Das Labyrinth der Lichter

„Das Labyrinth der Lichter“ – Carlos Ruiz Zafón

„Die Welt ist nicht der unmoralische Ort, den du bisher gekannt hast, Alicia. Die Welt ist schlicht ein Spiegel von uns, die wir sie bilden, und sie ist nicht mehr und nicht weniger als das, was wir alle gemeinsam mit ihr anstellen.“

Zitat, Seite 275

Es ist das plötzliche Verschwinden des Ministers Mauricio Valls, das Alicia Gris zurück nach Barcelona führt, das sie für immer hinter sich lassen wollte. Doch ein Auftrag der politischen Polizei zwingt sie dazu, hinter das Geheimnis eines geheimnisvollen Buches aus der Serie „Das Labyrinth der Lichter“ zu kommen, das sich in Valls Besitz befand und im Zusammenhang mit seinem Verschwinden stehen könnte.

In den Straßen von Barcelona prasseln die Erinnerungen vergangener Tage auf sie ein wie ein brennender Feuerhagel und rauben ihr nahezu die Luft zum Atmen. Trotz seelischer und körperlicher Schmerzen schleppt sie sich durch das mystische Geflecht der Stadt und nimmt die Spur des Ministers auf, die sie direkt in die Buchhandlung Sempere & Söhne spült. Doch in der Buchhandlung empfängt Alicia nicht nur die magische Atmosphäre, die ihr seit jeher innewohnt, sondern auch eine Wahrheit ungeheuerlichen Ausmaßes, die Alles über sie zum Einstürzen bringen könnte.

„Als sie eintrat, wurde sie vom Glöckchen an der Tür empfangen, dem von Tausenden Seiten ausgehenden Duft von Büchern, die auf ihre Chance warteten, und einer nebligen Helligkeit, die die Szenerie mit einem Traumgewebe überzog. Alles war so, wie sie es in Erinnerung hatte, von der Vielzahl der hellen Holzregale bis zum letzten im Licht des Schaufensters gefangenen Stäubchen. Alles außer ihr. Sie betrat diesen Raum, als kehrte sie in eine wiedergefundene Erinnerung zurück.“

Zitat, Seite 361

Sechs Jahre nach seinem Roman „Der Gefangene des Himmels“ beglückt uns Carlos Ruiz Zafón mit dem vierten und letzten Roman der Barcelona-Reihe um das literarische Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher und präsentiert sich besser den je.

Es ist seine lebendige und von Metaphern getränkte Schreibweise, die mich seit jeher in ihren Bann zieht. Kaum ein anderer Autor vermag es die düstere und mystische Seite Barcelonas mit seinem Netz aus Kriminalität, Intrigen und Gewalt so authentisch heraufzubeschwören wie er. Er erweckt die Gässchen, Straßen und Hinterhöfe Barcelonas nicht nur zum Leben, sondern verleiht der katalonischen Hauptstadt auch eine gewisse Anmut, wenn auch mit zwielichtiger Note.

Und so katapultieren mich Zafóns Zeilen in „Das Labyrinth der Lichter“ ohne langes Vorgeplänkel unmittelbar ins Geschehen. Ich bin zurück, im vom Nebelschwaden durchwaberten und düsteren Barcelona.

Erstmalig begleiten uns Fotografien durch die Geschichte

„Ich zog los, erinnere mich aber, dass die Kleider, die Schuhe und selbst die Haut schwer an mir zogen. Ein Schritt war anstrengender als der andere. Als ich auf die Ramblas gelangte, sah ich, dass die Stadt in einem Augenblick der Unendlichkeit verharrte. Die Menschen waren stehengeblieben, eingefroren wie die Gestalten auf einer alten Fotografie. Der Flügelschlag einer auffliegenden Taube war nur gerade eine verschwommene Skizze. Pollenfäserchen hingen unbeweglich wie pulverisierendes Licht in der Luft. Das Wasser des Canaletas-Brunnens glitzerte im Leeren gleich einem Kollier aus gläsernen Tränen.“

