Ein Sommer(nachts)traum

„Der große Sommer“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 26. März 2021, Preis 20,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Es war dieser eine Sommer, wie es ihn wahrscheinlich nur einmal im Leben gibt. Dieser eine Sommer, den hoffentlich jeder hatte; dieser eine Sommer, in dem sich alles ändert.“

Zitat, Seite 11

Es war der große Sommer im Herbst für mich. Ein Sommer, der sich durch ein Buch entfaltete. Dieser eine Sommer, der für mich unvergesslich bleibt.

Lange schlich ich um Ewald Arenz‘ Roman herum, schob die Lektüre auf, wollte mir dieses Gefühl aufsparen, das von seinen Zeilen ausgeht und mich schon in „Alte Sorten“ sanft umschmeichelt hat. Doch irgendwann gab es für mich kein Halten mehr und ich tauchte ein. Wie der Junge auf dem Cover. Wie Protagonist Frieder, der sich bei Nieselregen im Schwimmbad vom Siebeneinhalber stürzt um ein Mädchen im flaschengrünen Badeanzug zu beeindrucken und von weißen Blubberblasen begleitet wieder zur Wasseroberfläche gleitet. Berauscht, von der Wucht und Unvorhersehbarkeit dieses Augenblicks.

Diesen Sommer verläuft für Frieder alles anders als sonst. Denn er schafft die Versetzung in die 10. Klasse nicht und muss nach den Ferien Nachprüfungen in Mathe und Latein ablegen. Und so darf er in den Sommerferien nicht mit in den Urlaub fahren, sondern muss lernen. Bei seinem Großvater, einem Professor, den er bis zum 10. Lebensjahr siezen musste und zu dem er ein angespanntes Verhältnis hat. Der Sommer scheint für ihn gelaufen zu sein. Doch meist kommt alles ganz anders als gedacht. Und so erlebt Frieder einen Sommer, der sein ganzes Leben prägt. Es sind Tage voller Freundschaft und Zusammenhalt, voller Respekt und Vertrauen, einer ersten großen Liebe und einem Abschied. Und so reift ein Sommer heran, der an Größe nicht zu überbieten ist und wie „hellgelbe, aufregend saure Zitronenscheiben“ schmeckt.

„Ich war in einer ganz eigenen Stimmung, wie ich sie vorher noch nicht erlebt hatte. […] Es war ein Gefühl wie … als wäre man ein Instrument, das gestimmt wurde. Sechs Saiten. Aufregung. Verliebtheit. Angst vor dem Sommer. Freude am Sommer. Sich bei Nana zu Hause fühlen. Sich in Großvaters Haus verloren fühlen. Die Töne stimmten noch nicht. Aber da drin geschah irgendetwas.“

Zitat, Seite 64

Ewald Arenz versteht es aufs vortrefflichste, einen besonderen Augenblick, den „unwiederbringlichen, zitternd schönen Zauber eines ersten Males“ einzufangen und es in so atmosphärische Zeilen zu verpacken, dass sich Bilder vor deinem geistigen Auge formen, die dich die Einzigartigkeit dieser Momente spüren lässt. Während dem Lesen war ich begleitet von raschelnden Silberpappelnblättern, von süßem Lebkuchenduft, vom Klang aufregender, verliebter und ängstlicher Saiten, von einem Wechselbad aus Gefühlen der Ablehnung und Zugehörigkeit.

Arenz‘ Roman ist wirklich der große Sommer. Einer, der mich in meine Jugend zurückversetzt hat und mich viele Momente noch einmal durchleben ließ: mit klimpernden Münzen in der Tasche in einer beschlagenen Telefonzelle stehend, mit pochendem Herzen über einen Zaun kletternd (wohlweißlich, dass man nicht ohne gerissene Hose davonkommt), bei Nieselregen im Schwimmbad, angsterfüllt mit Blick vom Zehner, den Duft von Chlorwasser in der Nase, das auf den heißen Steinen neben dem Becken verpufft, in der Nacht vom schummerigen Fahrradlicht navigierend auf dem Weg nach Hause, mit zittrigen Knien in der Nähe des Schwarms, sich glückstrunken durch eine von Musik erfüllte Menschenmenge zwängend.

Frieder, Alma, Johann und Beate, sie alle habe ich ins Herz geschlossen. Mit ihrem jugendlichen Leichtsinn, ihrem Lebenshunger und einer Prise Verrücktheit waren sie mir auf Anhieb sympathisch. Auch Nana (Frieders Großmutter) und den kauzigen alten Professor an ihrer Seite mochte ich sehr. Mir gefiel, wie Frieder und der scheinbar unnahbare Großvater sich einander annäherten, selbst wenn es nur langsam und auf seine Art und Weise geschah. Auch das bunte Potpourri an Lehrern, von stocksteif bis hin zu gleichgültig, brachte mich zum Schmunzeln und ließ mich einige Parallelen zu meinen Lehrer*innen von damals erkennen. Ewald Arenz schenkt seinen Protagonisten Raum, macht sie zu wichtigen Puzzleteilen eines großen Gesamtbildes, das sich als Momentaufnahme eines großen Sommers präsentiert. Ein Sommer(nachts)traum.

