Somewhere in between

„Das Traumbuch“ von Nina George

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„Das hier ist die Realität. Kein Buch, kein Nerd-Wettbewerb. Das dort, das wummernde Monstrum, die Fragen von Dr. Saul, Henris Sauerstoffmaschine, die achtmal in der Minute Luft in ihn hineinstößt und wieder heraussaugt. Das ist die Wirklichkeit.“

Zitat, Seite 370

Ein Unfall verändert die Leben dreier Menschen: Edwinna, genannt Eddie, die Verlegerin für phantastische Literatur mit besonderem Gespür für das Wunderbare. Sam, der hochbegabte 13-jährige, der Klänge als Farben sieht und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahrnimmt als andere. Und Henri, Eddies einstiger Geliebter. Der ehemalige Kriegsreporter ist Sams Vater, der nach einem Unfall acht Minuten lang tot war und nun darum kämpft, aus dem Koma zu erwachen. Denn von dort, wo er beinah verlorengegangen ist, bringt er eine Botschaft für die, die er liebt. 

Kurzbeschreibung des Verlags

Es gibt Geschichten, die dich mit unverminderter Wucht ins Leben schmeißen. Dies hier ist so eine. Denn Nina Georges neuestes Werk ist schonungslos. Es ist schicksalsgetränkt, dramatisch und ergreifend schön zugleich. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

Ich hatte geahnt, dass das scheinbar sorglose Cover nur wenig von dem Inhalt wiederspiegelt, der sich hinter dem Buchdeckel verbirgt. Doch auf das riesige Konstrukt, das dahinter zum Vorschein kam, war auch ich nicht vorbereitet. Georges Geschichte, auf die ich seit ihrem Erfolgsroman „Das Lavendelzimmer“ sehnsüchtig warte, ist auf einer völlig neuen Ebene angesiedelt. Einer hochemotionalen Ebene, mit der die Autorin über sich selbst hinausgewachsen ist. Denn George, die ihr vorangegangenes Buchprojekt abbricht, weil sie nicht in die Geschichte findet; beweist mit ihrem Traumbuch nicht nur Mut, sondern auch schonungslose Offenheit.

Die Geschichte, in der auch persönliche Erlebnisse der Autorin verwoben sind (u.a. der Verlust des Vaters) widmet sich ernsten Themen, über die sicherlich nicht jeder lesen möchte. George spricht das aus, worüber viele schweigen. Es sind Dinge wie ein künstliches Koma, Verlust und Tod. Auf der Suche nach dem Platz im Leben wandern wir auf einem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, zwischen liebevoller Hingabe und zweifelnder Unsicherheit, zwischen Liebe und Pflichtgefühl. Wir wechseln zwischen den Welten. Geben uns Tagträumereien hin und blicken aus der Ferne in die Realität. Durchlaufen „Was wäre wenn? – Szenarien.

Nina George ist Synästhetikerin. Sie nimmt Zahlen und Klänge als Farben, und Menschen, Orte oder Stimmungen intensiver wahr als andere. Diese besondere Gabe hat auch der 13-jährige Sam, der neben Henri und Eddie zu den Hauptfiguren der Geschichte zählt. Seine Mitschüler bezeichnen ihn als vulgo Synnie-Idiot, selbst seine Mutter findet nur schwer Zugang zu dem hochbegabten Jungen, der schon als Säugling zu weinen begann, wenn ihn die negativen Gefühle eines Ortes wie aus dem Nichts überfielen.

„Ihre Stimme flutete mich, ein Klang wie ein Geruch, der Duft von Rosmarin im Regen, traurig, gedämpft. Ich spürte, wie lieb sie mich in diesem Augenblick hatte, ich merkte es daran, dass ich auf einmal atmen konnte, richtig atmen, wie auf dem höchsten Gipfel der Welt. Das nasse Knäuel, das sonst in meiner Brust ist, war fort.“

Zitat, Seite 21

Sam ist es auch, der täglich am Krankenhausbett von Henri sitzt und dem Erwachen seines nahezu unbekannten Vaters entgegenfiebert, als dieser nach einem Unfall und einem achtminütigen Tod ins künstliche Koma versetzt wird. Durch die Rettungsaktion eines kleinen Mädchens gerät Henri in die Zielgerade eines heranfahrenden Lkws und wird dadurch frontal erfasst. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Auch Eddie findet sich in Henris Krankenhauszimmer wieder. Eigentlich hat die Verlegerin eines Phantastik-Verlages mit ihrem ehemaligen Geliebten längst abgeschlossen. Dem Mann, der ihr vor zwei Jahren das Herz brach, weil er ihre Gefühle nicht zu erwidern vermochte. Ihr Herz schlägt längst für einen anderen Mann. Warum sollte ausgerechnet sie über Leben und Tod entscheiden?

