#wirlesenunsnachnangijala: Kinder- und Jugendbücher zur Trauerbewältigung

Till minne av Astrid Lindgren

14. November 1907 – 28. Januar 2002

„Die Brüder Löwenherz“ im Original

Weil Kinderbücher besänftigen können

Heute vor 19 Jahren ist Astrid Lindgrens nach Nangijala gereist. Sie hat dort mit Krümel und Jonathan ihren Frieden gefunden, den Tod als unausweichlichen Teil des Lebens angenommen und sich ihrer tröstenden Vorstellung von einem Übergang in ein anderes Reich hingegeben. Sie war eine der ersten Autor*innen, die sich dem Thema Tod in Kinderbüchern angenommen hat. Die gespürt hat, dass auch Kinder einen Weg brauchen, um ihre Trauer um einen geliebten Menschen zu überwinden, um in dieser schweren Zeit Trost zu finden und um dem Tod nicht mit Angst zu begegnen.

Und während viele der Ansicht waren, dass es nicht angemessen sei, für Kinder über den Tod zu schreiben, hat ihre Geschichte um „Die Brüder Löwenherz“ sich nahezu besänftigend auf viele Kinderseelen gelegt. Astrid Lindgren erhielt zahlreiche Briefe von jungen Leser*innen, die sich von ihr getröstet fühlten und sich fragten, wie es Krümel und Jonathan wohl in Nangijala erging. Und deshalb setzte sich Lindgren hin und verfasste einen Brief für all diese Kinder.

Der Brief wurde 1974 im Expressen veröffentlicht.

Zitate aus „Die Brüder Löwenherz“

„Aber es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck.”

„Habe ich nicht gesagt, dass ich mitkomme, wohin du auch gehst?“ sagte ich. „Doch, das hast du“, sagte Jonathan, und seine Stimme klang recht froh. „Denn ich will bei dir sein“, fuhr ich fort, „auch wenn es in einem unterirdischen Höllenreich ist.”

„Krümel Löwenherz“, sagte Jonathan, „hast du Angst?“ „Nein … doch, ich habe Angst! Aber ich tue es trotzdem, Jonathan, ich tue es jetzt… jetzt … Und dann werde ich nie wieder Angst haben. Nie wieder Angst ha …“ „Oh, Nangilima! Ja, Jonathan, ich sehe das Licht! Ich sehe das Licht!”

„Ich kann aber nicht töten“, sagte Jonathan, „das weißt du doch, Orwar!“ […] „Wenn alle wären wie du“, sagte Orwar, „dann würde das Böse ja bis in alle Ewigkeit herrschen!“ Aber da sagte ich, „wenn alle wären wie Jonathan, dann gäbe es nichts Böses.”

Wir lesen uns nach Nangijala

Steven (alias superheldliestgern) und ich möchten in Gedenken an unsere liebste Kinderbuchautorin die kommenden drei Tage dazu nutzen, um euch auf Instagram ein paar einfühlsame Kinder- und Jugendbücher an die Hand zu geben, die euren Kindern dabei helfen können, den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten.

#wirlesenunsnachnangijala und laden euch ein, uns auf dieser Reise zu begleiten. Wir wollen unter dem Hashtag Kinder- und Jugendbücher vereinen, die in dieser schweren Zeit helfen und trösten können. Die sich besänftigend auf die Seele der Kinder legen und sie neuen Mut fassen lassen. Die dem Thema nicht ausweichen, sondern ihm direkt ins Auge blicken.

Unter dem Tab „Projekte“ wird zukünftig eine untergeordnete Seite namens „Wir lesen uns nach Nangijala“ zu finden sein, die ich peu a peu um unsere und eure Kinder- und Jugendbuch – Empfehlungen ergänzen werde.

Habt ihr Lust uns eure liebsten Bücher anzuvertrauen? Dann verfasst doch auf Instagram (oder eurem Blog) einen Beitrag dazu und verseht ihn mit dem Hashtag #wirlesenunsnachnangijala. Natürlich sind eure Empfehlungen auch in Form eines schlichten Kommentars herzlich willkommen.

