Wenn der Nordkopp in mir erwacht

„Norddeutsche Sagen und Märchen“

Schünemann Verlag, erschienen am 01. Oktober 2015, Preis 24,90 € [D], hier geht’s zum Buch

Wenn ich so auf das Jahr 2020 blicke, sehe ich nicht nur auf die ganzen Herausforderungen, die das Jahr mit sich brachte, sondern auch, wie die Zeit vergeht! Acht Jahre ist es nämlich schon her, dass ich meiner für fünf Jahre auserkorenen Wahlheimat Hamburg Lebewohl gesagt habe um wieder in den Süden zu ziehen. Es war mein Wunsch wieder näher an der Familie und an den Bergen zu sein. Den schwappenden Elbwellen, dem verwehten Haar, den kreischenden Möwen und der Duftmischung aus ofenwarmen Franzbrötchen und vermoderten Brackwasser hänge ich aber manchmal noch heute nach. Genau wie den guten Gesprächen mit den Norddeutschen, dem Schnack, wie der Hamburger so schön sagt, den gepflegten Pläuschen über Gott und die Welt, die sich manchmal auch einzig und allein ums Wetter drehten oder um die kunstvolle Aneinanderreihung von Schimpfwörtern wie Schietbüdel,  Dösbaddel und Trantüte.

Freilich waren die Unterhaltungen mit Hamburger Deerns in meinen fünf Jahren in der Hansestadt eine Seltenheit. Bei der großen Quote an Zugezogenen blieb es ausschließlich bei wenigen Begegnungen mit wahren Nordköppen, aber sie haben sich nachhaltig in meinem Gedächtnis verankert, bringen mich noch heute zum Schmunzeln.

Deshalb schlägt mein Herz auch noch heute ein bisschen für den Norden. Für Hamburg, meine Perle und für die See, das Meer, dem Element Wasser im Allgemeinen. In meinem Bücherregal sind nicht nur einige Bücher mit norddeutschem Bezug, nordischen Schauplätzen oder Meerescovern zu finden, sondern auch einige persönliche Mitbringsel von dort. Die Destination Norddeutschland übt nach wie vor eine große Faszination auf mich aus, weshalb sich auch dieser wunderbare Sammelband dazugesellen musste.  

Wer kennt ihn nicht, den Rattenfänger zu Hameln?!

Oft sind die Sagen und Märchen, die in ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus bekannt sind, aus Norddeutschland. Dass den Norden vielerorts nachgesagt wird, dass sie zurückhaltend und schweigsam sind, habe ich noch nie verstanden und schaut man sich die Vielzahl der Geschichten an, die in Norddeutschland beheimatet sind, passt das auch irgendwie nicht ganz zusammen. Von irgendwem müssen sie ja schließlich erzählt, irgendwie überliefert worden sein. Einige von ihnen habe ich schon vor meiner Zeit in Hamburg gekannt, andere wiederum erst in der Hansestadt selbst kennengelernt. Es sind die Bremer Stadtmusikanten, Till Eulenspiegel und der Ratenfänger zu Hameln, dessen Geschichten mir schon als Kind vertraut waren. Klaus Störtebeker, den Klabautermann und Nis Puk habe ich erst später kennengelernt. Letzteren sogar erst durch diesen wunderbaren Sammelband aus dem Schünemann Verlag, der 40 dieser ungewöhnlichen und zugleich schönen Geschichten vereint. Dank ihm kann ich künftig von Zuhause aus nach Herzenslust durch den Norden streifen und eine Prise Nordwind erhaschen. 

Die Geschichte des Seeräubers Klaus Störtebeker lernte ich in Hamburg kennen

Obwohl man Norddeutschland in erster Linie mit der Seefahrt verbindet, lassen sich hier auch eine Reihe an Zwergen und Fabelwesen aufspüren. Nis Puik zum Beispiel. Er ist ein Hausgeist, der in finsteren, verborgenen Winkeln sein Zelt aufschlägt, sei es in dunklen Kellern, unter Treppen oder unter den Balken von Dächern. Man bekommt ihn aber eigentlich kaum zu Gesicht, weil er verschwindet, wenn man ihm zu nahekommt. Doch Frühaufsteher und Spätzünder mögen seine Gestalt schon kurz vernommen haben, wie er auf dem Hahnenbalken sitzt oder zwischen dem Vieh schleswigscher Höfe umherstreift. Er ist einer der elf Wesen, auf deren Geschichten man unter dem Titel „Von Zwergen & Fabelwesen“ stößt. Daneben gibt es noch weitere unter dem Titel „Von Schätzen, Räubern & Piraten“, „Von Geistern & Gespenstern“ und „Von Tieren & Menschen“.

