Kinderfreuden #30: Bei dir piept’s wohl!?

„Ene, mene, Eierkuchen“ – Jörg Isermayer und Daniel Napp

Eigentlich hat sich Eichhorn alle Zutaten für Eierkuchen zurechtgelegt, doch als er mit dem Backen loslegen will, ist plötzlich alles verschwunden. Das Mehl ist weg, Milch und Eier nicht mehr auffindbar. „Eier, Eier, seid so lieb, macht doch einmal Piep!“ Dieses Spiel spielt Eichhorn so lange, bis er all die Zutaten wieder beisammen und den Teig fertig hat.

Bei derart eigenwilligen Zutaten wundert es natürlich keinen, dass der fertige Eierkuchen anschließend nicht auf dem Teller sondern geradewegs auf Eichhorns Kopf landet.

Eckdaten

Pappbilderbuch, ab 2 Jahren

18 Seiten
16,5 x 16,5 cm
ISBN: 978-3-7152-0763-6

Text: Jörg Isermayer
Illustration: Daniel Napp

Orell Füssli Verlag

9,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Die Geschichte dieses kleinen Pappbüchleins ist so simpel wie wirksam! Denn was aus dem Zusammenspiel von Daniel Napps farbenfrohen Illustrationen und Jörg Isermayers flotten Reimen entstanden ist, macht Klein und Groß wirklich ganz großen Spaß.

Es scheint wie verhext, aber als das Eichhörnchen sich ans Backen machen will, scheint alles Nötige verschwunden zu sein. Es beginnt nach den Zutaten zu rufen und tatsächlich melden diese sich mit „Piep!“ zurück. Na also, jetzt steht dem Unterfangen doch nichts mehr im Weg! Doch bis der Teig fertig ist und der erste Pfannkuchen wirklich in der Pfanne brutzelt, geht bei Eichhorns ersten Backversuchen erstmal noch jede Menge schief.

Durch die gleichbleibende Szene im Buch können die Kleinen nicht nur gut beobachten was an Zutaten alles hinzukommt, sondern auch wie Eichhorns Küche im zunehmenden Chaos versinkt. Denn was das tollpatschige Eichhörnchen da in seiner Küche verursacht, ist ein ganz schönes Chaos und als es das Rührgerät einsetzt, erscheint es den Lesern fast so, als dass die Teigspritzer der Geschichte entweichen und im hohen Bogen auf ihrem Gesicht landen. Es ist witzig mit anzusehen, wie sich die vermissten Zutaten und Gegenstände mit „Piep!“ zurückmelden und spätestens als der Pfannkuchen am Ende auf dem Kopf des Eichhörnchen landet, ist das Lachen groß.

Die Geschichte ist simpel, veranschaulicht aber auf wunderbare Weise, wie einfach es ist, mit wenigen Zutaten etwas Leckeres zu zaubern. Eichhorn animiert schon die Kleinsten dazu, selbst in der Küche aktiv zu werden. Isermayers witzige eingängige Reime passen dabei wunderbar zu Napps bunten und lebendigen Bildern. Sie animieren die Kleinen nicht nur zum Nachsprechen sondern bestärken sie auch in ihre ersten Backversuche.

„Ene, mene, Eierkuchen!“ ist ein wunderbares Pappbuch für eure 2-jährigen Nachwuchsköche, die ähnlich wie Luisa sicherlich schon viele Zutaten und Gegenstände aus dem Buch benennen können und daher besonders viel Freude am Entdecken haben werden. Dem anschließenden Pfannkuchenbacken mit Mama steht daher nichts im Weg! Aber wo sind denn eigentlich die Eier hin? „Piep!“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Luisas Urteil:

©instagram.com/marymagmuc

Gefällt dir das Buch?

Ja

Lieblingsstelle im Buch:

jede Stelle, an der sich die Küchengegenstände mit „Piep“ melden (das tun die „echten“ mitunter nun auch, wenn das Buch nicht zur Hand ist ;-))

 

©instagram.com/marymagmuc

Worum geht es im Buch?

Kochen macht Spaß und ist gar nicht so schwierig

Beste Lesezeit:

Vor oder nach dem Werkeln in der Kinderküche

Worauf macht das Buch Lust?

Selbst zu backen oder zu kochen, piep zu machen

©instagram.com/marymagmuc

 

Wo steht das Buch?

Eigentlich im Bücherregal im Kinderzimmer, es verirrt sich aber mitunter immer wieder in die Kinderküche

Kinderfreuden #29: Da hat sich doch wer ins Bild gemogelt!

„Löwe, Hase, Schwein – ein Tier passt nicht rein!“ – Nadine Jessler

Löwe, Hase und Schwein, was sollen diese drei Tiere schon gemeinsam haben? Einer tanzt hier gewaltig aus der Reihe! Der Löwe hat sicherlich nichts auf dem Bauernhof zu suchen, wo er doch zu den gefährlichen Tieren zählt und zwischen Elefant, Leopard und Nilpferd zu finden ist. Das merkt man ja schon an seinem Gebrüll. Wobei, so ein Hahn, eine Pute und ein Esel machen auch ganz schön viel Lärm!

In diesem Such-Wimmelbuch gibt es nicht nur jede Menge zu entdecken, sondern es gilt auch ebenjene Tiere zu finden, die sich auf die jeweilige Doppelseite geschummelt haben.

Eckdaten

Pappbilderbuch, ab 2 Jahren

16 Seiten
20 x 27 cm
ISBN: 978-3-7348-1573-7

Illustrationen: Nadine Jessler

Magellan Verlag

9 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Das Riesen-Such-Wimmelbuch „Löwe, Hase, Schwein – ein Tier passt nicht rein!“ begleitet uns tatsächlich schon seit 15 Monaten. Der Zufall wollte es, dass es hier schon einzog, als Emma gerade mal drei Monate war. Eigentlich war es als Geschenk für den Neffen gedacht. Dass der das Buch schon längst hatte, war erstmal unglücklich, kam uns dann aber doch sehr gelegen. Denn so zog es direkt in Emmas Bücherregal ein und avancierte schnell zu ihrem Lieblingsbuch. Es zählt bis heute dazu!

Dass die Altersempfehlung oft nur zur groben Orientierung dient, haben wir für uns recht schnell festgestellt. Das riesige wimmelartige Suchbuch, das für Kinder ab zwei Jahren empfohlen wird, wurde von der Räubertochter nämlich bereits mit drei Monaten angenommen. Kein Witz! Die riesigen kartonierten Seiten sind sehr baby- und sabbertauglich (natürlich nur wenn man die Sabberfäden gleich wegwischt) und die großflächigen Bilder, die durchaus detailreich aber nicht überladen sind, eignen sich auch schon zum Betrachten für die ganz Kleinen. Natürlich ist der Einsatz eines Buches abhängig vom jeweiligen Kind. Ich kenne durchaus auch Kinder, die von den lebendigen und detailreichen Bildern dieses Buches ziemlich schnell überfordert gewesen wären. Nicht aber Emma. Und so betrachtete sie die großflächigen Seiten bereits, als sie selbständig auf dem Bauch liegen und ihren Kopf heben konnte. Heute ist sie 1,5 Jahre alt und zieht es immer noch am häufigsten aus dem Regal.

2019 vs. 2018

Es hat sich sogar als sehr geschickt herausgestellt, dass das Suchbuch uns schon so lange begleitet. Während es Emma anfangs zum Betrachten und Kennenlernen der Tierwelt verhalf, betrachtet sie es heute in Begleitung von Tiergeräuschen ganz alleine. Die Tiere sind ihr mittlerweile vertraut. Sie hat sie über die Zeit kennen und lieben gelernt. Emma brüllt mit Vorliebe wie der Löwe, imitiert die Katze und den Hund, lacht sich über die pupsenden Stinktiere kaputt und hat ihre ganz eigene Interpretation von Walgesang gefunden (der Sound ihres langgezogenen Namen kommt dem nämlich schon ganz nahe). Das Buch ist eine richtige Entdeckungsreise durch die Tierwelt. Jede Doppelseite hat eine thematische Klammer: Tiere auf dem Bauernhof, gestreifte, schnelle und wilde Tiere, Tiere mit lustigen Namen, Meerestiere und Waldbewohner. Doch schon der Titel deutet darauf hin, dass irgendetwas an der Sache faul ist. Denn was sollen Löwe, Hase und Schwein schon gemeinsam haben!? Und so springt durchaus auch mal ein Affe aus dem Stall des Bauern, gleitet ein Koala mit Taucherausrüstung in die Tiefen des Meeres und mischt sich ein Leopard unter die gestreifte Tierschar. Die Aufgabe jeder Doppelseite ist es, diese Tiere zu finden. Und dieser Herausforderung sind sicher erst Kinder ab ca. zwei Jahren gewachsen, weshalb die Altersempfehlung in diesem Fall durchaus gerechtfertigt ist (sollte man das Buch mit dem Grundgedanken eines Suchbuches kaufen).