„Der Tod und die Liebe gehören zu den großen Dingen im Leben eines Menschen, das ist für jedes Alter interessant. Man soll Kindern keine Angst machen, aber sie müssen genauso wie Erwachsene von Kunst ergriffen werden.”

Astrid Lindgren, Dagens Nyheter, 8. September 1959

#diesertageinleben 3: „Killevipps“ – ein Besuch beim Däumling

Ein Winzling zieht ein

Als ich kürzlich wieder über die Geschichte von Nils Karlsson-Däumling gestolpert bin, konnte ich mich ehrlich gestanden gar nicht mehr so recht daran erinnern, ob ich die Geschichte als Kind gelesen oder lediglich die Verfilmung davon gesehen hatte. Den Namen „Nils Karlsson-Däumling“ konnte ich zwar auf Anhieb dem kleinen Untermieter in Daumengröße zuordnen, der da eines Tages unter dem Bett eines kleinen Jungen hervorkriecht, ich hätte aber nicht mehr sagen können, dass der Junge Bertil hieß. Als sich mir dann eine ältere gebrauchte Ausgabe anbot, zögerte ich nicht lange, schlug zu und inhalierte die wenigen Seiten des Bilderbuches innerhalb kürzester Zeit weg.

„Was bist denn du für einer?“ fragte Bertil. „Und was machst du unter meinem Bett?“

Erst ein paar Tage vor seiner Begegnung mit Bertil ist Nils Karlsson-Däumling von seiner alten Wohnung unter einer Baumwurzel im Wald in das unmöblierte Zimmer einer Maus gezogen. Denn im Herbst zeigt sich das Lagerleben nicht von seiner komfortabelsten Seite und so zog es den Winzling in die Stadt. Bedauerlicherweise weist das alte Zimmer der Maus aber lediglich einen Kaminofen, und kein Holz zum Heizen oder Mobiliar auf und so friert Nils Karlsson Däumling wie ein Hund. Bertil kann davon ein Lied singen. Denn ihm geht es nicht anders. Wie gut, dass die beiden sich nun begegnet sind. Denn Bertil, der sich tagsüber die Zeit alleine vertreiben muss und sich schrecklich langweilt, kommt der kleine Däumling und die Möglichkeit, ihm zu helfen, gerade recht. 

Weil Kinderbetreuung nicht immer selbstverständlich war

Zugegeben, an der Stelle, wo zur Sprache kommt, dass Bertil ganz allein zu Hause ist, habe ich mich als Erwachsener schon gefragt, warum so ein fünfjähriger Junge ganz alleine zuhause gelassen wird, aber nach dem 2. Weltkrieg waren die schwedischen dagis (Kindertagesstätten), die man anfangs vor allem für Kinder alleinerziehender oder besonders armer Mütter kostenfrei zugänglich gemacht hat, wohl für Familien aus armen Verhältnissen nicht mehr finanzierbar. Denn mit dem wachsenden Anspruch auf Qualität konnten die Einrichtungen natürlich nicht dauerhaft kostenfrei bleiben und so hatten vielen Familien keine andere Wahl, als die Kinder zu Hause alleine zu lassen während beide Eltern einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Diese Problematik zog sich auch noch weit bis ins Schulalter hinein. Man nennt Kinder berufstätiger Eltern, die tagsüber weitgehend sich selbst überlassen sind, Schlüsselkinder. Mit ihrer Geschichte um Nils Karlsson-Däumling hat Lindgren das Problem dieser Schlüsselkinder thematisiert und den Missstand des Landes beim Namen genannt, denn eine staatliche Kinderbetreuung gab es damals in Skandinavien noch nicht. In Zeiten der Coronakrise wurden wir mit dem Thema Kinderbetreuung bzw. der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ganz ungewollt noch einmal konfrontiert. Viele Eltern mussten bzw. müssen in diesen Zeiten die Arbeit mit der Betreuung ihrer Kinder vereinbaren. Kein leichtes Unterfangen, im Gegensatz zu früher aber sicher ein bisschen einfacher. Denn die Möglichkeit, die Arbeit im Home-Office zu verrichten haben wir sicher dem digitalen Zeitalter zu verdanken. 

Wusstest du es?

