Kinderfreuden #18: Grrrrr!

„Grrrrr!“ – Rob Biddulph

Grrrrr! tönt es durch den Wald.

Im Wettkampf um den Titel „Bester Bär des Waldes“ ist Fred Bär ungeschlagen. Seine Medaillen belegen die Glanzleistungen im Fische fangen, Reifenkreisen und Menschen erschrecken, die er in den letzten Jahren erbracht hat. Auch Freds Brüllen ist legendär. Doch kurz vor dem Wettkampf taucht ein neuer Bär im Wald auf und sorgt für helle Aufregung.

Als am großen Tag auch noch Freds Brüllen verschwunden ist, ist die Sorge um den begehrten Titel groß. Zum Glück eilen ihm seine Freunde zu Hilfe.

Doch geht es im Leben immer nur darum, der Beste zu sein?

Eckdaten

Text & Illustration: Rob Biddulph | Übersetzung: Steffen Jacobs | Seiten: 32 | Hardcover Pappband 16.00 € | ISBN: 978-3-257-01185-2 | Erscheinungstermin: 28.09.2016

Zum Buch beim Diogenes Verlag

Blickwinkel aus großen Augen

Nachdem uns Illustrator Rob Biddulph mit seinem ersten Kinderbuch „Weggepustet“ vor zwei Jahren bereits begeistern konnte, war die Vorfreude auf sein zweites Werk groß. Während es in „Weggepustet“ um einen kleinen Pinguin namens Blau ging, der von seinem knallroten Drachen von der Antarktis bis nach Madagaskar geweht wird, widmet Biddulph seine Aufmerksamkeit nun dem Bär Fred, der gemeinsamen mit den anderen Tieren im Wald wohnt.

Fred ist groß und stark. Sein Ruf als „Bester Bär des Waldes“ eilt im Voraus. Er genießt das Ansehen im Wald und trägt seinen Titel voller Stolz. Während viele Tiere mit ihm befreundet sein möchten, zählt für Fred nur eins: der Titel. Doch der große blaue Bär, der kurz vor dem Wettkampf im Wald auftaucht, scheint genauso aufs Siegen aus zu sein wie Fred. Was nun?

Das plötzliche Verschwinden von Freds legendärem Brüllen setzt dem Ganzen die Krone auf. Fred wird angst und bange. Wie soll er nur ohne sein Brüllen siegen? Doch er hat nicht mit den Waldbewohnern gerechnet, die ihm mit Rat und Tat zu Seite stehen. Als sein Brüllen weiterhin unauffindbar bleibt, sehen sie nur einen Weg, um ihrem Vorbild zu helfen. Es ist ihr Zusammenhalt, der Fred zeigt, wie wertvoll Freundschaft ist.

Biddulph gelingt erneut eine zauberhafte Geschichte um Freundschaft, Ehrgeiz und Fairness. Mit seinen bunten wachsmalfarbenen Zeichnungen bringt er Kinderaugen zum Strahlen und erweckt das alte Retrochick wieder zum Leben. Es bedarf nur wenig begleitender Reime, die die Kinder nebst den bunten und großflächigen Zeichnungen durch die Geschichte von Fred Bär und seinen Freunden geleitet.

Ständig geht es in unserer Gesellschaft darum, leistungsstark und erfolgreich zu sein. Bereits im Kindergarten werden die Kinder damit konfrontiert, was passiert, wenn sie dem rasanten Tempo unserer Zeit nicht gewachsen sind. Das daraus resultierende Scheitern führt zu Unzufriedenheit und das falsche Setzen von Prioritäten.

Biddulph gibt den Kindern mit „Grrrrr!“ genau die Werte an die Hand, die im Leben wirklich zählen. Auf kindgerechte und anschauliche Weise vermittelt er ihnen, dass es im Leben gar nicht immer darum geht, der Beste zu sein. Fred Bär und seine Freunde haben unsere Herzen brüllend erobert!