Der fliegende Holländer ist unter „Von Geistern & Gespenstern“ zu finden

Die Illustrationen in diesem Sammelband kommen nicht nur ausgesprochen schön, sondern auch wunderbar fantastisch daher. Die Aquarellmalereien von Illustratorin Julia Beutling dürfen Leser*innen nicht nur auf dem Cover, sondern auch während dem Lesen genießen. Die zahlreichen Illustrationen untermalen die Geschichten von „Norddeutsche Sagen und Märchen“ ganz wunderbar, verleihen ihnen die nötige Mystik und Stimmung, fügen Text und Bild zu einem wunderbar harmonischen Gesamtbild zueinander, dass jede Lektüre zu einem wahrhaftigen Erlebnis macht.

Und so sei dieser hochwertige in Halbleinen gebundene Sammelband eben jenen Leser*innen ans Herz gelegt, die Norddeutschland genauso sehr lieben wie ich oder mit Vorliebe durch die vielen Märchen und Sagen stöbern, die uns der Norden zu bieten hat. Sicher macht sich das Buch auch gut im Regal von Sammlern besonderer Bücherperlen oder norddeutschen Familien, die ihren Kindern ein paar regionale Geschichten an die Hand geben möchten. Ich für meinen Teil freue ich mich auf jeden Fall schon sehr darauf, mit meiner Räubertochter eines Tages durch die norddeutschen Sagen und Märchen zu reisen. Bis dahin tauche ich einfach noch ganz alleine in die Geschichten ab!

Die berauschende Illustration zu „Der Knurrhahn“

Rosarotes Elefäntchen

„Elefant“ – Martin Suter

Autor: Martin Suter | Seiten: 352 | Hardcover Leinen 24.00 € | ISBN: 978-3-257-06970-9 | Erscheinungstermin: 18.01.2017 | Diogenes Verlag

dsc_0342-01.jpeg

Eigentlich verhält sich alles so wie immer. Zumindest denkt der Obdachlose Schoch das, als er aus seinem Drehrausch (so nennt er die Räusche, bei denen sich im Anschluss alles drehte) erwacht und einen rosaroten Minielefanten in seiner Höhle am Flussufer erblickt. Er schreibt die elefantöse Halluzination zunächst dem Alkohol zu, der am Vorabend wieder reichlich floss.

 Doch der kleine Elefant wirkt ziemlich echt und erfüllt Schochs Höhle in der Dunkelheit nicht nur mit einem magisch rosaroten Leuchten sondern hinterlässt auch reichlich Elefantendung im „Flussbett“, das er vom verstorbenen Vorbesitzer Sumi übernommen hat. Schoch fühlt sich verantwortlich für das kleine Wesen und schließlich lebt sich’s in Gesellschaft doch so viel besser. Er kann sich nicht sattsehen, an dem spielzeugartigen Geschöpf, das sich verhält wie ein waschechter Elefant aus dem Zoo.

„Es war ein winziger Elefant, höchstens vierzig Zentimeter lang und dreißig hoch. Er besaß die Proportionen eines Jungtieres und die Haut eines … eines Marzipanschweinchens! Nur ein wenig runzelig. Und mit rosa Härchen auf dem Rücken.“

Zitat, Seite 102

Doch kein Mensch erschafft ein rosa leuchtendes Geschöpf ohne gewisse Absichten und so ahnt Schoch bereits, dass jemand nach der Miniaturausgabe des Elefanten suchen wird. In der „Gassenklinik“, einer Tierarztpraxis für obdachlose Tierbesitzer, sucht er sich Hilfe bei Veterinärin Valerie. Sie hegen und pflegen den kleinen rosa Elefanten heimlich und taufen ihn auf den Namen Sabu.