Für dieses Bilderbuch wurde Astrid Lindgren 1950 mit der Nils-Holgersson-Plakette, einem schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Der Preis ist nach der Titelfigur des bekannten Romans von Selma Lagerlöf, „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, benannt.

„Bertil kroch unter das Bett, drückte den Zeigefinger auf den Nagel und sagte: „Killevipps“. Und tatsächlich! Da stand er vor dem Mäuseloch, genauso klein wie der Däumling.“

Nisse verrät Bertil einen Zaubertrick, und so kann er sich mit dem Ausdruck „Killevipps“ und dem Berühren des Nagels neben dem Mäuseloch auf magische Weise auf die Größe des Däumlings schrumpfen und auch wieder zurück zu seiner Normalgröße heranwachsen. Und Bertil macht davon fortan auch rege Gebrauch um seinen neuen Freund zu besuchen. Ich musste hier irgendwie an Alice im Wunderland denken, deren Größe sich nach einem Schluck des Schrumpftranks ebenfalls verkleinert und durch den Biss in ein Törtchen wieder vergrößert hat. Ob die Parallele reiner Zufall ist, oder Lindgren sich hier von Lewis Carrolls Geschichte inspirieren hat lassen (schließlich erschien das Kinderbuch „Alice im Wunderland“ bereits 1865), kann ich nicht sagen. Ich weiß allerdings, dass ich manchmal auch gern schrumpfen und Mäuschen spielen wollen würde. Geht es dir da genauso?

Wusstest du es?

Das kurze Märchen von Nils Karlsson-Däumling war anfangs nur Teil der 1949 veröffentlichten Märchensammlung „Im Wald sind keine Räuber“ und erschien erst 1956 (1957 in Deutschland) als eigenständiges Bilderbuch mit Illustrationen von Ilon Wikland . Die Geschichte wurde 1990 verfilmt und von Astrid Lindgren um weitere Figuren ergänzt.

Wenn Kleines ganz groß wird

Die Geschichte von „Nils Karlsson-Däumling“ verdeutlicht auf so wunderbare Weise, dass auch kleine Dinge ganz Großes bewirken können. Denn auch wenn Bertil selbst nicht viel hat, schafft er es dennoch das Leben des kleinen Däumlings zu bereichern (und umgekehrt). Aus den abgebrannten Streichhölzern von Bertils Eltern wird wunderbares Brennholz für Nisses Kamin, die spärlichen Reste aus dem Küchenschrank wachsen plötzlich zu riesigen Vorräten heran und das winzige Mobiliar aus der Puppenstube der verstorbenen Märta  (auch den Tod von Nisses Schwester und damit das Thema Kindstod verwebt Lindgren ganz beiläufig in ihre Geschichte) bringt Gemütlichkeit in Nisses Stube. Mit einer abgebrochenen Zahnbürste putzen sie Nisses dreckiges Mäuseloch und baden anschließend gemeinsam in einer leeren Geleeschale von Nisses Küchenschrank. Durch die Gesellschaft des jeweils anderen wird das trostloses Leben der beiden Jungs so viel schöner und bunter. Wie schön es doch ist, wenn man einen Freund an seiner Seite hat!

Und so trägt das kleine Büchlein, egal wie dünn es auch sein mag, so viel Gutes in sich. Es verdeutlicht uns nicht nur, was Zusammenhalt und Freundschaft ausmacht, sondern auch, dass auch wenig jemandem ganz viel bedeuten kann bzw. dass schon ganz kleine Gesten zum großen Glück führen können. Ich wünschte, wir würden alle manchmal ein bisschen mehr Bescheidenheit an den Tag legen und die Devise „Immer höher, schneller und weiter“ mal ganz außer Acht lassen. Denn wenn wir uns genau wie Bertil und Nisse ein bisschen mehr an den kleinen Dingen des Lebens, am Miteinander, erfreuen, stellen wir fest, wie wenig uns doch eigentlich zu einem schönen Leben verhilft. Gerade jetzt ist die Geschichte um Nils Karlsson-Däumlich aktueller denn je, denn sie zeigt uns auf ganz charmante und behutsame Weise, wie wertvoll soziale Kontakte doch für uns sind.

