Loyalität bis zur Selbstzerstörung

„Loyalitäten“ – Delphine de Vigan

„Das ist es, was er jeden Freitag zur etwa gleichen Uhrzeit leisten muss: diesen Umzug von einer Welt in die andere, ohne Brücke, ohne Fährmann. Zwei nichtleere Mengen ohne jede Schnittmenge. Acht Metrostationen entfernt: eine andere Kultur, andere Sitten, eine andere Sprache. Er hat nur wenige Minuten Zeit, um sich zu akklimatisieren.“

Zitat, Seite 19/20

Bereits mit 12 Jahren sieht Théo keinen anderen Ausweg als seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Der Junge wächst in wechselnder Obhut seiner geschiedenen Eltern auf und versucht der unglücklichen Mutter und dem einsamen Vater gerecht zu werden. Doch die Eltern verschwinden in ihrem eigenen Leid und nehmen ihren unglücklichen Sohn kaum noch wahr. Théo macht das zu schaffen. Er zieht sich zunehmend zurück, vergräbt sich an stille Orte und trinkt. Auch seine Lehrerin Hélène stellt diese besorgniserregende Veränderung an ihm fest. Doch keiner aus ihrer Kollegenschaft will davon etwas hören.

Dass das Trinken für Théo kein reines Spiel mehr ist, bemerkt irgendwann auch sein bester Freund Mathis. Nur er weiß, dass Théo sogar in der Schule trinkt, der Alkohol längst zum täglichen Begleiter geworden ist. Anfangs hat Mathis noch mitgetrunken, doch mittlerweile erschrickt es ihn immer mehr, was der Alkohol aus seinem Freund macht. Wie gern würde er Théo helfen. Doch wie kann er seinen Freund von seinem größten Laster befreien ohne ihn dabei zu verraten? Einen Freund verrät man schließlich nicht!

Als sie sich zu einem gefährlichen Spiel im schneebedeckten Park zusammenfinden, scheint jede Hilfe zu spät! Denn es ist Théo, der dabei bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

Ein weitreichendes Beziehungsgeflecht

„Die Intensität dieses schmalen Büchleins wird dich umhauen und ihre Geschichte noch lange in dir nachhallen.“

Man mag es kaum glauben, dass dieser Roman nur 176 Seiten umfasst und Delphine de Vigan auf ihnen dennoch so viel zu transportieren vermag. Denn die Kraft, die diesem schmalen Büchlein innewohnt, hat mich umgehauen und ihre Story mich noch lange beschäftigt. Sie tut es noch.

Es ist das Leben von Théo, das in „Loyalitäten“ primär im Vordergrund steht. Er ist es, der sich mit seinem zarten Alter durch das Dickicht der gescheiterten Beziehung seiner Eltern kämpfen und ihren Ansprüchen gerecht werden muss. Woche für Woche pendelt der Junge zwischen der verletzten Mutter und dem zunehmend hilflosen Vater; muss sich den unterschiedlichen Umgebungen, Regeln und Stimmungen seiner Eltern anpassen. Während sich die Eltern in ihrem eigenen Elend suhlen, rückt Theo immer mehr in den Hintergrund. Er muss zurückstecken, fühlt sich von ihnen im Stich gelassen und allein, fühlt sich aber gleichzeitig auch für sie verantwortlich. Aus Loyalität zu ihnen lässt Théo der Entwicklung ihren Lauf, lässt die Hasstiraden seiner Mutter und die stetig voranschreitende Entgleisung seines Vaters über sich ergehen.

