Kinderfreuden #20: Eine fliegende Maus

„Lindbergh – Torben Kuhlmann“

Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Hamburg im Jahre 1912.

Hier lebt eine kleine neugierige Maus, die sich in die düsteren Bibliotheken der Menschen verkriecht, um deren Bücher zu lesen. Doch eines Tages stellt sie fest, dass es ganz still um sie herum geworden ist. Ihre Mäuse-Freunde scheinen verschwunden zu sein. Finstere Zeiten brechen an. Überall liegen umheimliche Apparaturen herum. Selbst im Hafen ist sie nicht mehr sicher. Denn an jeder Ecke lungern hungrige Katzen herum.

Doch wohin sind ihre Freunde geflüchtet? Haben sie es gar nach Amerika geschafft?

Auf der Flucht vor einer fauchenden Katze stößt sie in der Kanalisation auf einen Schwarm Fledermäuse, jenen flatterhaft geisterhaften Kreaturen der Nacht. Es sind ihre faszinierenden Flugkünste, die sie nicht nur vollends in ihren Bann ziehen, sondern auch einen tollkühnen Plan in ihrem Kopf formen: sie muss das Fliegen lernen!

Doch der Weg über den Atlantik ist lange. Wird es ihr gelingen, ein mäusetaugliches Fluggefährt zu entwickeln, das sie durch die Lüfte bis nach Amerika trägt?

Eckdaten

Hardcover, ab 5 Jahren

96 Seiten
221mm x 282mm
ISBN: 978-3-314-10210-3

Geschichte & Illustration: Torben Kuhlmann
Text in Zusammenarbeit mit Suzanne Levesque

NordSüd Verlag
18,00 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus großen Augen

Ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist eine Maus, die über ihren kleinen Mäusetellerrand hinausblickt, um scheinbar Unmögliches zu schaffen. Die Fachbücher wälzt, den Plunder der Menschen sammelt und so lange tüftelt & werkelt, bis sie ihrem Traum vom Fliegen und ihren Mäuse-Freunden in den USA ein Stückchen näher kommt.

Torben Kuhlmann entscheidet sich in seinem Kinderbuch „Lindbergh“ für eine schlichte und nahezu unscheinbare Hauptfigur: eine Maus. Doch genau sie ist es, die für den großen Wow-Effekt dieser Geschichte sorgt. Denn manchmal sind es die Kleinsten, die die vermeintlich größten Abenteuer erleben. Und so gelingt es Kuhlmann mit seinem atemberaubenden Abenteuer nicht nur kleine, sondern auch große Leser ins Staunen zu versetzen. Er verbindet dabei das Genre Kinder- und Sachbuch auf kreativste Weise.

Was Kuhlmann mit wenigen Pinselstrichen aufs Papier zaubert, sind kleine Meisterwerke. Ob Bleistiftskizze oder großformatig bunte Illustration, jedes Bild ist ein Hingucker für sich. Und so führt er uns mithilfe seiner Illustrationen und begleitendem Text durch ein magische Entdeckungsreise rund um die Luftfahrt, die uns vom Boden hoch in die Lüfte schickt und uns den Himmel erobern lässt.

Auch der Schauplatz der Geschichte hat Kuhlmann perfekt gewählt. Denn Hamburg ist prädestiniert für dieses Abenteuer. Jedes Detail scheint zu stimmen: die dampfenden Züge am Hauptbahnhof, der Kirchturm des Michels als Flugschanze, der schweifende Blick über die Landungsbrücken oder die entfernte Silhouette des Hamburger Hafens. Es wirkt fast so, als verhelfe die facettenreiche Szenerie der Weltstadt der Geschichte zu einer zusätzlichen Dimension. Die Maus ganz klein, die Stadt so groß.

Es ist kaum zu glauben, dass diese Geschichte Kuhlmanns Abschlussarbeit während seines Studiums zur Buchillustration war. Hier findet man auch die Parallele zwischen dem Schauplatz und des in Hamburg gelernten Illustrators. Ob er bei seinem Studium in Hamburg von der entzückenden Szenerie der Hansestadt inspiriert wurde?

