Begegnung von Liebe und Meer…

lesenslust über „Über die Liebe und das Meer“ von José Saramago

Wo

Wo Augen sich schließen; wo die Zeit
Das Tritonshorn der Stille klingen lässt;
Wo wahre, tiefe Ohnmacht sich im Duft
Von Narden und Geschlecht einfach verliert:
Wo Glieder Bänder sind und Münder
Nicht atmen, sondern heftig keuchen;
Wo durch den Raum der Körper und der Sterne
Finger durch neue Umlaufbahnen ziehen;
Wo kurze Agonie; wo auf der Haut
Sich Schweiß mit Schweiß vermengt; wo Liebe.

Zitat, Seite 55

~*°..Inhalt & Meine Meinung..°*~

José Saramago war mir bisher nur als Romanschriftsteller bekannt. Sein Roman „Die Stadt der Blinden“, welcher 2008 mit Julianne Moore in der Hauptrolle verfilmt wurde, zeigte bereits seine intensive Betrachtungsweise der unterschiedlichsten Dinge. Während er sich in „Die Stadt der Blinden“ mit dem scheinbar hilflosen Zustand der Blindheit befasste und zudem die Haltung der Menschheit kritisch hinterfragte, offenbarte er uns in seinem Roman „Kleine Erinnerungen“ seinen ganz privaten Lebensweg, auf dem er sich im Laufe der Jahre befand. Dass der 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Saramago jedoch auch Lyrik geschrieben und veröffentlicht hat, war mir gänzlich neu.

Saramago, der portugiesischer Abstammung war, verstarb 2010 im Alter von 88 Jahren auf Lanzarote. Eine Auswahl von Saramagos portugiesischen Gedichtbänden (Os Poemas Possiveis, Provavelmente Alegria und O Ano de 1993), die er in den Anfängen seiner Karriere veröffentlichte, wurden nun von Niki Graça unter dem Dach des Hoffmann und Campe Verlags in „Über die Liebe und das Meer“ vereint und sind als erste deutsche Übersetzung nun auch für die deutsche Leserschaft zugänglich. Die Gedichte in diesem Band stellen die Liebe als Naturgewalt dar und deren Begegnung mit anderen Naturgewalten wie z.B. dem Meer. Das über 1793 Kilometer vom Meer umgebene Portugal weist uns auf die Bedeutung des Meeres für Saramago hin. Es ist daher nicht verwunderlich, warum man bereits im Titel die Liebe mit dem Meer begegnen ließ.

Zugegeben, ich bin neben anderen, mit dem Genre vertrauten, Menschen ein ziemlicher Laie auf dem Gebiet der Lyrik. Gedichte waren und sind mir teilweise bis heute sehr suspekt, was nicht minder daran liegt, dass ich die Botschaften der niedergeschriebenen Zeilen oft nicht verstehe. Die meist sehr poetische Ausdrucksweise von Gedichten irritiert mich und erscheint mir häufig abgehoben. Warum Saramagos Lyrikband trotzdem meine Neugier für sich gewann, liegt sicherlich an der Beschreibung auf dem Buchrücken. „Mag sein, die Welt gäbe es nicht, wenn ihr unsere Liebe fehlte.“ sprach auf Anhieb meine gefühlvolle Seite an. Nicht alle 82 der beinhalteten Gedichte sprachen mich an und erschlossen sich mir in ihrer ganzheitlichen Bedeutung. Einige Gedichte in „Über die Liebe und das Meer“ jedoch, riefen mir ihre Bedeutung förmlich zu und begegneten mir gefühlvoll und voller Intensität. Darunter befindet sich auch das Gedicht „Wo“, das ihr bereits am Anfang meines Berichtes lesen könnt.

Saramagos Worte erscheinen mir wie eine Einladung zu einer Reise in fremde bzw. vertraute Welten. Die niedergeschriebenen Gefühle sprudeln förmlich aus den Zeilen und lassen mich ihre Lebenskraft spüren. Die lebendige Sprache Saramagos besitzt eine ungeheure Kraft, der man sich, ähnlich wie einem Sog, nicht entziehen kann.

Dank der freundlichen Zurverfügungstellung von „Über die Liebe und das Meer“ des Hoffmann und Campe Verlags, ist mein Bücherregal um ein lyrisches Werk reicher und mein Horizont auf diesem Gebiet ist nun wieder ein Stückchen aufgeklart. Die Wortgewalt Saramagos ist mir daher 5 von 5 liebevoll umschriebenen Empfindungen wert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s