The map that leads to you

„Liebe findet uns“ – J.P. Monninger

Den letzten Sommer nach der Uni wollen Heather, Amy und Constance für eine gemeinsame Europa-Reise nutzen. Während sich Amy in die Arme zahlreicher Männer wirft und Constance sich ihrer Leidenschaft für Madonna-Statuen hingibt, ist Heather ganz vertieft in ihren Hemingway und will sich durch die Gassen der Altstädte treiben lassen. Dass sie im Zug nach Amsterdam auf ihre große Liebe trifft, hätte sie nie für möglich gehalten.

Was als flapsiger Schlagabtausch zwischen zwei Reisenden beginnt, entwickelt sich schon bald zu einer schicksalhaften Begegnung mit Folgen. Denn Heather und Jack können die Augen nicht mehr voneinander lassen, fühlen sich auf magische Weise zueinander hingezogen.

Und so ergänzt Jack fortan das Dreiergespann und entführt Heather zu den Stationen eines alten Reisetagebuchs seines Großvaters, das seine Reise bestimmt. Sie entdecken dabei die Schönheit ungewöhnlichster Orte und teilen die außergewöhnlichsten Momente zusammen. Doch als Heather klar wird, was sie für Jack empfindet, verschwindet er genauso plötzlich wie er kam.

War ihre Liebe nur für einen Sommer bestimmt?

„Wir standen da und verloren uns in den Augen des anderen. Im Vergleich dazu war jeder Blick, den ich je mit einem anderen getauscht hatte, nur eine Vorübung gewesen. Dieser Moment war überwältigend, wunderschön und beängstigend, und wenn mein Leben jetzt zu Ende gewesen wäre, hätte ich immerhin gewusst, wie es sich anfühlt, den Blick eines anderen festzuhalten und ohne jeden Zweifel zu wissen, dass das, was wir Seele nennen, auf die des anderen reagiert hat. Dass wir diesen Blick, diesen Moment, bis in alle Ewigkeit besitzen würden wie einen seltenen Schatz, zusammen mit dem Wissen, dass keiner von uns jemals wieder allein sein musste, niemals so ganz, nie wieder.“

Zitat, Seite 172

Es gibt Bücher, die triefen förmlich nach Liebesroman. Auch dieses hier schien mir so eines zu sein. Ich hatte so lange keine Liebesgeschichte mehr gelesen, dass ich ganz zielsicher nach „Liebe findet uns“ griff und überrascht war, als sich die Geschichte doch ganz anders präsentierte. Nun ja, nicht völlig, aber dennoch anders.

Denn Monningers Roman ist ein Mix aus vielem: Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte. Während Cover und Titel sich ganz eindeutig in die Richtung Liebesroman bewegen, folgen die Zeilen vorerst einer anderem Ziel: einer Reise durch Europa. Was anfangs als reiner Mädelstrip geplant war, wird schon bald zum Abenteuertrip für alle Beteiligten. Allen voran für Heather, die von Jack in ein altes Reisetagebuch eingeweiht wird und fortan mit ihm die Stationen seines verstorbenen Großvaters bereist. Nach Amsterdam folgt u.a. Polen, Italien und Frankreich.

„Egal was du mit nach Paris bringst, die Stadt nimmt es dir und gibt es erst wieder her, wenn sie es nicht mehr braucht. Dann ist es verändert, manchmal nur geringfügig, manchmal stärker, aber immer behält die Stadt einen kleinen Teil für sich. Paris ist ein Dieb. Ein lächelnder Dieb, der sich mit dir über einen Witz amüsiert und dich gleichzeitig beklaut.“

Zitat, Seite 227

Es sind die Stationen der Reise, in die Monninger auch seinen Roman unterteilt. Während sich die erste Hälfte seiner Geschichte mit dem Trip und der gemeinsamen Zeit von Heather und Jack befasst, erzählt die zweite von der Zeit danach. Von einer verlassenen Heather, die nach dem Verschwinden von Jack mit aller Macht versucht, ins Leben zurückzufinden und die geheimnisvolle Reisebekanntschaft zu vergessen.

Monningers Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Während er seine Leser stellenweise mit der nötigen Prise Romantik versorgt, findet er immer wieder zu einem gereiften und realistischen Ton zurück. Dieser Stilmix nimmt der Geschichte den unnötigen Kitsch, den ich von so vielen Liebesromanen kenne und lässt auch Heather, aus deren Perspektive erzählt wird, authentischer wirken.

Die Verflechtung der Geschichte mit Momentaufnahmen aus dem Reisetagebuch von Jacks Großvater habe ich sehr genossen. Sie hat den Orten, die Jack und Heather besucht haben, eine authentischere Note verliehen und ihnen einen ganz besonderen Wegbegleiter geschenkt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass Monninger auf die Beziehung, die Jack mit seinem Großvater verband, noch etwas näher eingeht. Teilweise erschien mir der Verlauf der Passagen zu abrupt, lies mich verstimmt zurück.

Auch der zweite Teil des Romans präsentiert sich in meinen Augen deutlich schwächer als der erste. Es wirkt fast so, als wären Monninger die Ideen ausgegangen, die er im ersten Teil noch so fein ausgearbeitet hat. Er lässt Heather durch eine Reihe an Belanglosigkeiten wandern, die sicherlich der Realität und ihrer Trauerphase um Jack zuzuschreiben ist, seinen Zeilen aber auch ein bisschen an Besonderheit nimmt.

Das Ende hingegen hat mich wieder ein bisschen friedlich gestimmt. Es ist schlicht und ein angenehmer Kontrast zu den üblichen Happy Ends. Eins, das dem Leben ins Auge blickt und den Lesern Spielraum für ihre eigene Interpretation schenkt. So begegnet mir „Liebe findet uns“ als angenehm überraschende Liason aus Roadtrip, Lebens- und Liebesgeschichte, die mich trotz einiger Schwächen, gut zu unterhalten wusste und einmal mehr unter Beweis stellt, dass die Liebe ihre ganz eigenen Wege geht.

