Das Ende der Freiheit

lesenslust über das Hörspiel „Wir“ von Jewgenij Samjatin/ Gisela Drohaa

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„Hunderte, tausende Nummern mit goldenen Abzeichen an der Brust, die uns vom Staat gegebene Nummer die wir tragen. Strahlendes Glück des blauen Himmels, nirgends ein Gesicht, das verdüstert ist. Überall heller Glanz. Alles aus einer leuchtenden lächelnden Materie gewogen.“

Wir schreiben das 26. Jahrhundert. Die Menschheit, die sich früher einer zügellosen Freiheit hingegeben hat, besteht nur noch aus durchnummerierten einheitlichen Bürgern. Wie ein perfekt eingestelltes Uhrwerk herrscht „der einzige Staat“ über sie. Lässt sie in durchsichtigen, wie aus Luft gewebten Häusern hausen und sie durchweg bewachen.

Selbst das intime Beisammensein ist den Bürgern vorgeschrieben. Ausschließlich an festgelegten Geschlechtstagen darf man sich der sexuellen Lust hingeben und sich dem Recht bedienen, mit der Nummer seiner Wahl zu schlafen. Die Liebe wird dabei als ein Beherrscher der Welt erachtet; eine unnötige Gefühlsregung, die die Sinne benebelt und den perfekten Bürger vom Weg abkommen lässt. Einzig und allein die Fortpflanzung scheint hierbei im Vordergrund zu stehen.

Auch der 32-jährige Mathematiker D-503 lebt unter dem Volk „des einzigen Staates“. Für den Konstrukteur des Integral, einem Raketenflugzeug, mit dem schon bald das Weltall befahren werden soll, zählt einzig und allein die Logik und eine funktionierende Einheit, ein Kollektiv von geordneten Nummern. Doch als er der rebellischen I-330 begegnet, gerät seine durchgetaktete Welt aus den Fugen. Er ist sowohl merkwürdig fasziniert als auch angewidert von der Nummer, die sich gegen die Regeln des einzigen Staates aufzubäumen scheint und sich frei wie ein Vogel durch das Land jenseits der grünen Mauer bewegt.

Eine Versuchung, die sein gesamtes Denken und Handeln einnimmt und bald schon schwerwiegende Konsequenzen mit sich bringt.

„Diese Frau ist ebenso unangenehm wie ein unlösbares irrationales Glück, das unvermutet in einer Gleichung auftaucht.“

Bereits 1920 erschien „Wir“ als Vorläufer von „1984“ des russischen Autors Jewgeni Samjatin. In seiner Dystopie, die jetzt als aufwendig produziertes Hörspiel auf CD erschienen und als „Bestes Hörbuch 2016“ ausgezeichnet wurde, beschreibt Samjatin auf düster lebendige Weise von einer gläsernen Gesellschaft und dem Ende der Freiheit.

Das packende Hörspiel, das der SWR mit einem Geräuschemacher, dem Radiosymphonieorchester und vielen prominenten Schauspielern aufgenommen hat, hat mir trotz seiner überwältigenden Art, oder gerade deshalb, einiges abverlangt. Es ist aufgrund seines aufwendig gestalteten Gewands inhaltlich nämlich nicht leicht zu erfassen. Die Geschichte, die mich an sich schon auf völlig unbekanntes Terrain begeben ließ, bringt als Hörspiel sicherlich noch ein paar zusätzliche Hürden mit sich.

So reise ich mit Samjatin und seinem Protagonisten D-503 fünf Jahrhunderte in die Zukunft. Ein Volk von Nummern umgibt mich. Die Menschen bilden eine fast schon mechanische Armee, die der „große Wohltäter“, das Oberhaupt des Staates, sich mithilfe eines Regelwerks zu perfekten Nummern herangezogen hat. Mit der Begegnung von D-503 und I-330 durchbricht Samjatin diese perfekte Welt und streut eine gehörige Portion Leidenschaft, Fantasie und Zügellosigkeit in den Raum.

Die imposanten Untermalungen des Symphonieorchesters nehmen im Hörspiel einen sehr dominanten Part ein, der je nach Situation von D-503’s Eintragungen an Intensität an- bzw. abschwillt. Neben den vielen anspruchsvollen Hürden, die ich in „Wir“ überwinden musste, hat mich Samjatins Darstellung eines Geräts namens Musikometer, mit dem man bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren kann und seine insgesamt ganzheitliche Betrachtungsweise sehr fasziniert. Auch die Begeisterung als eine Art der Epilepsie zu betrachten, ist gleichermaßen brillant wie gestört. Mit argwöhnischem Blick schaut er auf das scheinbar ungeordnete und zügellose Treiben der Menschen des 21. Jahrhunderts. So scheinen ein Klavier, ein Bücherregal oder die Anordnung unserer Wohnungen im 26. Jahrhundert nicht mehr en vogue zu sein, da man sich bei ihrer Bedienung von Gefühlen leiten lassen muss.

