Ich back‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!

[Werbung, Verlosung] Jungs spielen gerne mit Autos, sie sind laut, stürzen sich als Pirat, Ritter oder Astronaut in waghalsige Abenteuer und tragen am liebsten Blau. Mädchen hingegen spielen lieber mit Puppen, sie sind ruhig und schüchtern, stylen sich gerne wie Germany’s next Topmodel und träumen davon eines Tages Prinzessin zu werden. Deshalb ist Rosa auch genau ihre Farbe! 

Genderklischees dieser Art gibt es wie Sand am Meer. Oft sind sie so fest in unseren Köpfen verankert, dass man sich nur schwer von ihnen lösen kann, man ganz aus Gewohnheit alte Denkweisen und Verhaltensmuster beibehält. Kleidung, Berufe und Hobbies vermeintlich geschlechtsspezifisch auswählt, sich den Regeln der Gesellschaft unterordnet. Dabei streben wir doch alle nach individueller Entfaltung. Wollen selbst entscheiden, was wir am liebsten mögen. Und zu eigenständigen Persönlichkeiten heranwachsen. Und das von klein an!

Kinderbücher, die mit Rollenklischees aufräumen, sind noch rar, aber immer mehr im Kommen. Mit „Robert weltbester Kuchen“ von Anne-Kathrin Behl heißen wir eine Bilderbuchperle in unserem Bücherregal willkommen, die genau dort angesiedelt ist, wo wir uns wohlfühlen: in einer Welt frei von Geschlechterstereotypen. Einer Welt, widdewidde wie sie uns gefällt! 

„Robert’s weltbester Kuchen“ – Anne-Kathrin Behl

NordSüd Verlag, Hardcover, ab 4 Jahren, 32 Seiten, erschienen am 18. Juli 2020, Preis 15 € [D], ISBN: 978-3-314-10534-0, hier geht’s zum Buch

Mit wunderbar farbenfrohen und lebensbejahenden Illustrationen bringt Anne-Kathrin Behl einen Vater-Sohn-Tag von Robert und seinem Vater zu Papier. Robert steht der Sinn nach einem Salzteigkuchen: dem weltbesten um genau zu sein. Er malt dafür sogar eigene Einladungskarten. Schließlich muss so ein Kuchen gebührend gefeiert werden und sollte nicht alleine „verzehrt“ werden. Schließlich macht allein essen dick! Doch als ein Windstoß über den Balkon weht, werden die meisten von Roberts Einladungskarten erfasst und vom Wind davongetragen. Zwei letzte Karten bleiben auf dem Tisch übrig: gerade noch genug, um Hund Mopsi und Papa zum Kuchenfest einzuladen.

Und so macht sich Robert ans Werk. Man staune, was so alles auf seinem Kuchen Platz findet: eine Hand voll Spielzeugtiere, kleine Autos und Sterne landen darauf, Bausteine werden zu Streuseln und Murmeln zu wunderbarem Belag. Ein paar Buntstifte dienen ihm als Kerzen. Gerade als er seinen Kuchen vollendet hat und sich mit Papa ans Kuchenessen machen will, klingelt es an der Tür, und nochmal und nochmal. Denn der Wind hat die Karten in die ganze Nachbarschaft getragen. Und natürlich wollen alle Nachbarn beim Kuchenfest dabei sein. Wie gut, dass Roberts Papa genügend Salzteig parat hat und die Party nun mit der ganzen Nachbarschaft steigen kann!

Es lebe die Diversität!

Dieses Bilderbuch steht Klischees und Stereotypen nicht nur mit lässiger Gleichgültigkeit gegenüber, sondern lebt auch von gehörig Humor und Diversität. Schon der Blick in Roberts Kinderzimmer sorgt für Begeisterung. Denn eine Spielküche lädt Robert zum Kochen für all seine Kuscheltiere ein, die es sich in den Regalreihen  und im Puppenwagen gemütlich gemacht haben. Einhörner fühlen sich bei ihm genauso wohl wie Dinosaurier, aus einem Meer von Bauklötzen ragen Puppenköpfe hervor und in einer großen Kiste sind die Kostüme für Meerjungfrau, Prinzessin und Ritter zu erspähen.

