Frau im Mond + Giveaway

Berlin Verlag, erschienen am 04. April 2025, Preis 26 € [D], Gebundenes Buch, 496 Seiten, ISBN: 978-3827014993, hier geht’s zum Buch

„Wir überwinden Verluste, indem wir uns erinnern. So halten wir die, die wir verloren haben, am Leben.“

Zitat, Seite 32

Am 4. August 1966 schickt eine Gruppe Studenten, die Lebanese Rocket Society, unter der Leitung von Manoug Manougian eine Rakete ins Weltall. Sie soll für die blühende Zukunft des Libanon stehen. Es ist die libanesische Cedar 8, die lange vor der Apollo 11 den Weltraum erreicht und den Libanon damit zu Weltraumpionieren macht, auch wenn um das historische Ereignis heute kaum noch einer weiß.

Am 4. August 2020 kommt es im Hafen von Beirut zu einer Explosion, die das gesamte Land erschüttert. Denn sie zerstört nicht nur den Hafen, sondern auch große Teile der Beiruter Innenstadt. Es ist die größte, nicht nukleare Explosion der Menschheit, die auch noch in 250 km Entfernung zu spüren war. 300.000 Menschen verlieren bei dieser Katastrophe ihr Dach über dem Kopf, 207 sogar ihr Leben. Mehr als 6.500 Menschen werden bei der Explosion verletzt.

Pierre Jarawan, den man bereits durch seine Romane „Am Ende bleiben die Zedern“ und „Ein Lied für die Vermissten“ kennt, verbindet in seinem neuesten Werk diese beiden historischen Ereignisse mit einer Familiengeschichte und erzählt damit nicht nur eine, sondern ganz viele Geschichten, „die sich wie Fäden eines Wandteppichs zu einem Bild verflechten“. Es ist das Bild der „Frau im Mond„.

Gut Ding will Weile haben

„Alles rückt zur rechten Zeit an seinen Platz.“

Zitat, Seite 34

Man sagt, Gut Ding will Weile haben.“ und im Bezug auf dieses Buch kann ich dieses Sprichwort nur bestätigen. Denn ich war eine ganze Weile mit diesem Roman beschäftigt, der mir nicht nur aufgrund seiner Seitenanzahl, sondern auch aufgrund seiner Vielschichtigkeit sehr viel Stoff zur Auseinandersetzung mit auf den Weg gab.

Heute, am 4. August 2025 und damit 59 Jahre nach dem libanesischen Raketenstart und 5 Jahre nach der Explosion im Hafen von Beirut, schaue ich „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ auf diesen Roman und die Erlebnisse zurück, die er mir geschenkt hat.

Ich hatte bereits zur Leipziger Buchmesse das Vergnügen, Pierre Jarawan bei einer Wohnzimmerlesung lauschen zu dürfen, die Uwe Kalkowski alias Kaffeehaussitzer alljährlich im Wohnzimmer seines guten Freundes Hannes organisiert und dabei einem kleinen Kreis von Leser*innen Einblick in ganz besondere Werke gewährt. Der Roman ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Die Luft ist voller Vorfreude und Neugier und das kleine Fensterbrett des Wohnzimmers randvoll mit Exemplaren, die man an diesem Abend schon vor der Veröffentlichung des Romans mit nach Hause nehmen kann.

Schon an diesem Abend war ich regelrecht berauscht von Pierres melodischen Zeilen, von seiner umfassenden Recherche zum Buch, seinem beeindruckenden Wissen um Land und Leute und den vielen Fäden, durch die er seinen Roman zu einem Gesamtkunstwerk verflochten hat wie einen armenischen Wandteppich, der, wie man später noch erfährt, im Roman eine tragende Rolle spielen wird.