„Die Liebe, die wir suchen, kommt von selbst und geht, wann sie will. Wer behauptet, wir würden Liebe finden, versteht ihr Wesen nicht. Liebe findet uns, durchfließt uns, zieht weiter. Wir können sie ebenso wenig zwingen, wie man Luft oder Wasser zwingen kann; ohne Luft und Wasser können wir genauso wenig leben wie ohne Liebe. Sie ist lebenswichtig und alltäglich wie Brot. Wenn man offen für sie ist, wird man sie überall sehen und nie ohne sie sein.“

Zitat, Seite 378

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Wo heimliche Bestseller ruhen

Das geheime Leben des Monsieur Pick – David Foenkinos

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„Diese Bibliothek ist gefährlich.“

Vorangestelltes Zitat

Crozon, ein bretonisches Küstendorf im Finistère. Hier, in ihrem bescheidenen Heimatort am Ende der Welt rechnet Delphine am Allerwenigsten mit einer Sensation. Doch während ihr Freund Frédéric sich verzweifelt an einem zweiten Roman versucht, stößt die junge Lektorin in der Gemeindebibliothek auf eine ganz besondere Geschichte: „Die letzten Stunden einer großen Liebe“.

Doch es ist kein Buch wie jedes andere. Seit Jahren schlummert die Liebesgeschichte in der Bibliothek der abgelehnten Manuskripte, die der frühere Bibliothekar Jean-Pierre Gourvec als Hommage an die Brautigan Library aus den Vereinigten Staaten ins Leben rief, um abgelehnten und verwaisten Manuskripten eine letzte Ruhestätte zu schenken.

Dass es von Henri Pick stammen soll, kann keiner glauben. Denn die Aufmerksamkeit des simpel gestrickten Henri galt zu seinen Lebzeiten nie etwas Anderem als seiner Tätigkeit als Pizzabäcker. Mit seiner Frau Madeleine unterhielt er vierzig Jahre lang die Dorfpizzeria, machte sich neben dem Schreiben des Einkaufszettels weder durch übermäßiges Schreiben noch durch Lesen bemerkbar.

Wie konnte es Madeleine entgehen, dass in ihrem Mann ein Romanautor schlummert? Sind Henris Zeilen, die selbst im fernen Paris für Aufregung sorgen, gar ihr gewidmet? Auf der Suche nach der Inspirationsquelle des rätselhaften Romans, wird nicht nur das bretonische Küstendörfchen Crozon und seine Bewohner, sondern auch die gesamte Literaturwelt auf den Kopf gestellt.

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„Der erste Roman ist immer der eines fleißigen Schülers. Nur Genies sind von Anfang an faul. Es brauchte sicher Zeit, um zu begreifen, wie so ein Text atmet, wie man im Geheimen die Fäden spinnt.“

Zitat, Seite 39

Es mag an meiner zwiespältigen Beziehung zu französischen Romanautoren und ihrer besonderen Schreibweise liegen, dass mich „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ nicht übermäßig begeistern konnte. Bereits zum zweiten Mal habe ich mich auf den französischen Bestsellerautor eingelassen, der mit einem reizend anzuschauenden Roman daherkam, der sich mir präsentierte, wie eine Einladung in die Bretagne.

Leider konnte Foenkinos mich, ähnlich wie bei seinem Werk „Nathalie küsst“, nicht auf seine Seite ziehen, weshalb ich mich nun der schmerzlichen Erkenntnis ins Auge blicken sehe, dass auch ein weiterer seiner Romane das Ruder nicht herumzureißen vermag. Monsieur Foenkinos und ich scheinen einfach nicht füreinander geschaffen zu sein.

Doch alles der Reihe nach. „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ kommt als überaus hübsch verpackter Roman daher. Sowohl das Cover als auch die Beschreibung ließen mich auf ein paar unterhaltsame Lesestunden hoffen, die mich gedanklich von der doch recht radikalen Vorgängerlektüre wegtragen sollten. Die mentale Ablenkung gelang Foenkinos zwar, die Entzückung über seine Geschichte blieb dennoch aus. C’est la vie!

Zugegeben, die Geschichte seines Romans ist durchaus originell. Ich begegne einer Bibliothek, die verstoßene Manuskripte beherbergt und einem ganz besonderen Fundstück, das trotz seines Potentials jahrelang keine Wertschätzung erfährt. Auch die bizarren Figuren, an deren Seite mich Foenkinos durch seine Geschichte geleitet und die wohl eher ungewöhnliche Erfolgsgeschichte des Romans sorgen für jede Menge Unterhaltung.

Dennoch, zwischen all den netten Zeilen über die Liebe und das Leben, begegne ich einer Reihe an Belanglosigkeiten. Zeilen, denen eine gewisse Tristesse anhaftet und die in meinen Augen so ganz und gar nicht zu der sonst so spektakulären Geschichte passen. Während seine zahlreichen Fußnoten noch für Belustigung sorgen, langweilen diese Zeilen mich enorm, sorgen für unnötige Längen im Roman und eine gewisse Zähe im Lesefluss.

Trotz seiner heimtückischen Handlungsbremsen begeistert mich Foenkinos aber mit einem ganz und gar schelmischen Blick auf die Verlagswelt, durch die er so manche Entscheidungen fragwürdig erscheinen lässt und sie einmal quer durch den Kakao zieht. Den Erfolg von „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ schreibt er nämlich nicht der Qualität von Picks Zeilen, sondern vielmehr der sensationsträchtigen Entstehungsgeschichte des Werkes zu, der sehr viel mehr Gewichtung zuzufallen scheint, als alles andere.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als den Roman auf den Stapel der aussortierten Werke zu legen, die sich dort, ähnlich wie die verstoßenen Manuskripte der Bibliothek von Crozon, nach Wertschätzung sehnen. Wer sich dem Werk annehmen möchte, der möge es mich in der Kommentarspalte wissen lassen.

„Der Anfang vom Ende einer Liebe ist immer schwer genau zu bestimmen. Die Dinge geschehen langsam, sie schleichen sich ein, mit der hinterhältigen Gewandtheit des Sterbens.“

Zitat, Seite 142

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Die Weltschmerz-Theorie

Ein bisschen wie Unendlichkeit – Harriet Reuter Hapgood

 „Ich will alles los sein: Haare, Party, Garten, Jason, Wurmlöcher, Zeit, Tagebücher, Tod – besonders den Tod, ich habe lebenslang genug davon.“

Zitat aus dem Buch

Gottie, mit vollem Namen Margot H. Oppenheimer, trauert mit jeder Faser ihres Körpers. Der Tod ihres geliebten Großvaters Grey sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Fast ein Jahr ist es nun her, dass der quirlige Alt-Hippie aus ihrem Leben verschwand. Sein Verlust ist allgegenwärtig: im Küchenregal stapeln sich die Marmelit-Gläser wie Denkmäler an ihre gemeinsame Zeit, der Garten welkt vor sich hin und Greys Auto rostet in der Garage.

