„Für Polina“ – Takis Würger
Diogenes Verlag, erschienen am 26. Februar 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 304 Seiten, ISBN: 978-3257073355, hier geht’s zum Buch

„Sie lebten in jedem Atemzug, ohne den Versuch, das Vergangene zu begreifen, und ohne die Sorge vor der Unendlichkeit der Möglichkeiten, die das Leben für sie im Köcher hielt.“
Zitat, Seite 53
Fritzi Prager ist eine der Besten ihres Jahrgangs und will nach der Schule Jura studieren. Doch das Leben sieht etwas anderes für sie vor: Aus ihrem Sommerurlaub in Italien kommt sie schwanger zurück und wird mit 18 Jahren Mutter einen Sohns, der auf den Namen Hannes hört.
Fritzis Eltern ertragen ihre Tochter und den Enkel nicht, der von Anfang an anders, ruhiger ist, als andere Kinder und laut der Mutter einfach nur eine Tracht Prügel bräuchte. Und so verlässt Fritzi nach ihrem Abitur das Elternhaus. Anstatt in München zu studieren, beginnt sie mit Güneş, der Frau, mit der sie im Krankenhaus ein Zimmer geteilt hat, bei Netto zu putzen. Auch sie zieht ihre Tochter Polina alleine groß. Bis zur Grundschule wachsen ihre Kinder gemeinsam auf.
Es ist eine abgelegene alte Villa im Moor in Kananohe bei Hannover, die zu Fritzis und Hannes‘ Zuhause wird und auch Güneş und Polina oft empfängt. Hier wohnt auch der alte Zausel Heinrich Hildebrand, der für Fritzi zu einer Art Vater und für die Kinder zu einem Großvater wird. Er liest ihnen aus Dostojewski vor und legt abends alte Schallplatten auf.
Später wird Fritzi Heinrichs Assistentin im niedersächsischen Landesamt für Flur- und Moormanagement. Von da an durchstreifen Fritzi und Hannes jeden Tag das Bissendorfer Moor und lernen alles über Flora und Fauna kennen. Vor allem die Klänge der Natur haben es Hannes angetan. Der stille Junge, der von klein an besonders empfindsam für Geräusche ist, entdeckt in der Villa auch seine Liebe zum Klavier. Seine Begabung für das Klavierspiel offenbart sich, als er dem verstimmten und von Holzwürmern zerfressenen Klavier im Speisesaal Tschaikowski entlockt.
Und so beginnt Heinrich, der einmal Klavier studiert hat, Hannes zu unterrichten. Bald erfüllen die Melodien nicht nur die Villa, sondern auch den Kopf des Jungen. Denn darin entsteht viel mehr, als es die Lehrer vermuten, die Hannes für zurückgeblieben und sonderbar halten. Es sind ganze Sinfonien, die in ihm wachsen, ohne je zu Papier gebracht zu werden. Denn es sind die Klänge der Menschen: ihr Wesen, ihre Träume und ihr Hoffen. Nur wenige wissen von Hannes‘ Talent; seiner Begabung, dem Rhythmus seiner Umgebung zu lauschen und ihre Melodien zu erfassen.
„Polina und Hannes hätten unähnlicher kaum sein können. […] Hannes lauschte vorsichtig in die Welt hinein wie in eine dunkle Höhle, in der Ungeheuer lauern. Polina schaute hinter jede Tür, steckte ihren Kopf in die Tümpel im Moor, um zu prüfen, was darin war. […] Hätte sie Ungeheuer gefunden, hätte Polina mit ihnen getanzt.“
Zitat, Seite 33/34
Takis Würger komponiert mit „Für Polina“ einen Roman wie ein Musikstück. Er spielt darin die Klaviatur des Lebens: erfasst Höhen und Tiefen, Freud und Leid seiner Figuren, in deren Mitte Hannes und Polina stehen. Er lässt ihre Geschichte von der Musik tragen, macht das Klavier zum tragenden Element seines Romans.
Es sind zwei große Lebensabschnitte, die in seinem Werk zusammenfinden. Ein Davor und ein Danach. Es ist die gemeinsame Kindheit in der Moorvilla und das eigenständige erwachsene Leben fernab davon. Auch wenn die Figuren immer wieder ins Moor zurückfinden, so bleibt dort eine wichtige Komponente zurück, die sich in einem Verlust ausdrückt und sich bleiern auf die Figuren, allen voran Hannes, legt. Und so verklingen für lange Zeit die Melodien, die Hannes dem Klavier entlockt, nicht jedoch die Melodien in seinem Innern.
Hannes und Polina ziehen ins Leben hinaus. Entgegen ihrer kindlichen Vorstellungen machen sie vorerst ohne einander weiter. Hannes in Hamburg, Polina in Istanbul. Das unsichtbare Band, das sie beide miteinander verbindet, wird dabei stark beansprucht, reißen tut es aber nie. Auch wenn die beiden immer wieder auseinandertriften, bleibt da auch immer ein gemeinsamer Pfad, auf den sie immer wieder zurückfinden. Während es in der Kindheit unbeschwerte Momente der Freundschaft sind, wachsen im Teenageralter Gefühle füreinander heran. Doch es bedarf einiger Alleingänge und der Kraft der Musik, um sich wirklich zueinander zu bekennen.