Nadine Jesslers riesiges Such-Wimmelbuch ist einfach ganz wunderbar anzusehen. Die Illustrationen sind bunt und detailreich, die eindrücklichen Texte bleiben den großen Erzählern schnell im Kopf und die vielen kleinen Details, die man beim genaueren Betrachten entdeckt, sorgen oft für ein Schmunzeln. Das Suchbuch hat damit ganz großes Lieblingsbuch-Potential und sei all den Eltern ans Herz gelegt, die beim Vorlesen mindestens genauso viel Spaß haben wollen wie ihre Kinder!

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Gefällt dir das Buch?

Ja, sehr. Es ist mein Lieblingsbuch.

Wo steht das Buch bei dir?

Überall, es wechselt ständig den Platz

 

Lieblingsfiguren:

die Maus, die dem Löwen ein Stück Käse reicht

die pupsenden Stinktiere

der singende Wal

der Elefant

 

 

Bester Leseplatz:

mit 3 Monaten: liegend auf der Krabbeldecke bzw. dem Bett

mit 1,5 Jahren: bequem auf dem Sofa oder in meiner Kuschelecke, das Buch auf dem Schoß

 

 

Beste Lesezeit:

kurz vor dem Schlafengehen

tagsüber

Schlüpft in die Rolle von:

einer Entdeckerin

 

 

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Magellan Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Loyalität bis zur Selbstzerstörung

„Loyalitäten“ – Delphine de Vigan

„Das ist es, was er jeden Freitag zur etwa gleichen Uhrzeit leisten muss: diesen Umzug von einer Welt in die andere, ohne Brücke, ohne Fährmann. Zwei nichtleere Mengen ohne jede Schnittmenge. Acht Metrostationen entfernt: eine andere Kultur, andere Sitten, eine andere Sprache. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um sich zu akklimatisieren.“

Zitat, Seite 19/20

Bereits mit 12 Jahren sieht Théo keinen anderen Ausweg als seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Der Junge wächst in wechselnder Obhut seiner geschiedenen Eltern auf und versucht der unglücklichen Mutter und dem einsamen Vater gerecht zu werden. Doch die Eltern verschwinden in ihrem eigenen Leid und nehmen ihren unglücklichen Sohn kaum noch wahr. Théo macht das zu schaffen. Er zieht sich zunehmend zurück, vergräbt sich an stille Orte und trinkt. Auch seine Lehrerin Hélène stellt diese besorgniserregende Veränderung an ihm fest. Doch keiner aus ihrer Kollegenschaft will davon etwas hören.

Dass das Trinken für Théo kein reines Spiel mehr ist, bemerkt irgendwann auch sein bester Freund Mathis. Nur er weiß, dass Théo sogar in der Schule trinkt, der Alkohol längst zum täglichen Begleiter geworden ist. Anfangs hat Mathis noch mitgetrunken, doch mittlerweile erschrickt es ihn immer mehr, was der Alkohol aus seinem Freund macht. Wie gern würde er Théo helfen. Doch wie kann er seinen Freund von seinem größten Laster befreien ohne ihn dabei zu verraten? Einen Freund verrät man schließlich nicht!

Als sie sich zu einem gefährlichen Spiel im schneebedeckten Park zusammenfinden, scheint jede Hilfe zu spät! Denn es ist Théo, der dabei bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Ein weitreichendes Beziehungsgeflecht

„Die Intensität dieses schmalen Büchleins wird dich umhauen und ihre Geschichte noch lange in dir nachhallen.“

Man mag es kaum glauben, dass dieser Roman nur 176 Seiten umfasst und Delphine de Vigan auf ihnen dennoch so viel zu transportieren vermag. Denn die Kraft, die diesem schmalen Büchlein innewohnt, hat mich umgehauen und ihre Story mich noch lange beschäftigt. Sie tut es noch.

Es ist das Leben von Théo, das in „Loyalitäten“ primär im Vordergrund steht. Er ist es, der sich mit seinem zarten Alter durch das Dickicht der gescheiterten Beziehung seiner Eltern kämpfen und ihren Ansprüchen gerecht werden muss. Woche für Woche pendelt der Junge zwischen der verletzten Mutter und dem zunehmend hilflosen Vater; muss sich den unterschiedlichen Umgebungen, Regeln und Stimmungen seiner Eltern anpassen. Während sich die Eltern in ihrem eigenen Elend suhlen, rückt Theo immer mehr in den Hintergrund. Er muss zurückstecken, fühlt sich von ihnen im Stich gelassen und allein, fühlt sich aber gleichzeitig auch für sie verantwortlich. Aus Loyalität zu ihnen lässt Théo der Entwicklung ihren Lauf, lässt die Hasstiraden seiner Mutter und die stetig voranschreitende Entgleisung seines Vaters über sich ergehen.

„Théo steckt es ein, sein zarter Körper ist von Wörtern durchlöchert, doch sie sieht es nicht. Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“

Zitat, Seite 22

Doch schon bald erliegt Théo den verheerenden Auswirkungen des ständigen Konflikts. Dass der schier unerträgliche Ton, ein schrilles fernes Pfeifen, den er eines Tages vernimmt, in seinem Kopf haust, versteht er nicht. Er greift zum Alkohol; erkennt, dass sich das tinnitusartige Geräusch, das ihn schon bald nicht nur noch nachts heimsucht, durch Hochprozentiges verflüchtigt. Doch er legt mit dem Alkohol nicht nur das Geräusch lahm sondern auch sich selbst. Langsam aber sicher ergreift der Alkohol von ihm Besitz.

„Er wünschte, er hätte sich in einem entlegenen Winkel seines Hirns, zu dem er jetzt die Tür ein wenig öffnen könnte, ein wages Trunkenheitsgefühl aufbewahrt. Er sucht in sich nach einer Spur der Betäubung. Er wünschte, er könnte dem Stempel des Alkohols noch in seinen Bewegungen aufspüren, eine Langsamkeit und Benommenheit, so winzig sie auch wäre, aber es ist nichts mehr übrig. Er hat keinen Panzer mehr. (…) Er ist wieder zu diesem Kind geworden, das er hasst, das mit einem Bauch voller Angst auf den Knopf des Aufzugs drückt.“

Zitat, Seite 60

Dass Théo sich zunehmend verändert, bemerkt nicht nur sein Freund Mathis sondern auch seine Lehrerin Hélène. Dank unterschiedlicher Perspektiven lässt die Autorin uns ihre unterschiedlichen Blickwinkel einnehmen und ein Gespür für ihre Sicht auf die Dinge entwickeln. Schon bald wird deutlich, wie weitreichend das Beziehungsgeflecht der Geschichte reicht und welch gefährliche Komplexität sie darüber hinaus mit sich bringt. Neben dem persönlichen Schicksal von Theo geht die Autorin auch auf das der restlichen Figuren ein. Sie alle haben ein Päckchen zu tragen, sind auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg.

Sehr anschaulich wird uns verdeutlicht, wie uns persönliche Erfahrungen prägen und die eigene Wahrnehmung für Dinge schulen können, wie wir unsere Antennen für andere öffnen oder schließen. Dass der Grat zwischen richtig und falsch sehr schmal ist. Man oft nicht weiß, wann man sich einmischen oder doch lieber raushalten sollte. Wie weit darf Loyalität gehen? Darf sie uns auch unwissend zu Verbündeten machen, zu Mittätern?

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit „Loyalitäten“ gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.

