Luftschlösser..

lesenlust über „Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

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Jeannettes Kindheit ist von vielen Nacht- und Nebelaktionen bestimmt, in denen sie mit ihrer Familie Hals über Kopf den Wohnort wechselt. Für sie ist es ein unendlich großes Abenteuer mit farblich wechselnden Rostlauben von Ort zu Ort zu gurken und alles Wichtige von ihren Eltern zu lernen, anstatt wie andere Kinder in der Schule zu sitzen. Regeln engen ein, entfalten könne man sich laut ihren Eltern nur, wenn man alle Freiheiten der Welt hat.

Dass die Familie kaum etwas zu Essen hat und zerrissene Kleider am Körper trägt, ist ein notwendiges Übel für die berauschende Zukunft, die ihnen ihr Vater prophezeit. Schließlich wird er ihnen eines Tages ein Zuhause bauen, wie es noch niemand gesehen hat: Groß, glänzend und gläsern. Ein Schloss aus Glas.

So schlafen die Kinder Tag für Tag in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit knurrenden Mägen in Pappkartons ein und erwachen in modrigen kalten Bruchbuden irgendwo am Arsch der Welt. An Weihnachten holt der Vater ihnen die Sterne vom Himmel, jagt mit ihnen unsichtbare Dämonen und unterhält sie mit kühnen Abenteuergeschichten, die seiner wilden Fantasie entspringen.

Doch der unkonventionelle Lebensstil der Eltern birgt auch eine Menge Gefahren in sich, die bei den Kindern für Verletzungen jeglicher Art sorgen. Schon mit drei Jahren steht die kleine Jeannette bei dem Versuch sich selbst Hot Dogs zu kochen, in Flammen, und erleidet schlimmste Verbrennungen, deren Narben sie ihr Leben lang begleiten. Laut Rex und Rose Mary Walls ist das kein Weltuntergang, schließlich bräuchten Kinder solche Lehren, um für’s Leben zu lernen.

„Mom sagte immer, die Leute  würden sich einfach zu viele Sorgen um ihre Kinder machen. In jungen Jahren zu leiden tut jedem gut, erklärte sie. Es stärkt den Körper und die Seele, und deshalb achtete sie nicht auf uns Kinder, wenn wir weinten. Weinende Kinder zu betütern führt höchstens dazu, dass sie noch weinerlicher werden, sagte sie zu uns. Das ist bloß positive Verstärkung eines negativen Verhaltens.“

Zitat, Seite 41

Je älter Jeannette wird, umso mehr ist ihr die egoistische Künstlernatur ihrer Mutter, die ihren Kindern das Essen vor der Nase wegfrisst und der versoffene Vater, der in der Hoffnung auf Alkohol und Zigaretten nicht einmal davor zurückschreckt, seine Tochter von älteren Männern begrapschen zu lassen, zuwider. Gemeinsam mit ihrer Schwester Lori schmiedet sie einen Plan: die Flucht vor ihrer eigenen Familie.

„Ich fragte mich, ob alle Feuer miteinander verwandt waren, so wie Dad sagte, dass alle Menschen miteinander verwandt waren. […] Ich hatte keine Antwort auf meine Frage, ich wusste nur, dass ich in einer Welt lebte, die jeden Augenblick in Flammen aufgehen konnte. Ein solches Wissen hält dich auf Trab.“

Zitat, Seite 50

In „Schloss aus Glas“ berichtet Jeannette Walls von einer ungewöhnlichen Kindheit in einer unangepassten Familie. Es ist ihre persönliche Geschichte. Der autobiographische Roman der Autorin, der von Dreck, Hunger und seelischem Schmerz begleitet wird, sorgt dennoch, oder gerade deshalb, für große Begeisterung.

