Ein Streifzug über die grüne Insel

lesenslust über „Irisches Tagebuch“ von Heinrich Böll“

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„Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“

Vorwort von Heinrich Böll

Am 23. September 1954 macht sich der 36-jährige Kölner Schriftsteller und spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (Nobelpreis für Literatur, 1972) auf den Weg nach Irland. Ein hochverschuldeter Hausbau und sein Erfolg machen ihn müde, weshalb er vom Alltagsstress fliehen und auf der grünen Insel Ruhe finden will.

Die Erlebnisse während seiner Reise hält er in Reiseberichten fest, die er anfangs für eine Zeitung schreibt, später aber in einem Buch zusammenfasst. Sein „Irisches Tagebuch“, das 1957 erscheint, löst einen wahren Touristenboom aus und lockt zahlreiche Deutsche auf die Insel Irland, die im Osten von der Irischen See, im Westen und Süden vom Atlantik umgeben ist.

Die kleine Republik, die so viel Bodenfläche wie Bayern, aber weitaus weniger Einwohner hat, gilt bis Mitte der 50er Jahre als eine der ärmsten Gegenden Westeuropas. Kartoffeln, Butter und Milch sind die wertvollsten Güter im Kampf ums Überleben. Ihre Menge bestimmt das Schicksal zahlreicher Iren. Viele Familien zerbrechen an der Lebensmittelknappheit, die es unmöglich macht, die Sprösslinge über Wasser zu halten.

Von 1845 – 49 wird Irland von der Kartoffelkrankheit und einer daraus resultierenden großen Hungersnot heimgesucht, die bis zu 1,5 Millionen Leute das Leben kostet. Der einzige Reichtum des Landes ist der Torf, der sicherstellt, dass das Feuer im Kamin weitertanzt und die Häuser mit einer wohligen Wärme erfüllt werden. An Whiskey, Tabak und Guinness, denen man sich heute an jeder Ecke Irlands hingibt, ist zu dieser Zeit kaum zu denken. Auch der Tee gilt in Irland lange Zeit als Luxusgut, weswegen es noch heute als unhöflich gilt, eine Einladung zu einer Tasse Tee abzulehnen.

„Gleicht der kontinentale Tee einem vergilbten Postscheckbrief, so gleicht er auf diesen Inseln westlich von Ostende den dunklen Tönen auf russischen Ikonen, durch die es golden durchschimmert, bevor die Milch ihm eine Farbe ähnlich der Hautfarbe eines überfütterten Säuglings verleiht; auf dem Kontinent serviert man den Tee dünn, aber aus kostbarem Porzellan, hier gießt man aus ramponierten Blechkannen gleichgültig ein Engelsgetränk zu des Fremden Labsal, und spotbillig dazu, in dicke Steinguttassen.“

Zitat, Seite 17

Dennoch ist das gläubige Land, das stark von der römisch-katholischen Kirche geprägt ist, offenbar ein Nährboden für bedeutende Schriftsteller. Neben James Joyce, der sich mit seinen Kurzgeschichten in „Dubliners“, vor allem aber mit seinem Roman „Ulysses“ einen Namen macht, zählen Oscar Wilde, Bram Stoker, Jonathan Swift oder auch George Bernard Shaw (Nobelpreis für Literatur, 1925) zu den bekanntesten irischen Autoren.

Es sind aber besonders Joyce Werke, insbesondere die Geschichte eines Juden im katholischen Dublin in „Ulysses“, die Böll so stark beeindrucken, dass er auf den Spuren vergangener Tage über die „Insel der Heiligen“, wie man sie dank der Bekehrung durch den heiligen St. Patrick bezeichnet, zieht.

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„Langsam stach die Morgensonne weiße Häuser aus dem Dunst heraus, ein Leuchtfeuer bellte rotweiß dem Schiff entgegen, langsam schnaufte der Dampfer in den Hafen von Dun Laoghaire. Möwen begrüßten ihn, die graue Silhouette von Dublin wurde sichtbar, verschwand wieder: Kirchen, Denkmäler, Docks, ein Gasometer: zögernde Rauchfahrten aus einigen Kaminen: Frühstückszeit, für wenige nur: noch schlief Irland.“

Zitat, Seite 15

Später mietet sich Böll ein Cottage auf Achill Island im Nordwesten Irlands, die neben der Hauptinsel als größte Insel Irlands zählt. Gemeinsam mit seiner Familie bezieht er das Cottage über 4 Jahre für jeweils 4 Monate. Irland wird für Böll zur zweiten Heimat. Insgesamt reist der Kölner 14 Mal auf die grüne Insel, wird deshalb von den Inselbewohnern zum „Ehren-Iren“ ernannt.

Obwohl Bölls „Irisches Tagebuch“ kein Reiseführer, sondern ein literarisches Werk ist, übt es aufgrund seiner atmosphärischen und unterhaltsamen Berichterstattung eine ungeheure Faszination aus. Es hat mir vortrefflich als Inspirationsquelle bei meiner diesjährigen Irland-Urlaubsplanung gedient. Bölls Berichterstattung entflammt nicht nur Fernweh, sondern versorgt dich auch mit interessanten Hintergrundinformationen, die mir persönlich bei meinem Streifzug über die Insel zu Nutze kamen.

Es ist ein Werk, das von Armut und der Macht der katholischen Kirche stark geprägt ist. Es begeistert und erschüttert in gleichem Maße und hilft dem Leser, die Hintergründe des Landes und die Gepflogenheiten seiner Inselbewohner besser zu verstehen. Mir ist unbegreiflich, dass es mir erst jetzt, fast 60 Jahre nach seiner Veröffentlichung, in die Hände rutscht. Fest steht nämlich, dass dieser Bücherkauf eine Bereicherung für mich und mein Bücherregal war. Sicherlich werde ich noch häufiger in Bölls Werk blättern, wenn die Sehnsucht nach der grünen Insel wieder einmal so groß ist, dass ich sie nur mit Bölls atmosphärischen Zeilen stillen kann.

„Dunkelheit hing über Dublin: alles, was es zwischen Schwarz und Weiß an grauen Tönen gibt, hatte sich am Himmel sein eigenes Wölkchen ausgesucht, der Himmel war bedeckt wie mit einem Gefieder unzähliger Graus: kein Streifen, kein Fetzchen vom irischen Grün.“

Zitat, Seite 21/22

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