Wenn aus Fremden Verbündete werden #kinderbuchadvent + Giveaway

„Bergkristall – Der heilige Abend“ – Adalbert Stifter, Anita Sansone Cotti, Maja Dusikova

Bohem Press, erschienen am 16. September 2021, Preis 16,95 € [D], Gebundene Ausgabe, ab 3 Jahren, 32 Seiten, ISBN: 978-3-85581-580-7, hier geht’s zum Buch

Es ist die Geschichte zweier Bergdörfer, die sich fremd und nur durch zwei Kinder miteinander verbunden sind. Während Sanna und Konrad mit ihren Eltern in Gschaid auf der einen Seite des Berges wohnen, leben die Großeltern in Millsdorf auf der anderen. An einem sehr milden Heilig Abend dürfen sich die Kinder alleine auf den langen Weg über den Pass zu den Großeltern machen, um Weihnachtswünsche zu überbringen.

Mit allerlei Weihnachtsgaben im Gepäck, treten die Geschwister den Heimweg an. Doch sie geraten in einen Schneesturm und kommen vom Weg ab. Als die Dunkelheit hereinbricht, suchen sie Schutz in einer Höhle. Sie essen und trinken alles, was ihnen die Großeltern mitgegeben haben, um gegen den Hunger und die Müdigkeit anzukämpfen. Es ist das Leuchten eines Sterns, der sie um Mitternacht an den Weihnachtstag erinnert. Denn das Glockengeläut im Tal findet leider nicht den Weg zu ihnen ins Hochgebirge.

Unterdes lässt die gemeinsame Suche nach den vermissten Kindern die beiden entzweiten Gemeinden zueinander finden und aus Fremden Verbündete werden.

Ein Weihnachtsklassiker in neuem Gewand

Adalbert Stifters Bergkristall gehört sicher zu den Klassikern der Weihnachtsgeschichten. Die Geschichte, die 1845 erstmals in der Zeitschrift Die Gegenwart erschienen ist, damals noch unter dem Titel Der heilige Abend, fand über die Jahre in unterschiedlichstem Gewand den Weg zur Veröffentlichung. Die mir bekannteste Version ist die im Verlag Urachhaus erschienene Ausgabe, die sich an Kinder ab 5 Jahren richtet und von Maren Briswalter illustriert ist.  Nun ist bei Bohem Press eine gekürzte Neufassung des Klassikers erschienen, die die Geschichte auch einer jüngeren Leserschaft zugänglich machen soll.

Schon lange hatte ich das Bilderbuch für meine 4-jährige Räubertochter und mich im Visier. Ich hatte die Lektüre aufgrund des Textumfangs und des Inhalts jedoch vorerst noch auf später vertagt. Als ich das wunderbare Cover der Neuauflage sah, wurde mir direkt warm ums Herz. Die Coverillustration von Maja Dusikova hat mich auf Anhieb entzückt. Dass es sich dabei um die bereits anvisierte Geschichte von Adalbert Stifter handelt, habe ich anfangs gar nicht realisiert. Die vorliegende Ausgabe wurde von Anita Sansone Cotti gekürzt und in Würdigung des Originals auf traditionelle Weise nacherzählt. Die mit der Schweizer Autorin befreundete Illustratorin Maja Dusikova hat die Geschichte schon als kleines Mädchen geliebt und sich seit jeher gewünscht, sie eines Tages selbst malen zu dürfen. Mit ihren wunderschönen Bildern mit nostalgischem Touch hat sie ihre Liebe zu der Geschichte wunderbar zum Ausdruck gebracht. 

Der Verlag empfiehlt die Neufassung des Klassikers für Kinder ab 3 Jahren, in meinen Augen kann man sich aber auch mit der gekürzten Fassung gut und gerne noch ein weiteres Jahr Zeit lassen. Im direkten Vergleich zur anvisierten Urachhaus-Ausgabe kommt die Ausgabe mit weitaus weniger Text und großformatigeren Illustrationen daher, bei der gemeinsamen Lektüre mit meiner Tochter stelle ich jedoch fest, dass der Umfang des Textes nach wie vor nicht zu unterschätzen ist und ich nur in besonders wachen Momenten ihre volle Aufmerksamkeit für mich und die Geschichte gewinnen kann. 

Das Bilderbuch bietet viel Anlass für gemeinsame Gespräche. Dass sich Kinder in dem Alter ganz alleine ohne Eltern auf einen so langen und gefährlichen Weg über einen Berg machen dürfen, hat Emma schon sehr erstaunt. Aufgrund ihrer Bergerfahrung wusste sie jedoch auf Anhieb um die Schwierigkeit von steilen Stellen und der Gefahr, die manchmal vom Berg ausgeht. Es ist ganz wunderbar mit anzusehen, wie sich Sannas Bruder Konrad in dieser misslichen Lage behauptet, wie er Mut, Vernunft und einen klaren Kopf beweist, wie er sich die Umgebung und einige Wegpunkte einprägt, um nicht die Orientierung zu verlieren, trotz allem aber nicht die Hoffnung verliert, als das rot angestrichene Schild  einer Unglücksstelle am Höhepunkt des Passes später vollends im Schnee verschwindet. Er sorgt für seine kleine Schwester, lässt sie sich an seiner Tasche festhalten und lässt sie das bittere Kaffeekonzentrat trinken, damit sie nicht einschläft und in der Dunkelheit erfriert. 

Die Geschichte der anfangs entzweiten Gemeinden, die sich später zusammentun, um zusammen die vermissten Kindern zu finden, zeigt wiederum wie Empathie und Nächstenliebe letztendlich über Skepsis und Fremdenfeindlichkeit siegt. Sowohl inhaltlich als auch illustratorisch ist dieses Bilderbuch daher eine Perle.   

Eine Verlosung im Rahmen des Vorleseadvents

Heute öffnet sich bei mir das fünfzehnte Türchen im Rahmen des Kinderbuchblogger Adventskalenders von Kinderbuch-Detektive, weshalb ich ein Exemplar von der verkürzten Neuauflage Bergkristall an euch verlosen möchte.

Und da ich sowohl  hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, in den Lostopf zu springen.

Für ein Los auf dem Blog würde ich euch bitten, mir bis Donnerstag, 16.12.21, 23:59 Uhr zu verraten, in welcher Situation eure Kinder bislang Mut/Vernunft/einen klaren Kopf bewiesen haben.

Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post  auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird. 

Viel Glück und eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

Eure Steffi

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von  Bohem Press als Rezensions- und Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt.]

[Der Versand des Gewinns erfolgt durch den Verlag. Zu diesem Zweck (und nur dazu) gebe ich die Adresse der Gewinnerin/des Gewinners an den Verlag weiter.]

Kleine Schneeflocke – #Kinderfreuden zum #Vorleseadvent + Giveaway

„Kleine Schneeflocke“ – Benji Davies, Ebi Naumann

Aladin Verlag, erschienen am 28. September 2021, Preis 15,00 € [D], Gebundene Ausgabe, ab 4 Jahren, 32 Seiten, ISBN: 978-3-8489-0196-8, hier geht’s zum Buch

Es sind zwei Geschichten, die Benji Davies in seinem Bilderbuch „Kleine Schneeflocke“ miteinander verwebt: die einer kleinen widerspenstigen Schneeflocke, die nicht landen will, und die eines kleinen Mädchens namens Noëlle, das sich Schnee herbeisehnt und von einem glitzernden Weihnachtsbaum träumt.

Und während Noëlle auf dem Nachhauseweg mit ihrem Großvater in den Schaufenstern der Stadt die prachtvollsten Weihnachtsbäume bestaunt, muss für sie ein kleiner Tannenzweig als Baum herhalten, den sie auf der Straße aufliest, eintopft, schmückt und auf ihr Fensterbrett stellt.

Wie gut, dass sich seine Spitze als idealer Rastplatz für die fliegende Schneeflocke entpuppt, die dort als glitzernder Schneestern ihrem weiteren Fall entkommt.

Wenn kleine Dinge Großes bewirken können

„In einer Winternacht, hoch oben am Himmel, wurde eine Schneeflocke geboren. Sie tanzte zwischen den Wolken, hüpfte, sprang und wirbelte umher. „Huuiiiiiiiii!“ Sie jubelte und jauchzte. Doch schon bald begann sie hinabzusinken. „Ich will nicht nach unten fallen“, sagte die kleine Schneeflocke.“

Die Bücher von Benji Davies sind seit „Nick und der Wal“ aus unseren Regalreihen nicht mehr wegzudenken. Wir lieben den unverkennbaren Davies-Stil, die liebevollen Geschichten, die er mit seinen Bildern erzählt und die wertvollen Botschaften, die er mit ihnen transportiert. Die Freude war daher groß, als der Illustrator uns letztes Jahr seine winterliche Geschichte „The Snowflake“ geschenkt hat. Ein Bilderbuch, das seitdem im Original bei uns wohnt und nun dank Ebi Naumann auch als poetische deutsche Übersetzung verfügbar ist. Heute möchte ich euch die Geschichte um die „Kleine Schneeflocke“ ans Herz legen. 