Roberts Papa begegnet uns im rosafarbenen AB:CD – Shirt (das ich persönlich sehr feiere!) und drolligen rosa Häschenpuschen, die im Kontrast zu seinen tatöwierten Armen, dem Bart und der karierten Schiebermütze stehen. Stricken scheint für ihn mindestens genauso entspannend wie für Frauen zu sein und auch vor dem Basteln und Backen mit seinem Sohnemann schreckt er nicht zurück. Warum auch!? Ist ja das normalste der Welt. 

Und wer einen Blick auf die Gäste des Kuchenfestes wirft, wird staunen. Denn die Nachbarschaft setzt sich nicht nur aus Jung und Alt, sondern auch aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammen (da bleibt selbst ein Monster nicht aus!). Und so reiht sich eine alte Frau mit Rollator neben einem Punker mit Irokesenschnitt ein und steht direkt hinter einem Vater mit Dutt und Tragetuch, einem Inder mit Turban und einem Eskimo. Denn bei Roberts Kuchenfest sind alle Hautfarben und Religionen willkommen. Durch das Zutun der Gäste entstehen nicht nur die wildesten Kuchen, die die Welt je gesehen hat, sondern auch eine Vielfalt sondergleichen! Es lebe die Diversität!

Eine Blogparade mit Verlosung: Roberts weltbester Kuchen 

Zu Ehren dieses wunderbar diversen Bilderbuches hat Eliane von Mint & Malve eine Blogparade ins Leben gerufen, für die ich sofort Feuer und Flamme war. Denn Anne-Kathrin Behls farbenfrohes Werk schert sich nicht um Stereotype, zeigt uns eine Momentaufnahme aus dem Alltag eines wunderbaren Vater-Sohn-Gespanns, das man nur ins Herz schließen kann.

Bei Eliane sind alle teilnehmende Blogs der Blogparade zu finden. Und es lohnt sich gleich doppelt sich durch die Beiträge der teilnehmenden Bloggerinnen zu lesen. Denn hier kommt nicht nur eine Vielzahl an unterschiedlichen Blickwinkeln zusammen, sondern man kann auch bei uns allen ein Exemplar von „Roberts weltbester Kuchen“ mit Widmung und kleiner Extra-Illustration von Anne-Kathrin Behl ergattern. Ich habe mich dieses Mal für die Verlosung auf Instagram entschieden. Mit einem Klick kommst du zum Beitrag.

Die Teilnahmebedingungen findest du im Post auf Instagram.

Viel Glück!

Ein Salzteig-Rezept von uns für euch

Emma und ich waren sofort Feuer und Flamme, uns an eigenen Salzteigkreationen zu versuchen. Und so haben wir kurzerhand Gebäck, Törtchen und einen Kuchen gebacken, der dem weltbesten Kuchen von Robert schon ganz nahe kommt. Da die Räubertochter in meinen Augen mittlerweile aus dem Alter raus ist, alles in den Mund zu nehmen und zu unterscheiden, mit was sie spielen und was sie essen kann, habe ich mich dazu entschieden, Törtchen und Kuchen (mit nicht Kindermund gerechter) Acrylfarbe anzumalen. Alternativ kann man den Teig auch mit Lebensmittelfarbe oder Kakaopulver einfärben.

Gerne geben wir euch das Salzteig-Rezept an die Hand, mit dem wir gute Erfahrung gemacht haben.

Zutaten für 1 Blech Salzteiggebäck:
300g Mehl
300g Salz
200ml Wasser
1 TL Speiseöl (entspricht etwa 5g)

Rezept und Anleitung:
Den Backofen auf 150°C Umluft vorheizen und ein Backblech mit Backpapier belegen.