Hannes, der seinem Talent für das Klavierspiel lange nachgeht, kehrt ihm eines Tages fast vollständig den Rücken zu. Die Melodien sind zu schmerzhaft für ihn, sind sie doch an einen Menschen geknüpft, den er hinter sich lassen musste. Eines Tages fängt er als Klavierträger bei Sebastian Blau an, der eines der erfolgreichsten Transportunternehmen Hamburgs führt. Er ist auf den Transport von Klavieren und Flügeln spezialisiert, bewegt alles, was über Tasten verfügt und Töne hervorbringt. Nachdem Brauns Traum, ein Berufsmusiker zu werden, geplatzt ist und sich auf den gelegentlichen Einsatz am Klavier in einer Jazzband beschränkt, erfindet er sich neu und gründet ein Unternehmen. Mit 40 hat er fast jeden erdenklichen Luxus für sich gesichert, nicht jedoch seinen größten Traum, den er ähnlich wie Hannes, tief in seiner Seele verschlossen hält. Brauns stärkster und gefährlichster Klavierträger namens Bosch wird Hannes bester Freund, nimmt ihn unter seine Fittiche und zeigt dem eher schmächtigen Hannes, dass es beim Klaviertragen nicht ausschließlich um Kraft, sondern vielmehr um die richtige Technik geht. Und so transportieren die beiden über viele Jahre gemeinsam Klaviere in alle Himmelsrichtungen, ehe sich Boschs Vermutung bestätigt, dass Hannes zu viel mehr bestimmt ist, als Klaviere zu tragen.
„Er setzte sich an den Érard und spielte. Er spielte nicht Haydn oder Grieg, obwohl der in diesen lindgrünen Tag auch gut gepasst hätte. Er spielte Hannes Prager. Mit neun Fingern spielte er Polinas Melodie, eine Variation, etwas Neues, das gleichzeitig etwas Altes war, aber er spielte, als hätte er zehn Jahre lang daran geübt. O ja, er spielte. Jonathan Wassermann sog erstaunt die Luft ein, und Bosch, der immer alles geahnt hatte, sah sich noch zweimal um, ob irgendwelche Gefahren abzuwehren waren, und dann entfuhr ihm ein tiefer Seufzer.“
Zitat, Seite 222
Würger zeichnet Figuren, die ans Herz gehen. Er verleiht ihnen Ecken und Kanten, macht sie zu allesamt zu Persönlichkeiten, unverwechselbaren Individuen, die während dem Lesen zu engen Freund*innen werden.
Polina wird von einer wilden, rebellischen Seele verkörpert, die dem alten Hildebrand wie ein kleiner schwarzäugiger Fuchs begegnet, weil sie so schlau und neugierig ist. Ihre schwarzen Haare stehen wie schwarze Flammen in alle Richtungen ab. Später ist ihre Haut von Tattoos geschmückt. Sie ist Jolie-laide („schön hässlich“, eine gutaussehende, aber nicht konventionell hübsche Frau), laut und impulsiv.
Hannes steht im kompletten Kontrast zu ihr. Er ist still und in sich gekehrt, bewegt sich behutsam, ja fast schon behäbig durch die Welt. Er ist schmächtig und klein, bekommt irgendwann eine Brille und lernt vieles erst viel später als Polina. Zu viele und laute Geräusche überfordern ihn. Denn in ihm hausen bereits die Geräusche und Melodien seiner Umwelt.
Heinrich Hildebrand wird von Würger als alter seltsamer Zausel gezeichnet, der im Moor zuhause ist. Seine anfängliche Abneigung gegen Kinder weicht einer tief empfunden Liebe für Hannes und Polina. Für Fritzi wird er zu dem Vater, den sie nie hatte, für die Kinder zum Großvater. Er nimmt Fritzi in seine Obhut, zeigt ihr alles, was er weiß und lehrt Hannes, das Klavier zu spielen.
Fritzi ist eine starke unabhängige Frau, die sich trotz aller Hindernisse einen Weg durchs Leben bahnt und wie eine Löwin kämpft. Für Hannes ist sie der Fels in der Brandung. Sie stellt Hannes‘ Bedürfnisse immer über die ihren und denkt viel zu spät an ihre eigenen Träume. Es gefällt mir sehr, wie Würger sie keine Klischees und Stereotype bedienen, sondern sie vielmehr mit einer Kettensäge bewaffnet durchs Bissendorfer Moos ziehen lässt um morschen Bäumen den Kampf anzusagen.
„Er widerstand der Versuchung, die Musik aufzupumpen, sie groß und laut zu machen, natürlich wollte er Clotilde beeindrucken, aber groß konnten andere besser als er, er musste sie verführen, nicht bezwingen, sie erreichen, ohne dass sie merkte, womit. Er spielte zart und warm, voller Sehnsucht nach einem Leben, das er nicht lebte. Nicht wie seine Sehnsucht nach Polina, nicht wie die Sehnsucht nach sich selbst, nach Freiheit, auch wenn er das selbstverständlich so schwülstig nicht formuliert hätte.“
Zitat, Seite 242
Und so sitze ich hier und lasse die Melodien dieses zauberhaften Romans in mir nachklingen. Wenn auch ich in meinen Augen nicht annähernd die Zeilen gefunden habe, die diesem Werk nur annähernd gerecht werden, so möchte ich sie doch mit einer herzlichen Leseempfehlung in die Welt hinaus senden. Denn so einem Roman wie diesem, der mit seinen 304 Seiten so bescheiden und gleichzeitig so kraftvoll daherkommt, begegnet man nur selten. Er setzt Gefühle und Melodien frei und hält uns einmal mehr vor Augen, wofür es sich lohnt, zu leben.