Zirzensisch

lesenslust über „Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer

img_20160418_185300.jpg„Leben ist, wenn etwas dazwischenkommt.“

Zitat, Seite 246

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wächst Thaïs Leblanc bei ihrer Großmutter, der unvergleichlichen Madame Viktoria, im Zirkus auf. Ihre Kindheit ist von glitzernden Kostümen, magischen Zaubertricks und einer scheinbaren Unbeschwertheit begleitet. Doch bei Thaïs weicht die kindliche Faszination für den Zirkus einer Abscheu für das eigenartige Künstlervölkchen, das aus ihrer Großmutter eine egozentrische Künstlerin macht, die nur noch mithilfe von Alkohol und Tabletten in den Schlaf findet.

Mit ihrer Volljährigkeit entscheidet sich Thaïs deshalb der verhassten Zirkuswelt den Rücken zu kehren um in Paris ein neues Leben zu beginnen. Ein normales Leben, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt und nicht von der Berühmtheit eines anderen Menschen überschattet wird. Doch als ihre Großmutter stirbt, wird Thaïs von ihrer schmerzhaften Vergangenheit eingeholt und muss erneut nach Arles reisen, um sich um deren Nachlass zu kümmern.

Das ominöse Testament von Madame Viktoria schickt Thaïs auf die Suche nach dem wundersamen cirque perdu, einem Zirkus, der seiner glänzenden Zeit hinterherzutrauern scheint und sich in die Stille zurückgezogen hat. Doch was Thaïs hinter seinem verwilderten Vorhang entdeckt, ist überraschenderweise keine ausgeleierte Zirkusshow, sondern vielmehr das Leben selbst.

image

„Papó, welches große Kunststück lehrst du mich denn? Womit darf ich in der Manege auftreten? Er bedeutete mir mit einem Nicken näher zu kommen. Als ich mich zu ihm gebeugt hatte, flüsterte er mir ins Ohr: Leben.“

Zitat aus dem Buch

Goldammer ist mit seinem „Der Zirkus der Stille“ ein wirklich eindringliches Debüt gelungen, das auch mit leisen Tönen beim Leser Gehör findet. Entgegen der Vermutung, dass es sich hier um eine klassische Zirkusgeschichte handelt, präsentiert er uns eine melancholische Entdeckungsreise mit magischem Flair und den Wesenszügen eines modernen Märchens. Eine Geschichte, die eng mit dem Zirkus verwoben ist, sich aber abseits der Manege abspielt.

In seiner Geschichte widmet er sich einer jungen Frau, die ihre gesamte Kindheit im Schatten ihrer großen Großmutter steht. Einer Pferde-Dresseurin im silber-weiß glitzernden Kostüm, die selbst mit abnehmender Ausdruckskraft auf ihr Enkelkind herabblickt. Thaïs, die sich all die Jahre ein inniges Verhältnis zu ihrer Großmutter herbeisehnt, entwickelt durch deren Exzentrik eine immer tiefergehende Abneigung für die schillernde Zirkuswelt.

„Hätte mich je ein Mensch gefragt – was nie jemand tat – , wie ich mich in diesem wunderbaren Moment gefühlt habe, er hätte eine ganz andere Geschichte zu hören bekommen: Für mich zeigte die Aufnahme ein verstörtes kleines Mädchen, das ein wildgewordener Zirkusaffe angesprungen hatte, um ihm ins Gesicht zu beißen.“

Zitat, Seite 7

Thaïs flüchtet nach Paris. Sie stürzt sich in eine scheinbar glückliche Beziehung und einen Job, in dem sie Frauen Brautkleider verkauft. Doch als sie zur Beerdigung von Viktoria nach Arles zurückkehrt, beginnt ihre Überzeugung, glücklich zu sein, langsam aber stetig zu schwinden. Im Haus ihrer Großmutter wird Thaïs von einer merkwürdigen Wehmut erfasst, die sie auf die gemeinsame Zeit mit Viktoria zurückblicken lässt. Diese melancholischen Rückblicke verleihen der verstorbenen Großmutter während der gesamten Geschichte sehr lebendige Züge.

Doch Thaïs erliegt nicht nur im Haus ihrer Großmutter starken Gefühlsschwankungen, sondern wird auch im Beisein der sonderbaren Zirkustruppe des cirque perdu und einer Reihe an wundersamen, scheinbar zufälligen und schicksalsgetränkten Gegebenheiten, zunehmend nachdenklicher. Mit Papó, dem alten Zirkusdirektor des cirque perdu, und einem recht wortkargen Rumänen durchläuft sie nicht nur ein besonderes Trauerritual um ihre Großmutter, sondern auch eine Art Mutprobe für ihren großen Auftritt im cirque perdu.