„Théo steckt es ein, sein zarter Körper ist von Wörtern durchlöchert, doch sie sieht es nicht. Die Wörter zerstören ihn, es ist ein unerträglicher Ultraschall, ein Larsen-Effekt, den nur er zu hören scheint, eine unhörbare Frequenz, die ihm das Hirn zerreißt.“

Zitat, Seite 22

Doch schon bald erliegt Théo den verheerenden Auswirkungen des ständigen Konflikts. Dass der schier unerträgliche Ton, ein schrilles fernes Pfeifen, den er eines Tages vernimmt, in seinem Kopf haust, versteht er nicht. Er greift zum Alkohol; erkennt, dass sich das tinnitusartige Geräusch, das ihn schon bald nicht nur noch nachts heimsucht, durch Hochprozentiges verflüchtigt. Doch er legt mit dem Alkohol nicht nur das Geräusch lahm sondern auch sich selbst. Langsam aber sicher ergreift der Alkohol von ihm Besitz.

„Er wünschte, er hätte sich in einem entlegenen Winkel seines Hirns, zu dem er jetzt die Tür ein wenig öffnen könnte, ein wages Trunkenheitsgefühl aufbewahrt. Er sucht in sich nach einer Spur der Betäubung. Er wünschte, er könnte dem Stempel des Alkohols noch in seinen Bewegungen aufspüren, eine Langsamkeit und Benommenheit, so winzig sie auch wäre, aber es ist nichts mehr übrig. Er hat keinen Panzer mehr. (…) Er ist wieder zu diesem Kind geworden, das er hasst, das mit einem Bauch voller Angst auf den Knopf des Aufzugs drückt.“

Zitat, Seite 60

Dass Théo sich zunehmend verändert, bemerkt nicht nur sein Freund Mathis sondern auch seine Lehrerin Hélène. Dank unterschiedlicher Perspektiven lässt die Autorin uns ihre unterschiedlichen Blickwinkel einnehmen und ein Gespür für ihre Sicht auf die Dinge entwickeln. Schon bald wird deutlich, wie weitreichend das Beziehungsgeflecht der Geschichte reicht und welch gefährliche Komplexität sie darüber hinaus mit sich bringt. Neben dem persönlichen Schicksal von Theo geht die Autorin auch auf das der restlichen Figuren ein. Sie alle haben ein Päckchen zu tragen, sind auf der Suche nach dem für sie richtigen Weg.

Sehr anschaulich wird uns verdeutlicht, wie uns persönliche Erfahrungen prägen und die eigene Wahrnehmung für Dinge schulen können, wie wir unsere Antennen für andere öffnen oder schließen. Dass der Grat zwischen richtig und falsch sehr schmal ist. Man oft nicht weiß, wann man sich einmischen oder doch lieber raushalten sollte. Wie weit darf Loyalität gehen? Darf sie uns auch unwissend zu Verbündeten machen, zu Mittätern?

Delphine de Vigan besitzt ein sehr feines Gespür für Zwischenmenschliches. Sie bringt die Einsamkeit, Verletzlichkeit und innere Zerrissenheit ihrer Figuren wunderbar zum Vorschein und gewährt uns damit einen tiefen Einblick in das Seelenleben ihrer Figuren. Mit „Loyalitäten“ gelingt ihr ein kompromissloses Porträt einer kranken Gesellschaft. Ihre Zeilen gehen unter die Haut, sie erschüttern, ergreifen und stimmen nachdenklich.

Kinderfreuden #14: Der Bär am Klavier

lesenslust über “Der Bär am Klavier” von David Litchfield

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 Beschreibung:

Eines Tages stößt ein junger Bär imageauf ein seltsames Ding im Wald. Als er es mit seinen patschigen Pfoten berührt, entfährt ihm ein fürchterliches Geräusch. Doch seine Neugier ist entflammt und so findet er immer wieder zu dem seltsamen Holzkasten zurück. Es vergehen Tage, Monate und Jahre bis es dem Bären gelingt, dem hölzernen Ding eine Melodie zu entlocken, deren Klang weit durch den Wald reicht und die anderen Bären zu ihm lockt.

 Schon bald lieben die Bärenfreunde es, seinen Melodien zu lauschen. Die Klänge des Holzkastens entführt sie hinaus in die Welt und der Bär träumt sich an den Rand des Waldes. Eines Tages findet ein junges Mädchen zu ihm, das ihm verrät, dass man das Ding Klavier und die Melodie Musik nennt. Sie sagt ihm eine große Karriere in der Stadt voraus, wo der „Bär am Klavier“ schon bald in aller Munde sein wird.

