Abgebrochen: die Pfaueninsel

lesenslust über „Die Pfaueninsel“ von Thomas Hettche

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„Hier […] vermischen Vergangenheit und Zukunft sich auf besondere Weise, denn zwar verbindet die Havel die Auen des Spreewaldes mit denen der Elbe, gerade hier aber scheint ihr Wasser stillzustehen in einer Kette dunkler Seen und sich unter den schattig verhangenen Blätterdächern von Traubeneichen, Flatterulmen und Rotbuchen zu verlieren, in Auenwäldern, feuchten Erlenbrüchen, unter Grauweiden.“
Zitat, Seite 7/8
Hettches erzählerische Essays scheinen vielen Lesern vertraut. Sein Stil wird als außergewöhnlich bezeichnet und die Diskussionen darum scheinen den Autor, der um die Anerkennung als wahrer Erzähler kämpft, zu verärgern. In seinem neuesten Werk „Die Pfaueninsel“, das es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2014 geschafft hat und mit dem Wilhelm Raabe – Literaturpreis 2014 ausgezeichnet wurde, präsentiert er eine wilde Mischung aus modernem Märchen, historischer Kulturgeschichte und tragischer Liebesgeschichte.
„Nichts auf der Pfaueninsel steht sicher in seiner Zeit. Jede Geschichte beginnt lange, bevor sie anfängt.“
Zitat, Seite 8
Nun, was die Rolle des Erzählers angeht, meistert Hettche sie ohne Frage. Doch für jeglichen Rest in dieser Geschichte kann ich mir nur bedingt Begeisterung abringen. Ich habe die „Mission Pfaueninsel“ daher nach 100 Seiten, und damit nur einem Drittel des Buches, höchst verstört abgebrochen. Eine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist, weil mir die vielen begeisterten Leserstimmen noch im Gedächtnis geblieben waren. Und dennoch, scheinbar genau die richtige.

Ich werde daher meine innerhalb dieser 100 Seiten entstandenen Eindrücke zum Ausdruck bringen, um sie jenen Lesern unter euch, die ihren Lesegeschmack dem meinen zuordnen würden, als Orientierung zu schenken um sie vor einem etwaigen Fehlgriff zu bewahren.

Die Geschichte spielt sich auf ebenjener Pfaueninsel in der Havel, im Südwesten Berlins ab, deren riesiger und unter Naturschutzgebiet stehender Landschaftspark als UNESCO Weltkulturerbe gilt und sowohl dem Buch als Titel als auch den Figuren des Romans als verwunschener Schauplatz dient. Hettches Roman bedient sich lebendigen Beschreibungen über exotische Pflanzen, wilde Tiere und außergewöhnlichen Lebensräumen. Er streut sie gut überlegt in seinen Roman, doch scheint sich schwerpunktmäßig auf die Figuren der Erzählung, allen voran der Zwergin Marie, zu konzentrieren. Es ist ihre Geschichte.

Marie, die als sechsjähriges Waisenkind, zusammen mit ihrem Zwergenbruder Christian, auf die Insel gelangt, dient Hettche als zentrale Leitfigur. Die Geschichte ist daher größtenteils aus der Perspektive des kleinwüchsigen Schlossfräuleins erzählt, deren persönliche Entwicklung mit der Entwicklung der Insel fest verwoben ist. Die Erzählung beginnt wie ein modernes Märchen. Sie berichtet von der schockierenden Begegnung des Zwergen Christian mit Königin Luise, die sich beim Anblick des verschrumbelten Zwergenmännleins zu dem Ausruf „Monster“ hinreißen lässt und kaum acht Wochen nach der Begegnung stirbt. Scheinbare Folgen eines Schocks.

„Es rufen Orte in uns ganz dieselben Gefühle hervor wie Menschen, man vertraut einer Landschaft wie einem Freund, ein Gesicht, das man zum ersten Mal sieht, behagt einem, oder eben nicht. An bestimmten Orten empfinden wir Mißtrauen und Furcht als schwer erträgliche körperliche Nähe, ohne daß diese Nähe Augen hätte und ein Gesicht.“
Zitat, Seite 11/12

Doch für die Zwergengeschwister bleibt diese königliche Begegnung nicht ohne Folgen. Denn die hässlich mönströse Bezeichnung der Königin soll die Zwergengeschwister fortan durchs Leben begleiten und hinterlässt tiefe Spuren. Sie leben ein Leben als Kuriosität und orientieren sich daher lieber aneinander. Diese innige Geschwisterliebe nimmt im Verlaufe der Geschichte seltsam inzestuöse Züge an, obwohl Marie sich vielmehr zu Gustav, dem Sohn ihres Ziehonkels, hingezogen zu fühlen scheint. Damit beginnt ein verzwicktes Dreiecksverhältnis, das sowohl von Eifersucht als auch Tragik geprägt ist.

Während die Geschichte mit sehr faszinierenden und phantasievollen Zeilen beginnt, bedient sich Hettche bereits nach kurzer Zeit einer für mich sehr komplexen, fast schon hochtrabenden und merkwürdig altertümlichen Sprache. Ein Zug, der es mir unmöglich macht, seinen Gedanken zu folgen und am Vorhaben, den Roman bis zum Ende zu lesen, festzuhalten. Mein Abbruch ist größtenteils sicherlich den ausschmückenden Beschreibungen der inzestuösen Beziehung der Zwergengeschwister zuzuordnen, denn sie sorgten dafür, dass ich angewidert die Nase rümpfte, weil die geschmacklosen Zeilen zu Kopfkino führten, das mir ganzheitlich widerstrebt. Man mag mich als prüde oder empfindlich einstufen, aber sowas will ich nicht lesen, wenn ich nicht muss! Und ich muss nicht!

„Maries Körper begann wieder zu summen, und sie spürte, daß sie ein Ding war, das er ansah. Ganz so, wie wenn der König sie betrachtete. War ein Ding wie alle anderen in seiner Welt und meinte tatsächlich zu spüren, wie sie ihm, wie alle Dinge, eine Seite zeigte, die sie selbst nicht kannte. Die nur er sah.

Christian hockte sich auf ihre Brust, seine Schenkel an ihre Seiten gepreßt, als ritte er ein kleines Tier. Es gab keinen Grund, die Augen zu öffnen, wohl aber die Lippen, zwischen die jetzt die feuchte Spitze seines Gliedes drängte.“

Zitat, Seite 46

Ich würde mir nie erlauben, Hettches Werk als schlecht einzuordnen, muss allerdings feststellen, dass der Autor es mir unmöglich macht, einen Zugang zu seiner Geschichte zu bekommen. Alles im Ganzen scheint es die Kombination aus beidem, dem hochtrabenden Stil und der ausufernden Bindung dieser verschrumbelten Wesen, die dieses Buch für mich zu einem der seltenen Abbruchkandidaten in meinem Bücherregal macht. Wenn auch zu einem Abbruchkandidaten mit wundervoll stimmiger und liebevoller Aufmachung.