„Gebrauchsanweisung für Franken“ – Ewald Arenz
Piper Verlag, erschienen am 27. Februar 2025, Preis 16 € [D], Taschenbuch, 240 Seiten, ISBN: 978-3-492-27773-0, hier geht’s zum Buch

Ganze fünf Tage haben wir uns an Ostern treiben, von Ober- nach Unterfranken spülen lassen und die Gegend erkundet, wo ich als Kind aufgewachsen bin. Als geborene Fränkin wollte ich meiner Räubertochter schon lange mal zeigen, wo ich herkomme. Das Elternhaus nicht nur von der Straße aus an uns vorbeiziehen lassen oder die Umrisse der nächstgelegenen Stadt aus der Ferne beobachten, sondern mittendrin sein, im Puls meiner unterfränkischen Heimat.
Dass ich hier schon seit 18 Jahren nicht mehr wohne und mein Elternhaus nicht mehr in unserem Besitz ist, ändert an der Tatsache nichts, dass hier meine Wurzeln sind und ich mich hier heimisch fühle, auch wenn meine Sprache nicht mehr zwingend ein Indiz dafür ist, aber ä weng werde ich wohl immer das r rollen und manche Konsonanten ein bisschen weicher aussprechen als andere es tun. Zumindest, wenn man mich lässt.
Dass es mich Landei erst nach Hamburg und dann ausgerechnet nach München gespült hat, mag eine gewisse Komik mit sich bringen, denn die Stadt war mir lange genauso fern, wie sie den Franken laut Arenz‘ Beschreibung in seiner „Gebrauchsanweisung für Franken“ eben meist ist – „ein bisschen zu schick, zu selbstbewusst, zu reich.“ Ich habe es tatsächlich lange ausgeschlossen, in diese Stadt zu ziehen, am Ende bin ich doch dort gelandet. Allerdings wohne ich mittlerweile wieder in einem ländlichen Vorort, wo es sich ähnlich lebt wie auf dem Dorf, wo ich groß geworden bin. Nie hätte ich gedacht, dass das Kleinstadt-, das „Provinzleben“, das ich lange Zeit über hatte, eben doch genau das ist, was mir gut tut. Gepaart mit den Annehmlichkeiten einer Stadt. Und um ehrlich zu sein, nicht alles an München ist zu schick, zu selbstbewusst und zu reich. Vielleicht zu teuer. Dass ja. Mit der Zeit lernt man, in welchen Ecken man sich wohlfühlt und wo eher nicht.
„Franken ist klein, aber es ist so vielfältig, so voller Geschichte, so voller liebenswerter Dörfchen, Flecken, Städtchen und Städte, dass ich fast kapituliert hätte, bevor ich überhaupt anfing, dieses Buch zu schreiben. Weil ich nichts weiter beschreiben kann als mein Franken. Am Ende wird sehr viel fehlen. […] aber vielleicht haben Sie Lust bekommen, auch die weißen Flecken zu entdecken, die ich Ihnen in die Karte dieser Gebrauchsanweisung nicht zeichnen werde.“
Zitat, Seite 12
Ich bin während meines Heimaturlaubs in die Zeilen eines Autors getaucht, dessen Sprachmelodie mich schon in Romanen wie „Alte Sorten“ und „Der grosse Sommer“ begeistert hat. Zu meiner Freude wohnt seinem literarischen Reiseführer so viel fränkischer Charakter, so viel Gefühl inne, dass es sich angefühlt hat, wie eine Reise in meine Kindheit, wie ein Einsinken in das Kopfkissen meines Kinderzimmers. Außerdem schickt er einen im Buch direkt auf den Sattel. Denn wenn man in Franken etwas hervorragend kann, dann, die Gegend mit dem Rad zu erkunden. Ich sprech‘ da aus Erfahrung, frag mal meinen Hintern, wie er nach den „entspannten Touren“ mit meinem Papa, besonders nach der Eroberung des Schwanbergs (Berg bei Rödelsee), geächzt hat. Insgesamt erstreckt sich der Main-Radweg über sage und schreibe 600 km. Ich würde sagen, da sind auch für mich noch genügend weiße Flecken auf der Landkarte übriggeblieben, die ich noch erobern muss.
