Ein erhellender Abend

Es war, als schienen das Licht und die Geräusche ganz klar, als Arndt von AstroLibrium und ich uns vergangenen Dienstagabend mit Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller Jan Schomburg in der gedimmten Bar des Cortiina Hotels in München trafen, ehe es ins Literaturhaus München ging. Schomburg, dessen Romandebüt „Das Licht und die Geräusche“ erst kürzlich in der dtv Verlagsgesellschaft erschien, begegnete uns dabei ganz locker: mit wilder Mähne, einem charmanten Lächeln auf den Lippen und allerhand Neugier im Gepäck nahm er uns gegenüber Platz; zweier seiner Leser, zu denen er als Autor doch ein viel intimeres Verhältnis hätte, als der Regisseur zu seinen Zuschauern.

Eine kleine Europareise lag hinter ihm – er trudelte aus Rom ein, das nach Köln, Leipzig und einigen anderen Zwischenstopps auf seiner Reiseroute lag. Irgendwie vernähme er Orte nur vage, an denen er nicht mehrere Tage verweile.

„Ich kann keine Dinge entwickeln, die ich nicht sehen oder fühlen kann.“(J.S.)

Anders als bei seiner Tätigkeit als Filmregisseur, die bereits ganz früh am Morgen seine Aufmerksamkeit verlangt, liebt er es zu schreiben. Er schläft so lange, bis ihm der Gedanke an das Bett mit Ekel erfüllt und macht sich dann vollkommen ausgeschlafen ans Werk. Was dabei neben Filmen wie „Über uns das All“, „Vergiss mein Ich“ oder „Vor der Morgenröte“ entstehen kann, gilt es nun in seinem Romandebüt „Das Licht und die Geräusche“ zu entdecken. Eine Geschichte, die als Kurzgeschichte angedacht war und erst nach einer ausgedehnten Ruhephase (in der Schublade verweilend) sich doch noch zu einem Roman entwickelte. Es war wohl seine Mutter, Andrea Schomburg, die Zeit ihres Lebens Lehrerin war und erst spät zur Kinderbuchautorin fand („Der halbste Held der ganzen Welt“), die ihn zu dem Entschluss kommen ließ, er könne auch einen Roman schreiben.

Es sind Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Jugendlicher: Johanna, Boris und Ana-Clara, die uns nicht nur beim Lesen des Romans, sondern auch bei der Lesung im Literaturhaus München begegnen. Eine Geschichte, die dem Leser aus den Augen von Johanna berichtet wird und weitaus komplexer ist, als dass die Bezeichnung einfühlsamer „Coming of Age“ Roman ausreiche. Denn wann ist die Phase vorbei, die man gemeinhin als Jugend bezeichnet? Schomburg selbst hätte sie erst kürzlich hinter sich gelassen.

„Mir ist das Wort „Jugend“ erst klar geworden, als sie aufgehört hat.“(J.S.)

„Als Jugendlicher hat man so viele unterschiedliche Ichs. Man kann so viele Dinge auf einmal sein, die sich eigentlich widersprechen.“(J.S.)

Zu meinem Bedauern, begegnete mir der Roman bei der Vorstellung durch Moderator Norbert Joa („Eins zu Eins“, BR) im Literaturhaus München völlig anders, als beim Lesen. Die Leichtigkeit, mit der Schomburg seine Romanfiguren durch schwere Momente führt, ist nur noch vage zu erkennen. Aus dem ehrlichen Blick auf sich selbst und das Leben, wird plötzlich ein emotional schwerwiegendes Unterfangen  mit melodramatischen Zügen.

Doch es ist die Stimme von Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, die mich an diesem Abend nicht nur völlig in ihren Bann zieht, sondern auch Protagonistin Johanna zum Leben erweckt. Der melodische Klang ihrer Stimme begleitet mich noch eine Weile und verleiht dem Roman beim anschließenden Beenden eine zusätzliche Dimension. Sie ist es auch, die uns durch das Hörbuch (DAV) zum Roman begleitet.

Es sei euch deshalb ans Herz gelegt, sich auf das licht- und geräuschvolle Debüt von Schomburg ganz unvoreingenommen einzulassen. Mehr zum Roman möchte ich euch gerne in separaten Zeilen verraten, deren Töne sich derzeit noch finden müssen, weil die Geschichte noch nachhallt.

Bis dahin seid ihr herzlich eingeladen, euch den Momentaufnahmen des Interviews zu widmen, denen es ab heute im Literaturradio Bayern zu lauschen gilt. Dieser Beitrag ist das Ergebnis eines Bloggerdoppels mit Arndt von der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium. Zu seinen Eindrücken zu Schomburgs Debüt gelangt ihr hier.