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt.“

Zitat aus dem Buch

Was mir an Goldammers Zeilen sehr gut gefällt, ist sein dichter atmosphärischer Schreibstil, der den Leser sehr schnell mitten ins Geschehen zieht. Der Schauplatz und die Figuren des Romans nehmen dadurch schnell Form und Farbe an. Und auch wenn sich die  Geschichte größtenteils sehr philosophisch liest, schimmert ein realistischer, fast schon kritischer Blick auf die Dinge durch. Denn es bleiben auch die Klischees, die Künstlern oft nachgesagt werden, nicht ungeachtet. Auch Thaïs ist durch ihre neuen Freunde oft Blicken voller Argwohn und Abscheu ausgesetzt.

Doch während Goldammer Thaïs und den Zirkusleuten besonders viel Aufmerksamkeit schenkt, wendet er manch anderen Figuren der Geschichte nur einen oberflächlichen Blick zu und stellt damit ihre Daseinsberechtigung im Roman in Frage. Thaïs Freund Daniel zum Beispiel, in dessen Nähe man Thais Persönlichkeitsveränderung am intensivsten wahrnimmt, begegnet dem Leser nur in einem sehr blassen Licht.

„Der Zirkus der Stille“ beschenkt seine Leser mit keiner fantastischen Zirkusshow, sondern vielmehr einem Blick hinter die Fassade, hinter das Offensichtliche. Es ist eine Geschichte, die zum In-sich-gehen und dem Ordnen seiner Gefühle anregt. Sie widmet sich der Versöhnung, Selbstverwirklichung und der Erkenntnis, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben keinen Applaus brauchen.

„Wir sind alle Gauner, die durchs Leben rennen und versuchen, so viel Liebe zu stehlen, wie sie nur kriegen können, ohne selbst welche zu geben – weil uns niemand beibringt, dass wir nur ernten, was wir gesät haben.“

Zitat, Seite 209

<3 <3 <3 <3

image

Der Sprung auf einen Zirkus…

lesenslust über „Wasser für die Elefanten“ von Sara Gruen

~*Die Story*~

Jacob Jankowski ist mit seinen 93 Jahren in die Jahre gekommen. Seine Haut ist zerfurcht und faltig, sein Gang holprig und unbeholfen. Auf die Menschen macht er mittlerweile einen verstörten und nahezu unbeholfenen Eindruck. Doch seine Gedanken sind klar, klarer als irgendwer vermutet. So führen sie ihn nicht allzu selten zu seinen „Glanzzeiten“ zurück, in denen er sich wiegt und in den Erinnerungen schwelgt.

70 Jahre zurück in der Vergangenheit: Jakob ist jung und steht kurz vor seinem Abschluss als Veterinärmediziner an der Elite-Universität Cornell. Schon bald soll er die Tierarzt-Praxis seines Vaters übernehmen und in seine Fußstapfen treten. Eigentlich.

Denn wie sooft kommt alles anders. Jacobs Eltern verunglücken bei einem Autounfall tödlich und der junge Jacob steht vor den Trümmern ihres bescheidenen Lebens. Kurz vor seiner Abschlussprüfung sieht Jacob rot. Der Tod seiner Eltern reißt ihn völlig aus den Bahnen, er verheddert sich in Melancholie und Trauer. Also sieht er nur einen Ausweg: er muss weg.

Er springt bei völliger Dunkelheit auf einen vorbeifahrenden Zug ohne zu bemerken, dass er dabei das Ticket zu einem ganz anderen und ganz eigenem Leben zieht: dem Leben beim Zirkus. Denn der Zug ist kein Güterwagen sondern „Benzinis spektakulärste Show der Welt“. Onkel Als rollender Wanderzirkus, der mithilfe einer Eisenbahn von Ort zu Ort tuckert um die Menschen an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu unterhalten.

Hier begegnet Jakob nicht nur einer Menge von beeindruckenden Menschen und Tieren sondern auch der Liebe seines Lebens:
Marlena – Kunstreiterin, Juwel der Show und Ehefrau des schizophrenen Dompteurs August.

