Mrs. Hemingway

lesenslust über „Als Hemingway mich liebte“ von Naomi Wood

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„Write drunk; edit sober.“

Ernest Hemingway

Es waren vier Frauen, die das Leben von Ernest Hemingway primär bestimmten. Hadley, Fife, Mary und Marty. Neben zahlreichen Affären waren sie es, die den nach Leidenschaft, Alkohol und Erfolg dürstenden Schriftsteller ein Stück seines Weges begleiteten.

Während sich die Frauen dem Schriftsteller vollends hingaben, rauschte der exzentrische Womanizer ungeniert durchs Leben, durchlief berauschende Hochs und verzweifelte Tiefs. Was 1926 im südfranzösischen Antibes begann, wo Hemingway sich mit seiner ersten Frau Hadley und deren Freundin Fife zurückzog, findet 1961 sein jähes Ende.

Naomi Wood erschafft aus Briefen authentischer Quellen eine atmosphärische Geschichte um einen der wohl berühmtesten Schriftsteller, die von den Blickwinkeln der Frauen Hemingways und der Pariser Bohème bestimmt ist. Eine Geschichte, die sowohl leiser als auch herzergreifend tragischer Natur ist.

„Keiner sagte etwas. Ach ja, sie hat vergessen, dass Erfolg sich entweder mühelos einstellt oder gar nicht. Es muss stets spielerisch bleiben. Eine immerwährende Cocktailstunde. Als bestünde das Leben nur aus schmachtender Jugend oder ständigem Vergnügen. Harte Arbeit war nichts für Leute von ihrem Schlag.“

Zitat, Seite 87

Ernest Hemingway galt als einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Der Exzentriker, der mit seinem brausenden Temperament und seinen literarischen Werken die Pariser Bohème der 20er Jahre mitbestimmte, gilt auch heute noch als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte. Seine Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die in Hemingways Wahlheimat Kuba spielt, hat ihm 1953 und 1954 nicht nur zu Pulitzer- und Literaturnobelpreis verholfen, sondern sorgt auch heute noch für die anhaltend verehrende Haltung der Kubaner, die ihm Museen, Literaturfestivals und Münzen widmen.

Doch in Naomi Woods „Als Hemingway mich liebte“ soll nicht Hemingway, sondern vielmehr seine vier Ehefrauen im Mittelpunkt stehen. Der Schriftsteller nimmt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Roman tatsächlich nur eine Nebenrolle ein. Denn Wood widmet nicht ihm, sondern seinen Ehefrauen jeweils ein Kapitel des Romans. Sie präsentiert uns dadurch Hemingways Leben aus der Sicht wechselnder Perspektiven. Die Beziehungen, die dank Woods Kapitelzuordnung zwar jeweils einer Frau, aber nicht unbedingt einem Anfang bzw. Ende zuzuordnen sind, fließen dennoch schon bald ineinander über.

„Oben im Badezimmer teilen die Flügel des Spiegels ihr Gesicht. In diesen zweidimensional wirkenden Zwillingsbildern sieht sie aus wie ein Kind. Doch unendlich viele betrogene Frauen starren sie aus den tieftraurigen schwarzen Augen an. (…) Nesto. Sie will nichts außer ihren Ehemann. An der kalten Keramik des Waschbeckens stützt sie sich ab, als ließe sich das so in ihrem Kopf schwirrende Karussel zum Stillstand bringen: Fife, Martha, Hadley – die ganze Gruppe taumelt vorüber -, ein nicht endender Reigen aus Ehefrauen und Geliebten, mit fadenscheinigem Lächeln und teigigem Teint.“

Zitat, Seite 166/167

Der Weiberheld, der sich Zeit seines Lebens durchweg mehrgleisig vergnügte, scheint nicht nur besonders exzentrischer, sondern auch sehr leichtfertiger Natur gewesen zu sein. Das spiegelt sich zumindest im Umgang mit seinen Frauen wieder. Bereits im ersten Kapitel, als der Schriftsteller sich gemeinsam mit Ehefrau Hadley und seiner Geliebten Fife in der südfranzösischen Sonne rekelt, ist dies zu spüren. Hemingway nahm was sich ihm darbot. Er sah, nahm und liebte und schien nicht im Mindesten daran interessiert, wieviele Herzen er damit brach; geschweige denn, wie viel Verzweiflung und Wut er in den Frauen entflammte.