Während meine Neffe und ich mit der zweiten Mäusegeschichte „Armstrong – Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ gestartet und es bereits auf den Mond geschafft haben, schien es mir fast so, als hätten wir schon alles gesehen. Doch weitgefehlt! Es ist absolut verständlich, dass Kuhlmanns erstes Werk zu einem der schönsten deutschen Bücher des Jahres 2014 ausgezeichnet wurde und es zahlreiche anderen Preise eingeheimst hat.

Torben Kuhlmanns „Lindbergh“ ist ein wahres Kinderbuchjuwel, an dessen wunderschönen Bildern man sich niemals sattsieht. Es weckt gleichwohl den Pioniergeist in Kindern und Erwachsenen und zeigt, dass nichts unmöglich ist, wenn man nur genug an sich selbst glaubt und seine Ziele konsequent verfolgt!

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? die Maus

Was hat dir gar nicht gefallen? die Eulen

Worum geht die Geschichte? ums Fliegen

Wo steht das Buch im Regal? neben „Armstrong“

Lesezeit: jederzeit

Bester Leseplatz: im kuscheligen Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Abenteurer, einem Piloten

Kinderfreuden #16: Von der Fremde im eigenen Land

lesenslust über “Fabers Schatz” von Cornelia Funke

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 Beschreibung:

Als sein Opa nach Amerika zieht, erbt Faber einen alten Teppich aus Damaskus. Ein scheußliches Teil, mit dem Faber absolut nichts anfangen kann. Er hat sich etwas Cooles erhofft und kann nicht verstehen, warum sein Opa ihm ausgerechnet das olle Ding schenkt.

„Das ist mein größter Schatz. Ein Geschenk von einem Freund in Damaskus.“

Opa behauptet, der Teppich könne fliegen. Nur wie das gehen soll, das erzählt er Faber nicht. Auf der Suche nach seiner magischen Wirkung verliert er fast den Glauben an seinen Opa, dem das Alter nicht zu bekommen scheint. „Wer bitte, zieht als Opa noch nach Amerika?

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Auf seinem Streifzug durch den Hafen trifft Faber jede Menge Kinder aus fernen Ländern. Doch keines von ihnen weiß ihm zu helfen. Die Inschrift des Teppichs bleibt unbekannt und der Teppich einfach nur ein Teppich. Doch als ein Mädchen mit pechschwarzem Haar das Wort ergreift, beginnt der Teppich zu zittern. Der Klang ihrer Stimme entlockt ihm seine geheimnisvolle Wirkung und bringt ihn zum Schweben.

Von da an fliegen Faber und Shaima gemeinsam um die Welt. Und während sie so fliegen, lernt Faber nicht nur die Sprache des Teppichs und fremde Kulturen kennen, sondern dass die  Fremde im eigenen Land eigentlich gar nicht so fremd ist.

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Eckdaten

Ab 3 Jahren

32 Seiten 216mm x 276mm

ISBN: 978-3-848-90122-7

Aladin Verlag 12,95 €

Sicher dir hier dein persönliches Exemplar…

Blickwinkel aus groSSen Augen

Mit „Fabers Schatz“ ist Bestsellerautorin Cornelia Funke wirklich ein zauberhaftes Kinderbuch gelungen.  Denn das Buch, das sich wie eine Hommage an Hamburg präsentiert, lässt durch Susanne Göhnlichs farbenfrohe und lebendige Zeichnungen nicht nur die Herzen von Hamburgliebhabern (wie mir) höherschlagen, sondert gibt uns auch eine ganz entscheidende Botschaft mit auf den Weg: Habt keine Angst vor dem Fremden!

Während Funke vor Allem durch ihre fantastischen Jugendbücher „Drachenreiter“, „Tintenherz“ und „Reckless“ bekannt ist, setzt sie mit „Fabers Schatz“ ein liebevolles Zeichen bei den Kleinen. Ihr Kinderbuch präsentiert sich wie ein Plädoyer für einen offenen und respektvollen Umgang. Eine Völkerverständigung frei von Berührungsängsten oder gar feindlichen Gefühlen.

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Die Autorin, die sich neben ihren Büchern auch zahlreichen Wohltätigkeitsprojekten widmet, nimmt sich in „Fabers Schatz“ dem aktuellen Zeitgeschehen an. Nahezu spielerisch wagt sie sich an das Thema Immigration. Zeigt, wie leicht und offen man der Fremde im eigenen Land begegnen kann und dass die unterschiedlichen Hautfarben, Sprachen oder Religionen der Menschen sich gar nicht im Weg stehen müssen, sondern sich auch bereichern können.

