Der Zeit auf den Fersen

„Momo“ – Michael Ende

Thienemann, erschienen am 23. Februar 2021, Preis 16,00€ [D], Gebundene Ausgabe, ab 12 Jahren, 304 Seiten, ISBN: 978-3-522-20275-6, hier geht’s zum Buch

In den Ruinen eines Amphitheaters, ganz am Rande einer Großstadt lebt ein Mädchen mit pechschwarzen Augen, einem ebenso pechschwarzen wilden Lockenkopf und Füße von der gleichen Farbe. Ihr Name ist Momo. Sie besitzt nichts als das, was sie irgendwo findet oder was man ihr schenkt. Und obgleich ihre abgewetzte Kleidung ihrem Erscheinungsbild etwas Schmuddeliges verleiht, schätzen die Menschen ihre Gesellschaft. Denn Momo besitzt eine ganz besondere Gabe: sie kann zuhören wie kein anderer.

„Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“

Zitat, Seite 15

Doch eines Tages wird die Stadt von einem Schatten heimgesucht, der sich langsam aber sicher ausbreitet und eine ungewöhnliche Kälte mit sich bringt. Die grauen Herren erobern die Stadt. Männer mit Gesichtern wie graue Asche, aschfarbenen Zigarren im Mundwinkel und grauen Aktentaschen in der Hand. Sie haben es auf die Lebenszeit der Menschen abgesehen und Momo scheint die Einzige zu sein, die ihnen Einhalt gebieten kann. Und so zieht das kleine wilde Mädchen mit nichts als einer Blume in der Hand und einer Schildkröte namens Kassiopeia unter dem Arm in den Kampf um die gestohlene Zeit.

„Momo“ ist ein Rätsel, das Michael Ende Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen an die Hand gibt und genauso gut ins Heute wie ins Damals passt. Es ist eine Einladung zum Nachdenken und Wundern. Eine Reise in ein Reich der Phantasie, das im Nie und Nirgends liegt oder auch in der zeitlosen Gegenwart. In dieser Geschichte wartet eine moderne Welt auf uns, die einer heutigen Großstadt entspricht und genauso reich an Wundern und Geheimnissen ist wie die vergangene, wenn wir sie aus den Augen von Momo betrachten. 

Die Neuauflage, 2021: ein blaues Arrangement aus Bild und Text

Michael Ende ist einer jener Autoren, die mich schon seit meiner Jugend begleiten. Welches seiner Bücher das Erste für mich war, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Mit Sicherheit aber, dass seine Geschichten sich alle in meinem Gedächtnis verankert haben. Und zwar so, dass ich mich noch heute an Textstellen erinnere, die ich bereits vor über zwei Jahrzehnten das erste Mal gelesen habe. Einige dieser Jugendschätze sind mir von damals erhalten geblieben: „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, eine Sonderausgabe von „Die unendliche Geschichte“, „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ und eine abgeliebte Ausgabe von „Momo“. Während ich in den meisten Fällen die alten nostalgischen Ausgaben den neuen vorziehe, gibt es Neuauflagen, die mein Herz im Sturm erobern. Eine davon möchte ich euch heute ans Herz legen – es ist die im Februar diesen Jahres erschienene Schmuckausgabe von Michael Endes „Momo“. 

Das orange-braune Gewand meiner Erstausgabe von 1973 wurde durch ein dunkelblau-silbern schimmerndes Gewand ersetzt. Es kommt fantastisch daher, nahezu magisch. Was ich bis zu dieser Ausgabe nicht wusste, ist, dass die Illustrationen im Buch von Michael Ende selbst stammen. Ein Zusatz im Buch weist mich darauf hin, wo früher nur „Ein Märchen-Roman“ stand. Die Bilder präsentieren sich mir nun im klassischen Blau, genau wie der Text, was früher braun daherkam. An sich eine rein farbliche Abweichung zum Original, die sich in meinen Augen allerdings um einiges selbstbewusster und moderner präsentiert. Sicherlich eine Frage des Geschmacks. In meinen Augen aber ein gelungener Schachzug, zumal die Farbe blau neben Ruhe auch für Kälte und Distanz steht und das im wunderbaren Einklang zur Geschichte steht. Eine bewusste Entscheidung des Verlags?