Trotz oder gerade wegen seines lange auf sich wartenden Erfolges als Schriftsteller verlor er sich zunehmend in Alkohol, Depressionen und unberechenbaren Wutausbrüchen. Der Selbstmord seines Vaters haftete an ihm wie eine klaffende Wunde, die niemals wirklich verheilte und die Persönlichkeit Hemingways entscheidend prägte. Diese markanten Ecken und Kanten Hemingways veranschaulicht Wood mithilfe einer sehr bildhaften und damit lebendigen Sprache, weswegen ich ihm in diesem Roman keine Sympathien zusprechen konnte. Auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Hemingways Ehefrauen sind Wood vortrefflich gelungen. Jede blickt auf die gemeinsame Zeit mit dem Schriftsteller auf seine Weise zurück. Keine Ehefrau gleicht der anderen, und dennoch verbindet sie alle das Gleiche: ihre Leidenschaft. Sie lieben, verzweifeln und kämpfen. Die eine mehr, die andere weniger.

„Als Hemingway mich liebte“ ist eine ruhige, aber dennoch nicht minder faszinierende Reise durch Hemingways Leben. Wie Glieder eines Kettenkarussels schweben alle Figuren aneinander vorbei, scheinen Teil eines großen Ganzen und dennoch eigenständig zu sein. Woods Geschichte, die von der Faszination um den berühmten Schriftsteller, einer knisternder Atmosphäre und alkoholbeschwipster Luft erfüllt ist, hat mich nicht nur wegen Woods unaufdringlichen, lebendigen und emotionalen Beschreibungen, sondern auch als harmonisches Gesamtwerk überzeugt.

„Als sie sich wiedersahen, am Hafen von Boulogne-sur-Meer erklärte sie, sie werde den Rest ihres Lebens nicht mehr von seiner Seite weichen. Erst später wünschte sie sich, er hätte ihr dasselbe versprochen.“

Seite 144

Mein herzlicher Dank gilt Mareike von Herzpotential, die mir diesen Roman bei meinem Besuch in den Hamburger Verlagsräumen von Hoffmann und Campe mit auf den Weg gegeben hat.

Hier könnt ihr Maike & Mareikes Eindrücke zu Woods Roman einfangen…

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<3 <3 <3 <3

Zirzensisch

lesenslust über „Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer

img_20160418_185300.jpg„Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.“

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

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„Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.“

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem „Der Zirkus der Stille“ ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.“

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die  Geschichte größtenteils sehr philosophisch liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung am intensivsten wahrnimmt, begegnet dem Leser nur in einem sehr blassen Licht.

„Der Zirkus der Stille“ beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

„Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.“

Zitat, Seite 209

<3 <3 <3 <3

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Le chapeau de Mitterand

lesenslust über „Der Hut des Präsidenten“ von Antoine Laurain

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„Die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sind immer die Folge einer Verkettung winziger Details.“

Zitat, Seite 28

Es ist nicht irgendein Hut, der in der Brasserie liegenbleibt und in den Besitz des Pariser Buchhalters Daniel Mercier übergeht. Es ist der schwarze Filzhut des französischen Staatsoberhauptes François Mitterrand.

Ein Hut, der mindestens genauso mächtig scheint, wie der Präsident selbst. Denn er soll den Köpfen, die ihn fortan tragen, eine geheimnisvolle Macht und Entschlossenheit verleihen, die so manch unausgesprochenes Wort und ausstehende Entscheidung in die Freiheit entlässt.

So verweilt der Hut nicht lange bei seinem neuen Besitzer Daniel, sondern wandert frohen Mutes weiter. Er soll auch die unglücklich verliebte Fanny Marquant, den ausgebrannten Parfümier Pierre Aslan und den desillusionierten Bernard Lavallière erreichen, um ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu schenken. Wie eine schicksalshafte Fügung formieren sich die Ereignisse im Leben seiner Träger neu. Es scheint fast so, als bedarf es nur eines schlichten Hutes, um das Leben vieler Menschen von Grund auf zu verändern.

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„Ein Hut auf dem Kopf verleiht einem eine unleugbare Autorität über die, die keinen tragen.“

Tristan Bernard

Müde und niedergeschlagen betritt Buchhalter Daniel Mercier die kleine Pariser Brasserie, um seine Sorgen mit ein paar erlesenen Austern einer Meeresfrüchteplatte Royal und einer gut-temperierten Flasche Pouilly-Fuissé wegzuspülen. Dass am Nebentisch eine Gruppe der einflussreichsten Männer Frankreichs Platz genommen hat, bemerkt er erst, als ihre Gesprächsfetzen zu ihm dringen und sein Blick bei niemand Geringerem als Präsident François Mitterand hängenbleibt.

