Es grünt so grün, wenn Omas Pflänzchen blühn

„Großmutters Haus – Thomas Sautner“

„Ich neige zum Bild des Buches als Lebensvergleich, eines, vom dem die Leser annehmen, es sei zu Ende, doch dann entdecken sie, hoppla, das waren nur die ersten Zeilen einer sich jäh auftuenden unendlichen Geschichte.“

Zitat, Seite 247

Malina glaubt ihren Augen nicht, als ihr der Postbote ein prall gefülltes Päckchen voller Geldscheine von ihrer totgeglaubten Großmutter überreicht. Kurzerhand nimmt sie sich Urlaub und plant die Oma in der Heimat aufzusuchen. Und auf was Malina da tief im Wald stößt, hat es wirklich in sich. Denn ihre unkonventionelle Großmutter ist nicht nur top in Schuss, lebensfroh und mega lässig, sondern auch eine Dealerin wie sie im Buche steht!

Das illegale Treiben von Oma Kristyna scheint im Dorf niemanden zu stören. Schließlich sind die Polizeichefs und der Bürgermeister höchstpersönlich Abnehmer der heißen Ware. Dass Großmutters Able, Sputnik und Godfather fünftausend wilde Kräutermischungen in sich bergen, die zu Bewusstsein- und Persönlichkeitsveränderungen führen können, scheint Kristyna nicht zu jucken. Ist schließlich alles eine Sache der richtigen Dosierung!

Und so vertickt sie ihre Selbstgedrehten nicht nur am laufenden Band, sondern gönnt sie sich auch noch selbst. Man muss ja schließlich wissen, was man an den Mann bringt! Auch Malina scheint nach anfänglicher Skepsis Gefallen an den Joints zu finden. Schließlich ist die junge Frau auf der Suche nach sich selbst und die besagten Kräuter tun dabei ihr Übliches!

„Deine Omi, das ist die heißeste Missionarin auf Gottes Erdenrund. Zudröhnen kann man sich mit allem Möglichen, aber mit ihren Dingern öffnet sie das Herz und den Geist und die Augen und die Ohren der Menschen.“

Zitat, Seite 221

Welch wahnwitzige Geschichte in „Großmutters Haus“ steckt, muss ich euch nun sicher nicht mehr erzählen. Zwischen den Zeilen wabert ordentlich Qualm! Thomas Sautner sorgt für einen wirklich abgefahrenen Lesetrip. Seine Figuren könnten nicht skuriller sein. Allen voran Malinas Großmutter, aber auch sämtliche ihrer Kundschaft scheinen Bizarrheit für sich gepachtet zu haben. Das sorgt natürlich für ordentlich Lesespaß. Doch die Geschichte befasst sich nicht ausschließlich mit Omas illegalem Gewerbe, sondern auch mit einer Reihe an existentiellen und spirituellen Fragen. Wer bin ich? Wo will ich hin? Was ist der Sinn des Lebens? Sautner lässt seine Protagonistin Malina sogar das Tor zum Universum öffnen, um sich selbst zu finden.

„Du glaubst vielleicht, Bücher verändern die Welt, und das ist ja auch ein herziger Gedanke, aber in Wirklichkeit verändert nur eines die Welt: Egoismus.“

Zitat, Seite 222

Insgesamt scheint Sautners Roman überhaupt viel komplexer zu sein, als ich anfangs vermutet hatte. Was mir am Sautners Stil sehr gefällt, ist, dass er die Fragen, die sich Malina stellt, zumeist offen, den Leser selbst entscheiden lässt, wie er zum Leben steht. Sicherlich, so ein paar lässige Sprüche lässt Kristyna-Oma freilich vom Stapel, aber alles in allem fordert sie ihre Enkelin auf, selbst Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden., die Malina mitgebracht zu haben scheint.

Nebenbei würzt Sautner seine Geschichte noch mit einer Prise Verliebtheit, verleiht ihr damit einen Hauch von Romantik, ohne sie aber in unnötigen Kitsch abtriften zu lassen. Seine Zeilen lesen sich fluffig weg, begegnen dem Leser oft sehr poetisch, teilweise sogar spirituell. An Lieblingstextstellen mangelt es dem Buch nicht. Vor allem Buchliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Wie berauscht taumle ich aus der Geschichte. Selbst passiven Rauchern weht gehörig Stoff um die Nase!