Walls verfrachtet ihre Leser in die rostigen Gefährte der Familie und lässt sie Teil dieser seltsamen Reise über die Straßen der Welt werden, in der Kinder während der Fahrt aus dem Auto fallen oder auf stockfinsteren Ladeflächen um Luft ringen. Sie richtet uns neben ihren Geschwistern einen schäbigen Pappkarton zum Schlafen her, lässt uns durch modrige alte Häuser wandern, wo die morschen Holzböden unter unserem Gewicht ächzen und die Zimmer bei Regen unter Wasser stehen. Wir stürzen uns halb verhungert über Margarine mit Zucker her, ignorieren den grünen modrigen Film auf dem nichtgekühlten Schinken oder durchforsten Abfalleimer nach verbliebenen Essensresten.

Es sind lebendige Zeilen, mit denen uns Walls von dieser abenteuerlichen Kindheit berichtet. Eine Kindheit, auf die sie trotz des üblen Beigeschmacks nicht mit Verbitterung zu blicken scheint, sondern vielmehr mit Liebe und Wehmut. Walls präsentiert sich als eine exzellente Geschichtenerzählerin, weshalb sie selbst für die erschreckensten Momente die richtigen Worte findet und ihre Momentaufnahmen uns wie glitzernd große Abenteuer begegnen.

Als Ich-Erzählerin erzählt sie von dieser Kindheit in Form eines Rückblicks in die Vergangenheit, während die Geschichte in der Gegenwart beginnt und Walls, längst wohl situiert und teuer bekleidet, zu einer Party in Manhattan fahren lässt. Auf dem Weg dorthin erblickt sie eine Obdachlose, die in Abfalleimern nach Essensresten wühlt und von der sie nicht gesehen werden will. Denn es ist Rose Mary Walls. Eine Mutter, für die sie sich schämt, und der, wie es scheint, sie nicht zu helfen versucht. Man fragt sich, wie es zu einer solchen Haltung kommen konnte und stößt dabei auf den Motor von Walls biographischem Debüt.

Es ist ein Buch, das jeder lesen sollte. Es trifft dich mit emotionaler Wucht und lässt dich ergriffen zurück. Es entsetzt dich ebenso sehr, wie es dich begeistert. Es ist eine Überlebensgeschichte, wie sie Tausende von Menschen als ihre eigene bezeichnen könnten. Menschen, die auf der Straße leben und die von vorbeilaufenden Passanten angewidert betrachtet werden. Dabei kennt keiner ihre Geschichte. Manche von ihnen sitzen dort gewollt, andere hatten nie eine wirkliche Wahl.

Es ist beeindruckend, wieviel seelische Stärke und Ausdauer Jeannette und ihre Geschwister während ihrer Kindheit bewiesen haben und noch viel beeindruckender, dass sich fast alle ihren Traum von einem besseren Leben erfüllt haben. Selten liest man eine so atemberaubende Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Chapeau Mrs. Walls!

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Appelhuuslüüd

lesenslust über „Altes Land“ von Dörte Hansen

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1945 flüchtet die 5-jähige Vera mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land, ein idyllisches und ertragreiches Obstbaugebiet südlich von Hamburg und jenseits der Elbe. Auf dem Hof von Ida Eckhoff finden sie Unterschlupf, werden als Flüchtlinge aber nur geduldet. Ihr Leben lang fühlt sich Vera fremd und doch irgendwie zugehörig in dem großen dunklen Bauernhaus, das von der Apfel- und Kirschblüte begleitet wird und das bereits Generationen von Flüchtlingen ein und ausgehen hat lassen.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkener auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer. Und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festwachsen konnte an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos. Nicht gedeihen. Nicht blühen. Nur bleiben.“

Als Erbfolger Karl Eckhoff stark lädiert aus dem Krieg zurückkommt, findet er in der ostpreußischen Hildegard von Kamcke eine Frau und in Vera eine Adoptivtochter. Doch die hochmütige Hildegard weilt nicht lange auf dem Land, das ihr zu kalt und ungestüm ist. Nach zahlreichen Wortgefechten mit ihrer resoluten Schwiegermutter ergreift sie erneut die Flucht, zieht nach Hamburg, heiratet dort einen Architekten und wird noch einmal Mutter. Ihre Tochter Vera lässt sie unbeachtet zurück.