Also begibt sich der Bär auf die Reise in die Stadt. Wie vermutet erobern seine Melodien die Herzen im Sturm. Er spielt sich durch ausverkaufte Konzertsäle, sorgt für gerührte Gesichter, tosenden Applaus und zahlreiche Auszeichnungen. Doch je erfolgreicher der Bär wird, umso einsamer fühlt er sich. Nachts sehnt er sich nach seinen alten Freunden und der Ruhe des Waldes. Und obwohl der Bär alles erreicht hat, wovon er je geträumt hat, erkennt er, dass auch die kleinen Dinge im Leben für eine Bärengänsehaut sorgen können.

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Eckdaten

Hardcover mit ausgestanztem Schutzumschlag

Ab 3 Jahren

40 Seiten
220mm x 300mm
ISBN: 978-3-95939-025-5

Aus dem Englischen

Bohem Press
14,95 €

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Blickwinkel aus groSSen Augen

Bühne frei für den Bären am Klavier!

Dieses Bilderbuch ist die perfekte Symbiose von atmosphärischen Zeichnungen und einer berührenden Geschichte. Ein Bilderbuch, das sich in die Herzen der Kinder tanzt.

Die Story ist so simpel wie großartig. Litchfield erzählt die Geschichte eines jungen Bären, der seine Liebe zur Musik entdeckt und den heimischen Wald hinter sich lässt, um sich in der großen Stadt zu verwirklichen. Sein Talent, als Bär das Klavier zu beherrschen, sorgt nicht nur bei seinen Freunden im Wald, sondern auch in der Stadt für Begeisterungsstürme. Innerhalb kürzester Zeit füllt er riesige Konzertsäle und rührt mit seinem Klavierspiel zahlreiche Zuhörer zu Tränen.

Die Stadt feiert ihren neuen Star und überhäuft ihn mit Aufmerksamkeit und Auszeichnungen. Glanz und Ruhm bestimmt fortan sein Leben. Doch jeder Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Und so zieht sich der Bär nachts in die Ruhe und Abgeschiedenheit über den Dächern der Stadt zurück und muss feststellen, dass er sich trotz allem Erfolg sehr einsam fühlt. Die Welle der Sehnsucht nach dem Wald und seinen Freunden erfasst ihn so stark, dass er beschließt, in seine Heimat zurückzukehren.

Die Botschaft, die Litchfields Geschichte trägt, ist ähnlich die der Zeilen aus Goethes Gedicht Erinnerung: „Willst du immer weiter schweifen, sieh das Gute liegt so nah“. Es ist die Erkenntnis, dass wahres Glück oftmals viel näher liegt, als man es vermutet. Es vermittelt den kleinen Entdeckern die Wertschätzung von kleinen Dingen und öffnet ihren Blick auf das Unscheinbare. Auf die Dinge, die im Leben wirklich zählen.

Litchfield gelingt mit seinem ersten Bilderbuch nicht nur eine lehrreiche sondern auch bezaubernde Geschichte. Der Illustrator fing schon sehr früh an zu zeichnen. Dass es seine besondere Liebe zur Musik war, die ihn zu diesem Bilderbuch inspiriert hat, ist durchweg spürbar. Denn die Geschichte ist von ihr geprägt. Fast meint man, dass den Seiten ein melodischer Klang innewohnt, der den Leser während dem Betrachten begleitet. Dieser Wesenszug verleiht dem Buch eine besondere und nahezu magische Atmosphäre.

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Die Zeichnungen des Bilderbuches präsentieren sich nicht nur sehr filigran, sondern auch in den lebendigsten Farbtönen, die sich an die jeweilige Stimmung des Bären und dem jeweiligen Schauplatz der Geschichte anpassen. Im Wald begegnet man eher Braun- und Grüntönen, wohingegen man in der Stadt von glitzernd bunten Farben empfangen wird.