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? Die Farben

Worum geht die Geschichte? um Bären und ein verschwundenes Brüllen

Wo steht das Buch im Regal? neben „Weggepustet“

Lesezeit: bei Tageslicht, da leuchten die Farben besonders schön

Bester Leseort: die Couch

Schlüpft in die Rolle von: einem Waldbewohner

Kinderfreuden #10: Drachenschnodder

lesenslust über „Drachenschnodder“ von Esther Miskotte

wpid-dsc_0882-01-01.jpeg

Beschreibung:

Eines Tages hallt ein furchtbar lauter Knall durch den Wald und versetzt Kalle Kaninchen und Bär in Angst und Schrecken. Da Bär sich sicher ist, dass das laute Geräusch vom Hügel kam, machen sie sich auf den Weg dorthin, um herauszufinden, was dahinter steckt. Kalle ist der Mutigste und geht voraus, während die anderen Tiere ihm ängstlich folgen.

An der Spitze des Hügels empfängt sie ein giftgrüner Drache, der sie mit einem lauten Hatschiii! empfängt. Er musste aufgrund seiner Erkältung notlanden und nun notgedrungen bis zu seiner Genesung bleiben. Doch sein Drachenschnodder verwandelt den Wald der Tiere in einen nebliges und bakterienverseuchtes Dickicht, weswegen die Waldbewohner ihm vorerst nicht wohlgesonnen sind.

Kalle Kaninchen ist sich sicher, dass der kranke Drache Djordo Vitamine braucht, um gesund zu werden, und bringt ihm einen Korb voller Äpfel. Doch den Drachen interessieren die Äpfel nicht, ihm ist vielmehr nach Prinzessinen, Würstchen oder Steak. Doch die Tiere wollen ihren Wald zurück und versorgen den Drachen solange mit Obst und Gemüse, bis der Hunger über ihn siegt.

wpid-picsart_1445537327541.jpg
Bilder aus dem Buch © Lingen Verlag

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

32 Seiten
21,5 cm x29,5 cm
ISBN: 9783945136423
Esther Miskotte

Lingen Verlag
12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus grossen Augen

Esther Miskotte ist mit „Drachenschnodder“ nicht nur ein lehrreiches sondern auch kreatives Kinderbuch gelungen. Mit liebevollen und farbenfrohen Zeichnungen vermittelt sie den Kleinen, was Mut und Größe ausmacht und was Hilfsbereitschaft alles bewirken kann. Mit dem ungewöhnlichen Titel „Drachenschnodder“ sorgt das Buch schon vor dem Aufschlagen für lächelnde Kindergesichter und sichert sich damit einen großen Wiedererkennungswert im Kinderbuchregal.

Miskottes Konzentration ruht auf zwei Leitfiguren, Kalle Kaninchen und Drache Djordo, die allein durch ihre Namensgebung aus der Geschichte hervorstechen. Während die restlichen Waldbewohner sich mit ihrer Tierart begnügen müssen, schenkt sie ihnen einen zusätzlichen Namen. Schnell wird klar, warum. Denn es ist Kalle Kaninchen, der trotz seiner Größe, am meisten Mut beweist und sich dem Drachen Djordo gegenüberstellt.

Dass Drachen keine Vegetarier sind und viel lieber Prinzessinen verspeisen, als alles andere, bemerken die Kinder schnell. Dennoch ist Miskottes Idee, den verschnupften Drachen mit Obst und Gemüse zu versorgen, gut durchdacht. Schließlich stecken jede Menge Vitamine und Mineralstoffe in den Lebensmitteln, die dem Drachen helfen werden, gesund zu werden. Damit verwebt Maskotte nicht nur die Aspekte einer gesunden Ernährung in ihr Kinderbuch, sondern macht den Kindern auch Lust auf gesundes Essen, das sie oftmals verschmähen. Aber wenn Drachen das essen, essen Kinder das schließlich auch.

Neben dem Ernährungsaspekt scheint die Botschaft der Geschichte aber vorallem der gute Umgang miteinander zu sein. Miskotte zeigt, was Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft ausmacht. Es ist das Miteinander und nicht das Gegeneinander, das zählt. Mit dem Größenunterschied von Drache Djordo und Kalle Kaninchen, zeigt sie zudem, dass wahre Größe nicht von der Körpergröße, sondern vielmehr von der Persönlichkeit eines einzelnen ausgeht.

