Kinderfreuden #24: Das Leben ist schön

Leben – Cynthia Rylant & Brendan Wenzel

“It’s the little things that make life big.“

Jedes Leben beginnt klein. Sogar bei den Elefanten. Dann beginnt es zu wachsen und  langsam aber sicher zu etwas Großem heranzureifen. Leben unterliegt der ständigen Veränderung, durchläuft gute wie schlechte Zeiten, Tag und Nacht, Licht und Schatten. Es hält  jede Menge Überraschungen für uns bereit: Abenteuer, die es zu bestreiten und Ängste, die es zu überwinden gilt. Doch trotz aller Widrigkeiten ist es wunderschön.

Die Tierwelt weiß das und genießt das Leben in vollen Zügen. Brendan Wenzel und Cynthia Rylant laden uns daher ein, die Welt aus der Sicht von Tieren zu betrachten und einen Weg zu gehen, der von den Emotionen und Erfahrungen der Tierwelt geprägt ist.

Begleitest du sie, auf ihrer Entdeckungsreise durch das Leben?

Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

48 Seiten
22,5 x 29 cm
ISBN: 978-3314104176
Übersetzt von Thomas Bodmer

NordSüd Verlag

16,00 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Es gibt Kinderbücher, da geht einem beim Ansehen das Herz auf. So auch bei „Leben“, das ganz und gar bezaubernde Illustrationen von Brendan Wenzel und begleitende Zeilen von Cynthia Rylant in sich trägt. Es handelt wie der Titel bereits verrät, vom Leben. Und obwohl es uns keine völlig neue oder spektakuläre Geschichte erzählt, gelingt ihm dennoch etwas ganz Besonderes: es schenkt uns Augen für das Wunderbare.

Es ist der Blickwinkel von Tieren, den Rylant und Wenzel die Kleinen einnehmen lässt. Eine Perspektive, die den Kindern fremd ist und ihnen ganz neue Facetten des Lebens aufzeigt. Dass das Leben trotz oder gerade wegen aller Widrigkeiten so lebenswert ist. So liebt der Habicht den Himmel, das Kamel den Sand und die Schlange das Gras. Und obwohl die Schildkröte dem Leben vielleicht nichts Besonderes abgewinnen kann, liebt sie es dennoch. Denn an ihrem Panzer hat sie im Lauf der Jahre viel Wasser abperlen lassen und der Melodie des Regens gelauscht – dem einzigartigen Lied der Natur.

Doch Rylant und Wenzel führen ihren Betrachtern nicht nur die schönen Seiten des Lebens vor Augen, sondern geleiten sie auch durch wilde und wüste Passagen. Mit einem Vogel fliegen sie durch einen von Dunkelheit und Unwetter erfassten Wald und kommen verängstigt, aber unbeschadet wieder heraus. Und so lernen schon die Kleinsten das Leben in seiner Gänze kennen, nicht aber, ohne ihnen dabei Mut und Kraft zu schenken, sich dem Leben zu stellen. Ihnen zu zeigen, dass es stets einen Ausweg gibt.

„Das Leben ist nicht immer leicht. Zuweilen gibt es wilde, wüste Strecken. Doch auf die eine oder andere Art kommt man da auch wieder raus.“

Durch ein wunderbar hamonisches Zusammenspiel ist dem Illustrator und der Autorin ein ganz wunderbares Kinderbuch gelungen, das uns einmal mehr vor Augen hält, wie schön das Leben sein kann. Die Geschichte, die von Wenzels atemberaubenden Illustrationen und Rylants poetischen Zeilen lebt, unterliegt, genau wie das Leben selbst, der stetigen Veränderung. Es sensibilisiert uns, in den kleinsten Dingen das Wunderbare zu sehen und verzaubert kleine wie große Betrachter mit seinen stimmungsvollen Bildern. Und auf einmal wird uns ganz klar, warum es sich lohnt, jeden Morgen aufzuwachen und zu schauen, was passiert. „Denn das Leben fängt klein an. Und es wächst.“

<3 <3 <3 <3 <3

Blickwinkel aus kleinen Augen

Lenas Urteil:

Lena SteckbriefGefällt dir das Buch? Ja, sehr.