Weihnachtsbücher gibt es wie Sand am Meer. Doch oft geht es darin gar nicht mehr um das, was Weihnachten wirklich ausmacht, sondern vielmehr um die Geschenke, die zuhauf unter dem Weihnachtsbaum Platz finden. Natürlich habe ich es als Kind geliebt, Geschenke auszupacken, tue es heute noch. Aber Weihnachten, das ist für mich in erster Linie Zusammenhalt, es ist die gemeinsame Zeit mit den Liebsten, es ist das Glück der kleinen Dinge, der Zauber, der oft schon in einer flackernden Adventskerze, im glitzernden Weihnachtsbaum oder im leise herabrieselnden Schnee zu den Feiertagen verborgen liegt. Die Magie, die in der Luft liegt und sich mit dem Duft von Mandarinen, Zimt und selbstgebackenen Plätzchen paart. Und dann geraten einem manchmal Bilderbuchperlen in die Hände, die einen nicht nur tief in der Seele berühren, sondern auch genau das in sich tragen: das Glück der kleinen Dinge. „Kleine Schneeflocke“ ist so eines…

„Dann, nicht weit weg von zu Hause, lag ein kleiner Zweig am Straßenrand. „Mein eigener kleiner Baum“, sagte Noëlle.“

Für Noëlle ist Weihnachten anders als für andere Familien. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrem Großvater in armen Verhältnissen. Einen Weihnachtsbaum können sie sich nicht leisten. Als Noëlle auf der Straße einen kleinen kümmerlichen Tannenzweig aufklaubt, wächst der Wunsch in ihr, daraus ihren eigenen kleinen Weihnachtsbaum zu machen. Liebevoll topft sie ihn zuhause ein, schmückt ihn und schenkt ihm auf ihrem Fenstersims einen schönen Platz. Doch irgendetwas fehlt ihm noch zu seinem Glück. Gleichzeitig wirbelt eine kleine Schneeflocke vom Himmel, die alles andere als glücklich ist, immer weiter nach unten zu fallen. Doch ihr bleibt nichts anderes übrig und so hält sie Ausschau nach einem ganz besonderen Platz für sich. Und immer dann, wenn sie zum Landen ansetzt, trägt eine Böe sie weiter, bis sie bei Noëlle auf dem Fensterbrett landet.

„Noëlle stellte den Baum nach draußen, wo sie ihn sehen konnte. Sie hoffte, auf seinen kleinen Zweigen würde bald auch noch echter Schnee liegen.“

Es ist selbstgebastelter Schmuck und ein paar Schneeflocken aus Papier, mit denen Noëlle ihren kleinen Tannenzweig und ihr Fenster verschönert. Doch sie wünscht sich nichts sehnlicher, als dass ihr Zweig bald noch von Schnee bedeckt ist. Und als sie schlafen geht, wird sie das Gefühl nicht los, dass ihrem Baum noch etwas wichtiges fehlt. Es ist wohl ein Wink des Schicksals, das die kleine Schneeflocke über Nacht auf der Spitze des Zweiges Platz findet und von da an als Weihnachtsstern glänzen darf. Sie war für Noëlle bestimmt.

Benji Davies schenkt uns mit „Kleine Schneeflocke“ eine atmosphärische Weihnachtsgeschichte, die nicht nur wunderbar anheimelnde Winter- und Weihnachtsszenerie, sondern auch eine wundervolle Botschaft in sich birgt: dass auch kleine Dinge ganz Großes bewirken können!

Da wir bereits das englische Original besitzen, durfte die kleine Schneeflocke zu meiner kleinen Bilderbuchtesterin Luisa ins heimatliche Franken fliegen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Luisas Urteil:

©instagram.com/marymagmuc

 

Luisa, was gefällt dir am Buch am besten?

Die großen Bilder und Farben – da bekommt man richtig Lust auf Weihnachten. Und das Ende ist richtig schön… (hätte ich euch aber nicht verraten)

Wo würdest du gerne landen, wenn du eine kleine Schneeflocke wärst?

Auf meiner Nasenspitze

 

©instagram.com/marymagmuc

 

Welches ist deine Lieblingsseite im Buch?

Die, auf der Noëlle stolz und verträumt auf ihren kleinen Baum im Fenster blickt. 

Wie schön, genau das ist auch meine Lieblingsseite.

Worauf bekommst du nach dem Lesen so richtig Lust?

Einen Christbaum zu schmücken!

 

 

 

 

Beste Lesezeit:

In der Weihnachtszeit, am Tisch mit Adventskranz und selbstgebackenen Plätzchen.

Schlüpft in die Rolle von:

einer kleinen Christbaumliebhaberin

 

Eine Verlosung im Rahmen des Vorleseadvents

Heute öffnet sich bei mir das elfte Türchen im Rahmen der Aktion #vorleseadvent von Steffie alias @kleinerleser, weshalb ich ein Exemplar von dem bereits vergriffenen Bilderbuch „Kleine Schneeflocke“ an euch verlosen möchte.

Und da ich sowohl  hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, in den Lostopf zu springen.

Für ein Los auf dem Blog würde ich euch bitten, mir heute bis 23:59 Uhr euren allergrößten Herzenswunsch für euer/eure Kind/er in einem Kommentar zu verraten, den ihr ihm/ihnen an Weihnachten mit auf den Weg geben möchtet.

Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post  auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird. 

Viel Glück und eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit!

Eure Steffi

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Thienemann Esslinger als Rezensions- und Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt.]

[Der Versand des Gewinns erfolgt durch den Verlag Thienemann Esslinger. Zu diesem Zweck (und nur dazu) gebe ich die Adresse der Gewinnerin/des Gewinners an den Verlag weiter.]

Kinderfreuden #53: Ein Freund für alle Lebenslagen

„Bertie Pom und das große Donnerwetter“ – Daniela Drescher

Verlag Urachhaus, 2. Auflage 1. Oktober 2021, Preis 16,00 € [D], Gebundene Ausgabe, ab 3 Jahren, 26 Seiten, ISBN: 978-3-8251-5284-0, hier geht’s zum Buch

Seit vielen Sommern und Wintern lebt der Apfelwicht Bertie Pom in seinem gemütlichen Wichtelhaus.

Als eines Tages ein heftiger Sturm um seinen Apfelbaum braust, ist dem freundlichen Wicht nichts zu waghalsig, um seine Freunde aus den Klauen des Unwetters zu befreien. Wie gut, dass sein Zuhause am Fuße des Baums so gemütlich ist, dass alle bei ihm Zuflucht finden …

Beschreibung des Verlags

Blickwinkel aus großen Augen

Heute ist Nikolaustag und wenn es etwas gibt, das früher neben Mandarinen, Nüssen und dem obligatorischen Schokoladennikolaus immer den Weg in meine blitzblank geputzten Stiefel fand, dann waren es Äpfel. Wir lieben Äpfel. Und das geht nicht nur uns so, sondern scheinbar auch dem Rest von Deutschland. Schließlich gilt der Apfel als beliebtestes Obst hierzulande. Er begleitet uns durch das gesamte Jahr. Und deshalb findet er heute auch den Weg in Emmas Stiefel – vom Nikolaus höchstpersönlich befüllt versteht sich!

Während meine Tochter und ich zwischen August und Oktober immer besonders den Genuss von lokalen erntefrischen Äpfeln frönen, kommen wir auch nach der offiziellen Erntezeit noch in den Genuss von Äpfeln. Sie sind Emmas tägliche Begleiter. Schon früh am Morgen gönnt sie sich die extra Ladung Vitamin C zum Frühstück und ist empört, wenn sie ihre geliebten Apfelschnitzen im Kindergarten nicht in ihrer Brotzeitbox vorfindet. „Mama, du hast heute meine Äpfel vergessen!„, beschwert sie sich dann beim Abholen. Und wie heißt es schließlich so schön: „An apple a day keeps the doctor away!“

Wie passend, dass Ende August ein Bilderbuch von Daniela Drescher erschienen ist, das gleich zwei Vorlieben von uns vereint: unsere Begeisterung für Wichtel und unsere Vorliebe für Äpfel. Wobei, eigentlich sind es gleich drei Vorlieben, denn die Illustrationen von Daniela Drescher habe ich persönlich sehr ins Herz geschlossen. Sie sind in unserem Kinderbuchregal nicht mehr wegzudenken. Und so tummelt sich dort neben den  Wichtelgeschwistern Pippa und Pelle und dem Regenrinnenwicht Giesbert nun auch ein entzückender Apfelwicht. Sein Name ist Bertie Pom. Heute möchten wir euch seine Geschichte „Bertie Pom und das große Donnerwetter“ ans Herz legen. Gelesen werden kann sie das ganze Jahr, aufgrund des großen Gewitters, dass Bertie und die tierischen Apfelbaum-Bewohner darin aber heimsucht, passt es meines Erachtens besonders gut in den Herbst bzw. hereinbrechenden Winter, die häufig mit stürmischem Wetter aufwarten.

Bertie lebt in einem gemütlichen Wichtelhaus am Fuße eines Apfelbaums. Er hat darin einen Ofen, eine prall gefüllte Speisekammer und ein weiches Bett. Also alles, was ein Apfelwicht braucht. Eines Tages überrascht ihn der Dachs beim Frühstück und warnt ihn vor dem Gewitter, das sich draußen zusammenbraut. „Potzblitz!“, staunt der Apfelwicht, als er vor die Tür geht.“ Tatsächlich bedecken eine ganze Menge dunkler Regenwolken den Himmel und von weitem hört er bereits ein erstes Donnergrollen heranrollen. Er entscheidet sich kurzerhand dazu, den Tag zum Gemütlichkeitstag zu erklären und sich mit seinen kleinen Mitbewohnern Rüsselchen, Krabbelfuß und Pünktchen im gemütlichen Apfelwicht-Haus zu verkriechen. Zur unserer Freude holen sie dafür jede Menge Spiele, Decken, Kissen, Bauklötze und Knabberkram heraus. All das, was auch wir für einen besonders gemütlichen Tag zusammentragen. Der Begriff Gemütlichkeitstag ist seit der ersten Lektüre fest in unserem Sprachgebrauch verankert. 

Doch ehe Bertie es sich in seinem behaglichen Zuhause gemütlich macht, möchte er seinen Freund Albert, die alte Krähe mit dem lahmen Flügel, die ganz oben im Apfelbaum haust, in Sicherheit wissen. Und so holt er seine lange Leiter hervor und beginnt Ast für Ast den Apfelbaum zu erklimmen. Nun ist die Krähe zwar das älteste Tier im Apfelbaum, aber nicht das einzige. Und so klettert Bertie auf seinem Weg zur Krähe an den Behausungen des Gartenschläfers Pip, des Kauzes Friedrich und des Eichhörnchens Tibbi vorbei. Und ehe Bertie dafür sorgen kann, das Krähennest fester an den Baum zu binden, erfasst schon eine kräftige Böe den Ast und lässt ihn stark hin und herschaukeln. „Es pfeift und schüttelt, bläst und rüttelt an Zweigen und Ästen.“ Und mit einem Mal wird auch der Kobel des Eichhörnchens – hui – vom Wind erfasst und davongetragen. Als dann noch dicke Regentropfen vom Himmel fallen, schlägt Bertie vor, dass alle vorerst im Apfelwicht-Haus Unterschlupf suchen, bis das Unwetter vorbei ist. Auch der Kauz und der Gartenschläfer erachten das als eine gute Idee und schließen sich an. Und als sie alle gemütlich in Berties Wohnung beisammensitzen, ist das schreckliche Wetter draußen schon fast vergessen.