Das Kinderbuch ist dank seiner großflächigen und farbenfrohen Zeichnungen wunderschön anzusehen. Da die Geschichte vielmehr von den Bildern, als vom begleitenden Text lebt, eignet sie sich nicht nur zum Vorlesen, sondern kann von den Kleinen auch problemlos in Eigenregie entdeckt werden.

wpid-dsc_0887-01.jpeg
Bild aus dem Buch © Lingen Verlag

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfigur der Geschichte: Drache Djordo

Lieblingswort: Drachenschnodder

Bester Leseplatz: auf dem Sofa

Futtert dabei am liebsten: Äpfel

wpid-dsc_0889-01.jpeg

 

Ein ganzes halbes Leben..

lesenslust über „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes

image

„Es waren“, erklärte ich ihm, „die besten sechs Monate meines Lebens“. Darauf folgte ein langes Schweigen. „Komisch, Clark, bei mir ist es genauso“. Und dann, einfach so, brach mir das Herz.

Zitat, Seite 509

Lou und Will sind zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die schräge Lou aus der Arbeiterschicht und der charismatische Will aus der Upper Class. Doch als Will von einem Motorrad erfasst wird und zu einem lebenslangen Pflegefall im Rollstuhl wird, sind die Eltern auf der Suche nach einer optimistischen Betreuung für den suizidgefährteten Sohn.

So führt das Schicksal die beiden zusammen. Lou, die erst kürzlich ihren Job in einem Café verloren hat, wittert in dem gutbezahlten Job für sechs Monate ihre Chance. Doch was sich zunächst wie ein bloßer Übergangsjob präsentiert, erfordert schon bald ihre gesamte Hingabe. Und während sie den trotzigen und unausstehlichen Will am Anfang von ganzem Herzen hasst, beginnt sie sich Stück für Stück sein Vertrauen zu erobern.

Nie hätte sie vermutet, dass diese Begegnung ihr ganzes Leben verändert.

„Wenn man plötzlich in ein ganz neues Leben katapultiert wird ist es, als würde man sich die Nase am Wohnzimmerfenster von fremden Leuten platt drücken –  es bringt einen dazu, neu zu überdenken, wer man eigentlich ist. Oder wie man auf andere Leute wirkt.“

Zitat, Seite 89

Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die Jojo Moyes da geschrieben hat und auch eine der schönsten. Denn in „Ein ganzes halbes Leben“ lässt Moyes nicht nur zwei Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen, sondern auch zwei völlig gegensätzliche Individuen, die auf den ersten Blick gar nicht zueinander passen.

In ihrem Bestseller erzählt Moyes die Geschichte von Lou und Will. Lou, eine quirlige und etwas schräg gekleidete Frau Ende Zwanzig, ist seit kurzem arbeitslos und völlig anspruchslos, was ihr Leben angeht. Will, ein charismatischer und ehemals lebenshungriger Mann Anfang Dreißig, mutiert nach einem Unfall zu einem suizidgefährteten und pessimistischen Krübbel im Rollstuhl.

Als sie das erste Mal aufeinander treffen, ist Will Lou zuwider. Sie hasst seine auf sich ruhenden Blicke, begleitet von seiner unerträglichen Schweigsamkeit. Später werden es seine bissigen Kommentare, mit denen er Lou das Gefühl gibt, nie gut genug zu sein. Doch es ist keine Antipathie, auf denen Wills Gesten beruhen, sondern vielmehr seine Verzweiflung und der Hass, der dem Umstand gilt, an den Rollstuhl gefesselt und von anderen abhängig zu sein. Lou macht ihm seine Unfähigkeit täglich bewusst. Das ist kein Leben, das Will führen will.

„Sie müssen weg von hier, Clark. Sie müssen mir versprechen, nicht den Rest ihres Lebens in dieser verdammten Vorlage für ein Platzset zu verbringen.“

Zitat, Seite 277

Doch mit der Zeit wird Will weicher und zugänglicher. Er erkennt in Lou die Persönlichkeit, die sie selbst nicht zu kennen scheint und die viel stärker ist, als sie denkt. Er beginnt ihr Facetten des Lebens aufzuzeigen, die es für Lou noch zu entdecken gilt. Und auch Lou zeigt Will einen Blick auf das Leben, dem er sich aufgrund seines Zustands lange Zeit verwehrt hat. Sie bereichern sich gegenseitig, wachsen aneinander wie eine zarte Knospe zur Blüte reift.