Was hat dir besonders gefallen? Die Tiere

Worum geht die Geschichte? um das Leben

Wo steht das Buch im Regal? neben „Die Flucht“

Lesezeit: bei Tageslicht

Bester Leseplatz: im Bett

Schlüpft in die Rolle von: einer Entdeckerin

Kinderfreuden #9: Bärenwild

lesenslust über “Der Schreck-Bär” von Ivan Bates

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Beschreibung:

Der Bär liebt es, die anderen Tiere des Waldes zu erschrecken. Bei seinem Lieblingsspiel schlägt er ein Tier nach dem anderen ängstlich in die Flucht. Doch den Tieren des Waldes wird das allmählich zu bunt und sie  beschließen sich zu beraten. Irgendwer muss dem Bären eine Lektion erteilen!

Als sich das kleine Kaninchen mit der rosa Nase dazu bereiterklärt erntet es nur Gelächter und amüsierte Blicke. Wie soll ein so kleines Tier einem so großen Bären schließlich zeigen, wo’s langgeht? Doch das Kaninchen lässt sich nicht beirren und bewirkt mit seiner freundlichen und liebevollen Herangehensweise schon bald viel mehr, als es die anderen Tiere für möglich gehalten haben.

Eckdaten

Hardcover, ab 3 Jahren

40 Seiten
233mm x 300mm
ISBN: 978-3-280-03491-0
Ivan Bates

Orell Füssli Verlag
14,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

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Bilder aus dem Buch © Orell Füssli Verlag

Blickwinkel aus grossen Augen

Ivan Bates hat schon einige Kinderbücher illustriert, in denen sich dem liebevollen Umgang untereinander gewidmet wird. Sein wohl bekanntestes Werk ist „Just you and me“, das er zusammen mit Sam McBratney, der sich mit „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ internationalen Bekanntheitsgrad verschafft hat. Auch „Der Schreck-Bär“ befasst sich wieder mit zwischenmenschlichen Beziehungen.

Schon auf den ersten Seiten stößt man auf Bates Widmung an die Kinder der Brisley Grundschule und merkt, welche Gewichtung die Werte Respekt und Freundlichkeit für den Autor haben. Es scheint Bates eine Herzensangelegenheit zu sein, diese Werte von Kindesbeinen an zu vermitteln. Dieser Leitgedanke macht sich in seinen liebevollen Zeichnungen durchweg bemerkbar.

In „Der Schreck-Bär“ konzentriert er sich auf ein kleines Kaninchen und einen wilden Bären. Ein Duo, das auf den ersten Blick gar nicht zueinander passt, und dennoch ein viel harmonischeres Bild abgibt, als anfangs gedacht. Mit dem Kontrast dieser beiden Tiere stellt er wunderbar unter Beweis, dass es nicht auf die Größe oder Stärke ankommt, um mit jemandem klar zu kommen. Auch wenn das Kaninchen und der Bär in der Realität nicht unbedingt miteinander harmonieren, wird Bates Botschaft schnell klar. Das kommt auch bei den Kindern an.

Was ich besonders gelungen finde, ist, dass die Lektion, die das Kaninchen dem Bären erteilt, nicht belehrend ist, sondern vielmehr durch Gesten lebt. Mit zahlreichen Umarmungen erweicht das kleine Kaninchen das Herz des wilden Bären im Nu und macht ihn ganz lieb und zugänglich. Plötzlich scheinen sich alle Tiere des Waldes nach den bärenstarken Umarmungen zu sehnen.

Bates bestückt sein Kinderbuch mit großflächigen Zeichnungen, die trotz schlichter und zurückhaltender Farben ihr Ziel nicht verfehlen. In den anfänglich wilden Illustrationen des Bären spiegelt sich perfekt die Wildheit des Bären wieder. Mit der Zeit werden die Zeichnungen, genau wie die Persönlichkeit des Bären, weicher und sanfter. Bates Geschichte lebt von vielen Bilder und kommt mit wenig Text aus, der in Form von Reimen daherkommt.

Dem Autor ist ein entzückendes Buch gelungen, das zeigt, was ein freundlicher Umgang miteinander alles bewirken kann. Er gibt den Kindern nicht nur ein wertvolles und lehrreiches Werkzeug an die Hand, sondern sorgt auch dafür, dass man seine Figuren schnell ins Herz schließt.