Plötzlich Familie

„Jesolo“ – Tanja Raich

Andrea und Georg sind seit Jahren ein Paar und während Georg von einer gemeinsamen Zukunft träumt, möchte sich Andrea einfach noch nicht festlegen. Alles ist gut so, wie es ist. Warum etwas daran ändern? Doch nach ihrem Sommerurlaub in Jesolo eskaliert die Frage ums Miteinanderleben erneut und die beiden gehen vorerst getrennte Wege. Doch dann ist Andrea schwanger und irgendwie scheint es keinen anderen Ausweg aus dem Dilemma zu geben als sich für das Kind, für Georg und für das gemeinsame Leben zu entscheiden. Während für Georg damit ein langgehegter Traum in Erfüllung geht, blickt Andrea der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen. Eigentlich sieht sie sich noch gar nicht als Mutter oder Teil einer Familie. Da waren ja immer nur Georg und sie.

„Seit ich denken kann, gibt es immer nur uns. Immer nur mich zusammen mit dir. (…) Wir kennen uns so gut wie niemand sonst. Jede Regung in deinem Gesicht, jeder Wechsel deiner Stimmlage, jede Stelle deines Körpers ist mir vertraut. Doch zwischen uns hat sich etwas verschoben. Etwas ist abhandengekommen. Und die Momente, in denen wir uns schweigsam gegenüberstehen, als wären wir Fremde, werden mehr.“

Zitat, Seite 36/37

Und so wird es für Andrea fortan ein Weg voller Kompromisse, der nicht nur die Inanspruchnahme eines Kredits und eine neue Wohnung im Haus der Schwiegereltern mit sich bringt, sondern auch den Wegfall von persönlichen Freiheiten. Plötzlich ist Andrea nur noch von Menschen umgeben, die ihr vorschreiben, wie sie zu leben hat.

Die Bauarbeiten am Haus beginnen und legen sich über ihr gemeinsames Leben. Für Zweisamkeit ist keine Zeit mehr. Vom Familiensinn keine Spur. Schon bald fügen sie sich in das Menschenbild des Dorfes ein. Doch was ist, wenn Andrea dabei völlig verlorengeht?

Wenn einem nicht der Sinn nach Mutterschaft steht

Ich bin scheinbar mit falschen Erwartungen an Tanja Raichs Debütroman herangegangen. Denn was sich darin entfaltete, hatte nur wenig mit meinen Vorstellungen zu tun. Ich hatte auf eine Art Entwicklungsroman gehofft, der seine Protagonisten vom Paar zur Familie begleitet und dabei insbesondere die Hürden aufzeigt, die das Paar überwinden muss. Dabei fiel es mir schon schwer, Andrea und Georg überhaupt als Paar anzusehen.

„Du hast mir versprochen, dass wir gemeinsam zum Strand gehen. Dass wir uns den Sonnenaufgang ansehen. Dieses Mal sicher, hast du gesagt. Auch dieses Mal haben wir jeden Tag eine andere Ausrede gefunden. Ich wollte den unberührten Sand unter meinen Füßen spüren und die Kälte des Meeres. Die ersten Muschen wollte ich sehen, die am Strand liegen, und niemand sonst, der mit uns ist. Wahrscheinlich würden wir es überhaupt nicht aushalten. Dass da sonst nichts wäre außer uns und dem Meer.“

Zitat, Seite 29

Was zwischen Raichs Zeilen auf mich wartete, war vielmehr ein sehr deprimierendes  Unterfangen, das mit einer weitaus unglücklicheren Grundstimmung daherkam als mir lieb war. Zu negativ waren mir Andreas Gedankenspielereien, zu hitzig ihre Auseinandersetzungen mit Georg und zu distanziert ihre Haltung zum heranwachsenden Kind. Während ich mich anfangs noch mit einer Reihe an Streitereien zwischen Georg und Andrea konfrontiert sah, traf ich wenig später auf zwei Menschen, die nahezu gleichgültig aneinander vorbeilebten. Man scheint nur noch wenig füreinander übrig zu haben. Eine erkaltete Liebe, die man durch Andreas Schwangerschaft plötzlich wieder verzweifelt zum Lodern bringen und sie als Grundstock für ein gemeinsames Leben ansehen will.

Dabei hat mir die negative Stimmung, die von Raichs Zeilen ausging, wirklich zugesetzt. Denn sie hat mich regelrecht erdrückt und nur wenig Freude am Weiterlesen gelassen. Andrea blieb mir während der ganzen Geschichte über seltsam fremd, selbst wenn es ihr Blickwinkel ist, den wir im Roman einnehmen. Andrea verliert sich oft in ausufernde Gedankenspielereien, die ins Verstörende abtriften. Wir erhaschen Erinnerungsfetzen, die bis zum Ende zusammenhanglos bleiben. Andreas Beziehung zu den Eltern, die schon lange nicht mehr intakt ist, bleibt bis zum Ende unbeleuchtet. Raich kratzt lediglich an der Oberfläche, lässt ihre Leser zwar den Verlust spüren, geht aber nicht näher auf ihn ein.

Dazu kam Andreas Haltung zum ungeborenen Baby. Es war diese Mischung aus Ignoranz und Gleichgültigkeit, die mich so verstörte. Denn Raich lässt ihre Protagonistin ungehemmt rauchen, trinken und bedenkliche Lebensmittel essen. Als wenn das ungeborene Menschenleben nichts zählt. Als ob Andrea alles daran liegt, es wieder loszuwerden. Sicherlich kommt damit die innere Zerrissenheit von Andrea ganz gut zum Vorschein, es sorgt aber auch nicht wirklich für Sympathien. Dem Leser wird mehr als deutlich, dass sich Andrea nur schwer mit ihrem neuen Leben anfreunden kann. Doch hat sie sich nicht für das Leben mit Georg, nicht für das Kind, entschieden? Seitenweise verliert Andrea an Stimme, lässt ihre Schwiegereltern und Georg über ihr Leben  bestimmen obwohl in ihr drin ein großer Interessenskonflikt zu toben scheint.

Leider konnte mich „Jesolo“ nicht ganz überzeugen. Die Einteilung des Romans gefiel mir noch sehr gut. Denn die zehn Kapitel des Romans stehen für Andreas Schwangerschaftsmonate. Durch anschauliche Beschreibungen sehen wir dem Kind im Mutterleib beim Wachsen zu, spüren seine Anwesenheit zwischen den Zeilen. Doch die allgemeine Umsetzung und das offene Ende, das metaphorisch interpretiert werden könnte, haben mich irritiert und ratlos zurückgelassen.

„Wir sind jetzt auch so ein Paar, das funktioniert. Eng verzahnt wie ein Getriebe. Zahnrad für Zahnrad greift reibungslos ineinander. Alles bleibt an der Oberfläche: ein kleiner Kuss, eine kurze Umarmung, ein aufmerksames Lächeln, eine anerkennende Berührung. Alles ist fein abgestimmt auf ein gutes Miteinander. Abends legen wir uns in das Bett. Ein Gute-Nacht-Kuss, Rücken an Rücken schlafen wir ein, jeder sich selbst zugewandt.“

Zitat, Seite 153

Kinderfreuden #28: Kindliche Vorfreude

„Wann habe ich endlich Geburtstag?“

– Mark Sperring, Sébastien Braun

©instagram.com/marymagmuc

Klein-Pip kann es kaum erwarten bis er endlich Geburtstag hat und so wacht er jeden Morgen in dem Glauben auf, dass es heute soweit sein muss. Voller Vorfreude springt er aus dem Bett und direkt vor Papa Brumms Nase. Der liegt noch im Bett und ist schon noch ein wenig müde und verwirrt dazu. Er wird doch nicht Pips Geburtstag vergessen haben!? Doch der Blick auf den Kalender lehrt ihn eines Besseren: Es sind noch drei ganze Tage bis Klein-Pip ein Jahr älter wird.

Und so lässt sich Papa Brumm jeden Morgen etwas anderes einfallen, um Klein-Pip die Wartezeit bis zum großen Tag zu versüßen. Und siehe da, plötzlich ist der heißersehnte Tag auch schon da! Doch an seinem großen Tag entdeckt der kleine Bärenjunge keinen schlafenden Papa im Bett, sondern nur eine kleine Botschaft, der er neugierig folgt. Was ihn am Ende des von Luftballons gesäumten Weges erwartet, ist eine Geburtstagsfeier die kaum schöner sein könnte. Das „lange Warten“ hat sich also gelohnt!