„Wir“ ist ein 95-minütiges Hörbuch, dass sich wie eine große Maschinerie aus unendlich vielen kleinen Bestandteilen präsentiert und sowohl von der musikalischen Untermalung als auch der Wandlungsfähigkeit seiner wechselnden Hörbuchsprecher lebt.

„Ich glaube, dass die schwierigste höchste Form der Liebe, die Grausamkeit ist.“

Im Rahmen eines besonderen Hörbuchprojekts, initiiert von Kerstin Scheurer, haben sich Buchblogger den Preisträgern des Deutschen Hörbuchpreises 2016, der heute Abend verliehen wird, angenommen.

Mit Klick auf den Link kommt ihr zu der jeweiligen Besprechung

Preis: „Beste Interpretin“ für Sophia Rois

  • Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ von David Foster Wallace Fantasie und Träumerei

Preis: „Bester Interpret“ für Lars Eidinger

  • „Wir“ von Jewgenij Samjatin / Gisela Drohaa – meine Wenigkeit & The Read Pack

Preis: „Bestes Hörspiel“

  • „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor / Klaus BinderKerstin Scheurer

Preis: „Bestes Sachhörbuch“

Preis: „Beste Unterhaltung“

  • Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich als „Die drei ???“ – Rezensionär

Preis: Sonderpreis

Luftschlösser..

lesenlust über „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

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Jeannettes Kindheit ist von vielen Nacht- und Nebelaktionen bestimmt, in denen sie mit ihrer Familie Hals über Kopf den Wohnort wechselt. Für sie ist es ein unendlich großes Abenteuer mit farblich wechselnden Rostlauben von Ort zu Ort zu gurken und alles Wichtige von ihren Eltern zu lernen, anstatt wie andere Kinder in der Schule zu sitzen. Regeln engen ein, entfalten könne man sich laut ihren Eltern nur, wenn man alle Freiheiten der Welt hat.

Dass die Familie kaum etwas zu Essen hat und zerrissene Kleider am Körper trägt, ist ein notwendiges Übel für die berauschende Zukunft, die ihnen ihr Vater prophezeit. Schließlich wird er ihnen eines Tages ein Zuhause bauen, wie es noch niemand gesehen hat: Groß, glänzend und gläsern. Ein Schloss aus Glas.

So schlafen die Kinder Tag für Tag in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit knurrenden Mägen in Pappkartons ein und erwachen in modrigen kalten Bruchbuden irgendwo am Arsch der Welt. An Weihnachten holt der Vater ihnen die Sterne vom Himmel, jagt mit ihnen unsichtbare Dämonen und unterhält sie mit kühnen Abenteuergeschichten, die seiner wilden Fantasie entspringen.

Doch der unkonventionelle Lebensstil der Eltern birgt auch eine Menge Gefahren in sich, die bei den Kindern für Verletzungen jeglicher Art sorgen. Schon mit drei Jahren steht die kleine Jeannette bei dem Versuch sich selbst Hot Dogs zu kochen, in Flammen, und erleidet schlimmste Verbrennungen, deren Narben sie ihr Leben lang begleiten. Laut Rex und Rose Mary Walls ist das kein Weltuntergang, schließlich bräuchten Kinder solche Lehren, um für’s Leben zu lernen.

„Mom sagte immer, die Leute  würden sich einfach zu viele Sorgen um ihre Kinder machen. In jungen Jahren zu leiden tut jedem gut, erklärte sie. Es stärkt den Körper und die Seele, und deshalb achtete sie nicht auf uns Kinder, wenn wir weinten. Weinende Kinder zu betütern führt höchstens dazu, dass sie noch weinerlicher werden, sagte sie zu uns. Das ist bloß positive Verstärkung eines negativen Verhaltens.“

Zitat, Seite 41

Je älter Jeannette wird, umso mehr ist ihr die egoistische Künstlernatur ihrer Mutter, die ihren Kindern das Essen vor der Nase wegfrisst und der versoffene Vater, der in der Hoffnung auf Alkohol und Zigaretten nicht einmal davor zurückschreckt, seine Tochter von älteren Männern begrapschen zu lassen, zuwider. Gemeinsam mit ihrer Schwester Lori schmiedet sie einen Plan: die Flucht vor ihrer eigenen Familie.