Mäuseloch und Namenschild sind auch nach dem Aufnehmen des Titelfotos (s.o.) an unserer Wand kleben geblieben. Die Räubertochter meint, dass jetzt Nils Karlsson-Däumling auch bei uns eingezogen ist, und sie ihn genau wie Bertil besuchen wird. Bislang hat das mit dem Schrumpfen bei uns allerdings noch nicht ganz geklappt! Da können wir noch so viele Nägel in die Wand schlagen und „Killevipps“ rufen!

Quelle

„Nils Karlsson-Däumling“, Verlag Friedrich Oetinger (1960)

#diesertageinleben 1: Am Anfang stand die Biografie

Zugegeben, bisher war ich nicht so der Biografie-Typ. Dachte ich zumindest. Denn alles was ich bis dato an Lebenswerken (an)gelesen hatte, begegnete mir größtenteils trocken, überbordend oder langatmig. Irgendwann verging mir einfach die Lust daran, mich durch die Leben berühmter Persönlichkeiten zu hangeln, von der stillen Hoffnung begleitet, zwischen den Zeilen etwas für mich mitnehmen zu können: Denkansätze, Folgelektüren – was auch immer! Dass ich trotz allem Jens Andersens Biografie „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ in die Hand nahm, lag hauptsächlich einer Irritation zu Grunde. Und zwar der, die der Film „Astrid“ bei mir verursachte. Eine wirklich nette Verfilmung von Astrids Jugendjahren, die mit einem überzeugenden Cast und einer sehr emotionalen Stimmung daherkam, allerdings aber auch mit ein paar verzerrten Bildern (zumindest aus meinen Augen). Und so saß ich nach Filmende ziemlich ratlos da. Fragend, ob Astrid den Männern wirklich so zugeneigt und ihre Mutter wirklich so gefühlskalt war, ob der Film tatsächlich vor ihrem Durchbruch als Schriftstellerin enden hätte sollen und was ich überhaupt weiß, vom Leben der Schriftstellerin, deren Werke meine Kindheit am Meisten geprägt haben.

Wusstet ihr, dass der große Bonniers Verlag Lindgrens Manuskript ablehnte und „Pippi Langstrumpf“ deshalb bei Ráben & Sjögren erschien? Dass Ráben & Sjögren erst mit Pippi wieder grüne Zahlen schrieb und nur um Haaresbreite einem Konkurs entkommen ist?

Ich beschloss also, meine Lücken über das Leben dieser beeindruckenden Schriftstellerin zu füllen, der erst 1945 der Durchbruch mit „Pippi Langstrumpf“ gelang. Nach einiger Recherche stieß ich auf die Biografie von Jens Andersen, die mir von einigen Lindgren-Fans (allen voran @superheldliestgern bei Instagram) besonders ans Herz gelegt wurde, weil sie zu den zugänglichsten und am besten recherchiertesten Biografien gehört. Darüber hinaus liefert sie sicher mitunter das umfassendste Bild von Astrid Lindgren, da Andersen sie erst 2002 nach Lindgrens Tod verfasst hat. Für die Biografie wurde er 2015 mit dem renommierten Politikens Litteraturpris ausgezeichnet und das Buch genoss in Dänemark und Schweden lange Zeit den Titel „Sachbuch des Jahres“.

„Schön und gut!“ werdet ihr euch jetzt denken. „Aber wie genau hat es Andersen geschafft, dass du dich nun näher mit Astrids Leben auseinandersetzen und ihre Werke erneut oder erstmalig lesen möchtest?“ Ich will es euch verraten. Ich habe Blut geleckt. Denn Andersens Stil ist einfach fantastisch. Es ist diese sagenhaft gute Mischung aus gut recherchierten Fakten, zahlreichen Zitaten der Schriftstellerin selbst oder ihrer Familie, den Textstellen aus ihren Büchern, Bildern aus dem persönlichen Fundus der Familie und Andersens unglaublich zugänglichem Stil, die mir Lust auf mehr gemacht haben. Die Zeilen dieser Biografie zogen mich in ihren Bann, versetzten mich in einen regelrechten Lindgren-Flow, weshalb ich die Zeilen förmlich inhalierte und nun alles von und über diese beeindruckende Persönlichkeit lesen möchte.