„Der Bär am Klavier“ ist eine Ode an die Musik, den Wald und an die Freundschaft. Es veranschaulicht den Kleinen auf sehr liebevolle Weise die Bedeutung von Heimat, Sicherheit und Zugehörigkeit. Es ist die Geschichte eines Erfolges und vom Zurückfinden zu den Wurzeln. Ein Buch, das kleine wie große Augen zu begeistern versteht.

Immer häufiger trifft man auf Kinderbücher, die sich mit einem Umschlag schmücken. Auch Litchfields Werk ist sehr stimmungsvoll in eine Art roten Samtvorhang als Schutzumschlag gehüllt. Der Blick darunter gewährt dem Betrachter einen weiteren sehr interessanten Blick in den Wald. Dennoch kann ich mich nicht erwehren, dass ein derartiger Umschlag bei Bilderbüchern für eine so junge Leserschaft nur wenig Sinn macht.

<3 <3 <3 <3 <3

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Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? der Bär am Klavier

Worum geht die Geschichte? um Musik

Wo steht das Buch im Regal? neben „Der Löwe in dir“

Lesezeit: am Abend, um sich von den Melodien des Bären in den Schlaf wiegen zu lassen

Bester Leseplatz: im Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Pianisten

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Somewhere in between

„Das Traumbuch“ von Nina George

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„Das hier ist die Realität. Kein Buch, kein Nerd-Wettbewerb. Das dort, das wummernde Monstrum, die Fragen von Dr. Saul, Henris Sauerstoffmaschine, die achtmal in der Minute Luft in ihn hineinstößt und wieder heraussaugt. Das ist die Wirklichkeit.“

Zitat, Seite 370

Ein Unfall verändert die Leben dreier Menschen: Edwinna, genannt Eddie, die Verlegerin für phantastische Literatur mit besonderem Gespür für das Wunderbare. Sam, der hochbegabte 13-jährige, der Klänge als Farben sieht und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahrnimmt als andere. Und Henri, Eddies einstiger Geliebter. Der ehemalige Kriegsreporter ist Sams Vater, der nach einem Unfall acht Minuten lang tot war und nun darum kämpft, aus dem Koma zu erwachen. Denn von dort, wo er beinah verlorengegangen ist, bringt er eine Botschaft für die, die er liebt. 

Kurzbeschreibung des Verlags

Es gibt Geschichten, die dich mit unverminderter Wucht ins Leben schmeißen. Dies hier ist so eine. Denn Nina Georges neuestes Werk ist schonungslos. Es ist schicksalsgetränkt, dramatisch und ergreifend schön zugleich. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

Ich hatte geahnt, dass das scheinbar sorglose Cover nur wenig von dem Inhalt wiederspiegelt, der sich hinter dem Buchdeckel verbirgt. Doch auf das riesige Konstrukt, das dahinter zum Vorschein kam, war auch ich nicht vorbereitet. Georges Geschichte, auf die ich seit ihrem Erfolgsroman „Das Lavendelzimmer“ sehnsüchtig warte, ist auf einer völlig neuen Ebene angesiedelt. Einer hochemotionalen Ebene, mit der die Autorin über sich selbst hinausgewachsen ist. Denn George, die ihr vorangegangenes Buchprojekt abbricht, weil sie nicht in die Geschichte findet; beweist mit ihrem Traumbuch nicht nur Mut, sondern auch schonungslose Offenheit.

Die Geschichte, in der auch persönliche Erlebnisse der Autorin verwoben sind (u.a. der Verlust des Vaters) widmet sich ernsten Themen, über die sicherlich nicht jeder lesen möchte. George spricht das aus, worüber viele schweigen. Es sind Dinge wie ein künstliches Koma, Verlust und Tod. Auf der Suche nach dem Platz im Leben wandern wir auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, zwischen liebevoller Hingabe und zweifelnder Unsicherheit, zwischen Liebe und Pflichtgefühl. Wir wechseln zwischen den Welten. Geben uns Tagträumereien hin und blicken aus der Ferne in die Realität. Durchlaufen „Was wäre wenn? – Szenarien.