„Ich fragte mich, ob alle Feuer miteinander verwandt waren, so wie Dad sagte, dass alle Menschen miteinander verwandt waren. […] Ich hatte keine Antwort auf meine Frage, ich wusste nur, dass ich in einer Welt lebte, die jeden Augenblick in Flammen aufgehen konnte. Ein solches Wissen hält dich auf Trab.“

Zitat, Seite 50

In „Schloss aus Glas“ berichtet Jeannette Walls von einer ungewöhnlichen Kindheit in einer unangepassten Familie. Es ist ihre persönliche Geschichte. Der autobiographische Roman der Autorin, der von Dreck, Hunger und seelischem Schmerz begleitet wird, sorgt dennoch, oder gerade deshalb, für große Begeisterung.

Walls verfrachtet ihre Leser in die rostigen Gefährte der Familie und lässt sie Teil dieser seltsamen Reise über die Straßen der Welt werden, in der Kinder während der Fahrt aus dem Auto fallen oder auf stockfinsteren Ladeflächen um Luft ringen. Sie richtet uns neben ihren Geschwistern einen schäbigen Pappkarton zum Schlafen her, lässt uns durch modrige alte Häuser wandern, wo die morschen Holzböden unter unserem Gewicht ächzen und die Zimmer bei Regen unter Wasser stehen. Wir stürzen uns halb verhungert über Margarine mit Zucker her, ignorieren den grünen modrigen Film auf dem nichtgekühlten Schinken oder durchforsten Abfalleimer nach verbliebenen Essensresten.

Es sind lebendige Zeilen, mit denen uns Walls von dieser abenteuerlichen Kindheit berichtet. Eine Kindheit, auf die sie trotz des üblen Beigeschmacks nicht mit Verbitterung zu blicken scheint, sondern vielmehr mit Liebe und Wehmut. Walls präsentiert sich als eine exzellente Geschichtenerzählerin, weshalb sie selbst für die erschreckensten Momente die richtigen Worte findet und ihre Momentaufnahmen uns wie glitzernd große Abenteuer begegnen.

Als Ich-Erzählerin erzählt sie von dieser Kindheit in Form eines Rückblicks in die Vergangenheit, während die Geschichte in der Gegenwart beginnt und Walls, längst wohl situiert und teuer bekleidet, zu einer Party in Manhattan fahren lässt. Auf dem Weg dorthin erblickt sie eine Obdachlose, die in Abfalleimern nach Essensresten wühlt und von der sie nicht gesehen werden will. Denn es ist Rose Mary Walls. Eine Mutter, für die sie sich schämt, und der, wie es scheint, sie nicht zu helfen versucht. Man fragt sich, wie es zu einer solchen Haltung kommen konnte und stößt dabei auf den Motor von Walls biographischem Debüt.

Es ist ein Buch, das jeder lesen sollte. Es trifft dich mit emotionaler Wucht und lässt dich ergriffen zurück. Es entsetzt dich ebenso sehr, wie es dich begeistert. Es ist eine Überlebensgeschichte, wie sie Tausende von Menschen als ihre eigene bezeichnen könnten. Menschen, die auf der Straße leben und die von vorbeilaufenden Passanten angewidert betrachtet werden. Dabei kennt keiner ihre Geschichte. Manche von ihnen sitzen dort gewollt, andere hatten nie eine wirkliche Wahl.

Es ist beeindruckend, wieviel seelische Stärke und Ausdauer Jeannette und ihre Geschwister während ihrer Kindheit bewiesen haben und noch viel beeindruckender, dass sich fast alle ihren Traum von einem besseren Leben erfüllt haben. Selten liest man eine so atemberaubende Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Chapeau Mrs. Walls!

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Das Puzzle des Lebens..

lesenslust über „Morgen bist du noch da“ von Mila Lippke

~*°..Story.. °*~

Lioba (kurz Lio) ist Anfang vierzig und Künstlerin. In Berlin lebt sie ein Leben, dass sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin Tetra mühsam aufgebaut hat. Ein freieres Leben, dass Sie auf ihre schwierige Kindheit in Köln zurückblicken lässt. Durch ihre verhaltene und eigentümliche Art hat ihr die Mutter nicht nur die Luft zum Atmen genommen sondern sich auch wie Ballast auf sie gelegt.