„Man muss nicht alles verstehen und es mit dem Messer des Verstandes sezieren. (…) Man weiß als Autor oft auch nicht mehr, als man geschrieben hat.“(J.S.)

[Büchermensch] #1 – ein Buchwissenschaftswurm

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This is the first page of a blank book. Let’s fill it with passion!

Nachdem die Ankündigung meiner Interviewreihe Büchermensch so positiv aufgenommen wurde, möchte ich heute meiner Idee Taten folgen lassen und mit dem ersten Interview beginnen. Vorerst habe ich ein Interview pro Monat ins Auge gefasst. Je nachdem wie gut die Reihe bei euch ankommt bzw. welches Feedback daraus resultiert, werde ich die Anzahl der Fragen bzw. die Häufigkeit der Interviewbeiträge ggf. aufstocken. Da ich aber nichts überstürzen möchte, beginne ich mit kleinen Schritten. Denn jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

Ich fände es toll, wenn die Aktion Büchermensch nicht nur von der Leseleidenschaft des Interview-Partners, sondern auch von den Interview-Lesern geprägt wird. Das Kommentarfeld freut sich daher über eure Gedanken jeglicher Art. Insofern der Interviewpartner in sozialen Netzwerken vertreten ist und ich diese im Interview preisgebe, seid ihr herzlich zum Vernetzen eingeladen. Auf diesem Weg wächst das Geflecht der Büchermenschen noch weitreichender und die bibliophile Gemeinschaft noch enger zusammen.

Ich hoffe, ich schenke euch mit dieser Interviewreihe nicht nur einen interessanten Einblick in das Leben von anderen Literaturliebhabern, sondern auch den Mut, sich auf fremde Menschen oder neue Dinge einzulassen. Vielleicht wird sich der ein oder andere sogar in einem Wesenszug des anderen wiederfinden und sich von den Zeilen bestärkt oder inspiriert fühlen. Wir schauen einfach mal, was aus der Sache wächst. Und nun aber zur ersten im Bunde:

Eine Begegnung an der LMU (Ludwig-Maximilian-Universität) München…

Carolins und mein Weg hat sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion an der LMU München mit dem Thema „Literaturblogs – ein notwendiges Übel für Verlage?“ (organisiert von den Jungen Verlagsmenschen München) gekreuzt. Ich saß als plappernde Buchbloggerin vorne, sie als neugierige Besucherin im Publikum. Unser erstes Aufeinandertreffen, das mir vorerst unbekannt blieb, entwickelte sich dann zu einem sehr interessanten Gespräch auf dem weihnachtlichen #bookupDE – Treffen beim Hanser Verlag.

Carolin
Ein Bücherwurm auf der Wiesn

Carolin Kotthaus ist 27 Jahre, seit ihrer Kindheit liebt sie Bücher über alles, hat sich aber erst im Bachelor dazu entschieden, Bücher auch als Berufsinhalt zu sehen und sich an das Studium der Buchwissenschaft an der LMU zu wagen.

Von einer kleinen Stadt im Bergischen Land, NRW, ist sie über Hamburg und Gießen (zwei tolle Lektorats-Praktika) in der bayerischen Großstadt München gelandet – und möchte hier nicht mehr so schnell weg.

Lesenslust: Liebe Carolin, vielen Dank, dass du dich bereiterklärt hast, dich als Erste ein paar meiner Fragen anzunehmen. Die Interviewreihe Büchermensch soll von der Leidenschaft für Bücher geprägt werden. Weißt du noch, wo deine Leidenschaft für die Literatur genau entflammt ist?

Carolin: Das kann ich gar nicht so genau sagen, zu verschwommen sind da meine Erinnerungen. Auf jeden Fall schon bevor ich in die Schule kam, denn ich konnte – wieso auch immer, vielleicht lag’s am zweieinhalb Jahre älteren Nachbarsjungen – schon im Kindergarten lesen. Und vielleicht durch meine Mutter. Ein typisches Bild in meinen Erinnerungen ist nämlich, wie sie immer abends auf unserer Couch gesessen hat und in ein Buch vertieft war.

Lesenslust: Geschmäcker sind bekanntlich unterschiedlich. Manche Leser lieben die Bücher eines bestimmten Autors bzw. einer bestimmten Autorin, manche haben ihr Herz an ein spezielles Genre oder eine gewisse Thematik verloren. Für welche Bücher hegst du eine besondere Leidenschaft?

