Wie Blinde sehen

lesenslust über „Der Sinn des Lebens ist das Leben“ von Hugues de Montalembert

Am nächsten Morgen wusste ich bereits, dass mich das Schicksal unwiderruflich ereilt hatte, mein Schicksal. Am Morgen war ich vollständig erblindet. Mir blieb nur eine Nacht, um diese drastische Wende in meinem Leben zu begreifen.“

Zitat, Seite 10

1978 wird der Maler und Fotograf Hugues de Montalembert vor seinem New Yorker Apartment von zwei Männern überfallen. Er wehrt sich und bekommt von einem der Angreifer ein Lösungsmittel ins Gesicht gespritzt. Ein Ereignis mit fatalen Folgen. Denn innerhalb von Minuten verschwimmt die Welt vor Hugues Augen und er erblindet vollständig.

Für Hugues führt dieses schreckliche Ereignis zu einschneidenden Veränderungen in seinem Leben. Er ist zukünftig nicht nur auf einen Blindenstock sondern auch auf seine verbleibenden Sinne angewiesen: dem Schmecken, Riechen, Tasten und vorallem dem Hören. Die Reaktionen der Menschen ihm gegenüber verändern sich, wirken abweisend oder nahezu offensiv vertrauensselig.

Hugues muss lernen, seinen Weg blind fortzusetzen und beginnt ganz alleine um die Welt zu reisen. Bald wird ihm klar, dass es nicht allein das Augenlicht ist, was einem Menschen zum Sehen verhilft. Manchmal zählt allein die Fantasie…

„Jeden Morgen erwache ich voller Energie, Optimismus und Vorfreude auf den beginnenden Tag, jeden Abend bleibt ein Gefühl der Niederlage. Tag für Tag eine Niederlage.“

Zitat, Seite 22

In „Der Sinn des Lebens ist das Leben“ erzählt Hugues de Montalembert seine tragische Lebensgeschichte. Als vielversprechender Maler und Fotograf wird ihm plötzlich eine der kostbarsten Fähigkeiten gestohlen: die Fähigkeit zu sehen. Seine Welt ist nicht mehr die Gleiche und wird es wohl auch nie wieder sein! Durch seine lebensbejahende Art, erscheint es jedoch, als ließe Montalembert seine Tragödie Stück für Stück zum Guten wenden. Je steiniger und schwerer sein Weg, umso lehrreicher und intensiver sieht er ihn.

Montalembert bleibt drei Monate im Krankenhaus. Er unterliegt drei Operationen, bei denen seine Augen jeweils sechsfach genäht werden. Keine davon ist erfolgreich. Obwohl die Ärzte sich sicher sind, dass er dies zum Anlass nimmt, in Depressionen zu verfallen, bleiben sie aus. Montalembert entwickelt sich zur Ausnahmeerscheinung. Bereits nach drei Monaten nimmt er alleinige Wege auf der Straße in Angriff, auch wenn ihm die Ärzte davon abraten. Er informiert sich über einen Reha-Aufenthalt. Die Ärzte erachten es als zu früh, doch Montalembert sieht das anders und veranlasst ihn quasi selbst.
Trotz seines Optimismus muss auch Montalembert Enttäuschung und Misserfolge hinnehmen. Nicht alle Tage, in die er hoffnungsvoll blickt, enden erfolgreich. Oft verspürt er das Gefühl der Niederlage. Er muss erst lernen die Blindheit zu akzeptieren.
Und so lernt er genauer hinzuhören und intensiver zu fühlen. Alles begegnet ihm genau wie immer und doch komplett anders. Während es ihm anfangs schwerfällt, die Hilfe anderer Menschen anzunehmen, wird ihm irgendwann klar, dass er ohne sie nicht weiterkommt. Sie wird für ihn unverzichtbar!