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Eckdaten

©orellfüssli „Wann habe ich endlich Geburtstag?“

Hardcover, ab 3 Jahren

35 Seiten
25 x 27,50 cm
ISBN: 978-3-280-03487-3

Text: Mark Sperring
Illustration: Sébastien Braun

Orell Füssli Verlag

12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Das Werk von Mark Sperring und Sébastien Braun kam zum perfekten Zeitpunkt bei der kleinen Luisa an, die ähnlich wie Klein-Pip beim Erhalt des Buches kurz vor ihrem zweiten Geburtstag stand. „Wann habe ich endlich Geburtstag?“ ist eine wunderbare Vater-Sohn-Geschichte, die für Kinder ab drei Jahren empfohlen wird, jedoch durchaus auch schon jüngere Kinder zu begeistern vermag. Dank der farbenfrohen und liebevollen Illustrationen von Sébastien Braun ist die Geschichte nämlich nicht nur ein wahrer Augenschmaus sondern auch für jüngere Leser leicht zugänglich.

Das Kinderbuch lebt von seinen großformatigen Bildern und würde durchaus auch ohne begleitenden Text auskommen, der uns hier in schlichter Form von Mark Sperring durch die Geschichte begleitet. Brauns kunterbunte Illustrationen vermitteln den Kleinen nicht nur die Botschaft der jeweiligen Seite, sondern laden sie darüber hinaus auch zum Staunen und Entdecken ein. Beim genaueren Hinsehen fallen einem jede Menge süße Details auf, die sich oftmals sehr geschickt im Bild versteckt haben, wie z.B. eine kleine Brücke, über die es der Igel auf die andere Seite des Bachs schafft; eine Tür im Baumstamm, die auf das Zuhause eines Tierbewohners schließen lässt oder wie der Igel jede Menge Partyhüte mit einem Schubkarren zu Pips Überraschungsparty herankarrt.

Man bemerke den Igel links unten im Bild ©orellfüssli „Wann habe ich endlich Geburtstag?“

Mit Papa Brumm und Klein-Pip sind Braun zwei wunderbare Charaktere gelungen, die sich durch ihre warmherzige Art schon auf den ersten Seiten in die Herzen der Kinder und Eltern zaubern. Es macht Spaß, die beiden Bären durch die Geschichte zu begleiten und mitzuverfolgen, wie es Papa Brumm schafft, die überschwängliche Vorfreude des kleinen Bären ein bisschen zu besänftigen und sie in geschickte Bahnen zu lenken.

„Wann habe ich endlich Geburtstag“ ist eine wunderbare Geschichte für ungeduldige Geburtstagsanwärter. Sie steigert nicht nur die Vorfreude auf den eigenen Geburtstag enorm, sondern zeigt den Kleinen auch, dass sie mit ihrer Ungeduld nicht alleine sind. Braun und Sperring erfinden mit ihrem Werk keineswegs das Rad neu, sondern bedienen sich einer ganz alltäglichen Situation, wie sie in jeder Familie zu finden ist. Es ist vielmehr das lustige Ende, das sie mit einem Augenzwinkern abschließt und selbst die vorlesenden Eltern zum Lachen bringt. Darüber hinaus verdeutlicht die Geschichte den Kleinen ganz gut, dass es neben den ganzen Geschenken und dem Kuchen vor allem die Freunde sind, die den Tag so besonders machen. Zusammen feiert es sich einfach am Besten!

„Und später – viel später, als der Kuchen gegessen und die Spiele gespielt waren, platzte Klein-Pip fast vor Lachen und Glück.“

©orellfüssli „Wann habe ich endlich Geburtstag?“

Blickwinkel aus kleinen Augen

Luisas Urteil:

©instagram.com/marymagmuc

 

Welche Stelle im Buch hat dir besonders gefallen?

Als die Einladungen verschickt werden

Worum geht die Geschichte?

Um das Warten auf den Geburtstag

Wo steht das Buch bei dir?

im Regal neben der Leseecke

 

 

©instagram.com/marymagmuc

Beste Lesezeit:

bei Tageslicht, weil die Farben da am kräftigsten leuchten

Bester Leseplatz:

in der Leseecke

Schlüpft in die Rolle von:

einer Geburtstagsanwärterin (und zwar 1:1)

©instagram.com/marymagmuc

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Orell Füssli als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

#diesertageinleben 1: Am Anfang stand die Biografie

Zugegeben, bisher war ich nicht so der Biografie-Typ. Dachte ich zumindest. Denn alles was ich bis dato an Lebenswerken (an)gelesen hatte, begegnete mir größtenteils trocken, überbordend oder langatmig. Irgendwann verging mir einfach die Lust daran, mich durch die Leben berühmter Persönlichkeiten zu hangeln, von der stillen Hoffnung begleitet, zwischen den Zeilen etwas für mich mitnehmen zu können: Denkansätze, Folgelektüren – was auch immer! Dass ich trotz allem Jens Andersens Biografie „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ in die Hand nahm, lag hauptsächlich einer Irritation zu Grunde. Und zwar der, die der Film „Astrid“ bei mir verursachte. Eine wirklich nette Verfilmung von Astrids Jugendjahren, die mit einem überzeugenden Cast und einer sehr emotionalen Stimmung daherkam, allerdings aber auch mit ein paar verzerrten Bildern (zumindest aus meinen Augen). Und so saß ich nach Filmende ziemlich ratlos da. Fragend, ob Astrid den Männern wirklich so zugeneigt und ihre Mutter wirklich so gefühlskalt war, ob der Film tatsächlich vor ihrem Durchbruch als Schriftstellerin enden hätte sollen und was ich überhaupt weiß, vom Leben der Schriftstellerin, deren Werke meine Kindheit am Meisten geprägt haben.

Wusstet ihr, dass der große Bonniers Verlag Lindgrens Manuskript ablehnte und „Pippi Langstrumpf“ deshalb bei Ráben & Sjögren erschien? Dass Ráben & Sjögren erst mit Pippi wieder grüne Zahlen schrieb und nur um Haaresbreite einem Konkurs entkommen ist?

Ich beschloss also, meine Lücken über das Leben dieser beeindruckenden Schriftstellerin zu füllen, der erst 1945 der Durchbruch mit „Pippi Langstrumpf“ gelang. Nach einiger Recherche stieß ich auf die Biografie von Jens Andersen, die mir von einigen Lindgren-Fans (allen voran @superheldliestgern bei Instagram) besonders ans Herz gelegt wurde, weil sie zu den zugänglichsten und am besten recherchiertesten Biografien gehört. Darüber hinaus liefert sie sicher mitunter das umfassendste Bild von Astrid Lindgren, da Andersen sie erst 2002 nach Lindgrens Tod verfasst hat. Für die Biografie wurde er 2015 mit dem renommierten Politikens Litteraturpris ausgezeichnet und das Buch genoss in Dänemark und Schweden lange Zeit den Titel „Sachbuch des Jahres“.

„Schön und gut!“ werdet ihr euch jetzt denken. „Aber wie genau hat es Andersen geschafft, dass du dich nun näher mit Astrids Leben auseinandersetzen und ihre Werke erneut oder erstmalig lesen möchtest?“ Ich will es euch verraten. Ich habe Blut geleckt. Denn Andersens Stil ist einfach fantastisch. Es ist diese sagenhaft gute Mischung aus gut recherchierten Fakten, zahlreichen Zitaten der Schriftstellerin selbst oder ihrer Familie, den Textstellen aus ihren Büchern, Bildern aus dem persönlichen Fundus der Familie und Andersens unglaublich zugänglichem Stil, die mir Lust auf mehr gemacht haben. Die Zeilen dieser Biografie zogen mich in ihren Bann, versetzten mich in einen regelrechten Lindgren-Flow, weshalb ich die Zeilen förmlich inhalierte und nun alles von und über diese beeindruckende Persönlichkeit lesen möchte.