<3 <3 <3 <3 <3

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfigur der Geschichte: das Häschen mit der rosa Nase

Liebt: bärenstarke Umarmungen

Bester Leseplatz: im kuscheligen Bett, im Kreis seiner Kuscheltierfreunde

Derzeitiges Lieblingsspiel: Kuschelparade (in Mundart: Kuschelpirade)

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Bild aus dem Buch © Orell Füssli Verlag

Kinderfreuden #7: Weggepustet

lesenslust über „Weggepustet“ von Rob Biddulphimage„Der Drachen steigt. Stark bläst der Wind. Pinguin Blau weht fort geschwind.“

Beschreibung:

Eine ganz schön windige Angelegenheit!

Als Pinguin Blau seinen leuchtend roten Drachen das erste Mal in die Luft steigen lässt, erfasst ihn eine kräftige Windböe. Ehe er sich versieht, hat der Wind ihn davongetragen. Als er an seinen Freunden Bert und Floh vorbeifegt, trauen sie kaum ihren Augen. Hastig eilen sie ihm hinterher und hängen verzweifelt an ihn. Doch der Wind reißt auch sie mit. Selbst Robbe Wilbur und der dicke Eisbär Hermann schaffen es nicht, die windige Reisegruppe wieder auf den Boden zurückzuholen und hängen schon bald mit an der Drachenschnur.

Der Wind pustet die luftige Reisegruppe weit über die Antarktis hinaus in einen wilden Dschungel voll verschlungener Lianen und exotischen Pflanzen. Völlig verdattert plumsen sie auf den erdigen Boden. Es ist bunt, flirrend und feuchtwarm um sie herum. So ganz anders als am Südpol. Schnell fühlen sich die eisigen Zeitgenossen unwohl in ihrer Haut. Sie sehnen sich nach den Eisschollen und dem klirrendkalten Boden ihrer Heimat.

Doch wie sollen sie es jemals zurück schaffen?

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Eckdaten

Hardcover, ab 4 Jahren

32 Seiten
ISBN: 978-3-257-01179-1
Rob Biddulph & Steffen Jacobs

Diogenes Verlag
16,90 €

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Blickwinkel aus grossen Augen

„Weggepustet“ ist meine persönliche Kinderbuchpremiere aus dem Hause Diogenes.

Lange Zeit habe ich den Schweizer Verlag nur mit Erwachsenenliteratur und schlichten weißen Covern mit quadratischen Bildern in Verbindung gebracht. Noch nicht lange weiß ich davon, dass sein Programm auch Kinderbücher beherbergt. Umso mehr freute es mich, als ich dieses Buch an die Hand bekam und meinem Lieblingsneffen eine besondere Freude machen konnte.

Eine tolle Empfehlung. Denn Rob Biddulphs farbenfrohe Geschichte, die sich hinter dem schlichten, fast schon unscheinbaren Cover mit dem leicht kantigen Pinguin im Visier verbirgt, ist wirklich gelungen. Mit farbenfrohen Bildern, die mit einer besonderen wachsmalfarbenen Technik gemalt zu sein scheinen, erzählen Biddulphs Bilder die Geschichte des Pinguins Blau und seinem neuen knallroten Drachen. Es ist vielmehr eine kleine Flugreise, auf die er uns mitnimmt. Denn Pinguin Blau hat nicht damit gerechnet, dass sein kürzlich erworbener Drache für so viel Wind sorgt. Im Nu hat ihn eine kräftige Böe erfasst und reißt nicht nur ihn, sondern nach und nach auch die gesamte Tierschar des Südpols mit sich.

Erklärt wird in „Weggepustet“ eigentlich nichts, die Geschichte wird vielmehr von den Bildern und weniger von den schlichten begleitenden Reimen von Steffen Jacobs erzählt. Die eisige Eintönigkeit der Polarbewohner steht dabei im perfekten Kontrast zu der farbintensiven Umgebung des Dschungels. Die Aufmachung des Buches ist herzallerliebst und ein wahrer Augenschmaus. Schön anzusehen aber leider ganz und gar nicht praxisgerecht finde ich den Schutzumschlag um den darunter versteckten dschungelig grünen Buchdeckel. Ein Kinderbuch ist nun mal für Kinderhände. Und dass die Kleinen in jungen Jahren das nötige Feingefühl für einen Schutzumschlag wie diesen an den Tag legen, scheint mir eher abwegig, weswegen ich ihn „verschwendeter Liebesmüh“ zuordne. Eine schöne, aber dennoch unausgeklügelte Idee.

