. Wild. – Atticus“

„Worte verwunden mehr Herzen als Waffen.“

Zitat, Seite 67

„LOVE. HER. WILD.“ ist ein Lyrikband von äußerlicher wie innerlicher Strahlkraft. Denn was sich hinter dem atemberaubenden Cover verbirgt, ist eine wunderbare Auswahl von Gedanken über die kleinen und großen Augenblicke des Lebens. Es sind Momentaufnahmen, die der kanadische Instagram-Poet Atticus eingefangen und auf seinem Instagram-Kanal @Atticuspoetry veröffentlicht hat. Während er seine Gedanken im Original teilt, hat es nun eine kleine aber feine Auswahl seiner Zeilen ins Deutsche geschafft.

Den drei Worten Love, Her und Wild begegnet man nicht nur im Titel, sondern auch im Inneren des Buches wieder. Sie dienen ihm als Gliederung. Und so kann der Leser unter dem Titel LOVE eine Reihe an Gedanken über die Liebe in all ihren Facetten, unter HER eine Reihe an Zeilen um eine anonyme „Sie“ und unter WILD ein Fülle an Augenblicken um das Leben selbst erobern. Mit dabei ist der wohlige Schauer einer ersten Berührung, der Zauber von Poesie, die Bizarrheit von Liebe, die ungeheure Kraft von Worten oder auch der Schmerz von Einsamkeit. Atticus bringt sowohl tiefschürfende Gedanken als auch flüchtige Empfindungen zu Papier. Seine eindringlichen Worte voller Romantik, ehrlicher Verwundbarkeit aber auch voller schmerzender Intensität gehen tief unter die Haut und direkt ins Herz. So wird die Reise durch das Buch zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle.

„Der schwerste Schritt, den wir alle gehen müssen, ist, blind zu vertrauen in das, was wir sind.“

Zitat, Seite 181

Jede Momentaufnahme ist auf schwarzem oder weißem Hintergrund gebettet, nimmt oft sogar eine ganze Doppelseite für sich ein. Das schenkt dem Buch unglaublich viel Präsenz. Viele Zeilen werden von stimmungsvollen Fotografien in Großformat begleitet, die nicht nur im harmonischen Einklang mit der Botschaft der Zeilen stehen, sondern auch zum Träumen und Verweilen auf der jeweiligen Seite einladen.

Während meine erste Begegnung mit Atticus auf Instagram und demzufolge mit dem englischen Original stattfand, war ich sehr gespannt, wie mir die Übersetzung seiner Zeilen gefallen wird. Denn ich vermute, dass das Übersetzen vom Englischen ins Deutsche oft sehr herausfordernd ist. Wer häufiger im Englischen liest, weiß, dass die Sprache nicht nur ihre ganz eigene Melodie hat, sondern oft auch von Wortspielereien lebt, die manchmal nicht 1:1 ins Deutsche zu übertragen sind. Häufiger gibt es für ein und dasselbe Wort und demzufolge auch für ein und denselben Satz mehrere Bedeutungen. In Geschichten entscheidet der Kontext, in welche Richtung es geht. Bei Atticus stehen die Gedanken für sich alleine, sie lassen Freiraum für die eigene Auslegung. Und so lebt die deutsche Ausgabe von „LOVE. HER. WILD“ sicherlich von der Interpretation des Übersetzers. Viele Zeilen sind Kilian Unger alias Liann wunderbar gelungen, nicht minder magisch oder eindrücklich wie das Original, einige wenige jedoch wirken auf mich nicht stimmig, begegnen mir in einem gänzlich anderen Licht (s.u.).

Übersetzung vs. Original („My atoms love your atoms. It’s chemistry.“)

Lyrik kann eine wunderbare Inspirationsquelle sein. Anders als eigenständige Geschichten lebt sie sicherlich einmal mehr von der Fantasie seiner Leser. Sie kann zum Träumen, Reflektieren und Nachdenken einladen, der erste Schritt von Vielem sein. In was sie mündet, ist jedem selbst überlassen. Für eigene Gedanken schenkt uns der Verlag im hinteren Teil des Buches Platz, der in meinem Fall sicherlich nicht frei bleiben wird. Ich finde nicht immer Zugang zu Lyrik, bin aber vor allem sehr empfänglich für poetische Zeilen, weshalb Atticus mich auf Anhieb anholen konnte. Viele der Gedanken, die er zu Papier gebracht hat, waren mir seltsam vertraut, während ich manches nicht nachvollziehen konnte. Jeder wird hier seine persönlichen Lieblingszeilen für sich finden.