„Opa hatte Recht gehabt. Die Welt war so bunt. Wie ein Teppich aus Tausenden von Fäden!“

Funkes Hauptfigur scheint dabei nicht der Hansejunge Faber, sondern vielmehr der Teppich selbst zu sein. Fabers Schatz. Seite für Seite entwickelt er sich vom langweiligen staubigen Teil zu einem magischen Tor. Einem Tor in die Fremde. Er ermöglicht nicht nur Faber und Shaima, sondern auch den Lesern eine Reise in ferne Länder und fremde Kulturen, bei dem wir nicht nur  Shaimas Zuhause „Watani“ kennenlernen.

Schon bei seiner Suche durch den Hafen, lässt Funke ihren im Ringelpullover gekleideten Faber auf zahlreiche Kinder aus anderen Ländern treffen und weist uns damit den Weg durch eine farbenfrohe Hansestadt. Eine Weltstadt mit Flair, die vom Geräusch greischender Möwen, tutender Schiffe und schwappendem Wasser eingebettet wird und sich dabei auf wundervoll bunte und weltoffene Art präsentiert.

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„Guck dir die Leute an, Faber“ (…)

„Alle Farben, von Milch bis Bitterschokolade.

So bunt ist die Welt!“

„Fabers Schatz“ ist ein Kinderbuch, das Heimat und Fremde auf liebevollste Weise miteinander vereint, das Neugier entfacht und für Freundschaften zwischen verschiedenen Nationalitäten steht. Es ist ein Schmuckstück von Kinderbuch. Eins, das zauberhaft anzusehen ist und dem ein pädagogischer Wert anhaftet. Ein Buch, das von so vielen kleinen wie großen Augen bestaunt werden sollte. Ein wahrer Schatz!

❤ ❤ ❤ ❤ ❤

Blickwinkel aus kleinen Augen

Joschuas Urteil:

Steckbrief Joschi Blog 2

Gefällt dir das Buch? Ja

Was hat dir besonders gefallen? der Teppich

Worum geht die Geschichte? um Freundschaft

Lesezeit: ganz oft, am Tag

Bester Leseplatz: im Bett

Schlüpft in die Rolle von: einem Abenteurer

Appelhuuslüüd

lesenslust über „Altes Land“ von Dörte Hansen

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1945 flüchtet die 5-jähige Vera mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land, ein idyllisches und ertragreiches Obstbaugebiet südlich von Hamburg und jenseits der Elbe. Auf dem Hof von Ida Eckhoff finden sie Unterschlupf, werden als Flüchtlinge aber nur geduldet. Ihr Leben lang fühlt sich Vera fremd und doch irgendwie zugehörig in dem großen dunklen Bauernhaus, das von der Apfel- und Kirschblüte begleitet wird und das bereits Generationen von Flüchtlingen ein und ausgehen hat lassen.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkener auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer. Und Vera hatte Angst vor diesem Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festwachsen konnte an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos. Nicht gedeihen. Nicht blühen. Nur bleiben.“

Als Erbfolger Karl Eckhoff stark lädiert aus dem Krieg zurückkommt, findet er in der ostpreußischen Hildegard von Kamcke eine Frau und in Vera eine Adoptivtochter. Doch die hochmütige Hildegard weilt nicht lange auf dem Land, das ihr zu kalt und ungestüm ist. Nach zahlreichen Wortgefechten mit ihrer resoluten Schwiegermutter ergreift sie erneut die Flucht, zieht nach Hamburg, heiratet dort einen Architekten und wird noch einmal Mutter. Ihre Tochter Vera lässt sie unbeachtet zurück.

Sechs Jahrzehnte sind vergangen, als Vera, mittlerweile gealtert und dem alten knorrigen Fachwerkhaus immer noch treu, erneut mit ihrer Familie in Berührung kommt. Ihre Nichte Anne wird mit Sohn Leon ins alte Land gespült. Auch sie scheinen vor ihrem Leben zu flüchten. Einem Leben im schicken Hamburg-Ottensen, wo Eltern ihre Kinder mit großstädtischer Arroganz durch die Straßen schieben und wo sich Anne nach einer unglücklichen Kindheit selbst neben ihrem Mann nicht zugehörig fühlt.

