Seelenqualen..

lesenslust über „Herzenstimmen“ von Jan-Philipp Sendker

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„Nicht alles, was wahr ist, kann man erklären und nicht alles was man erklären kann, ist wahr.“

Zitat, Seite 342

Vor zehn Jahren reiste Julia Win nach Burma, um den Fußspuren ihres Vaters zu folgen, der die Familie damals verlassen und eine verstörte Tochter zurückgelassen hatte. Auf ihrer Suche nach ihm stieß sie nicht nur auf die wohl schönste Liebesgeschichte aller Zeiten, sondern auch auf ihren Halbbruder U Ba. Wie die Reise sie damals veränderte, ist heute nur noch zu erahnen. Denn mit den Jahren ist der birmanischen Glückseligkeit und Ruhe längst das westliche Leben und eine Karriere gewichen.

Bis sie eines Tages ein rätselhafter Brief ihres Bruder erreicht, mit dem nicht nur das Gefühl von damals zurückkehrt, sondern auch eine fremde innere Stimme auftaucht, die mit ihr zu sprechen beginnt. Auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Wahnsinn beschließt si,e erneut nach Burma zu reisen, um dem Ursprung und Geheimnis der Stimme auf den Grund zu gehen. Auf der gemeinsamen Reise mit ihrem Bruder U Ba gilt es, nicht nur zwei Seelen miteinander zu versöhnen, sondern auch ihr eigenes Glück wiederzufinden.

„Es war eine anonyme austauschbare Welt. Wohltemperiert, steril, geruchlos, unsinnlich. Eine Welt, in der ich mich problemlos zu bewegen wusste. In der ich mich bisher weder wohl noch unwohl gefühlt hatte. In der ich, wenn ich ehrlich war, gar nichts fühlte. In der ich funktionierte. Verhandlungen führte. Aufgaben erledigte.

Dieser Raum war eine Erinnerung an sie, und ich fühlte mich mit einem Mal auf eine unheimliche Weise fremd darin. Fehl am Platz. Als wäre ich nach langer Zeit einmal wieder zu Besuch bei ehemals guten Freunden, um festzustellen, dass mich mit ihnen nichts mehr verband.“

Zitat, Seite 261

Jan-Philipp Sendkers Roman „Das Herzenhören“ gehört für mich zu einem der schönsten, gefühlvollsten und intensivsten Romane, die ich bisher gelesen habe. Eine Geschichte, die Sendker trotz aller Tragik in so ruhigen und sanften Klängen erzählt, dass sie dich umschmeichelt wie eine trostspendende Melodie.

Im Vorgängerroman reist Julia Win nach Burma, um den Fußspuren ihres Vaters zu folgen, der sie in jungen Jahren verlassen hat. Auf ihrer Reise erfährt sie damals die Beweggründe des Vaters und dessen Gabe, die Menschen am Klang ihres Herzens zu erkennen. Von einer Liebe, die so rein und ehrlich war, dass sie alles Leid zu überdauern vermochte und ihrem Halbbruder U Ba, von dessen Existenz sie bis dato nicht wusste. Sendker erzählt darin eine Geschichte, die ohne Klischees und Kitsch auskommt und voller Magie ist.

Als ich von der Fortsetzung zu „Das Herzenhören“ erfuhr, habe ich lange mit mir gehadert, ob ich die Geschichte lesen möchte. Zu groß war die Befürchtung, dass es dem Autor nicht gelingt, die Sanftheit des ersten Romans zu wahren und an ihn anzuknüpfen. Trotz aller Angst entschied ich mich dennoch dafür. Und ich bereute es nicht.

Zugegeben, was ich las, war nicht das, was ich erwartete. Es war anders, weitreichender und vor allem brutaler. Und dennoch, es verzauberte mich. Auf neue Weise. Denn die Geschichte ist eine andere und hat mit „Das Herzenhören“ nur noch wenig zu tun. Julia reist in „Herzenstimmen“ zwar erneut nach Burma, doch die Lebensgeschichte, der sie nachgeht, ist eine völlig andere. Eine innere Stimme beginnt zu ihr zu sprechen, bedrängt sie, erschreckt sie. Eine Stimme, die sie sich nicht erklären kann und die sie dem Abgrund des Wahnsinns erschreckend nahe bringt.

„Vor mir tat sich ein dunkler Abgrund auf, der mit jeder Sekunde wuchs. Ich wollte mich verstecken, mich irgendwo verkriechen. Was war nur in mich gefahren? Ich hörte eine Stimme, laut und unmissverständich. Eine Stimme, über die ich keine Kontrolle besaß. Eine Fremde. In mir. Ich fühlte mich immer kleiner werden. Kleiner und bedürftiger. Kein Wort würde ich von mir geben können, solange nicht Ruhe in meinem Kopf einkehrte.“

Zitat, Seite 15

Zurück in Burma wird Julia wiederholt mit den erschreckend armen Verhältnissen der birmanischen Landesbewohner konfrontiert. Das Leben, das ihr Bruder U Ba führt, erscheint ihr so trostlos und ohne jeglichen Komfort. Doch die Wertschätzung der kleinen Dinge scheint die Menschen im Land am Leben zu halten und ihnen Trost zu spenden.

Sendker verzauberte mich in „Herzenstimmen“ erneut mit sanften, aber weitaus dramatischeren Klängen. Er konfrontierte mich mit der Brutalität und Ungerechtigkeit, die das Leben leider manchmal mit sich bringt und erzählte mir auf sehr authentische Weise die schicksalsgetränkte Geschichte einer jungen birmenischen Frau namens Nu Nu. Neben Julias Perspektive lernt man die Vergangenheit aus den Augen Nu Nu´s kennen und muss lernen zwischen den Handlungssträngen verschiedener Zeiten zu wechseln. Ein bezauberndes und um einiges reiferes Werk des Autors, das mich erneut in seinen Bann ziehen konnte.

„Liebe kennt keine Gerechtigkeit. Sie gehorcht ihren eigenen Gesetzen.“

Zitat, Seite 159

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