Indess hat Dr. Roux, Genforscher und rechtmäßiger Besitzer von Sabu, längst die Fährte nach seinem rosaroten Versuchsobjekt aufgenommen, das ihm zum großen Durchbruch in der Gentechnik verhelfen soll. Denn dass der Oozie Kaung, besser bekannt als Elefantenflüsterer des Zirkus Pellegrini, Dr. Roux die Geburt von Barisha (alias Sabu) unterschlagen hat, findet der erst sehr viel später raus. Denn Kaung sieht in Barisha ein heiliges Wesen und wittert bereits vor der Geburt ihre Besonderheit. Er schützt den Elefanten fortan mit seinem Leben.

„Barisha war bezaubert. Sie besaß den Charme, die Neugier, die Tapsigkeit und die Anhänglichkeit aller Elefantenbabys. Nur dass sie viel, viel kleiner war. Und rosa. Und im Dunkeln leuchtete wie ein außerirdisches Wesen.“

Zitat, Seite 175

Doch Sabu Barisha leidet an mikrozephalem osteodysplastischem primordialem Zwergwuchs, das bei Menschen zumeist mit Hirnblutungen und Gefäßverengungen verbunden ist, sprich, mit einer nicht allzu langen Lebensdauer. Und so beginnt für den Elefanten ein Wettlauf gegen die Zeit.

img_20170113_173114.jpg

„Sieben Tage oder ein paar Millionen Jahre – Zeit ist relativ. Alles eine Frage der Perspektive. Wie lange kommt der Eintagsfliege ihr Leben vor?“

Zitat, Seite 275

Ich bin kein Suter-Experte. Dennoch habe ich bereits vor dem Lesen vermutet, dass der neue Roman des bekannten Schweizers Autors („Ein perfekter Freund“, „Lila, lila“, „Montecristo“), der mich bereits mit seinem Roman „Der Koch“ gut unterhielt, sich wieder gewohnt subtiler Natur präsentieren wird. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Suter mixt einen hochprozentigen Cocktail aus Sci Fi, Thriller und Märchen, würzt ihn mit gesellschaftskritischen, ethischen und existenziellen Fragen und serviert ihn im rosa fluoreszierenden Look.

Die Geschichte präsentiert sich dabei in gewohnter Manier: facettenreich. Suter stochert wieder in allerhand Dingen herum, streut Salz in offene Wunden und trifft ihn dabei genau: den Nerv der Zeit. Seine vorangegangenen Recherchen auf der Straße, in der Gentechnik und Zoologie münden in einer authentischen Geschichte mit einer Prise Magie. Und so findet sich der Leser nicht nur an einem Handlungsort, sondern an zahlreichen wieder. Die Reise, die in Schochs Unterschlupf am Flussufer beginnt, geht über die Hotspots der Randständigen, das Zirkusgelände des Zirkus Pellegrini, dem Genlabor von Dr. Roux, den tierärztlichen Sippvisiten zweier Veterinäre bis hin zu einer Prachtvilla aus vergangenen Zeiten.

Suters Recherchen scheinen sich dabei ausbezahlt zu haben. Sowohl die Momentaufnahmen aus Schochs Leben als auch aus dem Zirkus Pellegrini wirken nachvollziehbar. Der elefantöse Held der Geschichte, Sabu Barisha, trampelt dabei ganz naturgetreu zwischen den Seiten herum und bäumt sich an der ein oder anderen Stelle auf, um zu beweisen, dass er nicht ausschließlich ein kleines süßes Minielefäntchen, sondern ein Lebewesen ist, dem man Respekt zu zollen hat.

Suter setzt sich außerdem sehr stark mit der Gentechnik auseinander. Er wirft sowohl ethische als auch gesellschaftskritische Fragen in die Runde und setzt ganz klar Grenzen im Hinblick auf die Veränderung der DNA, die ein manipulierender Eingriff in das Leben und die Menschlichkeit darstellt. Leider wird sie nicht nur aus rein präventiven Aspekten im Umgang mit Krankheiten, sondern auch aus materiellen Aspekten vorgenommen. Es entsetzt mich dabei immer wieder, was Sensationsgier aus Menschen macht. Suter scheint uns damit die Ehrfurcht vor der Natur lehren zu wollen.

Durch unterschiedliche Zeitabschnitte, die mithilfe von Datumsangaben der jeweiligen Zeit zuzuordnen sind, verleiht Suter seiner Geschichte eine gleichbleibende Spannung und schafft ein temporeiches Unterfangen. Leider schenkt mir Suter im Mittelteil des Romans dem Obdachlosen Schoch ein klein bisschen zu wenig Aufmerksamkeit und konzentriert sich zu stark auf den Rest, gegen Ende des Romans gelangt er diese aber wieder zurück.