„Zerbrich mein Herz, du wirst sehen, innendrin bist du.“

Zitat, Seite 71

„LOVE. HER. WILD.“ ist ein unglaublicher Bücherschatz. Es ist ein Buch für Romantiker, für Realisten, für Träumer, Lebenskünstler und Abenteurer gleichermaßen. Die unglaubliche Bandbreite von Atticus‘ Gedanken erreicht Menschen unterschiedlichster Art, weshalb das Buch Alt wie Jung, Mann wie Frau begeistern wird. Und so sei euch dieser Lyrikband schwer ans Herz gelegt. Ich bin mir sicher, Atticus wird sich auch in euer Herz schreiben.

„Love her but leave her wild.“

 

 

Kinderfreuden #30: Bei dir piept’s wohl!?

„Ene, mene, Eierkuchen“ – Jörg Isermayer und Daniel Napp

Eigentlich hat sich Eichhorn alle Zutaten für Eierkuchen zurechtgelegt, doch als er mit dem Backen loslegen will, ist plötzlich alles verschwunden. Das Mehl ist weg, Milch und Eier nicht mehr auffindbar. „Eier, Eier, seid so lieb, macht doch einmal Piep!“ Dieses Spiel spielt Eichhorn so lange, bis er all die Zutaten wieder beisammen und den Teig fertig hat.

Bei derart eigenwilligen Zutaten wundert es natürlich keinen, dass der fertige Eierkuchen anschließend nicht auf dem Teller sondern geradewegs auf Eichhorns Kopf landet.

Eckdaten

Pappbilderbuch, ab 2 Jahren

18 Seiten
16,5 x 16,5 cm
ISBN: 978-3-7152-0763-6

Text: Jörg Isermayer
Illustration: Daniel Napp

Orell Füssli Verlag

9,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Die Geschichte dieses kleinen Pappbüchleins ist so simpel wie wirksam! Denn was aus dem Zusammenspiel von Daniel Napps farbenfrohen Illustrationen und Jörg Isermayers flotten Reimen entstanden ist, macht Klein und Groß wirklich ganz großen Spaß.

Es scheint wie verhext, aber als das Eichhörnchen sich ans Backen machen will, scheint alles Nötige verschwunden zu sein. Es beginnt nach den Zutaten zu rufen und tatsächlich melden diese sich mit „Piep!“ zurück. Na also, jetzt steht dem Unterfangen doch nichts mehr im Weg! Doch bis der Teig fertig ist und der erste Pfannkuchen wirklich in der Pfanne brutzelt, geht bei Eichhorns ersten Backversuchen erstmal noch jede Menge schief.

Durch die gleichbleibende Szene im Buch können die Kleinen nicht nur gut beobachten was an Zutaten alles hinzukommt, sondern auch wie Eichhorns Küche im zunehmenden Chaos versinkt. Denn was das tollpatschige Eichhörnchen da in seiner Küche verursacht, ist ein ganz schönes Chaos und als es das Rührgerät einsetzt, erscheint es den Lesern fast so, als dass die Teigspritzer der Geschichte entweichen und im hohen Bogen auf ihrem Gesicht landen. Es ist witzig mit anzusehen, wie sich die vermissten Zutaten und Gegenstände mit „Piep!“ zurückmelden und spätestens als der Pfannkuchen am Ende auf dem Kopf des Eichhörnchen landet, ist das Lachen groß.

Die Geschichte ist simpel, veranschaulicht aber auf wunderbare Weise, wie einfach es ist, mit wenigen Zutaten etwas Leckeres zu zaubern. Eichhorn animiert schon die Kleinsten dazu, selbst in der Küche aktiv zu werden. Isermayers witzige eingängige Reime passen dabei wunderbar zu Napps bunten und lebendigen Bildern. Sie animieren die Kleinen nicht nur zum Nachsprechen sondern bestärken sie auch in ihre ersten Backversuche.