Biddulph greift in „Weggepustet“ die Faszination am Fliegen und die Zugehörigkeit der Tiere auf. Schnell merken die Kinder, dass ein Eisbär nur wenig im Dschungel verloren hat und das Äffchen aus dem Dschungel genauso wenig etwas am Südpol verloren hat. Auch repräsentiert der zusammengewürfelte Tierhaufen, der in der Realität nur in wenig harmonischem Licht steht, für die Hilfsbereitschaft von Lebewesen unterschiedlicher Abstammung untereinander.

Ein gelungenes Kinderbuchdebüt, das Lust auf mehr macht. Gerade jetzt im Herbst, scheint mir Biddulphs luftiges Abenteuer die perfekte Bettgeschichte zu sein.

<3 <3 <3 <3

Blickwinkel aus kleinen Augen

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Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Lieblingsfigur der Geschichte:

Eisbär Hermann in seinem Gummiboot

Bester Leseplatz: im kuscheligen Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Luftikus

Träumt von:

seinem eigenen Drachen

Extras

Auf dem Diogenes Blog gibt’s zu „Weggepustet“ entzückenden Spiel- und Ratespaß mit Pinguin Blau und seinen eisigen Polarfreunden als Schmankerl für obendrauf.

Unbedingt mal reinklicken…

Rätsel Pinguin Blau
Quelle: http://diogenesverlag.tumblr.com

 

 

Der Sprung auf einen Zirkus…

lesenslust über „Wasser für die Elefanten“ von Sara Gruen

~*Die Story*~

Jacob Jankowski ist mit seinen 93 Jahren in die Jahre gekommen. Seine Haut ist zerfurcht und faltig, sein Gang holprig und unbeholfen. Auf die Menschen macht er mittlerweile einen verstörten und nahezu unbeholfenen Eindruck. Doch seine Gedanken sind klar, klarer als irgendwer vermutet. So führen sie ihn nicht allzu selten zu seinen „Glanzzeiten“ zurück, in denen er sich wiegt und in den Erinnerungen schwelgt.

70 Jahre zurück in der Vergangenheit: Jakob ist jung und steht kurz vor seinem Abschluss als Veterinärmediziner an der Elite-Universität Cornell. Schon bald soll er die Tierarzt-Praxis seines Vaters übernehmen und in seine Fußstapfen treten. Eigentlich.

Denn wie sooft kommt alles anders. Jacobs Eltern verunglücken bei einem Autounfall tödlich und der junge Jacob steht vor den Trümmern ihres bescheidenen Lebens. Kurz vor seiner Abschlussprüfung sieht Jacob rot. Der Tod seiner Eltern reißt ihn völlig aus den Bahnen, er verheddert sich in Melancholie und Trauer. Also sieht er nur einen Ausweg: er muss weg.

Er springt bei völliger Dunkelheit auf einen vorbeifahrenden Zug ohne zu bemerken, dass er dabei das Ticket zu einem ganz anderen und ganz eigenem Leben zieht: dem Leben beim Zirkus. Denn der Zug ist kein Güterwagen sondern „Benzinis spektakulärste Show der Welt“. Onkel Als rollender Wanderzirkus, der mithilfe einer Eisenbahn von Ort zu Ort tuckert um die Menschen an den unterschiedlichsten Orten der Welt zu unterhalten.

Hier begegnet Jakob nicht nur einer Menge von beeindruckenden Menschen und Tieren sondern auch der Liebe seines Lebens:
Marlena – Kunstreiterin, Juwel der Show und Ehefrau des schizophrenen Dompteurs August.

Eine Begegnung, die nicht nur ohne Folgen bleiben sondern auch Auslöser für eine Tragödie werden soll…

~*Meine Meinung*~

Sara Gruens Stil ist vielseitig. Während sie das Wesen von Tieren und Menschen einfühlsam und liebevoll beschreibt nennt sie andere brutale Dinge oft beim Namen: ihre Beschreibung ist unverblühmt und von derart authentischem Maße, dass man meinen könnte, man stehe direkt daneben.
Diese Mischung verschafft dem Stil eine einzigartige und besondere Note. Sie macht ihn mitreissend und lässt die Spannung nicht weichen. Wir reisen mit, auf Jakobs Reise mit „Benzinis spektakulärster Show“. All die Details, die uns während der Geschichte begegnen setzen sich ganz unbemerkt in unserer Erinnerung fest und ermöglichen es so, dass man der Geschichte voll & ganz folgen kann.