Die Erinnerungen an ihn holen Gottie immer wieder ein. Sie überwältigen sie so plötzlich und heimtückisch, dass sie sie schier bewegungsunfähig machen. Selbst bei ihrer Familie findet sie keinen Trost. Ihr rebellischer Bruder Ned flüchtet nach London und ihr Vater zieht sich komplett aus dem Leben zurück. Als Gotties bester Freund Thomas auch noch nach Kanada auswandert, bleibt Gottie sich selbst überlassen.

Doch als sich Greys einjähriger Todestag nähert, kündigt sich nicht nur eine große Party, sondern auch die Rückkehr ihres besten Freundes Thomas an, mit der Gottie nicht umzugehen weiß. Schließlich gilt es bereits Greys Tod und eine verlorene Liebe zu verarbeiten. Plötzlich wird sie von einem unkontrollierbaren Strudel erfasst, der sie durch die Zeit wirbelt und an ihr haftet wie schwarze Materie.

Wird sie je wieder ins Leben zurückfinden?

„Seit Grey gestorben ist, gelingt es mir kaum, mit meinen eigenen Freunden zu reden, geschweige denn mit denen anderer. Mein gesamter Wortschatz wurde mit ihm eingeäschert.“

Zitat aus dem Buch

Ich muss gestehen, es gab schon lange kein Buch mehr wie dieses, das sowohl für Begeisterung, als auch für Irritation gesorgt hat. Ich bin hin- und hergerissen, fühle mich während dem Lesen, ähnlich wie Gottie, von einem unkontrollierbaren Sog erfasst, der mich am Ende zwiegespalten ausspuckt und es mir nahezu unmöglich macht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Eines weiß ich mit Gewissheit, Hapgoods Debüt ist andersartig, und zwar in jeglicher Form. Nachdem sich Cover und Titel überaus entzückend präsentieren, war die Vorfreude groß. Doch der Jugendroman schlägt schon bald eine Richtung ein, die mir nicht vertraut ist. Sie ist eng mit der Physik verbunden. Für mich zu eng. Wurmlöcher und Zeitstrudel begleiten mich fortan, wirbeln mir anhand von Formeln um die Ohren und verwehren mir letztendlich den Zugang zur Geschichte. Bedauerlicherweise.

Hapgoods Figuren allerdings, verstehen mich zu begeistern. Sowohl Gottie, die als nerdiges Physikgenie und zugleich sympathisch schusselige Person daherkommt, als auch Thomas, ihr ehemals bester Freund und Seelenverwandter, der nach seinem plötzlichen Umzug nach Kanada genauso plötzlich wieder in ihr Leben tritt, wie er damals auch verschwand, sind mir sympathisch.

Grey, der überaus schrullige und einzigartige Alt-Hippie, der trotz seinem Tod nie wirklich tot wirkt, weil Hapgood ihn durch ständige Zeitreisen und Erinnerungsfetzen in die Geschichte einbaut, ist einer der Gründe, warum ich mich bis zur letzten Seite durchgekämpft habe. Seine Andersartigkeit ist spritzig, reichert die Seiten mit Weisheiten und Lebensfreude an. Vielleicht wiegt sein Verlust gerade deshalb so schwer auf der Geschichte, weil wir uns wohl alle einen Großvater wie ihn wünschen. Einen, der Gottie über den frühen Verlust der Mutter hinweghilft und zugleich zu einer Art Vaterersatz wird, weil ebenjener vergisst, dass er einer ist.

Doch neben dem engen physikalischen Bezug der Geschichte geht es in „Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ganz klar um Trauer und Verlust. Hapgood zeigt auf sehr anschauliche Weise, wie unterschiedlich Menschen den Tod verarbeiten. So lässt sie jede ihrer Figuren auf seine ganz eigene Art trauern. Von Verdrängung über Wut bis hin zu Depressionen ist alles dabei. Auch vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und von Freundschaft erzählen Hapgoods Zeilen.

„Ein bisschen wie Unendlichkeit“ ist ein interessante Mischung aus intergalaktische Zeitreise und berührender Trauerbewältigung. Denen, die sich auf die Andersartigkeit und den physikalischen Bezug des Romans einlassen können, steht ein besonders Jugendbuchdebüt bevor. Der Rest sollte mit reiflicher Überlegung zu Hapgoods Debüt greifen.

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Heldenreise

lesenslust über „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski

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„Das Leben ist kein Geschenk. Das ist völliger Unsinn. Es ist ein Gutschein. Und das Einzige, worum es geht, ist, ihn einzulösen, bevor er verfällt.“

Zitat aus dem Buch

Schon das Cover von Candy Bukowskis Romandebüt hat mich umgehauen. Der Tiger verleiht ihm so viel Kraft, Lebendigkeit und Ausdrucksstärke, das man bereits vor dem Lesen vermutet, dass sich dahinter eine charakterstarke Geschichte verbirgt. Das und noch viel mehr. Ein Roman, zum Bersten gefüllt mit Leben.

„Wir waren keine Helden“ ist ein Coming of Age Roman. Die Geschichte, die in den rebellischen 80ern „am Arsch der Welt“ beginnt, strandet irgendwann im nordischen Hamburg. Es geht um Protagonistin Sugar. Eine Frau, die mit Vollgas durchs Leben brettert und dabei stets mit vollem Körpereinsatz dabei ist. Doch ihr Einsatz bringt nicht nur Glücksmomente, sondern auch zahlreiche Niederlagen mit sich. Heftige Momente. Die, in denen man ungedämpft am Boden aufkommt und nicht weiß, ob man je wieder aufstehen kann.

Während Sugar anfangs mit Punker Pete durchs Leben zieht, gesellen sich mit den Jahren Luke und Silver dazu. Männer, die sie ihr Leben lang begleiten und es entscheidend prägen. Doch die Suche nach dem großen Glück und der einzig wahren Liebe verlangt ihr alles ab. Sie wird zu einem Kraftakt in 236 Seiten. Einer, bei der man bis zur letzten Seite mitfiebert; mit pochendem Herzen, heißen Wangen und jede Menge Adrenalin im Blut.

