Die Tristesse eines jungen Vorlesers

lesenslust über „Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent

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„Wäre er bloß im Bett geblieben und hätte den Tag damit verbracht, Rouget de Lisle beim Luftblasenproduzieren zuzusehen!“

Guylain Vignolles liebt Bücher über alles. Nur schwerlich kann er seine Leidenschaft zur Literatur mit dem Job in einer Papierverwertungsfabrik vereinen, bei dem er Bücher wie eine Bestie zerfleischt. Doch der Job ermöglicht ihm ein bescheidenes Leben und so hat er es sich zur Aufgabe gemacht hat, die rar gesäten Seiten, die der zerstörerischen Schreddermaschine täglich entgehen, eine letzte Ehre zu erweisen.

Um Punkt 6 Uhr 27 nimmt Gylain jeden Morgen den Regionalzug zur Arbeit und liest dabei die Zeilen seiner zerfledderten Bücherleichen laut vor. Gylain liebt sein allmorgenliches Ritual, auch wenn die Leute in ihm den komischen Kauz sehen, der sich jeden Morgen auf dem orangefarbenen Klappsitz niederlässt. Der Akt des Vorlesens ist für Gylain der einzig kostbare Moment in seinem tristen Dasein, mit dem er sich unbemerkt durchs Leben schleicht.

Doch das Schicksal entscheidet sich eines Tages dazu, ihm einen roten USB-Stick vor die Füße fallen zu lassen, auf dem sich das Tagebuch einer Frau namens Julie befindet. Noch weiß er nicht, dass ihre Zeilen sein Leben für immer verändern werden.

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„Obwohl ihm vor Müdigkeit die Augen brannten, las Gylain den Text dreimal. Und mit jedem Mal war er mehr verzaubert. Da gab es jemanden, der die Welt mit ähnlichen Augen sah, wie er.“

Zitat, Seite 119

Es mag der Stil von französischen Autoren sein, mit dem ich häufiger nicht warm werde. Schon bei „Die fabelhafte Welt der Amelie“ habe ich feststellen müssen, dass mir das Naturell der Franzosen oftmals unsympathisch ist und ich ihren Werken nur selten etwas abgewinnen kann.

Obwohl das Buch mit einem entückenden Cover und einem noch viel entzückenderen Buchtrailer daherkommt, schafft es Didierlaurent nicht, mich von seiner Geschichte vollends zu überzeugen. Seine Seiten begegnen mir teilweise willkürlich zusammengewürfelt und lassen mich weder zu Gylain, dem Protagonisten, der in seinem tristen Leben gefangen ist und der mit  seinem Goldfisch Rouget de Lisle redet, noch zu Julie und ihren merkwürdigen Tagebucheinträgen einer jungen Klofrau Zugang finden.

Es sind vielmehr die vielen kleinen Geschichten neben der eigentlichen, die dazu geführt haben, dass ich das Buch bis zum Ende gelesen habe. Gylains verschrobener Freund Giuseppe zum Beispiel, der bei einem Arbeitsunfall seine Beine verliert und sie nun tragischerweise in der Auflage eines gedruckten Gartenbuches wiederzufinden hofft, der Versereimer Yvon, der mit leidenschaftlichen Reimen um sich wirft oder auch die taddrigen Bewohner der Seniorenresidenz, denen Gylain neben den morgenlichen Mitreißenden die Zeilen seiner geretteten Bücherschützlinge vorliest.

Didierlaurent erzählt in seinem Romandebüt die Geschichte von zwei verschrobenen Außenseitern, die das Schicksal auf sonderbare Weise zusammenzuführen vermag. Seine Zeilen sind skurill, andersartig und voller schwarzer Humor. Zutaten, durch die es schon so mancher Autor geschafft hat, mich zu begeistern. Didierlaurents „Die Sehnsucht des Vorlesers“ kann ich allerdings nur mit 3 von 5 zerfledderten Buchseiten aus meinen Händen entlassen.

„Vor ein paar Tagen habe ich entdeckt, dass es auf dieser Welt jemanden gibt, der eine erstaunliche Wirkung auf mich hat. Dieser Jemand lässt alle Farben heller leuchten, nimmt meinem Alltag seine Schwere, […] macht das Unerträgliche erträglicher […] und das Schöne noch viel schöner.“

Zitat, Seite 219/220

❤ ❤ ❤

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7 Kommentare zu „Die Tristesse eines jungen Vorlesers

  1. Mir ging´s mit dieser sehr französischen Geschichte auch zuerst so wie dir. Aber dann hat sich das Blatt gewendet – bzw. eher der Ton ;-), denn ich habe den Vorleser als Hörbuch gehört, und der Sprecher hat mich mit seiner wunderbaren Interpretation so richtig in das Buch hinein gezogen. Letzten Endes konnte ich den Vorleser dann doch genießen. 🙂

    Deine differenzierte Rezension zum Buch hat mir übrigens sehr gut gefallen. Vielen Dank! 🙂

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    1. Ach Mareike, vielen Dank für deine Zeilen. Mir grauts immer davor, meine fehlende Begeisterung festzuhalten. Ich möchte kein Werk schlechtreden oder einen Autor bzw. Eine Autorin verletzen. Aber entweder ein Buch reißt dich mit oder nicht. Ich hatte mir vielleicht zu viel von dem Roman erhofft. Aber irgendwie war er mir zu flach. 😭

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