Sechs Jahrzehnte sind vergangen, als Vera, mittlerweile gealtert und dem alten knorrigen Fachwerkhaus immer noch treu, erneut mit ihrer Familie in Berührung kommt. Ihre Nichte Anne wird mit Sohn Leon ins alte Land gespült. Auch sie scheinen vor ihrem Leben zu flüchten. Einem Leben im schicken Hamburg-Ottensen, wo Eltern ihre Kinder mit großstädtischer Arroganz durch die Straßen schieben und wo sich Anne nach einer unglücklichen Kindheit selbst neben ihrem Mann nicht zugehörig fühlt.

„Die Familienstillleben in den Cafés und Parkes von Hamburg-Ottensen zeigten alle was sie nicht waren. Ein fest verschnürtes Paket. Vater, Mutter, Kind. Verwoben zu einem stabilen Familienstoff. Sie waren zwei Leute mit einem Kind. Lose verhäkelt. Drei Luftmaschen.“

„Sie kaufte sich ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottenser Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggy, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“

Obwohl die beiden Frauen einander fremd sind und sich das gemeinsame Zusammenleben anfangs als Herausforderung entpuppt, wächst eine kostbare Vertrautheit zwischen den Frauen heran. Eine Vertrautheit, die Annes Sohn Leon nicht nur ein neues Zuhause schenkt, sondern auch die verletzten Seelen der Frauen langsam aber sicher heilen lässt.

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Geschichten über das Leben auf dem Land werden häufig romantisiert. Die Menschen werden plötzlich zärtlicher, die Jahreszeiten scheinen im perfekten Einklang zur Natur zu stehen und der Alltag rekelt sich versonnen auf der idyllischen Blumenwiese. Nicht so bei Dörte Hansen. Denn die Autorin, die selbst vom Land kommt, weiß wovon sie spricht. Mit ihrer Familie spricht sie platt. Und wer so einem plattdeutschen Menschen schon mal begegnet ist, der weiß, was das heißt: die Wahrheit kommt schörkellos und unverblümt auf den Tisch. Hansens Debütroman begegnet uns daher völlig authentisch und klischeefrei, und begeistert mich umso mehr. Er ist wie eine saure Kirsche, die wir trotz Säure wohlwollend in den Mund stopfen und nach einer noch lange nicht genug haben.

„Man kannte seinen Platz und seinen Rang in dieser Landschaft, es ging immer nach dem Alter: Erst kam der Fluss, dann kam das Land, dann kamen Backsteine und Eichenbalken und dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land gehörte und die alten Häuser. Alles, was dann noch kam, die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, die Landlosen und Heimatsucher, waren nur Flugsand und angespülter Schaum. Fahrendes Volk, das auf den Wegen bleiben musste.“

So erzählt Hansen vom Leben zweier heimatloser Frauen, die nach Jahren fehlender familiärer Zugehörigkeit in Ida Eckhoffs altem Bauernhaus aufeinandertreffen. Die aneinanderecken und dennoch Halt beim Gegenüber finden. Die lernen, gemeinsam neue Kraft zu schöpfen und die endlich im Leben ankommen. Hansen verwebt die beiden Frauen dabei geschickt in das alte knorrige Bauernhaus, das mit seinen ächzenden Balken und knarrenden Scharnieren im perfektem Kontrast zu seinen heimatlosen Hausbewohnern steht.

Mit schwarzem Humor und Ironie, aber auch von einer spürbaren Schwere begleitet, verdeutlicht uns Hansen die Schicksalshaftigkeit des Lebens. Dass nicht immer alles glatt laufen kann. Dass Menschen zueinander finden und manchmal eben auch wieder auseinander driften. Dass eine Liebe ebenso kein Garant für ein gemeinsames Leben bis ans Ende der Tage ist, wie Verwandtschaftsgrade. Ihre lebendigen und vom Metaphern getränkten Beschreibungen, in denen auch das Plattdeutsch nicht zu kurz kommt, schenken dem Roman an Atmosphäre. Ein Hauch norddeutscher Flair weht uns um die Nase, der uns gedanklich an die Stationen der Hansestadt und geradewegs in das alte Land spült.