„Oh! Heute hat der Krieg angefangen. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten um uns herum und spielten, und wir schimpften in aller Gemütlichkeit auf Hitler und versicherten uns gegenseitig, dass es bestimmt keinen Krieg geben würde – und dann heute! (…) Gott helfe unserem armen, vom Wahnsinn betroffenen Planeten!“

Auszug aus Astrid Lindgrens Schriftverkehr an Margareta Strömstedt 1976/77

Die Biografie enthält außerdem zahlreiche Auszüge aus Lindgrens Haushalts- bzw. Kriegstagebüchern, die einem bewusst werden lassen, wie sehr sich die Schriftstellerin während ihres ganzen Lebens mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinandergesetzt hat. In „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ wurden ihre Tagebücher 1939 – 1945 erstmals zusammen veröffentlicht. Lindgren schrieb sie wohl um ihre Erinnerungen zu sortieren, sich einen Überblick über die Weltereignisse zu verschaffen und um zu sehen, welchen Einfluss sie auf das Leben der Menschen hatten. Im späteren Stadium ihres Lebens engagierte sich Lindgren auch zunehmend in der Politik, von der sie anfangs bewusst Abstand hielt (u.a. hat sie sich für die Anpassung der Steuergesetzgebung, den Erhalt der Umwelt und eine artgerechte Tierhaltung eingesetzt).

„Was der Sinn des Lebens nicht ist, das weiß ich. Geld und anderes Zeug zusammenzukratzen, ein Promileben zu führen, auf den entsprechenden Seiten der Frauenzeitschriften zu posieren und solch eine Angst vor Einsamkeit und Stille zu haben, dass man nie in Ruhe und Frieden über die Frage nachdenken kann: Was mache ich mit meiner kurzen Zeit auf Erden?“

Astrid Lindgren, 1983

Bereits das vorangestellte Zitat im Buch holte mich persönlich ab. Das mag zum einen daran liegen, dass es sich um eine Aussage handelt, die Lindgren im Jahr meiner Geburt gemacht hat und zum anderen, dass ihre Einstellung zum Leben der meinen sehr ähnlich war. Während Astrid eine sehr idyllische Kindheit genoss und die meisten ihrer Geschichten davon erfüllt sind, gab es auch lange Phasen der Trauer in Lindgrens Leben. Die Ehekrise mit Ehemann Sture als auch sein späterer Tod, der Tod ihres Bruders Gunnar und ihres über alles geliebten Lasse haben sie sehr mitgenommen und sich in einigen ihrer Werke bemerkbar gemacht (u.a. „Klingt meine Linde“, „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“), die mit einer weitaus melancholischeren bzw. traurigeren Stimmung daherkommen als der Rest.

Irgendwann schien sich Lindgren allerdings mit der Stille bzw. Einsamkeit arrangiert zu haben, von der später ihre Stockholmer Wohnung in der Dalagatan erfüllt war. Sie schien das Beste daraus zu machen und ihr Leben ganz im Sinne des Satzes „Dieser Tag, ein Leben“ des schwedischen Philosophen und Dichters Tomas Thorild, zu leben. Seit sie den Satz 1927 bei ihrem Besuch in der sagenumwobenen Villa Strand der Schriftstellerin Ellen Key las, ließ er sie nicht mehr los. Er wurde zu einer Art Lebensphilosophie für sie, hat sie über ihr gesamtes Leben hinweg begleitet. Genau deshalb habe ich dieses Motto auch für meine Reise durch die Werke von und über Astrid Lindgren gewählt.

„Der größte Geniestreich in Michel aus Lönneberga ist der humanistische Grundstrom des Werkes. Dieses leise, eindringliche Echo im Kielwasser des Lachens, das uns daran erinnert, wer wir sind und was wir als Menschen nie vergessen dürfen: Das für andere zu tun, vom dem wir uns wünschen, dass es die anderen für uns täten.“

Zitat aus dem Buch

Doch die Biografie ist nicht nur ein unglaublich tolles Nachschlagewerk im Bezug auf Astrid Lindgrens persönlichen Lebensweg, sondern auch wenn es um ihre Bücher geht. Dank zahlreicher Textstellen und Bilder sowie einer Bibliografie am Ende des Buches (in der man alle Werke Lindgrens nach dem Jahr ihres Erscheinens in Deutschland findet), inspiriert die Biografie auch zu zahlreichen Folgelektüren. In meinem Fall resultierte es in dem Wunsch, die mir vertrauten Bücher aus meiner Kindheit noch einmal zu lesen und sie nun aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, nämlich dem einer erwachsenen Frau, die nun auch die einzelnen Entstehungsgeschichten und zeitgeschichtlichen Hintergründe der Werke kennt. Sicher aber nicht gänzlich ohne die Augen eines Kindes, für die Lindgren ihre Geschichten letzten Endes geschrieben hat.

„Ich will für einen Kreis von Lesern schreiben, der Wunder bewirken kann. Nur Kinder können beim Lesen Wunder bewirken.“

Aus „Astrid Lindgren – Ihre fantastische Geschichte“

Wusstet ihr, dass nach dem Erscheinen von Pippi Langstrumpf ein regelrechtes Pippi-Fieber in Schweden ausgebrochen ist? 1949 fand es seinen Höhepunkt, als am „Tag des Kindes“ im Park Humlegården ein Pippi-Themenpark aufgebaut wurde, bei dem es zu tumultartigen Szenen kam. Hier fand auch ein Lookalike Wettbewerb mit lauter frechen Rotschöpfen statt!

„Kinder und Eltern drängten sich um die große Villa-Kunterbunt-Bühne in der Mitte des Parks, um eine Runde auf Pippis Pferd zu reiten, am Wettbewerb um die beste Pippi-Verkleidung teilzunehmen oder um einige der glitzernden Goldmünzen zu erwischen, die laut Programm zwei Mal am Tag vom Himmel „regnen“ sollten. Die Schlange zum Miniaturzug „Pippi Express“, der durch Humlegården tuckerte, war kilometerlang, und die Bahn hatte so prominente Passagiere wie Carl Gustaf, den „Kleinen Prinzen“ von Schweden, und seine ältere Schwester Christina an Bord.“

Zitat aus dem Buch

Wer Lust dazu bekommen hat, mich fortan bei meiner Lindgren-Reise zu begleiten, dem sei die Seite „Dieser Tag, ein Leben“ ans Herz gelegt, die ihr oben im Menü an dritter Stelle findet. Dort werde ich nach dem Veröffentlichen meiner Beiträge die Links dazu der Einfachkeit halber sammeln.

Und jetzt fragt ihr euch sicher, ob die Irritation, mit der mich der Film zurückgelassen hat, nun erloschen ist. Nein, das ist sie nicht. Zumindest nicht vollständig. Kinofilme dienen sicher in erster Linie zur Unterhaltung und unterliegen der künstlerischen Freiheit des Filmemachers (bzw. Regisseurs oder Drehbuchschreibers). Nach dem Lesen der Biografie bin ich dennoch der Ansicht, dass sich manche Dinge im Film anders dargestellt haben als ich sie mir in diesem Buch begegnet sind. Was nun der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht, dass sich die Lektüre der Biografie im Anschluss an den Film als sehr lohnend herausgestellt hat, da sie weitergeht wo der Film endet. Diejenigen unter euch, die sich im Film die Darstellung eines längeren Zeitabschnitts von Astrids Leben gewünscht hätten, sind deshalb bei der Biografie bestens aufgehoben. Denn Jens Andersens begleitet uns bis zu Astrid Lindgrens Tod.

Wie hat euch die Verfilmung „Astrid“ gefallen? Habt ihr Jens Andersens Biografie schon gelesen und in welchem Lindgren-Buch steckt ihr möglicherweise gerade? Ich werde mich jetzt noch einmal in die Abenteuer von Astrids stärkstem Mädchen, Pippi Langstrumpf, stürzen und dabei auf die Töne zwischen den Zeilen achten.

Dieser Tag, ein Leben. 