Suter ist ein spannender Roman gelungen, der durch Facettenreichtum, Authentizität und Magie punktet. Ein wahrlich elefantöses Lesevergnügen! Törööö!

„Jemand wollte ein Luxusspielzeug designen, und es ist ein empfindsames Wesen dabei herausgekommen.“

Zitat, Seite 271

<3 <3 <3 <3

Lesetipp:

Martin Suter stand im Interview mit migrosmagazin.ch: Ein interessantes Gespräch über Identität, freundliche Randständige und seine strengste Kritikerin.

Abgebrochen: die Pfaueninsel

lesenslust über „Die Pfaueninsel“ von Thomas Hettche

image

„Hier […] vermischen Vergangenheit und Zukunft sich auf besondere Weise, denn zwar verbindet die Havel die Auen des Spreewaldes mit denen der Elbe, gerade hier aber scheint ihr Wasser stillzustehen in einer Kette dunkler Seen und sich unter den schattig verhangenen Blätterdächern von Traubeneichen, Flatterulmen und Rotbuchen zu verlieren, in Auenwäldern, feuchten Erlenbrüchen, unter Grauweiden.“
Zitat, Seite 7/8
Hettches erzählerische Essays scheinen vielen Lesern vertraut. Sein Stil wird als außergewöhnlich bezeichnet und die Diskussionen darum scheinen den Autor, der um die Anerkennung als wahrer Erzähler kämpft, zu verärgern. In seinem neuesten Werk „Die Pfaueninsel“, das es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2014 geschafft hat und mit dem Wilhelm Raabe – Literaturpreis 2014 ausgezeichnet wurde, präsentiert er eine wilde Mischung aus modernem Märchen, historischer Kulturgeschichte und tragischer Liebesgeschichte.
„Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in seiner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt.“
Zitat, Seite 8
Nun, was die Rolle des Erzählers angeht, meistert Hettche sie ohne Frage. Doch für jeglichen Rest in dieser Geschichte kann ich mir nur bedingt Begeisterung abringen. Ich habe die „Mission Pfaueninsel“ daher nach 100 Seiten, und damit nur einem Drittel des Buches, höchst verstört abgebrochen. Eine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist, weil mir die vielen begeisterten Leserstimmen noch im Gedächtnis geblieben waren. Und dennoch, scheinbar genau die richtige.

Ich werde daher meine innerhalb dieser 100 Seiten entstandenen Eindrücke zum Ausdruck bringen, um sie jenen Lesern unter euch, die ihren Lesegeschmack dem meinen zuordnen würden, als Orientierung zu schenken um sie vor einem etwaigen Fehlgriff zu bewahren.

Die Geschichte spielt sich auf ebenjener Pfaueninsel in der Havel, im Südwesten Berlins ab, deren riesiger und unter Naturschutzgebiet stehender Landschaftspark als UNESCO Weltkulturerbe gilt und sowohl dem Buch als Titel als auch den Figuren des Romans als verwunschener Schauplatz dient. Hettches Roman bedient sich lebendigen Beschreibungen über exotische Pflanzen, wilde Tiere und außergewöhnlichen Lebensräumen. Er streut sie gut überlegt in seinen Roman, doch scheint sich schwerpunktmäßig auf die Figuren der Erzählung, allen voran der Zwergin Marie, zu konzentrieren. Es ist ihre Geschichte.

Marie, die als sechsjähriges Waisenkind, zusammen mit ihrem Zwergenbruder Christian, auf die Insel gelangt, dient Hettche als zentrale Leitfigur. Die Geschichte ist daher größtenteils aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins erzählt, deren persönliche Entwicklung mit der Entwicklung der Insel fest verwoben ist. Die Erzählung beginnt wie ein modernes Märchen. Sie berichtet von der schockierenden Begegnung des Zwergen Christian mit Königin Luise, die sich beim Anblick des verschrumbelten Zwergenmännleins zu dem Ausruf „Monster“ hinreißen lässt und kaum acht Wochen nach der Begegnung stirbt. Scheinbare Folgen eines Schocks.