„Ene, mene, Eierkuchen!“ ist ein wunderbares Pappbuch für eure 2-jährigen Nachwuchsköche, die ähnlich wie Luisa sicherlich schon viele Zutaten und Gegenstände aus dem Buch benennen können und daher besonders viel Freude am Entdecken haben werden. Dem anschließenden Pfannkuchenbacken mit Mama steht daher nichts im Weg! Aber wo sind denn eigentlich die Eier hin? „Piep!“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Luisas Urteil:

©instagram.com/marymagmuc

Gefällt dir das Buch?

Ja

Lieblingsstelle im Buch:

jede Stelle, an der sich die Küchengegenstände mit „Piep“ melden (das tun die „echten“ mitunter nun auch, wenn das Buch nicht zur Hand ist ;-))

 

©instagram.com/marymagmuc

Worum geht es im Buch?

Kochen macht Spaß und ist gar nicht so schwierig

Beste Lesezeit:

Vor oder nach dem Werkeln in der Kinderküche

Worauf macht das Buch Lust?

Selbst zu backen oder zu kochen, piep zu machen

©instagram.com/marymagmuc

 

Wo steht das Buch?

Eigentlich im Bücherregal im Kinderzimmer, es verirrt sich aber mitunter immer wieder in die Kinderküche
[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Orell Füssli / Atlantis als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Kinderfreuden #29: Da hat sich doch wer ins Bild gemogelt!

„Löwe, Hase, Schwein – ein Tier passt nicht rein!“ – Nadine Jessler

Löwe, Hase und Schwein, was sollen diese drei Tiere schon gemeinsam haben? Einer tanzt hier gewaltig aus der Reihe! Der Löwe hat sicherlich nichts auf dem Bauernhof zu suchen, wo er doch zu den gefährlichen Tieren zählt und zwischen Elefant, Leopard und Nilpferd zu finden ist. Das merkt man ja schon an seinem Gebrüll. Wobei, so ein Hahn, eine Pute und ein Esel machen auch ganz schön viel Lärm!

In diesem Such-Wimmelbuch gibt es nicht nur jede Menge zu entdecken, sondern es gilt auch ebenjene Tiere zu finden, die sich auf die jeweilige Doppelseite geschummelt haben.

Eckdaten

Pappbilderbuch, ab 2 Jahren

16 Seiten
20 x 27 cm
ISBN: 978-3-7348-1573-7

Illustrationen: Nadine Jessler

Magellan Verlag

9 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Das Riesen-Such-Wimmelbuch „Löwe, Hase, Schwein – ein Tier passt nicht rein!“ begleitet uns tatsächlich schon seit 15 Monaten. Der Zufall wollte es, dass es hier schon einzog, als Emma gerade mal drei Monate war. Eigentlich war es als Geschenk für den Neffen gedacht. Dass der das Buch schon längst hatte, war erstmal unglücklich, kam uns dann aber doch sehr gelegen. Denn so zog es direkt in Emmas Bücherregal ein und avancierte schnell zu ihrem Lieblingsbuch. Es zählt bis heute dazu!

Dass die Altersempfehlung oft nur zur groben Orientierung dient, haben wir für uns recht schnell festgestellt. Das riesige wimmelartige Suchbuch, das für Kinder ab zwei Jahren empfohlen wird, wurde von der Räubertochter nämlich bereits mit drei Monaten angenommen. Kein Witz! Die riesigen kartonierten Seiten sind sehr baby- und sabbertauglich (natürlich nur wenn man die Sabberfäden gleich wegwischt) und die großflächigen Bilder, die durchaus detailreich aber nicht überladen sind, eignen sich auch schon zum Betrachten für die ganz Kleinen. Natürlich ist der Einsatz eines Buches abhängig vom jeweiligen Kind. Ich kenne durchaus auch Kinder, die von den lebendigen und detailreichen Bildern dieses Buches ziemlich schnell überfordert gewesen wären. Nicht aber Emma. Und so betrachtete sie die großflächigen Seiten bereits, als sie selbständig auf dem Bauch liegen und ihren Kopf heben konnte. Heute ist sie 1,5 Jahre alt und zieht es immer noch am häufigsten aus dem Regal.