Doch es ist nicht nur die folgenschwere Begegnung von Lou und Will, die Moyes Geschichte so einzigartig macht. Neben der Hauptgeschichte gibt uns die Autorin auch einen sehr einfühlsamen und authentischen Einblick in Wills Familie. In den Alltag von Familienangehörigen, der fortan von einem Pflegefall bestimmt wird und verhindert, dass sie ihr bisheriges Leben weiterleben können. Moyes Zeilen beherbergen Verzweiflung, Wut und Trauer. Sie sind getränkt von emotionaler Tiefe und treffen dich damit mitten ins Herz.

„Ich sah Will an und hatte das Baby vor mir, das ich in den Armen gehalten hatte, in das ich völlig vernarrt gewesen war, beinahe außerstande zu glauben, dass aus mir ein anderes menschliches Wesen hervorgegangen war. Ich sah das Kleinkind, das nach meiner Hand griff, den Schuljungen, der sich Tränen des Zorns abwischte, weil ihn ein anderes Kind schikaniert hatte. Ich sah die Verletzlichkeit, die Liebe, die Geschichte. Und er bat mich darum, das alles auszulöschen – das kleine Kind genauso wie den Mann -, all die Liebe, all die Geschichte.“

Zitat, Seite 161

Lange Zeit habe ich mich Moyes Roman verwehrt. Ich habe eine typische Liebesgeschichte vermutet, wie es bereits zahlreiche gibt. Oberflächlich, unrealistisch und viel zu kitschig. Das war ein Fehler. Denn eigentlich habe ich mich nie mit der wirklichen Geschichte diesen Romans auseinandergesetzt oder ihr eine reele Chance gegeben. Letztendlich waren es die vielen Empfehlungen von Freunden, die mich vehement auf das Buch und seine rührende Geschichte verwiesen. Dass ich irgendwann nachgegeben und doch zum Buch gegriffen habe, habe ich im Nachhinein nicht bereut.

Auch wenn Moyes Geschichte etwas flach beginnt und erst langsam in Fahrt kommt, hat die Autorin mir eine sehr gefühlvolle Lesezeit beschert. Sie hat mir vor Augen gehalten, was es für ein Privileg ist, ohne körperliche Einschränkungen durchs Leben gehen zu können und wovon wahres Glück wirklich abhängt. Ihr Roman basiert auf tiefem Mitgefühl, auf Menschlichkeit und der unerschütterlichen Kraft der Liebe. Eine Geschichte, auf dessen Fortsetzung ich mich nun tatsächlich freue.

Es geht mir gut. Ich will einfach […] Ich will einfach noch nicht hineingehen. Ich will einfach hier sitzen und nicht daran denken…“ Er schluckte. Sogar im Halbdunkel wirkte dieses Schlucken mühsam. Ich will einfach… ein Mann sein, der mit einem Mädchen im roten Kleid im Konzert war. Dieser Mann will ich einfach noch ein paar Minuten länger sein.

Zitat, Seite 238

❤ ❤ ❤ ❤

image

 

 

Luftschlösser..

lesenlust über „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

image

Jeannettes Kindheit ist von vielen Nacht- und Nebelaktionen bestimmt, in denen sie mit ihrer Familie Hals über Kopf den Wohnort wechselt. Für sie ist es ein unendlich großes Abenteuer mit farblich wechselnden Rostlauben von Ort zu Ort zu gurken und alles Wichtige von ihren Eltern zu lernen, anstatt wie andere Kinder in der Schule zu sitzen. Regeln engen ein, entfalten könne man sich laut ihren Eltern nur, wenn man alle Freiheiten der Welt hat.