Von da an lauscht Daniel gebannt ihren Gesprächen und wünscht sich nichts sehnlicher, als der Vierte ihrer illustren Runde zu sein. Als sie gehen, schwelgt er noch lange in der Erinnerung dieser Begegnung, weswegen er erst viel später entdeckt, dass Mitterand seinen schwarzen Filzhut vergessen hat. Mit pochendem Herzen nimmt er den Hut an sich und setzt damit eine magische Entwicklung in Gang, die das Leben vieler von Grund auf verändern soll.

Es ist eine unleugbare Tatsache, dass Antoine Laurains Roman nicht nur reizend anzusehen, sondern auch genauso zu lesen ist. Denn das Buch, das sich mit seinem wunderschönen Cover optisch an den Erstling „Liebe mit zwei Unbekannten“ anlehnt, beherbergt nicht nur magische Hutbegegnungen, sondern auch ein zauberhaftes Porträt von Paris der 80er Jahre. Mit viel Liebe zum Detail, einer Prise Magie und lebendiger Ausdruckskraft schenkt uns Laurain Momentaufnahmen der besonderen Art.

Kaum hat man die ersten Seiten des Buches umgeschlagen, wird man schon vom Zauber des Hutes erfasst. Mit spielerischer Leichtigkeit schwebt er von Seite zu Seite und damit auch von Person zu Person. Seine Reise beginnt bei Daniel Mercier, einem unscheinbaren Buchhalter, der so viel mehr in Petto hat, als es zunächst scheint. Es ist das Tragen des Hutes, das in Daniels Innerem einen Schalter umlegt und ihm plötzlich Autorität und Selbstbewusstsein verleiht. Mit einer ungewohnt strategischen Vorgangsweise, überrascht er nicht nur die Kollegen und den Finanzchef des Unternehmens, sondern allen voran sich selbst.

„Er schloss die Augen und atmete ein, bis die immaterielle Verbindung in seinen Körper drang, das Blut erreichte, seine Venen füllte, sich mit seinen Blutkörperchen vermischte und sein ganzes Wesen durchströmte, die schlafenden Schätze der alexandrinischen Bibliothek, die er in sich trug, wiederbelebte, die Bibliothek, die an einem Abend Ende der siebziger Jahre abgebrannt war und deren Glutwolke Pierre Aslans Genie fortgeblasen hatte.“

Zitat, Seite 113/114

Auch bei Parfümeur Pierre Aslan macht der Hut des Präsidenten Halt. Aslans letzte Geruchskomposition liegt bereits acht Jahre zurück. Die Nase des einst so großartigen Geruchsvirtuosen scheint längst einer alltäglichen gewichen, sein Alltag – geprägt von unbefriedigenden Gesprächen mit Analytiker Dr. Fremenberg und den mitleidsvollen Blicken seiner Frau. Seine Person ist in Vergessenheit geraten, er scheint gefangen in der Eintönigkeit seines so drist gewordenen Lebens. Doch als Aslan den Hut auf der Bank im Park entdeckt und ihn mit nach Hause nimmt, verabschiedet er sich mehr und mehr von den Geistern der vergangenen acht Jahre. Sein feines Gespür für Düfte kehrt zurück und beschert ihm einen Duft von kristalliner Vollkommenheit, die Engelsnote.

Man glaubt es kaum, dass es ein schlichter Filzhut ist, mit dem Laurain seine Leser verzaubert. Mit einer unglaublichen Eigendynamik lässt er ihn durch die Zeilen schweben, als wenn er vom Wind des Schicksals getragen wird. Er wird zur symbolischen Leitfigur der Geschichte, die ihn bereits im Titel trägt. Er ist es, der den Menschen den nötigen Schubs in die richtige Richtung gibt und ihnen den Glauben an sich selbst zurückgibt.

Während ich kurz auf zwei Figuren von Laurains Geschichte zu sprechen gekommen bin, weil sie mit Daniel beginnt und der Halt bei Pierre zu meinen liebsten zählt, möchte ich die Momentaufnahmen von Fanny und Bernard unerwähnt lassen. Es sollte das Bestreben der Leser sein, die Geschichte selbst zu entdecken und diesen Abschnitten jungfräulich zu begegnen. Denn gerade bei Bernard handelt es sich sicherlich um die anspruchsvollste Episode des Buches, die sich zeitgleich auch als feine Skizze von Paris der 80er Jahre präsentiert. Laurain geht in diesem Abschnitt unter anderem auf die politische und kulturelle Situation Frankreichs ein.