„Die Familienstillleben in den Cafés und Parkes von Hamburg-Ottensen zeigten alle was sie nicht waren. Ein fest verschnürtes Paket. Vater, Mutter, Kind. Verwoben zu einem stabilen Familienstoff. Sie waren zwei Leute mit einem Kind. Lose verhäkelt. Drei Luftmaschen.“

„Sie kaufte sich ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottenser Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggy, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt.“

Obwohl die beiden Frauen einander fremd sind und sich das gemeinsame Zusammenleben anfangs als Herausforderung entpuppt, wächst eine kostbare Vertrautheit zwischen den Frauen heran. Eine Vertrautheit, die Annes Sohn Leon nicht nur ein neues Zuhause schenkt, sondern auch die verletzten Seelen der Frauen langsam aber sicher heilen lässt.

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Geschichten über das Leben auf dem Land werden häufig romantisiert. Die Menschen werden plötzlich zärtlicher, die Jahreszeiten scheinen im perfekten Einklang zur Natur zu stehen und der Alltag rekelt sich versonnen auf der idyllischen Blumenwiese. Nicht so bei Dörte Hansen. Denn die Autorin, die selbst vom Land kommt, weiß wovon sie spricht. Mit ihrer Familie spricht sie platt. Und wer so einem plattdeutschen Menschen schon mal begegnet ist, der weiß, was das heißt: die Wahrheit kommt schörkellos und unverblümt auf den Tisch. Hansens Debütroman begegnet uns daher völlig authentisch und klischeefrei, und begeistert mich umso mehr. Er ist wie eine saure Kirsche, die wir trotz Säure wohlwollend in den Mund stopfen und nach einer noch lange nicht genug haben.

„Man kannte seinen Platz und seinen Rang in dieser Landschaft, es ging immer nach dem Alter: Erst kam der Fluss, dann kam das Land, dann kamen Backsteine und Eichenbalken und dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land gehörte und die alten Häuser. Alles, was dann noch kam, die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, die Landlosen und Heimatsucher, waren nur Flugsand und angespülter Schaum. Fahrendes Volk, das auf den Wegen bleiben musste.“

So erzählt Hansen vom Leben zweier heimatloser Frauen, die nach Jahren fehlender familiärer Zugehörigkeit in Ida Eckhoffs altem Bauernhaus aufeinandertreffen. Die aneinanderecken und dennoch Halt beim Gegenüber finden. Die lernen, gemeinsam neue Kraft zu schöpfen und die endlich im Leben ankommen. Hansen verwebt die beiden Frauen dabei geschickt in das alte knorrige Bauernhaus, das mit seinen ächzenden Balken und knarrenden Scharnieren im perfektem Kontrast zu seinen heimatlosen Hausbewohnern steht.

Mit schwarzem Humor und Ironie, aber auch von einer spürbaren Schwere begleitet, verdeutlicht uns Hansen die Schicksalshaftigkeit des Lebens. Dass nicht immer alles glatt laufen kann. Dass Menschen zueinander finden und manchmal eben auch wieder auseinander driften. Dass eine Liebe ebenso kein Garant für ein gemeinsames Leben bis ans Ende der Tage ist, wie Verwandtschaftsgrade. Ihre lebendigen und vom Metaphern getränkten Beschreibungen, in denen auch das Plattdeutsch nicht zu kurz kommt, schenken dem Roman an Atmosphäre. Ein Hauch norddeutscher Flair weht uns um die Nase, der uns gedanklich an die Stationen der Hansestadt und geradewegs in das alte Land spült.

Dass man sich bei der Erzählerin des Hörbuchs für Hannelore Hoger entschieden hat, begeistert mich daher ungemein. Hoger ist authentisch, hanseatisch trocken und wandlungsfähig. Sie beherrscht die Rolle der hochmütigen Hildegard ebenso wie die Rolle der kantigen aber insgeheim liebenswerten Ida Eckhoff.  Sie trällert Liedpassagen, schreit und flucht, und unterhält mich in höchstem Maße. Eine Vorleserin, die ihre Geschichte mit Haut und Haaren lebt. „Altes Land“ ist ein grandioses Debüt und mein persönliches Hörbuchhighlight.