Gut eineinhalb Jahre nach dem Vorfall beschließt er alleine um die Welt zu reisen. Er gibt seine Wohnung in New York auf, schnappt all seine Habseligkeiten und stürzt sich in ein großes Abenteuer ohne zu wissen, was ihn erwartet. Eine schwierige Entscheidung, vielleicht aber die Beste, die er hätte treffen können. Denn sie lässt ihn wieder ins Leben zurückfinden.
Die Geräusche, von denen wir tagtäglich umgeben sind, werden für ihn dabei mehr als bloße Nebenerscheinungen. Sie begleiten ihn wie Weggefährten durch sein Leben, geben ihm hilfreiche Hinweise und beflügeln seine Fantasie.

Montalembert ist nicht von Geburt an blind. Ein Aspekt, der ihm gemeinsam mit seiner visuell sehr stark ausgeprägten Wahrnehmung als Maler und Fotograf und den Eindrücken zahlreicher Reisen zu sehr lebendigen Bildern verhilft, die ihm vor seinem geistigen Auge realer und farbintensiver erscheinen als je zuvor. Er darf herausfinden, dass sein Passiv-Sonar sehr stark ausgeprägt ist, welcher ihn Wellen von Hindernissen und Wänden empfangen lässt und somit hilft, Hindernissen geschickt auszuweichen.
Montalembert bemerkt, dass er bei einem Gespräch mit anderen Menschen, den Kopf nicht unnötig nach oben oder unten neigen sollte, wie viele Blinde es machen. Denn nur durch ein normales Verhalten kann man normale Beziehungen aufbauen. Merkwürdige Verhaltensweisen führen zu Mitleid oder Abweisung.

Während seiner Reise findet sich Montalembert an den unterschiedlichsten Flecken der Erde wieder. Seine Reise führt ihn nach Indonesien, Grönland und Indien. Gezielt stellt er sich Herausforderungen von visuell ungeheuer eindringlichen Landschaften, um sein Gehirn zum Sehen zu zwingen. Obwohl er innerhalb seines Buches nicht sehr intensiv auf die Reiseziele eingeht, offenbart er dem Leser die diversen Begegnungen mit Menschen während seiner Reise. Begegnungen, die ihn prägen.

„Allein schon die Berührung der Luft auf der Haut offenbart einem die Leuchtkraft des Himmels.“

Zitat, Seite 99

Montalembert präsentierte sich mir in seinem Roman sehr wortgewandt. Seine Sätze und Umschreibungen sprudelten voller Lebendigkeit und Gefühl. Sie sind ausdrucksstark, eindrucksvoll und setzen sich unweigerlich im Gedächtnis des Lesers fest. Sie gewähren uns nicht nur Einblick in die geräuschvolle Welt der Blinden sondern beflügeln nahezu unsere Sinne. Man legt das Buch deshalb auch nur ungern zur Seite, weshalb es von mir 5 von 5 vorbeitreibenden Eisschollen ergattert, die Montalembert in Grönland spürte.

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

4 Kommentare zu „Wie Blinde sehen

  1. Eine berührende Besprechung zu einem aufwühlenden Thema!
    Mir fällt dazu ein Buch von Hannah Green ein „Bevor du liebst“. Es ist bei DIOGENES erschienen (ISBN 978-3-257-22625-6), allerdings längst vergriffen…
    Dort wird in lebhafter Romanform von einen taubblinden Mann, seinen erstaunlich anderen Wahrnehmungsantennen und den tragikkomischen Mißverständnissen in der Begegnung mit
    „Normal“-Wahrnehmenden erzählt – eine Liebesgeschichte kommt auch darin vor und ein unkonventioneller Sozialarbeiter, der die Taubblinden, die er betreut, zu waghalsigen „Sinneswandlungen“ ermuntert, die ihren Wahrnehmungshorizont durchaus erweitern.

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    1. Dank dir für dein Feedback. Ich fand es ganz beeindruckend, die Welt aus der Sicht eines Blinden „zu beobachten“. Wie kannst du mir denn ein vergriffenes Buch ans Herz legen? Da blutet ja mein Herz. Ich bin auch immer noch auf der Suche zu den Nachfolgebänden von Helene Hanff in Erstausgabe (auch wenn das thematisch hier gar nicht passt). Ich könnte heulen, dass sie vergriffen zu sein scheinen.

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