Wenn das Herz zu Bersten droht

Rattatatam, mein Herz – Franziska Seyboldt

Etwa jeder sechste Deutsche leidet unter einer Angststörung, doch kaum einer traut sich darüber zu sprechen. Franziska Seyboldt schon. Im August 2006 entscheidet sich die Autorin und Redakteurin der taz zu einem Geständnis. In Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle – Leben mit einer Angststörung spricht sie offen über ihre Angststörung. Einer Krankheit, die als häufigste psychische Erkrankung, noch vor Depressionen und Alkoholismus, gilt. Die Resonanz auf ihren Artikel war überwältigend. Deshalb entschied sich Seyboldt ein Buch daraus enstehen zu lassen. Eines, das auch mich letztes Jahr erreichte und jedem Menschen ans Herz gelegt sei.

Rattatatam, mein Herz

Zugegeben, als das Buch bei mir ankam, habe ich mir nicht allzu viel davon versprochen. Weder leide ich an einer Angststörung, noch bin ich der typische Ratgeber-Typ. Doch die Zeilen auf der Rückseite des Buches hatten mich sofort. Es war die ihnen anhaftende Mischung aus tiefer Ehrlichkeit und Intensität, die mich in ihren Bann zogen.

„An guten Tagen wache ich auf und bin eine Schildkröte. Dann spaziere ich bepanzert bis an die Zähne durch die Straßen und verrichte gemächlich mein Tagewerk, Tunnelblick an und los, im Bauch ein Gefühl wie Hühnerfrikassee: warm, weich und muskatig. (…) An schlechten Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. (…) Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür. Herzlich willkommen, treten Sie ein und treten Sie zu, die Fassade bröckelt schon.“

Zitat, Seite 15/16

Ein Rauschen wie heranrollende Wellen

Das erste Mal ohnmächtig wird Seyboldt mit zwölf Jahren bei einer Untersuchung beim Arzt. Plötzlich ist da ein Rauschen in ihren Ohren, das einer Ohnmacht vorausgeht und wie heranrollende Wellen eiskalt über ihre Extremitäten schwappt. Schwarze Punkte beginnen vor ihren Augen zu tanzen, ehe sie sie schließt und sich der Ohnmacht hingibt. Später wird ihr klar, dass es ihre erste Begegnung mit der Angst war. Einer Angst, die sich von da an in ihrem Leben einnistet und nicht wieder abschütteln lässt. Auch die Leser von „Rattatatam, mein Herz“ machen mit dieser Angst Bekanntschaft. Der lästige Begleiter spielt in Seyboldts Buch nicht nur eine zentrale Rolle, er ergreift auch noch ständig das Wort.

„Die Angst und ich sind auf dem Spielplatz und wippen. (…)

„Wer hat dich eigentlich so verkorkst?“, fragt die Angst. Diplomatie ist nicht so ihr Ding.

„Na, du.“

„Kann gar nicht sein!“

„Warum nicht?“

„Ist doch klar: Wenn du normal wärst, wär ich gar nicht da.“

„Moment mal. Was soll das heißen?“

„Ich stoppe die Wippe, indem ich mich nach hinten lehne. Die Angst thront hoch oben wie ein Cowboy auf seinem Pferd. Enspannte Zügelführung, Sonne im Rücken, wehendes Haar. (…) Sie ist übertrieben lässig. Dazu dieser selbstsichere Ausdruck um den Mund, der bei mir reflexhaft Argwohn auslöst. Kann man so jemandem trauen? Nein.“

Zitat, Seite 51/52

Therapie ist nicht gleich Therapie

Und so berichtet Seyboldt von ihrem Leben mit der Angst. Wie sie erst nach einer ganzen Weile lernt mit ihr und nicht gegen sie zu leben und was dafür nötig war, um das zu begreifen. Was mit einem miserablen Therapeuten beginnt, der wie Hannibal Lecter aussieht und ihr lediglich ein Buch empfiehlt, dessen Angsttest sie bewältigen muss, endet bei einem empathischen Menschen, der sie dazu auffordert, über alles zu sprechen, was sie beschäftigt. So kommt sie nicht nur auf ihre Angst, sondern auch über ihre Kindheit, ihre Zukunftssorgen und Beziehungsprobleme zu sprechen. Endlich wird sie nicht mehr nur ausschließlich auf ihre Angst reduziert. Durch diese Sitzungen erkennt sie, dass es die unterschiedlichsten Ursachen für ihre Angststörung gibt. Und dass sie sich dafür nicht zu schämen braucht!

„Bei Dr. Goldberg war ich ein Mensch mit einer Angststörung. Bei Hannibal Lecter eine Angststörung mit einem lästigen menschlichen Anhängsel.“

Zitat, Seite 45

Franziska Seyboldt hat hier keinen klassischen Ratgeber geschrieben, sondern vielmehr einen persönlichen Erfahrungsbericht mit ermutigender Botschaft. Mit ihren schonungslos ehrlichen Zeilen gibt sie nicht nur den Weg in ihr Innerstes frei (durch das sie Angstpatienten sicherlich zu einem offeneren Umgang mit ihrer Krankheit ermutigt), sondern öffnet vielleicht auch dem ein oder anderen nicht betroffenen Leser die Augen. Vielleicht gelingt es ihr sogar der Stigmatisierung, die in unserer Gesellschaft immer noch fest verankert scheint, ein kleines bisschen entgegenzuwirken. Denn die Symptome der Krankheit nehmen leider immer noch viel zu viele Menschen zum Anlass, jemanden als verweichlicht, nicht gesellschaftsfähig, irrational oder unproduktiv einzuordnen. Dabei sehen sich selbst Nicht-Angst-Patienten häufiger einer Angst vor dem persönlichen Scheitern konfrontiert als ihnen lieb ist. Wir alle haben täglich ein stetig wachsendes Arbeitspensum zu bewältigen und hangeln uns dabei durch eine Reihe von Stressituationen, die uns körperlich wie geistig einiges abverlangen. Das darf einen schon mal in Angst versetzen!

„Angstschweiß stinkt übrigens immer, trotz Deo. Er riecht viel beißender als der Schweiß an einem heißen Tag oder beim Sport, vielleicht, um den Angreifer olfaktorisch in die Flucht zu schlagen. Was einigermaßen sinnlos ist, wenn sich der Angreifer in meinem Kopf befindet.“

Zitat, Seite 28

Das Buch ist ein interessanter und unglaublich unterhaltsamer Exkurs in das das Krankheitsbild einer Angststörung. Man mag es kaum glauben, wie leichtfüßig und locker sich die Autorin durch ihr Buch bewegt. Es scheint mir, als könnte Seyboldt mittlerweile mit Leichtigkeit ihrer Angst die Stirn bieten. Seyboldts Zeilen haben mich auf Anhieb abgeholt. Auch ohne Angststörung konnte ich mich wunderbar in die Lage der Autorin versetzen und mich in der ein oder anderen Situation sogar wiederfinden. Das Rattern von Seyboldts Herzschlag begleitet einen durch das gesamte Buch und macht es damit zu einem unglaublich emotionalen Unterfangen. Ratta-ta-tam!

„Es ging um meine Einstellung zum Leben und darum, wie ich mit Belastungen umgehe, ganz egal, ob sie objektiv nachweisbar sind oder nicht. (…) Stress ist keine Währung, die für jeden den gleichen Wert hat.“

Zitat, Seite 65/66

Pax (lat.): Frieden

Mein Freund Pax – Sara Pennypacker

Seit Peter den Fuchswelpen Pax vor dem Tod gerettet und aufgezogen hat, sind die beiden unzertrennlich. Doch eines Tages zwingt sein Vater ihn, den Fuchs wieder in die Freiheit zu entlassen und ihn den Gesetzen der Natur auszusetzen.

Der Krieg geht ins Land und fordert seine Opfer. Auch an Pax und Peter zieht er nicht spurlos vorüber. Doch während Mensch und Tier vor ihm fliehen, laufen die beiden Freunde ihm blindlings entgegen. Während Peter glaubt, dass sein Fuchs ohne ihn in der Wildnis nicht überleben kann, ist sich auch Pax sicher, dass Peter seinen Schutz braucht.

Und so machen sich die beiden Freunde, getrieben von ihrer Sehnsucht, auf die Suche nach dem jeweils anderen. Denn auch Hunderte Kilometer voneinander entfernt, reißt ihr enges Band der Verbundenheit nicht.