Daniela Drescher hat mit ihrem entzückenden Apfelwicht eine wunderbare Geschichte von Freundschaft und Zusammenhalt geschaffen. Sie erzählt in „Bertie Pom und das große Donnerwetter“ nicht nur eine spannende Geschichte, sie verdeutlicht mit ihr auch, wie gut es ist, Freunde an seiner Seite zu haben, die auch in schweren Zeiten zu dir halten. Darüber hinaus beschreibt sie auf sehr lebendige, mitunter sehr poetische Weise den Lauf der Natur, die vielen Schätze, die wir aus der Ernte für uns gewinnen können und die vielen Besonderheiten, die die tierischen (Baum)bewohner mit sich bringen. So lernen die jungen Leser*innen z.B. ganz spielerisch, dass das Zuhause des Eichhörnchens Kobel genannt wird, dass Käuze es sich in Baumhöhlen gemütlich machen oder der Gartenschläfer ein Tier ist, das bei uns in Deutschland angesiedelt ist, auch wenn man die entzückende Schlafmaus mit der „Zorro-Maske“ kaum noch in der freien Wildbahn erleben kann. 

So sorgt die international gefeierte Illustratorin und Autorin mit ihrem neuen Werk nicht nur für jede Menge Unterhaltung, sondern auch für einen gewissen Informationsgehalt. Ihre Illustrationen, die sehr detailliert, naturnah und fantasievoll daherkommen, schaffen Atmosphäre und Gemütlichkeit und bringen kleine und große Augen zum Strahlen.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Was hat dir an der Geschichte am Meisten gefallen, Emma? 

Dass Bertie einen Gemütlichkeitstag mit all seinen Freunden machen will und dafür genau die gleichen Sachen zusammenträgt, die ich immer mit dir hole. Decken, Kissen, Spiele und vor allem was zum Knabbern. Dann wird es ganz gemütlich! 

Gibt es Figuren in der Geschichte, die du besonders magst? 

Ich mag Bertie. Und Rüsselchen, Krabbelfuß und Pünktchen. Die sind ganz winzig und trotzdem habe ich sie entdeckt. Krabbelfuß ist eine Raupe und Pünktchen ein Marienkäfer, was Rüsselchen ist, weiß ich nicht so genau. Das Tier schaut aber total lustig aus. Es hat so eine Rüsselnase wie ein Elefant. (Psst … Daniela Drescher hat es uns verraten: Rüsselchen ist ein Rüsselkäfer).

Was ist in der Geschichte passiert?

Es gab ein ganz großes Unwetter und dann hat es ganz wild gestürmt und geregnet, dass sich alle in Berties Wohnung verkriechen mussten.

Emmas Tipp:

Die Geschichte mit einem Apfel oder getrockneten Apfelringen genießen.

[Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Verlag Urachhaus als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Kinderfreuden #52: Wenn ein Einhorn ohne Glitzer erstrahlt

„Emmas Einhorn“ – Briony May Smith

Thienemann-Esslinger, erschienen am 27. Juli 2021, Preis 15,00 € [D], Gebundene Ausgabe, ab 3 Jahren, 48 Seiten, ISBN: 978-3-480-23717-3, hier geht’s zum Buch

Emma zieht mit ihren Eltern in ein kleines Haus am Meer. Hier riecht alles anders, die Räume begegnen ihr leer und befremdlich. Noch nie hat sie sich so einsam gefühlt wie hier. Sie flüchtet in die Natur, durchstreift die von wilden Blumen übersäten Wiesen und entdeckt dabei ein kleines Einhorn-Baby, das sich im Gras verfangen hat. Sie befreit es und nimmt es in ihre Obhut. Als ihre Oma ihr erzählt, dass Einhörner sich ausschließlich von Blumen ernähren und deshalb immer an die blumenreichsten Orte fliegen, schafft sie für das Einhorn ein kleines Paradies, in der Hoffnung, es niemals wieder zu verlieren.

Und so verweilt das Einhorn bis zum nächsten Frühling bei Emma, wird ihr zu einer guten Freundin. Die beiden genießen eine unbeschwerte Zeit. Doch irgendwann kehrt die Familie des Einhorns zurück und für Emma heißt es, Abschiednehmen.

Ob sich Emma danach wieder einsam fühlt?

Blickwinkel aus großen Augen

An von Kälte und Regen beherrschten Tagen (wie sie der November zuhauf mit sich bringt) ziehen sich meine Tochter und ich uns gerne in Bilderbücher zurück, die mit warmen und atmosphärischen Szenerien aufwarten.

„Emmas Einhorn“ empfängt uns mit einem Meer aus Blumen in einer wilden unberührten Bergszenerie unweit vom Meer, die mich stark an Irland oder Schottland erinnert, mich selbst aus der Ferne dem satten Grün und der wilden unberührten Natur ganz nahe bringt, mir die salzig-erdige Luft um die Nase weht, mich die brausende Gischt des Meeres hören und mich von einem Gefühl des Behagens umgeben fühlen lässt.

„Dichter Nebel zog über den Himmel und legte sich auf das Wasser. Nein, das war kein Nebel. Das waren Wolken. Nein, das waren keine Wolken, es waren weiße Pferde. Nein, keine Pferde – Einhörner. Sie sprangen in die Luft und der Wind trug sie davon. Nur ein Wimpernschlag und sie waren verschwunden.“

Briony May Smith hätte keine magischere Szenerie schaffen können, um einen Blick auf eine Herde von Einhörnern am Himmel zu erhaschen, die mit dem letzten Sommerwind zu einer sagenumwobenen Insel fliegen und einem Mädchen namens Emma ein kleines Wunder an die Hand geben, das ihm über die Einsamkeit hinweghilft, die es in der Fremde seines neuen Zuhauses plötzlich verspürt. Sie gibt damit nicht nur der Protagonistin, sondern allen kleinen (und großen) Leser*innen einen tierischen Wegbegleiter in Gestalt eines Einhorns an die Hand, dass sie den Wert wahrer Freundschaft kennenlernen und das Gefühl von Zusammengehörigkeit spüren lässt.

Schon lange vor der deutschen Ausgabe hatte ich dieses Bilderbuch im Visier, das im Original den Titel „Margaret’s Unicorn“ trägt. Dass die Geschichte nun auch den deutschen Buchmarkt erobern darf, stimmt mich sehr glücklich. Denn Smith schenkt uns mit ihrer zauberhaften Geschichte nicht nur ein kleines silberfarben-weiß getupftes Einhorn, das auch ganz ohne Glitzer zu verzaubern vermag, der Thienemann Verlag hat mit dem deutschen Titel „Emmas Einhorn“ für uns sogar ein ganz persönliches Herzensbuch geschaffen. Denn auch meine Räubertochter trägt den Namen Emma.

Es ist die magische Aura dieses kleinen Fantasiewesens, die sofort für wohlige Wärme im Kinderzimmer sorgt. Die Faszination, die seit jeher für Einhörner herrscht, wurde in den letzten Jahren stark von Klischees überlagert. Einhörner wurden immer glitzernder, leuchtender und funkelnder. Die Faszination um ihr gewundenes Horn auf der Stirn, um ihre Gabe des Fliegens, schien nicht mehr auszureichen, es musste mit künstlichem Glitzer und Regenbogenfarben versehen und um künstliche Strahlkraft ergänzt werden. Ein regelrechter Einhorn-Hype kam auf. Und der natürliche Zauber um dieses Fabelwesen ging für mich dabei verloren.

Briony May Smith hat diesen Zauber für mich ein Stück weit zurückgeholt. Mit stimmungsvollen und natürlichen Bildern, die das Einhorn nahezu ohne diese Klischees erstrahlen lässt, verzaubert sie ihre Leser*innen auf ganz ursprüngliche Weise, selbst wenn sie das kleine Einhorn von Mondscheinwasser trinken und mit einem leuchtenden Horn die Nacht erhellen lässt. Sie versetzt ihre kleinen Leser*innen ins Träumen, lässt sie in die Luft springen, vom Wind davontragen und wie Schneeflocken vom Himmel rieseln. 

Den von Steffi Kress ins Deutsche übertragenen Zeilen haftet etwas wunderbar Poetisches und zeitgleich Magisches an, dass sich harmonisch an die Illustrationen von Smith schmiegt und das Bilderbuch zu einem stimmungsvollem Gesamtkunstwerk macht. 

Und nicht nur das, Smiths Geschichte spendet auch Trost. Sie zeigt, dass egal wo und wann, immer Weggefährt*innen auf uns warten, die uns treu und ergeben an der Seite stehen, über das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit hinweghelfen und zu guten Freund*innen werden können, selbst wenn das Leben sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder weiterträgt, weit fort, von dem Mittelpunkt unseres eigenen Lebens. Denn wahre Freundschaft kennt keine Entfernung. Und so lernen wir, ein Stück weit über uns selbst hinauszuwachsen und neuen Menschen gegenüber aufgeschlossen zu begegnen. Auch Emma fasst nach dem Abschied ihres Einhorns Mut und findet in Annabel eine neue Freundin.

Mit „Emmas Einhorn“ ist Briony May Smith eine jener Geschichten gelungen, die auch nach zahlreichen Lektüren nicht an Zauber verliert, die sich besänftigend auf unsere Seele legt, uns mit magischem Zauber und Wohlgefühl umgibt und von einem kleinen silber-weiß getupften Einhorn träumen lässt, an dessen Seite wir die Welt erobern.