Dass man sich bei der Erzählerin des Hörbuchs für Hannelore Hoger entschieden hat, begeistert mich daher ungemein. Hoger ist authentisch, hanseatisch trocken und wandlungsfähig. Sie beherrscht die Rolle der hochmütigen Hildegard ebenso wie die Rolle der kantigen aber insgeheim liebenswerten Ida Eckhoff.  Sie trällert Liedpassagen, schreit und flucht, und unterhält mich in höchstem Maße. Eine Vorleserin, die ihre Geschichte mit Haut und Haaren lebt. „Altes Land“ ist ein grandioses Debüt und mein persönliches Hörbuchhighlight.

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Altes Land

Blueberry dream..

lesenslust über „Der Sommer der Blaubeeren“ von Mary Simses

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„Es war ein altes Haus, und es war hübsch. Aber das war alles. Was auch immer ich zu sehen oder zu spüren erwartet hatte, war nicht hier. Welchen Einblick in das Leben meiner Großmutter ich hier auch hatte erhaschen wollen, er hatte keine konkrete Form angenommen.“

Zitat, Seite 145

 Ellen Branford, Großstadtpflanze und erfolgreiche Anwältin aus New York steht kurz vor ihrer Hochzeit mit dem aufstrebenden Politiker Hayden Croft. Der letzte Wunsch ihrer Großmutter, die persönliche Übergabe eines scheinbar wichtigen Briefes, schickt sie in den kleinen abgelegenen Küstenort namens Beacon, in dem ihr ihr vertrauter New Yorker Luxus verwehrt bleibt.

Die Reise nach Maine, für die sie aufgrund der Hochzeitsvorbereitungen und ihren beruflichen Pflichten eigentlich gar keine Zeit hat, und die sie nur ihrer Großmutter zuliebe auf sich nimmt, birgt für Ellen jedoch mehr Entdeckungen und Überraschungen in sich, als sie je vermutet hätte. Denn neben den unbekannten Talenten ihrer Großmutter und den Ereignissen aus deren Vergangenheit, entdeckt Ellen plötzlich auch einen persönlichen Bezug zur Natur, den kulinarischen Köstlichkeiten des Ortes und den bis dato verborgenen Sehnsüchten im Inneren ihres Herzens.

Durch das von ihrer Großmutter geförderte Feingefühl fürs Fotografieren lernt Ellen den kleinen Küstenort und seine Bewohner von einer ganz anderen Seite kennen. Plötzlich merkt sie, dass es nicht die Größe eines Ortes oder der vertraute Luxus ist, der das Leben wirklich lebenswert macht.

Es scheint fast so, als könnte der letzte Wunsch ihrer Großmutter ihrem eigenen Leben eine vollkommen neue Richtung aufzeigen.

„Ich streckte die Hand aus und strich über die Adern eines großen grünen Blattes. Die Farbe warm und kühl zugleich, rau und glatt. Das Blatt schien unter meiner Berührung zum Leben zu erwachen. Ich konnte seine Energie fast körperlich spüren.“

Zitat, Seite 147

Anfangs erschienen mir die beschriebenen Szenen etwas zu oberflächlich und kitschig, als dass ich sie mir als Teil einer wirklich tiefgründigen Geschichte hätte vorstellen können. Doch mit den Seiten wuchs die anfängliche Oberflächlichkeit zu einer liebevollen Entdeckungsreise mit weit mehr Tiefe und Charme als ich gedacht hätte. Simses entwickelte mit den Zeilen ein Gefühl für warme und lebendige Beschreibungen, die malerische Landschaften und Momentaufnahmen aus dem Leben von Ellens Großmutter lebendig werden ließen. Aus dem nüchternen Grund, einen Brief ihrer Großmutter an einen gewissen Chet Cummings zu übergeben, entwickelt sich für Ellen ein sehr emotionaler Roadtrip durch Maine.

