Schicksal auf Rollen

lesenslust über „Riviera Express“ von Gaëlle Josse

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Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

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Intimes Kopfkino

lesenslust über „6 Uhr 41“ von Jean-Philippe Blondel

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Nach einem anstrengenden Wochenende bei ihren Eltern sitzt Cécile Duffaut am Montag Morgen um 6 Uhr 41 im Pendelzug nach Paris. Der Platz neben ihr ist frei und bleibt es sonderbarer Weise auch für eine Weile, obwohl der Zug längst bis zum Bersten voll ist. Doch ehe Cécile ihre Verwunderung darüber zu groß werden lassen kann, setzt sich ein Mann neben sie, den sie auf Anhieb erkennt:  Philippe Leduc – der Mann, mit dem sie vor 27 Jahren zusammen war.

Doch was sie aus dem Augenwinkel sieht, erinnert nicht mehr an den attraktiven Philippe von damals, sondern zeigt ihr vielmehr einen gealterten Mann mit Bauchansatz,  hängenden Schultern und matten Gesichtszügen. Sie ist entsetzt, schier beklemmt und hat keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll. Soll sie ihn ansprechen oder vielmehr darauf warten, dass er es tut? Was hat man sich nach 27 Jahren schon noch zu sagen?

„Glatte Oberfläche, keine Unebenheiten. Kaum Kratzer. Es gibt solche Menschen, die förmlich durch das Leben schweben, und erst nach den ersten persönlichen oder beruflichen Enttäuschungen, dem Tod eines Elternteils oder eines Freundes, bekommt der Lack die ersten Risse. Und er scheint eine ganze Menge abbekommen zu haben.“

Zitat, Seite 51

Auch Philippe erkennt Cécile auf Anhieb. Das unscheinbare Mädchen von früher ist gereift, hat sich zum Positiven verändert und ist einer erfolgreichen Geschäftsfrau mit Stil gewichen. Sie ist hübsch, die Wangen rosig. Er spürt, dass er ihr längst nicht mehr das Wasser reichen kann. Ihre Anwesenheit schüchtert ihn ein. Soll er sie nun anzusprechen? Will sie überhaupt angesprochen werden? Oder hat sie ihn längst erkannt?

Ein intimes Gedankenspiel beginnt.

„Wie um alles in der Welt verhält man sich in so einer Situation? Stellt man sich mit einem Standardsatz vor, in der Art: „Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“ Oder stellt man sich dumm und fällt aus allen Wolken, wenn der andere den ersten Schritt macht?

„Cécile Duffaut? Ich glaub’s nicht! Entschuldigung, ich war ganz in Gedanken, da habe ich gar nicht … na ja, Sie verstehen, ich meine … du verstehst …“, und fuchtelt mit den Händen und Armen, setzt auf die Auslassungspunkte, die der andere mit Floskeln wie „natürlich“, „tatsächlich?“ oder „verstehe!“ ausfüllen soll – Wörtern eben, die nichts besagen – ich habe sie so satt, diese Wörter, die nichts bedeuten.

Zitat, Seite 37

Im Klappentext heißt es „dieses Kammerspiel in einem Zugabteil“. Ja, das ist es tatsächlich: ein kleines intimes Theater während einer 95-minütigen Bahnfahrt. Intim im Hinblick auf die Gedanken der Protagonisten, die seit dem gegenseitigen Erblicken im Kopf Achterbahn fahren. Auch wenn tatsächlich darüber hinaus kaum etwas passiert, passiert so viel.

Es ist sind die Momentaufnahmen vor dem geistigen Auge, mit denen sich Cécile und Philipp während der Fahrt auseinander setzen. Das und die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ Vier gemeinsame Monate, aus denen sich vor knapp 30 Jahren nichts Festes entwickelt hat, stehen nun im Raum, lassen sich nicht mehr abschütteln, beschäftigen sie.

Beide sind geschockt über das Wiedersehen. Es bleibt still. Nur das Kopfkino läuft. So gewinnt der Leser abwechselnd Einblick in die intimen Gedankengänge der beiden Protagonisten. Es sind Reisen in die Vergangenheit, die von Gleichgültigkeit, plötzlichen Gewissensbissen, Scham und Wut begleitet werden. Und die zum Nachdenken anregen. Klarheit schaffen, was die beiden einst verband und weshalb ihre Wege sich wieder trennten. Und umso näher der Zug Paris Gare de l´Est kommt, umso mehr brennt der Leser auf die Antwort zu der Frage: Wie wird diese Fahrt wohl enden?