Die Autorin entschied sich für einen stetigen Zeitenwechsel innerhalb des Buches. So ermöglicht sie dem Leser an Jakobs Leben zu unterschiedlichen Zeitpunkten teilzuhaben.
Wir begegnen ihm mit 93 Jahren – alt und „scheinbar verdattert“ in einem Altenheim sitzend, wo er auf sein bisheriges Leben wehmütig zurückblickt und über die Ausweglosigkeit seines Alltags verzweifelt. Ich wirkte an mancher Stelle ziemlich schockiert und mir wurde zunehmend bewusster dass meine Wahrnehmung von älteren Menschen, die ich bisher hatte vielleicht nicht richtig war und ich fast schon eine unfaire Haltung ihnen gegenüber hatte. Sara Gruen zeigte mir nicht nur die Welt von älteren Menschen in unserer Gesellschaft heute, sondern auch die Welt, in die auch ich irgendwann später eintrete. Sie ist manchmal erschreckender und auswegloser, als sie uns jungen Menschen oft erscheint. Vieles ist nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint. Ältere Menschen sind oft klarer im Kopf, als man denkt. Dieser Einblick hat mich sehr nachdenklich gemacht und lässt mich über einige Dinge nun ganz anders denken.

Bevor Jakob zu Onkel Al´s Zirkus kommt ist er noch unreif. Mit seinen jungen 23 Jahren hat er kaum eine Vorstellung vom Leben, geschweige denn von Sex, der Liebe oder seinen Bedürfnissen. Wir dürfen ihm bei seinem Reifeprozess beobachten und sehen wie aus dem Jungen ein stattlicher Mann heranwächst. Die Begegnung mit Marlena, der Kunstreiterin, wird für Jakob von besonderer Bedeutung, weil er irgendwann bemerkt, dass er von ihr nicht nur fasziniert ist sondern sich in sie verliebt hat. Ihr schizophrener Ehemann, der Dompteur der Show ist eine gewaltige Erscheinung, die nicht nur Marlena sondern auch den Leser mit all seinen Fazetten zu täuschen weiß. Während er auf der einen Seite Prinz Charming spielt, kommt sein anderes Ich Stück für Stück zum Vorschein. Das harte und brutale Wesen, das oft nicht die nötige Grenze seiner Handlungen erkennt nimmt irgendwann Überhand und schockiert mich zutiefst.

Zudem bekommt der Leser einen sehr guten Eindruck von den Besonderheiten innerhalb eines Zirkusses. Es geht dabei nicht nur um die Abläufe hinter der Menagerie oder dem Alltag der Zirkusbewohner und seinen Tieren sondern auch um den Unterschied der verschiedenen Menschengruppen innerhalb des Zirkusses. Wie auch unsere Gesellschaft von verschiedenen Schichten geprägt ist, werden innerhalb des Zirkusvolks krasse Unterschiede gesetzt. Während der Eine sich in seinem eigenen Privatwaggon ein Glas edlen Whiskey gönnt kann der Andere wiederum sich schon glücklich schätzen, wenn er im Stall bei den Tieren schlafen darf.

Die Geschichte erzählt uns viele kleine Geschichten, die sich wie einzelne Puzzleteile zusammensetzen und irgendwann ein großes Ganzes ergeben. Die Schicksale einiger Zirkusbewohner treffen den Leser oft wie ein Schlag ins Gesicht. Aufgrund der Vielseitigkeit der Geschichte, ist die Liebe, die zwischen Jakob und Marlena irgendwann entflammt zwar Kernpunkt der Geschichte, welcher sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht, jedoch wird er stets von vielen nicht unwichtigen Geschichten anderer Protagonisten begleitet.

Sicherlich weiß man schon zu Beginn, dass Jakob und Marlena füreinander bestimmt sind, all die anderen Wendungen und Verläufe sind jedoch nicht vorhersehbar und lassen die Spannung immer wieder aufs Neue steigen. Sara Gruen schenkte mir ein paar sehr unterhaltende Stunden – vielen Dank dafür!