„Der eine, lange, unwiederholbare Moment. Einer von denen, die du dein ganzes Leben lang immer wieder mal vermisst. Der als verblichene Schwarz-Weiß-Fotografie irgendwo in deiner rechten Herzkammer steckt. Nicht im Portemonnaie wie all der andere, vermeintlich wichtige Kram. Das kleine, riesengroße Sepiaglück, mit den richtigen Menschen im richtigen Moment. Das man nicht halten kann, nur bewahren.“

Zitat aus dem Buch

Candy Bukowski ist ein grandioses Romandebüt gelungen. Ihre schonungslosen Zeilen treffen dich mit all ihrer emotionalen Härte. Sie sind berauschend, wortgewaltig und erschreckend ehrlich. Viele Zeilen begleitete ich mit einem zustimmenden Nicken, während mich andere bis ins Mark erschütterten. Sugars Leben ist kein leichtes Spiel, eine ständige Achterbahnfahrt mit allen Hochs und Tiefs. Ein Leben, das irgendwie auch Bukowskis ist. Denn es offenbart die Erlebnisse der Autorin selbst, zu deren Veröffentlichung sie sich nun entschloss.

Doch es kommt noch viel mehr zum Vorschein. Denn neben all der Härte werden Bukowskis Zeilen von Melancholie, aber auch von Hoffnung begleitet. So hangelt sich die Protagonistin bedächtig an ihr entlang. Lernt, trotz Schicksalshaftigkeit des Lebens das Gute nie aus den Augen zu verlieren. Der unkonventionelle Schreibstil der Autorin verleiht den Zeilen dabei nicht nur eine sehr authentische, sondern auch persönliche Note.

„Wenn du einen wachen Moment hast, dann fallen sie dir wieder ein, die ganz großen Geschichten, in den ganz großen Lederbändchen aus gegerbter Menschenhaut mit Lesebändchen aus geflochtenem Erinnerungshaar. Mit all dem Seufzen und Sehnen zwischen den handgeschriebenen Seiten und dem Schönsten. Dem immer wieder schönsten Schluss von allen.“

Zitat aus dem Buch

„Wir sind keine Helden“ ist kein Spaziergang durch den Paradiesgarten Eden. Es ist eine Ode an das Leben mit all seinen Facetten. Eine lehrreiches Abenteuer und eine spannende Entwicklungsreise einer jungen Frau, deren jugendlicher Panzer langsam aber sich einem reiferen und erwachseneren weicht. Der Roman präsentiert sich dabei mithilfe von unterschiedlichen Zeitetappen und den dazugehörigen Songs der damaligen Zeit. Würde ihr Roman als Soundtrack vertont werden, würde sein Beat mit voller Dröhnung durch die Boxen wummern. Mein absolutes Lesehighlight in 2016!

 „Manchmal ist es bedeutend einfacher, unvorstellbare Dinge zu tun, als man dachte. Wenn all die sperrigen Wenn und Aber aus dem Weg geknickt und all die sinnbefreiten Konjunktive vom Herz gerissen wurden, dann läuft es schon irgendwie in die richtige Richtung. In eine zumindest.“

Zitat aus dem Buch

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Wenn Worte beflügeln

lesenslust über „Der Wörterschmuggler“ von Natalio Grueso

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Als Bruno Lapastide, Zeit seines Lebens als Vagabund, Charmeur und leidenschaftlicher Geschichtenerzähler im Land unterwegs, in Venedig die geheimnisvolle Japanerin Keiko kennenlernt, ist es wie um ihn geschehen. Doch um ihr Herz zu gewinnen, bedarf es viel mehr Einsatz als sonst. Denn was die junge Japanerin mit dem scheuen Lächeln und den honigfarbenen Augen betört, ist nicht sein Charme, sondern vielmehr das geschriebene Wort.

„Für sie zählten einzig und allein die Worte, der geschriebene Vers, das zu Papier gebrachte Gefühl.“

Zitat, Seite 11

Jeden Abend bei Sonnenuntergang öffnet Keiko die Briefe ihrer zahlreichen Verehrer. In ihrem Briefkasten stecken Umschläge voll unbändiger Lyrik, klarer Worte und purer Leidenschaft. Auch die Briefe von Lapastide gesellen sich dazu. Während seiner Reisen um die Welt hat der Abenteurer so viele Geschichten gesammelt, dass es ihm ein Leichtes erscheint, seine Mitbewerber auszustechen. Mit seinen raffinierten Zeilen will er das Herz der jungen Japanerin ganz für sich gewinnen.

„Wörter waren der einzige Schlüssel, der die Türen zum Paradies öffnete. (…) Um die Schwelle des magischen Bordells von Dorsoduro zu überschreiten, musste man etwas gänzlich Wohlklingendes erschaffen, Verse, Gedichte oder wundersame Geschichten ersinnen, die berührten. Nur wer es schaffte, Keikos Herz zu liebkosen, erwarb sich auch das Privileg, ihren Körper zu liebkosen.“

Zitat, Seite 225

Doch schon bald ringt der leidenschaftliche Geschichtenerzähler um Worte und die Quelle der Inspiration versiegt. Wird es ihm dennoch gelingen, Keikos Herz zu erobern?

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„Der Wörterschmuggler“ birgt nicht nur eine, sondern zahlreiche Geschichten in sich. Er erzählt von einem Geschichtenerzähler, der sich seiner Eindrücke als Weltenbummler bedient, um eine ganz besondere Frau zu berühren. Denn die Japanerin Keiko lässt sich von Worten betören. Als Gegenleistung bietet sie ihren Körper. Für eine Nacht.

Doch Lapastide will Keiko ganz für sich alleine haben und so schreibt er sich die Finger wund. Er erzählt von einer Zeit, in der man Wörter schmuggelt, weil man für sie bezahlen muss und ein Junge sie braucht um dem Mädchen seines Herzens seine Liebe zu gestehen; von einem Mann, der Bücher wie Medizin fürs Leben verschreibt, und damit so manches Schicksal mitbestimmt oder von einem berühmten Moderator, der seine Karriere opfert, um den Herzenswunsch seines Großvaters zu erfüllen. Geschichten voller Leidenschaft. Lebendig. Schräg. Fantasievoll.

Natalio Gruesos Debüt ist alles, aber definitiv nicht alltäglich. Die darin verborgenen Geschichten sprudeln vor Kreativität und Lebendigkeit und lesen sich nicht nur atmosphärisch, sondern auch noch erstaunlich leicht. Viele Zeilen wirken im ersten Moment unbekümmert, obwohl sie von erstaunlicher Tiefe und Einsamkeit getränkt sind. Der Autor, der Regisseur am Teatro Espanol und am Institut für Performing Arts of the City of Madrid ist, versteht es, seine einzelnen Geschichten raffiniert ineinander zu verschachteln. Wie Puzzleteile setzt er sie  Stück für Stück aneinander und präsentiert den „Wörterschmuggler“ als großes Ganzes.