Dass die Familie kaum etwas zu Essen hat und zerrissene Kleider am Körper trägt, ist ein notwendiges Übel für die berauschende Zukunft, die ihnen ihr Vater prophezeit. Schließlich wird er ihnen eines Tages ein Zuhause bauen, wie es noch niemand gesehen hat: Groß, glänzend und gläsern. Ein Schloss aus Glas.

So schlafen die Kinder Tag für Tag in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit knurrenden Mägen in Pappkartons ein und erwachen in modrigen kalten Bruchbuden irgendwo am Arsch der Welt. An Weihnachten holt der Vater ihnen die Sterne vom Himmel, jagt mit ihnen unsichtbare Dämonen und unterhält sie mit kühnen Abenteuergeschichten, die seiner wilden Fantasie entspringen.

Doch der unkonventionelle Lebensstil der Eltern birgt auch eine Menge Gefahren in sich, die bei den Kindern für Verletzungen jeglicher Art sorgen. Schon mit drei Jahren steht die kleine Jeannette bei dem Versuch sich selbst Hot Dogs zu kochen, in Flammen, und erleidet schlimmste Verbrennungen, deren Narben sie ihr Leben lang begleiten. Laut Rex und Rose Mary Walls ist das kein Weltuntergang, schließlich bräuchten Kinder solche Lehren, um für’s Leben zu lernen.

„Mom sagte immer, die Leute  würden sich einfach zu viele Sorgen um ihre Kinder machen. In jungen Jahren zu leiden tut jedem gut, erklärte sie. Es stärkt den Körper und die Seele, und deshalb achtete sie nicht auf uns Kinder, wenn wir weinten. Weinende Kinder zu betütern führt höchstens dazu, dass sie noch weinerlicher werden, sagte sie zu uns. Das ist bloß positive Verstärkung eines negativen Verhaltens.“

Zitat, Seite 41

Je älter Jeannette wird, umso mehr ist ihr die egoistische Künstlernatur ihrer Mutter, die ihren Kindern das Essen vor der Nase wegfrisst und der versoffene Vater, der in der Hoffnung auf Alkohol und Zigaretten nicht einmal davor zurückschreckt, seine Tochter von älteren Männern begrapschen zu lassen, zuwider. Gemeinsam mit ihrer Schwester Lori schmiedet sie einen Plan: die Flucht vor ihrer eigenen Familie.

„Ich fragte mich, ob alle Feuer miteinander verwandt waren, so wie Dad sagte, dass alle Menschen miteinander verwandt waren. […] Ich hatte keine Antwort auf meine Frage, ich wusste nur, dass ich in einer Welt lebte, die jeden Augenblick in Flammen aufgehen konnte. Ein solches Wissen hält dich auf Trab.“

Zitat, Seite 50

In „Schloss aus Glas“ berichtet Jeannette Walls von einer ungewöhnlichen Kindheit in einer unangepassten Familie. Es ist ihre persönliche Geschichte. Der autobiographische Roman der Autorin, der von Dreck, Hunger und seelischem Schmerz begleitet wird, sorgt dennoch, oder gerade deshalb, für große Begeisterung.

Walls verfrachtet ihre Leser in die rostigen Gefährte der Familie und lässt sie Teil dieser seltsamen Reise über die Straßen der Welt werden, in der Kinder während der Fahrt aus dem Auto fallen oder auf stockfinsteren Ladeflächen um Luft ringen. Sie richtet uns neben ihren Geschwistern einen schäbigen Pappkarton zum Schlafen her, lässt uns durch modrige alte Häuser wandern, wo die morschen Holzböden unter unserem Gewicht ächzen und die Zimmer bei Regen unter Wasser stehen. Wir stürzen uns halb verhungert über Margarine mit Zucker her, ignorieren den grünen modrigen Film auf dem nichtgekühlten Schinken oder durchforsten Abfalleimer nach verbliebenen Essensresten.

Es sind lebendige Zeilen, mit denen uns Walls von dieser abenteuerlichen Kindheit berichtet. Eine Kindheit, auf die sie trotz des üblen Beigeschmacks nicht mit Verbitterung zu blicken scheint, sondern vielmehr mit Liebe und Wehmut. Walls präsentiert sich als eine exzellente Geschichtenerzählerin, weshalb sie selbst für die erschreckensten Momente die richtigen Worte findet und ihre Momentaufnahmen uns wie glitzernd große Abenteuer begegnen.

