Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

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Libertad infinita

lesenslust über „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets

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„Ich wäre gerne mit dir zusammen gestorben, im selben Zimmer wie du, im selben Augenblick. (…) Ich wäre gern dort gewesen, hätte gern deine Hand gehalten bei unserem Ende. Denn ich bewege mich auf dem Terrain der Lebenden, mehr oder weniger heiter, mehr oder weniger allein, aber einen Fuß habe ich immer dort, wo du bist.“

Zitat, Seite 167

Schmerz und Kummer sind genauso vergänglich wie Begeisterung und Glück. Davon war Blancas Mutter überzeugt. Doch als Blanca ihre Mutter mit Anfang Vierzig verliert, will sich der Kummer um ihren Tod einfach nicht legen. Sie plant den Rückzug nach Cadaqués, in den Sommerfamiliensitz nördlich der Costa Brava, dem Ort, der seit jeher für Freiheit steht.

Umgeben von ihren liebsten Menschen; den Kindern, ihren Exmännern, den engsten Freunden und ihrem Geliebten will sie sich von ihrer Trauer um die Mutter lösen und ins Leben zurückfinden. Doch selbst der mediterrane Überschwang der spanischen Mittelmeerküste kann Blanca nicht wirklich mitreißen. Überall streifen ihre Gedanken zu der Verstorbenen, deren Anwesenheit für Blanca über all die Jahre so selbstverständlich war.

In den Armen zahlreicher Männer, im Dunst glimmender Joints und im scheinbar unbekümmerten Miteinander ihrer engsten Vertrauten gelingt es ihr für klitzekleine Augenblicke zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Es ist der zwanghafte Versuch einer Trauernden, mit aller Macht in das ausgelassene Leben von früher zurückzukehren, wo die Zukunft noch hoffnungsvoll auf der Oberfläche des spanischen Mittelmeers glitzerte.

„Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz.“

Zitat, Seite 51/52

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Es ist die Geschichte eines Abschieds, der langsamer und intensiver nicht sein könnte. Milena Busquets zweiter Roman, der nun unter dem Titel „Auch das wird vergehen“ auf Deutsch erschienen ist, ist wie die Melodie eines Songs, dessen unbeschwerte, mitreißende, aber auch melancholische und heftige Töne auf dich übergehen, und dich hin- und herreißen.

Er erzählt von der Protagonistin Blanca, Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder, ungebunden, attraktiv und leidenschaftlich, die sich in ihrer Trauer um die verstorbene Mutter wieder in ein Kind verwandelt. Blanca schwimmt in einem Meer aus Selbstmitleid, einer quälenden Trauer um den Verlust ihrer scheinbar einzig wirklichen Konstante im Leben: ihrer Mutter.

„Jeden Moment , denke ich, während ich im Rückspiegel die Kinder beobachte, die lachen und gleichzeitig zanken, jeden Moment kann ich enttarnt und zu ihnen nach hinten auf die Rückbank geschickt werden. Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe, sehe dasselbe wie eh und je, das hüpfende Hündchen, dessen Kopf in einer Erdgeschosswohnung auf- und abtaucht, den Großvater, der seinen Enkel an die Hand nimmt, die gutaussehenden Männer mit eingeschaltetem Radar, das Funkeln meiner klimpernden Armreife, wenn sie einen Sonnenstrahl einfangen, die einsamen Alten, die knutschenden Pärchen, die Bettler, die lebensmüden alten Frauen, die schnurstracks und trotzig im Schneckentempo über die Straße gehen, die Bäume. Jeder von uns sieht etwas anderes, jeder von uns sieht immer dasselbe, und was wir sehen, sagt alles über uns. Und instinktiv lieben wir diejenigen, die dasselbe sehen wie wir.“

Zitat, Seite 47/48

In Cadaqués, einem alten spanischen Fischerdorf Nahe der französischen Grenze, das eng mit Salvador Dali aber auch mit der Autorin selbst verbunden ist, will sich Blanca von ihrem Seelenleid befreien und ins Leben zurückfinden. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sie sich ins Leben. Gibt sich Drogen, Sex und Alkohol hin wie eine Ertrinkende. Nur in jenen Momenten der Unbefangenheit scheint sie sich von ihren Gedanken an die Mutter lösen zu können.