„Der Krieg, der kommt – bist du sicher, dass er allen schadet, die ihm auf seinem Weg begegnen? Selbst den ganz Jungen?, fragte er Gray. Allen. Krieg zerstört alles.“

Zitat, Seite 148

Sara Pennypacker bringt den zwölfjährigen Halbwaisen Peter und den Fuchswelpen Pax kurz nach dem Autounfall der Mutter zusammen. In einem Fuchsbau nahe der Straße finden sie zueinander. Seitdem sind sie unzertrennlich. Zum Vater findet Peter keinen wirklichen Zugang, genauso wenig wie zu seinem lieblosen Großvater, bei dem ihn der Vater kurz vor dem Einzug in den Krieg absetzt.

Pax da draußen alleine zu wissen, lässt dem Zwölfjährigen keine Ruhe. Und so lässt es nicht lange auf sich warten, bis Peter das Weite sucht, um nach seinem ausgesetzten Fuchs zu suchen, der sich nun alleine der Wildnis stellen muss. 300 Kilometer entfernen ihn zu der Stelle, an der er ihn verlassen musste. Ein Weg, der kein leichter ist. Erst Recht nicht, wenn man sich schon am ersten Tag den Fuß bricht und sich nur mühsam in eine nah gelegene Scheune schleppt. Es ist Vola, eine auf den ersten Blick verrückte alte Frau mit Holzbein, die den Jungen findet und sich bereiterklärt, ihm wieder zu Kräften zu verhelfen, damit er die Fährte nach seinem Fuchs schnellstmöglich wiederaufnehmen kann.

Pax unterdessen, weiß mit der neu gewonnenen Freiheit anfangs nicht umzugehen. Doch bereits wenig später begegnet er der kühnen Fuchsdame Bristle und ihrem schwächlichen kleinen Bruder Runt, die sich seit ihre Eltern den Menschen in die Falle gegangen sind, alleine herumschlagen müssen; und dem alten Fuchs Gray, der sich schon bald mit Pax zusammentut, um zum einen nach seinem Jungen und zum anderen nach einer sicheren Gegend für die anderen Füchse zu suchen.

„All diese Erinnerungen schwanden langsam, ebenso wie die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, eingesperrt zu sein. Schon wusste er nicht mehr, wie es war, den Himmel durch sechseckige Öffnungen im Drahtzaun um sein Gehege herum anzusehen.“

Zitat, Seite 146

In abwechselnden Erzählsträngen schildert Pennypacker die Erlebnisse des Jungen und des Fuchses, die ähnliche Entwicklungen durchleben. Denn nachdem beide von ihrer Umgebung anfangs argwöhnisch beäugt werden, finden sie später Anschluss bei ihresgleichen. Und so wird die Suche nach dem besten Freund für beide Protagonisten am Ende auch eine Suche zu sich selbst. Es ist eine charakterliche Entwicklung, die Pennypacker ihre Figuren durchleben lässt. Eine Entwicklung an der die Freunde reifen und letztendlich auch die Geschichte selbst.

„Während die beiden Füchse weiterzogen, beschäftigte Pax ein weiterer, rätselhafter Geruch seines Jungen, ein Geruch aus einer tieferen Schicht als die anderen. Der hatte etwas mit Kummer zu tun, aber auch mit Sehnsucht und entsprang einem tiefen Schmerz, den Pax nie ergründen konnte.“

Zitat, Seite 147

Was Sara Pennypacker mit „Mein Freund Pax“ gelingt, ist eine tief berührende Geschichte über Freundschaft, über Menschlichkeit und Nächstenliebe in Zeiten des Krieges. Mit den wunderbaren Illustrationen von Jan Klassen, die die Stimmungen der Protagonisten perfekt wiederspiegelt und damit im harmonischen Einklang mit der Geschichte stehen, wird dieses Jugendbuch zu einer Perle am Buchmarkt. Der poetische Erzählstil, der gleichwohl aussagekräftig und für Kinder leicht zugänglich ist, verleiht der Geschichte einen besonderen Glanz.

Doch auch vor der erschreckenden Realität schreckt Pennypacker nicht zurück, weshalb sich die Leser auch schonungslosen Schilderungen stellen müssen, die der Krieg und die Skrupellosigkeit der Menschen mit sich bringt. An vielen Ecken lauert der Tod, dem gleichwohl Mensch als auch Tier erliegt. So kommt man nicht umhin, dass einem mitunter ein beklemmendes Gefühl begleitet und die ein oder andere Träne in die Freiheit entweicht.

„Auf seiner Wanderung begleiteten ihn die Erinnerungen an all die verlassenen Tage mit den hungrigen Augen. Wie anklagende Geister waren sie auf seinem Weg aufgetaucht und wieder verschwunden. Wie gern hätte er ihnen gesagt, dass er das Gefühl kannte, plötzlich den Menschen zu verlieren, der einen liebte und umsorgte. Das Gefühl, dass die Welt auf einmal ein gefährlicher Ort war.“

Zitat, Seite 269

Fabulieren gegen die Kälte

„Königskinder“ – Alex Capus

Max und Tina sind seit 26 Jahren miteinander verheiratet und verstehen sich blind, zumindest in den wirklich großen Dingen des Lebens. Über die kleinen Dinge zanken sie sich jedoch unablässig. Und so wird auf der Fahrt durch das schweizerische Greyerzerland nicht nur inbrünstig darüber diskutiert, wann es ideal sei, einen Scheibenwischer einzusetzen, sondern auch, ob die Entscheidung, den Weg über den nächtlichen Jaun-Pass einzuschlagen, wirklich sinnvoll war. Als es zu schneien beginnt und ihr Auto von der schmalen Passstraße rutscht, herrscht Einigkeit: sie war saudämlich!

Weil es keinen Sinn macht, das Auto mitten in der Nacht zu verlassen und sich ins kalte Schneetreiben zu begeben, harren Max und Tina der Dinge. Die morgendliche Schneefräse wird sie sicher aus ihrer Misere befreien. Bis dahin heißt es im eingeschneiten Toyota Corolla eng zusammenkuscheln, damit die eisige Kälte sich nicht in ihren Gliedern festsetzt. Zum Glück haben sie gut zu Abend gegessen und eine Decke dabei. Um ihnen in ihrer vorerst ausweglosen Situation ein wenig Trost zu schenken, bedient sich Max einem alten Hilfsmittel: dem Erzählen. Und so beginnt er voller Hingabe zu fabulieren und erzählt seiner Frau die Geschichte eines armen Kuhhirten und einer reichen Bauerstochter, die in einer entlegenen Sennhütte genau an jenem Gebirgspass im Jahr 1779 begann.

„In dieser einen Sekunde aber, da sie einander zuwinken, erkennt Marie im klaren Blick seiner hellgrauen Augen, dass er sie ganz und gar wahrnimmt, ohne Vorbehalt und ohne Urteil, und auch Jakob kann sehen, dass sie ihn erkannt und in sich aufgenommen hat. Wie ein Blitz durchfährt sie beide die Erleuchtung, auf einen Schlag wird ihnen alles, wirklich alles klar. (…) Es ist ein köstlicher, herrlicher, erhebender Augenblick. Marie und Jakob wünschen sich, dass er niemals enden möge. Aber leider kann er nicht andauern. Augenblicke wie diese verweilen nie.“

Zitat, Seite 37

Hier im Greyerzerland, wo die Sprachgrenze zwischen dem östlichen Bern-Deutsch und dem westlichen Französisch verläuft, verliebt sich der wortkarge, eigenbrötlerische Kuhhirte Jakob ausgerechnet in Marie-Françoise, die Tochter eines reichen Bauern aus dem Tal. Natürlich lässt der Bauer nichts unversucht, die Verbindung zwischen den beiden Liebenden zu kappen, denn den armen Alpentrampel hält er alles andere als eine gute Partie für seine Marie. Doch gegen die unerschütterliche Kraft ihrer Liebe kommt er nicht an. Selbst als Jakob vorerst die Flucht antritt und in den französischen Militärdienst verschwindet, bleiben sich die beiden Liebenden treu. Als Jakob eines Tages an den Hof von Versailles bestellt wird, wo Madame Elisabeth einen Betrieb landwirtschaftlicher Puppenstuben – Idylle unterhält, wird Jakob wieder als Kuhhirte tätig. Und da die Prinzessin es nicht mit ansehen kann, wie Jakob vor Sehnsucht nach Marie zergeht, arrangiert sie mithilfe ihres Bruders, König Ludwig dem XVI., die Wiedervereinigung der Liebenden.

