Bäuerliche Liebe..

lesenslust über „Ada liebt“ von Nicole Balschunimage

„Du bist so einsam, Ada, das ist nicht normal, jeder braucht jemanden und jeder Mensch nimmt sich erst durch die Liebe eines anderen Menschen wahr.“

Zitat, Seite 89

Ada ist anders als die anderen. Das Anpassen will ihr einfach nicht gelingen, deshalb versteckt sie sich lieber in Büchern und verkriecht sich so vor der Welt. Freunde hat sie nur wenige, oberflächliche Bekanntschaften sind ihr lieber. Bei ihnen kommt sie nicht in Bredouille, muss nicht die richtigen Worte finden, die sie eh nicht zu finden scheint. Männer sind ihr unangenehm, sie verschrecken sie, mit ihrem schmatzenden saugartigen Geräuschen beim Küssen und ihren heißen schwitzigen Händen.

Nur Bo ist anders. Bo ist Landwirt und nebenberuflich Sargträger. Auf der Beerdigung ihrer Tante Rosie bemerkt sie ihn, mit seinen glänzenden goldenen Ringellöckchen im Nacken, dem wettergegerbten Gesicht und dem erdigen Geruch nach Schweinen.

Auf seinem Bauernhof begegnen ihr maulende Kühe und Schweine mit Schwimmwesten. Bo liest ihr aus Landwirtschaftszeitungen vor und schenkt ihr eigene Gummistiefel, damit sie sich nicht die Füße schmutzig macht. Doch auf Tuchfühlung geht sie mit den Tieren nicht. Sie traut ihnen nicht über den Weg, den Schweinen und Kühen. Und noch viel weniger der Beziehung zu Bo. Dem dummen Bauerntölpel, zu dem sie gar nicht so wirklich passt. Oder vielleicht doch?

„Insgeheim wussten wir, dass ich nie eine Bäuerin und Bo nie kein Bauer sein würde, aber wir fühlten einander und machten ansonsten die Augen zu. Vielleicht übersahen wir deshalb die dröhnende Lawine, die uns mit einem Schlag mitten im blühendsten Sommer überrollen sollte.“

Zitat, Seite 81

Nicole Balschun hat mit „Ada liebt“ eine berührende Geschichte über zwei Menschen geschrieben, die ungleicher nicht sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen. Ada, die kluge belesene Frau von Welt und Bo, der ländliche einfache Typ vom Dorf. Mit ihrer Begegnung treffen zwei Welten aufeinander. Und obwohl sie irgendwie nicht zu harmonieren scheinen, können sie bald auch nicht mehr ohne einander. Eine sich widersprechende Beziehung und Liebe zueinander entsteht, die den Leser auf alle Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Weges mitnimmt und ihm zeigt, dass Liebe scheinbar keine Grenzen kennt.

„Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, sagte Bo etwas Furchtbares. Bo sagte, Ada, ich liebe dich ungeheuerlich. Er sagte es ganz leiste und dann etwas lauter, Herrgott, ich weiß nicht, warum, du kannst hier nichts, aber deine kleinen Hände und du, ihr gehört irgendwie dazu auf einmal. Wenn ihr nicht hier seid und alles durcheinanderbringt, dann wird mir die Milch sauer.“

Zitat, Seite 94

Der Autorin gelingt es dabei, dass so aufwühlende und emotionsgeladene Thema mit teils komischen und witzigen Anekdoten gekonnt aufzulockern. Sie unterhält uns mit abstrusen Details aus dem Leben der Landwirtschaft und hitzigen Diskussionen zwischen Ada und ihren Eltern. Denn auch Adas Papa ist Bo ein Dorn im Auge. Er mag ihn nicht, den einfachen dahergelaufenen Bauerntölpel mit seinen Schweinen und Kühen. Nicht neben Ada. Allen Anpassungsschwierigkeiten seiner Tochter zum Trotz gehört ein Mann von Welt zu ihr, einer mit Stil und Charme. Kein Bo.

„Ich lag in der Wanne und sah auf das Schwein. Meine weißen Füße guckten aus dem Wasser. Du fehlst mir auch nicht, sagte ich in die Stille und spritzte Wasser gegen den Schweinekopf. Und dann weinte ich. Ich hatte wieder zu viel Wasser im Auge, auch das sollte sich der Arzt morgen mal ansehen.“

Zitat, Seite 105/106

Doch auch als Ada für ihr Literaturwissenschaftsstudium in die Stadt zieht, ertappt sie sich immer wieder in Gedanken an Bo. Und an Siegfried, Bos Leitsau, die sie eigentlich nicht mag und dennoch dazugehört. Sie verschanzt sich in Bibliotheken und befasst sich fast zwanghaft mit ihrer Doktorarbeit. Mit Frauen aus England, den edlen Romanfiguren, nach deren Ordnung auch sie sich zu sehnen scheint. Doch irgendwann muss auch sie einsehen, dass ihr eigentliches Herz an Bo und seinem Bauernhof hängt. Dem unangenehmen Geruch nach Schweinen, ihren juckenden elektrisch aufgeladenen Füßen und der Angst in der finsteren Nacht, wenn sie bei ihm schläft.

„In diesem Augenblick wurde mir klar, wie klug Bo war, und dass seine Klugheit eine andere war als meine. Bo hatte sein Wissen aus dem Leben und irgendwie auch aus dem Herzen. Ich hatte meines aus den Büchern und es konnte doch nicht gut gehen mit uns, und während mit sein Geruch in die Nase stieg, flüsterte ich Bo ins Ohr, du bist so dumm, Bo, und er lachte und flüsterte zurück, und du erst, Ada.

Zitat, Seite 147

Balschun zeigt uns in „Ada liebt“, wie schwierig es ist, sich einem Menschen zu öffnen, dessen Leben und Gewohnheiten sich von den eigenen so unterscheiden. Mit Ada ist ihr eine authentische Protagonistin gelungen, die ich sehr schnell ins Herz schließen konnte und der ich durchweg versucht habe, mein Mitgefühl zu schenken, auch wenn ich nicht hinter jedem ihrer Gedanken und Handlungen stand. Bo hat trotz tiefbäuerlicher und miefender Note sehr schnell meine Sympathien für sich gewonnen. Er schien mir durchweg der stärkere Charakter in der Geschichte gewesen zu sein.

Einzig und allein die ungewöhnliche Handhabung der wörtlichen Rede und die dadurch entstandenen Schachtelsätze haben mich zwischenzeitlich Mühe und Kraft gekostet, dem Verlauf der Geschichte zu folgen. Durch die gewählte Ich-Perspektive wurden den Zeilen eine lebendigere und engere Beziehung zur Protagonistin verliehen, weswegen man durchweg das Gefühl hatte, selbst neben Ada durch den Matsch zu waten. Was für eine Sauerei!

„Leben ist mehr als Zusehen und Aufschreiben. (…) Leben geht über die Wörter hinaus, die du studierst, Leben beginnt dort, wo die Sprache aufhört, es ist Atmen und du kannst seinen Pulsschlag hören, wenn du nur willst.

Zitat, Seite 189

❤❤❤❤

 

 

3 Gedanken zu “Bäuerliche Liebe..

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