2019 vs. 2018

Es hat sich sogar als sehr geschickt herausgestellt, dass das Suchbuch uns schon so lange begleitet. Während es Emma anfangs zum Betrachten und Kennenlernen der Tierwelt verhalf, betrachtet sie es heute in Begleitung von Tiergeräuschen ganz alleine. Die Tiere sind ihr mittlerweile vertraut. Sie hat sie über die Zeit kennen und lieben gelernt. Emma brüllt mit Vorliebe wie der Löwe, imitiert die Katze und den Hund, lacht sich über die pupsenden Stinktiere kaputt und hat ihre ganz eigene Interpretation von Walgesang gefunden (der Sound ihres langgezogenen Namen kommt dem nämlich schon ganz nahe). Das Buch ist eine richtige Entdeckungsreise durch die Tierwelt. Jede Doppelseite hat eine thematische Klammer: Tiere auf dem Bauernhof, gestreifte, schnelle und wilde Tiere, Tiere mit lustigen Namen, Meerestiere und Waldbewohner. Doch schon der Titel deutet darauf hin, dass irgendetwas an der Sache faul ist. Denn was sollen Löwe, Hase und Schwein schon gemeinsam haben!? Und so springt durchaus auch mal ein Affe aus dem Stall des Bauern, gleitet ein Koala mit Taucherausrüstung in die Tiefen des Meeres und mischt sich ein Leopard unter die gestreifte Tierschar. Die Aufgabe jeder Doppelseite ist es, diese Tiere zu finden. Und dieser Herausforderung sind sicher erst Kinder ab ca. zwei Jahren gewachsen, weshalb die Altersempfehlung in diesem Fall durchaus gerechtfertigt ist (sollte man das Buch mit dem Grundgedanken eines Suchbuches kaufen).

Nadine Jesslers riesiges Such-Wimmelbuch ist einfach ganz wunderbar anzusehen. Die Illustrationen sind bunt und detailreich, die eindrücklichen Texte bleiben den großen Erzählern schnell im Kopf und die vielen kleinen Details, die man beim genaueren Betrachten entdeckt, sorgen oft für ein Schmunzeln. Das Suchbuch hat damit ganz großes Lieblingsbuch-Potential und sei all den Eltern ans Herz gelegt, die beim Vorlesen mindestens genauso viel Spaß haben wollen wie ihre Kinder!

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Gefällt dir das Buch?

Ja, sehr. Es ist mein Lieblingsbuch.

Wo steht das Buch bei dir?

Überall, es wechselt ständig den Platz

 

Lieblingsfiguren:

die Maus, die dem Löwen ein Stück Käse reicht

die pupsenden Stinktiere

der singende Wal

der Elefant

 

 

Bester Leseplatz:

mit 3 Monaten: liegend auf der Krabbeldecke bzw. dem Bett

mit 1,5 Jahren: bequem auf dem Sofa oder in meiner Kuschelecke, das Buch auf dem Schoß

 

 

Beste Lesezeit:

kurz vor dem Schlafengehen

tagsüber

Schlüpft in die Rolle von:

einer Entdeckerin

 

 

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Magellan Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Loyalität bis zur Selbstzerstörung

„Loyalitäten“ – Delphine de Vigan

„Das ist es, was er jeden Freitag zur etwa gleichen Uhrzeit leisten muss: diesen Umzug von einer Welt in die andere, ohne Brücke, ohne Fährmann. Zwei nichtleere Mengen ohne jede Schnittmenge. Acht Metrostationen entfernt: eine andere Kultur, andere Sitten, eine andere Sprache. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um sich zu akklimatisieren.“

Zitat, Seite 19/20

Bereits mit 12 Jahren sieht Théo keinen anderen Ausweg als seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Der Junge wächst in wechselnder Obhut seiner geschiedenen Eltern auf und versucht der unglücklichen Mutter und dem einsamen Vater gerecht zu werden. Doch die Eltern verschwinden in ihrem eigenen Leid und nehmen ihren unglücklichen Sohn kaum noch wahr. Théo macht das zu schaffen. Er zieht sich zunehmend zurück, vergräbt sich an stille Orte und trinkt. Auch seine Lehrerin Hélène stellt diese besorgniserregende Veränderung an ihm fest. Doch keiner aus ihrer Kollegenschaft will davon etwas hören.