In ihrem inneren Monolog mit der Verstorbenen, durch die sich die Geschichte dem Leser offenbart, kommt die innere Zerrissenheit von Blanca deutlich zum Vorschein. Eine Frau, die sich im einen Moment selbst zurecht weist und im anderen wieder völlig in ihren Kummer versinkt. Obwohl Blancas Trauer um ihre Mutter verständlich ist, missfällt mir die Eigendynamik ihrer Figur manchmal ein wenig. Das unvernünftige, völlig egoistische und dramatische Wesen, das weder Rücksicht auf seine Kinder nimmt, noch den Werten seiner Freunde Respekt zollt. Doch dieses Gebaren gewährt zeitgleich auch einen tiefen Einblick in das Innere einer Frau, die vor der Vernunft und den Regeln des Lebens zu fliehen versucht. Ihre häufige Abwesenheit und spürbare Einsamkeit inmitten des Trubels verdeutlicht wie gefährlich nahe jemand dem Tod kommen kann, selbst, wenn er mitten im Leben steht.

„Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm. (…) Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in den Händen hält und ehe es wieder davonfliegt.“

Zitat, Seite 168

Die atmosphärischen Beschreibungen des alten Fischerdorfes Cadaqués gelingen Busquets in ihrem Roman so gut, dass man die nahezu grenzenlose Freiheit dieses Ortes förmlich spüren kann. Ich vergrabe für eine Weile meine Füße im sonnenwarmen Sand und wärme mein Gemüt in der Hitze des Landes. Es scheint mir völlig legitim, dass Busquets Cadaqués eine tragende Rolle, eine Hauptfigur, in ihrer Geschichte zuspricht. Die intensive und faszinierende Atmosphäre dieses Ortes mag wohl einer der Gründe sein, warum bis in die 80er dort zahlreiche Künstler-Kommunen anzutreffen waren.

Busquets ist ein liebevoller und melancholischer Abschied gelungen, ein autobiografischer Roman, in dem sich nicht nur Protagonistin Blanca, sondern auch Busquets selbst, von ihrer Mutter, der Schriftstellerin Esther Tusquets, verabschiedet. Ein Roman, für den die Meinungen der Leser gehörig auseinanderzugehen scheinen und den ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

„Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich.“

Zitat, Seite 45

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Somewhere in between

lesenslust über „Das Traumbuch“ von Nina George

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„Das hier ist die Realität. Kein Buch, kein Nerd-Wettbewerb. Das dort, das wummernde Monstrum, die Fragen von Dr. Saul, Henris Sauerstoffmaschine, die achtmal in der Minute Luft in ihn hineinstößt und wieder heraussaugt. Das ist die Wirklichkeit.“

Zitat, Seite 370

Ein Unfall verändert die Leben dreier Menschen: Edwinna, genannt Eddie, die Verlegerin für phantastische Literatur mit besonderem Gespür für das Wunderbare. Sam, der hochbegabte 13-jährige, der Klänge als Farben sieht und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahrnimmt als andere. Und Henri, Eddies einstiger Geliebter. Der ehemalige Kriegsreporter ist Sams Vater, der nach einem Unfall acht Minuten lang tot war und nun darum kämpft, aus dem Koma zu erwachen. Denn von dort, wo er beinah verlorengegangen ist, bringt er eine Botschaft für die, die er liebt. 

Kurzbeschreibung des Verlags

Es gibt Geschichten, die dich mit unverminderter Wucht ins Leben schmeißen. Dies hier ist so eine. Denn Nina Georges neuestes Werk ist schonungslos. Es ist schicksalsgetränkt, dramatisch und ergreifend schön zugleich. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

Ich hatte geahnt, dass das scheinbar sorglose Cover nur wenig von dem Inhalt wiederspiegelt, der sich hinter dem Buchdeckel verbirgt. Doch auf das riesige Konstrukt, das dahinter zum Vorschein kam, war auch ich nicht vorbereitet. Georges Geschichte, auf die ich seit ihrem Erfolgsroman „Das Lavendelzimmer“ sehnsüchtig warte, ist auf einer völlig neuen Ebene angesiedelt. Einer hochemotionalen Ebene, mit der die Autorin über sich selbst hinausgewachsen ist. Denn George, die ihr vorangegangenes Buchprojekt abbricht, weil sie nicht in die Geschichte findet; beweist mit ihrem Traumbuch nicht nur Mut, sondern auch schonungslose Offenheit.

Die Geschichte, in der auch persönliche Erlebnisse der Autorin verwoben sind (u.a. der Verlust des Vaters) widmet sich ernsten Themen, über die sicherlich nicht jeder lesen möchte. George spricht das aus, worüber viele schweigen. Es sind Dinge wie ein künstliches Koma, Verlust und Tod. Auf der Suche nach dem Platz im Leben wandern wir auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, zwischen liebevoller Hingabe und zweifelnder Unsicherheit, zwischen Liebe und Pflichtgefühl. Wir wechseln zwischen den Welten. Geben uns Tagträumereien hin und blicken aus der Ferne in die Realität. Durchlaufen „Was wäre wenn? – Szenarien.