„Oh! Heute hat der Krieg angefangen. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, und die Kinder rannten um uns herum und spielten, und wir schimpften in aller Gemütlichkeit auf Hitler und versicherten uns gegenseitig, dass es bestimmt keinen Krieg geben würde – und dann heute! (…) Gott helfe unserem armen, vom Wahnsinn betroffenen Planeten!“

Auszug aus Astrid Lindgrens Schriftverkehr an Margareta Strömstedt 1976/77

Die Biografie enthält außerdem zahlreiche Auszüge aus Lindgrens Haushalts- bzw. Kriegstagebüchern, die einem bewusst werden lassen, wie sehr sich die Schriftstellerin während ihres ganzen Lebens mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinandergesetzt hat. In „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ wurden ihre Tagebücher 1939 – 1945 erstmals zusammen veröffentlicht. Lindgren schrieb sie wohl um ihre Erinnerungen zu sortieren, sich einen Überblick über die Weltereignisse zu verschaffen und um zu sehen, welchen Einfluss sie auf das Leben der Menschen hatten. Im späteren Stadium ihres Lebens engagierte sich Lindgren auch zunehmend in der Politik, von der sie anfangs bewusst Abstand hielt (u.a. hat sie sich für die Anpassung der Steuergesetzgebung, den Erhalt der Umwelt und eine artgerechte Tierhaltung eingesetzt).

„Was der Sinn des Lebens nicht ist, das weiß ich. Geld und anderes Zeug zusammenzukratzen, ein Promileben zu führen, auf den entsprechenden Seiten der Frauenzeitschriften zu posieren und solch eine Angst vor Einsamkeit und Stille zu haben, dass man nie in Ruhe und Frieden über die Frage nachdenken kann: Was mache ich mit meiner kurzen Zeit auf Erden?“

Astrid Lindgren, 1983

Bereits das vorangestellte Zitat im Buch holte mich persönlich ab. Das mag zum einen daran liegen, dass es sich um eine Aussage handelt, die Lindgren im Jahr meiner Geburt gemacht hat und zum anderen, dass ihre Einstellung zum Leben der meinen sehr ähnlich war. Während Astrid eine sehr idyllische Kindheit genoss und die meisten ihrer Geschichten davon erfüllt sind, gab es auch lange Phasen der Trauer in Lindgrens Leben. Die Ehekrise mit Ehemann Sture als auch sein späterer Tod, der Tod ihres Bruders Gunnar und ihres über alles geliebten Lasse haben sie sehr mitgenommen und sich in einigen ihrer Werke bemerkbar gemacht (u.a. „Klingt meine Linde“, „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“), die mit einer weitaus melancholischeren bzw. traurigeren Stimmung daherkommen als der Rest.

Irgendwann schien sich Lindgren allerdings mit der Stille bzw. Einsamkeit arrangiert zu haben, von der später ihre Stockholmer Wohnung in der Dalagatan erfüllt war. Sie schien das Beste daraus zu machen und ihr Leben ganz im Sinne des Satzes „Dieser Tag, ein Leben“ des schwedischen Philosophen und Dichters Tomas Thorild, zu leben. Seit sie den Satz 1927 bei ihrem Besuch in der sagenumwobenen Villa Strand der Schriftstellerin Ellen Key las, ließ er sie nicht mehr los. Er wurde zu einer Art Lebensphilosophie für sie, hat sie über ihr gesamtes Leben hinweg begleitet. Genau deshalb habe ich dieses Motto auch für meine Reise durch die Werke von und über Astrid Lindgren gewählt.