Während wir den Protagonisten Lapastide sehr gut kennenlernen, bleibt die Japanerin Keiko geheimnisumwoben und unnahbar. Ihr Wesen verzaubert nicht nur Lapastide, sondern auch den Leser, weshalb wir uns Seite für Seite durch die Geschichte locken lassen, in der Hoffnung mehr über sie zu erfahren.

Gruesos Geschichte begegnet uns wie eine Gutenachtgeschichte am Abend, die Eltern ihren Kindern vorlesen, um sie ins Land der Träume zu begleiten. Sie lummelt dich ein, bettet dich in ein weiches Nest aus federleichten Zeilen und wohliger Wärme.

„Abschiede sind stets seltsame Augenblicke. Sie sind geprägt von einer Nostalgie gegenüber dem Erlebten, nicht Wiederholbaren, von der Aufregung angesichts der ungewissen Zukunft, der neuen Vorhaben und der kommenden Abenteuer. Auch von dem Glück über die Freunde, die wir gewonnen haben, und von der Melancholie, die uns unweigerlich überfällt, wenn etwas zu Ende geht, wenn ein Kapitel unseres Lebens abgeschlossen wird.“

Zitat, Seite 165

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Traumbild

lesenslust über „Das Bild aus meinem Traum“ von Antoine Laurain

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„Die Dinge bewahren die Erinnerung derjenigen, die sie besessen haben. (…) Wenn sie alt sind, bewahren sie Seelen.“

Zitat, Seite 27

Pierre-François Chaumonts Herz schlägt für das Sammeln alter Dinge. Jeder Gegenstand aus seiner privaten Sammlung erzählt eine Geschichte und birgt die Erinnerungen seines Vorbesitzers in sich. Als Pierre-François in seinem Pariser Stammauktionshaus Drouot auf ein geheimnisvolles Gemälde aus dem 18. Jahrhundert stößt, trifft ihn jedoch fast der Schlag: es zeigt ihn selbst.

Seine ausgiebige Recherche führt ihn in ein Dorf in Burgund, wo er zu seinem Verwundern als verlorengeglaubter Graf von Mandragore wiedererkannt wird. Er soll das Schloss und die Seite von Gräfin Mélaine de Rivaille wieder mit Leben erfüllen, die seit Jahren auf ihren verschwundenen Gatten wartet. Für den Pariser Anwalt, dem Eheglück und Freude am Beruf nie wirklich vergönnt waren, öffnet sich damit eine Tür in ein neues Leben. Ein Leben, das ihm bereits im Traum begegnet ist.

„Dieses Porträt von mir, das zweieinhalb Jahrhunderte zuvor angefertigt worden war und nun in meinem sechsundvierzigsten Lebensjahr auftauchte, war der Wendepunkt eines vor langer Zeit begonnenen Anhäufens von Dingen. Jahr um Jahr, Gegenstand um Gegenstand, Rechnung um Rechnung, bis zu diesem späten Vormittag im Saal 8 des Auktionshauses Drouot.“

Zitat, Seite 19

Zweieinhalb Jahrhunderte trennen Pierre-François von dem erstandenen Portät. Und dennoch zeigt es zweifellos ihn. Die Ähnlichkeit zum Porträtierten liegt klar auf der Hand, selbst wenn das hämische Gelächter seiner Ehefrau und seinen Freunden eine andere Geschichte erzählt. Er hat seine ganzen Reserven geopfert, um das Gemälde zu ergattern. Denn es scheint nicht nur die Seele seines Vorbesitzers in sich zu bergen, sondern auch einen Teil seiner.

Während seiner Recherche wird Pierre-François von einem immer wiederkehrenden Traum heimgesucht, dessen Ende verschwimmt. Bis er auf das Wappen einer Adelsfamilie in Rivaille stößt, vergehen zahlreiche Tage und Nächte. Sein Weg zum Weingut der Rivaille scheint sein Leben bereits auf völlig neuen Kurs zu lenken, der ihn in den Rosengarten des Anwesens, in die Arme der jungen Gräfin Mélaine de Rivaille, führt.

Antoine Laurains Romane sind nicht nur bezaubernd anzusehen, sondern auch genauso reizend zu lesen. Nahezu federleicht und unschuldig schweben seine Zeilen an dir vorbei, und hinterlassen vorerst nur eine leicht-süßliche Duftnote, deren schweres Aroma sich erst mit der Zeit vollends entfaltet.

Nach „Liebe mit zwei Unbekannten“ und „Der Hut des Präsidenten“ verzaubert Laurain seine Leser nun zum dritten Mal mit „Das Bild aus meinem Traum“. Eine Geschichte, die sich um ein geheimnisvolles Portätgemälde und dessen Ursprung dreht, und dennoch um so viel mehr. In wechselnden Zeitabschnitten erzählt Laurain von der Reise eines Mannes, der sich in einem Leben voller Oberflächlichkeiten und Reichtum verloren hat. Wie ein Kleidungsstück legt er es ab und streift sich eine völlig neue Identität über, die ihm zu neuer Lust und Liebe verhilft.

Es ist eine zweite Chance, für die Laurain seinen Protagonisten weit gehen lässt. Ein gefährliches Spiel aus dreister Hochstapelei und dem unbändigen Wunsch nach Leben. Doch das Schicksal macht auch nicht Halt vor einem Laurain. Und so wartet auf den Leser ein unerwartetes Ende, das dem Roman nicht nur eine gehörige Portion Ironie, sondern auch Realität einhaucht. Ein Laurain, wie man ihn kennt.

„Ohne es zu wissen, verschwand ich bereits.“

Zitat, Seite 94

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Schicksal auf Rollen

lesenslust über „Riviera Express“ von Gaëlle Josse

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Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

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Ein letzter bester Sommer

lesenslust über „Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

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„Ich bin wie ein unbeschriebenes Blatt, das der Wind vor seiner Zeit davonträgt.“

Zitat, Seite 21

Als Tessa mit siebzehn erfährt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, zerplatzen all ihre Träume wie Seifenblasen. Immer hat sie auf den perfekten Augenblick gewartet: für den perfekten Jungen und den perfekten Kuss. In der Annahme, alle Zeit der Welt zu haben, hat sie ihre Chancen verstreichen lassen.

Das stimmt Tessa traurig. Sie ist wütend und verletzt. Hasst ihre Eltern dafür, dass sie ihr diesen entscheidenden Hinweis all die Jahre vorenthalten haben. Wer wird sich nach ihrem Tod schon noch an sie erinnern? An das unscheinbare Mädchen ohne Führerschein, Abi und ein erstes Mal.

