Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

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Mrs. Hemingway

lesenslust über „Als Hemingway mich liebte“ von Naomi Wood

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„Write drunk; edit sober.“

Ernest Hemingway

Es waren vier Frauen, die das Leben von Ernest Hemingway primär bestimmten. Hadley, Fife, Mary und Marty. Neben zahlreichen Affären waren sie es, die den nach Leidenschaft, Alkohol und Erfolg dürstenden Schriftsteller ein Stück seines Weges begleiteten.

Während sich die Frauen dem Schriftsteller vollends hingaben, rauschte der exzentrische Womanizer ungeniert durchs Leben, durchlief berauschende Hochs und verzweifelte Tiefs. Was 1926 im südfranzösischen Antibes begann, wo Hemingway sich mit seiner ersten Frau Hadley und deren Freundin Fife zurückzog, findet 1961 sein jähes Ende.

Naomi Wood erschafft aus Briefen authentischer Quellen eine atmosphärische Geschichte um einen der wohl berühmtesten Schriftsteller, die von den Blickwinkeln der Frauen Hemingways und der Pariser Bohème bestimmt ist. Eine Geschichte, die sowohl leiser als auch herzergreifend tragischer Natur ist.

„Keiner sagte etwas. Ach ja, sie hat vergessen, dass Erfolg sich entweder mühelos einstellt oder gar nicht. Es muss stets spielerisch bleiben. Eine immerwährende Cocktailstunde. Als bestünde das Leben nur aus schmachtender Jugend oder ständigem Vergnügen. Harte Arbeit war nichts für Leute von ihrem Schlag.“

Zitat, Seite 87

Ernest Hemingway galt als einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Exzentriker, der mit seinem brausenden Temperament und seinen literarischen Werken die Pariser Bohème der 20er Jahre mitbestimmte, gilt auch heute noch als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die in Hemingways Wahlheimat Kuba spielt, hat ihm 1953 und 1954 nicht nur zu Pulitzer- und Literaturnobelpreis verholfen, sondern sorgt auch heute noch für die anhaltend verehrende Haltung der Kubaner, die ihm Museen, Literaturfestivals und Münzen widmen.

Doch in Naomi Woods „Als Hemingway mich liebte“ soll nicht Hemingway, sondern vielmehr seine vier Ehefrauen im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller nimmt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Roman tatsächlich nur eine Nebenrolle ein. Denn Wood widmet nicht ihm, sondern seinen Ehefrauen jeweils ein Kapitel des Romans. Sie präsentiert uns dadurch Hemingways Leben aus der Sicht wechselnder Perspektiven. Die Beziehungen, die dank Woods Kapitelzuordnung zwar jeweils einer Frau, aber nicht unbedingt einem Anfang bzw. Ende zuzuordnen sind, fließen dennoch schon bald ineinander über.

„Oben im Badezimmer teilen die Flügel des Spiegels ihr Gesicht. In diesen zweidimensional wirkenden Zwillingsbildern sieht sie aus wie ein Kind. Doch unendlich viele betrogene Frauen starren sie aus den tieftraurigen schwarzen Augen an. (…) Nesto. Sie will nichts außer ihren Ehemann. An der kalten Keramik des Waschbeckens stützt sie sich ab, als ließe sich das so in ihrem Kopf schwirrende Karussel zum Stillstand bringen: Fife, Martha, Hadley – die ganze Gruppe taumelt vorüber -, ein nicht endender Reigen aus Ehefrauen und Geliebten, mit fadenscheinigem Lächeln und teigigem Teint.“

Zitat, Seite 166/167

Der Weiberheld, der sich Zeit seines Lebens durchweg mehrgleisig vergnügte, scheint nicht nur besonders exzentrischer, sondern auch sehr leichtfertiger Natur gewesen zu sein. Das spiegelt sich zumindest im Umgang mit seinen Frauen wieder. Bereits im ersten Kapitel, als der Schriftsteller sich gemeinsam mit Ehefrau Hadley und seiner Geliebten Fife in der südfranzösischen Sonne rekelt, ist dies zu spüren. Hemingway nahm was sich ihm darbot. Er sah, nahm und liebte und schien nicht im Mindesten daran interessiert, wieviele Herzen er damit brach; geschweige denn, wie viel Verzweiflung und Wut er in den Frauen entflammte.