„Wenn du ein Einhorn als Freund hast, wünscht du dir, dass der Frühling weit weg bleibt.“

Dieses Bilderbuch wurde von mir auch im Rahmen der Kinderbuch-Kolumne auf buchszene.de ans Herz gelegt:

https://buchszene.de/kinderbuch-empfehlungen-november-2021/

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Welches Seite hat dir am Besten gefallen, Emma? 

Als Emma und das Einhorn auf der Picknickdecke im Sommer liegen und von Blumen umgeben sind.

Als das Einhorn Mondscheinwasser trinkt und das Horn des Einhorns zum Leuchten bringt. Es leuchtet dann so wie mein Wal-Nachtlicht.

Möchtest du auch mal Mondscheinwasser trinken?

Oh ja. Denn dann fange ich vielleicht auch an zu leuchten und habe Zauberkräfte.

Wann wurdest du ganz traurig?

Als der Frühling da war und die Familie vom Einhorn wieder zurückkam. 

Was gefällt dir am Buch am besten?

Dass das Einhorn Emma nicht vergisst und es später noch einmal besucht. 

 

Wird zur:

Einhornliebhaberin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Thienemann-Esslinger als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Die Spitze des Eisbergs #baybuch

„Spitzenreiterinnen“ – Jovana Reisinger

Verbrecher Verlag, erschienen am 23. Februar 2021, Preis 22,00 € [D], Hardcover, 264 Seiten, ISBN: 978-3-95732-472-6, hier geht’s zum Buch

Wäre mir Jovana Reisingers Roman nicht an die Hand gegeben worden, hätte ich ihn wahrscheinlich nie gelesen. Das reduzierte Cover kommt nüchtern, nahezu farblos daher, ließ mich eine Geschichte vermuten, die mich nicht sonderlich mitreißen könne, sich ebenso farblos präsentiert. Doch der Blick hinter den Buchdeckel belehrte mich eines Besseren. Hier schlug mir die geballte Ladung Leben ins Gesicht. Schon im ersten Kapitel geriet ich ins Straucheln, verspürte den Sog, der von den Zeilen ausging, mich vollständig erfasste und erst am Ende des Buches wieder ausspuckte. Was für ein Ritt.

„Eine Frau, das ist ein Mensch, dachte Lisa bisher, die einmal im Monat ihre Periode bekommt, durchschnittlich 456 Mal in ihrem Leben, die Zähne zusammenbeißt, denn das bedeutet bei jeweils fünf Tagen Blutung umgerechnet sechskommazweifünf Jahre Periode am Stück, und mindestens ein Kind zur Welt bringt. Schöner wäre zwei, ein Bub und ein Mädchen. Oder Zwillinge. Mehr war es nicht. Es schien so einfach. So natürlich. Etwas, worum sie sich nicht kümmern musste. Etwas, das ihr einfach geschah. Eier, Sperma, Baby.“

Zitat, Seite 48

Rein subjektiv betrachtet ist sie das doch, die „Frau“, ihrer biologischen Uhr folgend. Von der Gesellschaft diktiert, ist es ihr Bestreben sich schnellst möglichst zu vermählen, fortzupflanzen und in einem netten Eigenheim bis ans Ende ihrer Tage niederzulassen. Das ist es doch, wozu sie erschaffen wurde!? Das ist es doch, was sie will!? Oder etwa nicht?

Es sind insgesamt neun Frauen, die Reisinger mit diesem gesellschaftlichen Klischee konfrontiert. In ihrem Episodenroman „Spitzenreiterinnen“, der sich über 5 Monate erstreckt, begleiten wir Frauen, die Namen von Frauenzeitschriften tragen und doch im krassen Gegensatz dazu stehen, was die illustren Magazine repräsentieren. Ihre Persönlichkeiten sind nicht schillernd, sondern vielmehr authentisch, voller Ecken und Kanten, voller Höhen und Tiefen.

Da ist Lisa, die keine Kinder bekommen kann und deshalb von ihrem Freund verlassen wird. Laura, die endlich den langersehnten Heiratsantrag bekommt und nun dem „Höhepunkt ihres Lebens“ entgegenfiebert. Verena, ihre erfolglose Single-Freundin, die durch eine geerbte Villa am Starnberger See ihren „Marktwert“ verbessert. Petra, die ihren „unbedeutenden“ Job aufgibt und dabei der Liebe abseits des Weges begegnet. Barbara, die seit dem Tod ihres Mannes nichts mehr mit sich anzufangen weiß und von einem kleinen Hund gerettet wird. Emma, der ein Stein vom Herzen fällt, weil sie ihre Freundin versorgt weiß. Ihre Tochter Jolie, die ungewollt schwanger wird. Und Tina, der alles entgleitet. 

„Sie ist nicht süchtig nach Schmerzen. Sie hat nur lange genug geglaubt, sie verdient zu haben. Wie Blasen an den Füßen von billigen, unbequemen oder unpassenden Schuhen. Wie ein Kater nach dem Saufen. Eine zwangsläufige Konsequenz ihrer mangelhaften Entscheidungen oder ihrer bloßen Existenz.“

Zitat, Seite 175

Reisinger gewährt einen tiefen Blick unter die Spitze des Eisbergs. Mit messerscharfem Blick seziert sie die verschiedenen Lebenswirklichkeiten dieser Frauen, die von massiver Unterdrückung, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, häuslicher Gewalt und von gesellschaftlichen Vorgaben geprägt sind.

Die Kapitel, die auf den ersten Blick alleinstehend wahrgenommen werden, jedoch sehr eng miteinander verwoben sind, sprechen für sich. Sie verdeutlichen, welch untergeordnete Rolle Frauen in unserer heutigen Welt noch immer einnehmen. In dem Reisinger die Menschen ins Rampenlicht stellt, die oft nur eine Nebenrolle spielen, schenkt sie ihnen nicht nur die gebührende Aufmerksamkeit, sie verdeutlicht zeitgleich auch, wie sich die Frauen oft aus lauter Gewohnheit, den Männern unterwerfen, wie selbstverständlich sie in die ihnen auferlegten Rollenbilder schlüpfen und erst langsam aber sicher lernen, aufzubegehren und für sich selbst einzustehen.

Die Autorin versieht die männlichen Figuren in ihrem Roman lediglich mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens. Sie schafft damit erzählerische Distanz und maßt sich zu keinem Zeitpunkt an, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sie sind Randfiguren und gleichzeitig tragende Kraft. Auch ihre weiblichen Figuren betrachtet Reisinger mit dem nötigen Abstand. Sie verurteilt nicht, feiert mit bitterbösem Blick und viel Liebe zu ihren Figuren die Frauen, ihre Wut und Ausdauer in dieser patriarchalen Welt. 

Durch ihre von satirischer Komik durchtränkten Zeilen schafft sie Momentaufnahmen, deren Verlauf man mit lachendem und weinendem Auge folgt. Ihr Roman, der für den Bayerischen Buchpreis 2021 nominiert ist und am heutigen Abend in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz einen der dotierten Löwen aus Nymphenburger Porzellan einheimsen könnte, hat sich mir als feministisches Highlight präsentiert.

Als offizielle Bloggerin des Bayerischen Buchpreises war es mir ein Anliegen, meinen heimlichen Favoriten in der Kategorie „Belletristik“ vor der Preisverleihung in die Welt zu tragen.  

„Eine Gegenerzählung wär jetzt gut. Eine, in der Frauen nicht sinnlos gemaßregelt werden, wenn sie die Anforderungen nicht erfüllen. Oder sich nicht zu benehmen wissen. Sie kann jetzt nicht das erfolgreiche Beispiel sein, an dem sich andere Frauen in dieser Lage später orientieren können. Sie muss erst heil davonkommen, ehe sie inspirieren und ein Idol sein kann. In der Zukunft werden solche Erzählungen möglich sein. Sich selbst wieder aufklauben ist eine heikle und komplizierte Aufgabe. Zeitintensiv und frustrierend.“

Zitat, Seite 153

Hier kommt ihr zu der Besprechung meines geschätzten Buchpreisbloggerkollegen Arndt in der kleinen literarischen Sternwarte „AstroLibrium“.

Der Zeit auf den Fersen

„Momo“ – Michael Ende

Thienemann, erschienen am 23. Februar 2021, Preis 16,00€ [D], Gebundene Ausgabe, ab 12 Jahren, 304 Seiten, ISBN: 978-3-522-20275-6, hier geht’s zum Buch

In den Ruinen eines Amphitheaters, ganz am Rande einer Großstadt lebt ein Mädchen mit pechschwarzen Augen, einem ebenso pechschwarzen wilden Lockenkopf und Füße von der gleichen Farbe. Ihr Name ist Momo. Sie besitzt nichts als das, was sie irgendwo findet oder was man ihr schenkt. Und obgleich ihre abgewetzte Kleidung ihrem Erscheinungsbild etwas Schmuddeliges verleiht, schätzen die Menschen ihre Gesellschaft. Denn Momo besitzt eine ganz besondere Gabe: sie kann zuhören wie kein anderer.

„Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“

Zitat, Seite 15

Doch eines Tages wird die Stadt von einem Schatten heimgesucht, der sich langsam aber sicher ausbreitet und eine ungewöhnliche Kälte mit sich bringt. Die grauen Herren erobern die Stadt. Männer mit Gesichtern wie graue Asche, aschfarbenen Zigarren im Mundwinkel und grauen Aktentaschen in der Hand. Sie haben es auf die Lebenszeit der Menschen abgesehen und Momo scheint die Einzige zu sein, die ihnen Einhalt gebieten kann. Und so zieht das kleine wilde Mädchen mit nichts als einer Blume in der Hand und einer Schildkröte namens Kassiopeia unter dem Arm in den Kampf um die gestohlene Zeit.

„Momo“ ist ein Rätsel, das Michael Ende Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen an die Hand gibt und genauso gut ins Heute wie ins Damals passt. Es ist eine Einladung zum Nachdenken und Wundern. Eine Reise in ein Reich der Phantasie, das im Nie und Nirgends liegt oder auch in der zeitlosen Gegenwart. In dieser Geschichte wartet eine moderne Welt auf uns, die einer heutigen Großstadt entspricht und genauso reich an Wundern und Geheimnissen ist wie die vergangene, wenn wir sie aus den Augen von Momo betrachten. 