Zitat, Seite 9

Obwohl ich gleich zu Beginn alte Bekannte aus Vorgängerromanen treffe, begegne ich in „Das Labyrinth der Lichter“ einer neuen Protagonistin, Alicia Gris, an deren Seite ich von Zafón durch die Geschichte geführt werde. Die in Barcelona geborene und durch die Folgen eines erbarmungslosen Krieges hartgesottene Alicia wird von Madrid zurück nach Barcelona gespült, wo sie sich nicht nur den Gespenstern ihrer Vergangenheit, sondern auch den schockierenden Wahrheiten stellen muss, die ihre Suche nach dem verschwundenen Minister zu Tage fördert.

Es ist ein heikles und weitreichend verflechtetes Unterfangen, in das die junge aber vom Leben abgehärtete Hauptfigur sich durch die Suche nach Mauricio Valls manövriert, weshalb sich der Leser schnell mit allerhand blutigen, brutalen und schwer verdaulichen Szenen konfrontiert sieht.

Während man Zafóns Barcelona-Bücher durch ihre in sich geschlossenen Geschichten allesamt auch eigenständig lesen kann, empfiehlt sich in meinen Augen dennoch die vorangegangene Lektüre von „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefange des Himmels“. Nur so setzt sich eine puzzleteilartige Verkettung in Gang, die die Figuren und Handlungsstränge des aktuellen Romans mit den der alten verbindet und dem Ganzen eine zusätzliche Dimension schenkt.

Nachdem mich „Das Spiel des Engels“ und „Der Gefangene des Himmels“ aufgrund von zu vielen aufgenommen und zwischendurch fallengelassenen Handlungssträngen etwas enttäuscht zurückgelassen haben, schließt sich nun der Kreis um den Zyklus von Romanen, die sich im literarischen Universum des Friedhofs der Vergessenen Bücher überkreuzen.

Ähnlich wie „Der Schatten des Windes“ übte „Das Labyrinth der Lichter“ eine sogartige Wirkung auf mich aus, die mich unmittelbar auf den ersten Seiten erfasste und mich erst wieder losließ, als ich die über 900 Seiten bewältigt hatte. „Das Labyrinth der Lichter“ ist daher sicherlich nicht die geeigneteste Lektüre für unterwegs, sicherlich aber eine der ausdauernsten und rasantesten aus Zafóns Repertoire.

Carlos Ruiz Zafón at his best!

„Die meisten von uns Sterblichen lernen ihr wirkliches Schicksal nie kennen; wir werden ganz einfach von ihm überrollt. Wenn wir dann den Kopf heben und sehen, wie es sich auf der Landstraße entfernt, ist es schon zu spät, und den Rest des Weges müssen wir im Straßengraben dessen zurücklegen, was die Träumer die Reife nennen. Die Hoffnung ist nichts weiter als der Glaube, dass dieser Moment noch nicht gekommen ist, dass es uns gelingt, unser wirkliches Schicksal zu sehen, wenn es heranrückt, und dass wir an Bord springen können, ehe sich die Chance, wir selbst zu werden, auf ewig verflüchtigt und uns dazu verdammt, leer zu leben und uns nach dem zu sehnen, was hätte sein müssen und nie war.“

Zitat, Seite 360/361

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Im Himmel gefangen

„Der Gefangene des Himmels“ – Carlos Ruiz Zafón

„Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.“

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

„Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.“

Zitat, Seite 274

Zafón wagt sich mit „Der Gefangene des Himmels“ an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit „Der Schatten des Windes“ begonnen hat und durch „Das Spiel des Engels“ fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in „Der Gefangene des Himmels“ nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu „Marina“, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir „Der Gefangene des Himmels“ fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

„In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.“

Zitat, Seite 126

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in „Der Gefangene des Himmels“ nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk „Der Mitternachtspalast“ scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit „Der Gefangene des Himmels“ auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

„An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.“

Zitat, Seite 222/223

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