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Altes Land

Hanseatische Perle..

lesenslust über „Verliebt in Hamburg – Ein Stadtverführer“ von Nina George

Mein Blick fällt auf den Kalender: es ist der 18. November 2013. Mit einem tiefen Seufzen zähle ich die vergangenen Tage und zähle mit Erschrecken 673 Tage. 673 Tage ohne durch hanseatische Prisen zerzauste Haare, den zimtigen Duft frisch aufgebackener Franzbrötchen, das gluckernde Vorbeischippern alter Kräne, das Klatschen der Wellen an den Landungsbrücken, die sehnsuchtsvollen Laute von Signalhörnern im Hafen, den Duft von Freiheit und ohne mein geliebtes Planten un Blomen. Ohne multikulturelle Zuwanderer und hanseatisch zurückhaltende Hamburger Urgesteine, ohne Sonnenbaden im Beach Club, die Stimmen der Marktschreier auf dem Fischmarkt und ohne das Barhopping in stets charmanter Begleitung eines Astras.

Ja, das ist Hamburg. Das Tor zur Welt.

Sehnsucht macht sich breit. Ganz unbewusst stimme ich mir wohlbekannte Klänge an: „Hamburg, meine Perle, du wunderschöne Stadt, bist mein Zuhaus, du bist mein Leben. Du bist die Stadt, auf die ich kann…“

Für alle, die mich nicht kennen, gestatten – ich bin die süddeutsche Dorfpflanze, die 2006 zu norddeutschem Gewächs wurde und nach 5 Jahren bei den eigenartigen aber lieben „Fischköppen“ wieder zurück ins heimische Gewässer schwamm. Nicht, weil ich Hamburg nicht mehr sehen konnte sondern vielmehr, weil mir die Nähe zu meiner Familie und den engen Freunden hier im Süden noch wichtiger geworden ist. Ein Umzug war somit unausweichlich und München wurde zu meiner neuen Heimat.

Doch wer glaubt, dass ich Hamburg JE den Rücken zuwenden kann, der irrt sich gewaltig. Hamburg wird immer ein Teil von mir bleiben – ein bisschen Heimat, ein bisschen Leben und nun auch ein bisschen Zufluchtsort für die Kurzurlaube im Jahr. Und für all die Tage dazwischen, in denen meine Sehnsucht nach ihr wächst, lese ich Bücher, die sich mit Hamburg beschäftigen und folgendes hat sich einen besonders großen Platz in meinem Herzen ergattert…

Ganz Hamburg ist ein Parfum. Würde man es auf Flaschen ziehen und in die Welt verkaufen, würden sich Menschen in diese Stadt verlieben, ohne sie je gesehen zu haben. (…) Fernweh und Zuhause, Wasser und Lebenssüße. Geborgenheit und Freiheit, Verlässlichkeit und Liberalität, ein bisschen Grandseigneur, ein bisschen sexy Deern. Balkonblume und Grillabend, Kirschblüten und Zeitungspapier, Kaffee, Kinderlachen, Franzbrötchen und vom Morgenregen geklärte Luft über den Alsterwiesen. Ja. So riecht Hamburg.

Seite 16/17

Dieses Buch ist ein wahrer Schatz. Es ist Nina Georges Liebeserklärung an Hamburg. Die Liebeserklärung einer Autorin, die selbst weder in Hamburg geboren noch aufgewachsen ist. Sie ist ein Quiddje. Eine Hamburgerin aus Überzeugung. Ein Mensch, der die Stadt mit allen Sinnen aufnimmt und sie von ganzen Herzen liebt. Eine wie ich, nur mit dem Unterschied, dass sie noch heute dort wohnt.

Vor dem Lesen ihres Romans Das Lavendelzimmer war sie mir zugegebener Maßen kein wirklicher Begriff. Erst spät bemerkte ich, dass ihr Roman Die Mondspielerin schon lange in meinem Bücherregal darauf wartet, zum Zug  zu kommen und dann unausweichlich auf die Spitze meines SuB´s gewandert ist (Stapel ungelesener Bücher). Selten habe ich die Zeilen einer Schriftstellerin so genossen wie ihre. Eine gelungene Mischung aus Aufrichtigkeit, Ironie und Lebensfreude. Beginnt man einen ihrer Sätze zu lesen, findet man sich schon bald am Ende des Buches wieder. Kaum hat man das Buch zu Ende gelesen, brennt man auf das Nächste. Die Dame macht für meinen Geschmack alles richtig. Sie transportiert so ungeheuer viel Liebe und Leidenschaft in all die Dinge, die sie schreibt oder ausspricht, dass man wirklich neidisch wird. Kann man das lernen?