Die Neuauflage, 2021: ein blaues Arrangement aus Bild und Text

Michael Ende ist einer jener Autoren, die mich schon seit meiner Jugend begleiten. Welches seiner Bücher das Erste für mich war, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Mit Sicherheit aber, dass seine Geschichten sich alle in meinem Gedächtnis verankert haben. Und zwar so, dass ich mich noch heute an Textstellen erinnere, die ich bereits vor über zwei Jahrzehnten das erste Mal gelesen habe. Einige dieser Jugendschätze sind mir von damals erhalten geblieben: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, eine Sonderausgabe von „Die unendliche Geschichte“, „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ und eine abgeliebte Ausgabe von „Momo“. Während ich in den meisten Fällen die alten nostalgischen Ausgaben den neuen vorziehe, gibt es Neuauflagen, die mein Herz im Sturm erobern. Eine davon möchte ich euch heute ans Herz legen – es ist die im Februar diesen Jahres erschienene Schmuckausgabe von Michael Endes „Momo“. 

Das orange-braune Gewand meiner Erstausgabe von 1973 wurde durch ein dunkelblau-silbern schimmerndes Gewand ersetzt. Es kommt fantastisch daher, nahezu magisch. Was ich bis zu dieser Ausgabe nicht wusste, ist, dass die Illustrationen im Buch von Michael Ende selbst stammen. Ein Zusatz im Buch weist mich darauf hin, wo früher nur „Ein Märchen-Roman“ stand. Die Bilder präsentieren sich mir nun im klassischen Blau, genau wie der Text, was früher braun daherkam. An sich eine rein farbliche Abweichung zum Original, die sich in meinen Augen allerdings um einiges selbstbewusster und moderner präsentiert. Sicherlich eine Frage des Geschmacks. In meinen Augen aber ein gelungener Schachzug, zumal die Farbe blau neben Ruhe auch für Kälte und Distanz steht und das im wunderbaren Einklang zur Geschichte steht. Eine bewusste Entscheidung des Verlags?

Die Erstausgabe, 1973: Text und Bild in zurückhaltendem Braun

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt in unserem Herzen.“

Zitat, Seite 61

Das Bewundernswerte an diesem Roman ist, dass er Kinder wie Erwachsene gleichermaßen erreicht. Michael Ende ist ein sagenhaftes Werk gelungen, aus dem sich jede/r Leser:in etwas mitnehmen kann, das Jede/r auf seine eigene Weise liest und doch nicht an der Kernbotschaft vorbeikommt, die es in sich trägt: Zeit ist kostbar. Und so stimmt Michael Ende seine Leser:innen nachdenklich, lässt sie ihren Umgang mit der Zeit und die Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit hinterfragen. Die Gesellschaft betrachten, Verhaltensweisen überdenken und auferlegten Mustern entfliehen. Doch die kleine „Warum?“ fragende Momo stimmt uns nicht nur nachdenklich, sie schenkt uns auch einen wunderbaren Blick auf die Welt, bringt Wunder und Geheimnisse zu Tage, lässt uns die kleinen unscheinbaren Dinge sehen und unser Leben neu takten.

„Meine Herren“, begann er, „unsere Lage ist ernst. Ich sehe mich gezwungen, Sie alle unverzüglich mit den bitteren, aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. Diese Jagd dauerte im Ganzen sechs Stunden, dreizehn Minuten und acht Sekunden. Alle beteiligten Agenten mussten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen Daseinszweck, nämlich Zeit einzubringen, vernachlässigen. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit, welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust, der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. Meine Herren, das ist mehr als ein ganzes Menschenleben!“

Zitat, Seite 150

Michael Endes Szenerien, von der hinter einem Pinienwäldchen versteckten alten Ruine über die Niemals-Gasse, dem Nirgend-Haus bis hin zum Saal mit den unzähligen Uhren, begegneten mir noch genauso fantasievoll wie damals als Kind. Genau wie ich seine liebevollen Figuren, von der wundervoll verwegenen Momo über die mit ihrem Rückenpanzer sprechende Schildkröte Kassiopeia, dem mit silberweißen Haaren bedeckten Meister Secundus Minutius Hora bis hin zu den bemitleidenswerten grauen Herren, erneut bestaunte. Sie alle sind Teil dieser unglaublich fantasievollen Welt, die Michael Ende in diesem Märchen-Roman geschaffen hat. 

„Momo“ ist mittlerweile ein Weltbestseller. Es wurde bereits in 46 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und weit über 11 Millionen Mal verkauft. Es wurde mit dem Deutschen und dem Europäischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet und gilt noch immer als Parabel auf unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit der Zeit. Das Bild der kleinen struppigen Momo kann ich seit der Verfilmung mit Radost Bokel (1986) auf Anhieb abrufen. Denn das Mädchen entsprach genau dem Bild, das sich damals von Momo in meinem Kopf formte, lange bevor ich mir die Verfilmung ansehen durfte, die durchaus ihre gruseligen Stellen mit sich bringt. Allen voran durch das gespenstische Heer der grauen Herren. Könnte sein, dass ich der Farbe bis heute aus diesem Grund nicht sonderlich etwas abgewinnen kann. 

Mit dieser Ausgabe verleiht Thienemann „Momo“  ein elegant-schimmerndes Gewand, durch das sich ein gewisser Zauber über die Regalreihen aller Michael Ende-Fans, und allen, die es noch werden wollen, legt. Sicherlich ein ganz wunderbares Weihnachtsgeschenk, das unter dem Weihnachtsbaum im wahren Glanz erstrahlt.

„Jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur solang sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig.“

Zitat, Seite 169

 

Ein Sommer(nachts)traum

„Der große Sommer“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 26. März 2021, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

Zitat, Seite 11

Es war der große Sommer im Herbst für mich. Ein Sommer, der sich durch ein Buch entfaltete. Dieser eine Sommer, der für mich unvergesslich bleibt.

Lange schlich ich um Ewald Arenz‘ Roman herum, schob die Lektüre auf, wollte mir dieses Gefühl aufsparen, das von seinen Zeilen ausgeht und mich schon in „Alte Sorten“ sanft umschmeichelt hat. Doch irgendwann gab es für mich kein Halten mehr und ich tauchte ein. Wie der Junge auf dem Cover. Wie Protagonist Frieder, der sich bei Nieselregen im Schwimmbad vom Siebeneinhalber stürzt um ein Mädchen im flaschengrünen Badeanzug zu beeindrucken und von weißen Blubberblasen begleitet wieder zur Wasseroberfläche gleitet. Berauscht, von der Wucht und Unvorhersehbarkeit dieses Augenblicks.

Diesen Sommer verläuft für Frieder alles anders als sonst. Denn er schafft die Versetzung in die 10. Klasse nicht und muss nach den Ferien Nachprüfungen in Mathe und Latein ablegen. Und so darf er in den Sommerferien nicht mit in den Urlaub fahren, sondern muss lernen. Bei seinem Großvater, einem Professor, den er bis zum 10. Lebensjahr siezen musste und zu dem er ein angespanntes Verhältnis hat. Der Sommer scheint für ihn gelaufen zu sein. Doch meist kommt alles ganz anders als gedacht. Und so erlebt Frieder einen Sommer, der sein ganzes Leben prägt. Es sind Tage voller Freundschaft und Zusammenhalt, voller Respekt und Vertrauen, einer ersten großen Liebe und einem Abschied. Und so reift ein Sommer heran, der an Größe nicht zu überbieten ist und wie „hellgelbe, aufregend saure Zitronenscheiben“ schmeckt.

„Ich war in einer ganz eigenen Stimmung, wie ich sie vorher noch nicht erlebt hatte. […] Es war ein Gefühl wie … als wäre man ein Instrument, das gestimmt wurde. Sechs Saiten. Aufregung. Verliebtheit. Angst vor dem Sommer. Freude am Sommer. Sich bei Nana zu Hause fühlen. Sich in Großvaters Haus verloren fühlen. Die Töne stimmten noch nicht. Aber da drin geschah irgendetwas.“

Zitat, Seite 64

Ewald Arenz versteht es aufs vortrefflichste, einen besonderen Augenblick, den „unwiederbringlichen, zitternd schönen Zauber eines ersten Males“ einzufangen und es in so atmosphärische Zeilen zu verpacken, dass sich Bilder vor deinem geistigen Auge formen, die dich die Einzigartigkeit dieser Momente spüren lässt. Während dem Lesen war ich begleitet von raschelnden Silberpappelnblättern, von süßem Lebkuchenduft, vom Klang aufregender, verliebter und ängstlicher Saiten, von einem Wechselbad aus Gefühlen der Ablehnung und Zugehörigkeit.

Arenz‘ Roman ist wirklich der große Sommer. Einer, der mich in meine Jugend zurückversetzt hat und mich viele Momente noch einmal durchleben ließ: mit klimpernden Münzen in der Tasche in einer beschlagenen Telefonzelle stehend, mit pochendem Herzen über einen Zaun kletternd (wohlweißlich, dass man nicht ohne gerissene Hose davonkommt), bei Nieselregen im Schwimmbad, angsterfüllt mit Blick vom Zehner, den Duft von Chlorwasser in der Nase, das auf den heißen Steinen neben dem Becken verpufft, in der Nacht vom schummerigen Fahrradlicht navigierend auf dem Weg nach Hause, mit zittrigen Knien in der Nähe des Schwarms, sich glückstrunken durch eine von Musik erfüllte Menschenmenge zwängend.

