Inselreichtum

„Die Rettung“ – Charlotte McConaghy

S. Fischer Verlage, erschienen am 28. Mai 2025, Preis 24 € [D], Gebundenes Buch, 368 Seiten, ISBN: 978-3103976830, hier geht’s zum Buch

Schon im Sommer bin ich in Charlotte McConaghys atemberaubenden Roman „Die Rettung“ ein- und vollgesogen mit Eindrücken wieder hervorgetaucht.

Es war eine wilde und unberechenbare Einöde mitten im Südpolarmeer, in die mich McConaghy geworfen hat: Eine kleine abgelegene Insel namens Shearwater, auf der ich mich von einer faszinierenden und zugleich gespenstischen Landschaft umgeben sah. Denn obwohl diese Insel kaum reicher an Flora und Fauna sein konnte, wohnte ihr auch ein gewisses Unheil inne. Denn Shearwater ist dem Untergang geweiht und mit ihr aller Reichtum, der auf und unter ihr verborgen liegt.

Hier wohnt Dominic Salt mit seiner Tochter Fen und seinen beiden Söhnen Raff und Orly in einem zugigen Leuchtturm. Außer den Sturmvögeln, Robben und Pinguinen verirrt sich kaum einer hierher. Nur alle paar Wochen legt ein Schiff an, um die Reserven aufzustocken, die die Salts aufs Genauste rationieren müssen. Dominics Kinder sind das abgeschiedene Leben in der unberührten Natur und ihre geregelten Tagesabläufe gewohnt. Da ist die Freiheit der Kinder, die im totalen Kontrast zu einem Minimum an sozialen Kontakten steht. Denn seit dem Tod der Mutter interagieren sie mit niemand anderem als den Tieren der Insel und ihrem wortkargen Vater.  

„Ich habe schon Tote aus dem Meer gesehen, und deren Anblick nimmt einem jeglichen Hochmut. Vor dem Wüten der See sind wir Menschen ernüchternd machtlos. Diese Frau, hergetragen von einer See, die mächtiger ist als die meisten, hält geradezu trotzig am Leben fest.“

Zitat, Seite 13

Doch an einem sturmerfüllten Tag wird eine Frau herangeschwemmt – aufgeschlitzt und unterkühlt, aber am Leben. Dominic und seine Kinder nehmen sich ihrer an, päppeln die Frau auf, der Dominic nur wenig Überlebenschancen zurechnet. Doch Rowan ist zäh und mit wachsender Kraft und Mobilität wächst auch ihre Neugierde an den Beweggründen der Salts, hier zu leben.

Der Beweggrund liegt im Süden der Insel verborgen. Ein Saatgutbunker, der die größte Sammlung von Samen aus der ganzen Welt in sich birgt. Shearwater Global Seed Vault ist der wahre Schatz der Insel: über 3 Millionen Proben liegen hier verborgen. Er ist die letzte Hoffnung der Artenvielfalt. Unter der Insel bewahrt die Welt die Pflanzensamen einer jeder Art auf. Dominic wurde als Verwalter des Bunkers angeheuert. Deshalb lebt er mit seinen Kindern auf der Insel. Doch der Bunker soll dichtgemacht werden. Die Forschungsbasis ist bereits verwaist und in zwei Monaten sollen auch die Salts die Insel verlassen.

Doch mit Rowans Ankunft auf der Insel und dem wachsenden Wasserspiegel gerät einiges ins Schwanken. Was hat es mit der Fremden auf sich, die ausgerechnet nach Shearwater gespült wird? Was will sie hier in der Einöde? Und was passiert mit dem Saatgutbunker, wo doch der Meeresspiegel stetig steigt?

Diesen Fragen dürfen die künftigen Leser*innen dieses Romans selbst nachgehen.

Es liegt mir fern, die Geheimnisse von Shearwater Island freizulegen und dem Plot vorwegzugreifen. Ich kann dir aber versichern, dass sich in diesem Roman Abgründe auftun, die du nicht kommen siehst. Zumindest war das bei mir so. Es sind nicht nur Abgründe landschaftlicher, sondern vor allem menschlicher Art. Sie sind düster und unheimlich, reißen dich beim Lesen in ihre Tiefen und lassen dir dort kaum Luft zum Atmen. Sie sind beängstigend und faszinierend zugleich und machen es dir deshalb unmöglich, daraus emporzusteigen ehe du die letzte Seite des Romans erklommen hast. Da ist diese ungeheure Sogkraft, die sich während dem Lesen entfaltet und unaufhörlich an dir zerrt, dass du dich manchmal fragst, ob du wirklich weiterlesen oder dich vielmehr retten solltest, vor dem Buch, das als „Die Rettung“ gilt!?

