Kinderfreuden #52: Wenn ein Einhorn ohne Glitzer erstrahlt

„Emmas Einhorn“ – Briony May Smith

Thienemann-Esslinger, erschienen am 27. Juli 2021, Preis 15,00 € [D], Gebundene Ausgabe, ab 3 Jahren, 48 Seiten, ISBN: 978-3-480-23717-3, hier geht’s zum Buch

Emma zieht mit ihren Eltern in ein kleines Haus am Meer. Hier riecht alles anders, die Räume begegnen ihr leer und befremdlich. Noch nie hat sie sich so einsam gefühlt wie hier. Sie flüchtet in die Natur, durchstreift die von wilden Blumen übersäten Wiesen und entdeckt dabei ein kleines Einhorn-Baby, das sich im Gras verfangen hat. Sie befreit es und nimmt es in ihre Obhut. Als ihre Oma ihr erzählt, dass Einhörner sich ausschließlich von Blumen ernähren und deshalb immer an die blumenreichsten Orte fliegen, schafft sie für das Einhorn ein kleines Paradies, in der Hoffnung, es niemals wieder zu verlieren.

Und so verweilt das Einhorn bis zum nächsten Frühling bei Emma, wird ihr zu einer guten Freundin. Die beiden genießen eine unbeschwerte Zeit. Doch irgendwann kehrt die Familie des Einhorns zurück und für Emma heißt es, Abschiednehmen.

Ob sich Emma danach wieder einsam fühlt?

Blickwinkel aus großen Augen

An von Kälte und Regen beherrschten Tagen (wie sie der November zuhauf mit sich bringt) ziehen sich meine Tochter und ich uns gerne in Bilderbücher zurück, die mit warmen und atmosphärischen Szenerien aufwarten.

„Emmas Einhorn“ empfängt uns mit einem Meer aus Blumen in einer wilden unberührten Bergszenerie unweit vom Meer, die mich stark an Irland oder Schottland erinnert, mich selbst aus der Ferne dem satten Grün und der wilden unberührten Natur ganz nahe bringt, mir die salzig-erdige Luft um die Nase weht, mich die brausende Gischt des Meeres hören und mich von einem Gefühl des Behagens umgeben fühlen lässt.

„Dichter Nebel zog über den Himmel und legte sich auf das Wasser. Nein, das war kein Nebel. Das waren Wolken. Nein, das waren keine Wolken, es waren weiße Pferde. Nein, keine Pferde – Einhörner. Sie sprangen in die Luft und der Wind trug sie davon. Nur ein Wimpernschlag und sie waren verschwunden.“

Briony May Smith hätte keine magischere Szenerie schaffen können, um einen Blick auf eine Herde von Einhörnern am Himmel zu erhaschen, die mit dem letzten Sommerwind zu einer sagenumwobenen Insel fliegen und einem Mädchen namens Emma ein kleines Wunder an die Hand geben, das ihm über die Einsamkeit hinweghilft, die es in der Fremde seines neuen Zuhauses plötzlich verspürt. Sie gibt damit nicht nur der Protagonistin, sondern allen kleinen (und großen) Leser*innen einen tierischen Wegbegleiter in Gestalt eines Einhorns an die Hand, dass sie den Wert wahrer Freundschaft kennenlernen und das Gefühl von Zusammengehörigkeit spüren lässt.

Schon lange vor der deutschen Ausgabe hatte ich dieses Bilderbuch im Visier, das im Original den Titel „Margaret’s Unicorn“ trägt. Dass die Geschichte nun auch den deutschen Buchmarkt erobern darf, stimmt mich sehr glücklich. Denn Smith schenkt uns mit ihrer zauberhaften Geschichte nicht nur ein kleines silberfarben-weiß getupftes Einhorn, das auch ganz ohne Glitzer zu verzaubern vermag, der Thienemann Verlag hat mit dem deutschen Titel „Emmas Einhorn“ für uns sogar ein ganz persönliches Herzensbuch geschaffen. Denn auch meine Räubertochter trägt den Namen Emma.