Eins meiner Bücherregale
Eins von Carolins Bücherregalen

Carolin: Gut formuliert, diese Frage. Hättest du nach meinem Lieblingsbuch gefragt, wär ich wie wahrscheinlich jeder Bibliophile ratlos gewesen. 😀

Ich liebe Bücher, die Geschichten erzählen, also in erster Linie Romane. Doch es sollen schöne, skurrile oder anregende Geschichten sein, die neue Einblicke und Hoffnung geben. Mit Themen wie Krebs oder Krieg kannst du mich jagen.

Ich liebe vor allem Frauengeschichten wie z.B. die von der christlichen Autorin Lynn Austin, die meistens aus dem Leben von Frauen über mehrere Generationen hinweg mit historischem Hintergrund erzählen und christliche Motive beinhalten.

Ab und zu kann es auch mal ein guter Thriller sein (und mit „gut“ mein ich, wenn ich bis zum Ende den Täter nicht erraten kann! Selbst bei dem hochgelobten „Girl on the train“ war ich etwas enttäuscht, weil ich ab der Hälfte richtig vermutet hatte, wer der Täter ist…) Und manchmal (auch wenn ich damit nicht sehr literarisch bin) lese ich mit Wonne eine clevere Liebeskomödie à la Shopaholic.

Lesenslust: Ich finde es wirklich beruhigend, dass auch du dich bei einem hochgelobten Werk wie „Girl on the train“ dazu bekennst, es als zu vorhersehbar empfunden zu haben. Ich bevorzuge auch Thriller, die den Leser bis zur letzten Seite rätseln lassen und ihn dann mit etwas völlig Unerwartetem überraschen. Leider sind diese Bücher spärlich gesät.

Verrätst du mir eins deiner Herzensbücher?

Carolin: Herzensbücher – das sind ja meistens Bücher, die einen das ganze Leben begleiten, die man immer mal wieder liest, in denen man sich vielleicht wiedererkennt oder die einem zwischen den Zeilen Ratschläge fürs Leben mitgeben, oder so eine schöne Geschichte erzählen, dass einem bei jedem Lesen ganz warm ums Herz wird.

Wenn ich mal so überlege, auf welches Buch all diese Punkte zutreffen, dann ist das – so ungewöhnlich diese Antwort auch sein mag – meine Bibel.

Mein Herzensbuch
Carolins Herzensbuch: Die Bibel

Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen und bin von klein auf an das Lesen der Bibel herangeführt worden. Mittlerweile geht sie mir über alles. Ich würde lieber meine Geldbörse verlieren, als meine Bibel, denn letztere ist so voll mit Notizen und Markierungen, dass sie ein unersetzlicher Verlust wäre. Dieses Buch gibt mir immer wieder Trost und Ermunterung für mein Leben und zeigt mir, was mir der Gott, an den ich glaube, für meinen Lebensweg rät.

Lesenslust: Ich finde deine religiöse Verwurzelung sehr spannend. Ich selbst bin wohl eher den Menschen zuzuordnen, die zwei Mal im Jahr in die Kirche gehen (an Ostern und Weihnachten) und die Bibel zwar im Regal stehen haben, aber nie zur Hand nehmen. Auch ich bin religiös erzogen worden und finde es wichtig, einen Menschen in seinen ersten Lebensjahren Gottes stützende Hand bei der Entwicklung an die Hand zu geben. Irgendwann habe ich selbst einfach den Bezug dazu verloren. Vielleicht kommt er eines Tages wieder zurück.

Carolin, die Literatur ist genau wie Gott allgegenwärtig. Wie prägt sie deinen Alltag (Studium, Berufung, Hobby)?

Carolin: Sie ist tagtäglicher Begleiter, anders kann man es nicht sagen. Es gibt keinen Tag, an dem sie nicht präsent ist. Nicht zuletzt, weil ich den Master Buchwissenschaft: Verlagspraxis studiere oder später mal in einem Buchverlag arbeiten möchte, sondern weil ich auch z.B. einfach jede Minute in der U-Bahn nutze, um zu lesen.

Obwohl ich in München eigentlich immer länger unterwegs bin als in meiner Heimatstadt, macht mir das überhaupt nichts aus, weil jede Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Lesezeit für mich bedeutet.

Lesenslust: Du sprichst mir aus der Seele. Bei mir verhält sich das ganz genauso. In meiner Handtasche habe ich daher immer ein Buch dabei, in das ich in jeder freien Minute eintauche und die Welt um mich herum vergesse. Im Vorfeld weiß man oft nicht, wohin genau die Geschichte eines Buchs einen trägt und präsentiert sich daher wie eine Einladung zu einer Reise. An welchen Ort aus einem Buch würdest du gern einmal im wahren Leben reisen und warum?