„Die Luft in Shearwater ist voller Geister der Toten. Das weiß Fen, und es stört sie nicht. […] in den Stunden tiefster Nacht hat sie es gesehen: die Gespenster. […] Doch vor den Toten hat sie keine Angst. Weh tun können einem nur die Lebenden.“

Zitat, Seite 25

Mit großer Begeisterung habe ich McConaghys lebendige Beschreibungen von Flora und Fauna gelesen. Es sind Momentaufnahmen voller Freiheit, kostbare Augenblicke, die man nur in der unberührten Natur erleben und einfangen kann. Die Autorin hat diese Momente wohl selbst erlebt, als sie Zeit auf Macquarie Island, einer subantarktischen Insel auf halber Strecke zwischen Tasmanien und der Antarktis, mit ihrem Partner und ihrem sechzehn Monate alten Sohn verbrachte. Sie diente der fiktiven Insel im Roman als Vorbild, auf ihr basiert die Szenerie von Shearwater Island.

„Im Zentrum meiner Erlebnisse auf Macquarie Island standen die Farben und Formen, die Gerüche, Geräusche und Gefühle, die ich in diesem Buch einfangen wollte. […] Am wichtigsten war mir, die vielfältige Flora, die außergewöhnliche Fauna und das einzigartige Klima der Insel möglichst exakt wiederzugeben.“

Anmerkung der Autorin

Dass das Leben an einem Ort wie diesem, der so abgelegen und zugleich voller Leben ist, einem einiges abverlangt, kann man sich denken. Dies bringt McConaghy mit den zerrissenen Seelen ihrer Figuren sehr gut zum Ausdruck. Denn sowohl Dominic als auch seinen Kindern setzt das Leben auf der Insel zu. Es ist nicht zwingend die blutige Vergangenheit der Insel, die von grausamen Robbenfängern bestimmt war und umherwabernde Geister getöteter Tierseelen mit sich bringt, sondern vielmehr die Abnabelung von der Welt, vom wirklichen Leben und ihrer ungewissen Zukunft, den wachsenden Fragen über das Danach. Was aus ihnen wird …

Auch wenn die Kinder das Leben auf der Insel lieben, mit Flora und Fauna nahezu verschmelzen, fehlt ihnen doch einiges, Substanzielles, das Kinder zum Heranwachsen brauchen. Dazu kommt der Verlust ihrer Mutter, über den sie mit ihrem Vater nicht reden können, weil er immer noch in seinen Erinnerungen an seine verstorbene Frau festhängt und für seine Kinder nur schwer zugänglich ist. Das wird allen voran durch die wachsende Entfremdung von Dominic und seiner Tochter Fen sichtbar, die als Einzige nicht im Leuchtturm wohnt. Sein Sohn Raff kann lediglich beim Boxen seiner Wut etwas Druck rausnehmen. Und Orly, der Jüngste im Bunde, hat seine Mutter nie kennengelernt und ist deshalb hungrig nach Details von ihr. Er lässt sich mit den Erinnerungen seiner beiden Geschwister füttern und ist ein wandelndes Lexikon, das alle, auch die zu Kräften kommende Rowan, mit seinem allumfassenden Wissen zu Flora und Fauna erfreut.

Doch trotz aller Hindernisse und Herausforderungen schafft McConaghy es, ihre Figuren in dieser Extremsituation wieder zueinanderfinden zu lassen. Da ist ein unsichtbares Band zwischen den Salts, eine Gemeinschaft und das Vertrauen ineinander, das insbesondere durch das Zutun von Rowan wieder an Kraft gewinnt und die fünf Menschen auf dieser Insel um ihr Überleben kämpfen lässt.

Ein Roman, so gewaltig und unberechenbar wie die See. „Die Rettung“ ist zu einem meiner Jahreshighlights geworden und ich hoffe, dass der Roman das auch für dich wird.