„Schon als Kind war es so, Höhe und Halt suchte ich in Büchern. (…) Zwischen Buchdeckeln war die Welt weiter. Der Zauber begann zumeist unmittelbar nach dem Eintritt. Ideen fluteten mich und ich ging mir verloren in ihnen. Sah überrascht auf, entdeckte mich verwandelt wieder. Keine gänzlich andere als gerade eben war ich, aber eine größere, reichere.“

Zitat, Seite 10/11

Zirzensisch

lesenslust über „Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer

img_20160418_185300.jpg„Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.“

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

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„Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.“

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem „Der Zirkus der Stille“ ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.“

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die  Geschichte größtenteils sehr philosophisch liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung am intensivsten wahrnimmt, begegnet dem Leser nur in einem sehr blassen Licht.

„Der Zirkus der Stille“ beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

„Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.“

Zitat, Seite 209

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Still aLeif

lesenslust über „Die sieben Tode des Max Leif“ von Juliane Käppler

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„Ich bin ein Kerl, verdammt! Ich trinke Espresso und keinen Kakao. Ich trage Sneaker und keine Sandalen. Weder Bienen noch Spinnen lassen mich in Panik geraten, höchstens ein aus dem Zoo ausgebrochener, halb verhungerter Tiger. Wenn ich was toll finde, sage ich „toll“ und nicht „supi“, und ist was blöd, dann finde ich es scheiße und nicht schitti. Komme ich mal in die Verlegenheit zu kochen, dann landen alle Zutaten frei Schnauze in der Pfanne. Ein Kochbuch besitze ich nämlich nicht. Genauso wenig wie einen Föhn, einen Motorroller oder lila Klamotten. (…) Weil ich ein Kerl bin!“

Zitat, Seite 45

Eigentlich hat Max Leif alles, was man(n) braucht. Als Besitzer eines eigenen Plattenlabels genießt er ein Leben auf der Überholspur: schicke Wohnung, fette Autos und Geld wie Heu. Drei Mal die Woche putzt seine russische Putzfrau Jekaterina die Bude plitzeblank und  Popsternchen Claudia wärmt ihm das Bett.

Doch als sein bester Freund Paul ganz plötzlich stirbt und Claudia sich mit dem Gärtner vergnügt, ziehen düstere Wolken über Max‘ Leben auf. Irgendwie war das alles aber auch zu schön, um wahr zu sein!

Max ist sich sicher, dass das nur Vorboten sind. Denn schon bald wird auch er aus dem Leben scheiden und zwar so plötzlich wie sein Freund Paul. Sein plötzliches Fieber kann nur eine HIV-Infektion, der schmerzende Magen eine exotische Seuche und seine permanente Müdigkeit die Schlafkrankheit sein. Weder die Diagnosen von Dr. Bärbeißer, noch die Besänftigungsversuche seiner Freunde kommen gegen Max Einbildung, bald das Zeitliche zu segnen, an. Und so trennt er sich von Plattenlabel, Fuhrpark und Geld. Schließlich sollte so ein Abgang aus dem Leben perfekt geplant sein!

„Ich will nicht länger über meine Scheiß-Lungen nachgrübeln. Auch nicht über meine Scheiß-Venen oder mein Scheiß-Herz. Eine Mücke im Zimmer sollte für mich nicht zu einem Elefanten werden, und wenn jemand niest, sollte ich freundlich „Gesundheit“ sagen, statt Desinfektionsmittel inhalieren zu wollen. Vor allen Dingen aber sollte ich nicht halb ersticken, nur weil ich nicht weiß, wie ich etwas sagen soll. Ich sollte es einfach sagen!“

Zitat, Seite 265

Zugegeben, ich stand Juliane Käpplers Roman anfangs sehr skeptisch gegenüber. Eigentlich werde ich nämlich mit Geschichten, die extrem überspitzt geschrieben sind, nicht wirklich warm. Nach einigen Empfehlungen und positiven Besprechungen im Netz war ich aber so angefixt, dass ich unbedingt selbst herausfinden wollte, wie schlecht es um Max Leif steht.

„Die sieben Tode des Max Leif“ beginnt als angenehm leichtfüßiger und humorvoller Roman, dessen Seiten wie im Nu verfliegen. Denn Käpplers Zeilen sind von schwarzem Humor und Sarkasmus getränkt und ganz nebenbei auch von einem überraschend rauen Ton, den ich vielmehr einem Autor als einer Autorin zugeordnet hätte. Durch diesen Aspekt haucht Käppler ihrem Protagonisten sehr authentisch Leben ein.

Seite um Seite werden wir Zeuge wir von Max hypochondrischen Anfällen, die schier kein Ende zu nehmen scheinen. Schon bald hat er sich in ein verheerendes Geflecht von Einbildungen verheddert, aus dem er sich so schnell nicht wieder befreien kann. Was als Angst vor dem Tod beginnt, entwickelt sich zur manischen Krankheitssuche und bestimmt schon bald das Leben des Protagonisten. Google wird zu seinem besten Freund. Seine Selbstdiagnosen sind dabei so herrlich überzogen, dass man sich vor Lachen kaum einkriegt.