Trotz oder gerade wegen seines lange auf sich wartenden Erfolges als Schriftsteller verlor er sich zunehmend in Alkohol, Depressionen und unberechenbaren Wutausbrüchen. Der Selbstmord seines Vaters haftete an ihm wie eine klaffende Wunde, die niemals wirklich verheilte und die Persönlichkeit Hemingways entscheidend prägte. Diese markanten Ecken und Kanten Hemingways veranschaulicht Wood mithilfe einer sehr bildhaften und damit lebendigen Sprache, weswegen ich ihm in diesem Roman keine Sympathien zusprechen konnte. Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hemingways Ehefrauen sind Wood vortrefflich gelungen. Jede blickt auf die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller auf seine Weise zurück. Keine Ehefrau gleicht der anderen, und dennoch verbindet sie alle das Gleiche: ihre Leidenschaft. Sie lieben, verzweifeln und kämpfen. Die eine mehr, die andere weniger.

„Als Hemingway mich liebte“ ist eine ruhige, aber dennoch nicht minder faszinierende Reise durch Hemingways Leben. Wie Glieder eines Kettenkarussels schweben alle Figuren aneinander vorbei, scheinen Teil eines großen Ganzen und dennoch eigenständig zu sein. Woods Geschichte, die von der Faszination um den berühmten Schriftsteller, einer knisternder Atmosphäre und alkoholbeschwipster Luft erfüllt ist, hat mich nicht nur wegen Woods unaufdringlichen, lebendigen und emotionalen Beschreibungen, sondern auch als harmonisches Gesamtwerk überzeugt.

„Als sie sich wiedersahen, am Hafen von Boulogne-sur-Meer erklärte sie, sie werde den Rest ihres Lebens nicht mehr von seiner Seite weichen. Erst später wünschte sie sich, er hätte ihr dasselbe versprochen.“

Seite 144

Mein herzlicher Dank gilt Mareike von Herzpotential, die mir diesen Roman bei meinem Besuch in den Hamburger Verlagsräumen von Hoffmann und Campe mit auf den Weg gegeben hat.

Hier könnt ihr Maike & Mareikes Eindrücke zu Woods Roman einfangen…

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Zirzensisch

lesenslust über „Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer

img_20160418_185300.jpg„Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.“

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

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„Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.“

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem „Der Zirkus der Stille“ ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.“

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die  Geschichte größtenteils sehr philosophisch liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung am intensivsten wahrnimmt, begegnet dem Leser nur in einem sehr blassen Licht.

„Der Zirkus der Stille“ beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

„Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.“

Zitat, Seite 209

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Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

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Libertad infinita

lesenslust über „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets

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„Ich wäre gerne mit dir zusammen gestorben, im selben Zimmer wie du, im selben Augenblick. (…) Ich wäre gern dort gewesen, hätte gern deine Hand gehalten bei unserem Ende. Denn ich bewege mich auf dem Terrain der Lebenden, mehr oder weniger heiter, mehr oder weniger allein, aber einen Fuß habe ich immer dort, wo du bist.“

Zitat, Seite 167

Schmerz und Kummer sind genauso vergänglich wie Begeisterung und Glück. Davon war Blancas Mutter überzeugt. Doch als Blanca ihre Mutter mit Anfang Vierzig verliert, will sich der Kummer um ihren Tod einfach nicht legen. Sie plant den Rückzug nach Cadaqués, in den Sommerfamiliensitz nördlich der Costa Brava, dem Ort, der seit jeher für Freiheit steht.

Umgeben von ihren liebsten Menschen; den Kindern, ihren Exmännern, den engsten Freunden und ihrem Geliebten will sie sich von ihrer Trauer um die Mutter lösen und ins Leben zurückfinden. Doch selbst der mediterrane Überschwang der spanischen Mittelmeerküste kann Blanca nicht wirklich mitreißen. Überall streifen ihre Gedanken zu der Verstorbenen, deren Anwesenheit für Blanca über all die Jahre so selbstverständlich war.

In den Armen zahlreicher Männer, im Dunst glimmender Joints und im scheinbar unbekümmerten Miteinander ihrer engsten Vertrauten gelingt es ihr für klitzekleine Augenblicke zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Es ist der zwanghafte Versuch einer Trauernden, mit aller Macht in das ausgelassene Leben von früher zurückzukehren, wo die Zukunft noch hoffnungsvoll auf der Oberfläche des spanischen Mittelmeers glitzerte.

„Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz.“

Zitat, Seite 51/52

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Es ist die Geschichte eines Abschieds, der langsamer und intensiver nicht sein könnte. Milena Busquets zweiter Roman, der nun unter dem Titel „Auch das wird vergehen“ auf Deutsch erschienen ist, ist wie die Melodie eines Songs, dessen unbeschwerte, mitreißende, aber auch melancholische und heftige Töne auf dich übergehen, und dich hin- und herreißen.

Er erzählt von der Protagonistin Blanca, Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder, ungebunden, attraktiv und leidenschaftlich, die sich in ihrer Trauer um die verstorbene Mutter wieder in ein Kind verwandelt. Blanca schwimmt in einem Meer aus Selbstmitleid, einer quälenden Trauer um den Verlust ihrer scheinbar einzig wirklichen Konstante im Leben: ihrer Mutter.

„Jeden Moment , denke ich, während ich im Rückspiegel die Kinder beobachte, die lachen und gleichzeitig zanken, jeden Moment kann ich enttarnt und zu ihnen nach hinten auf die Rückbank geschickt werden. Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe, sehe dasselbe wie eh und je, das hüpfende Hündchen, dessen Kopf in einer Erdgeschosswohnung auf- und abtaucht, den Großvater, der seinen Enkel an die Hand nimmt, die gutaussehenden Männer mit eingeschaltetem Radar, das Funkeln meiner klimpernden Armreife, wenn sie einen Sonnenstrahl einfangen, die einsamen Alten, die knutschenden Pärchen, die Bettler, die lebensmüden alten Frauen, die schnurstracks und trotzig im Schneckentempo über die Straße gehen, die Bäume. Jeder von uns sieht etwas anderes, jeder von uns sieht immer dasselbe, und was wir sehen, sagt alles über uns. Und instinktiv lieben wir diejenigen, die dasselbe sehen wie wir.“

Zitat, Seite 47/48

In Cadaqués, einem alten spanischen Fischerdorf Nahe der französischen Grenze, das eng mit Salvador Dali aber auch mit der Autorin selbst verbunden ist, will sich Blanca von ihrem Seelenleid befreien und ins Leben zurückfinden. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sie sich ins Leben. Gibt sich Drogen, Sex und Alkohol hin wie eine Ertrinkende. Nur in jenen Momenten der Unbefangenheit scheint sie sich von ihren Gedanken an die Mutter lösen zu können.

In ihrem inneren Monolog mit der Verstorbenen, durch die sich die Geschichte dem Leser offenbart, kommt die innere Zerrissenheit von Blanca deutlich zum Vorschein. Eine Frau, die sich im einen Moment selbst zurecht weist und im anderen wieder völlig in ihren Kummer versinkt. Obwohl Blancas Trauer um ihre Mutter verständlich ist, missfällt mir die Eigendynamik ihrer Figur manchmal ein wenig. Das unvernünftige, völlig egoistische und dramatische Wesen, das weder Rücksicht auf seine Kinder nimmt, noch den Werten seiner Freunde Respekt zollt. Doch dieses Gebaren gewährt zeitgleich auch einen tiefen Einblick in das Innere einer Frau, die vor der Vernunft und den Regeln des Lebens zu fliehen versucht. Ihre häufige Abwesenheit und spürbare Einsamkeit inmitten des Trubels verdeutlicht wie gefährlich nahe jemand dem Tod kommen kann, selbst, wenn er mitten im Leben steht.

„Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm. (…) Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in den Händen hält und ehe es wieder davonfliegt.“

Zitat, Seite 168

Die atmosphärischen Beschreibungen des alten Fischerdorfes Cadaqués gelingen Busquets in ihrem Roman so gut, dass man die nahezu grenzenlose Freiheit dieses Ortes förmlich spüren kann. Ich vergrabe für eine Weile meine Füße im sonnenwarmen Sand und wärme mein Gemüt in der Hitze des Landes. Es scheint mir völlig legitim, dass Busquets Cadaqués eine tragende Rolle, eine Hauptfigur, in ihrer Geschichte zuspricht. Die intensive und faszinierende Atmosphäre dieses Ortes mag wohl einer der Gründe sein, warum bis in die 80er dort zahlreiche Künstler-Kommunen anzutreffen waren.