Als gebürtiger Mittelfranke beginnt Ewald Arenz in der Mitte von Franken. Ausgehend von der Stadt Nürnberg, die nur der „gefühlte Mittelpunkt Frankens“ ist (denn geografisch ist es Ochsenschenkel) macht er mit seinen Leser*innen gemeinsame Ausflüge in alle Himmelsrichtungen, bis man bei Wunsiedel und Amorbach und Aschaffenburg und Nördlingen und Weißenburg ist. Quasi eine umgekehrte Sternfahrt, wenn auch nur literarisch. Viele Stationen, die Arenz in seinem Buch passiert, sind mir vertraut, andere wiederum völlig fremd. Sein Werk begegnet mir deshalb wie eine Einladung, meine Heimat erneut zu durchstreifen und meinen Blick zu erweitern, die Augen zu öffnen, für die Schönheit dieser Gegend, die ich als Kind eben einfach nicht hatte.
„Die Franken sind – mit wenigen Ausnahmen – nicht die Könige der Selbstdarstellung, sondern des Understatements. Sich selbst zu verkaufen fällt ihnen nicht leicht; vom bayerischen „Mia san mia“ sind sie weit entfernt.“
Zitat, Seite 40
Besonders gefiel mir, dass der Autor allerhand fränkische Begriffe in seine Zeilen einflicht, sodass man auch als Nichtfranke recht schnell ein Gefühl dafür bekommt, was der Franke bzw. die Fränkin meint, wenn sie von einer Kärwa (Kirchweih), einem Graffl (Trödel) oder von einem Seidla (in München ist es die Halbe) spricht. Auch, dass die Regionen in Franken verschiedene Namen tragen, wie z.B. Weinfranken (Maingegend), Bierfranken (die mit Brauereien gesegnete Mitte Frankens) oder auch das Knoblauchsland (Gebiet im Dreieck zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen, steht für den sommerlichen Duft der Region) erläutert Ewald ganz gut. So bekommt man Seite für Seite nicht nur ein Gespür für die sprachlichen sondern auch für die ländlichen Feinheiten Frankens. Aber immer nur ä weng – halt ganz im Stil fränkischer Bescheidenheit, gell!?


Was ich auf Arenz‘ Streifzug durch Unterfranken vermisst habe, auch wenn mich nicht die innigste Liebe zu meiner Heimatstadt verbindet, war Kitzingen, die der Autor nur als „Quelle des ersten Reichsgesetz zur Reinhaltung des Weins“ streift. Denn wenn Kitzingen für etwas bekannt ist, dann wohl für den Falterturm, den die Unterfranken liebevoll „schiefer Turm von Kitzingen“ nennen, die alte Mainbrücke (oder auch Pippinsbrücke), die seit 700 Jahren auf die andere Seite des Mains führt, oder das Deutsche Fastnachtmuseum, das nicht nur von Narren und Karnevalsfans besucht wird. Ja, es ist ein kleines und überschaubares Städtchen, aber die zwei Zeilen erschienen mir doch etwas dürftig. Ich habe mir daher erlaubt, Arenz‘ Buch auf die Alte Mainbrücke zu entführen.
Überhaupt sickerte Arenz‘ Verbundenheit zu Mittelfranken durch. Auch wenn er verrät, dass in Unterfranken ein großer Teil seiner Familie wohnt, passiert er in meinen Augen nur wenige unterfränkische Stationen. Dabei sind zwar Schweinfurt und Volkach, aber im umfangreicherem Maße berichtet er nur von meiner Geburtsstadt Würzburg. Letztere aber dafür mit viel interessanter Stadtgeschichte und einer sehr aufschlussreichen likörgeschwängerten Begegnung mit einer alten Dame. Die Stadt, die man auch als schiefrunde Perle bezeichnen könnte, wartet nicht nur mit der Festung Marienberg und dem Käppele hoch oben über den Weinbergen mit fantastischem Blick über die Stadt auf, sondern auch mit dem Dom und der Residenz, die mit „einem der schönsten Treppenhäuser Europas“ und „dem größten Deckenfresko der Welt“ daherkommt.
Eine Textstelle ließ mich in den Erinnerungen an ein Weinfest vom Weingut am Stein schwelgen, bei dem ich meinen Wein direkt in den Weinbergen und der glitzernden Abendsonne genießen konnte. Wobei das Weingut sicher eines der Orte ist, wo man dem Lebensgefühl der Münchner Schickeria wohl am nächsten kommt. Von fränkischer Bescheidenheit können wir dort nicht wirklich reden!