Mehl, Salz, Wasser und Öl in einer großen Rührschüssel vermengen und mit einem (Hand)rührgerät oder den Händen zu einem geschmeidigen Teig verkneten. Je feiner das Salz ist, desto feinporiger wird übrigens dann auch Euer Salzteig.

Bei uns sind zwei Brötchen, zwei Brezen, ein Croissant, zwei Zimtschnecken, ein Erdbeertörtchen und eine weltbeste Torte aus der oben stehenden Rezeptur entstanden.

Was würde auf eurem Salzteigkuchen Platz finden?

PS: Herzlichen Dank an Eliane, den NordSüd Verlag und Anne-Kathrin Behl, die diese wunderbare Blogparade mit ihrer Hingabe, den Grafiken sowie den Rezensions- und Verlosungsexemplare bereichert haben! Es war mir ein Fest!

Morty Reloaded..

lesenslust über „Heute beginnt der Rest des Lebens“ von Marie-Sabine Roger

Mortimer 4

„Familiengeheimnisse sind schwarze Spinnen, die uns mit einem klebrigen Netz umweben. Wir geraten immer tiefer hinein, irgendwann sind wir gefesselt, geknebelt, gefangen. Unfähig, uns zu regen, zu reden. Zu leben.“

Zitat, Seite 165

Sein gesamtes Leben blickt Mortimer dem Ende entgegen: seinem frühen Tod. All die Jahre lebt er in den Tag hinein, bleibt unnahbar, lebt oberflächliche Beziehungen und verdrängt den Wunsch eine eigene Familie zu gründen, weil eine Sache so sicher scheint wie das Amen in der Kirche: Er wird das gleiche Schicksal erleiden wie all die Männer in seiner Familie und an seinem 36. Geburtstag sterben. Es scheint unausweichlich.

Er kündigt seinen Job und seine Wohnung, bringt das letzte Mal den Müll raus und lässt seine Freundin Jasmine ziehen, die er eigentlich viel lieber behalten möchte. Er ist bereit das Zeitliche zu segnen. Doch der Tod lässt auf sich warten. Alles bleibt wie gehabt und Mortimers Geburtstag verstreicht ereignislos. Der erwartete Todeszeitpunkt tritt nicht ein, weshalb der gute Mortimer auch Stunden später noch in seinem Beisetzungsanzug und in allerbester Verfassung am Crêpestand seiner Freunde sitzt und die Welt nicht mehr versteht. War alles nur eine Farce?

Mortimer muss nun endlich beginnen, zu leben und stellt fest, dass das Leben eine viel größere Herausforderung ist, wenn der Todeszeitpunkt in den Sternen steht.

Mortimer 3

„Erzählen Sie mal herum, dass Sie mit Ihren Pflanzen reden, damit sie besser wachsen, dass Ihnen Ihre Großmutter im Traum erscheint, um Sie vor misslichen Ereignissen zu warnen, dass Sie aufs Gramm genau wissen, wie viel Sie wiegen, bevor Sie auf die Waage steigen – da landen Sie schnurstracks in einer Schublade mit all den anderen Spinnern, irgendwo zwischen Spiritisten und Zwiebelanbetern.“

Zitat, Seite 42/43

Marie-Sabine Roger schreibt Geschichten rund ums Herz. In ihren Romanen widmet sie sich zwischenmenschlichen Problemen. Ihre Zeilen sind geprägt von Feingefühl, Toleranz und Nächstenliebe. Werte, die in all ihren Werken präsent sind. Zahlreiche Leserherzen hat sie dadurch bereits für sich gewonnen. Romane wie „Das Labyrinth der Worte“, „Der Poet der kleinen Dinge“ oder auch „Das Leben ist ein listiger Kater“ sind bereits in aller Munde. Auch in ihrem neuen Roman widmet sie sich einem eigenbrötlerischen Protagonisten, weshalb sich der Roman ganz harmonisch in das vertraute Genre einreiht.