Die Erstausgabe, 1973: Text und Bild in zurückhaltendem Braun

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt in unserem Herzen.“

Zitat, Seite 61

Das Bewundernswerte an diesem Roman ist, dass er Kinder wie Erwachsene gleichermaßen erreicht. Michael Ende ist ein sagenhaftes Werk gelungen, aus dem sich jede/r Leser:in etwas mitnehmen kann, das Jede/r auf seine eigene Weise liest und doch nicht an der Kernbotschaft vorbeikommt, die es in sich trägt: Zeit ist kostbar. Und so stimmt Michael Ende seine Leser:innen nachdenklich, lässt sie ihren Umgang mit der Zeit und die Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit hinterfragen. Die Gesellschaft betrachten, Verhaltensweisen überdenken und auferlegten Mustern entfliehen. Doch die kleine „Warum?“ fragende Momo stimmt uns nicht nur nachdenklich, sie schenkt uns auch einen wunderbaren Blick auf die Welt, bringt Wunder und Geheimnisse zu Tage, lässt uns die kleinen unscheinbaren Dinge sehen und unser Leben neu takten.

„Meine Herren“, begann er, „unsere Lage ist ernst. Ich sehe mich gezwungen, Sie alle unverzüglich mit den bitteren, aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. Diese Jagd dauerte im Ganzen sechs Stunden, dreizehn Minuten und acht Sekunden. Alle beteiligten Agenten mussten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen Daseinszweck, nämlich Zeit einzubringen, vernachlässigen. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit, welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust, der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. Meine Herren, das ist mehr als ein ganzes Menschenleben!“

Zitat, Seite 150

Michael Endes Szenerien, von der hinter einem Pinienwäldchen versteckten alten Ruine über die Niemals-Gasse, dem Nirgend-Haus bis hin zum Saal mit den unzähligen Uhren, begegneten mir noch genauso fantasievoll wie damals als Kind. Genau wie ich seine liebevollen Figuren, von der wundervoll verwegenen Momo über die mit ihrem Rückenpanzer sprechende Schildkröte Kassiopeia, dem mit silberweißen Haaren bedeckten Meister Secundus Minutius Hora bis hin zu den bemitleidenswerten grauen Herren, erneut bestaunte. Sie alle sind Teil dieser unglaublich fantasievollen Welt, die Michael Ende in diesem Märchen-Roman geschaffen hat. 

„Momo“ ist mittlerweile ein Weltbestseller. Es wurde bereits in 46 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und weit über 11 Millionen Mal verkauft. Es wurde mit dem Deutschen und dem Europäischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet und gilt noch immer als Parabel auf unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit der Zeit. Das Bild der kleinen struppigen Momo kann ich seit der Verfilmung mit Radost Bokel (1986) auf Anhieb abrufen. Denn das Mädchen entsprach genau dem Bild, das sich damals von Momo in meinem Kopf formte, lange bevor ich mir die Verfilmung ansehen durfte, die durchaus ihre gruseligen Stellen mit sich bringt. Allen voran durch das gespenstische Heer der grauen Herren. Könnte sein, dass ich der Farbe bis heute aus diesem Grund nicht sonderlich etwas abgewinnen kann. 

Mit dieser Ausgabe verleiht Thienemann „Momo“  ein elegant-schimmerndes Gewand, durch das sich ein gewisser Zauber über die Regalreihen aller Michael Ende-Fans, und allen, die es noch werden wollen, legt. Sicherlich ein ganz wunderbares Weihnachtsgeschenk, das unter dem Weihnachtsbaum im wahren Glanz erstrahlt.

„Jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur solang sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig.“

Zitat, Seite 169

 

Zu Besuch im bibliophilen Schloss

Das ehemalige Jagdschloss Blutenburg im Münchner Stadtteil Obermenzing ist sicher vielen Ortsansässigen ein Begriff. Das malerisch gelegene Schloss, das im Westen von der Würm umflossen wird und in eine idyllische Szenerie eingebettet ist, ist für private Feierlichkeiten und Lesungen sehr beliebt. Doch dass das Schloss auch bibliophile Wesenszüge aufweist, war mir bislang nicht bekannt. Umso schöner war es, dass ich diese Seite des Schlosses im Rahmen eines exklusiven Bloggerrundgangs vergangenen Freitag kennenlernen durfte. Heute möchte ich euch ein paar Impressionen dieses Rundgangs mit auf den Weg geben.