Busquets ist ein liebevoller und melancholischer Abschied gelungen, ein autobiografischer Roman, in dem sich nicht nur Protagonistin Blanca, sondern auch Busquets selbst, von ihrer Mutter, der Schriftstellerin Esther Tusquets, verabschiedet. Ein Roman, für den die Meinungen der Leser gehörig auseinanderzugehen scheinen und den ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

„Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich.“

Zitat, Seite 45

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Still aLeif

lesenslust über „Die sieben Tode des Max Leif“ von Juliane Käppler

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„Ich bin ein Kerl, verdammt! Ich trinke Espresso und keinen Kakao. Ich trage Sneaker und keine Sandalen. Weder Bienen noch Spinnen lassen mich in Panik geraten, höchstens ein aus dem Zoo ausgebrochener, halb verhungerter Tiger. Wenn ich was toll finde, sage ich „toll“ und nicht „supi“, und ist was blöd, dann finde ich es scheiße und nicht schitti. Komme ich mal in die Verlegenheit zu kochen, dann landen alle Zutaten frei Schnauze in der Pfanne. Ein Kochbuch besitze ich nämlich nicht. Genauso wenig wie einen Föhn, einen Motorroller oder lila Klamotten. (…) Weil ich ein Kerl bin!“

Zitat, Seite 45

Eigentlich hat Max Leif alles, was man(n) braucht. Als Besitzer eines eigenen Plattenlabels genießt er ein Leben auf der Überholspur: schicke Wohnung, fette Autos und Geld wie Heu. Drei Mal die Woche putzt seine russische Putzfrau Jekaterina die Bude plitzeblank und  Popsternchen Claudia wärmt ihm das Bett.

Doch als sein bester Freund Paul ganz plötzlich stirbt und Claudia sich mit dem Gärtner vergnügt, ziehen düstere Wolken über Max‘ Leben auf. Irgendwie war das alles aber auch zu schön, um wahr zu sein!

Max ist sich sicher, dass das nur Vorboten sind. Denn schon bald wird auch er aus dem Leben scheiden und zwar so plötzlich wie sein Freund Paul. Sein plötzliches Fieber kann nur eine HIV-Infektion, der schmerzende Magen eine exotische Seuche und seine permanente Müdigkeit die Schlafkrankheit sein. Weder die Diagnosen von Dr. Bärbeißer, noch die Besänftigungsversuche seiner Freunde kommen gegen Max Einbildung, bald das Zeitliche zu segnen, an. Und so trennt er sich von Plattenlabel, Fuhrpark und Geld. Schließlich sollte so ein Abgang aus dem Leben perfekt geplant sein!

„Ich will nicht länger über meine Scheiß-Lungen nachgrübeln. Auch nicht über meine Scheiß-Venen oder mein Scheiß-Herz. Eine Mücke im Zimmer sollte für mich nicht zu einem Elefanten werden, und wenn jemand niest, sollte ich freundlich „Gesundheit“ sagen, statt Desinfektionsmittel inhalieren zu wollen. Vor allen Dingen aber sollte ich nicht halb ersticken, nur weil ich nicht weiß, wie ich etwas sagen soll. Ich sollte es einfach sagen!“

Zitat, Seite 265

Zugegeben, ich stand Juliane Käpplers Roman anfangs sehr skeptisch gegenüber. Eigentlich werde ich nämlich mit Geschichten, die extrem überspitzt geschrieben sind, nicht wirklich warm. Nach einigen Empfehlungen und positiven Besprechungen im Netz war ich aber so angefixt, dass ich unbedingt selbst herausfinden wollte, wie schlecht es um Max Leif steht.

„Die sieben Tode des Max Leif“ beginnt als angenehm leichtfüßiger und humorvoller Roman, dessen Seiten wie im Nu verfliegen. Denn Käpplers Zeilen sind von schwarzem Humor und Sarkasmus getränkt und ganz nebenbei auch von einem überraschend rauen Ton, den ich vielmehr einem Autor als einer Autorin zugeordnet hätte. Durch diesen Aspekt haucht Käppler ihrem Protagonisten sehr authentisch Leben ein.