Es ist die magische Aura dieses kleinen Fantasiewesens, die sofort für wohlige Wärme im Kinderzimmer sorgt. Die Faszination, die seit jeher für Einhörner herrscht, wurde in den letzten Jahren stark von Klischees überlagert. Einhörner wurden immer glitzernder, leuchtender und funkelnder. Die Faszination um ihr gewundenes Horn auf der Stirn, um ihre Gabe des Fliegens, schien nicht mehr auszureichen, es musste mit künstlichem Glitzer und Regenbogenfarben versehen und um künstliche Strahlkraft ergänzt werden. Ein regelrechter Einhorn-Hype kam auf. Und der natürliche Zauber um dieses Fabelwesen ging für mich dabei verloren.

Briony May Smith hat diesen Zauber für mich ein Stück weit zurückgeholt. Mit stimmungsvollen und natürlichen Bildern, die das Einhorn nahezu ohne diese Klischees erstrahlen lässt, verzaubert sie ihre Leser*innen auf ganz ursprüngliche Weise, selbst wenn sie das kleine Einhorn von Mondscheinwasser trinken und mit einem leuchtenden Horn die Nacht erhellen lässt. Sie versetzt ihre kleinen Leser*innen ins Träumen, lässt sie in die Luft springen, vom Wind davontragen und wie Schneeflocken vom Himmel rieseln. 

Den von Steffi Kress ins Deutsche übertragenen Zeilen haftet etwas wunderbar Poetisches und zeitgleich Magisches an, dass sich harmonisch an die Illustrationen von Smith schmiegt und das Bilderbuch zu einem stimmungsvollem Gesamtkunstwerk macht. 

Und nicht nur das, Smiths Geschichte spendet auch Trost. Sie zeigt, dass egal wo und wann, immer Weggefährt*innen auf uns warten, die uns treu und ergeben an der Seite stehen, über das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit hinweghelfen und zu guten Freund*innen werden können, selbst wenn das Leben sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder weiterträgt, weit fort, von dem Mittelpunkt unseres eigenen Lebens. Denn wahre Freundschaft kennt keine Entfernung. Und so lernen wir, ein Stück weit über uns selbst hinauszuwachsen und neuen Menschen gegenüber aufgeschlossen zu begegnen. Auch Emma fasst nach dem Abschied ihres Einhorns Mut und findet in Annabel eine neue Freundin.

Mit „Emmas Einhorn“ ist Briony May Smith eine jener Geschichten gelungen, die auch nach zahlreichen Lektüren nicht an Zauber verliert, die sich besänftigend auf unsere Seele legt, uns mit magischem Zauber und Wohlgefühl umgibt und von einem kleinen silber-weiß getupften Einhorn träumen lässt, an dessen Seite wir die Welt erobern.

„Wenn du ein Einhorn als Freund hast, wünscht du dir, dass der Frühling weit weg bleibt.“

Dieses Bilderbuch wurde von mir auch im Rahmen der Kinderbuch-Kolumne auf buchszene.de ans Herz gelegt:

https://buchszene.de/kinderbuch-empfehlungen-november-2021/

Blickwinkel aus kleinen Augen

Emmas Urteil:

Welches Seite hat dir am Besten gefallen, Emma? 

Als Emma und das Einhorn auf der Picknickdecke im Sommer liegen und von Blumen umgeben sind.

Als das Einhorn Mondscheinwasser trinkt und das Horn des Einhorns zum Leuchten bringt. Es leuchtet dann so wie mein Wal-Nachtlicht.

Möchtest du auch mal Mondscheinwasser trinken?

Oh ja. Denn dann fange ich vielleicht auch an zu leuchten und habe Zauberkräfte.

Wann wurdest du ganz traurig?

Als der Frühling da war und die Familie vom Einhorn wieder zurückkam. 

Was gefällt dir am Buch am besten?

Dass das Einhorn Emma nicht vergisst und es später noch einmal besucht. 