Dass das Trinken für Théo kein reines Spiel mehr ist, bemerkt irgendwann auch sein bester Freund Mathis. Nur er weiß, dass Théo sogar in der Schule trinkt, der Alkohol längst zum täglichen Begleiter geworden ist. Anfangs hat Mathis noch mitgetrunken, doch mittlerweile erschrickt es ihn immer mehr, was der Alkohol aus seinem Freund macht. Wie gern würde er Théo helfen. Doch wie kann er seinen Freund von seinem größten Laster befreien ohne ihn dabei zu verraten? Einen Freund verrät man schließlich nicht!

Als sie sich zu einem gefährlichen Spiel im schneebedeckten Park zusammenfinden, scheint jede Hilfe zu spät! Denn es ist Théo, der dabei bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Ein weitreichendes Beziehungsgeflecht

„Die Intensität dieses schmalen Büchleins wird dich umhauen und ihre Geschichte noch lange in dir nachhallen.“

Man mag es kaum glauben, dass dieser Roman nur 176 Seiten umfasst und Delphine de Vigan auf ihnen dennoch so viel zu transportieren vermag. Denn die Kraft, die diesem schmalen Büchlein innewohnt, hat mich umgehauen und ihre Story mich noch lange beschäftigt. Sie tut es noch.

Es ist das Leben von Théo, das in „Loyalitäten“ primär im Vordergrund steht. Er ist es, der sich mit seinem zarten Alter durch das Dickicht der gescheiterten Beziehung seiner Eltern kämpfen und ihren Ansprüchen gerecht werden muss. Woche für Woche pendelt der Junge zwischen der verletzten Mutter und dem zunehmend hilflosen Vater; muss sich den unterschiedlichen Umgebungen, Regeln und Stimmungen seiner Eltern anpassen. Während sich die Eltern in ihrem eigenen Elend suhlen, rückt Theo immer mehr in den Hintergrund. Er muss zurückstecken, fühlt sich von ihnen im Stich gelassen und allein, fühlt sich aber gleichzeitig auch für sie verantwortlich. Aus Loyalität zu ihnen lässt Théo der Entwicklung ihren Lauf, lässt die Hasstiraden seiner Mutter und die stetig voranschreitende Entgleisung seines Vaters über sich ergehen.

„Théo steckt es ein, sein zarter Körper ist von Wörtern durchlöchert, doch sie sieht es nicht. Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“

Zitat, Seite 22

Doch schon bald erliegt Théo den verheerenden Auswirkungen des ständigen Konflikts. Dass der schier unerträgliche Ton, ein schrilles fernes Pfeifen, den er eines Tages vernimmt, in seinem Kopf haust, versteht er nicht. Er greift zum Alkohol; erkennt, dass sich das tinnitusartige Geräusch, das ihn schon bald nicht nur noch nachts heimsucht, durch Hochprozentiges verflüchtigt. Doch er legt mit dem Alkohol nicht nur das Geräusch lahm sondern auch sich selbst. Langsam aber sicher ergreift der Alkohol von ihm Besitz.

„Er wünschte, er hätte sich in einem entlegenen Winkel seines Hirns, zu dem er jetzt die Tür ein wenig öffnen könnte, ein wages Trunkenheitsgefühl aufbewahrt. Er sucht in sich nach einer Spur der Betäubung. Er wünschte, er könnte dem Stempel des Alkohols noch in seinen Bewegungen aufspüren, eine Langsamkeit und Benommenheit, so winzig sie auch wäre, aber es ist nichts mehr übrig. Er hat keinen Panzer mehr. (…) Er ist wieder zu diesem Kind geworden, das er hasst, das mit einem Bauch voller Angst auf den Knopf des Aufzugs drückt.“

Zitat, Seite 60

Dass Théo sich zunehmend verändert, bemerkt nicht nur sein Freund Mathis sondern auch seine Lehrerin Hélène. Dank unterschiedlicher Perspektiven lässt die Autorin uns ihre unterschiedlichen Blickwinkel einnehmen und ein Gespür für ihre Sicht auf die Dinge entwickeln. Schon bald wird deutlich, wie weitreichend das Beziehungsgeflecht der Geschichte reicht und welch gefährliche Komplexität sie darüber hinaus mit sich bringt. Neben dem persönlichen Schicksal von Theo geht die Autorin auch auf das der restlichen Figuren ein. Sie alle haben ein Päckchen zu tragen, sind auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg.

