Das Licht und die Geräusche

Das Licht und die Geräusche – Jan Schomburg

Wenn es nach Johanna ginge, wären sie und Boris ein Paar. Doch in Portugal gibt es Ana-Clara, seine Freundin, von der Boris kaum redet, obwohl er und Johanna fast jede freie Minute miteinander verbringen. Sie reden über Gott und die Welt und sind doch nicht wirklich offen zueinander.

So viele Chancen bleiben ungenutzt. Auch die Gelegenheit zu einem ersten Kuss verpassen sie um Haaresbreite. Johanna ist genervt davon, weiß nicht, ob es bloße Zuneigung oder gar Liebe ist, was sie für Boris empfindet. Genauso wenig versteht sie, warum sich Boris so komisch verhält. Warum er sich über Typen lustig macht, die ihm eindeutig eine verpassen wollen oder warum er nach einer abenteuerlichen Nacht am See ganz plötzlich verschwindet.

Als Johanna ein Brief von Boris erreicht, sieht sie sich dafür verantwortlich, nach ihm zu suchen. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris‘ Eltern fährt sie nach Island und bemerkt, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Die Reise hält einige ungeahnte Überraschungen bereit, die ihre Sicht auf die Welt von Grund auf verändern wird.

„Inmitten des laut-leisen Rauschens empfinde ich plötzlich so etwas Dankbarkeit für das Geräusch der Nähmaschine aus dem Wohnzimmer, ohne dass ich genau verstehe, warum. Während ich mit dem Brief in der Hand ins Wohnzimmer gehe, merke ich, dass ich mir überlege, wie ich das gleich meiner Mutter sage.“

Zitat, Seite 152

Es ist sind die audiovisuellen Komponenten, die Jan Schomburgs Roman innewohnen und ihn so besonders machen. Denn der Titel des Romans klingt nicht nur gut, sondern verkörpert auch seine tragenden Elemente, die gleichwohl für die Lebenselixiere eines Autors stehen, der hauptberuflich als Regisseur arbeitet: das Licht und die Geräusche.

Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Jugendlicher; Johanna, Boris und Ana-Clara; die uns in Schomburgs Roman begegnen. Während die Geschichte stringent aus den Augen von Johanna erzählt wird, folgt die Anordnung des Geschehens einer anderen Logik. Denn Schomburg entzieht seiner Geschichte die chronologische Reihenfolge und präsentiert sie uns als wirres Durcheinander von Rückblenden und Gegenwartsaufnahmen. Er lädt seine Leser zum intuitiven Lesen ein, schenkt uns die Möglichkeit, die Dinge völlig eigenständig zu interpretieren und den freien Raum mit unseren Gedanken zu füllen.

Und er füllt sich. Denn die einzelnen Handlungsfäden, die vorerst nicht in Verbindung zu stehen scheinen, finden nach und nach zueinander. Wie einzelne Mosaiksteine formieren sie sich zu einem individuellen Muster, formen das licht- und geräuschvolle Gerüst des Romans.

„Irgendwie sehe ich kein Licht mehr und höre keine Geräusche…“

Zitat, Seite 160

Die Geschichte ist weitaus komplexer, als dass die Betitelung „Coming of Age“ Roman, die dem Roman mehrfach zugespielt wurde, ausreiche. Sicherlich ist Schomburgs Roman eine kleine Reise in die Zeit des jugendlichen Heranwachsens. Er lässt uns teilhaben, am persönlichen Entwicklungsprozess seiner drei Protagonisten, der teils naive, experimentelle und auch widersprüchliche Handlungen zur Folge hat, darüber hinaus lädt er uns aber auch zu einer wunderbaren Entdeckungsreise ein; einer Reise, die uns die wesentlichen Dinge neu entdecken und wahrnehmen lässt.

In „Das Licht und die Geräusche“ finden einige existentielle und auch düstere Gedanken ihren Platz, die dem Roman mitunter dramatische und hochemotionale Wesenszüge verleihen. Insgesamt hat Schomburg aber einen wunderbaren Ton gefunden, der uns mit einer gewissen Leichtigkeit durch so manche Schwere geleitet und das Lesen zu keinem deprimierenden Unterfangen macht.

Es ist der ehrliche Blick auf sich selbst und das Leben, mit dem mich Schomburg in seinem Roman so begeistert hat. Seine Protagonistin Johanna ist eine dialektische Denkerin, die sich nicht davor scheut, Dinge zu Ende zu denken und andere Perspektiven einzunehmen. Durch sie fand ich auf Anhieb Zugang zur Geschichte und konnte mich komplett auf das licht- und geräuschvolle Abenteuer einlassen, dessen Töne noch lange nach dem Lesen in mir nachhallten.

„Als Jugendlicher hat man so viele unterschiedliche Ichs. Man kann so viele Dinge auf einmal sein, die sich eigentlich widersprechen.“(J.S.)

Arndt von der literarischen Sternwarte AstroLibrium und ich hatten die Gelegenheit, mit dem Autor Jan Schomburg über seinen Roman und seine Hintergründe zu sprechen. Meine Eindrücke zu unserem Interview und den Weg zur Radioreportage für das Literaturradio Bayern findest du hier.

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