Seite um Seite werden wir Zeuge wir von Max hypochondrischen Anfällen, die schier kein Ende zu nehmen scheinen. Schon bald hat er sich in ein verheerendes Geflecht von Einbildungen verheddert, aus dem er sich so schnell nicht wieder befreien kann. Was als Angst vor dem Tod beginnt, entwickelt sich zur manischen Krankheitssuche und bestimmt schon bald das Leben des Protagonisten. Google wird zu seinem besten Freund. Seine Selbstdiagnosen sind dabei so herrlich überzogen, dass man sich vor Lachen kaum einkriegt.

Doch gegen Mitte des Romans schleicht sich fast unbemerkt ein neuer Ton in Käpplers Zeilen ein. Ein ehrlicher Ton, der erschüttert, ergreift und nachdenklich stimmt und dem Roman plötzlich viel mehr Tiefe verleiht, als man es jemals vermutet hätte. Käppler hält uns deutlich vor Augen, dass wir den Dingen, die im Leben wirklich zählen, manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken und unsere Lebenszeit an unwichtige Details verschwenden.

Neben Max widmet sich die Autorin auch zahlreichen Nebendarstellern, die alle Teil von Max Leben werden. So begegnen wir der drolligen Jekaterina Poljakow, Max‘ Putzfrau, die ihre russisch deutschen Anekdoten in die Runde wirft wie eine Marktverkäuferin auf dem Fischmarkt; Maja, der mürrischen Barista in Max Espresso-Stammbar; Dr. Ingrid Bärbeißer, der Ärztin, die Max bei seinen regelmäßigen Besuchen ordentlich die Leviten liest und letztendlich Machete, einem echten ostdeutschen Unikat, der während des gesamten Romans versucht, Max mit seinen Versicherungen zu beglücken.

Käppler kreiert mit „Die sieben Tode des Max Leif“ einen wilden Hypochonder-Cocktail, der die unterschiedlichsten Gefühlsregungen in uns hervorruft. Ich hätte gerne noch so einen Drink, aber bitte geschüttelt, und nicht gerührt!

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Glückstheorie

lesenslust über „Die Sache mit dem Glück“ von Matthew Quick

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„So tun als ob kann in vielerlei Hinsicht helfen.“

Als seine Mutter stirbt, findet der 39-jährige Bartholomew in der Unterwäscheschublade seiner Mutter einen Befreit-Tibet! – Brief von Richard Gere, einen kommerziellen Aufruf des Schauspielers, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren; den Bartholomews naive und altmodische Mutter damals wohl für einen persönlichen an sie adressierten Brief hielt und seither aufbewahrt hat.

Der völlig unselbständige und leicht verschrobene Bartholomew, der Zeit seines Lebens für seine Mutter gelebt hat, beginnt, dem Lieblingsschauspieler seiner Mutter fortan Briefe zu schreiben. In der Hoffnung, dass der Schauspieler ihn aus seiner persönlichen Lebenskrise befreit; erzählt er ihm ganz ungeniert die Glückstheorie seiner weisen Mutter, über Außerirdische, Buddhismus und die Liebe zu Katzen. Und selbstverständlich auch über die Jungthekarin Elizabeth, die er seit Jahren im Auge hat; die er aber nicht schafft, anzusprechen.

Bisher hat Richard Gere nicht geantwortet, aber Bartholomew ist sich ganz sicher, dass es dem Pretty Women – Star gelingen wird, auch sein Leben zu einem besseren zu machen.

„Irgendwie, und wer kann schon genau sagen, wie sich sowas entwickelt, verfielen Mom und ich im Laufe vieler Tage und Wochen in eine Routine. Wir begannen beide so zu tun, als ob. Sie tat so als ob ich Sie wäre – Richard Gere, ich tat so als ob Mom nicht dabei wäre, den Verstand zu verlieren. Ich tat so, als ob sie nicht mal sterben würde. Ich tat so, als ob ich nicht lernen müsste, ohne sie zu leben. Die Dinge eskalierten, wie man so sagt.“

Nach Jahren erfolgloser Chemotherapie wird Bartholomews an Krebs erkrankte Mutter in der letzten Phase ihres Lebens auch noch von Demenz heimgesucht, was zu einem schleichenden Verfall ihres Geistes führt. Sie beginnt, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu vertauschen; bemerkt nicht, dass es ihr geliebter Sohn Bartholomew ist, den sie fortlaufend Richard nennt – Richard, wie Richard Gerne. Bartholomew, der an den fortan spärlich gesäten Glücksmomenten seiner kranken Mutter festhält, spielt das Spiel mit. All die Jahre lebt er ein Leben als Medium, als Inkarnation des Schauspielers Richard Gere im Leben seiner Mom.