Die Internationale Jugendbibliothek

Seit 1983 hat die Internationale Jugendbibliothek ihren Sitz im Münchner Schloss Blutenburg. Die 1949 von Jella Lepman eröffnete Bibliothek, die anfangs ihren Sitz in der Kaulbachstraße 11a in der Münchner Maxvorstadt hatte, ist weltweit die größte Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Sie umfasst eine Sammlung von über 650.000 Bücher in etwa 250 Sprachen aus sechs Jahrhunderten.

Gegründet vor dem Hintergrund von Nationalsozialismus und Krieg, nahm sie von Beginn an die Rolle einer weltoffenen Insel für Kinder und Jugendliche ein. Durch die internationalen Kinder- und Jugendbücher sollte eine Brücke in eine lange als fremd und feindlich erachtete Welt geschlagen und Kinder zu Frieden und Toleranz erzogen werden. Dieser Mission geht die Internationale Jugendbibliothek bis heute nach. Jella Jepmans literarisches Vermächtnis trägt deshalb wohl auch den Titel Die Kinderbuchbrücke.

Die Internationale Jugendbibliothek versteht sich heute als ein Zentrum für internationale Kinder- und Jugendliteratur, weshalb sie ihr mit einem Programm von Ausstellungen, Lesungen, Werkstattgesprächen, Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Fortbildungen der internationalen Kinder- und Jugendliteratur ein Forum gibt.

In den unterschiedlichsten Lesemuseen können sich kleine und große Besucher*innen verschiedensten Inhalten annehmen. Auf dem Gelände des Schlosses sind deshalb neben der entzückenden Kinderbibliothek das Michael-Ende-Museum, der James-Krüss-Turm, das Erich-Kästner-Zimmer und das Binette-Schroeder-Kabinett zu finden. Alle zwei Jahre richtet die Internationale Jugendbibliothek das White Ravens Festival aus. Seit 2013 wird der James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur vergeben.

Aufgrund der limitierten Zeit unseres exklusiven Bloggerrundgangs hatten wir nicht die Möglichkeit das ganze Schlossgelände zu erkunden. Nachstehend gebe ich euch einen kleinen Einblick in die besuchten Schauplätze unseres Rundgangs.

Eine Bücherempfehlung

„Die Kinderbuchbrücke“ von Jella Lepman

1964 erstmals erschienen, 2020 neu aufgelegt

Verlag: ‎ Verlag Antje Kunstmann

Gebundene Ausgabe: ‎ 280 Seiten

ISBN: ‎ 978-3956143922

303 Seiten

Preis: 25,00 EUR

 

„In den Katakomben“ des Schlosses – das Magazin

Direkt unter der großen Linde des Innenhofs liegt es verborgen, das Magazin der Internationalen Jugendbibliothek. Wir hatten das große Glück an diesem Nachmittag in die unterirdischen Tiefen des Schlosses vordringen zu dürfen, die im Normalfall nur ausgewählten Wissenschaftlern aus dem In-  und Ausland für Studien zugänglich sind.

Mit großen Filzpantoffeln an den Füßen schlurften wir also dem Bücherhimmel entgegen und beim Anblick der vielen Bücherregale verschlug es uns den Atem. Das lag zum einen an der papierenen Luft die uns dort entgegenschlug, zum anderen an dem immensen Bücherbestand, dem wir ins Auge blickten. Fakt ist, jeder Einzelne von uns hätte diesen Raum nicht freiwillig wieder verlassen. Die Bibliothekarin, die uns nicht nur viel Wissenswertes lieferte und einzelne Schätze aus den Regalreihen näher betrachten ließ, wies uns auch auf kleine liebevolle Details hin, wie z.B. die zarten Blattabdrücke einzelner Lindenblätter, die sich von der großen Linde des Innenhofs in die Decke des Magazins verirrt haben.

Der Großteil der 650.000 Bücher aus dem Präsenzbestand der Internationalen Jugendbibliothek liegt also im unterirdischen Magazin. Unter den 250 Sprachen der Bücher dominiert Deutschland, gefolgt von der USA, Frankreich, England und Spanien. An zehnter Stelle liegt Japan und wartet zu meiner Überraschung mit einigen sehr hübschen Pop-Up-Büchern auf, die von den kitschigen Ausgaben, die mir bislang untergekommen sind, deutlich abweichen. Die Sammlung des Magazins umfasst Bücher aus den Jahren 1949 bis 2018. Aufgrund des limitierten Platzes werden alle Bücher, die ab 2019 erschienen sind, im Außenmagazin in Puchheim gelagert. Alle Bücher stammen ausschließlich aus Spenden und werden vor der Einsortierung von den Lektor*innen der jeweiligen Ländersprache gesichtet. Wer ein Buch näher ansehen möchte, muss es vorbestellen. Im Studiensaal darf man sich den ausgewählten Büchern auch näher widmen, mit nach Hause nehmen darf man sie aber nicht. Einige Bücher mit nationalsozialistischem Hintergrund bleiben dem Publikumsverkehr sogar verwehrt.