Doch auch die restliche Welt gerät ins Rollen. Während Jakob und Marie fortan ein nahezu unberührtes Leben auf dem Hof der Prinzessin leben, das dem Rhythmus der Jahres- und Melkzeiten unterliegt, vollziehen sich gewisse politische Veränderungen im Land, die zur Französischen Revolution bis hin zum Sturz der Versailler Königsfamilie führen.

Eine Liebe in Zeiten des Wandels

„Den Ton zu finden ist keine Sache des Nachdenkens, eher Intuition.“

Alex Capus bei seiner Lesung im Gasteig München

Den Ton, den Alex Capus in seinem neuesten Roman anstimmt, ist leise aber eindrücklich. Der schlichte mündliche Erzählstil, der imtim, ja fast geflüstert wirkt, war ihm ein persönliches Anliegen. Mit ihm wirkt die Geschichte, die Max seiner Frau im eingeschneiten Toyota erzählt, fast wie eine Gute-Nacht-Geschichte im heimischen Bett, wenn auch weniger warm und kuschelig. Während die Liebesgeschichte von Jakob und Marie größtenteils auf wahren Begebenheiten basiert, ist die Geschichte von Max und Tina fiktiv. Nach seinem Roman „Das Leben ist gut“, in dem wir dem Ehepaar das erste Mal begegnet sind, greift er erneut auf Max und Tina zurück und setzt sie in „Königskinder“ den Kräften der Natur aus. Capus nutzt sie als Setting, bettet darin die Liebesgeschichte des 18. Jahrhunderts.

„Es ist gar nicht so wichtig, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt.“

Zitat, Seite 19

Es ist das Volkslied „Pauvre Jacques“, durch das Capus auf das Schicksal von Jacques bzw. Jakob Boschung aufmerksam wird. Seine Zeilen, die von einer lebenslänglichen Zuneigung erzählen, haben den Autor so sehr berührt, dass er dem persönlichen Schicksal des Mannes auf den Grund gehen musste. Aus seiner Recherche ist der Roman entstanden.

Max Schachzug, mit einer Erzählung gegen die Kälte anzukämpfen, die sich im eingeschneiten Toyota seiner Figuren spürbar breit macht, mag ein bisschen an Sheherazade aus „Tausendundeiner Nacht“ erinnern. Denn auch sie ergreift als Rettungsanker das Erzählen, um ihrer Hinrichtung zu entgehen. Das Spiel, das in ihrem Fall 1001 Nächte andauert, vollzieht sich bei Capus zwar nur für eine Nacht, jedoch mit einem ähnlich lebensrettenden und trostspendenden Effekt.

Capus neuer Roman begegnet mir ähnlich wie sein Vorgänger wieder sehr ruhig und unaufgeregt. Durch die Zankereien und kurzweiligen Wortgefechte zwischen Max und Tina wird er aber zu einem sehr unterhaltsamen Lesevergnügen. Daher sei euch der Roman, der ideal zu dem gerade einsetzenden Wintereinbruch passt, wärmstens empfohlen!

„Und dann diese Stille, wenn du nicht mehr erzählst. Als ob die Dunkelheit nicht schon genug wäre. Schwarze Nacht und Grabesstille, das ist wie tot sein.“

Zitat, Seite 85/86

Meine Highlights des Jahres 2018

Meine lieben Leser,

das Jahr 2018 ist gerannt, schneller als mir lieb war. Nun neigt es sich unaufhaltsam dem Ende entgegen, der Jahreswechsel steht unmittelbar bevor. Zeit, um einen Moment in mich zu gehen und gedanklich zurückzureisen, zu den für mich schönsten Leseabenteuern diesen Jahres; den Büchern, die sich mir als Buchperlen offenbart haben und die deshalb jedem von euch ans Herz gelegt sind.

Als frischgebackene Mama weiß ich mittlerweile die Momente zu schätzen, in denen ich ohne schlechtes Gewissen in ein Buch abtauchen und dabei die Welt um mich herum für einen Moment vergessen darf. Alles verschwimmt dann, plötzlich existieren nur noch das Buch und ich. Plötzlich bin ich einfach nur noch die leidenschaftliche Leserin, die sich von der Welle an Emotionen tragen lässt, die von manchen Büchern ausgeht.

Es gibt Bücher, deren Geschichten dich mehr als nur unterhalten. Seine Zeilen sind mutig, erschreckend ehrlich, mitfühlend, aufwühlend oder einfach nur über die Maße komisch. Jene Bücher sichern sich einen Platz in deinem Herzen. Ihre Geschichten verankern sich in deinem Gedächtnis, regen zum Nachdenken an und hallen oft noch lange nach. Fünf ebensolcher Bücher habe ich dieses Jahr gelesen, drei davon bereits rezensiert. Mit Klick auf den Titel kommt ihr direkt zur Besprechung, die restlichen zwei folgen im nächsten Jahr.

Habt viel Spaß beim Entdecken meiner Jahreshighlights und rutscht gut in das neue Jahr!

Man liest sich, eure Steffi
Mittagsstunde – Dörte Hansen (Penguin Verlag)

Dörte Hansen erzählt von verschrobenen Dörflern, einer Flurbereinigung und dem Schicksal einer Familie. Nach ihrem Erstling „Altes Land“ stimmt sie erneut unglaublich ehrliche, unaufgeregte aber eindringliche Töne an und spielt damit ein Lied vom Leben. Sie spickt ihre Geschichte mit allerhand Skurrilität, Humor und jede Menge Plattdeutsch.

Was man von hier aus sehen kann – Mariana Leky (Dumont Verlag)

Mariana Leky bedient sich einer so bunten und lebendigen Sprache, dass man während dem Lesen den Eindruck hat, Menschen und Dinge erwachen zum Leben. Die Skurrilität ihrer Figuren sorgt über die gesamte Geschichte hinweg für höchste Unterhaltung, auch wenn die Ausweglosigkeit und Melancholie, die sich oft neben ihren Figuren niederlässt, gut durchblitzt. Manchmal liegen Freud und Leid eben sehr eng beieinander.

Sag den Wölfen, ich bin zuhause – Carol Rifka Brunt (Eisele Verlag)

Carol Rifka Brunt ist hier ein erstaunlich einfühlsames Debüt gelungen, das sich nahezu leichtfüßig den Themen Homosexualität, Aids, Verlust und Trauer nähert. Es erzählt vom Heranwachsen, vom Anderssein und der Hassliebe zwischen Geschwistern, von Eifersucht innerhalb der Familie, von Schuldzuweisung aber auch von familiärem Zusammenhalt, von Freundschaft und Liebe. Dieser Roman ist so komplex und dennoch leicht zugänglich, dass man innerhalb weniger Zeilen sein Herz an ihn verliert.

Mein Freund Pax – Sara Pennypacker (Sauerländer)

Sarah Pennypackers Geschichte über die Freundschaft zwischen einem Jungen und seinen Fuchs brilliert mit emotionaler Tiefe und leicht zugänglichen Zeilen. Die begleitenden Illustrationen von Jan Klassen bringen die Stimmung, mit der die Geschichte behaftet ist, noch intensiver zum Vorschein. Aus diesem harmonischen Zusammenspiel entsteht ein Jugendroman, der auch Erwachsene zum Nachdenken anregt.

Acht Berge – Paolo Cognetti (DVA)

Was Paolo Cognetti in diesem Roman erschaffen hat, ist die Geschichte einer wahren Männerfreundschaft vor gewaltiger Bergkulisse. Durch wunderbar atmosphärische Beschreibungen erweckt er eine Landschaft zum Leben, die uns einmal mehr vor Augen hält, wie atemberaubend schön und heimtückisch die Natur doch ist. Cognettis Zeilen begegnen einem auf sehr ruhige und geerdete Weise. Sie sind ehrlich und ungeschönt, nehmen das Leben so wie es ist.