Eine Woche später war ich von Tina Lurz und dem Berlin Verlag in München zum Release Event ins Museum Lichtspiele eingeladen, bei dem ein kleiner Kreis geladener Gäste im Weltraumsetting von Kinosaal 4 in die „Frau im Mond“ und libanesische Köstlichkeiten eintauchen durfte. Hier konnte ich nicht nur den Autor, sondern auch die Entstehungsgeschichte zum Roman noch einmal näher kennenlernen, die mitunter auch durch ein Bild von einem Raketenschweif, das 2017 in einer Ausstellung im Haus der Kunst in München zu sehen war, geprägt ist.

Vier Jahre schrieb Pierre an seinem Roman, in dem er die beiden historischen Ereignisse des 4. August mit der Familiengeschichte der El Shamis, einer in Montréal lebenden Familie, verknüpft.

Es sind die Zwillingsschwestern Lilit und Lina, die auf Spuren ihrer armenischen Großmutter Anoush stoßen, die sie nur von einem Foto an der Wand und den Mosaiken aus Geschichten ihrer Mutter Dana und ihrem Großvater Maroun kennen. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wachsen sie unter der Obhut ihres Großvaters auf. Sie wissen um seine Vorliebe für das Erzählen, oft aber nicht, wieviel Glauben man seinen Erzählungen schenken kann. Als sie auf einer alten Postkarte eine Widmung und Liebeserklärung ihrer Großmutter an Maroun entdecken, werden sie neugierig. Was hat es mit den Zeilen „Möge die Frau im Mond dir den Weg weisen.„, mit dem dazugehörigen Geschenk, einem „Raketenteppich“, wie Maroun ihn bezeichnet, und der geheimnisvollen Symbolik auf der Rückseite auf sich? Woher kommt überhaupt Marouns Faible für Weltraumraketen und was ist eigentlich die Lebanese Rocket Society?

Und so begibt sich Lilit auf Spurensuche, die sie von Montréal nach Beirut führt. Hier sucht sie nach den Wurzeln ihrer Familie, vor allem aber nach den Spuren ihrer Großmutter. Es ist aber auch ein Suchen in sich selbst, ein Ausloten an Gemeinsamkeiten; ein Erspüren, wieviel von ihrer Großmutter in ihr steckt. Nach einem erfolgreichen Filmdebüt als Dokumentarfilmerin ist sich Lilit unsicher über ihr Handwerk und traut sich nicht an einen zweiten Film. Sie fürchtet sich vor der Enttäuschung, dem tiefen Fall, der ihr womöglich bevorsteht, weil der Erstling „Bahamut“ doch nur ein Erfolg war, weil er zum richtigen Zeitpunkt einem politischen Thema entsprach und gut in die Schublade „einer Filmemacherin mit migrantisch kanadischer Herkunft“ gepasst hat. Zeitgleich ist sie auf der Suche nach guten Stoff für den zweiten Film. Womöglich ist Anoushs Geschichte dafür gemacht?

Als sie im Sommer 2020 in Beirut ankommt, erlebt sie ein Land in Aufruhr. Die Stadt empfängt sie dunkel und dreckig. Unter den Menschen herrscht Angst und Armut und in den Straßen sind Überbleibsel von Protesten und Demonstrationen zu finden. Hier legt Lilit Stück für Stück Fragmente aus dem Leben ihrer Großmutter frei, die als Kind in einem Waisenhaus aufwuchs und dem Völkermord an den Armeniern nur knapp entkommen konnte, weil sie wie viele armenische Genozid-Überlebende in die Gegend, die heute als Libanon bekannt ist, geflüchtet ist. Und obwohl Anoush nicht mehr lebt und ihre Enkelin sie nie kennengelernt hat, hat man doch das Gefühl, dass sie sich im Verlauf der Geschichte näherkommen. Es sind zum einen die wunderbaren Rückblicke, die Jarawan durch wechselnden Zeitebenen freilegt, zum anderen aber auch Lilits Tagebucheintrag, der wie ein Brief an Anoush geschrieben ist:

„Wer auch immer den Begriff Stadtdschungel geprägt hat, muss Beirut in seinem jetzigen Zustand gesehen haben. Schwer vorstellbar, dass es schon so aussah, als du mit Maroun und Dana 1959 hierher zurückkamst. Ich will es dir beschreiben: Kletterpflanzen haben die Häuser, weiß und mehrstöckig zumeist, überwuchert, sodass es scheint, als wären ganze Stadtviertel von Krampfadern übersät. Hier und da überwindet eine Treppe den Anstieg zur nächsthöher gelegenen Straße, wobei die wuchernden Sträucher Tunnel bilden. Katzen streunen um die Mülltonnen. Aus Gehwegen – oder dem, was man hier dafür hält – wachsen Mandarinenbäume, unter denen die Früchte faulen. Die Laternen sind ausgeschaltet. Nachts dringt nur ein Schimmern aus den Wohnungsfenstern, hinter denen – ich stelle es mir so vor – die Frauen Kerzen entzündet haben, ihre Kinder baden und in den Schlaf wiegen. Vor dem Zubettgehen schieben sie die Vorhänge beiseite, weil sie meine Schritte untern hören; sie sehen die Fremde in abgewetzten Sneakern, im ärmellosen Top, mit dem Kameragurt über der Schulter, die sich umblickt. Es ist, als könnte ich sie murmeln hören. […]

Was hatte ich erwartet? Es ist, erkannte ich bei meinem ersten Streifzug durch die Stadt, unmöglich zu verstehen, was es heißt, in Beirut zu sein, wenn man nichts weiß von den der Tiefe der Krater, die der Bürgerkrieg geschlagen hat. Selbst dreißig Jahre nach dem Ende sind seine Schatten allgegenwärtig in den Einschusslöchern übersäten Mauern, den wandlosen Häusern, in den Graffiti, die beinah alles überziehen, auffällig oft auch die vergitterten Türen der Banken. Selbst in den Teilen des Zentrums der Stadt, die neu errichtet oder frisch erstrahlen, spukt der Geist der Zerstörung weiter.“

Zitat, Seite 202/203

Jarawan nutzt eine wunderbar poetische Bildsprache. Durch sie lernen wir nicht nur die Schauplätze des Romans, sondern auch die restlichen Mitglieder der Familie, allen voran Maroun el Shami, aber auch seine Tochter Dana und ihren Mann Jules sowie deren Kinder, Lina und Lilit, kennen.

„Haben Sie schon einmal eine einhundert Jahre alte Hand befühlt? Es ist, als würde man eine Landkarte ertasten, auf Pergament gezeichnet. Die Landschaft ist rau, wie von Stürmen geschliffen, Gebirgszüge aus Falten erheben sich, Adern spannen ein Netz aus Flüssen, dazwischen Altersflecken wie Inseln.“

Zitat, Seite 77

Von Maroun el Shami war ich besonders fasziniert, wird er doch schon auf den ersten Seiten mit so wunderbaren Worten beschrieben, die sich direkt in mein Herz geschlichen haben. Denn nach dem Tod seiner Frau „hat er wie ein Asteroid gewirkt, der ohne Umlaufbahn durchs Universum driftete“ oder der für die Heimbewohner des Seniorenwohnheims, in das er bis zu seinem Rausschmiss kurz verweilte, „wie ein Buch in einem Regal war, an das man nur über eine Leiter herankam“. Schon mit 10 Jahren sieht er Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond“ im Kino und ist von da an fasziniert vom Weltraum und entwickelt eine Leidenschaft für das Bauen von Raketen. In den 60er Jahren wird er Dozent an der Haigazian-Universität und gründet oben erwähnte Lebanese Rocket Society.

Der Titel des Romans steht dabei für eine der Ebenen im Buch, allen voran aber für den Titel des Stummfilms von Fritz Lang, den die meisten nur durch „Metropolis“ kennen. Pierre zitiert mit seinem Titel nicht nur den Film, der für damalige Verhältnisse technisch sehr eindrucksvoll war, sondern verneigt sich damit auch vor dem Regisseur, der in seinem Film den Countdown erfunden und damit den Weg zum Mond bereitet hat.