Nina George ist Synästhetikerin. Sie nimmt Zahlen und Klänge als Farben, und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahr als andere. Diese besondere Gabe hat auch der 13-jährige Sam, der neben Henri und Eddie zu den Hauptfiguren der Geschichte zählt. Seine Mitschüler bezeichnen ihn als vulgo Synnie-Idiot, selbst seine Mutter findet nur schwer Zugang zu dem hochbegabten Jungen, der schon als Säugling zu weinen begann, wenn ihn die negativen Gefühle eines Ortes wie aus dem Nichts überfielen.

„Ihre Stimme flutete mich, ein Klang wie ein Geruch, der Duft von Rosmarin im Regen, traurig, gedämpft. Ich spürte, wie lieb sie mich in diesem Augenblick hatte, ich merkte es daran, dass ich auf einmal atmen konnte, richtig atmen, wie auf dem höchsten Gipfel der Welt. Das nasse Knäuel, das sonst in meiner Brust ist, war fort.“

Zitat, Seite 21

Sam ist es auch, der täglich am Krankenhausbett von Henri sitzt und dem Erwachen seines nahezu unbekannten Vaters entgegenfiebert, als dieser nach einem Unfall und einem achtminütigen Tod ins künstliche Koma versetzt wird. Durch die Rettungsaktion eines kleinen Mädchens gerät Henri in die Zielgerade eines heranfahrenden Lkws und wird dadurch frontal erfasst. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Auch Eddie findet sich in Henris Krankenhauszimmer wieder. Eigentlich hat die Verlegerin eines Phantastik-Verlages mit ihrem ehemaligen Geliebten längst abgeschlossen. Dem Mann, der ihr vor zwei Jahren das Herz brach, weil er ihre Gefühle nicht zu erwidern vermochte. Ihr Herz schlägt längst für einen anderen Mann. Warum sollte ausgerechnet sie über Leben und Tod entscheiden?

„Ich sitze auf dem Boden und lege mir den Mut auf wie Make-up. Ich trenne all meine miteinander ringenden, hadernden, sich gegenseitig im Weg stehenden Regungen säuberlich voneinander, bis nur noch die entscheidenden drei übrig bleiben. Ich konzentriere mich, um sie zu halten, und verbiete allen anderen Emotionen ihnen zu nahe zu kommen. (…) Ich atme ein und denke: Zärtlichkeit. Ich atme tiefer ein und beschwöre: Mut. Ich atme ein und erbitte: Lass mich wie Sam sein.“

Zitat, Seite 192

Als Eddie auf Sam trifft, ist es, als verpasse ihr das Leben eine schallende Ohrfeige. Denn Henri hat ihr nie von seinem Sohn erzählt, einem Kind, zu dem sie eine besondere Nähe entwickelt und das ihre verlorengeglaubten Gefühle zu Henri wieder zum Leben erweckt. Ihre Begegnung öffnet ihr die Augen, klart ihren Blick auf erschreckende Weise auf.

Henri, der Zeit seines Lebens als Kriegsreporter arbeitete, und sich vor dem Unfall auf dem Weg zu Sam befand, kämpft indes verzweifelt um seine Rückkehr ins Leben. In der Zwischenwelt begegnet er nicht nur engen Vertrauten, sondern auch einem Mädchen, das die Geschichte Aller primär beeinflussen wird.

„Es ist wie eine Wunde, die ich selbst bin, es ist wie das Lachen, das noch darauf wartet, gehört zu werden, es ist diese wilde Hoffnung auf ein Leben mit ihr, und eine entsetzliche Angst, es ohne sie aushalten zu müssen.“

Zitat, Seite 227 (Sams Zeilen)

George ist eine Gefühlsvirtuosin. Mit ihrem Traumbuch gewährt sie uns einen tiefen Einblick in die Seele der Menschen und beweist damit einmal mehr, dass die Gefühlswelt genau ihr Ding ist. Ihre Geschichte ist wie eine Fahrt mit einem turbulenten Gefühlskarussell, das während dem Lesen an Fahrt aufnimmt und unsere Gefühlsregungen wie Konfetti durch die Luft wirbelt. So finden nicht nur Tränen der Trauer, sondern auch der Freude ihren Weg über unsere Wangen.