Die Botschaft, die Simses in ihrem Roman vermitteln möchte, scheint klar. Der Blick auf die Dinge ist entscheidend. Was zählt ist nicht das, was scheint, sondern vielmehr das, was sich hinter dem Offensichtlichen verbirgt. Nur wer genau hinsieht, kann sich am wahren Glück erfreuen.

„So ist es, und wenn du weiter hinsiehst, dann siehst du immer noch mehr und mehr. Das bedeutet es, ein Beobachter zu sein, Ellen. Da ist immer mehr, als man denkt.“

Zitat, Seite 297

Mit Ellens Entwicklung während ihrem Aufenthalt in Beacon führt Simses den Leser langsam aber sicher an die Bedeutung der kleinen Dinge heran. Sie lässt uns hinter die Fassade blicken und ein Gespür für die kleinen Besonderheiten des Lebens entwickeln.

Durch die Begegnung mit Roy, dem Neffen von Chet Cummings, beginnt für Ellen eine liebevolle und durchaus amüsante Dreiecksgeschichte, die ihr Liebesleben und ihre Gefühle gehörig durcheinander wirbelt. Die heimliche Schwärmerei für das scheinbar grobe Landei lässt Ellen ihre Prinzipien von Grund auf überdenken und sie ihre strukturierten Gewohnheiten über Bord werfen.

Insgesamt habe ich Simses Ausflug nach Maine auch nach anfänglichen Bedenken sehr genossen. Die liebevolle Aufmachung des Buches ist dem Verlag bestens gelungen. Vor allem das in den Buchdeckel abgedruckte Blaubeer-Muffin-Rezept werde ich in absehbarer Zukunft näher in Anschein nehmen.

„Etwas in mir schien sich langsam zu lösen. Ich konnte spüren, dass es sich entwirrte wie ein Seil, Strang für Strang. Ich betrachtete das Spiegelbild von mir und meiner Mutter, wie Generationen von Branford-Frauen, verbunden durch so viele Dinge. Dennoch war da Raum für mich, anders zu sein.“

Zitat, Seite 392

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 Dieses Buch wurde mir als Buchflüsterer von bücher.de kostenlos zur Verfügung gestellt.

♥-lichen Dank dafür!

Und hier kommt ihr zum Buch…

Lily´s Reise nach Tiburon…

lesenslust über „Die Bienenhüterin“ von Sue Monk Kidd

~~*~~….Es ist die Geschichte von Lily:

Seit dem tragischen Tod ihrer geliebten Mutter lebt die 14-jährige Lily als Halbwaise mit ihrem verbitterten tyrannischen Vater T.Ray und der schwarzen Haushälterin Rosaleen zusammen.

Rosaleen ist für Lily eine Quelle der Geborgenheit & Hoffnung: Sie kümmert sich liebevoll um Lily und scheint für die 14-jährige das einzige Licht am Ende des Tunnels zu sein. Denn ihr Alltag ist geprägt von den qualvollen und höchst unsittlichen Erziehungsmethoden ihres Vater T.Ray. Er macht ihr das Leben in jeder erdenklichen Minute zur Qual!

Die Tragik vom Tag des Todes ihrer Mutter scheint der 14-jährigen fest im Gedächtnis zu sitzen, auch wenn die kleine Lily damals erst 4 Jahre alt war. Bis heute ist sie sich sicher, SIE hätte ihre Mutter umgebracht.
Auch ihr Vater, dem die unglückliche Dramaturgie des Tages sehr wohl bewusst ist, lässt ihr das spüren und treibt es eines Tages ganz einfach zu weit. So weit, dass Lily nur einen einzigen Ausweg sieht und beschließt zu fliehen…

Doch ohne Rosaleen will und kann Lily sich nicht auf den Weg machen! Aber Rosaleen sitzt aufgrund eines Streitfalles im Gefängnis. Ihr wurde an dem Tag, an dem sie sich als Schwarze im Wählerverzeichnis eintragen wollte, etwas angehängt und muss nun als Folge von rassistischer Feindlichkeit dafür büßen.