„Der größte Geniestreich in Michel aus Lönneberga ist der humanistische Grundstrom des Werkes. Dieses leise, eindringliche Echo im Kielwasser des Lachens, das uns daran erinnert, wer wir sind und was wir als Menschen nie vergessen dürfen: Das für andere zu tun, vom dem wir uns wünschen, dass es die anderen für uns täten.“

Zitat aus dem Buch

Doch die Biografie ist nicht nur ein unglaublich tolles Nachschlagewerk im Bezug auf Astrid Lindgrens persönlichen Lebensweg, sondern auch wenn es um ihre Bücher geht. Dank zahlreicher Textstellen und Bilder sowie einer Bibliografie am Ende des Buches (in der man alle Werke Lindgrens nach dem Jahr ihres Erscheinens in Deutschland findet), inspiriert die Biografie auch zu zahlreichen Folgelektüren. In meinem Fall resultierte es in dem Wunsch, die mir vertrauten Bücher aus meiner Kindheit noch einmal zu lesen und sie nun aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, nämlich dem einer erwachsenen Frau, die nun auch die einzelnen Entstehungsgeschichten und zeitgeschichtlichen Hintergründe der Werke kennt. Sicher aber nicht gänzlich ohne die Augen eines Kindes, für die Lindgren ihre Geschichten letzten Endes geschrieben hat.

„Ich will für einen Kreis von Lesern schreiben, der Wunder bewirken kann. Nur Kinder können beim Lesen Wunder bewirken.“

Aus „Astrid Lindgren – Ihre fantastische Geschichte“

Wusstet ihr, dass nach dem Erscheinen von Pippi Langstrumpf ein regelrechtes Pippi-Fieber in Schweden ausgebrochen ist? 1949 fand es seinen Höhepunkt, als am „Tag des Kindes“ im Park Humlegården ein Pippi-Themenpark aufgebaut wurde, bei dem es zu tumultartigen Szenen kam. Hier fand auch ein Lookalike Wettbewerb mit lauter frechen Rotschöpfen statt!

„Kinder und Eltern drängten sich um die große Villa-Kunterbunt-Bühne in der Mitte des Parks, um eine Runde auf Pippis Pferd zu reiten, am Wettbewerb um die beste Pippi-Verkleidung teilzunehmen oder um einige der glitzernden Goldmünzen zu erwischen, die laut Programm zwei Mal am Tag vom Himmel „regnen“ sollten. Die Schlange zum Miniaturzug „Pippi Express“, der durch Humlegården tuckerte, war kilometerlang, und die Bahn hatte so prominente Passagiere wie Carl Gustaf, den „Kleinen Prinzen“ von Schweden, und seine ältere Schwester Christina an Bord.“

Zitat aus dem Buch

Wer Lust dazu bekommen hat, mich fortan bei meiner Lindgren-Reise zu begleiten, dem sei die Seite „Dieser Tag, ein Leben“ ans Herz gelegt, die ihr oben im Menü an dritter Stelle findet. Dort werde ich nach dem Veröffentlichen meiner Beiträge die Links dazu der Einfachkeit halber sammeln.

Und jetzt fragt ihr euch sicher, ob die Irritation, mit der mich der Film zurückgelassen hat, nun erloschen ist. Nein, das ist sie nicht. Zumindest nicht vollständig. Kinofilme dienen sicher in erster Linie zur Unterhaltung und unterliegen der künstlerischen Freiheit des Filmemachers (bzw. Regisseurs oder Drehbuchschreibers). Nach dem Lesen der Biografie bin ich dennoch der Ansicht, dass sich manche Dinge im Film anders dargestellt haben als ich sie mir in diesem Buch begegnet sind. Was nun der Wahrheit entspricht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht, dass sich die Lektüre der Biografie im Anschluss an den Film als sehr lohnend herausgestellt hat, da sie weitergeht wo der Film endet. Diejenigen unter euch, die sich im Film die Darstellung eines längeren Zeitabschnitts von Astrids Leben gewünscht hätten, sind deshalb bei der Biografie bestens aufgehoben. Denn Jens Andersens begleitet uns bis zu Astrid Lindgrens Tod.

Wie hat euch die Verfilmung „Astrid“ gefallen? Habt ihr Jens Andersens Biografie schon gelesen und in welchem Lindgren-Buch steckt ihr möglicherweise gerade? Ich werde mich jetzt noch einmal in die Abenteuer von Astrids stärkstem Mädchen, Pippi Langstrumpf, stürzen und dabei auf die Töne zwischen den Zeilen achten.

Dieser Tag, ein Leben.