Der Autorin gelingt damit ein weiteres Herzensbuch, das sicherlich nicht jeden, aber genau die richtigen Leser für sich gewinnen wird. Es ist poetisch, tiefgründig und unendlich berührend. Eine Geschichte, in der sie es uns überlässt, woran wir glauben, was Traum und was Realität ist, und wie sich die Geschichte entwickelt. Denn jede Geschichte beginnt erst mit seinen Lesern zu leben und entführt sie zu entlegensten Winkeln; selbst, wenn das Konstrukt das Gleiche ist.

„Das ist die Magie der Literatur. Wir lesen eine Geschichte, und danach ist etwas anders. Was, das wissen wir nicht, oder warum, durch welchen Satz, das wissen wir auch nicht. Und dennoch hat sich die Welt verwandelt und wird nie mehr dieselbe sein wie vorher. Manchmal merken wir es erst Jahre später, dass ein Buch der Riss in unsere Realität war, durch den wir, nichtsahnend, entkommen sind aus Kleinheit und Mutlosigkeit.“

Zitat, Seite 111

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Vom Ende der Einsamkeit

lesenslust über „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

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„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Zitat, Seite 136

Jules, Marty und Liz erfahren eine behütete Kindheit, bis ein tragischer Unfall ihr Leben von Grund auf verändert. Die familiäre Geborgenheit muss einem Internat weichen, in dem die Geschwister fortan nicht nur ohne ihre Eltern, sondern auch ohne einander aufwachsen. Denn die unterschiedlichen Standorte ihrer Klassen ermöglichen ihnen nur noch seltenen Kontakt. Über die Jahre werden sie sich so fremd, dass nur ihre gemeinsame Vergangenheit sie noch miteinander zu verbinden scheint.

Der elfjährige Jules, früher draufgängerisch und selbstgewusst, verarbeitet diese Entwicklung nur schwer. Vor allem der Verlust seiner großen Schwester Liz lastet schwer auf ihm. Er wirkt zunehmend abwesend, flüchtet sich in seine Traumwelten und findet kaum Zugang zu seinen Mitschülern. Nur in der Nähe der geheimnisvollen Alva, die selbst ein düsteres Geheimnis in sich zu tragen scheint, fühlt er sich auf Anhieb wohl. Dass zwischen ihnen nicht nur freundschaftliche Gefühle herrschen, erkennt Jules erst viele Jahre später.

Denn auch Jules und Alva sollen sich über viele Jahre verlieren, ehe sie sich mit Mitte Dreißig, Alva bereits verheiratet, wiedersehen und das Gefühl von damals wieder aufflammt. Doch die Vergangenheit scheint präsenter denn je und holt sie mit unverminderter Wucht in die Realität zurück.

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist bereits der vierte Roman des in München geborenen Benedict Wells. Der jüngste Romanautor des Diogenes Verlag, von dem mir bisher tatsächlich noch kein Buch in die Hände gefallen war, scheint tatsächlich für das Schreiben geboren worden zu sein. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so erschreckend ehrlich, aufwühlend und herzerwärmend schön zugleich war, dass ich sie mit gefühlt einem Atemzug inhaliert habe.

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Es sind daher zahlreiche Post-Its, die an seinem Werk kleben. Das bemerkt auch Benedict, als er mir mein Exemplar bei seiner Livestream-Lesung in München abnimmt und meine angestrichenen Textstellen überfliegt. Zeilen, die von Verlust, Einsamkeit und Liebe geprägt sind und die ich für immer festhalten musste, weil sie mich so berührt und fasziniert haben. Gedanken, in denen sich die Persönlichkeit von Jules, dem Protagonisten und Erzähler der Geschichte, wiederspiegelt.

„Im Radio liefen Chansons, und führ einen Moment war es wie früher, nur dass zwei Menschen fehlten. Es war wie früher, nur dass nichts mehr wie früher war.“

Zitat, Seite 72

Wells gelingt in dem für ihn wichtigsten Roman, der sieben Jahre reifen musste, eine zeitlose Geschichte, die nicht nur von der Entwicklung der Geschwister Jules, Marty und Liz, sondern auch von einer großen Liebesgeschichte geprägt wird. Er erzählt von Trauer und vor allem von der Einsamkeit, die sich nach dem frühen Verlust der Eltern in den Geschwistern, vor allem aber in Jules breit macht. Immer wieder driftet er ab, lebt gedanklich das unbeschwerte Leben von früher weiter; kann die schreckliche Tatsache, seine Eltern für immer verloren zu haben, nicht wirklich akzeptieren. Während Marty, der lange Zeit als Freak galt, eine positive Entwicklung durchläuft und sich als erfolgreicher Unternehmer und Ehemann beweist, sucht auch Liz lange nach ihrer Rolle im Leben. Sie kompensiert ihre Trauer mit Drogen, Alkohol oder ihrer Rebelligkeit; verliert jahrelang den Kontakt zu ihren Geschwistern.