Sehr anschaulich wird uns verdeutlicht, wie uns persönliche Erfahrungen prägen und die eigene Wahrnehmung für Dinge schulen können, wie wir unsere Antennen für andere öffnen oder schließen. Dass der Grat zwischen richtig und falsch sehr schmal ist. Man oft nicht weiß, wann man sich einmischen oder doch lieber raushalten sollte. Wie weit darf Loyalität gehen? Darf sie uns auch unwissend zu Verbündeten machen, zu Mittätern?

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit „Loyalitäten“ gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.

Plötzlich Familie

„Jesolo“ – Tanja Raich

Andrea und Georg sind seit Jahren ein Paar und während Georg von einer gemeinsamen Zukunft träumt, möchte sich Andrea einfach noch nicht festlegen. Alles ist gut so, wie es ist. Warum etwas daran ändern? Doch nach ihrem Sommerurlaub in Jesolo eskaliert die Frage ums Miteinanderleben erneut und die beiden gehen vorerst getrennte Wege. Doch dann ist Andrea schwanger und irgendwie scheint es keinen anderen Ausweg aus dem Dilemma zu geben als sich für das Kind, für Georg und für das gemeinsame Leben zu entscheiden. Während für Georg damit ein langgehegter Traum in Erfüllung geht, blickt Andrea der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Eigentlich sieht sie sich noch gar nicht als Mutter oder Teil einer Familie. Da waren ja immer nur Georg und sie.

„Seit ich denken kann, gibt es immer nur uns. Immer nur mich zusammen mit dir. (…) Wir kennen uns so gut wie niemand sonst. Jede Regung in deinem Gesicht, jeder Wechsel deiner Stimmlage, jede Stelle deines Körpers ist mir vertraut. Doch zwischen uns hat sich etwas verschoben. Etwas ist abhandengekommen. Und die Momente, in denen wir uns schweigsam gegenüberstehen, als wären wir Fremde, werden mehr.“

Zitat, Seite 36/37

Und so wird es für Andrea fortan ein Weg voller Kompromisse, der nicht nur die Inanspruchnahme eines Kredits und eine neue Wohnung im Haus der Schwiegereltern mit sich bringt, sondern auch den Wegfall von persönlichen Freiheiten. Plötzlich ist Andrea nur noch von Menschen umgeben, die ihr vorschreiben, wie sie zu leben hat.

Die Bauarbeiten am Haus beginnen und legen sich über ihr gemeinsames Leben. Für Zweisamkeit ist keine Zeit mehr. Vom Familiensinn keine Spur. Schon bald fügen sie sich in das Menschenbild des Dorfes ein. Doch was ist, wenn Andrea dabei völlig verlorengeht?

Wenn einem nicht der Sinn nach Mutterschaft steht

Ich bin scheinbar mit falschen Erwartungen an Tanja Raichs Debütroman herangegangen. Denn was sich darin entfaltete, hatte nur wenig mit meinen Vorstellungen zu tun. Ich hatte auf eine Art Entwicklungsroman gehofft, der seine Protagonisten vom Paar zur Familie begleitet und dabei insbesondere die Hürden aufzeigt, die das Paar überwinden muss. Dabei fiel es mir schon schwer, Andrea und Georg überhaupt als Paar anzusehen.