 

Wird zur:

Einhornliebhaberin

[Werbung: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Thienemann-Esslinger als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt]

Fremde Welten…

lesenslust über „Das magische Portal: Weltennebel“ von Aileen P. Roberts

 

“Ganz langsam gingen sie näher heran. Darian fühlte, wie Mias Hand sich fest um seine schloss. Er hatte das Gefühl, alles würde sich um ihn drehen. Undeutlich, von Nebelschwaden verhüllt, erschien plötzlich ein in fahlem Silber und Gold glänzendes Portal.“

 

Darian ist Waise und verbringt seine erste Kindheit im Waisenhaus. Dank der Adoption des wohlhabenden Samuel Drake lebt er ein opulentes Leben. Er genießt es, an einer teuren Universität in London zu studieren, hat eine attraktive Freundin und viele Freunde. Doch was ist dieser Luxus wert, wenn man sich nicht wirklich zugehörig fühlt? Ein Gedanke, der ihn auf einer Studienfahrt durch Schottland nicht mehr loslässt. Schon bald bemerkt er eine seltsame Vertrautheit zu den schottischen Highlands. Ein Gefühl, das ihn verwirrt und gleichzeitig so gegenwärtig ist, dass er es nicht ignorieren kann.
Als ihm seine unscheinbare Studienkollegin Mia auf der Reise ein Geheimnis offenbart, scheint alles plötzlich einen Sinn zu ergeben:

Darian sei der letzte Erbe eines Königgeschlechts und rechtmäßiger Thronfolger von Albany, einer magischen Parallelwelt. Durch eine Täuschung fiel seine ganze Familie einer Verschwörung zum Opfer. Nur er konnte durch das magische Portal in Sicherheit gebracht werden. Noch vor Vollendung seines 25. Lebensjahres muss er durch das magische Portal nach Albany zurückreisen, um sein Erbe anzutreten. Nur so kann er die magische Welt aus den Klauen des machtgierigen und tyrannischen Fehenius befreien.

Nach anfänglichen Zweifeln ist diese Mission für Darian schon bald so verlockend, dass er es kaum abwarten kann, die Reise anzutreten. Doch das Passieren des Portals am Stein von Altnaharra gestaltet sich alles andere als einfach. Denn überall lauern sie, seine Feinde, deren Mission nichts anderes ist, als ihn davon abzuhalten. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt…

 

~°~Meine Meinung~°~

Mit Albany hat die Autorin eine fantastische und magische Parallelwelt geschaffen, die durch eine Fülle an mystische Wesen und dem Zauber einer uns unbekannten Welt lockt. Roberts´ Zeilen wirkten wie eine Einladung zu einer Reise, einer Reise ins Ungewisse.
Der Hauptprotagonist Darian erschien mir trotz seines opulenten Lebens bei seinem reichen Adoptivvater Samuel zu keiner Zeit arrogant oder oberflächlich. Durch sein nachdenkliches und eher bescheidenes Wesen hat er sich bereits am Anfang meine Sympathie eingeheimst. Mia, die in London noch die unscheinbare Kommilitonin mimt, verzauberte während der Geschichte nicht nur Darian sondern auch mich mit ihrer elfengleichen Schönheit und kämpferischen Seele. All die Wegbegleiter und Feinde, die sich während ihrer Reise offenbarten, wurden von der Autorin liebevoll gezeichnet.

Roberts´ lebendige Beschreibungen haben ihre Zeilen zum Leben erwecken lassen und gaben mir schon bald das Gefühl ein Wegbegleiter der beiden zu sein. Roberts´ Liebe zu Schottland ist in den liebevollen und farbenfrohen Beschreibungen des Landes zu erkennen und lässt uns Fernweh verspüren.
Die Fülle an Informationen über die Konstellationen der einzelnen Figuren prasselte anfangs wie ein Schwall Wasser auf mich ein und hat mich, zugegebener Maßen, etwas überfordert. Doch mit der Zeit gelang es mir, ein Gespür für die Zusammenhänge zu entwickeln. Das im Anschluss angefügte Personenverzeichnis verhalf mir bei vorübergehenden Gedächtnislücken auf die Sprünge. Die Entwicklung einzelner Personen überraschte und schockierte mich teilweise. Sie stellten für mich jedoch sehr gute stilistische Mittel dar, um die Spannungskurve und den Überraschungsmoment zu wahren, gerade wenn sich die Entwicklung etwas hinzog.
Der Cliffhanger zum Schluß sorgt für die nötige Würze und Neugier beim Leser. Er lässt mich voller Vorfreude die Fortsetzung, die für August angesetzt ist, erwarten.