Und so konnte ich ganz unverhofft nicht nur ein paar Meter Astrid Lindgren – Werke, sondern auch polnische Werke Michael Endes, amerikanische Eragons und eine alte englische Ausgabe von Elsa Beskows Wichtelkindern („Children of the forest“) bestaunen.

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Ausstellungen

Migrations – Postkarten von Künstlern aus aller Welt

Temporär oder endgültig, freiwillig oder gezwungen: Migration hat viele Facetten. Auf der Suche nach Freiheit, Sicherheit und besseren Lebensbedingungen verlassen viele Menschen ihre vertraute Heimat und wagen eine oft gefährliche Reise ins Ungewisse, um für sich selbst und ihre Familien eine lebenswerte Zukunft zu finden.

Auf Anregung des International Centre for the Picture Book in Society (ICPBS) der University of Worcester in England haben Illustratoren und Illustratorinnen aus aller Welt Postkarten zum Thema Migration entworfen, um Solidarität mit den Hunderttausenden Menschen zu zeigen, die sich in der heutigen Zeit solch gewaltigen Gefahren stellen.

Bisher sind über 300 Postkarten entstanden, die eine breite Palette an Stilen und Stimmungen zeigen. Mal abstrakt, mal realistisch, witzig oder berührend, überraschend oder nachdenklich, und begleitet von kurzen, sehr persönlichen Texten, setzen sich Isol (Argentinien), Marie-Louise Gay (Kanada), Chris Riddell (GB), Stian Hole (Norwegen), Shaun Tan (Australien), Axel Scheffler (Deutschland/GB) und viele weitere Künstler und Künstlerinnen mit dem aktuellen Thema auseinander.

Die Schätze, die dem Team des ICPBS seit 2017 „zugeflogen“ sind, wurden bereits in mehreren Ländern ausgestellt. In der Wehrgang-Galerie der Internationalen Jugendbibliothek werden nicht nur Reproduktionen aller Postkarten gezeigt, es sind auch internationale Bilderbücher, Sachbücher und Graphic Novels aus der eigenen Sammlung zu sehen. Außerdem haben, eigens für die Münchner Ausstellung, zehn Illustratoren und Illustratorinnen kurze Videoclips erstellt, in denen sie ihre Gedanken zum Thema teilen.

Quelle: Internationale Jugendbiliothek

Mich hat die wunderbare Inszenierung dieser Ausstellung sehr beeindruckt und ich war sehr erfreut, dort auch einzelne Illustrationen der Illustratorin Francesca Sanna aus dem Bilderbuch „Die Flucht“ wiedergefunden zu haben, das für mich seit jeher zu den beeindruckendsten Werken zum Thema Flucht und Migration gehört. Leider war die Ausstellung nur bis zum Wochenende in der Wehrgang-Galerie installiert. Gerne hätte ich mich den persönlichen Texten der vielen Postkarten und insbesondere den dazu passenden Kinderbuchempfehlungen der Bibliothek im Nachgang noch einmal persönlich angenommen.

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Schurken, Hexen, üble Gestalten. Bösewichte in der internationalen Kinder- und Jugendliteratur

Kein packender Roman, kein spannendes Märchen kommt ohne üble Gegenspieler aus, die die Helden der Geschichten und die Leser das Fürchten lehren. Welche Rolle spielen diese teils schillernden Gestalten in den Geschichten? Was repräsentieren sie? Was macht ihre Faszination, vielleicht sogar ihren Charme aus? Diesen und anderen Fragen geht diese Ausstellung mit zahlreichen Beispielen aus der internationalen Kinder- und Jugendliteratur nach.