Laurains Geschichte entfaltet während dem Lesen seine besondere Wirkung. Die Reise des Hutes präsentiert sich wie eine runde Sache. Ein harmonischer Kreislauf, der sich durch das Zusammentreffen von Anfang und Ende wieder zu schließen scheint. Darüber hinaus begeistert mich der französische Autor mit einem sehr ungewöhnlichen Ende und zeigt mir damit einmal mehr, dass meine Schwierigkeiten mit vorangegangenen Geschichten französischer Autoren nicht dem landestypischen Naturell, sondern vielmehr den Geschichten selbst zuzuordnen ist. Chapeau, lieber Monsieur Laurain!

„Er spürte dunkel, dass dem Hut noch etwas vom Präsidenten anhaftete, in einer immateriellen Form, vielleicht als Mikropartikel, aber diesem Etwas wohnte der Hauch des Schicksals inne.“

Zitat, Seite 44

<3 <3 <3 <3 <3

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C’est la vie..

lesenslust über „Das Lächeln der Frauen“ von Nicolas Barreau

„Glück und Unglück liegen oft sehr nahe beieinander. Anders formuliert könnte man auch sagen, dass das Glück bisweilen seltsame Umwege nimmt.“ (Zitat, Seite 19)

Im französischen Stadtteil ‚Saint-Germain-des-Prés’ – mitten im Herzen von Paris – wird ein kleines Restaurant namens ‚Le Temps des Cerises’ für die junge Aurélie Bredin zur neuen Herausforderung. Nach dem Tod ihres Vaters obliegt es fortan ihr, sich um das kulinarische Wohl der Gäste zu bemühen.

An einem sehr verhängnisvollen und für sie unglücklichen Freitag stößt die entmutigte Aurélie auf eine kleine, ihr bis dato völlig unbekannte Buchhandlung in einer Seitenstraße. Im Ladeninneren fällt ihr Blick auf ein Buch mit dem Titel „Das Lächeln der Frauen“ dem sie sich schon bald nicht mehr entziehen kann. Denn die Geschichte des Romans scheint sich an einem ihr sehr vertrauten Ort abzuspielen – in einem kleinen Restaurant namens ‚Le Temps des Cerises’.

Voller Neugier nimmt sie es mit nach Hause und entdeckt schon nach wenigen gelesenen Zeilen Lebensgeister in sich, an die sie nicht mehr geglaubt hatte. Voller Euphorie will sie sich auf die Suche nach dem Autor begeben, um sich bei ihm für das unerwartete Glück zu bedanken.

Doch so leicht wie die Sache anfangs erscheint, ist sie nicht und schon bald findet sich Aurélie in einer ungewöhnlich verworrenen Suche nach einem scheinbar unauffindbaren Autor wieder…

 

„Manchmal geht man los, um irgendwo anzukommen. Und manchmal geht man einfach nur los, um zu gehen, und zu gehen und immer weiter zu gehen, bis die Nebel sich lichten, die Verzweiflung sich legt oder man einen Gedanken zu Ende gedacht hat.“ (Zitat, Seite 22)

In das „Lächeln der Frauen“ erzählt uns Nicolas Barreau eine wunderbare Geschichte über den berauschenden Wahn der Liebe. Die Geschichte beginnt wie eine Wolke, federleicht und ausgesprochen poetisch.

Barreau gelingen Zeilen, die sich wie liebevolle Berührungen um deine Wangen schmiegen. Der Autor formuliert selbst die negativsten Dinge so kraftvoll und lebensbejahend, dass sie wie ein köstliches ‚Gateâu au Chocolat’ auf deiner Zunge zergehen und sich der Geschmack nicht so schnell verflüchtigt.

Ich entwickelte für jede Seite eine besondere Vorliebe, sie umblättern zu dürfen. Sehnsüchte wuchsen – ich wäre so gern Teil der Geschichte geworden, obwohl sie nicht immer nur vor Glück strotzt. Nicht selten findet man sich in verworrenen und scheinbar ausweglosen Situationen wieder, deren Tragik aber stets das nötige Fünkchen Humor aufweisen, das nötig ist, um lauthals loszulachen.

Doch was der Autor zu Beginn und im Verlauf der Geschichte hervorragend schafft gelingt ihm leider nicht ganz bis zum Schluss. Es erschien mir fast so, als hätte er zum Ende hin noch eine ordentliche Sahnehaube obenauf gepackt die zwar keinen allzu bitteren Nachgeschmack hinterlässt, sich aber dennoch wie unnötige Pfunde auf die Hüfte setzt. Ein ordentlicher Klecks Kitsch, der nicht hätte sein müssen. Denn ich bin mir ganz sicher, dass dieser Roman auch ohne ihn ausgekommen wäre. Trotz alledem gelingt es Barreau vier von fünf imaginären Frauen ein Lächeln um die Lippen zu zaubern.

„Die Liebe war, was sie war. Nicht mehr und nicht weniger. (Zitat, Seite 165)