„Wenn sie an einem sonnigen, frühen Herbsttag die schmalen Pfade durch den Wein zu Festung hochwandern, vielleicht hie und da eine Weinbeere kosten, auf der noch der Tau des Morgens liegt, dann ist die Schönheit so wie der Frankenwein. Frisch. Zu Beginn ein wenig zurückhaltend – das Schöne muss man in Franken immer suchen. Aber dann, mit allen Sinnen genossen, immer reicher und voller.“
Zitat, Seite 179
Den Charme von Weinfranken greift Arenz ebenso auf wie den unverwechselbaren Charakter eines fränkischen Weins, der im Original Bocksbeutel (Name der Flasche) abgefüllt wird. Beiden Dingen schenkt er ein eigenes Kapitel. Leider blieb mein Wunsch, durch ein paar malerische Zeilen von ihm zu den Weinfesten der Region zu schlendern, unerfüllt. Es sind wohl die Feste, die ich am meisten vermisse. Denn es gibt in meinen Augen kaum etwas schöneres als sich im Sommer bei Musik durch ein Weinfest treiben zu lassen und dabei Wein und Landschaft in sich aufzunehmen.
Was mich etwas überrascht hat, ist, dass Arenz für das mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber nur wenig übrig zu haben scheint, die Stadtszenerie jedoch die Rückseite des Buches schmückt. Es ist die Stadt, die wohl mit am bekanntesten ist, aber laut Arenz nicht mit dem weitaus schöneren Dinkelsbühl mithalten kann. Er beschreibt sie deshalb nur mit wenigen Zeilen und geht nach Erwähnung der Stadtmauer, dem Kriminal- und Weihnachtsmuseum direkt nach Dinkelsbühl über, obwohl in Rothenburg eines meiner Kindheitsträume verborgen liegt. Denn direkt am Marktplatz findet man das Herzstück von Käthe Wohlfahrt: ein Weihnachtsdorf, in das man das ganze Jahr über eintauchen und feinen Weihnachtsschmuck kaufen kann. Freilich nicht ohne prallgefüllten Geldbeutel, dafür aber mit ganz viel Begeisterung für Nussknacker, Schwibbögen, Baumbehang und Co. Es handelt sich dabei ganz klar um eine feine Geldmaschinerie, die mit Franken insofern nicht wirklich etwas zu tun hat, weil die Gründer aus dem sächsischen Raum nach Stuttgart kamen, in Rothenburg befindet sich aber der Firmensitz und das Herzstück des Unternehmens. Und ich glaube kein Kind kommt aus diesem Laden ohne leuchtenden Augen heraus.
Meine Eroberung von Mittelfranken folgt am Wochenende, zumindest was den gefühlten Mittelpunkt Frankens anbelangt, wenn ich dem Ruf eines Mammuts folge, 43 km durch Nürnberg marschiere und mich an Arenz‘ Passagen der Stadt erinnern werde. An das Erbe des „Dritten Reiches“, mit dem man hier unweigerlich konfrontiert wird und mitunter in den Treppenstufen der Frauenkirche verborgen liegt, die früher jüdische Grabsteine waren. Es ist schon etwas bizarr, dass nur ein Judenstern am Treppenaufgang daran erinnert. Auch einen Besuch in der ältesten Buchhandlung Deutschlands Korn und Berg, die seit 1531 Bücher verkauft, habe ich mir fest vorgenommen.
Es sind Arenz‘ malerische Beschreibungen, die vielen charmanten, persönlichen und mitunter sehr humorvollen, aber auch von viel Stadt- und Heimatgeschichte angereicherten Geschichten, mit denen er mich begeistert hat. Mitunter hatten die Kapitel zu Kraftshof, Sanspareil und der Eremitage einen besonderen Reiz für mich. Denn sie haben die Lust in mir geweckt, jetzt wieder häufiger in die Heimat zu fahren und Franken zu durchstreifen.
„Ein Frühlingstag in der Eremitage! Das ist ein Ausflug aus dem manchmal provinziellen Franken in eine elegante Nebenwelt. Verspielt und ein bisschen verrückt und voller spürbarer Sehnsucht nach einem antiken Griechenland, das es wahrscheinlich so nie gab; einer Sehnsucht nach Witz und Musik und südlichen Farben. Muschelmosaike und Wasserspiele, Tempelruinen und Pavillons und griechische Götterstatuen hier und Hirtenhütten dort und Heckenlabyrinthe – es ist eigentlich alles da, was der Mensch sich für einen Tag zum Spielen wünscht. Es ist ein von Grund auf heiterer Park, wie man ihn sonst nur in großen Residenzstädten vermutet und in so gelassener Schönheit aber nur selten findet.“
Zitat, Seite 65