Doch gegen Mitte des Romans schleicht sich fast unbemerkt ein neuer Ton in Käpplers Zeilen ein. Ein ehrlicher Ton, der erschüttert, ergreift und nachdenklich stimmt und dem Roman plötzlich viel mehr Tiefe verleiht, als man es jemals vermutet hätte. Käppler hält uns deutlich vor Augen, dass wir den Dingen, die im Leben wirklich zählen, manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken und unsere Lebenszeit an unwichtige Details verschwenden.

Neben Max widmet sich die Autorin auch zahlreichen Nebendarstellern, die alle Teil von Max Leben werden. So begegnen wir der drolligen Jekaterina Poljakow, Max‘ Putzfrau, die ihre russisch deutschen Anekdoten in die Runde wirft wie eine Marktverkäuferin auf dem Fischmarkt; Maja, der mürrischen Barista in Max Espresso-Stammbar; Dr. Ingrid Bärbeißer, der Ärztin, die Max bei seinen regelmäßigen Besuchen ordentlich die Leviten liest und letztendlich Machete, einem echten ostdeutschen Unikat, der während des gesamten Romans versucht, Max mit seinen Versicherungen zu beglücken.

Käppler kreiert mit „Die sieben Tode des Max Leif“ einen wilden Hypochonder-Cocktail, der die unterschiedlichsten Gefühlsregungen in uns hervorruft. Ich hätte gerne noch so einen Drink, aber bitte geschüttelt, und nicht gerührt!

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Glückstheorie

lesenslust über „Die Sache mit dem Glück“ von Matthew Quick

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„So tun als ob kann in vielerlei Hinsicht helfen.“

Als seine Mutter stirbt, findet der 39-jährige Bartholomew in der Unterwäscheschublade seiner Mutter einen Befreit-Tibet! – Brief von Richard Gere, einen kommerziellen Aufruf des Schauspielers, die olympischen Spiele in Peking zu boykottieren; den Bartholomews naive und altmodische Mutter damals wohl für einen persönlichen an sie adressierten Brief hielt und seither aufbewahrt hat.

Der völlig unselbständige und leicht verschrobene Bartholomew, der Zeit seines Lebens für seine Mutter gelebt hat, beginnt, dem Lieblingsschauspieler seiner Mutter fortan Briefe zu schreiben. In der Hoffnung, dass der Schauspieler ihn aus seiner persönlichen Lebenskrise befreit; erzählt er ihm ganz ungeniert die Glückstheorie seiner weisen Mutter, über Außerirdische, Buddhismus und die Liebe zu Katzen. Und selbstverständlich auch über die Jungthekarin Elizabeth, die er seit Jahren im Auge hat; die er aber nicht schafft, anzusprechen.

Bisher hat Richard Gere nicht geantwortet, aber Bartholomew ist sich ganz sicher, dass es dem Pretty Women – Star gelingen wird, auch sein Leben zu einem besseren zu machen.

„Irgendwie, und wer kann schon genau sagen, wie sich sowas entwickelt, verfielen Mom und ich im Laufe vieler Tage und Wochen in eine Routine. Wir begannen beide so zu tun, als ob. Sie tat so als ob ich Sie wäre – Richard Gere, ich tat so als ob Mom nicht dabei wäre, den Verstand zu verlieren. Ich tat so, als ob sie nicht mal sterben würde. Ich tat so, als ob ich nicht lernen müsste, ohne sie zu leben. Die Dinge eskalierten, wie man so sagt.“

Nach Jahren erfolgloser Chemotherapie wird Bartholomews an Krebs erkrankte Mutter in der letzten Phase ihres Lebens auch noch von Demenz heimgesucht, was zu einem schleichenden Verfall ihres Geistes führt. Sie beginnt, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu vertauschen; bemerkt nicht, dass es ihr geliebter Sohn Bartholomew ist, den sie fortlaufend Richard nennt – Richard, wie Richard Gerne. Bartholomew, der an den fortan spärlich gesäten Glücksmomenten seiner kranken Mutter festhält, spielt das Spiel mit. All die Jahre lebt er ein Leben als Medium, als Inkarnation des Schauspielers Richard Gere im Leben seiner Mom.