Doch sie hat nicht mit Oskar gerechnet. Dem ersten Jungen, der sie wirklich sieht und der ihr Herz höher schlagen lässt. Und egal wie sehr Tessa ihn wegstößt, er weicht nicht mehr von ihrer Seite. Mit seinem klapprigen Volvo will er ihr das pure Leben zeigen und beschert ihnen dabei den besten letzten Sommer ihres Lebens.

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„Musik überdauert alles. (…) Vielleicht verhält es sich mit der Liebe genauso.“

Zitat, Seite 76

Zugegeben, ich bin ein Gefühlsdusel. Ich hab’s mit Geschichten, die tief unter die Haut gehen, die dir Gänsehaut über die Arme jagen, dich mit Glücksgefühlen durchströmen und dich bis zur absoluten Lächerlichkeit grinsen oder schluchzen lassen. Es ist daher nicht groß verwunderlich, dass ich mich in Anne Freytags Jugendbuchdebüt „Mein bester letzter Sommer“ schon nach wenigen Zeilen verliebt habe. Denn es ist eine Geschichte, die dich erfasst wie ein Rausch.

Mit siebzehn erfährt Tessa dass sie nicht einfach nur krank, sondern sterbenskrank ist. Ihre gesamte Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern. Der kindlichen Unbeschwertheit wich stetige Angst. Tessa bot ihrem Schicksal dennoch die Stirn, begegnete ihm mit Entschlossenheit und scheinbar grenzenloser Willensstärke. Schließlich hat sie noch so viele Träume: sie will Musik studieren, ihren Führerschein machen und die Liebe ihres Lebens finden. Doch die Kombination aus einer fehlenden Lungenschlagader und einem löchrigen Herzen bremst die Verwirklichung dieser Träume aus. Tessa bleiben nur noch wenige Wochen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger.

Tessa Enttäuschung und Traurigkeit verwandelt sich schon sehr bald in Wut und Schmerz. Sie kann es nicht fassen, dass man ihr die Wahrheit all die Jahre vorenthalten hat. Das entscheidende Detail, an dem ihr gesamtes Leben hängt und das alles von Grund auf verändert. Nichts scheint nun noch etwas wert zu sein. Auch nicht ihre Bemühungen, auf den richtigen Moment zu warten. Sie fühlt sich um ihre Zukunft beraubt. Ihr Leben hängt an einem einzigen seidigen Faden.

„Wenn dich dieser eine Mensch berührt, der dich berührt, bleibt die Welt stehen. Deine Beine laufen weiter und deine Lungen atmen, obwohl du nicht mehr kannst, und alles, was du spürst, ist diese Berührung. Haut auf Haut, wie ein Flüstern zwischen Körpern.“

Zitat, Seite 74

Als Oskar in Tessas Leben tritt, scheint es genau der richtige und zugleich schlechteste Zeitpunkt der Welt zu sein. Denn einerseits nimmt ihre Begegnung Tessas Schicksal ein bisschen an Schwere, andererseits wird ihre wachsende Liebe von der Unausweichlichkeit des Todes überschattet. Mich hat Freytags lebendiges Zusammenspiel dieser beiden Komponenten wirklich fasziniert. Glück und Unglück liegen nah beieinander. Doch auch wenn der Tod auf allen Seiten präsent ist, gelingt es Freytag ihn mit einer reizenden Unbeschwertheit auszublenden. Das Gefühl von schier grenzenloser Freiheit breitet sich aus und macht ihren gemeinsamen Sommer zum besten letzten Sommer ihres Lebens.

So wandern wir mit Tessa und Oskar nahezu leichtfüßig durch Italien, schlecken cremiges Eis in der Mittagshitze, düsen im Einkaufswagen über den Mailänder Domplatz und bestaunen vom Dach des alten Volvos den funkelnden Sternenhimmel. Die Liebe, die dabei zwischen Freytags Protagonisten wächst, ist von schonungsloser Offenheit und Respekt, aber auch von Angst und Unsicherheit begleitet. Mit ihr reift die schüchterne verschlossene Tessa zu einer mutigen und aufgeschlossenen Persönlichkeit.

„Ich dachte, Liebe ist eine Illusion. Kitschig und überbewertet. Aber wenn man es genau nimmt, kann man Liebe gar nicht genug überbewerten.“

Zitat, Seite 343

Freytags Botschaft liegt dabei klar auf der Hand. Lebe jeden Moment, als wäre es dein letzter. Und zwar kompromisslos. Wir alle warten viel zu oft auf den perfekten Augenblick und vergessen dabei völlig, dass wir bereits mittendrin stecken. Dass das Leben auch dann passiert, während wir im Stillen noch darauf warten.

Obwohl ich normalerweise nicht sehr nah am Wasser gebaut bin, habe ich gerade gegen Ende der Geschichte Rotz und Wasser geheult, weil sie so unfassbar traurig und schön zugleich ist. Es ist eine jener Geschichten, durch die man glückstrunken durchrauscht und sich wünscht, dass sie nie zu Ende geht.

„Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“

Zitat, Seite 24

<3 <3 <3 <3 <3

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Libertad infinita

lesenslust über „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets

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„Ich wäre gerne mit dir zusammen gestorben, im selben Zimmer wie du, im selben Augenblick. (…) Ich wäre gern dort gewesen, hätte gern deine Hand gehalten bei unserem Ende. Denn ich bewege mich auf dem Terrain der Lebenden, mehr oder weniger heiter, mehr oder weniger allein, aber einen Fuß habe ich immer dort, wo du bist.“

Zitat, Seite 167

Schmerz und Kummer sind genauso vergänglich wie Begeisterung und Glück. Davon war Blancas Mutter überzeugt. Doch als Blanca ihre Mutter mit Anfang Vierzig verliert, will sich der Kummer um ihren Tod einfach nicht legen. Sie plant den Rückzug nach Cadaqués, in den Sommerfamiliensitz nördlich der Costa Brava, dem Ort, der seit jeher für Freiheit steht.

Umgeben von ihren liebsten Menschen; den Kindern, ihren Exmännern, den engsten Freunden und ihrem Geliebten will sie sich von ihrer Trauer um die Mutter lösen und ins Leben zurückfinden. Doch selbst der mediterrane Überschwang der spanischen Mittelmeerküste kann Blanca nicht wirklich mitreißen. Überall streifen ihre Gedanken zu der Verstorbenen, deren Anwesenheit für Blanca über all die Jahre so selbstverständlich war.