Man kann „Frau im Mond“ in voller Länge (2 Std. 50 Min.) bei YouTube ansehen (um ehrlich zu sein: ich konnte ihn nur schwer ertragen). In seinem Roman macht sich der Autor der formalen Spielerei des Countdowns zu Eigen und beginnt deshalb mit Kapitel 50 und endet mit Kapitel 0.

Wie man sieht, sind es viele Wohlfühlszenerien, die Jarawan mit seinen Zeilen hervorruft. Doch angesichts der vielen historischen Ereignisse und Themen, die in seinem Roman eingebettet sind, trifft man hier auch auf eine Reihe an sehr anschaulichen und erschütternden Beschreibungen. Im Gespräch verrät Pierre, dass es ihm wichtig war, eine Geschichte über den Nahen Osten zu schreiben, die ohne Opferrolle daherkommt. Deshalb ist auch in den Momenten der Tragik stets ein bisschen Hoffnung zu finden. Für die GlockenbachWelle haben wir uns mit Pierre Jarawan zu seinem neuesten Roman und seinem künstlerischem Schaffen unterhalten. Die Podcastfolge ist im Juli erschienen und fühlt noch einmal Dinge auf den Zahn, die ich hier unerwähnt gelassen habe.

Hör hier in die Folge rein.

„Frau im Mond“ ist mir als vielschichtiges Werk voller Leben und tragikomischen Ereignissen begegnet. Es trägt viel mehr in sich, als man es beim Aufklappen des Buchdeckels vielleicht vermutet, weshalb es noch lange in einem nachhallt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es mir von so vielen Menschen ans Herz gelegt wurde. Und heute möchte auch ich das von Herzen tun.

Möge die Frau im Mond mit dir sein.

Klick, klick, Glück!“ 

Anlässig des 4. August, der nicht nur der Tag zweier obengenannter historischer Ereignisse, sondern auch der Geburtstag des Autors ist, möchte ich mit freundlicher Unterstützung des Berlin Verlags heute ein signiertes Exemplar von „Frau im Mond“ inklusive Wandteppich-Lesezeichen unter euch verlosen. 

Da ich sowohl hier auf dem Blog als auch auf Instagram eine treue Leserschaft habe, möchte ich euch auf beiden Kanälen die Möglichkeit geben, für das Exemplar in den Lostopf zu springen.

„Was macht den Zauber von Gegenständen aus, die unsere Lebensräume bevölkern? Eine alte Vase auf dem Kamin, ein Taschenmesser auf der Kommode, ein bestimmter Badeanzug, ein Zeichenstift? Die Antwort lautet: Sie sind gleichzeitig sichtbar und unsichtbar wie verwunschene Gegenstände in Märchen. Wir sehen sie als einfache Dinge, während sie für die Person, der sie gehören, aufgeladen sind mit Erinnerungen und Geschichten, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, den wir ihnen unterstellen. Es handelt sich um die Art von Gegenständen, die wir aus einem brennenden Haus tragen würden, während alle anderen sich fragen, weshalb.“

Zitat, Seite 106

Für ein Los auf dem Blog würde ich dich bitten, mir bis Mittwoch, 06.08.2025, 23:59 Uhr in einem Kommentar zu verraten, welcher Gegenstand für dich, losgelöst vom schlichten Gebrauchswert, mit Erinnerungen und Geschichten aufgeladen ist und deshalb einen ganz persönlichen Wert für dich hat. Für Maroun ist der Wandteppich von Anoush zu einem solchen Schatz geworden.

Die Teilnahmebedingungen für das Los auf Instagram könnt ihr meinem Instagram-Post  auf @lesenslust entnehmen, der zeitgleich mit diesem Beitrag veröffentlicht wird. 

Viel Glück!

Eure Steffi