„Richard Gere zu sein, war, als würde ich mir selbst per Schmerzpumpe Morphin verabreichen. Ich war ein besserer Mensch, wenn ich Sie war. Beherrschter, selbstsicherer als je zuvor.“

Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass der orientierungslose Bartholomew sich nach dem Tod seiner Mutter an eben jenen Schauspieler wendet, den er über all die Jahre verkörpert hat. In Briefen an den Hollywoodstar schüttet er sein Herz aus. Schließlich hat der übergewichtige und arbeitslose Bartholomew sonst keine Freunde, denen er sich anvertrauen könnte. In seinen Briefen an Richard berichtet er ihm von den Erlebnissen seiner Kindheit, von der unerschütterlichen Liebe zu seiner Mutter und seinem streng katholischen Vater, den er nie kennengelernt hat, weil er bereits in seiner Kindheit am Märtyrertod durch den Ku-Kux-Clan gestorben ist.

Er erzählt ihm aber auch von seinen ganz geheimen Sehnsüchten. Von dem Versuch, die Jungthekarin Elizabeth in der Stadtbibliothek durch Telepathie zu erreichen oder dem allgemeinen Wunsch einer Frau nahe zu sein bzw. die Frau fürs Leben zu finden. Brief für Brief lernt Bartholomew über sich selbst hinaus zu wachsen und vom loyalen Trottel und Mama Hempel zu einem erwachsenen eigenständigen Mann zu werden.

Es ist eine kunterbunte Reise auf die uns der US-Autor Matthew Quick uns in „Die Sache mit dem Glück“ nimmt. Nach seinem Bestseller „Silver Linings“ widmet er sich in seinem Nachfolgeroman dem Leben des Versagers Bartholomew Neil. Einem Eigenbrötler, der mit 39 Jahren noch immer zu Hause wohnt, noch nie Sex hatte und außerdem noch nie gearbeitet hat. Mithilfe der schrägen Hauptfigur, die als Ich-Erzähler agiert, hinterfragt Quick die Gründe des Universums und offenbart seinen Lesern die Kraft der Güte und der Liebe. Er inspiriert, schenkt Hoffnung und unterhält in höchstem Maße.

„Das Leben ist beschissen!“, sagt meine rothaarige Trauerbegleiterin Wendy jedes Mal wenn wir in unserem Gespräch einen toten Punkt erreichen. Das ist ihre Standard-Plattitüde, ihre goldenen Worte für mich.“

Denn es sind verrückte Geschichten, die uns Bartholomew erzählt. Geschichten von gemeinsamen Abendessen mit imaginären Filmstarts, von dem kleinen wütenden Mann in seinem Bauch, Obdachlosen, die sich in der Stadtbibliothek Pornos einverleiben und von rosa Perücke tragenden Undercover Polizistinnen, die sich an seinem Bein reiben. Er berichtet von vollgepissten Hosen, seiner mit Vogelmetaphern therapierenden Trauerberaterin Wendy und dem Skandal-Father McNamee.

Quick spielt in seinem Roman sehr offene Töne über Sexualität, Religion und Rassismus an. Er scheut weder vor Themen wie Selbstverbrennung tibetischer Mönche, noch Fragen über Masturbation. Er entsetzt und begeistert zugleich und schenkt mir damit ein paar sehr heitere Stunden.

Dass die Wahl als Sprecher des Hörbuchs auf Boris Aljinovic fiel, ist wie ein Sechser im Lotto. Es scheint fast so, als sei die Rolle des Bartholomew Neil auf die facettenreiche Stimme des Hörbuchsprechers, den man u.a. aus Rollen im Theater, Film und Fernsehen kennt (z.B. dem Berliner Tatort), zugeschnitten. In sehr lebendigen Tönen macht er Quicks ohnehin schon skurille Geschichte zu einem wahren Hörerlebnis. Er ächzt und stöhnt, imitiert den kleinen wütenden Mann in Bartholomews Bauch als auch die vor sich hinstöhnenden Frauen aus dem Porno in der Stadtbibliothek so leidenschaftlich, dass es mich vor Lachen fast aus den Latschen kippt.

„Worte ließen sich als Waffen benutzen, die zu viel Schaden anrichten.“

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Nur Millie

lesenslust über „Noch so eine Tatsache über die Welt“ von Brooke Davies

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„Es wird Millie von jetzt an überallhin begleiten, dieses Bild von ihrer Mum, die immer kleiner wird. Ihr Leben lang wird es immer wieder hinter ihren Augen aufscheinen. Wenn auf der Kinoleinwand jemand ‚Bin gleich wieder da‘ sagt. Wenn sie mit Mitte vierzig ihre Hände anschaut und sie nicht als ihre eigenen erkennt. Wenn sie eine dumme Frage hat und absolut nicht weiß, wem sie sie stellen soll. Wenn sie weint. Wenn sie lacht. Wenn sie auf etwas hofft. Jedes Mal, wenn sie zuschaut, wie die Sonne im Wasser versinkt, wird sie einen Anflug von Panik verspüren und nicht wissen, warum.“

Zitat, Seite 13

Millie Bird ist sieben, als sie das erste Mal dem Tod ins Auge blicken muss. Nach ihrem Hund Rambo verabschiedet sich ihr Dad ins Jenseits. Von da an erfasst sie sämtliche Verluste in einem Buch. Als ihre Mum im Kaufhaus weggeht und nicht mehr wiederkommt, fragt Millie sich, ob sie sie nun auch in ihrem Buch der toten Dinge erfassen muss.