„Täglich wartete ich auf ein Zeichen von Liz, auf einen erklärenden Brief, eine Karte oder einen Anruf. Wie ein Schiffbrüchiger, der unermüdlich an den Knöpfen seines Funkgeräts dreht, in der Hoffnung, endlich auf eine Stimme zu stoßen. Doch alles, was von meiner Schwester kam, war jahrelanges Rauschen.“

Zitat, Seite 74

Doch als Jules der rothaarigen Alva begegnet, ist es wie um ihn geschehen. Es ist ihre sanfte Stimme, ihr hübsches blasses Gesicht, vor allem aber ihr schiefer Schneidezahn, den sie beim Lachen immer verbergen will, den er besonders an ihr liebt. In der Nähe des nachdenklichen Mädchens fühlt er sich wohl, ähnlich geborgen, wie bei seinen Eltern. Dass langsam aber sicher Gefühle in ihm sprießen, die über bloße Freundschaft hinausgehen; gesteht er sich, aus Angst sie zu verlieren, lange nicht ein. Irgendwann ist es zu spät und Alva fort. Doch Wells lässt Jules und Alva erneut einander finden. Denn auch Jahre später, als Alva mit dem russischen Schriftsteller Romanow verheiratet ist, scheint ihre Sehnsucht zueinander nicht erloschen.

„Da war eine Vertrautheit zwischen uns, die unendlich schien; wie zwei Spiegel, die einander spiegelten.“

Zitat, Seite 274

Wells erzählt seine Geschichte mithilfe von unterschiedlichen Zeitabschnitten, die er fließend ineinander übergehen lässt. So begegnen wir nicht nur dem erwachsenen Jules, sondern auch seinem früheren Ich. Seine melancholischen Zeilen reißen uns mit, lassen seine Gefühle der Trauer, Einsamkeit und Liebe auch die unseren werden und uns nur schwer von der Geschichte lösen. Lange hallt sie in mir nach, diese emotionale Lebensreise, die am Ende der Einsamkeit endet und zu meinem ersten Jahreshighlight wird.

Es gab Dinge, die ich nicht sagen, sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.“

Zitat, Seite 233

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Neuformation

lesenslust über „Die Nacht schreibt uns neu“ von Dani Atkins

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„Das ist das Problematische am Tod: Es gibt keine festen Anstandsregeln, die einem vorschreiben, wie man richtig trauert oder anderen sein Beileid bekundet. An die klaffende Wunde, von der die Hinterbliebenen gezeichnet sind, wagt sich keiner nahe heran, aus Furcht, sie könnte womöglich ansteckend sein.“

Zitat aus dem Buch

Emmas Zukunft schien zum Greifen nah: ein erfülltes Leben an der Seite ihrer Jugendliebe Richard und ihren besten Freundinnen Amy und Caroline. Doch als Amy nach einem Unfall in der Nacht ihres Junggesellinnenabschieds stirbt, formt die Zukunft ein neues Blatt. Eins ohne Amy. Eins, in dem Emma selbst nur dank der Rettung in letzter Sekunde vorkommt.

Nach dem Unfall ist für Emma nichts mehr wie vorher. Ihr Alltag ist geprägt von Schuldgefühlen, unendlicher Trauer und einer seltsamen Einsamkeit, die ihr selbst ihr Verlobter Richard nicht nehmen kann. Der Einzige, der zu Emma Zugang findet, scheint Lebensretter Jack. Ein Fremder. Irgendein Mensch, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Er bringt in ihr Dinge in Bewegung, die sie für ihn eigentlich nicht verspüren dürfte. Dennoch sind es seine Worte und Gesten, die ihr Kraft schenken und sie durch die dunkelste Zeit ihres Lebens begleiten. Und nicht die ihres Verlobten Richard. Dem Mann, mit dem Emma den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

So schwappt sie auf einem scheinbar uferlosen Boot hin und her, zwischen dem vertrauten Hafen Richard und der fremden Insel Jack. Und muss sich einmal mehr entscheiden, wohin der Wind sie tragen soll.

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Meine erste Annäherung an Dani Atkins neuen Roman verlief zugegeben etwas zögerlich. Gemischte Gefühle begleiteten mich, als ich den entzückenden Buchdeckel von „Die Nacht schreibt uns neu“ aufklappte, um mich auf die Geschichte einzulassen. Denn auch Atkins zweiter Roman ist von Verlust und Trauer bestimmt. Merkmale, von denen bereits ihr Debüt „Die Achse meiner Welt“ geprägt wurde und mich daher eine aufgewärmte Story befürchten ließen.