Nina George ist Synästhetikerin. Sie nimmt Zahlen und Klänge als Farben, und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahr als andere. Diese besondere Gabe hat auch der 13-jährige Sam, der neben Henri und Eddie zu den Hauptfiguren der Geschichte zählt. Seine Mitschüler bezeichnen ihn als vulgo Synnie-Idiot, selbst seine Mutter findet nur schwer Zugang zu dem hochbegabten Jungen, der schon als Säugling zu weinen begann, wenn ihn die negativen Gefühle eines Ortes wie aus dem Nichts überfielen.

„Ihre Stimme flutete mich, ein Klang wie ein Geruch, der Duft von Rosmarin im Regen, traurig, gedämpft. Ich spürte, wie lieb sie mich in diesem Augenblick hatte, ich merkte es daran, dass ich auf einmal atmen konnte, richtig atmen, wie auf dem höchsten Gipfel der Welt. Das nasse Knäuel, das sonst in meiner Brust ist, war fort.“

Zitat, Seite 21

Sam ist es auch, der täglich am Krankenhausbett von Henri sitzt und dem Erwachen seines nahezu unbekannten Vaters entgegenfiebert, als dieser nach einem Unfall und einem achtminütigen Tod ins künstliche Koma versetzt wird. Durch die Rettungsaktion eines kleinen Mädchens gerät Henri in die Zielgerade eines heranfahrenden Lkws und wird dadurch frontal erfasst. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Auch Eddie findet sich in Henris Krankenhauszimmer wieder. Eigentlich hat die Verlegerin eines Phantastik-Verlages mit ihrem ehemaligen Geliebten längst abgeschlossen. Dem Mann, der ihr vor zwei Jahren das Herz brach, weil er ihre Gefühle nicht zu erwidern vermochte. Ihr Herz schlägt längst für einen anderen Mann. Warum sollte ausgerechnet sie über Leben und Tod entscheiden?

„Ich sitze auf dem Boden und lege mir den Mut auf wie Make-up. Ich trenne all meine miteinander ringenden, hadernden, sich gegenseitig im Weg stehenden Regungen säuberlich voneinander, bis nur noch die entscheidenden drei übrig bleiben. Ich konzentriere mich, um sie zu halten, und verbiete allen anderen Emotionen ihnen zu nahe zu kommen. (…) Ich atme ein und denke: Zärtlichkeit. Ich atme tiefer ein und beschwöre: Mut. Ich atme ein und erbitte: Lass mich wie Sam sein.“

Zitat, Seite 192

Als Eddie auf Sam trifft, ist es, als verpasse ihr das Leben eine schallende Ohrfeige. Denn Henri hat ihr nie von seinem Sohn erzählt, einem Kind, zu dem sie eine besondere Nähe entwickelt und das ihre verlorengeglaubten Gefühle zu Henri wieder zum Leben erweckt. Ihre Begegnung öffnet ihr die Augen, klart ihren Blick auf erschreckende Weise auf.

Henri, der Zeit seines Lebens als Kriegsreporter arbeitete, und sich vor dem Unfall auf dem Weg zu Sam befand, kämpft indes verzweifelt um seine Rückkehr ins Leben. In der Zwischenwelt begegnet er nicht nur engen Vertrauten, sondern auch einem Mädchen, das die Geschichte Aller primär beeinflussen wird.