In den Armen zahlreicher Männer, im Dunst glimmender Joints und im scheinbar unbekümmerten Miteinander ihrer engsten Vertrauten gelingt es ihr für klitzekleine Augenblicke zurück ins Hier und Jetzt zu finden. Es ist der zwanghafte Versuch einer Trauernden, mit aller Macht in das ausgelassene Leben von früher zurückzukehren, wo die Zukunft noch hoffnungsvoll auf der Oberfläche des spanischen Mittelmeers glitzerte.

„Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz.“

Zitat, Seite 51/52

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Es ist die Geschichte eines Abschieds, der langsamer und intensiver nicht sein könnte. Milena Busquets zweiter Roman, der nun unter dem Titel „Auch das wird vergehen“ auf Deutsch erschienen ist, ist wie die Melodie eines Songs, dessen unbeschwerte, mitreißende, aber auch melancholische und heftige Töne auf dich übergehen, und dich hin- und herreißen.

Er erzählt von der Protagonistin Blanca, Anfang Vierzig, Mutter zweier Kinder, ungebunden, attraktiv und leidenschaftlich, die sich in ihrer Trauer um die verstorbene Mutter wieder in ein Kind verwandelt. Blanca schwimmt in einem Meer aus Selbstmitleid, einer quälenden Trauer um den Verlust ihrer scheinbar einzig wirklichen Konstante im Leben: ihrer Mutter.

„Jeden Moment , denke ich, während ich im Rückspiegel die Kinder beobachte, die lachen und gleichzeitig zanken, jeden Moment kann ich enttarnt und zu ihnen nach hinten auf die Rückbank geschickt werden. Ich bin ein Erwachsenen-Fake, alle meine Bemühungen, den Pausenhof zu verlassen, sind krachend gescheitert, ich empfinde genau das, was ich mit sechs Jahren empfunden habe, sehe dasselbe wie eh und je, das hüpfende Hündchen, dessen Kopf in einer Erdgeschosswohnung auf- und abtaucht, den Großvater, der seinen Enkel an die Hand nimmt, die gutaussehenden Männer mit eingeschaltetem Radar, das Funkeln meiner klimpernden Armreife, wenn sie einen Sonnenstrahl einfangen, die einsamen Alten, die knutschenden Pärchen, die Bettler, die lebensmüden alten Frauen, die schnurstracks und trotzig im Schneckentempo über die Straße gehen, die Bäume. Jeder von uns sieht etwas anderes, jeder von uns sieht immer dasselbe, und was wir sehen, sagt alles über uns. Und instinktiv lieben wir diejenigen, die dasselbe sehen wie wir.“

Zitat, Seite 47/48

In Cadaqués, einem alten spanischen Fischerdorf Nahe der französischen Grenze, das eng mit Salvador Dali aber auch mit der Autorin selbst verbunden ist, will sich Blanca von ihrem Seelenleid befreien und ins Leben zurückfinden. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sie sich ins Leben. Gibt sich Drogen, Sex und Alkohol hin wie eine Ertrinkende. Nur in jenen Momenten der Unbefangenheit scheint sie sich von ihren Gedanken an die Mutter lösen zu können.

In ihrem inneren Monolog mit der Verstorbenen, durch die sich die Geschichte dem Leser offenbart, kommt die innere Zerrissenheit von Blanca deutlich zum Vorschein. Eine Frau, die sich im einen Moment selbst zurecht weist und im anderen wieder völlig in ihren Kummer versinkt. Obwohl Blancas Trauer um ihre Mutter verständlich ist, missfällt mir die Eigendynamik ihrer Figur manchmal ein wenig. Das unvernünftige, völlig egoistische und dramatische Wesen, das weder Rücksicht auf seine Kinder nimmt, noch den Werten seiner Freunde Respekt zollt. Doch dieses Gebaren gewährt zeitgleich auch einen tiefen Einblick in das Innere einer Frau, die vor der Vernunft und den Regeln des Lebens zu fliehen versucht. Ihre häufige Abwesenheit und spürbare Einsamkeit inmitten des Trubels verdeutlicht wie gefährlich nahe jemand dem Tod kommen kann, selbst, wenn er mitten im Leben steht.

„Du hast mir das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm. (…) Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in den Händen hält und ehe es wieder davonfliegt.“

Zitat, Seite 168

Die atmosphärischen Beschreibungen des alten Fischerdorfes Cadaqués gelingen Busquets in ihrem Roman so gut, dass man die nahezu grenzenlose Freiheit dieses Ortes förmlich spüren kann. Ich vergrabe für eine Weile meine Füße im sonnenwarmen Sand und wärme mein Gemüt in der Hitze des Landes. Es scheint mir völlig legitim, dass Busquets Cadaqués eine tragende Rolle, eine Hauptfigur, in ihrer Geschichte zuspricht. Die intensive und faszinierende Atmosphäre dieses Ortes mag wohl einer der Gründe sein, warum bis in die 80er dort zahlreiche Künstler-Kommunen anzutreffen waren.

Busquets ist ein liebevoller und melancholischer Abschied gelungen, ein autobiografischer Roman, in dem sich nicht nur Protagonistin Blanca, sondern auch Busquets selbst, von ihrer Mutter, der Schriftstellerin Esther Tusquets, verabschiedet. Ein Roman, für den die Meinungen der Leser gehörig auseinanderzugehen scheinen und den ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

„Jeder besitzt doch ein Leitmotiv, einen roten Faden, einen Refrain, einen eigenen Duft, der ihn einhüllt, eine Hintergrundmusik, die ihn immer begleitet, unveränderlich, manchmal gedämpft, aber beständig und unausweichlich.“

Zitat, Seite 45

<3 <3 <3 <3

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Seems like family

lesenslust über „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ von Estelle Laure

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„Wir sind allein, Wrenny und ich. Fürs Erste zumindest. Wren und Lucille. Lucille und Wren. Ich tue, was ich tun muss. Keiner darf uns trennen. Das heißt, so normal wie möglich weitermachen. So tun als ob. Auch wenn nichts weiter weg von normal sein könnte. Normal ist mit Dad verschwunden.“

Zitat, Seite 7

Eigentlich hat Lu viel Wichtigeres zu tun, als sich in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. Denn als ein schreckliches Ereignis seinen Schatten auf ihre Familie wirft, muss die siebzehnjährige Lu das Ruder der Familie übernehmen. Der verkorkste Vater verschwindet in Therapie und die psychisch labile Mutter im Nirgendwo. Zurück bleiben zwei völlig verstörte Mädchen, die fortan nur noch sich selbst haben. Aber das darf keiner wissen.

