Eine Bergfreundschaft

„Acht Berge“ – Paolo Cognetti

„Manchmal findet man seinen Platz im Leben auf deutlich weniger verschlungenen Wegen als gedacht.“

Zitat, Seite 214

Die Faszination für die Berge bekommt Pietro von seinen Eltern in die Wiege gelegt. Die Dolomiten waren nicht nur ihre erste große Liebe, sondern auch der Grundstein ihrer Ehe, die am Fuß der Drei Zinnen beschlossen wurde. Selbst als sie mit Anfang dreißig vom ländlichen Veneto nach Mailand ziehen, geht ihnen ihre Leidenschaft für die Berge nie verloren, weshalb sie sich eines Tages entschließen, eine eigene Berghütte zu kaufen.

Diese rustikale Berghütte im Bergdörfchen Grana wird von da an Pietros zweites Zuhause. Jeden Sommer kommt er dorthin zurück und folgt schon bald mit wachsender Begeisterung seinem Vater in das Gebirge. Das Bergsteigen bleibt dabei die einzig richtige Erziehung, die Pietro von seinem Vater erfährt, der nur selten da ist und sich die meiste Zeit seiner Arbeit in Mailand widmet. Doch Pietros Vater ist streng, duldet beim Aufstieg kaum eine Rast. Umso schöner werden für ihn die Erkundungstouren mit dem Bergjungen Bruno, der schon als Kind auf die Kühe seiner Eltern aufpassen muss und sich in der Umgebung auskennt wie in seiner Westentasche. Mit Bruno durchkreuzt er das Unterholz, entdeckt dabei verlassene Hütten, versteckte Bachläufe und die Schönheit der Natur. Durch ihn lernt er die Berge erst richtig kennen. Es ist Brunos Geruch nach Stall, Heu, geronnener Milch, feuchter Erde und Kaminrauch, den er von da an mit den Bergen verbindet.

„Mit Bruno in die Berge zu gehen hatte nichts mit dem Erstürmen von Gipfeln zu tun. Wir nahmen zwar einen Weg, liefen durch den Wald und rannten eine halbe Stunde bergauf, aber an irgendeinem Punkt, den nur er kannte, verließen wir den ausgetretenen Pfad und suchten neue Routen. (…) Es war mir ein Rätsel woran er sich orientierte. Er marschierte zügig drauflos, folgte einem inneren Kompass, der ihm Wege aufzeigte, wo ich nur ein abgerutschtes Ufer oder einen zu steilen Felsen sah.“

Zitat, Seite 63

Ihre Leidenschaft für die Natur teilen sich die beiden Männer ein Leben lang. Es ist das Bindeglied ihrer Freundschaft, die dreißig Jahre anhält, auch wenn sie unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Während es Pietro in die Ferne zieht, bleibt Bruno den Bergen ein Leben lang treu. Doch auch über die Entfernung bleiben die beiden Freunde eine Konstante im Leben des jeweils anderen, weshalb sie nicht nur die Höhen sondern auch die Tiefen des Lebens gemeinsam durchleben.

„Manchmal muss man eben einen Schritt zurückgehen, um vorwärtszukommen. Vorausgesetzt, man besitzt die Bescheidenheit, das zu akzeptieren.“

Zitat, Seite 231

Was Paolo Cognetti in „Acht Berge“ erschaffen hat, ist die Geschichte einer wahren Männerfreundschaft vor gewaltiger Bergkulisse. Durch wunderbar atmosphärische Beschreibungen erweckt er eine Landschaft zum Leben, die uns einmal mehr vor Augen hält, wie atemberaubend schön und heimtückisch die Natur doch ist. Denn auch mit wachsender Evolution bleibt die Natur stets gewaltiger als der Mensch. Eine Tatsache, die der Autor in seiner Geschichte mit treffenden Ereignissen untermauert.

Sein Roman, der in Anbetracht dessen, dass Cognetti selbst in Mailand lebt und sich in den Sommermonaten in die Abgeschiedenheit seiner Berghütte im Aostatal zurückzieht, hat sicher autobiografische Züge. Denn wer die Zeilen des Romans aufmerksam liest, kann den Autor darin sicher wiederfinden. Schon der Blick auf das Autorenprofil lässt erste Parallelen zu seinem Protagonisten Pietro erkennen.

Die Geschichte handelt von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bruno, ein waschechter Naturbursche und Pietro, der Junge aus der Stadt. Die Berge werden zum Bindeglied ihrer Freundschaft. Ihr markantes Profil ragt hinter ihnen hervor, begleitet uns wie ein roter Faden durch die Geschichte. Ihre Präsenz ist allgegenwärtig, auf jeder Seite des Romans spürbar. Das macht „Acht Berge“ zu einem unglaublich intensiven und atmosphärischen Leseerlebnis.

„Der See war ein Nachthimmel in Bewegung. Böen wehten kleine Wellen von einem Ufer zum andern. Glitzernde Sterne, die sich entlang der Kraftlinien auf dem schwarzen Wasser niederließen, erloschen, blinkten wieder auf und wechselten abrupt die Richtung. Ich blieb reglos und betrachtete diese Muster. Mir war, als könnte ich das Leben der Berge in Abwesenheit des Menschen sehen.“

Zitat, Seite 188/189

Mit „Acht Berge“ regt Cognetti seine Leser zum Nachdenken an, er bringt sie unausweichlich zu der Frage, welcher Weg der richtige im Leben ist. Durch die unterschiedlichen Lebenswege seiner Protagonisten zeigt er uns zwei mögliche Pfade auf, überlasst es uns zu entscheiden, welchen wir selbst einzuschlagen gedenken. Und obwohl der Autor die Welten der beiden Freunde sichtbar aufeinanderprallen lässt, bewahrt er dennoch die Harmonie zwischen ihnen.

Cognettis Stil hat mich wirklich beeindruckt. Seine Zeilen begegnen einem auf sehr ruhige und geerdete Weise. Sie sind ehrlich und ungeschönt, nehmen das Leben so wie es ist. Selbst durch die Widrigkeiten des Lebens scheint seine Gelassenheit nichts einzubüßen. Er stattet seine Geschichte zwar mit reichlich Metaphern und Landschaftsbeschreibungen aus, kommt aber ohne jeglichen Kitsch aus. Es scheint ihm ein Anliegen, die Schönheit der Natur in all seinen Facetten aufzuzeigen und uns einmal mehr ins Bewusstsein zu rufen, was im Leben wirklich zählt. Das offene Ende, das für mich sehr abrupt kam, letzten Endes aber für Authentizität sorgt, rundet seine Geschichte auf harmonische Weise ab.

Und so gesellt sich „Acht Berge“ zu meinen Lesehighlights des Jahres 2018. Ich habe jede Zeile dieses Werkes genossen, in mich aufgesaugt und meine Lungen von der kristallklaren Bergluft erfüllen lassen, die ihm entweicht.

„Als Erwachsener kann man einen Ort, den man als Kind geliebt hat, auf einmal ganz anders empfinden und von ihm enttäuscht sein. Oder aber er erinnert einen an denjenigen, der man einmal war, und macht einen unendlich traurig.“

Zitat, Seite 107