„Es ist wie eine Wunde, die ich selbst bin, es ist wie das Lachen, das noch darauf wartet, gehört zu werden, es ist diese wilde Hoffnung auf ein Leben mit ihr, und eine entsetzliche Angst, es ohne sie aushalten zu müssen.“

Zitat, Seite 227 (Sams Zeilen)

George ist eine Gefühlsvirtuosin. Mit ihrem Traumbuch gewährt sie uns einen tiefen Einblick in die Seele der Menschen und beweist damit einmal mehr, dass die Gefühlswelt genau ihr Ding ist. Ihre Geschichte ist wie eine Fahrt mit einem turbulenten Gefühlskarussell, das während dem Lesen an Fahrt aufnimmt und unsere Gefühlsregungen wie Konfetti durch die Luft wirbelt. So finden nicht nur Tränen der Trauer, sondern auch der Freude ihren Weg über unsere Wangen.

Der Autorin gelingt damit ein weiteres Herzensbuch, das sicherlich nicht jeden, aber genau die richtigen Leser für sich gewinnen wird. Es ist poetisch, tiefgründig und unendlich berührend. Eine Geschichte, in der sie es uns überlässt, woran wir glauben, was Traum und was Realität ist, und wie sich die Geschichte entwickelt. Denn jede Geschichte beginnt erst mit seinen Lesern zu leben und entführt sie zu entlegensten Winkeln; selbst, wenn das Konstrukt das Gleiche ist.

„Das ist die Magie der Literatur. Wir lesen eine Geschichte, und danach ist etwas anders. Was, das wissen wir nicht, oder warum, durch welchen Satz, das wissen wir auch nicht. Und dennoch hat sich die Welt verwandelt und wird nie mehr dieselbe sein wie vorher. Manchmal merken wir es erst Jahre später, dass ein Buch der Riss in unsere Realität war, durch den wir, nichtsahnend, entkommen sind aus Kleinheit und Mutlosigkeit.“

Zitat, Seite 111

<3 <3 <3 <3 <3

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Appelhuuslüüd

lesenslust über „Altes Land“ von Dörte Hansen

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1945 flüchtet die 5-jähige Vera mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land, ein idyllisches und ertragreiches Obstbaugebiet südlich von Hamburg und jenseits der Elbe. Auf dem Hof von Ida Eckhoff finden sie Unterschlupf, werden als Flüchtlinge aber nur geduldet. Ihr Leben lang fühlt sich Vera fremd und doch irgendwie zugehörig in dem großen dunklen Bauernhaus, das von der Apfel- und Kirschblüte begleitet wird und das bereits Generationen von Flüchtlingen ein und ausgehen hat lassen.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkener auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer. Und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festwachsen konnte an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos. Nicht gedeihen. Nicht blühen. Nur bleiben.“

Als Erbfolger Karl Eckhoff stark lädiert aus dem Krieg zurückkommt, findet er in der ostpreußischen Hildegard von Kamcke eine Frau und in Vera eine Adoptivtochter. Doch die hochmütige Hildegard weilt nicht lange auf dem Land, das ihr zu kalt und ungestüm ist. Nach zahlreichen Wortgefechten mit ihrer resoluten Schwiegermutter ergreift sie erneut die Flucht, zieht nach Hamburg, heiratet dort einen Architekten und wird noch einmal Mutter. Ihre Tochter Vera lässt sie unbeachtet zurück.

Sechs Jahrzehnte sind vergangen, als Vera, mittlerweile gealtert und dem alten knorrigen Fachwerkhaus immer noch treu, erneut mit ihrer Familie in Berührung kommt. Ihre Nichte Anne wird mit Sohn Leon ins alte Land gespült. Auch sie scheinen vor ihrem Leben zu flüchten. Einem Leben im schicken Hamburg-Ottensen, wo Eltern ihre Kinder mit großstädtischer Arroganz durch die Straßen schieben und wo sich Anne nach einer unglücklichen Kindheit selbst neben ihrem Mann nicht zugehörig fühlt.