Frieder, Alma, Johann und Beate, sie alle habe ich ins Herz geschlossen. Mit ihrem jugendlichen Leichtsinn, ihrem Lebenshunger und einer Prise Verrücktheit waren sie mir auf Anhieb sympathisch. Auch Nana (Frieders Großmutter) und den kauzigen alten Professor an ihrer Seite mochte ich sehr. Mir gefiel, wie Frieder und der scheinbar unnahbare Großvater sich einander annäherten, selbst wenn es nur langsam und auf seine Art und Weise geschah. Auch das bunte Potpourri an Lehrern, von stocksteif bis hin zu gleichgültig, brachte mich zum Schmunzeln und ließ mich einige Parallelen zu meinen Lehrer*innen von damals erkennen. Ewald Arenz schenkt seinen Protagonisten Raum, macht sie zu wichtigen Puzzleteilen eines großen Gesamtbildes, das sich als Momentaufnahme eines großen Sommers präsentiert. Ein Sommer(nachts)traum.

Ich möchte der Lektüre dieses Romans nicht zu viel vorneweg nehmen, den Überraschungseffekt und die vielen ersten Male wahren, die sich an Frieders Seite in „Der große Sommer“ verspüren lassen. Der (Lektüren-)Tauchgang sei euch ans Herz gelegt. Ich bin mir sicher, dass ihr genauso berauscht daraus hervortauchen werdet wie ich.

„Sie roch so klar wie jemand, der im Winter aus der Kälte ins Haus kommt. Und etwas Süßes war da auch, aber nur entfernt und nur ein Hauch wie … ja, wie Robinienblüten im Frühsommer vor meinem Fenster. Nichts Schweres. Schwebend. Wie ein Ton nachklingt … aus einem wunderschönen Moment in der Kindheit, den man vergessen hat; von dem nur noch diese Erinnerung an einen Duft geblieben ist.“

Zitat, Seite 116

Das Team der #GlockenbachWelle hat Ewald Arenz auf der Frankfurter Buchmesse 2021 getroffen und mit ihm über sein aktuelles Werk gesprochen, das kürzlich zum Lieblingsbuch der Unabhängigen gekürt und für den Bayern 2 – Publikumspreis im Rahmen des Bayerischen Buchpreises 2021 nominiert ist.

Ihr seid herzlich eingeladen, in die aktuelle Sonderausgabe einzutauchen.

Eine wunderbare Besprechung zu „Ein großer Sommer“ ist auch bei Arndt auf der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium zu finden.

Im freien Fall in Richtung Abenteuer

„Alice im Wunderland“ – Lewis Carroll & Valeria Docampo

mixtvision Verlag, erschienen am 18. August 2021, Preis 28,00 € [D], Hardcover, ab 9 Jahren, 124 Seiten, ISBN: 978-3-95854-176-4, hier geht’s zum Buch

Ein Kaninchen mit weißen Handschuhen und Taschenuhr in der Westentasche, das ist wahrlich etwas Wundersames, findet Alice. Aber nicht weniger verrückt wie die die Wasserpfeifen schmauchende Raupe, die Grinsekatze, die sich bis auf ihr Grinsen in Luft auflöst,  oder ein Tee schlürfender Hutmacher nebst Schnapphase. An die kleinen Skurrilitäten, die ihr an diesem wundersamen Ort überall begegnen, gewöhnt sich Alice recht schnell. Genau wie an die Tatsache, dass sie wachsen und schrumpfen kann wie eine Ziehharmonika. Denn das bringt durchaus seine Vorteile mit sich. In dem wundervollen Land, in das Alice abtaucht, scheinen der Fantasie keine Grenzen gesteckt zu sein.

„Und selbst wenn mein Kopf hindurchginge“, dachte die arme Alice, „könnte ich mit ihm ohne die Schultern auch nicht viel anfangen. Ach, ich wünschte, ich könnte mich wie ein Fernglas zusammenschieben!“

Zitat, Seite 14

Ob ihr es glaubt oder nicht, bis zu dieser Prachtausgabe von einem Bilderbuch, habe ich noch nie Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ vollständig gelesen. Ich kannte viele Passagen aus der Geschichte und die Verfilmungen, nicht aber das gesamte Werk, das bereits im Jahre 1865 erstmals erschienen ist und längst zum Kult-Klassiker avanciert ist. Während ich lange mit anderen hübschen Ausgaben der Geschichte geliebäugelt habe, fiel mir kürzlich dieser Bilderbuchtraum in die Hände, der mit berauschend schönen Illustrationen von Valeria Docampo daherkommt. Und wer bei mir schon eine Weile liest, der wird sich spätestens jetzt an ein Bilderbuch zurückerinnern, das ebenfalls aus der Feder der begnadeten Illustratorin stammt, unser Herzen im Sturm erobert hat und mit den drei Wörtern „Kirsche, Staub und Stuhl“ auf ewig verbunden ist.

Denn hier fing unsere (Docampo-)Geschichte an…

Die große Wörterfabrik“ entflammte in Emma und mir eine Liebe für die „kleinen“ Kunstwerke aus Farben und Formen, für die Detailverliebtheit, die Ausdruckskraft und den Zauber, die/der von Docampos Illustrationen ausgeht und unwillkürlich eine Kette von Folgelektüren ins Rollen bringt. Ob „Im Garten der Pusteblumen„, „Die Schneiderin des Nebels„, „Der Bär und das Wörterglitzern“ oder die Neuinterpretation von „Der kleine Prinz“ – hier werden noch eine ganze Reihe an Bilderbuchbesprechungen folgen, die wir dem harmonischen Zusammenspiel dieser großartigen Künstlerin mit Texten von Agnès de Lestrade oder Noelia Blanco zu verdanken haben. Da bleibt es nicht fern, das Wort „Nochmal!“ in die Welt zu entlassen, das schon Paul für seine Marie übrig hat. 

„Ülkiger und ülkiger!“, rief Alice (und in ihrer Überraschung entging ihr, dass man das eigentlich gar nicht sagen kann); „jetzt schiebe ich mich auseinander wie das längste Fernrohr, das es jemals gegeben hat! Lebt wohl Füße!“

Zitat, Seite 20

Für welche „Alice im Wunderland“ – Ausgabe man sich letztendlich entscheidet, um in den wohlbekannten Klassiker einzutauchen, ist jedem selbst überlassen. Fest steht, die Geschichte ist es wert, gelesen zu werden. Lewis Carroll brilliert als fantasievoller Erzähler, sowohl bei der Erschaffung von Szenerien, Wörtern als auch Figuren schöpft er aus dem Vollen. Der unikatäre Wert seiner Erfindungen (oder sollen wir sie besser „Hirngespinste“ nennen?) mag uns in der heutigen Zeit nicht mehr ganz so außergewöhnlich erscheinen, aber gab es jemals zuvor eine Grinsekatze, die sich bis auf ihr Grinsen in Luft auflöst, einen Hasen, der mit weißen Handschuhen und Taschenuhr in der Westentasche durch die Gegend rennt, einen Hutmacher, der vor Verrücktheit förmlich überschnappt, eine Wasserpfeifen rauchende Raupe oder eine Suppenschildkröte? Lewis Carrolls Fantasie schienen keine Grenzen gesetzt. Er fabuliert was das Zeug hält, lässt die kleine Alice selbst nicht minder häufig an sich und ihren Worten zweifeln. Darüber hinaus bringt die fiktive Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist, so viele logische Komponenten und Parallelen zu unserer Welt mit sich, dass die Erzählung nicht nur bei jüngeren, sondern auch bei älteren Leser*innen großen Anklang findet.

„Ich möchte nur wissen, was eigentlich mit mir passiert ist! Früher beim Märchenlesen dachte ich mir immer, solche Dinge könnten ja doch nicht geschehen, und jetzt bin ich selbst mitten in ein Märchen geraten!“

Zitat, Seite 41

Allein von Carrolls Zeilen geht ein ungeheurer Sog aus, dem zauberhaften Zusammenspiel mit Docampos Illustrationen kann man sich aber wahrlich nicht entziehen. Ehe man sich versieht, ist man genau so schnell wie Alice im Kaninchenbau, hinter dem Deckel des Buches verschwunden, im freien Fall in Richtung Abenteuer. Und es ist eine wahre Wohltat in die großformatige Neuauflage aus dem Hause mixtvision einzutauchen. Docampos farblich dominierende Illustrationen im pink-türkisen Gewand verleihen dem wohlbekannten Klassiker einen modernen Farbtupfer, durch den er sich zum berauschenden Farbbad entfaltet, in dem man es sich so gemütlich macht, dass man erst völlig verschrumpelt wieder daraus hervortaucht. Und so offenbart sich diese Ausgabe als erquickende Lektüre für Körper und Geist und verleiht nicht nur dristen (Herbst)tagen die nötige Farbe, sondern auch dem Bücherregal einen gewissen Glanz. 

„Ihr seid ja nichts weiter als ein Kartenspiel“ […] Halb zornig, halb erschreckt, stieß Alice einen kleinen Schrei aus und schlug nach ihnen, um sie zu verjagen – und auf einmal war sie wieder am Bachufer und lag mit dem Kopf ihrer Schwester im Schoß.“

Zitat, Seite 122

Diese hübsche Schmuckausgabe sei allen großen und kleinen Alice-Fans ans Herz gelegt, an die Geburtstags- und Weihnachtsgeschenksucher*innen, an die Liebhaber*innen des geschriebenen Wortes und all jenen, die sich gerne von Farben und Formen berauschen lassen. Dieses Bilderbuch wird euch garantiert beflügeln!  