Karl der Tasttipper ist siebenundachtzig, als er aus dem Altersheim flieht, in das ihn sein verzweifelter Sohn gesteckt hat. Seit dem Tod seiner Frau Evie ist er zu einem noch eigenartigeren Kauz geworden, als er ohnehin schon war. Er fühlt sich laut und ungeschickt, fast wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Leben. Seine Hände sind unruhig, ständig auf der Suche nach einer Aufgabe. Auf Evie spielten sie die Klaviatur ihres Körpers, ließen Karl ruhig und zärtlich werden.

Agatha Pantha ist zweiundachtzig und verlässt seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr das Haus. Vom Küchenfenster aus beobachtet, analysiert und beschimpft sie Passanten. Sie klammert sich an Rituale, hangelt sich aus Angst vor der Einsamkeit durch ihre tägliche Checkliste. Ihre Tätigkeiten kommentiert sie lautstark, wirft die Worte gewaltsam und anklagend in den Raum, wo sie unerwidert an der Wand abprallen. Auch Millie bleibt ihren Argusaugen nicht verborgen. Auch nicht, dass sie ohne Mutter nach Hause kommt.

„Sie setzt sich auf den Stuhl der Fassungslosigkeit und misst Wangenelastizität, Abstand zwischen Brustwarzen und Taille, fremdartigen Haarwuchs, Faltenanzahl, prognostizierten Faltenverlauf und Armschwabbelstärke. Notiert die Werte in ein Schulheft mit der Aufschrift Alter. Kommentiert das gesamte Geschehen, während sie sich selbst im Spiegel betrachtet. ‚Ich messe gerade die Armschwabbelstärke!‘ Schreit sie sich selbst zu, während sie auf die Unterseite ihres Oberarms schlägt. ‚Sie ist höher als gestern!‘ Schreit sie, nachdem sie die Daten verglichen hat. ‚Sie ist immer höher als gestern!‘ “

Zitat, Seite 68

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„Millie wacht mitten in der Nacht auf. Sie zieht einen Zettel aus ihrem Rucksack, verlässt das Schlafzimmer, geht den Flur entlang, öffnet die Haustür und heftet den Zettel mit Klebeband an die Tür. Hier bin ich Mum.“

Zitat, Seite 150/151

Davies Geschichte ist außergewöhnlich. Sie ist herrlich schräg, erschreckend ehrlich und amüsant zugleich. Kaum hat man ihr Buch zugeklappt, möchte man es noch einmal lesen. Dabei geht es in „Noch so eine Tatsache über die Welt“ um nichts als Verlust. Davies, die mit Mitte Zwanzig selbst ihre Mutter verlor, widmet sich in ihrer Geschichte nämlich dem Tod. Das ist eine traurige Tatsache, aber kein Hindernis, ihr Buch zu lesen. Denn schon als sie dir die Lebensgeschichten der Protagonisten offenbart, überrascht dich ihr ungewohnter Stil. Sie weicht von vertrauten Verhaltensmustern ab, bewegt sich fast leichtfüßig durch die düstere Thematik.

Millie, Karl und Agatha. Drei Menschen, drei Verluste. Jeder von ihnen verliert eine feste Konstante im Leben. Während Karl und Agatha im hohen Alter den Partner verlieren, verliert Millie schon im Alter von sieben Jahren beide Elternteile. Während ihr geliebter Vater stirbt, macht sich Millies unfähige Mutter einfach aus dem Staub.

Millie, die fest mit der Rückkehr ihrer Mutter rechnet, erklärt den Supermarkt indes zu ihrem neuen Refugium. Sie schreibt Hinweisschilder, die ihre Mutter auf ihren Verbleib und aktuellen Standort hinweisen sollen, damit diese sie wiederfindet. Nachts im Supermarkt tobt sie sich aus; macht, wozu sie Lust hat und findet sich eigentlich auch ohne Hilfe ganz gut zurecht. Am Morgen danach, als ihre Mum noch immer mit Abwesenheit glänzt, wiegt der Verlust bereits schwer auf dem Herzen.