Kein packender Roman, kein spannendes Märchen kommt ohne üble Gegenspieler aus, die die Helden der Geschichten und die Leser das Fürchten lehren: Hexen und Zauberer, Räuber, Piraten und Tyrannen, Rumpelstilzchen und der böse Wolf, die eiskalte Schneekönigin, der hartherzige Scrooge oder der haarige Grinch bei H. C. Andersen, Charles Dickens und Dr. Seuss. Nicht zu vergessen schreckenerregende Fantasy-Gestalten wie Sauron im „Herrn der Ringe“ und „der, dessen Name nicht genannt werden darf“ in den „Harry-Potter“-Romanen..

Sie sind niederträchtig, gefährlich, grausam und heimtückisch, sie schaden anderen, stören die gewohnte Ordnung oder zerstören sie sogar. Dennoch sind sie nicht immer ausschließlich „böse“. Häufig handelt es sich um vielschichtige Persönlichkeiten, die wie viele Helden im Verlauf der Geschichte Widersprüche offenbaren. Manche wechseln die Seiten oder wandeln sich sogar zum Guten. Die Leser verfolgen das Handeln solcher Figuren fasziniert und nicht selten mit einem wohligen Schaudern. Manchmal empfinden sie sogar eine gewisse Sympathie für sie und bewundern sie insgeheim.

Welche Rolle spielen diese schillernden Gestalten in den Geschichten? Was repräsentieren sie? Was macht ihre Faszination, vielleicht sogar ihren Charme aus? Diesen und anderen Fragen geht diese Ausstellung mit zahlreichen Beispielen aus der internationalen Kinder- und Jugendliteratur nach.

Quelle: Internationale Jugendbiliothek

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Kinder malen sich selbst

Wie sehen Kinder sich selbst in Corona-Zeiten? Womit beschäftigen sie sich? Welche Ängste und Träume haben sie? Wie hat der Ausnahmezustand das Leben der Kinder und Jugendlichen verändert? In den vergangenen Monaten hat die Internationale Jugendbibliothek Kinder aus aller Welt eingeladen, sich selbst in dieser Zeit zu porträtieren.  Aus insgesamt 42 Ländern, von allen Kontinenten, haben Kinder und Jugendliche ihre Selbstbildnisse geschickt. Insgesamt sind weit über 800 Bilder eingegangen, u.a. aus Frankreich, Italien, Armenien, der Ukraine, dem Iran, Japan, Sri Lanka, Venezuela, der Dominikanischen Republik, den USA, u.v.m.

Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren zeigen ihr Gesicht: einige grau und verängstigt, andere farbenfroh und munter, mal mit Atemmaske, mal ohne – meistens mit wachen Augen.

Quelle: Internationale Jugendbibliothek

Binette-Schroeder-Kabinett

Binette Schroeders Bilderbücher gehören wohl zum großen Kanon internationaler Kinderliteratur. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis zu meinem Besuch im bezaubernden Binette-Schroeder-Kabinett noch nie von der Künstlerin gehört habe, die bereits seit über 50 Jahren zarte magische Bilderbuchwelten schafft und mit ihren Bilderbüchern seit jeher beim Nord Süd Verlag beheimatet ist. Es sind Werke wie „Lupinchen“, „Laura“, „Münchhausen“ oder der „Froschkönig, die man in dieser Ausstellung bestaunen und künstlerisch verwoben betrachten kann.

In ihren traumschönen Bildern voller magisch rätselhafter Landschaften, Figuren und Gegenständen kann mich sich regelrecht verlieren. Das Kabinett lädt einen förmlich dazu ein, in den Bücherkosmos der Künstlerin einzutauchen. Es entzückt große und kleine Besucher*innen mit wunderlichen Möbeln, skurrilen Objekten, spielerisch eingerichteten Vitrinen und einem kleinen mechanischen Theater, das sich hinter einer kleinen Holztüre verbirgt und deren Szenerie ich mir stundenlang hätte anschauen können.

Anlässlich des Erscheinens ihres neuen Bilderbuchs „Herr Grau & Frieda Fröhlich“ lädt die Internationale Jugendbibliothek am 12. Oktober 2021 um 19 Uhr zu einem Abend mit Binette Schroeder im Jella-Lepman-Saal ein.  Anmeldungen per Email sind erbeten.

Nähere Informationen findet ihr hier.

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Erich-Kästner-Zimmer

Noch so ein Zimmer, in das wir nur im Rahmen unseres Rundgangs einen kurzen Blick erhaschen konnten, war das Erich-Kästner-Zimmer.