Mortimer Décime, kurz Morty, ist Mitte Dreißzig. Er steht kurz vor seinem Geburtstag und hat bereits alles für seinen Abgang aus dem Leben arrangiert. Er nimmt an, dass ihn dasselbe Schicksal erleiden wird, wie all den Décime Männern vor ihm: Der plötzliche Tod mit 36. Nun ja, warum also in ernsthafte Beziehungen investieren und eine Familie gründen, wenn er sich bereits mit Mitte Dreißig von ihnen verabschieden muss? Er vermeidet es, in die Fußspuren seiner Vorfahren zu treten um Schmerzen und Tränen des Abschieds vorzubeugen. Er bleibt unnahbar, oberflächlich und emotionslos.

„Ich könnte mich auf eine Bank setzen und heulen, soviel ich wollte. Ich würde mir die Tränen eines ganzen Lebens ausweinen, bevor sich auch nur ein Passant für mich interessierte. Ich würde so viel Wasser vergießen, bis ich erschöpft, verschrumpelt, ausgetrocknet wäre.“

Zitat, Seite 141

Mortimer

Er fährt gut mit seiner Strategie. Die Menschen in seiner Umgebung nehmen ihn kaum wahr. Eigentlich verspürt kaum jemand Lust, den unattraktiven leicht übergewichtigen Morty kennenzulernen. Seine Bekanntschaften sind spärlich gesäht. Einzig und allein Paquita und Nassardine, die Besitzer eines Crêpestandes, werden für ihn zu einer Art Ersatzfamilie. Nach dem Tod des Vaters hat sich Mortys Mutter schnell aus dem Staub gemacht; verzweifelt, mit dem Tod ihres Sohns nicht umgehen zu können. Morty bleibt alleine zurück.

Als Morty erfährt, dass er vorerst gar nicht sterben wird, sitzt der Schock tief. Seine Strategie war für den Arsch. Die ganzen Jahre verschwendet. Selbst die Beziehung zu der verrückten Jasmine, in der er das perfekte Gegenstück findet, lässt er zerbrechen. Er hatte schließlich fest mit seinem Tod gerechnet. Doch mit der Aussicht auf weitere Lebenszeit wächst auch die Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben. Eine Chance, die er nicht ungenutzt lassen darf.

„Dieses Mädchen war wie Alufolie zwischen zwei Zahnkronen, wie eine Papierschnittwunde am Zeigefinger, eine rissige Lippe, die immer wieder aufgeht, wenn man lacht. Etwas völlig Belangloses, das aber unheimlich nerven kann. Ich hatte Lust sie zu schütteln, sie zu zerkrümeln, sie zu zerkratzen.“

Zitat, Seite 143

„Sie baute Luftschlösser, ich rechnete und zählte. Sie war die Grille, verschwenderisch und sorglos, ich war die Ameise, die an Worten sparte und mit dem Herzen geizte. Ich hatte Gewissheiten, sie glaubte an Dinge. Ich würde eines Tages sterben. Sie lebte die ganze Zeit. Vielleicht war es das, was ich am meisten an ihr liebte. Dieses übersprudelnde Leben, das sie mit einer Aura von Wünschen und Verlangen umgab. Ich lebte mehr und besser, wenn ich mit ihr zusammen war.“

Zitat, Seite 160

Roger erzählt uns in „Heute beginnt der Rest des Lebens“ die Geschichte eines Außenseiters. Es sind leise Töne, mit denen die einfühlsame Autorin uns die Geschichte erzählt. Töne, die von Mitgefühl und Toleranz getränkt sind. In ihren Zeilen fehlt es weder an schwarzen Humor noch hilfreichen Lehren. Mit ihren Figuren schenkt sie uns ein exotisches Potpourri von Menschen: Einen bunten Haufen Exoten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich dennoch perfekt ergänzen. Roger gelingt ein humorvoller und zugleich phantasievoller Roman mit klitzekleinen Längen – unterhaltsam, lehrreich, anrührend. Alles Roger eben!

Mortimer 2

<3 <3 <3 <3