Als Ich-Erzählerin erzählt sie von dieser Kindheit in Form eines Rückblicks in die Vergangenheit, während die Geschichte in der Gegenwart beginnt und Walls, längst wohl situiert und teuer bekleidet, zu einer Party in Manhattan fahren lässt. Auf dem Weg dorthin erblickt sie eine Obdachlose, die in Abfalleimern nach Essensresten wühlt und von der sie nicht gesehen werden will. Denn es ist Rose Mary Walls. Eine Mutter, für die sie sich schämt, und der, wie es scheint, sie nicht zu helfen versucht. Man fragt sich, wie es zu einer solchen Haltung kommen konnte und stößt dabei auf den Motor von Walls biographischem Debüt.

Es ist ein Buch, das jeder lesen sollte. Es trifft dich mit emotionaler Wucht und lässt dich ergriffen zurück. Es entsetzt dich ebenso sehr, wie es dich begeistert. Es ist eine Überlebensgeschichte, wie sie Tausende von Menschen als ihre eigene bezeichnen könnten. Menschen, die auf der Straße leben und die von vorbeilaufenden Passanten angewidert betrachtet werden. Dabei kennt keiner ihre Geschichte. Manche von ihnen sitzen dort gewollt, andere hatten nie eine wirkliche Wahl.

Es ist beeindruckend, wieviel seelische Stärke und Ausdauer Jeannette und ihre Geschwister während ihrer Kindheit bewiesen haben und noch viel beeindruckender, dass sich fast alle ihren Traum von einem besseren Leben erfüllt haben. Selten liest man eine so atemberaubende Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Chapeau Mrs. Walls!

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

image

Widerspenstiges Glück..

lesenslust über „Die Widerspenstigkeit von Glück“ von Gabrielle Zevin

image

Ich glaube nicht an Gott, ich bin nicht fromm, aber diese Buchhandlung ist für mich so etwas wie eine Kirche. Sie ist ein heiliger Ort.”

Zitat, Seite 285

A.J. Fikry lebt auf Alice Island, einer abgelegenen Insel fernab des Trubels. Auf der Insel, auf die ausschließlich im Sommer ein paar Touristen schwappen, hat er sich mit seiner Frau Nic eine kleine literarische Oase geschaffen. Doch als Nic bei einem Autounfall stirbt, will das Geschäft von Island Books nicht mehr richtig laufen. Kaum ein Besucher verirrt sich mehr in das Innere des Buchladens und Fikry wird zunehmend sonderbarer. Er ist kauzig und abweisend und schlägt selbst die spärlichen Besucher des Ladens erfolgreich in die Flucht.

Eines Tages verschwindet sein wertvollstes Buch aus dem Laden und raubt ihm nicht nur die letzten finanziellen Reserven, sondern auch die letzte Hoffnung. Er klammert sich an den Alkohol und hangelt sich schon bald durch von Tiefkühlpizza und Wein begleitete Abende. Doch der Verlust des Buches ist mit einem ungewöhnlichen Geschenk verbunden: denn auf dem Boden der Kinderbuchabteilung sitzt plötzlich die zweijährige Maya, mit der Bitte der Mutter, sich ihr anzunehmen.

Aus der skeptischen Annäherung zu dem zweijährigen Waisenkind wächst langsam aber sicher große Zuneigung heran, und plötzlich beginnt der kauzige Fikry endlich wieder zu leben.

„A.J. sieht Maya in ihrem rosa Partykleid und spürt ein unbestimmt vertrautes, fast unerträgliches Kribbeln in sich. Er möchte laut herauslachen oder mit der Faust an eine Wand schlagen. Er fühlt sich betrunken und hat gleichzeitig das Gefühl zu platzen. Wahnsinn. Das Gefühl muss Glück sein, dann aber stellt er fest, dass es Liebe ist. Scheißliebe, denkt er. So ein Ärger. Sie ist seinem Plan, sich zu Tode zu saufen und sein Geschäft zu ruinieren, gründlich in die Quere gekommen.“