„Du hast mir versprochen, dass wir gemeinsam zum Strand gehen. Dass wir uns den Sonnenaufgang ansehen. Dieses Mal sicher, hast du gesagt. Auch dieses Mal haben wir jeden Tag eine andere Ausrede gefunden. Ich wollte den unberührten Sand unter meinen Füßen spüren und die Kälte des Meeres. Die ersten Muschen wollte ich sehen, die am Strand liegen, und niemand sonst, der mit uns ist. Wahrscheinlich würden wir es überhaupt nicht aushalten. Dass da sonst nichts wäre außer uns und dem Meer.“

Zitat, Seite 29

Was zwischen Raichs Zeilen auf mich wartete, war vielmehr ein sehr deprimierendes  Unterfangen, das mit einer weitaus unglücklicheren Grundstimmung daherkam als mir lieb war. Zu negativ waren mir Andreas Gedankenspielereien, zu hitzig ihre Auseinandersetzungen mit Georg und zu distanziert ihre Haltung zum heranwachsenden Kind. Während ich mich anfangs noch mit einer Reihe an Streitereien zwischen Georg und Andrea konfrontiert sah, traf ich wenig später auf zwei Menschen, die nahezu gleichgültig aneinander vorbeilebten. Man scheint nur noch wenig füreinander übrig zu haben. Eine erkaltete Liebe, die man durch Andreas Schwangerschaft plötzlich wieder verzweifelt zum Lodern bringen und sie als Grundstock für ein gemeinsames Leben ansehen will.

Dabei hat mir die negative Stimmung, die von Raichs Zeilen ausging, wirklich zugesetzt. Denn sie hat mich regelrecht erdrückt und nur wenig Freude am Weiterlesen gelassen. Andrea blieb mir während der ganzen Geschichte über seltsam fremd, selbst wenn es ihr Blickwinkel ist, den wir im Roman einnehmen. Andrea verliert sich oft in ausufernde Gedankenspielereien, die ins Verstörende abtriften. Wir erhaschen Erinnerungsfetzen, die bis zum Ende zusammenhanglos bleiben. Andreas Beziehung zu den Eltern, die schon lange nicht mehr intakt ist, bleibt bis zum Ende unbeleuchtet. Raich kratzt lediglich an der Oberfläche, lässt ihre Leser zwar den Verlust spüren, geht aber nicht näher auf ihn ein.

Dazu kam Andreas Haltung zum ungeborenen Baby. Es war diese Mischung aus Ignoranz und Gleichgültigkeit, die mich so verstörte. Denn Raich lässt ihre Protagonistin ungehemmt rauchen, trinken und bedenkliche Lebensmittel essen. Als wenn das ungeborene Menschenleben nichts zählt. Als ob Andrea alles daran liegt, es wieder loszuwerden. Sicherlich kommt damit die innere Zerrissenheit von Andrea ganz gut zum Vorschein, es sorgt aber auch nicht wirklich für Sympathien. Dem Leser wird mehr als deutlich, dass sich Andrea nur schwer mit ihrem neuen Leben anfreunden kann. Doch hat sie sich nicht für das Leben mit Georg, nicht für das Kind, entschieden? Seitenweise verliert Andrea an Stimme, lässt ihre Schwiegereltern und Georg über ihr Leben  bestimmen obwohl in ihr drin ein großer Interessenskonflikt zu toben scheint.

Leider konnte mich „Jesolo“ nicht ganz überzeugen. Die Einteilung des Romans gefiel mir noch sehr gut. Denn die zehn Kapitel des Romans stehen für Andreas Schwangerschaftsmonate. Durch anschauliche Beschreibungen sehen wir dem Kind im Mutterleib beim Wachsen zu, spüren seine Anwesenheit zwischen den Zeilen. Doch die allgemeine Umsetzung und das offene Ende, das metaphorisch interpretiert werden könnte, haben mich irritiert und ratlos zurückgelassen.

„Wir sind jetzt auch so ein Paar, das funktioniert. Eng verzahnt wie ein Getriebe. Zahnrad für Zahnrad greift reibungslos ineinander. Alles bleibt an der Oberfläche: ein kleiner Kuss, eine kurze Umarmung, ein aufmerksames Lächeln, eine anerkennende Berührung. Alles ist fein abgestimmt auf ein gutes Miteinander. Abends legen wir uns in das Bett. Ein Gute-Nacht-Kuss, Rücken an Rücken schlafen wir ein, jeder sich selbst zugewandt.“

Zitat, Seite 153