Damit sie nicht getrennt werden, tun die beiden Geschwister so, als wär alles normal. Sie belügen Nachbarn, Lehrer und Bekannte und klammern sich verzweifelt an eine schwindende Hoffnung: die baldige Rückkehr der Mutter. Doch als die Lebensmittelvorräte knapp werden und die Rechnungen sich gefährlich stapeln, muss Lu handeln. Sie sucht sich einen Job und schleust sich und ihre Schwester Wren damit notdürftig durchs Leben. Doch Lu ist wütend und verletzt. Keine Eltern der Welt lassen ihre Kinder einfach im Stich! Ihre schon.

Und als wäre das alles noch nicht genug, ist da noch Digby, der Zwillingsbruder ihrer besten Freundin Eden, in dessen Nähe Lus Herz heftig zu pochen beginnt. Ein Gefühlsausbruch, den sie sich nicht leisten kann. Nicht jetzt. Aber wer kann sich der Liebe schon verwehren, wenn sie direkt vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance.

„Ich denke nicht an Mom, außer manchmal beim Aufwachen. Dann sehe ich ihre hellblauen Augen, ohne Licht, so wie sie waren, bevor sie ging. Nach dem Aufwachen ist mein Schutzwall am schwächsten. Ich brauche eine Sekunde. Atme. Starre in ihre Augen. Und dann falte ich sie zusammen. Falte sie einmal, weil sie uns allein gelassen hat, zweimal, weil sie nicht zurückgekommen ist, falte ihre Augen dreimal, bis sie ganz klein ist, zwei bedeutungslose Punkte, und dann puste ich sie weg.“

Zitat, Seite 69

Es liegt klar auf der Hand, dass Lu nicht gut auf das Schicksal zu sprechen ist. Erst dreht ihr Vater durch und verschwindet in Therapie, dann nimmt sich die Mutter eine zweiwöchige Auszeit und überlässt die Geschwister sich selbst. Keiner hat die siebzehnjährige Lu gefragt, ob sie damit einverstanden ist. Ob sie sich der Verantwortung, alleine für ihre kleine Schwester zu sorgen, überhaupt gewachsen fühlt. Doch ehe sie reagieren kann, ist die Mutter weg. Sang- und klanglos.

Estelle Laure staffelt ihre Geschichte in Tagen. Sie beginnt am vierzehnten Tag. Dem Tag, an dem die Mutter zurückkehren und das Leben von Lu und Wren wieder zurück in die Normalität finden sollte. Eigentlich. Denn dass die Mutter nicht wiederkommt, hat Lu bereits geahnt und nun packt sie die schockierende Realität am Kragen. Die Verzweiflung wächst. Vor allem bei Lu, die der schrecklichen Tatsache ins Auge blicken muss, dass das Jugendamt sie und Wren trennen könnte, wenn irgendjemand davon Wind bekommt.

„Nur weil man den Riss nicht sieht, heißt es nicht, dass er nicht da ist.“

Zitat, Seite 98 

Die Ausgangssituation von Laures Debüt gefiel mir wirklich gut. Zwei Geschwister, die nach dem Verschwinden der Eltern fortan auf sich alleine gestellt sind. Die sie innig lieben und hilflos aneinanderklammern. Die Angst davor haben, getrennt zu werden. Wie sich die ältere Lu einen Job suchen muss, um die vielen Rechnungen zu begleichen und ihnen Essen kaufen zu können. Der verzweifelte Versuch ihrem Leben wieder Normalität zu verleihen, obwohl es alles andere als normal verläuft.

Auch der Entwicklungsprozess der siebzehnjährigen Lu kommt in Laures Debüt sehr deutlich zum Vorschein. Die neue Rolle zwingt Lu viel zu schnell dazu, erwachsen zu werden und damit auch ihre eigenen Interessen hintenanzustellen. Lus Verliebtheit zu Digby, die anfänglich sehr kitschig und naiv herüberkommt, erscheint mir daher auch irgendwie passend. Sie macht deutlich, worum sich die Gedanken eines Teenagers eigentlich drehen sollten und dass das Leben eben seinen eigenen Rhythmus hat. Lus anfängliche Verliebtheit für Digby weicht mit der Zeit einer sehr intensiven Verbundenheit, die mir sehr gefallen hat. Einer Beziehung, die Lu Halt und Zuflucht schenkt, auch wenn der Zeitpunkt ganz und gar nicht richtig scheint.

„Ich schlage die Hände vors Gesicht. Zähle bis drei. Nehme die Hände weg. Nein, es ist alles noch da, die gleiche Welt, das gleiche Leben.“

Zitat, Seite 79

Aufs Ganze gesehen konnte mich „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ dennoch nicht ganz überzeugen. Was so vielversprechend begann, verlor nämlich irgendwann an Struktur. Es erschien mir fast so, als hätte die Autorin plötzlich selbst vergessen, worum es in ihrem Roman geht. Sie nimmt Nebenstränge auf, die mir deplatziert und unnötig erscheinen und vergisst dabei völlig, ihre Grundgedanken zu Ende zu denken.

So lässt sie den Leser mit Fragen zurück, deren Antworten essenziell sind, um den inhaltlich sehr gewichtigen Ausgangspunkten gerecht zu werden: Häusliche Gewalt, verantwortungslose Eltern, hilflose Kinder. Laure setzt ihrer Geschichte vielmehr unnötige Dramatik hinzu, die in meinen Augen mit der eigentlichen Geschichte gar nichts mehr zu tun haben. So ist das offene Ende kein wirklicher Cliffhanger, sondern vielmehr ein jäher Spalt, der den Leser verzweifelt in die Tiefe seiner eigenen Gedanken zieht.

Auch wenn Laures Debüt sich sehr lebendig und intensiv präsentiert, bußt es damit an Glaubwürdigkeit ein. Vielleicht hätte sie ihren Gedanken lieber noch etwas mehr Raum schenken sollen, um ihrem Roman die Tiefe zu verleihen, die er verdient hätte.

„Vertrauen. Was heißt das überhaupt? Wenn du einem Menschen vertraust, drückst du ihm ein Messer in die Hand, das er dir in den Bauch rammen kann. So viel weiß ich.“

Zitat, Seite 30

<3 <3 <3

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