Eine Begegnung, die nicht nur ohne Folgen bleiben sondern auch Auslöser für eine Tragödie werden soll…

~*Meine Meinung*~

Sara Gruens Stil ist vielseitig. Während sie das Wesen von Tieren und Menschen einfühlsam und liebevoll beschreibt nennt sie andere brutale Dinge oft beim Namen: ihre Beschreibung ist unverblühmt und von derart authentischem Maße, dass man meinen könnte, man stehe direkt daneben.
Diese Mischung verschafft dem Stil eine einzigartige und besondere Note. Sie macht ihn mitreissend und lässt die Spannung nicht weichen. Wir reisen mit, auf Jakobs Reise mit „Benzinis spektakulärster Show“. All die Details, die uns während der Geschichte begegnen setzen sich ganz unbemerkt in unserer Erinnerung fest und ermöglichen es so, dass man der Geschichte voll & ganz folgen kann.

Die Autorin entschied sich für einen stetigen Zeitenwechsel innerhalb des Buches. So ermöglicht sie dem Leser an Jakobs Leben zu unterschiedlichen Zeitpunkten teilzuhaben.
Wir begegnen ihm mit 93 Jahren – alt und „scheinbar verdattert“ in einem Altenheim sitzend, wo er auf sein bisheriges Leben wehmütig zurückblickt und über die Ausweglosigkeit seines Alltags verzweifelt. Ich wirkte an mancher Stelle ziemlich schockiert und mir wurde zunehmend bewusster dass meine Wahrnehmung von älteren Menschen, die ich bisher hatte vielleicht nicht richtig war und ich fast schon eine unfaire Haltung ihnen gegenüber hatte. Sara Gruen zeigte mir nicht nur die Welt von älteren Menschen in unserer Gesellschaft heute, sondern auch die Welt, in die auch ich irgendwann später eintrete. Sie ist manchmal erschreckender und auswegloser, als sie uns jungen Menschen oft erscheint. Vieles ist nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint. Ältere Menschen sind oft klarer im Kopf, als man denkt. Dieser Einblick hat mich sehr nachdenklich gemacht und lässt mich über einige Dinge nun ganz anders denken.

Bevor Jakob zu Onkel Al´s Zirkus kommt ist er noch unreif. Mit seinen jungen 23 Jahren hat er kaum eine Vorstellung vom Leben, geschweige denn von Sex, der Liebe oder seinen Bedürfnissen. Wir dürfen ihm bei seinem Reifeprozess beobachten und sehen wie aus dem Jungen ein stattlicher Mann heranwächst. Die Begegnung mit Marlena, der Kunstreiterin, wird für Jakob von besonderer Bedeutung, weil er irgendwann bemerkt, dass er von ihr nicht nur fasziniert ist sondern sich in sie verliebt hat. Ihr schizophrener Ehemann, der Dompteur der Show ist eine gewaltige Erscheinung, die nicht nur Marlena sondern auch den Leser mit all seinen Fazetten zu täuschen weiß. Während er auf der einen Seite Prinz Charming spielt, kommt sein anderes Ich Stück für Stück zum Vorschein. Das harte und brutale Wesen, das oft nicht die nötige Grenze seiner Handlungen erkennt nimmt irgendwann Überhand und schockiert mich zutiefst.

Zudem bekommt der Leser einen sehr guten Eindruck von den Besonderheiten innerhalb eines Zirkusses. Es geht dabei nicht nur um die Abläufe hinter der Menagerie oder dem Alltag der Zirkusbewohner und seinen Tieren sondern auch um den Unterschied der verschiedenen Menschengruppen innerhalb des Zirkusses. Wie auch unsere Gesellschaft von verschiedenen Schichten geprägt ist, werden innerhalb des Zirkusvolks krasse Unterschiede gesetzt. Während der Eine sich in seinem eigenen Privatwaggon ein Glas edlen Whiskey gönnt kann der Andere wiederum sich schon glücklich schätzen, wenn er im Stall bei den Tieren schlafen darf.

Die Geschichte erzählt uns viele kleine Geschichten, die sich wie einzelne Puzzleteile zusammensetzen und irgendwann ein großes Ganzes ergeben. Die Schicksale einiger Zirkusbewohner treffen den Leser oft wie ein Schlag ins Gesicht. Aufgrund der Vielseitigkeit der Geschichte, ist die Liebe, die zwischen Jakob und Marlena irgendwann entflammt zwar Kernpunkt der Geschichte, welcher sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht, jedoch wird er stets von vielen nicht unwichtigen Geschichten anderer Protagonisten begleitet.

Sicherlich weiß man schon zu Beginn, dass Jakob und Marlena füreinander bestimmt sind, all die anderen Wendungen und Verläufe sind jedoch nicht vorhersehbar und lassen die Spannung immer wieder aufs Neue steigen. Sara Gruen schenkte mir ein paar sehr unterhaltende Stunden – vielen Dank dafür!