Doch wenige Seiten später war ich bereits so tief in Atkins Geschichte abgetaucht, dass es für meine anfänglichen Befürchtungen weder Zeit noch Raum gab. Denn die Zeilen der britischen Autorin haben an emotionaler Tiefe nicht verloren. Sie schockieren dich, fegen dir Gänsehaut über die Arme und zaubern dir ein Lächeln ins Gesicht. Sie klammern sich an dir fest und lassen dich nicht wieder los, ehe du nicht an ihrem Ende angelangt bist.

„Taubheit – ich empfand ein Gefühl von Taubheit, wie es von Nivocain verursacht wird oder von Eiswasser. Es kam mir vor, als hätte ich stundenlang dagesessen und versucht, etwas zu begreifen und zu verarbeiten, das so schrecklich war, dass man es einfach nicht wahrhaben wollte. (…) Amy hatte ihre Philosophie, jeden Tag so zu leben, als wäre es der letzte, in eine Prophezeiung verwandelt.“

Zitat aus dem Buch

Atkins wirbelt Emotionen durch die Luft wie eine Artistin. Ehe du dich versiehst, wirst du von ihnen erfasst und ins tosende Gefühlschaos von Protagonistin Emma geschleudert, wo du dich zwischen einer Bandbreite an widersprüchlichen Gefühlen wiederfindest. Nach dem Unfall hat Emma nicht nur Schuldgefühle und wachsende Gefühle für ihren Lebensretter Jack, sondern auch Zweifel an ihrer Liebe zu Richard.

Atkins Darstellung von Emmas Zerrissenheit führt beim Leser zu gegensätzlichen Reaktionen. Einerseits möchte man sie trösten und andererseits ihr eine schallende Ohrfeige verpassen. Hilflos tänzelt sie zwischen kindlicher Naivität und erwachsener Vernunft hin und her und strapaziert die Nerven der Leser bis aufs Äußerste.

Emmas Geschichte verwebt Atkins mit der von Emmas demenzkranker Mum, wodurch sie dem Leser eine wage Vorstellung vom Alltag eines an Alzheimer erkrankten Menschen und den unmittelbaren Auswirkungen auf das Leben der Angehörigen gibt. Denn die Krankheit bestimmt nicht nur das Leben von Emmas Dad, sondern auch das von Emma, die sich gegen ihr Leben in London und für das Zurückkehren in die heimatliche Provinz entscheidet. Atkins lässt es jedoch nicht zu, dass das Krankheitsbild der Mutter die Oberhand gewinnt, und richtet ihren Fokus voll auf Emma. Das mochte ich. Denn schließlich ist es ihre Geschichte, und nicht die der Mutter.

Atkins entschied sich bei ihren Figuren für ein kunterbuntes Potpourri aus Persönlichkeiten, das am Ende ein komplexes Beziehungsgeflecht zum Vorschein bringr. Obwohl man schnell mutmaßt, wie die Geschichte ausgeht, hat die Autorin auch ihrem zweiten Roman ein paar überraschende Elemente beigemischt, die den Leser vorübergehend in die Irre führen. Ihre Geschichte ist eine Abfolge von unterschiedlichen Zeitabschnitten. Sie beginnt dabei mit dem Ende und lässt den Leser von dort aus in die Vergangenheit zurückreisen.

Atkins ist es noch einmal gelungen, mir einen Tag und eine Nacht den Atem zu rauben, wenn auch auf völlig andere Weise. Im Vergleich zum Vorgänger besitzt „Die Nacht schreibt uns neu“ um einiges stärkere erotische Wesenszüge und erzählt deshalb nicht nur die dramatische Geschichte einer jungen Frau, sondern auch von einer magischen körperlichen Anziehungskraft zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich gar nicht kennen.

„Lebe für das Heute, das Morgen ergibt sich von selbst.“

Zitat aus dem Buch

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Im freien Fall

lesenslust über „Ein ganz neues Leben“/“After you“ von Jojo Moyes

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„Achtzehn Monate. Achtzehn ganze Monate. Wann ist es endlich genug?“, sage ich in die Dunkelheit. Und da ist sie. Ich spüre, wie sie wieder hochkocht, diese überfallartige Wut. (…) „Das hier ist nämlich kein Leben. Das hier ist gar nichts!“

Zitat, Seite 18

Sechs gemeinsame Monate hatte Louisa mit Will. Nur ein halbes Jahr hat Will gebraucht, um Lous Blick auf das Leben zu verändern. Doch achtzehn Monate nach seinem Tod schaut sie noch immer auf den emotionalen Scherbenhaufen, den er mit seinem Entschluss zu sterben in ihrem  Leben hinterlassen hat.