„Es rufen Orte in uns ganz dieselben Gefühle hervor wie Menschen, man vertraut einer Landschaft wie einem Freund, ein Gesicht, das man zum ersten Mal sieht, behagt einem, oder eben nicht. An bestimmten Orten empfinden wir Mißtrauen und Furcht als schwer erträgliche körperliche Nähe, ohne daß diese Nähe Augen hätte und ein Gesicht.“
Zitat, Seite 11/12

Doch für die Zwergengeschwister bleibt diese königliche Begegnung nicht ohne Folgen. Denn die hässlich mönströse Bezeichnung der Königin soll die Zwergengeschwister fortan durchs Leben begleiten und hinterlässt tiefe Spuren. Sie leben ein Leben als Kuriosität und orientieren sich daher lieber aneinander. Diese innige Geschwisterliebe nimmt im Verlaufe der Geschichte seltsam inzestuöse Züge an, obwohl Marie sich vielmehr zu Gustav, dem Sohn ihres Ziehonkels, hingezogen zu fühlen scheint. Damit beginnt ein verzwicktes Dreiecksverhältnis, das sowohl von Eifersucht als auch Tragik geprägt ist.

Während die Geschichte mit sehr faszinierenden und phantasievollen Zeilen beginnt, bedient sich Hettche bereits nach kurzer Zeit einer für mich sehr komplexen, fast schon hochtrabenden und merkwürdig altertümlichen Sprache. Ein Zug, der es mir unmöglich macht, seinen Gedanken zu folgen und am Vorhaben, den Roman bis zum Ende zu lesen, festzuhalten. Mein Abbruch ist größtenteils sicherlich den ausschmückenden Beschreibungen der inzestuösen Beziehung der Zwergengeschwister zuzuordnen, denn sie sorgten dafür, dass ich angewidert die Nase rümpfte, weil die geschmacklosen Zeilen zu Kopfkino führten, das mir ganzheitlich widerstrebt. Man mag mich als prüde oder empfindlich einstufen, aber sowas will ich nicht lesen, wenn ich nicht muss! Und ich muss nicht!

„Maries Körper begann wieder zu summen, und sie spürte, daß sie ein Ding war, das er ansah. Ganz so, wie wenn der König sie betrachtete. War ein Ding wie alle anderen in seiner Welt und meinte tatsächlich zu spüren, wie sie ihm, wie alle Dinge, eine Seite zeigte, die sie selbst nicht kannte. Die nur er sah.

Christian hockte sich auf ihre Brust, seine Schenkel an ihre Seiten gepreßt, als ritte er ein kleines Tier. Es gab keinen Grund, die Augen zu öffnen, wohl aber die Lippen, zwischen die jetzt die feuchte Spitze seines Gliedes drängte.“

Zitat, Seite 46

Ich würde mir nie erlauben, Hettches Werk als schlecht einzuordnen, muss allerdings feststellen, dass der Autor es mir unmöglich macht, einen Zugang zu seiner Geschichte zu bekommen. Alles im Ganzen scheint es die Kombination aus beidem, dem hochtrabenden Stil und der ausufernden Bindung dieser verschrumbelten Wesen, die dieses Buch für mich zu einem der seltenen Abbruchkandidaten in meinem Bücherregal macht. Wenn auch zu einem Abbruchkandidaten mit wundervoll stimmiger und liebevoller Aufmachung.

Wo Fische zwitschern..

lesenslust über „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché

Der Ort, wo die Fische zwitschern können, ist ein Ort, an dem Alles möglich ist. Hier lässt du deinen Gedanken freien Lauf; entdeckst Türen, die dir unbekannte Wege eröffnen und entdeckst eine Liaison von Vergangenheit und Gegenwart.

Es ist der Ort, wo deiner Fantasie keine Grenzen gesetzt werden und Wirklichkeit und Fiktion ineinander verschmelzen. Es ist ein Treffpunkt von Büchern. Ein Aufeinanderprallen von Welten, Menschen und Ereignissen. Es ist der Ort, wo scheinbar Unmögliches möglich und scheinbar Offensichtliches unwirkliche Züge annehmen wird.

Und so beginnen Yannis fantastischste und eindrucksvollste Erlebnisse an einem scheinbar unspektakulärem Ort.
„Ausgerechnet im Buchladen fing er Feuer.“

Zitat, Seite 9
„Mit einem leisen Knarren öffnete sich die alte Holztür. Und vielleicht auch ein neues Leben, denn wenn man durch eine Tür tritt, weiß man nie, welche Veränderungen einen dahinter erwarten.