Ich habe letztens mal ein eBook gelesen (ich glaube, es ist im Selfpublishing erschienen), das man sich kostenlos herunterladen konnte. Darin ging eine deutsche Journalistin auf USA-Tour, einerseits um eine Reportage für ihr Magazin zu schreiben, andererseits um nach einer gescheiterten Beziehung Flitterwochen mit sich selbst zu machen (deshalb heißt es auch Honeymoon mit mir).

Sie reiste die Westküste entlang und besuchte allerhand Orte, von denen ich schon immer mal geträumt habe oder zum Teil noch gar nicht kannte. Genau diese Route würde ich gerne einmal nachreisen. Sie beginnt in Los Angeles, geht über den Venice Beach und ein Städtchen namens Ojai, das für seine Mandarinen bekannt ist, und endet in San Fransisco.

Lesenslust: Wir Menschen sind visuell fokussiert. Die Geschichten eines Buches spielen sich daher oft wie ein Film vor unserem geistigen Auge ab. Schenkst du uns einen literarischen Blickfang, eine Momentaufnahme aus deinem Alltag?

Carolin: Neben wir das eben erwähnte Beispiel U-Bahn: um zur Uni zu kommen, muss ich zwei Mal umsteigen. Bus – U-Bahn – U-Bahn.

Bevor der Bus kommt, sitze ich an der Haltestelle. Ich habe mein Buch aufgeschlagen und suche die Stelle, an der ich das letzte Mal stehengeblieben bin. Einen Abschnitt schaffe ich, dann gehen vor mir die Bustüren auf. Ich steige ein, such mir schnellstens einen Platz und lese weiter. In der Kurve vor meinem Ziel stellt sich die Frage: schaff ich den Absatz noch oder muss ich mittendrin unterbrechen? Immer ein kleiner Wettlauf mit der Zeit. Dann rase ich die U-Bahnstufen hinunter. Ich weiß, die U-Bahn kommt erst in 5 Minuten, aber je schneller ich gehe, desto mehr Lesezeit habe ich am Bahnsteig. Als die Bahn da ist, steige ich ein, freue mich über einen Sitzplatz, denn ein Buch liest sich besser im Sitzen.

Unwillig muss ich alle paar Minuten das Lesen unterbrechen, um den Haltebahnhof zu überprüfen. Schließlich ist es mir schon mal passiert, dass ich vor lauter Buch den Ausstieg verpasst habe. Dann bin ich da, am Sendlinger Tor. Ich rase die Treppe hoch, springe in die U6 und habe drei Haltestellen vor mir. Wie viel Seiten ich in der Zeit wohl schaffe? Meine Kommilitoninnen begrüße ich meistens noch mit dem gelesenen Buch in der Hand, denn ich habe die Wahl: zwei Minuten fürs Einpacken in den Rucksack verschwenden oder noch eine Seite lesen? Natürlich entscheide ich mich für Letzteres. 😉

Lesenslust: Deine Momentaufnahme spiegelt eine bekannte Momentaufnahme aus meinem Leben wieder. Wie oft bin ich schon an meiner Endhaltestelle vorbeigefahren, weil ich zu tief in der Geschichte meines Buches steckte. Ich persönlich lese ja gerne in der Bahn. Irgendwann machen mir weder die Menschen, noch der Geräuschpegel in den Öffentlichen mehr etwas aus. Hast du einen bestimmten Ort, wo es sich für dich am Besten liest?

Carolin: Wenn ich Ruhe habe und alleine bin – so wie wahrscheinlich bei jedem Leser.

Lesenslust: Da unterscheiden wir uns doch tatsächlich. Ich schaffe mir mit dem Lesen die Ruhe. Egal wo ich bin. Selbst in einer hektischen Ubahn! 😉

Lesend im Bett
Carolin: Mein Lieblingsort war seit jeher das Bett. Auf der Seite liegend und das Buch im Anschlag tauche ich ab in Geschichten. Und wenn dann die Augen irgendwann müde werden, bin ich bereits am passenden Ort, um in eigene Geschichten zu entschlummern.

 

Lesenslust: Carolin, eine letzte Bitte habe ich noch. Vervollständige den Satz. Bücher sind…

Carolin: …wichtig!

Natürlich ist auch das orale Geschichten-Weitergeben toll, aber was machst du, wenn gerade keiner da ist, der dir etwas erzählen will? Ein Buch ist immer griffbereit, kann überall mithingenommen werden, führt dich an deinem Platz in fremde Länder, eröffnet dir neue Horizonte. Ohne Bücher wäre die Welt eingeschränkter.

Wer nun neugierig geworden ist, darf gerne aktiv auf Carolin zugehen. Sie twittert fleißig als Carla3_16 und ist unter Carolin Kotthaus bei Facebook zu finden.

Ich hoffe, mein erstes Büchermensch-Interview hat euch gefallen. Ich bin gespannt auf euer Feedback!