Mühsam und kraftlos taumelt sie durchs Leben, verschanzt sich in ihrem deprimierenden Job und ihrer spärlich eingerichteten einsamen Wohnung. Die Nächte verbringt Lou schlaflos, wird auf den Dächern Londons zu einem Schatten ihrer Selbst. Sie hat die Bodenhaftung verloren, findet nicht zurück ins Leben.

Doch eines Tages wartet eine unerwartete Überraschung auf sie, die sie mit voller Wucht ins Leben zurückschleudert. Und ehe sie sich versieht, steckt sie bereits mittendrin. Im Leben.

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„Trauer hatte einen bestimmten Geruch. (…) Sie roch nach kleinen Siegen des Alltags über einem Sumpf der Verzweiflung.“

Zitat, Seite 62

In ihrem Fortsetzungsroman, der an die Geschichte von „Ein ganzes halbes Jahr“ anknüpft, beweist Jojo Moyes erneut ihr feines Gespür für das Emotionale. Einfühlsam und ausdauernd spielt sie Lous Klaviatur des Trauerns und trifft dabei genau die richtigen Töne.

Achtzehn Monate nach Wills Tod ist Lou noch immer ein emotionales Wrack. Die Tatsache, dass sie Will nicht vom Sterben abhalten konnte, lastet schwer auf ihr. Ihre Schuldgefühle lähmen sie, bringen sie um den inneren Antrieb zu leben und nachts um den nötigen Schlaf. Im Geiste sucht sie weiterhin Kontakt zu Will, ihre Schritte wirken wie unterbewusste Gesten an ihn, ihr Versagen  – eine stille Anklage an den Verstorbenen.

„It has become a secret habit, me, the city skyline, the comfort of the dark, the anonymity, and the knowledge that up here nobody knows who I am.“

Zitat, Seite 7 (OV)

Dieser emotionale langatmige Trauerprozess mündet in einem unglücklichen Sturz vom Dach. Ein Sturz, der folgenschwer und gleichzeitig befreiend wirkt. Denn Lou ist danach nicht nur eine Zeit lang auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen, sondern wird von dieser auch zur aktiven Trauerbewältigung in einer Gruppe verdonnert. Eine Runde, in der sich Lou anfangs unbehaglich fühlt, die ihr langsam aber sicher auch die Kraft schenkt, sich von ihrer Trauer zu befreien.

„His eyes are on mine. Kind eyes. He seems to understand how much I need convincing. I feel his hand close on mine. I have never needed a human touch more.“

Zitat, Seite 12 (OV)

Es wirkt fast so, als befände sich Lou während des gesamten Romans über im freien Fall. Stück für Stück wirft sie Ballast von sich. Sie macht Begegnungen, die ihrem Leben wieder einen Sinn geben und die ich an dieser Stelle gerne unerwähnt lassen möchte, weil sie jeder Leser für sich selbst entdecken sollte.

Während sich der Vorgänger um das Leben von Will gedreht hat, richtet Moyes in „Ein ganz neues Leben“  ihren Blick auf Lou. Ihre Zeilen sind nicht weniger zauberhaft, besitzen aber dennoch nicht die identische emotionale Intensität des Vorgängers. Moyes schenkt ihren Lesern eine Versöhnung. Lous Versöhnung mit dem Leben. Und das ist gut so.

„We danced as if we had nothing to do but dance. Lord, it felt good. I had forgotten the joy of just existing; of losing yourself in music, in a crowd of people, the sensations that came with becoming one communal, organic mess, alive only to a pulsing beat. For a few dark, thumping hours, I let go of everything, my problems floating away like helium balloons. I became a thing, alive, joyful.“

Zitat, Seite 148 (OV)

Diese Geschichte war Teil eines bilingualen Leseprojekts. Aus diesem Grund findet ihr in der Rezension sowohl deutsche, als auch englische Zitate. Beide Ausgaben haben ihre eigenen sprachlichen Reize.

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Liebe ist was für Idioten

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Liebe ist was für Idioten. Das beschließt Viki, als sie sich ihrer ersten großen Liebe hingibt und bereits wenig später fallen gelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Von da an hält sie Abstand von allem, was mit Liebe zu tun hat.