Es sind schon Kinder durch Türen gegangen und als Erwachsene zurückgekehrt. Hinter Türen können Narren zu Weisen werden, Ziellose zu Menschen mit einer Bestimmung und Ungläubige zu Gläubigen. Aber auch Gesunde zu gebrochenen Seelen, Unschuldige zu Schuldigen und Vernünftige zu Wahnsinnigen.

Hinter jeder Tür wartet eine Möglichkeit. Leider weiß man vorher nicht immer, welche.“

Zitat, Seite 17
Yannis ist ein leidenschaftlicher Buchliebhaber. Bei einem Spaziergang durch die Athener Altstadt stößt er auf einen unscheinbaren Buchladen in einer ruhigen Seitenstraße. Durch das Betreten des Buchladens und dem Zusammentreffen mit Lio, der geheimnisvollen Buchhändlerin mit den großen dunklen Augen, ist Yannis Alltag plötzlich von Poesie und Fantasie erfüllt.

Er hält es für Liebe. Doch das, was Yannis entdecken wird, ist viel mehr als das. Es überschreitet das Greifbare und gewährt ihm einen Blick hinter die Fassade. Yannis entdeckt neue Blickwinkel des Lebens und wird von einer ungeahnten Passion erfüllt. Es gilt Rätsel zu lösen und Dinge zu hinterfragen, sich von Gefühlen leiten zu lassen und eine Mission zu bestreiten. Wie wird Yannis sie meistern?

Andreas Séché hat bereits Anfang 2011 zahlreiche Leser mit seinem Erstlingswerk „Namiko und das Flüstern“ begeistert. Während mir sein erster Roman bisher noch unerschlossen geblieben ist, durfte ich mich von der Besonderheit seines zweiten Werkes in einer vom Autor begleiteten Lesrunde persönlich überzeugen.

Das Buch ist ein wahrer Schatz. Es ist eine Einladung zu einer ganz besonderen Reise. Eine fantastische Reise, bei der wir Yannis, den Protagonisten der Geschichte begleiten dürfen. Eine Reise, die dir neue Denkanstöße schenken und dich um neue Blickwinkel bereichern kann – wenn du es tatsächlich zulässt.

„Bücher waren wie Termitenhaufen, warm, summend, pulsierend.

Hinter der Fassade, da, wo mancher niemals etwas vermuten würde, wüteten im Verborgenen ganze Universen. Nur wer sehr aufmerksam war, konnte sehen, dass Bücher manchmal vibrierten, dass ein Buchdeckel sich kaum merklich anhob, dass oft Gemurmel und Gewisper aus papiernen Seiten drang und zuweilen auch einer kurzer Schrei, der meist im Getöse der Realität verloren ging.

Bücher glühten, bebten, hypnotisierten, lockten, lagen auf der Lauer, waren sprungbereit, und oft wirkten sie wie gespannte Mausefallen, die man nur mit größtem Respekt in die Hand nahm, weil sie jeden Moment zuschnappen konnten.“

Zitat, Seite 39
„Lesen öffnet Horizonte. (…) Lesen verdeutlicht die Dinge und natürlich auch die eigenen Emotionen. Wenn man Buchseiten aufblättert, blättert man auch Facetten des Lebens auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Denn Lesen ist wie eine Lupe, die einem hilft, genauer hinzusehen.“

Zitat, Seite 47
Das Buch ist zudem eine wahre Fundgrube bemerkenswerter Persönlichkeiten und deren Werke aus vergangenen Literaturepochen. Séché nennt vertraute wie unbekannte Werke und macht „Zwitschernde Fische“ zu einem prallgefüllten Notizbuch persönlicher Buchempfehlungen. Eine wahre Bereicherung für jeden Buchliebhaber!

Und damit die Geschichte von jedem Einzelnen auf seine Weise entdeckt und erobert werden kann möchte ich nicht mehr und auch nicht weniger über „Zwitschernde Fische“ erzählen. Seid euch sicher, dass jedes einzelne der 5 von 5 möglichen Kaninchen, die ich Séché für seinen bezaubernden Roman umherhoppeln lasse, die Geschichte wert ist. Eins meiner Lesehighlights 2012!