Dieses Bilderbuch wurde von mir auch im Rahmen der Kinderbuch-Kolumne auf buchszene.de ans Herz gelegt:

https://buchszene.de/kinderbuch-empfehlungen-oktober-2021/

Kinderfreuden #51: Wenn ein Sommer wie Limonade sprudelt

„Ein Sommer, wie sprudelnde Limonade“ – Kristina Kreuzer

Woow Books, erschienen am 23. April 2021, Preis 14,00 € [D], Hardcover, ab 9 Jahren, 176 Seiten, ISBN: 978-3-96177-026-7, hier geht’s zum Buch

Blickwinkel aus großen Augen

„Wann wirds mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer, wie er früher einmal war? Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September. Und nicht so nass und sibirisch, wie in diesem Jahr…“

Die Sommerferien sind vorbei und mit ihnen wahrscheinlich auch der viel zu kurze Sommer. Für viele Kinder begann gestern (wieder) die Schule. Auch für Protagonistin Luzy beginnt nach den Ferien ein neuer Lebensabschnitt. Denn sie will nicht nur die Grundschulzeit hinter sich lassen, sondern auch ihr altes Ich. Die stille Luzy soll Geschichte sein. Sie will allen zeigen, was in ihr steckt. Als sie am ersten Ferientag dem jungen Griechen Jannis und seinem Esel Tzatziki über den Weg läuft, ahnt sie noch nicht, welches Abenteuer ihr bevorsteht. Denn es wartet ein Sommer auf sie, der daherkommt wie prickelnde Limonade…

Luzys Stimme ist leiser als die der anderen. Sie hasst es, wenn ihre Mitschüler sich deshalb über sie lustig machen. Es ihr nicht gelingt, so humorvoll, schlagfertig oder einfallsreich zu sein, wie sie es gerne wäre. Und so beschließt sie, die bevorstehenden Sommerferien dafür zu nutzen, um mutiger zu werden. Jannis und seine Brüder kommen ihr daher gerade recht. Denn während ihre Eltern in den Ferien arbeiten und ihre Geschwister ihre Zeit in Camps verbringen, steht für Luzy Urlaub in Opahausen an. Ein eher ruhiger Sommer also. Denn Opa wohnt seit dem Tod von Oma alleine in seinem großen Haus mit Garten. Hier passiert in der Regel nicht viel mehr als mit Opa Kuchen unter dem großen Apfelbaum zu essen und die Seele baumeln zu lassen. Wie soll man da schon über sich selbst hinauswachsen?

Doch Luzy hat nicht mit der Aufgabe gerechnet, die ihr der sanftmütige Esel beschert. Denn Jannis sucht ganz dringend nach einer Unterkunft für Tzatziki. In der Wohnung seines Onkels kann er nicht bleiben und auch die fünf Hühner nicht, die Jannis mit seinen zwei großen Brüdern Nikos und Adonis aus Griechenland mitgebracht hat. Luzy findet den jungen Griechen auf Anhieb sympathisch. Ihr fällt auf, dass er genauso leise spricht wie sie. Und das gefällt ihr. Sie würde ihm gerne helfen, und ehe sie sich versieht, steckt sie bereits mittendrin, in der Suche nach einer geeigneten Unterkunft für die Tiere. Plötzlich zeigt sie so viel Eigeninitiative, Mut und Stärke, wie sie es selbst gar nicht von sich kennt. 

Ich habe keine Ahnung, warum ich mich bei Jannis so zu Hause fühle, dabei kenne ich ihn doch eigentlich kaum.

Zitat, Seite 64

In das wundervolle Wohlfühlbuch von Kristina Kreuzer ist mein Patenkind Lena eingetaucht. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Buch bis zum Ende der Sommerferien zu lesen. Und das ist ihr auch gelungen. Die 176 Seiten, die mit einer recht kleinen Schrift daherkommen, haben ihr aber einiges abverlangt. Dass hier kaum mehr Bilder zwischen den Zeilen zu finden sind, ist neu für sie. Hier bringen lediglich die Kapitelüberschriften kleine Schwarz-Weiß-Illustrationen von Friederike Ablang mit sich. Was bleibt, sind die Bilder im Kopf, die Kreuzers lebendige Zeilen in den jungen Leser*innen hervorrufen. Und so verleihen die imaginären Bilder von Tzatziki, von Opahausen, vom Laden von Jannis‘ Onkel oder von der Wohnung der griechischen Familie, dem Roman Farbe. Jungen Leser*innen, die der Altersempfehlung entsprechen, sich mit der Anzahl der Seiten oder der Schriftgröße aber noch etwas schwer tun, empfehle ich an dieser Stelle eine erwachsene Lesebegleitung. So ist der Einstieg auch schon früher denkbar. 

Mit der Geschichte von Luzy können sich junge Leser*innen gut identifizieren. Denn selbst wenn das sommerliche Abenteuer der 10-Jährigen sicherlich kein Alltägliches ist, sind viele Parallelen aus dem wahren Leben darin zu finden. Mit Luzy hat die Autorin eine sympathische, wenn auch zurückhaltende Protagonistin geschaffen, die sich aus eigenem Antrieb vom schüchternen zum selbstbewussten Mädchen mausert und damit einen entscheidenden Entwicklungsprozess durchläuft. Sie wächst zu ihrem eigenen Erstaunen über sich hinaus. Lernt, mutiger zu werden und auch vor ihren Eltern Stellung zu beziehen. So kann sie all jenen Leser*innen, die sich schwer damit tun aus sich herauszugehen, ein wunderbares Vorbild sein und sie in ihrem Tun ermutigen. Lena fällt auf Anhieb eine Mitschülerin ein, die leise spricht. Auch Mitschüler*innen aus anderen Ländern sind Teil ihrer Klasse, weshalb es für sie nicht ungewöhnlich war, dass Luzy eines Tages auf Jannis und seine Brüder trifft, wohl aber, dass sie ihnen so offen und selbstbewusst entgegentritt. Dass Luzy sich so schnell mit den griechischen Jungs anfreundet, hat sie beeindruckt. Und so wird Luzy für Lena zum heimlichen Star.

Auch die tierischen Figuren schließt man schnell ins Herz. Sowohl der sanftmüdige Esel Tzatziki als auch die gackernden Hühner haben in ihr schnell eine Freundin gefunden. Denn mein Patenkind hat ein Herz für Tiere und dementsprechend gelitten, als Luzy und Jannis auf dem nahe gelegenen Gnadenhof nicht den erhofften Wohlfühlort für die Tiere finden, sondern vielmehr an einen Mann geraten, dem das Wohl der Tiere gar nicht am Herzen liegt. Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Tiere in einer Nacht- & Nebelaktion zu retten und sich eine Alternative auszudenken. Dass der große Garten von Luzys Opa für Tzatziki und die Hühner prädestiniert ist, erkennt Lena schon zu Beginn der Geschichte. Wie blöd, dass der Vermieter von Luzys Opa keine Haustiere duldet. Ob sie es dennoch schaffen, die Tiere und Luzys Opa zusammenzubringen?

Das sommerliche Gute-Laune-Cover von Friederike Ablang lädt nicht nur junge Leser*innen dazu ein, in die Zeilen der Geschichte einzutauchen, es trägt auch unglaublich viele Glücksgefühle in sich. Es steht im perfekten Einklang zur Geschichte, die tatsächlich ein bisschen wie sprudelnde Limonade daherkommt und sich wie ein perfekt ausgeklügeltes Uhrwerk präsentiert, bei dem sich die Handlungsstränge wie einzelne Zahnräder auf sehr präzise und harmonische Weise miteinander verknüpfen. 

Auf dass „Ein Sommer wie sprudelnde Limonade“ noch zahlreiche junge Leser*innen für sich gewinnt und der Sommer uns damit noch ein kleines bisschen länger erhalten bleibt.

Blickwinkel aus kleinen Augen

Lenas Urteil:

 

Liebe Lena, hast du die Geschichte unter dem Apfelbaum in eurem Garten gelesen?

Nein. Aber ich fand, dass der Platz sich gut für ein Foto angeboten hat. Schließlich machen es sich Luzy und ihr Opa auch immer unter dem Apfelbaum bequem.

Hast du das Buch ganz alleine gelesen? 

Nicht ganz. Ich habe mich mit meiner Mama abgewechselt. Eine Seite sie, eine Seite ich. Ich mag es, wenn mir jemand vorliest.

 

 

Hast du eine Lieblingsfigur im Buch?

Mir hat Luzy am Besten gefallen. Denn sie ist abenteuerlustig, mutig und offen gegenüber Jungs, obwohl sie Jannis und seine Brüder am Anfang ja gar nicht kennt!

Wusstest du schon am Anfang, wie die Geschichte ausgeht?

Ich hatte eine Vermutung. Ob ich recht hatte, verrate ich aber nicht.

 

 

Dir liegen Tiere sehr am Herzen. Hast du ein Lieblingstier?

Ich mag Hunde und Katzen sehr gerne. Wir haben einen Königspudel und drei Katzen zuhause (die alle gleich aussehen). 

Wird zur:

Abenteuerin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Woow Books als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Fragen an die Autorin

Liebe Kristina,

dein Buch trägt einen ganz ausgefallenen Titel? Wie kam es zum „Sommer wie sprudelnde Limonade“? War der Titel dein Einfall oder hat der Verlag ihn dir vorgeschlagen?

Tatsächlich ist dieser wunderbare Titel meiner Lektorin Neele Bösche eingefallen. Mir wollte einfach nichts Passendes einfallen, von „Hier kommt Superluzy“ wie „Sommer mit rotem Tretboot“ war alles dabei, dann kam Neele …

Trinkst du selbst gern Limonade? Hast du welche beim Schreiben getrunken? 

Beim Schreiben trinke ich immer nur Wasser und zwischendurch zur Belohnung einen leckeren Kaffee. Im Sommer, wenn es heiß ist, liebe ich selbstgemachte Limonade!

Wie kamst du auf die Geschichte? Sind Szenen aus dem realen Leben darin zu finden oder ist die Geschichte komplett ausgedacht?  

Die Geschichte ist komplett ausgedacht. Mir kam auf einmal die Idee, über ein schüchternes /stilles Mädchen zu schreiben. Kurz darauf kam Tzatziki dazu und der Rest entwickelte sich von selbst. Aber ich glaube, in jedem guten Buch steckt auch etwas von sich selbst und dem eigenen Leben drin.

In deiner Geschichte suchen Jannis und Luzy nach einem Zuhause für den Esel und die Hühner von Jannis‘ Familie und geraten dabei an einen Menschen, dem das Wohl von Tieren gar nicht wirklich am Herzen liegt. Bist du auch schon mal an einen solchen Menschen geraten?  

Nein, zum Glück nicht, aber man liest oder hört ja immer wieder so gemeine Geschichten.

Ist dir Tierschutz wichtig?  