Am zweiten Tag stolpert Millie an Karl vorbei, der sich ebenfalls im Supermarkt eingenistet hat und findet in ihm und der Schaufensterpuppe der Damenwäscheabteilung einen Verbündeten. Auch wenn Manny, wie sie den starren Puppenmann taufen, nur einer von vielen toten Dingen ist, die ihr im Laufe ihres jungen Lebens begegnen. Als Millie vom Sicherheitspersonal erwischt wird, sind es die beiden, die an ihrer Seite stehen.

Schon kurze Zeit später findet sich Millie mit Karl und Agatha auf einer abgefahrenen Reise wieder, bei der die Reisenden nicht nur zu sich selbst, sondern auch zueinander finden werden.

„Es liegt durchaus Musik in ihrem Schnarchen, in dem Anschwellen und Abflauen, ein Echo des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen. Karl würde den Klang am liebsten grafisch darstellen und sieht schon den gebirgigen Umriss auf dem Blatt vor sich, die langen, geschwungenen Bögen und zackigen Linien.“

Zitat, Seite 179

Davies spickt ihre scheinbar alltägliche Geschichte mit so viel Skurrilität, dass man sich auf höchstem Niveau unterhalten fühlt. Sie präsentiert uns Alltäglichkeiten in ungewohntem Licht, umspielt sie mit überraschender Offenheit und schamlosem Witz. Davies beweist nicht nur eine gute Beobachtungsgabe und ein unglaubliches Gespür für das Emotionale, sondern verkettet die unmöglichsten Dinge zu einem harmonischen Ganzen. So erzählt sie nicht nur von Verlust, Trauer und Hilflosigkeit, sondern auch von Freundschaft, Zusammenhalt und zwischenmenschlicher Kraft.

„Was ist Liebe, Agatha Pantha? sagt Karl, als mache er eine Ansage, und verkleckert dabei seinen Wein. Liebe? fragt sie und drückt ihre Nase an die Fensterscheibe. Ich sehe rein gar nichts! Genau. Ganz genau, Agatha Pantha. Es ist zu dunkel! Ja. Ihre Stirn wippt an der Scheibe auf und ab. Das ist mir nicht geheuer!“

Zitat, Seite 210

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Eine Reise in dein Innerstes..

lesenslust über „Aleph“ von Paulo Coelho

„Unser Leben ist eine einzige Reise, von der Geburt bis zum Tod. Die Landschaft verändert sich, die Menschen verändern sich, unsere Bedürfnisse wandeln sich, aber der Zug fährt immer weiter. Das Leben ist dieser Zug, nicht der Bahnhof. Und was du im Moment tust, hat nichts mit Reisen zu tun. Du wechselst lediglich die Landschaft, und das ist etwas vollkommen anderes.“

Zitat, Seite 20

Ein Schriftsteller (scheinbar Coelho selbst) begibt sich auf eine große Reise. Er entscheidet sich zu einer Art „Lesereise“, auf der er mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Wladiwostok 9288,2 km zurücklegt. Auf dem Weg durch Russland erhofft er sich, das verloren geglaubte Feingefühl für sein Leben wieder zu erlangen und dadurch erneut König „seines Reiches“ zu werden.
Vor Antritt der Reise trifft er auf die 21-jährige Stargeigerin Hilal, die sich ihm quasi aufdrängt. Während er sich anfangs noch von ihr bedrängt fühlt und ihre scheinbaren Gefühle für ihn nicht erwidern kann, bemerkt er, dass sie eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Im einem Zeitloch in der Mitte eines Wagons geraten sie gemeinsam ins Aleph, einem Paralleluniversum, in dem es möglich zu sein scheint, in die Vergangenheit zu reisen. Man schenkt dem Schriftsteller die Chance, vergangene Momente Revue passieren zu lassen und für begangene Fehler Buße zu tun. Fehler, die auf seinem Leben lasten und die es ihm unmöglich machen, das Jetzt und Hier in seiner Ganzheitlichkeit zu erleben.
Je länger die beiden Reisenden miteinander unterwegs sind, desto inniger wird ihr Verhältnis. Ein Verhältnis, das ihnen nicht nur helfen wird, mit Vergangenem abzuschließen sondern auch ihren eigenen Weg zu finden.