Doch die Drogen, der wummende Beat und die kräftigen Schultern von Jay Feretty, Schulschönling und Rockstar, sind stärker. Eigentlich kann Viki den Blondschopf nicht leiden, der seine Mädels wie Unterwäsche wechselt, einen auf Weltverbesserer macht und  superstylisch durch die Gegend rennt. Nur doof, dass es Viki ist, die nach einer berauschenden Nacht in seinem Bett aufwacht. Nackt natürlich.

Sie ergreift die Flucht, kann es nicht fassen, dass sie scheinbar kein bisschen anders ist als die anderen: Naiv, blauäugig und hungrig nach Liebe. Doch Jays tiefblaue Augen lassen Viki nicht mehr los und auch Jay scheint Viki gar nicht durch eine Andere ersetzen zu wollen. Kann es tatsächlich Liebe sein? Nein. Schließlich ist Liebe nur was für Idioten!

„Sein Hals riecht nach frischem Aftershave; der Duft frisst sich durch meine Nasenhöhle bis hinunter in den Bauch. Ein Tier, das hinter meinen Rippen eingesperrt ist, brüllt: Das hast du dir selber eingebrockt, Viktoria Stein!“

Zitat, Seite 91

Ja, es gibt sie, Jugendromane, die sich mit frechen Covern, spritzigen Titeln und vermeintlich harmlosen Kurzbeschreibungen tarnen und dich komplett von den Socken hauen. Längst nicht alle erwachsenen Leser wissen um die Wirkung dieser Juwelen Bescheid. Es sind Geschichten, die auf einem viel höheren Niveau angesiedelt sind, als man es bei einem Jugendroman vermutet und die so erschreckend ehrlich, tiefgründig und berauschend schön sind, dass sie dich restlos begeistern können. Es sind Bücher wie „Liebe ist was für Idioten. Wie mich“.

Sabine Schoder ist ein Debüt gelungen, das mich mitten ins Herz getroffen hat. Mit Zeilen voller Sarkasmus und erschreckender Ehrlichkeit erzählt sie eine Geschichte um Liebe, Familie und Freundschaft. Von inneren Unruhen, fehlender Zugehörigkeit, Trauer, Verlust und unbändiger Wut. Es ist die Entwicklungsreise zweier Teenager, die sich ihren Gefühlen hingeben, ohne wirklich zu wissen, wo die Reise hingeht.

„Ich kralle mich an mein Glas. Für einen wahnwitzigen Moment glaube ich, das Wasser darin beginnt zu kochen. Aber es sind nur Luftblasen, natürlich, sonst gibt es nichts zwischen uns. Nicht mal genug Platz zum Atmen.“

Zitat, Seite 91

Das Schöne an Schoders Protagonisten ist die Tatsache, dass sie perfekt unperfekt sind. Sie sind Teenager und stolpern deshalb auch völlig unbeholfen aufeinander zu. Zu Recht. Denn Vikis und Jays Erfahrung mit der Liebe ist jungfräulich und ihre Worte und Gesten von Unsicherheit bestimmt. Doch ihre Annäherung begegnet uns nicht kitschig, sondern auf bezaubernde Weise aufrichtig und überlegt. Die Schutzmauer, von der beide anfänglich umgeben sind, beginnt Stück für Stück  zu bröckeln und gewährt dem anderen Einblick in das Innere. Herzflattern reift zu wahren Gefühlen. Schoder hat genau den richtigen Ton für ihre Geschichte gewählt.

Die Welt braucht mehr von solchen Geschichten. Von Geschichten, die so nah am Leben spielen und zugleich berauschend schön sind. Die uns wohlige Gänsehaut über die Arme fegt und das Lesen zu einem wahrem Genuss macht. Dank Daniela von Brösels Bücherregal hat sich dieses Buch direkt in mein Herz geschlichen und sitzt dort für immer fest.

„Alles endet in einem Kuss. Einem unendlich langen Kuss, der nur aus der Berührung unserer Lippen besteht. Gefüllt mit einem Wunsch nach etwas, das ich nicht begreife. Für den Splitter eines Atemzuges, für ein Stechen meines Herzens nur, fühlt es sich an … wie Liebe.“

Zitat, Seite 99

„Traurigkeit ist wie Wein. Sie lässt sich in Fässer füllen und tief im Innern lagern, wo sie mit den Jahren zu Apathie und vermeintlicher Stärke gärt. Bis sie eines Tages kippt. Sich in Essig verwandelt, das Herz übersäuert, die Seele vergiftet. Und nur ein Ausweg bleibt: sich in Tränen zu übergeben.“

Zitat, Seite 341

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