Blondels Geschichte kommt schlicht daher. Schnörkellos erzählt der Autor von einer 95-minütigen Zugfahrt zweier Menschen, die sich einst nahestanden und seit nunmehr 30 Jahren getrennte Wege gehen. Menschen, die mitten im Leben stehen, ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben und längst nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Deren Gedanken sich um Ehe, Job und Kinder drehen und dennoch wieder für eine Weile zueinander finden. Unentdeckt.

Das Spannende an diesem Roman war für mich tatsächlich das Schweigen. Die gedankliche Achterbahnfahrt war aufschlussreich, teilweise sarkastisch und von vielen Emotionen getränkt. Cécile und Philippe erinnern sich an Momentaufnahmen und kleben Erinnerungsfetzen vergangener Zeiten aneinander, obwohl sie längst nicht mehr von Belang füreinander scheinen. Oder doch? Hat ihre Begegnung sie erst zu dem gemacht, was sie heute sind?

Blondel ist es gelungen, uns mit wenigen Worten pure Menschlichkeit zu vermitteln. Seine Figuren sind alltäglich und für jedermann greifbar. Menschlich eben. Genau deshalb erscheint mir der Roman so authentisch. Die Unsicherheit seiner beiden Protagonisten wird zum festen Begleiter ihrer Gedanken. So sei „6 Uhr 41“  jenen Lesern ans Herz gelegt, die eine ernüchternde Begegnung ehemals Liebender verkraften können. Wer hier auf eine nostalgische Zugfahrt hofft, sollte sich wohl besser anderweitig orientieren.

„Die meisten Menschen haben eine Löschtaste im Kopf, die sie manchmal drücken, wenn ihr Gehirn in Aufruhr ist, nach Missverständnissen, Treuebrüchen oder Verletzungen – und prompt verschwinden ganze Dateien ihrer Existenz; Gesichter, Namen, Adressen, Farben, alles verschwindet in einer Fallgrube und versickert  in den Kloaken des Unterbewusstseins.“

Zitat, Seite 38

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Kinderfreuden #1: Ferdinands große Fahrt

lesenslust über „Ferdinand auf großer Fahrt“ von Anna Weber

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Beschreibung des Verlages:

Die weite Welt sehen, Abenteuer erleben – der kleine Entdecker Ferdinand will auf große Fahrt gehen.

Voller Vorfreude steigt er in den Zug und kann es kaum erwarten, bis die Reise endlich losgeht.

Doch dies ist kein gewöhnlicher Zug … Und ehe Ferdinand weiß, wie ihm geschieht,

steckt er schon mittendrin in seinem großen Abenteuer!

Eckdaten

Hardcover, ab 3 Jahren

mit UV-Lack und Elastikband
32 Seiten, 33,5 x 15,5 cm
ISBN 978-3-7348-2004-5

Magellan Verlag
12,95 €

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Magellan

Blickwinkel aus großen Augen

Das Buch ist liebevoll verarbeitet und begeistert mit sehr farbenfrohen und aufwendig gezeichneten Illustrationen, die viel Möglichkeit zum Entdecken und Bewundern geben. Viele Details sind nicht auf Anhieb sichtbar und werden erst beim zweiten Blick auf die Seite ersichtlich.

Das Betrachten des Bilderbuches bereitet einem so viel Freude, dass man sich kaum an ihm sattsehen kann. Die Geschichte wird in wenigen Worten erzählt und schenkt daher viel Freiraum für Improvisation. So können Vorleser und Zuhörer gemeinsam ihrer Fantasie und ihren Gedanken freien Lauf lassen.

Der Text befindet sich auf den Seiten jeweils oben links im Bild und ist in  ansprechender Größe abgedruckt. Die Handlung der Geschichte spiegelt sich schön in den Bildern des Buches wieder. Das langgezogene Format des Buches unterstreicht die Geschichte sehr gut, da man das Gefühl hat, mit Ferdinand im Zug zu sitzen.

Die wunderschöne Aufmachung des Buches wird von einem süßen roten Gummiband abgeschlossen, mit dem man das Buch umschließen kann. Ferdinands große Fahrt ist sowohl für große als auch kleine Entdecker ein wahrer Augenschmaus.

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Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfigur der Geschichte: alle

Anzahl der Blicke/Lesungen: zahlreich

Bester Leseplatz: auf dem Sofa

Schlüpft in die Rolle von: einem begeisterten Entdecker

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