„Ich liebe dich wie ein Fluss, der als kleines Rinnsal in einem Gebirge entsteht, der wächst und wächst und sich mit anderen Flüssen vereinigt, bis er so groß wird, dass er jedes Hindernis umfließen kann, um dahin zu gelangen, wohin auch immer er will.
Ich empfange deine Liebe und gebe dir meine. Nicht die Liebe eines Mannes für eine Frau, nicht die Liebe eines Vaters für seine Tochter, nicht die Liebe Gottes für seine Geschöpfe. Sondern eine namenlose Liebe, für die es keine Erklärung gibt, so wie auch ein Fluss seinen Lauf nicht erklären kann, sondern diesem nur folgt. Eine Liebe, die nichts erbittet und nichts gibt, die sich nur offenbart. Ich werde nie dein sein, du wirst nie mein sein, aber dennoch kann ich voller Überzeugung sagen: Ich liebe dich.“

Zitat, Seite 244

~°*..Mein Fazit..*°~

„Das Magische, das Außergewöhnliche ist immer präsent, aber zuweilen vergessen wir es und müssen uns wieder daran erinnern, indem wir beispielsweise den größten Kontinent der Erde von einem Ende bis zum anderen durchqueren. Wir kehren mit Schätzen beladen wieder zurück, die möglicherweise bald wieder vom Alltag begraben werden, und dann müssen wir irgendwann erneut aufbrechen, um sie zu suchen. Und genau das macht das Leben interessant: an Schätze und Wunder zu glauben.“

Zitat, Seite 290

Coelho ist für seine lehrreichen Geschichten bekannt. Seine philosophischen Zeilen schenken dem Leser oft mehr, als man es auf den ersten Blick vermutet. Mancher Satz braucht Zeit, um sich zu entfalten. Viele seiner Aussagen entpuppen sich als sinnvolle Lebensweisheiten und gesellen sich zu dir, um dich ein Stück deines Weges zu begleiten. Du findest sie derart faszinierend, dass du dich immer wieder dabei ertappst, sie dir aufs Neue durchzulesen. Ich bewundere Coelho für seinen beeindruckenden Lebenslauf; seine Neugierde, das Leben stets aufs Neue zu hinterfragen und für seine Lebenserfahrung. Dennoch kann und will ich nicht alles gutheißen, was Coelho tatsächlich schreibt.

Denn nicht jeder Satz in „Aleph“ erschloss sich mir in seiner vollen Logik. Coelho spricht viele Dinge an und lässt sie dennoch ungelöst im Raum stehen, was unweigerlich für Unverständnis und Verwirrung auf meiner Seite sorgte. Der Ausflug in die vergangenen Ereignisse des Schriftstellers überforderte mich an der ein oder anderen Stelle gewaltig. Das plötzliche Erwähnen vieler Details machte es mir unmöglich, den Dingen vollends folgen zu können. Das Aleph erschien mir irgendwie eine Spur ZU surreal, die Erlebnisse ZU spirituell.

Die Reise des Schriftstellers in „Aleph“ scheint Teil von Coelhos persönlicher Reise durchs Leben zu sein. Ob er sich nun tatsächlich selbst auf die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn begeben hat, oder sie nur seine vergangene Suche nach dem Sinn des Lebens versinnbildlichen soll: klar wird, dass dieses Werk autobiographische Züge besitzt. Ich kann mich nur schwer bewusst FÜR oder GEGEN das Werk aussprechen. Kann sein, dass ich das „Aleph“ nicht ganz verstanden habe; kann sein, dass Coelhos neuestes Werk von Grund auf nicht das Einfachste ist. „Aleph“ bekommt daher letztendlich nur 3 von 5 schaukelnden transsibirischen Wagons.

An dieser Stelle möchte ich einen herzlichen Dank an den Diogenes Verlag und Blogg dein Buch aussprechen, die mir das Buch freundlicherweiese als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Und hier könnt ihr das Buch bestellen…

Memento mori – bedenke, dass du sterben musst..

lesenslust über „Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich“ von Kjersti A. Skomsvold

~*°..Eine alte Dame auf den Irrwegen des Lebens..°*~

Mathea Martinsen ist eine schrullige alte Frau. Nach dem Tod ihres Mannes Epsilon lebt sie alleine am Stadtrand von Oslo. Sie ist eine Eigenbrötlerin und schüchtern, ja nahezu menschenscheu. Ihr Leben orientierte sich an Epsilon. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, weiß sie nichts mit sich anzufangen. Wem soll sie nun Ohrenwärmer stricken und kleine Briefe zustecken? Wer hört ihr nun zu und wen interessiert es eigentlich, dass sie da ist? Kinder hat sie keine. Auch keine Haustiere – zumindest nicht mehr. Für wen lohnt es sich weiterleben?

Sie strauchelt, sie grübelt und sie findet neuen Mut. Ein Leben zu leben – ohne Epsilon. Ein Leben, in dem sie selbst im Mittelpunkt steht. Matheas Leben.

