Wings to fly..

lesenslust über „Lieblingsmomente“ von Adriana Popescu

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Layla begegnet Tristan auf einer Party. Auf der Suche nach schönen Momentaufnahmen gerät der hübsche Mann ihr direkt vor die Linse. Während die beatgetränkte Menge sich ekstasisch der Musik hingibt, scheint er für einen klitzekleinen Moment verloren, fast schon regungslos und von der Menge eingebettet. Doch als Layla abdrückt umspielt eine Woge der Zufriedenheit seine Lippen und der Moment wird zu einem ihrer Lieblingsmomente.

Ein seltenes Motiv mischt sich unter Laylas Ausbeute, die als Partyfotografin ihr Geld verdient. Ein Moment der ihr im Gedächtnis und nicht ohne Folgen bleibt. Nichtsahnend gibt sich Layla ihren Gefühlen hin und lässt sich von Tristan sein Stuttgart zeigen. Eine Reihe besonderer Momente voller Zuneigung und dennoch freundschaftlicher Natur. Denn beide sind in festen Händen und eigentlich glücklich. Eigentlich.

Doch gegen die flirrenden Käfer im Kopf und die flatternden Schmetterlingen in der Magengegend, die Layla in Tristans Nähe verspürt, kommt sie nicht an. Sie sind einfach da. Und plötzlich stellt sich die Frage, ob mehr daraus werden könnte als nur eine Serie schöner Momente. Und lohnt es sich dafür alles aufs Spiel zu setzen?

„Ich beobachte ihn und frage mich, wo er all die Jahre war, als ich genau das hören wollte. Er war in meiner Stadt, aber er hat nie meinen Weg gekreuzt, und jetzt ist er plötzlich hier, und ich möchte ihn für das eben Gesagte am liebsten ohrfeigen. Nein, lieber fest umarmen. Dafür, was er gesagt hat. Aber so weit sind wir nicht. So weit werden wir vermutlich niemals sein. Deshalb schenke ich ihm wenigstens ein kurzes Lächeln, vielleicht kann er die Dankbarkeit darin lesen. Er lächelt zurück. Zum Glück.“

Zitat, Seite 87

Adriana Popescu hat mir mit „Lieblingsmomente“ ein paar besonders schöne Augenblicke geschenkt und meinen Stapel mit den persönlichen Lieblingsbüchern um ein weiteres ergänzt. In ihrem Roman erzählt sie keine kitschige Liebesstory a la Rosamunde Pilcher sondern vielmehr eine gefühlvolle und intensive Geschichte mitten aus dem Leben. Es geht um die Begegnung zweier Menschen, die sich auf Anhieb verbunden fühlen obwohl sie in festen Händen sind. Popescu greift damit ein heikles Thema auf, das in unserer heutigen Zeit viel häufiger an der Tagesordnung ist als man es sich wohl eingesteht. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, sehnen uns nach Geborgenheit und finanzieller Absicherung. Die wahren Gefühle und Träume bleiben dabei oft auf der Strecke. Doch macht uns Stabilität und Absicherung alleine auf Dauer auch glücklich?

„Es spielt keine Rolle, ob es jemand hören kann – aber der Stein, der mir vom Herzen fällt, muss das ganze Lokal erschüttern. Ich hole so tief und erleichtert Luft, dass dem jungen Mann am Nebentisch fast seine Bestfriend-Roll aus dem Essstäbchen rutscht.“

Zitat, Seite 247

Popescus Protagonisten waren mir auf Anhieb sympathisch. Beide sind sehr natürlich und authentisch gezeichnet. Es fiel mir nicht schwer, mich in Laylas Situation hineinzuversetzen und ihre Gedanken zu meinen werden zu lassen.

Layla fotografiert leidenschaftlich gerne. Ihre großen Träume vom Fotografieren sind längst einer eigenen Firma gewichen, die ihr den finanziell nötigen Rückhalt schenkt, den sie zum Leben braucht. Das Knipsen von Partyfotos ist zwar nicht ihre Erfüllung, lässt sie aber fällige Rechnungen zahlen und sicher im Leben stehen. Ihr durchstrukturierter und beruflich sehr erfolgreicher Freund hat für Laylas wahre Leidenschaft fürs Fotografieren kein Verständnis. Doch mit den Jahren hat sie die Stabilität, Sicherheit und Geborgenheit, die er ihr schenkt, lieben und schätzen gelernt.

Tristans Naturell hingegen ist ganz anders. Er ist ein Lebenskünstler, der sich mit verschiedenen Jobs über Wasser hält und einen ganz anderen Bezug zum Leben zu haben scheint hat als Laylas Freund. Er ist unvernünftig, rebellisch, lebensfroh, er bringt sie zum Lachen und entführt sie an Stuttgarts schönste Stellen. Er schenkt ihr Aufmerksamkeit. Und plötzlich melden sich Laylas Träume und Sehnsüchte wieder zu Wort, die sie längst in eine Schublade verbannt hat. Mit jeder Begegnung mit Tristan wird ihr bewusster, dass ihr das Leben, das sie lebt, nicht wirklich reicht.

„Ich lasse mich also doch und mit überraschend wenig Gegenwehr in ein Leben hineinziehen, von dem ich gerne ein Teil wäre, in dem es für mich aber keinen Platz gibt. Man muss kein Genie sein, um vorauszusehen, dass diese Geschichte mit einem gebrochenen Herzen endet, und wenn ich einen Tipp abgeben muss: Es wird wohl meines sein.“ 

Zitat, Seite 283

Popescus Zeilen wohnt ein ganz besonderer Zauber inne. Er lässt dich nicht nur an Laylas Gedanken teilhaben, sondern dich auch mit ihr freuen, lachen und weinen. Aufgeregt blätterst du Seite um Seite um, fieberst Begegnungen und Momenten entgegen und lässt dich panisch auf die immer weniger verbleibenden Seiten blicken. Eine Geschichte, die gelesen werden muss. Laylas und Tristans Lieblingsmomente sollten auch zu unseren werden! Ganz großes Gefühlskino – ich liebe dieses Buch!

3 Kommentare zu „Wings to fly..

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