Ich möchte der Lektüre dieses Romans nicht zu viel vorneweg nehmen, den Überraschungseffekt und die vielen ersten Male wahren, die sich an Frieders Seite in „Der große Sommer“ verspüren lassen. Der (Lektüren-)Tauchgang sei euch ans Herz gelegt. Ich bin mir sicher, dass ihr genauso berauscht daraus hervortauchen werdet wie ich.

„Sie roch so klar wie jemand, der im Winter aus der Kälte ins Haus kommt. Und etwas Süßes war da auch, aber nur entfernt und nur ein Hauch wie … ja, wie Robinienblüten im Frühsommer vor meinem Fenster. Nichts Schweres. Schwebend. Wie ein Ton nachklingt … aus einem wunderschönen Moment in der Kindheit, den man vergessen hat; von dem nur noch diese Erinnerung an einen Duft geblieben ist.“

Zitat, Seite 116

Das Team der #GlockenbachWelle hat Ewald Arenz auf der Frankfurter Buchmesse 2021 getroffen und mit ihm über sein aktuelles Werk gesprochen, das kürzlich zum Lieblingsbuch der Unabhängigen gekürt und für den Bayern 2 – Publikumspreis im Rahmen des Bayerischen Buchpreises 2021 nominiert ist.

Ihr seid herzlich eingeladen, in die aktuelle Sonderausgabe einzutauchen.

Eine wunderbare Besprechung zu „Ein großer Sommer“ ist auch bei Arndt auf der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium zu finden.

Seelenschmeichler

„Alte Sorten“ – Ewald Arenz

Dumont Verlag, erschienen am 21. Juli 2020 (TB), Preis 10,00 € [D], hier geht’s zum Buch

„Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiß und wisperig. […] Liss sah und roch und hörte, dass der Sommer zu Ende ging. Es war ein gutes Gefühl.“

Zitat, Seite 5

Als ich die letzte Seite von „Alte Sorten“ hinter mir ließ, saß ich beseelt da. Und überwältigt. Voller Wehmut strich ich über die ausgestanzten Birnen auf dem Cover, konnte ihre Konturen spüren, ihren intensiven Duft und Geschmack nahezu vernehmen. Der süßlich herbe Geschmack erfüllte meinen Mund, der klebrige Birnensaft lief mir an meinem Kinn herunter. Alexander Lucas. Die Birne, zu der ich in Liss‘ altem Zaubergarten am Ehesten gegriffen hätte. Es ist die Birnensorte, auf die ich nach der Lektüre am meisten Lust verspüre. Ihren Geschmack beschreibt der Autor mit dem Sonnenlicht, „wenn es einem nach einem langen Sommer durch das weite Blau des Himmels und dann durch das alte Grün hoher Bäume direkt auf die Zunge fiele“. Wer kann solchen Zeilen schon widerstehen?

Was sich mir da in „Alte Sorten“ offenbarte, war eine Geschichte voller Leben. So authentisch, ehrlich und ungeschliffen, dass mir das Lesen fast schon ein wenig weh tat und gut zugleich. Es ist keine reine Wohlfühlgeschichte, die sich Ewald Arenz da von der Seele geschrieben hat, er hat vielmehr das Leben selbst eingefangen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Und mit jeder Faser seines Körpers!

Mir scheint, ich habe „Alte Sorten“ genau zur richtigen Zeit gelesen. Denn die Geschichte beginnt gegen Ende des Sommers, am 1. September, und erstreckt sich bis in den Oktober hinein. Meine Lektüre lief nur leicht verzögert mit den Kapitelüberschriften, die Arenz den Tagen gewidmet hat, die Liss und Sally, die beiden Protagonistinnen, gemeinsam verbringen. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters treffen hier aufeinander: Liss, Mitte Vierzig; Sally, gerade mal 16. Und obwohl die beiden Frauen einem äußerlich sehr unterschiedlich begegnen, umtreibt sie innerlich ein ganz ähnliches Seelenleid. Denn beiden hat das Leben stark zugesetzt. Ihre Seelen sind zerklüftet von den Spuren schmerzhafter Ereignisse.