~*°..Mein Fazit..°*~

Das Buch ist stellenweise wirklich komisch und dann wieder sehr nachdenklich. Der Mix aus beidem macht die Geschichte sehr abwechslungsreich und lässt die niedlichen 142 Seiten ohne Probleme in einem Rutsch weglesen. Der Stil der Autorin gefiel mir insgesamt sehr gut, auch wenn ich anfangs meine Zeit brauchte um mit ihm warm zu werden. Denn sie erzählt die Geschichte aus Matheas Sicht. Die Sicht einer schrulligen alten Dame, die auf die 100 Jahre zugeht und Angst davor hat, unter die Leute zu gehen. Die sich vor Situationen versteckt, in denen sie mit anderen reden muss; Angst hat, nach dem Tod ihres Mannes Epsilon weiterzuleben; Angst hat, alleine zu sein.

Skomsvold gelang mit Je schneller ich gehe desto kleiner bin ich eine derart authentische Geschichte, dass Mathea lebendig erschien. Es kam mir fast vor, als stehe sie direkt neben mir. In greifbarer Nähe und nur einen Atemhauch von mir entfernt stand sie am Regal im Supermarkt und griff wieder zu einem Marmeladenglas, das sie alleine nicht öffnen kann. Dass sich zuhause an das von letzter Woche reiht, und an das von der Woche davor, und der Woche davor. Bis es Marmelade in der Tube gibt.
Mit dieser Empathie hat mich Skomsvold gekriegt. Sie hat mich überzeugt. Denn ich finde es bemerkenswert, dass eine gerade mal 33-jährige Frau sich derart in einen alten Menschen hineinversetzen kann. Ob persönliche Erfahrungen miteinflossen? Wie gelingt einem das sonst?

„Ich wünschte, ich könnte den kleinen Rest vom Leben aufsparen, bis ich weiß, was ich damit anfangen soll. Aber das geht nicht, dafür müsste ich mich schon einfrieren, und wir haben nur eines dieser kleinen Gefrierfächer im Kühlschrank.“
(Zitat, Seite 10)

Matheas Gedanken sind manchmal unheimlich witzig. Sie ließen mich an vielen Stellen laut auflachen und die Stelle erneut lesen, weil ich sie so lustig fand. Doch neben den heiteren Passagen traf ich auch auf schockiernede Zeilen. Zeilen, die mich beängstigend und mir Respekt vor dem Älterwerden schenkten. Die mir die Welt eines Menschen zeigten, der den größten Teil seines Lebens eben nun schon hinter sich hat. Eines Mensch, dessen Körper schwach wird, dessen Gedanken verstreut sind und der langsam aber sicher die Orientierung verliert. Ich verspürte Mitleid mit Mathea. Wollte ihr helfen wieder neuen Mut zu fassen. Sie an die Hand nehmen und ihr den richtigen Weg zu zeigen. Einen Weg, der ihr mühsam schien. So unendlich mühsam.

„Der Zahn steckt mitten in der Gurke. Mit Blutgeschmack im Mund starre ich perplex auf das, was aussieht wie eine Waffe zum Töten von Robben. Ich ziehe den Zahn heraus und versuche, ihn dort wieder hineinzustecken, wo er einmal herauswuchs, doch er will nicht länger passen, es scheint, als habe er Großstadtluft geschnuppert und könnte nicht in sein Heimatdorf zurückkehren: „Hier ist es mir zu beengt.““
(Zitat, Seite 66/67)

Eines Tages beschließt Mathea eine Zeitkapsel zu vergraben. Sie will der Nachwelt ein Andenken überlassen. Ein Stück von ihr Selbst. Und mit diesem Vorhaben schöpft sie neue Hoffnung und Lebensmut. Getreu dem Motto von H.C. Andersen „Das Leben gewinnt nur durch das Handeln an Bedeutung.“ sprüht Mathea bald vor Lebendigkeit.

Die deutsche Übersetzung des Romans hat manchmal ein paar Schwächen, was zur Folge hat, dass sich mir nicht jeder Gedanke in seiner vollkommenen Bedeutung erschließt. Teilweise gibt es Sätze die bis über 4 Zeilen gehen und von einer derartig hohen Anzahl Kommata getrennt sind,  dass es mir schwerfällt, meine Konzentration auf den Kernpunkt des Satzes zu lenken. Bei den wirren Gedanken einer fast 100-jährigen Frau fällt dieser Aspekt einfach mehr ins Gewicht, als bei anderen Geschichten, weshalb ich Je schneller ich gehe desto kleiner bin ich 4 von 5 möglichen selbstgestrickten Ohrenwärmern schenke.