Zitat, Seite 92

„Die Widerspenstigkeit des Glücks“ ist nicht das, was man möglicherweise beim ersten Blick auf das Cover erwartet. Unaufdringlich und schnörkellos erzählt Gabrielle Zevin eine Geschichte mitten aus dem Leben. Von Entwicklungen, die vom Schicksal geprägt sind und deren glückliche Fügungen den unglücklichen nie allzu fern sind. Die Autorin verzichtet auf Kitsch und unnötige Klischees und bedient sich lediglich eines ruhigen und authentischen Schreibstils, der mitten ins Herz geht, weil er die Dinge eben genau so benennt, wie sie sind. Es gibt kein Glitzer oder Feenstaub. Sondern eben einfach das Leben.

Meine Sympathien heimst Zevins Protagonist Fikry auf den ersten Seiten allerdings nicht wirklich ein. Er ist kauzig und verbittert, ein fast schon unausstehlicher Zeitgenosse, der mit seiner abweisenden Art reihenweise Besucher in die Flucht schlägt; allen voran die Verlagsvertreterin Amelie, die Fikry im Nachhinein betrachtet, eigentlich gar nicht so übel findet.

Doch als die kleine Maya in das Leben des Buchhändlers tapst, verändert sich Fikry zunehmend. Das wissbegierige Waisenkind, das scheinbar ganz genau zu wissen scheint, was es will, hat es ihm angetan. Er kann sich Mayas quirligem Naturell nur schwer entziehen. Jetzt, wo sie keine Eltern mehr hat, muss sich schließlich irgendwer dem Mädchen annehmen. Mit dieser Begegnung scheint Zevin zwei Gestrandete aufeinandertreffen zu lassen, die sich fortan bereichern, miteinander wachsen und die Geschichte auf eine sehr liebevolle Art prägen.

„Lieb dich“, sagt Maya. – „Ja, das sagt sie ständig“, sagt A. J. „Ich habe sie davor gewarnt, Liebe zu verschenken, die der andere noch nicht verdient hat, aber ehrlich gesagt liegt es an dem Einfluss von diesem heimtückischen Elmo. Wissen Sie, der liebt wirklich jeden.“

Zitat, Seite 83

Zu Beginn jeden Kapitels stößt der Leser auf Fikrys literarische Notizen seiner Bücher. Sie drehen sich um die jeweiligen Geschichten und deren Moral und scheinen allesamt an Maya adressiert zu sein. Und während man sich am Anfang der Geschichte noch fragt, warum es diese Notizen überhaupt gibt, wird dem Leser irgendwann klar, dass auch sie auf eine unerwartete vom Schicksal bestimmte Entwicklung der Geschichte beruhen.

Zevin erzählt nicht nur die Geschichte von Fikry und Maya, sondern auch die der vielen Inselbewohner von Alice Island, die nach und nach alle Teil der Geschichte werden. Das Schicksal jedes Einzelnen hat dabei unweigerlich Einfluss auf das Leben des Anderen. Die Figuren des Romans scheinen alle mit einem zarten unsichtbaren Band verbunden. Zevin zeigt uns damit einmal mehr, welche Kraft zwischenmenschliche Verbindungen haben und wozu Freundschaft und Liebe alles fähig ist. „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ ist nicht nur eine Geschichte über das Leben sondern auch die über die Liebe zur Literatur.

„Die Leute tischen dir fade Lügen über Politik, Gott und die Liebe auf. Alles was du über einen Menschen wissen musst, erfährst du aus der Antwort auf die Frage: Welches ist dein Lieblingsbuch?“

Seite 107

„Ganz kurz, ehe der Laden aufmacht, bezieht Maya in dem Gang mit den Bilderbüchern Stellung. Jedem Buch nähert sich Maya zunächst mit der Nase. Sie nimmt den Schutzumschlag ab, hält es sich ans Gesicht und legt sich die Buchdeckel an die Ohren. Bücher riechen typischerweise wie Daddys Seife, Gras, Meer, der Küchentisch, Käse oder wie eine Kombination aus allem.“

Zitat, Seite 100

wpid-wp-1444162040640.jpg

❤ ❤ ❤ ❤