Doch Lily ist clever! Ihre jugendliche Naivität und List verhelfen ihr dazu, Rosaleen zu befreien. Und so machen sie sich gemeinsam auf den Weg…

..auf den Weg nach Tiburon! Denn hier erhofft sie sich Antworten zu ihrer Mutter.
Ihr Wegweiser ist ein Erbstück ihrer Mutter – das Bild einer schwarzen Madonna, auf dessen Rückseite „Tiburon“ steht.
Durch glückliche Umstände und auf der ständigen Flucht gelangen sie zu dem verrückten Haus der drei schwarzen Schwestern Augusta, June und May.

Augusta, die Älteste der drei Schwestern, bietet den beiden Unterschlupf an:
Sie weist Lily in die Kunst des Bienenzüchtens und der Honigherstellung ein und ermöglicht Rosaleen, die Schwestern im Haushalt zu unterstützen.
Augusta wird zu einem neuen zentralen Punkt in Lilys Leben. Denn neben dem Fachwissen, was sie Lily zu vermitteln mag, versorgt sie Lily mit Lebensweisheit und einem neuen Gefühl von Geborgenheit und Liebe!

Und plötzlich erkennt Lily, dass ihr Weg nicht aus Zufall bei diesem Haus Halt gemacht hat. Es scheint, dass das Schicksal ihr zu einem neuen Leben verhelfen will und ihr einige Erinnerungen der Vergangenheit schenkt: Erinnerungen ihrer Mutter. Denn nicht nur Lilys Weg macht bei Augusta Halt, auch der ihrer Mutter hat dies getan…

Doch eines Tages bricht ein Tyrann in diese Idylle: T.Ray steht vor der Tür!!…

~~*~~….“Ein Roman übers Erwachsenwerden, über bedingungslose Freundschaft und der Suche nach sich selbst.“

Ich habe selten eine so bewegende Geschichte mit derart Tiefgang und Intensität gelesen. Sue Monk Kidd vermag die Begabung zu besitzen, mit ihrer einfühlsamen, offenen und direkten Art des Schreibens den Leser zu fesseln und in eine Welt einzutauchen, der voll ist von Mystik und Tragik! Die Komponenten des Schmerzes sind der der Liebe ganz nahe – Glück, Trauer und Wut scheinen ganz nah beieinander!

Die kleine Lily kommt mit der für sich geschlossenen Erkenntnis, dass sie an dem Tod ihrer Mutter schuld sein soll, nicht klar. Sie verzeiht es sich nicht, dass sie so nie die Möglichkeit der mütterlichen Geborgenheit und Nähe hatte. Auch mag sie es nicht glauben, dass ihre Mutter sie damals einfach verlassen wollte!

Ihr Vater T.Ray ist ein Tyrann und der Inbegriff von brutaler, gefühlskalter und qualvoller Erziehung. Lily kann es nicht verstehen, warum ihre Mutter sich jemals in ihn verliebt hat. Doch man merkt, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint…denn auch ihr Vater hat mit der Dramaturgie des Todes der Mutter zu kämpfen und es scheint, als sei es sein Weg, das zu verarbeiten.

Rosaleen und die 3 schwarzen Schwestern bringen die Thematik der Rassentrennung und der Unterschiede von Menschenanschauung aufgrund verschiedener Hautfarben mit ein.
Sie werden ebenso zu einem wichtigen Aspekt in der Geschichte wie das Bild und die Mystik um die schwarze Madonna und die der Bienen. Auf poetische und sehr einfühlsame Weise scheint Sue Monk Kidd auf eine sehr direkte, realitätsnahe Art und Weise Probleme anszusprechen, die es sonst keiner wagt…

Ich bin begeistert, ein grandioses Werk, wie ich finde!!

PS:

2008 wurde der Roman verfilmt.

Die Umsetzung war ganz niedlich und nicht schlecht. Die Besetzung des Filmes war gut ausgewählt, vorallem die Rolle der kleinen Lily wurde erstklassig gespielt. Insgesamt fand ich allerdings das Buch etwas besser!