Seit dem Auszug hat sich deshalb komplett zurückgezogen. Das Verhältnis der beiden ist dadurch gespalten. Mit der Einladung zu ihrer Ausstellungseröffnung in einer Galerie in Berlin wagt Lio nach langer Zeit erstmals wieder einen Schritt auf die Mutter zu. Sie ist fest entschlossen, sich endlich Klarheit über ihren Vater zu verschaffen, dessen Identität ihr die Mutter seit der Kindheit verheimlicht.

Doch ein Schlaganfall der Mutter am Abend von Lios Eröffnung wirft sie erneut zurück an den Anfang. Ihre Mutter, die nach dem Unfall halbseitig gelähmt ist, wird Lios Fragen nun nicht beantworten können. Fragen, die Lio nicht loslassen.

Um für die Mutter ein paar Sachen zusammenzupacken, fährt Lio nach Köln. Bei ihrem Besuch in der Wohnung stößt sie auf Papiere und Fotos der Mutter, die ihr als Wegweiser in die Vergangenheit dienen. Lio kann sich dem magischen Sog dieser Erinnerungsstücke nicht entziehen und beschließt, die Antworten auf ihre Fragen selbst zu suchen. Sie begibt sich dadurch auf eine Reise, die ihr Leben von Grund auf verändern wird.

~*°..Mein Fazit.. °*~

Mila Lippke erzählt in „Morgen bist du noch da“ die Geschichte einer speziellen Mutter-Tochter-Beziehung. Lio wächst ohne Vater auf. Die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter ist schwierig. Oft wirkt die Mutter durch ihre abwesende Haltung gefühlskalt, weshalb sie Lio nur wenige Momente mütterlicher Fürsorge schenkt. Die Vergangenheit bleibt für Lio ein einziges Mysterium. Der Frage nach dem Vater weicht die Mutter aus.

Schmerzhafte Erfahrungen prägen. Ihre Macht zehrt oft auch noch Jahre später an uns. Auch Lios Mutter musste in ihrer Kindheit solche Momente erfahren. Momente, die an ihr haften blieben. Momente, die sie in ihrer Entwicklung einschränkten und die sie zu einem ängstlichen Menschen werden ließen. Zu einem Menschen, dem es schwerfällt, Gefühle zuzulassen.

„Erinnerungen entstehen im Kopf. Wenn unser Gedächtnis ein Licht auf sie wirft, erscheinen sie in allen Farben des Regenbogens. Aber es gibt Ereignisse, auf die nie das Licht der Erinnerungen fällt, die über Jahre hinweg, manchmal eine Leben lang, im Schatten verborgen liegen. Wenn ich lange genug hinblickte, dachte ich, müsste ich doch die Farben erkennen können, in denen die Vergangenheit gemalt war.“

Zitat, Seite 163

Lio, die anfangs nur wenig über ihre Mutter und dem Leben vor ihrer Geburt weiß, entdeckt auf der Reise in die Vergangenheit einzelne, auf den ersten Anschein nicht zueinander passende, Puzzleteile. Aus ihnen entsteht im Verlauf der Geschichte ein Lebenspuzzle, dass Lio Schritt für Schritt Zugang in die Gefühlswelt ihrer Mutter verschafft. Erstmals kann Lio Mitgefühl und Verständnis für den Menschen aufbringen, der ihr ein Leben lang fremd erschien.

„Ohne Luft könnten wir nicht überleben. Sie ist zwar unsichtbar und lässt nur erahnen, wenn der Windhauch die Spitzen der Grashalme zum Erzittern bringt oder ein Sturm die Äst der Bäume unter sich biegt. Doch obwohl wir sie nicht sehen können, gehört die Luft zum Leben dazu. Wie unsere Erinnerungen.“

Zitat, Seite 229
Die Autorin schuf in diesem Buch ein einzigartiges Beziehungsgeflecht. Wie in einem Spinnennetz verfangen sich die unterschiedlichsten Ereignisse aus Gegenwart und Vergangenheit in den einzelnen Fäden und bilden aneinandergereiht eine bunte und abwechslungsreiche Geschichte. Der Sprung zwischen Vergangenheit und Gegenwart lässt die unterschiedlichsten Menschen Teil dieser Geschichte werden. Die lebendige Sprache der Autorin und ihre Liebe fürs Detail lässt nicht nur Emotionen, Gegenstände und Ereignisse zum Leben erwecken, sondern verleiht ihnen damit auch einen besonderen Glanz.

Die Intensität der Worte verzauberte mich so sehr, dass ich Lio und ihre Mutter gerne noch ein Stück ihres Weges begleitet hätte. Für ein paar besonders leuchtende und magische Momente schenke ich Milas Buch daher 5 von 5 möglichen Porzellantassen.