Auf jeden Fall. Tiere sind in unserer Zivilisation so harmlos, liebenswerte Wesen, die von sich aus selten den Menschen etwas tun (Ich rede hier von Haustieren und nicht von bissigen Kampfhunden oder Raubkatzen oder so, daher „selten“), deshalb sollten wir sie auch in Frieden lassen, und wenn wir sie halten, dann artgerecht. Wir sind gerade dabei, uns einen artgerechten (und damit ziemlich großen :-) Hasenstall zimmern zu lassen.

Hast du ein Lieblingstier? Ist es womöglich der Esel oder das Huhn?  

Als ich klein war, war mein absolutes Lieblingstier ein Elefant, mein ganzes Kinderzimmer war voll mit Elefanten in jeder Form. Ich mag sie immer noch sehr gerne, aber von der Mentalität finde ich einen Esel einfach genial: Sympathisch, geradlinig, entspannt und immer mit dem Ziel vor Augen.

Ich finde den Namen des Esels ziemlich witzig. Wie kamst du darauf, ihn wie die griechische Vorspeise zu nennen? Fühlst du dich Griechenland verbunden?  

Ich mag Griechenland sehr, als Kind war ich oft dort und auch jetzt mit meiner eigenen Familie. Aber warum Tzatziki? Ich glaube, die Idee ist mir einfach in den Kopf gehüpft. Mir persönlich ist meistens zu viel Knoblauch im Tzatziki-Quark! :-)

Gibt es eine Botschaft, die du deinen Leser*innen mit deinem Buch mit auf den Weg geben möchtest?  

„Lass dich niemals unterbuttern“, wie Opa Peter sagt. Sei Du selbst und lass Dir nicht einreden, dass Du anders sein musst.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für meine Fragen genommen hast.

Mehr Information zu Kristina Kreuzer findet ihr auf https://www.kristinakreuzer.de.

Kinderfreuden #50: Ein Sommer, wie er im Buche steht

„Sommer“ – Jihyun Kim

„Manchmal sind wir so beschäftigt, dass kostbare Momente unbemerkt an uns vorbeiziehen. Wir sollten wieder lernen, die Bedeutung scheinbar alltäglicher Momente zu schätzen.“

Jihyun Kim 

Es ist die Sommerreise eines Jungen, die scheinbar alltäglich daherkommt und doch so viele kleine Wunder in sich trägt. Es ist der Zauber der Natur, der sich in diesem Sommer auf den Jungen legt: die besänftigende Ruhe des Waldes, ein Steg im See, der schon beim Blick durchs Dickicht frohlockt, der Sprung ins kühle Nass, das lustige Spiel mit wuselnden Fischen unter Wasser, die funkelnde Sommersonne, die den Körper des Jungen wohlig umhüllt, die Dämmerung, die sich über das Land legt und dunkle Schatten auf den Boden zaubert und ein beeindruckender Abendhimmel voller leuchtender Sterne.

Mit ihren atmosphärischen Bilder ohne Text vermag Jihyan Kim uns das zu schenken, wonach wir uns alle sehnen: einen Sommer voller Unbeschwertheit.

ECKDATEN

 

Gebunden, ab 5 Jahren

56 Seiten

ISBN: 978-3-8251-5275-8

Illustration: Jihyun Kim

Verlag Urachhaus

16,00 € [D]

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

 SOMMER

In einem kleinen Ort an einem See

verbrachte ich mehrere Tage. 

Ich erinnere mich 

an einen dichten Wald,

an das warme Sonnenlicht

und die streichelnde Brise,

die mich sanft berührte.

An die Wellen des Sees

und an die unzähligen Sterne

am dunklen Nachthimmel.

Diese Momente der Natur kommen leise …

Sie riefen ein lebendiges Gefühl in mir hervor,

ein Bewusstsein für das Leben.

Mit dem Wunsch, dieses noch immer

in mir lebendige Gefühl zu teilen,

entstand dieses Bilderbuch.

Jihyun Kim

Blickwinkel aus großen Augen

Ihr kennt sicher das Sprichwort: „Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte.“ Nun, dieses poetische Silent Buch ist der lebendige Beweis dafür. Denn was Jihyun Kims stimmungsvolle Bilder im Betrachter auslösen, ist wirklich erstaunlich.

Während Bilderbücher mit Text in den meisten Fällen eine vordefinierte Geschichte erzählen, erzählen Bilderbücher ohne Worte ganz viele. Es sind Geschichten, die beim Betrachten von Bildern in den Köpfen der Kinder wachsen, nie gleich ausfallen, bei jeder Lektüre ihr Gewand wechseln. Während es Erwachsenen erfahrungsgemäß etwas schwerer fällt, sich ihrer Fantasie hinzugeben, gelingt es Kindern ganz spielerisch. Sie gehen unbefangen an die Dinge heran. Ihre Fantasie verleiht ihnen Flügel, lässt sie gedanklich abdriften und die Welt auf ihre ganz eigene Weise erfassen. Und so fiel auch die Sommerreise des Jungen im vorliegenden Buch bei meiner Räubertochter ganz anders aus als bei mir. Nicht grundlegend, aber doch unterschied sie sich um ganz feine Nuancen.

Ich nahm es hin, dass der Junge im Buch keinen Namen zu haben scheint, Emma nicht. Schon auf der ersten Seite gab sie dem Jungen den Namen „Benny“. Jeder Mensch müsste schließlich einen Namen haben. Wie sonst sollte der Junge wissen, dass es um ihn geht!? Der Blick in sein Kinderzimmer verriet uns auf Anhieb eine seiner größten Leidenschaften: Autos. Kein Text war hierfür von Nöten. Der aufmerksame Betrachter erkennt es beim Blick auf die Szenerie. Denn überall sind sie zugegen: das Bett, umsäumt von Postern verschiedenster Gefährte, am Schreibtisch eine Bilderwand persönlicher Gemälde, auf dem Boden, dem Fenstersims und dem Bücherregal: überall Autos. Man kann sich also gut vorstellen, welcher Reiz der anschließenden Autofahrt in den Sommerurlaub für den Jungen innewohnt. Ein Hauch von Abenteuer ergreift sein Haar, als er sich bei der Fahrt aus dem Fenster lehnt, um die vorbeiziehende Landschaft besser erblicken zu können.

Auf dem Land angekommen, betrachtet der Junge die Bildergalerie im Wohnzimmer seiner Großeltern. In den gerahmten Momentaufnahmen entdeckt er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Eltern und Großeltern. Hier wohnen Geschichten inne. Geschichten, die ganz spielerisch freigesetzt werden. Geschichten, an denen Kinder uns beim Betrachten teilhaben lassen. Sie tun es unaufgefordert. Die Bilder scheinen zu ihnen zu sprechen. Wenig später lockt die Natur den Jungen ins Freie. Das Abenteuer ruft, knisternde Spannung liegt in der Luft. Erst Recht, als der Junge im Dickicht des Waldes verschwindet und bald vom Geäst verschiedenster Bäume umgeben ist.

Wild wuchernder Farn lässt den Jungen und seinen Hund fast in der Landschaft verschwinden. Der überraschte Ausdruck auf ihren Gesichtern spricht Bände. Sie haben sich im wilden Gestrüpp des Waldes verloren. Doch beim Blick durchs Geäst erspähen wir in der Ferne einen Steg, der zu einem erfrischenden Bad im See einlädt. Doch ehe sich der Junge dem kühlen Nass hingibt, lässt er die Ruhe der Natur für einen Moment auf sich wirken, fast andächtig überblickt er die Weite des Sees. Keine Menschenseele weit und breit.

Platsch! Plötzlich sind wir unter Wasser, erkunden die faszinierende Unterwasserwelt und erblicken überall um uns herum Fische. Die Backen des Jungen sind dick aufgeblasen – wie lange er wohl die Luft anhalten kann? Beim Auftauchen umspielen Blubberblasen seine Füße. Klitschnass legt er sich auf den Steg, lässt seinen triefnassen Körper von der warmen Sommersonne trocknen und seine Nase von den glitzernden Sonnenstrahlen kitzeln. Doch alsbald legt sich die Dämmerung über das Land, wirft dunkle Schatten auf den Boden und läutet den Abend ein. Und ehe der Junge sich versieht, ist der Himmel mit glitzernden Sternen bedeckt. Ob er mit seinem Hund eine Sternschnuppe erspähen kann?

Das Ungewöhnliche an Jihyun Kims Bildern ist sicherlich, dass sie in einem reduzierten Farbschema daherkommen. Die Illustratorin verwendet überwiegend die Farben grau, schwarz und weiß, lässt ihre Illustrationen auf wenigen Seiten von einem zarten Grün und Blau umspielen. Ihr Blick ist aufs Wesentliche gerichtet: auf die Schönheit der Natur, auf die Schönheit des Augenblicks und auf die kleinen Wunder, die wir oft im Alltag des Lebens übersehen. Und deshalb passiert in diesem Bilderbuch so viel und doch so wenig.

Es kann zu einem unglaublichen Kleinod werden. Einem Buch, das mit zahlreichen Gefühlen und einem wunderbar befreiten Lebensgefühl einhergeht, die sich besänftigend auf unsere Seele legen. Auf ganz ruhige und unaufdringliche Weise hat sich Jihyun Kim in mein Herz gezeichnet und lässt mich von einem Sommer träumen, wie er im Buche steht…

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Welches Seite hat dir am Besten gefallen, Emma? 

Der glitzernde Sternenhimmel ganz am Ende. So einen möchte ich auch mal sehen! Ich zeig dir mal meinen Lieblingsstern…

Möchtest du auch so einen Sommer wie der Junge erleben?

Oh ja. Am liebsten möchte ich auch ins Wasser springen. „Platsch!“ macht das dann. Und dann spritz es und ich bin ganz nass. Dann kann mich auch die Sonne trocknen.

Hast du auf einem Bild etwas erkannt, das du auch schon mal gemacht hast?

Ja. Benny war nämlich im Wald. Genau wie ich. Da kann man voll gut räubern.

Was gefällt dir am Buch am besten?

Dass ich dir die Geschichte erzählen darf.

 

Wird zur:

Sommerliebhaberin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag Urachhaus als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]