„Die Familienstillleben in den Cafés und Parkes von Hamburg-Ottensen zeigten alle was sie nicht waren. Ein fest verschnürtes Paket. Vater, Mutter, Kind. Verwoben zu einem stabilen Familienstoff. Sie waren zwei Leute mit einem Kind. Lose verhäkelt. Drei Luftmaschen.“

„Sie kaufte sich ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottenser Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggy, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“

Obwohl die beiden Frauen einander fremd sind und sich das gemeinsame Zusammenleben anfangs als Herausforderung entpuppt, wächst eine kostbare Vertrautheit zwischen den Frauen heran. Eine Vertrautheit, die Annes Sohn Leon nicht nur ein neues Zuhause schenkt, sondern auch die verletzten Seelen der Frauen langsam aber sicher heilen lässt.

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Geschichten über das Leben auf dem Land werden häufig romantisiert. Die Menschen werden plötzlich zärtlicher, die Jahreszeiten scheinen im perfekten Einklang zur Natur zu stehen und der Alltag rekelt sich versonnen auf der idyllischen Blumenwiese. Nicht so bei Dörte Hansen. Denn die Autorin, die selbst vom Land kommt, weiß wovon sie spricht. Mit ihrer Familie spricht sie platt. Und wer so einem plattdeutschen Menschen schon mal begegnet ist, der weiß, was das heißt: die Wahrheit kommt schörkellos und unverblümt auf den Tisch. Hansens Debütroman begegnet uns daher völlig authentisch und klischeefrei, und begeistert mich umso mehr. Er ist wie eine saure Kirsche, die wir trotz Säure wohlwollend in den Mund stopfen und nach einer noch lange nicht genug haben.

„Man kannte seinen Platz und seinen Rang in dieser Landschaft, es ging immer nach dem Alter: Erst kam der Fluss, dann kam das Land, dann kamen Backsteine und Eichenbalken und dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land gehörte und die alten Häuser. Alles, was dann noch kam, die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, die Landlosen und Heimatsucher, waren nur Flugsand und angespülter Schaum. Fahrendes Volk, das auf den Wegen bleiben musste.“

So erzählt Hansen vom Leben zweier heimatloser Frauen, die nach Jahren fehlender familiärer Zugehörigkeit in Ida Eckhoffs altem Bauernhaus aufeinandertreffen. Die aneinanderecken und dennoch Halt beim Gegenüber finden. Die lernen, gemeinsam neue Kraft zu schöpfen und die endlich im Leben ankommen. Hansen verwebt die beiden Frauen dabei geschickt in das alte knorrige Bauernhaus, das mit seinen ächzenden Balken und knarrenden Scharnieren im perfektem Kontrast zu seinen heimatlosen Hausbewohnern steht.

Mit schwarzem Humor und Ironie, aber auch von einer spürbaren Schwere begleitet, verdeutlicht uns Hansen die Schicksalshaftigkeit des Lebens. Dass nicht immer alles glatt laufen kann. Dass Menschen zueinander finden und manchmal eben auch wieder auseinander driften. Dass eine Liebe ebenso kein Garant für ein gemeinsames Leben bis ans Ende der Tage ist, wie Verwandtschaftsgrade. Ihre lebendigen und vom Metaphern getränkten Beschreibungen, in denen auch das Plattdeutsch nicht zu kurz kommt, schenken dem Roman an Atmosphäre. Ein Hauch norddeutscher Flair weht uns um die Nase, der uns gedanklich an die Stationen der Hansestadt und geradewegs in das alte Land spült.

Dass man sich bei der Erzählerin des Hörbuchs für Hannelore Hoger entschieden hat, begeistert mich daher ungemein. Hoger ist authentisch, hanseatisch trocken und wandlungsfähig. Sie beherrscht die Rolle der hochmütigen Hildegard ebenso wie die Rolle der kantigen aber insgeheim liebenswerten Ida Eckhoff.  Sie trällert Liedpassagen, schreit und flucht, und unterhält mich in höchstem Maße. Eine Vorleserin, die ihre Geschichte mit Haut und Haaren lebt. „Altes Land“ ist ein grandioses Debüt und mein persönliches Hörbuchhighlight.

<3 <3 <3 <3 <3

Altes Land