Ein kleines feines Zimmer mit einigen persönlichen Möbelstücken und ca. 500 Büchern aus Kästners Privatbesitz. Aufgrund der engen Freundschaft zwischen Jela Lepman und Erich Kästner kann die Internationale Jugendbibliothek nun persönliches Mobiliar von Kästner verzeichnen, u.a. seinen Original Schreibtisch und einen runden Massivholztisch mitsamt dazugehöriger Sessel, denen noch der schwere Geruch von Zigaretten anhaftet, denen sich Kästner mit Vorliebe hingab. Durch das Porträt Erich Kästners an der Wand könnte man meinen, er wäre noch immer im Raum anwesend.

In den gegenüberliegenden Vitrinen kann man nicht nur einige Erstausgaben von Kästners Werken und seine ganz persönlichen Lektüren, sondern auch die Bücherliste bestaunen, die 1933 im Rahmen der Bücherverbrennung bzw. „Säuberung öffentlicher Volksbüchereien“ Bibliothekaren und Kommissaren, die mit der Säuberung beauftragt waren, an die Hand gegeben wurde.

Auch Kästners Werke sollten in diesem Zuge verbrannt werden. Die einzige Ausnahme war wohl sein Werk Emil und die Detektive.

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Die Kinderbibliothek

Als Kind war die Stadtbücherei quasi mein zweites Zuhause. In den Ferien bin ich fast wöchentlich mit dem Fahrrad in die Bücherei gefahren um stundenlang zwischen den Regalreihen zu verschwinden um nachmittags mit einem Rucksack voller geliehener Bücher im Gepäck den Nachhauseweg anzutreten. An den internationalen Bestand der Kinderbibliothek kam die beheimatete Stadtbücherei aber nicht im Mindesten heran. Allein die Auswahl der englischen Literatur war damals sehr begrenzt. Wäre ich als Kind jemals im Schloss Blutenburg gelandet, hätte sich sicher ein Bücherhimmel für mich aufgetan. Die begeisterten Gesichter der kleinen internationalen Bibliotheksbesucher, die während unseres Rundgangs anwesend waren, sprachen Bände.

Was nicht groß verwunderlich ist, wenn man den frei zugänglichen Regalreihen mit einem beachtlichen Bestand von 30.000 Büchern in 28 Sprachen ins Auge blickt. Hier finden sich die Kinder- und Jugendbücher der jeweiligen Sprache mithilfe eines Flaggensystems ganz schnell und einfach. Neben den zahlreichen internationalen Bücherschätzen, die sich hier tummeln, entdeckt man überall viele liebevolle Arrangements und Sitzecken. Zwischen den Regalreihen sitzt ein liebevoll gefalteter Blätterigel, der Weltatlas nimmt den Ehrenplatz auf einer auf einer Staffelei ein und Lena Andersons Romanheldin Linnea wartet höchstpersönlich auf schmökernde Gesellschaft im kuscheligen Bilderbucheckzimmer.

Selbst wenn die in Obermenzing gelegene Kinderbibliothek für uns nicht wirklich um die Ecke liegt, werde ich mit meiner deutsch-belgischen Räubertochter zukünftig regelmäßige Besuche einplanen. Denn die Liebe zum Buch, die den Räumlichkeiten innewohnt und die Auswahl an niederländischen Kinderbüchern hat mich schwer begeistert.

Mein Fazit zur Internationalen Jugendbibliothek

Unser Rundgang war viel zu schnell vorbei. Doch was ich gesehen habe, hat mich schwer beeindruckt und die Lust entfacht, bald wiederzukommen. Sowohl das Michael-Ende-Museum als auch der James-Krüss-Turm wollen noch entdeckt werden. Außerdem bin ich neugierig, was nach der Ausstellung Migrations in der Wehrgang-Galerie folgt.

Ich weiß, dass meine Räubertochter mindestens genauso begeistert wie ich von der Apparatur im Binette-Schroeder-Kabinett sein wird und ich in der Kinderbibliothek mit ihr ein paar deutsche und niederländische Bücherschätze auftun werde, die wir für 4 Wochen zu uns einziehen lassen können. Selbst für Buchliebhaber wie uns, die im Münchner Vorort angesiedelt sind, ist das bibliophile Schloss ein sehr reizvolles Unterfangen, was sich hervorragend am Wochenende besuchen lässt.

Dieses Schloss lässt die Herzen von Buchliebhaber*innen höher schlagen!