„Ich sitze auf dem Boden und lege mir den Mut auf wie Make-up. Ich trenne all meine miteinander ringenden, hadernden, sich gegenseitig im Weg stehenden Regungen säuberlich voneinander, bis nur noch die entscheidenden drei übrig bleiben. Ich konzentriere mich, um sie zu halten, und verbiete allen anderen Emotionen ihnen zu nahe zu kommen. (…) Ich atme ein und denke: Zärtlichkeit. Ich atme tiefer ein und beschwöre: Mut. Ich atme ein und erbitte: Lass mich wie Sam sein.“

Zitat, Seite 192

Als Eddie auf Sam trifft, ist es, als verpasse ihr das Leben eine schallende Ohrfeige. Denn Henri hat ihr nie von seinem Sohn erzählt, einem Kind, zu dem sie eine besondere Nähe entwickelt und das ihre verlorengeglaubten Gefühle zu Henri wieder zum Leben erweckt. Ihre Begegnung öffnet ihr die Augen, klart ihren Blick auf erschreckende Weise auf.

Henri, der Zeit seines Lebens als Kriegsreporter arbeitete, und sich vor dem Unfall auf dem Weg zu Sam befand, kämpft indes verzweifelt um seine Rückkehr ins Leben. In der Zwischenwelt begegnet er nicht nur engen Vertrauten, sondern auch einem Mädchen, das die Geschichte Aller primär beeinflussen wird.

„Es ist wie eine Wunde, die ich selbst bin, es ist wie das Lachen, das noch darauf wartet, gehört zu werden, es ist diese wilde Hoffnung auf ein Leben mit ihr, und eine entsetzliche Angst, es ohne sie aushalten zu müssen.“

Zitat, Seite 227 (Sams Zeilen)

George ist eine Gefühlsvirtuosin. Mit ihrem Traumbuch gewährt sie uns einen tiefen Einblick in die Seele der Menschen und beweist damit einmal mehr, dass die Gefühlswelt genau ihr Ding ist. Ihre Geschichte ist wie eine Fahrt mit einem turbulenten Gefühlskarussell, das während dem Lesen an Fahrt aufnimmt und unsere Gefühlsregungen wie Konfetti durch die Luft wirbelt. So finden nicht nur Tränen der Trauer, sondern auch der Freude ihren Weg über unsere Wangen.

Der Autorin gelingt damit ein weiteres Herzensbuch, das sicherlich nicht jeden, aber genau die richtigen Leser für sich gewinnen wird. Es ist poetisch, tiefgründig und unendlich berührend. Eine Geschichte, in der sie es uns überlässt, woran wir glauben, was Traum und was Realität ist, und wie sich die Geschichte entwickelt. Denn jede Geschichte beginnt erst mit seinen Lesern zu leben und entführt sie zu entlegensten Winkeln; selbst, wenn das Konstrukt das Gleiche ist.

„Das ist die Magie der Literatur. Wir lesen eine Geschichte, und danach ist etwas anders. Was, das wissen wir nicht, oder warum, durch welchen Satz, das wissen wir auch nicht. Und dennoch hat sich die Welt verwandelt und wird nie mehr dieselbe sein wie vorher. Manchmal merken wir es erst Jahre später, dass ein Buch der Riss in unsere Realität war, durch den wir, nichtsahnend, entkommen sind aus Kleinheit und Mutlosigkeit.“

Zitat, Seite 111

<3 <3 <3 <3 <3

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Der Junge mit dem pechschwarzen Haar..

„Anders“ von Andreas Steinhöfel

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„Ein goldenes Wort, ein schwarzer Engel, ein geflüstertes Geheimnis.“

Zitat, Seite 103

Felix Winter ist elf Jahre alt, als er bei einem unglücklichen Unfall von seiner Mutter mit dem Auto erfasst wird. Er fällt für 263 Tage in ein Koma, exakt die Anzahl jener Tage, die seine Mutter mit ihm schwanger war. Zufall oder schlechtes Karma?

Eines Sommertages geschieht ein Wunder und Felix erwacht aus dem Koma. Der Winterjunge, den die Leute im Krankenhaus aufgrund seiner hellen Haut, dem pechschwarzen Haar und denn kirschroten Lippen liebevoll Schneewittchen nennen, kehrt ins Leben zurück. Die Ärzte diagnostizieren retrograde Amnesie. Während Felix‘ Verstand klar wirkt, scheint seine Erinnerung an die letzten elf Jahre wie ausgelöscht. Der Junge wirkt verändert, ist selbstbewusster und souveräner. Der überfürsorglichen teilweise elitären Erziehung seiner Mutter begegnet er fortan mit Rebellion. Täglich erfindet er sich seine Welt neu und nennt sich künftig Anders.

„Ich heiße jetzt nicht mehr Felix, ich heiße Anders. Mit einem großen A. Wie Andersen, Sie wissen schon. Der mit dem Märchen von der kleinen Seejungfrau.“

Zitat, Seite 82

Doch das veränderte Verhaltensmuster des Jungen irritiert die Menschen in seinem Umfeld. Anders ordnet ihnen fortan Farben zu, durchleuchtet sie und erkennt ihren Seelenballast. Seine offenen konfrontierenden Worte verängstigt sie. Und ehe sich Anders versieht, wird er zur Zielscheibe öffentlichen Ärgernisses.