„Richard Gere zu sein, war, als würde ich mir selbst per Schmerzpumpe Morphin verabreichen. Ich war ein besserer Mensch, wenn ich Sie war. Beherrschter, selbstsicherer als je zuvor.“

Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass der orientierungslose Bartholomew sich nach dem Tod seiner Mutter an eben jenen Schauspieler wendet, den er über all die Jahre verkörpert hat. In Briefen an den Hollywoodstar schüttet er sein Herz aus. Schließlich hat der übergewichtige und arbeitslose Bartholomew sonst keine Freunde, denen er sich anvertrauen könnte. In seinen Briefen an Richard berichtet er ihm von den Erlebnissen seiner Kindheit, von der unerschütterlichen Liebe zu seiner Mutter und seinem streng katholischen Vater, den er nie kennengelernt hat, weil er bereits in seiner Kindheit am Märtyrertod durch den Ku-Kux-Clan gestorben ist.

Er erzählt ihm aber auch von seinen ganz geheimen Sehnsüchten. Von dem Versuch, die Jungthekarin Elizabeth in der Stadtbibliothek durch Telepathie zu erreichen oder dem allgemeinen Wunsch einer Frau nahe zu sein bzw. die Frau fürs Leben zu finden. Brief für Brief lernt Bartholomew über sich selbst hinaus zu wachsen und vom loyalen Trottel und Mama Hempel zu einem erwachsenen eigenständigen Mann zu werden.

Es ist eine kunterbunte Reise auf die uns der US-Autor Matthew Quick uns in „Die Sache mit dem Glück“ nimmt. Nach seinem Bestseller „Silver Linings“ widmet er sich in seinem Nachfolgeroman dem Leben des Versagers Bartholomew Neil. Einem Eigenbrötler, der mit 39 Jahren noch immer zu Hause wohnt, noch nie Sex hatte und außerdem noch nie gearbeitet hat. Mithilfe der schrägen Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, hinterfragt Quick die Gründe des Universums und offenbart seinen Lesern die Kraft der Güte und der Liebe. Er inspiriert, schenkt Hoffnung und unterhält in höchstem Maße.

„Das Leben ist beschissen!“, sagt meine rothaarige Trauerbegleiterin Wendy jedes Mal wenn wir in unserem Gespräch einen toten Punkt erreichen. Das ist ihre Standard-Plattitüde, ihre goldenen Worte für mich.“

Denn es sind verrückte Geschichten, die uns Bartholomew erzählt. Geschichten von gemeinsamen Abendessen mit imaginären Filmstarts, von dem kleinen wütenden Mann in seinem Bauch, Obdachlosen, die sich in der Stadtbibliothek Pornos einverleiben und von rosa Perücke tragenden Undercover Polizistinnen, die sich an seinem Bein reiben. Er berichtet von vollgepissten Hosen, seiner mit Vogelmetaphern therapierenden Trauerberaterin Wendy und dem Skandal-Father McNamee.

Quick spielt in seinem Roman sehr offene Töne über Sexualität, Religion und Rassismus an. Er scheut weder vor Themen wie Selbstverbrennung tibetischer Mönche, noch Fragen über Masturbation. Er entsetzt und begeistert zugleich und schenkt mir damit ein paar sehr heitere Stunden.

Dass die Wahl als Sprecher des Hörbuchs auf Boris Aljinovic fiel, ist wie ein Sechser im Lotto. Es scheint fast so, als sei die Rolle des Bartholomew Neil auf die facettenreiche Stimme des Hörbuchsprechers, den man u.a. aus Rollen im Theater, Film und Fernsehen kennt (z.B. dem Berliner Tatort), zugeschnitten. In sehr lebendigen Tönen macht er Quicks ohnehin schon skurille Geschichte zu einem wahren Hörerlebnis. Er ächzt und stöhnt, imitiert den kleinen wütenden Mann in Bartholomews Bauch als auch die vor sich hinstöhnenden Frauen aus dem Porno in der Stadtbibliothek so leidenschaftlich, dass es mich vor Lachen fast aus den Latschen kippt.

„Worte ließen sich als Waffen benutzen, die zu viel Schaden anrichten.“

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