„Es gab Tage, an denen es schwerer fiel, nur auf das zu sehen, was war. Nicht zurück, nicht vor. Nur auf das, was eben war. Weil ja auch alles, was gerade war, nicht aus dem Nichts kam und nicht ins Nichts ging. Alles hat eine Geschichte. Selbst Dinge, die sich nicht bewegten, bekamen eine Geschichte.“

Zitat, Seite 49

Und so bleibt ihre Begegnung an einem Spätsommertag draußen im Weinberg nicht ohne Folgen. Denn die körperlich ausgezehrte und ihrem Leben entflohene Sally ist von Liss‘ bodenständigem Auftritt so fasziniert, dass sie mit auf den Bauernhof kommt, den Liss alleine bewirtschaftet, und sich dort eine Zeit lang verschanzt. Es gehen Wochen ins Land, in denen sich die beiden Frauen gemeinsam dem Handwerk widmen, das Land und die Natur dabei vollends in sich aufnehmen. Sie backen Brot, bei dem man den frisch gemahlenen Roggen noch riechen kann; sie lesen Kartoffeln, deren erdiger Geschmack in schlichter Begleitung von Butter und Salz am besten zur Geltung kommt; sie pflücken bei klirrender Kälte Trauben im Weinberg, die sie später zu Wein verarbeiten und pflücken Birnen von alten Bäumen, die neben wuchernden Kräutern und Brennnesseln längst Teil eines Zaubergartens geworden sind, der uns wild und unbezähmbar begegnet. Es sind die vielen kleinen Momente, die für beide Frauen von großer Bedeutung werden und diesen Roman zu etwas ganz besonderem machen. Arenz‘ leise und eindringliche Zeilen, die einem oft nahezu poetisch begegnen und die Natur auf sehr eindrückliche Weise beschreiben, machen das Lesen zu einem wahren Vergnügen.

„Das hier ist der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe.“ […] „Ich kann sehen, dass der Garten mal wie ein Käfig für dich war. Aber du siehst doch, was daraus geworden ist!“ Sie drehte sich im Kreis und versuchte, alles in sich aufzunehmen. Die von den Hecken wild überwucherten, sanft nach innen gedrückten verwitterten Latten des Zauns. Die parallel stehenden Bäume, die in ihren breit aufgefächerten Kronen, ihren geneigten Stämmen und in ihren Blätterwolken längst alle Rechteckigkeit zu einer verblassenden Erinnerung gemacht haben. Das Meer aus Gras, aufgeschossenen Kräutern und Brennnesseln, durch das im leichten Septemberwind hellgrüne Wellen von einem Ende des Gartens zum anderen liefen. „Das ist alles …“, wieder suchte sie nach dem richtigen Wort, „das ist alles wie eine wunderbare Strafe für den Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen.“

Zitat, Seite 117/118

Mit Liss und Sally sind Arenz zwei wunderbare Charaktere gelungen, die einem mit jeder Seite näher ans Herz wachsen. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten stehen im perfekten Kontrast zueinander: Sally, laut und ungestüm; Liss, leise und zurückhaltend. Sallys rebellisches Aufbegehren weckt in Liss nicht nur die Erinnerungen an sich selbst, die Zeit mit dem Mädchen schenkt ihr gewissermaßen auch eine Chance, zurechtzurücken, was der Vater bei ihr selbst falsch gemacht hat. Sally findet in Liss nicht nur einen Menschen, der sie hört und sieht, wie keiner zuvor, sondern auch ein Zuhause, das ihr die Eltern nie zu geben vermochten. So entwickelt sich zwischen den Frauen ein zartes Band der Freundschaft, das sie langsam aber sicher zurück ins Leben navigiert.

„Weil alles andere schlechter war, als das hier. Der Gedanke traf sie erst jetzt, mit der vollen Bedeutung. Plötzlich musste sie lachen. Einfach lachen. Sie wusste, es war alles nur auf Zeit. Auch das Lachen war eigentlich nur geliehen, dieser Augenblick der Befreiung nur auf Kredit, weil sie hier ja nicht immer würde bleiben können. Aber in diesem Moment war das egal. In diesem Moment waren die verstörenden Bilder auf einmal weg, als hätte man eine graue Folie zwischen ihr und der Welt weggezogen, und sie sähe das Dorf zum ersten Mal richtig und in allen Farben.“

Zitat, Seite 159/160

Nach dem Lesen dieses Romans machte sich eine ungeheure Sehnsucht in mir breit. Es war die Sehnsucht nach abgeernteten Weizenfeldern, dem sonnig-staubigen, uralten Geruch von Stroh und Heu in einer Scheune nach warmen Spätsommertagen und nach dem Duft von warmem Sommerregen. Wie gern würde ich mich mit Liss und Sally noch einmal ins Abenteuer stürzen. Was für ein Roman, was für eine Pracht! Ich habe jedes Wort und jede Zeile genossen. Und so hat mir Arenz ganz unverhofft ein Lesehighlight 2020 beschert!

„Eine Minute noch oder zwei. Es war so selten, dass die Dinge im Gleichgewicht waren. Ohne Glück und ohne Trauer. Oder anders: dass Glück und Traurigkeit in einem so in der Schwebe waren, in so einer perfekten Balance, dass man sich nicht bewegen wollte. Vielleicht fühlten sich Seiltänzer so, wenn sie hoch oben waren, in dem einen Moment, in dem eine gerade Linie genau durch die Mitte des Körpers geht und genau durch die Seele des Seils und bis zum Boden und dann bis zum innersten Kern der Erde; in dem einen bewegungslosen Moment der Mitte.“

Zitat, Seite 127