„Ich hab dich lieb“, sagt André zu seinem Sohn. „schon immer für immer.“

Zitat, Seite 96

Doch die Veränderung des Jungen scheint einen tiefergehenden Hintergrund zu haben. Anders wahrt ein schreckliches Geheimnis, dessen Offenbarung schlimme Folgen hat. Und jemandem scheint viel daran zu liegen, dass es für immer im Dunkeln bleibt.

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„Fast jeder Mensch, da machte sie selber bestimmt keine Ausnahme, war in irgendwelche Zwänge eingebunden, wurde von inneren und äußeren Einflüssen bestimmt, die sich seinem Willen und seinem Zutun entzogen. Aber wer zwischen vollmundig und malzig lebte, der lebte unmöglich wirklich.“

Zitat, Seite 167

Andreas Steinhöfel entführt uns in eine Welt voller Farben. Es ist die Welt des Winterjungen Felix oder vielmehr Anders, der nach einem 263-tägigen Koma mit einer neuen Persönlichkeit das Licht der Welt erblickt, unangepasst und eigentbrötlerisch.

Steinhöfels Geschichte ist erfrischend anders. Mit einer distanzierten Betrachtungsweise gibt er uns den Blick auf ein Familiendrama frei, das tief verwurzelt ist. Er präsentiert es dem Leser auf ungewöhnlich unsentimentale Weise, nährt die Geschichte mit Emotionen und Farben und tränkt sie gelegentlich mit einem Hauch von Poesie. Eine düstere Poesie, die teilweise für mystische und unheimliche Klänge sorgt, dem Roman aber eine sehr melodisch atmosphärische Untermalung schenkt.

„Er schlug das Album auf. Erinnerungen sprangen ihn an, denen er spielend eine Farbe hätte zuordnen können, ein warmes, abgetöntes Nussbraun, das süße Stille versprach, aber er wusste, das war ein trügerisches Versprechen. Die Farbe flüsterte und lockte mit dem einzigen Ziel, sich über sein Denken und Fühlen zu legen wie Mehltau, es würde Tage dauern, eher Wochen sogar, sich davon zu befreien.“

Zitat, Seite 144

Der Roman, der im Kinder- und Jugendbuchgenre angesiedelt ist, bedient sich einem sehr dramatischem, teilweise metaphergetränkten Schreibstil, dessen Inhalt sich sicherlich nicht jedem Leser erschließt, schon gar nicht Kinder oder Jugendlichen. Steinhöfel wandert teilweise auf einem sprachlich sehr hohem Niveau, das die Lektüre sicherlich auch für den ein oder anderen Erwachsenen zu einer sehr anspruchsvollen Lektüre macht.

„Ich hatte ganz vergessen, wie hell ihr seid. Das Licht im Dunkel der Welt. […] ihr strebt der Zukunft als Flammen entgegen: voller Hoffnung, mit dem Glauben an Veränderung.“

Zitat, Seite 150

Die Aufmachung und Illustrationen des Buches sind minimalistisch, spiegeln aber bei näherer Betrachtungsweise den Inhalt des Romans perfekt wieder. Trotz farbgetränkter Geschichte scheint mir die Konzentration der Illustrationen auf die Farben goldgelb, schwarz und weiß als die ideal.

Ohne den Inhalt und Verlauf der Geschichte vorweg zu nehmen, möchte ich auf Steinhöfels wunderschöne Verwebung der einzelnen Protagonisten hinweisen. Auch wenn Felix und seine Eltern den zentralen Kern der Geschichte darstellen, schienen mir sämtliche Nebendarsteller wichtiger Bestandteil des großen Ganzen zu sein. Das Gerüst der Story präsentierte sich mir wie ein riesiges Spinnennetz, in dem die Ereignisse, Personen und Orte kunstvoll miteinander verwoben sind.

„Nur hier findet der Junge wirklich Ruhe, nur hier schweigt sein Kopf, der sonst schier zu zerbersten droht unter den unaufhörlichen und gleichzeitigen Eindrücken kaskadischer Worte und disharmonischer Musik, und nur hier schweigt sein Körper, in dem jede Farbe, sobald sie seine Augen trifft, einen Geruch erzeugt, jedes Lichtpartikel einen Geschmack, und der von innen verbrennt, weil er Luft als Feuer einatmet, und der sofort wieder abkühlt, weil er sie als Schnee wieder entlässt.“

Zitat Seite 105

Durch kursiv gedruckte Gedankengänge einzelner Protagonisten schenkt Steinhöfel der Geschichte eine persönliche Note. Er gibt den Lesern dadurch den Blick auf das Innerste der Figuren frei und ermöglicht es, seine anspruchsvolle Kost besser zu erfassen.

Für die Möglichkeit, Anders ein Stück seines Weges zu begleiten, bedanke ich mich recht <3 – lich beim Königskinder Verlag (Carlsen Verlag), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Es wird sicherlich nicht das einzige Buch von Andreas Steinhöfel bleiben.