So nimmt sie den Leser auf lange Spaziergänge mit. Auf Fußmärsche und Cabriolet-Fahrten, auf Bus- und Bootstouren. Jene, die dir nicht nur die wohlbekannten Plätze wie Michel, Reeperbahn oder Fischmarkt zeigen, sondern sich auch in der Pampa, fernab von Touri-Grüppchen, abspielen. Sie konfrontiert dich mit Klischees und hanseatischen Wahrheiten, zeigt dir To-dos and -don´ts für Touristen oder Zugezogene. Sie belächelt das extrovertierte Verhalten mancher Großstädter, definiert die Ruhe der Pendler am Morgen oder versucht uns ein bisschen mehr Toleranz für die fragwürdigen Kandidaten nahezubringen.

Das Schweigen unter unserer Stadt am Morgen ist greifbar wie ein schlafwarmes Kissen. Es ist intim, es erzählt, wie Hamburg sich fühlt. (…) Es ist dieser schweigende Strom des Untergrunds, der den neuen Puls der Stadt freilegt wie ein offenes Herz. Schweigen lügt nie, man muss es nur hören wollen.

Seite 12/13

Plötzlich lernt man Hamburg von einer ganz anderen Seite kennen. George benutzt dabei nicht nur die lebendige Beschreibung von Impressionen sondern auch von Gerüchen und Empfindungen. Plötzlich fühlt man sich den schwappenden Wellen der Elbe so nah, spürt den zugigen Wind in den Haaren, riecht die zahlreichen Gewürze der Speicherstadt, den Duft frischverpackten Kaffees oder den zimtigen Duft von Franzbrötchen. Als wäre dieses Buch in der Lage, dich für eine Weile dort abzusetzen: im Treppenviertel von Blankenese; am Elbstrand; in der Strandperle, dem Alles-ist-gut-Platz in Övelgönne, in einem Boot auf der Binnenalster oder in einem Hummelstuhl im Stadtpark.

Jeder hat einen geheimen Platz, an dem er fast mehr zu Hause ist als daheim. Ihn zu teilen heißt, die Adresse der Seele zu offenbaren.

Seite 49

Man weiß fortan, welche Plätze man meiden muss, wenn man nicht mit Tim Mälzer oder Udo Lindenberg zusammenstoßen möchte und welcher Menschenschlag am Schulterblatt, der Roten Flora oder Hamburger Berg rumhängt. Wo welches Wahrzeichen steht, welche Skulpturen täglich auf Passanten herabblicken und wo ich sie finde – die Oasen der Ruhe – die es natürlich auch in einer Weltstadt wie Hamburg gibt. Einer Stadt, die nie schläft.

So sei dieses Buch jenen nahegelegt, die die Stadt noch nicht kennen und kennenlernen wollen. Den Zugezogenen, Ortsfremden und Ur-Hamburgern gleicher Maßen. Denn was gibt es Schöneres, als einen Ort durch neue Blickwinkel kennen und lieben zu lernen?!

Horny Hornich…

lesenslust über „Himbeertoni“ von Joachim Seidel

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Anton Hornig, von den meisten Toni genannt, befindet sich in einem Leben voll persönlicher Problem-Charts. Obwohl er sich grundsätzlich als Frohnatur ansieht, fühlt er sich momentan eher wie Blödwald der Laue, Erdbeer-Schorsch und Brause-Paul zusammen, kurz: wie der Himbeer-Toni vom Dienst.

An der Spitze des Eisberg seiner Problemcharts glänzt Ada, seine gut aussehende aber nervige Freundin, die ihn nahezu in den Wahsinn treibt. Gerade mal vier Monate zusammen und schon keinen Sex mehr. Und als wär das noch nicht genug, will sie nun auch noch Familie! Sie sei schwanger und wenn sie nicht bald den Schlüssel zur Wohnung bekommt, würde sie ernst machen.

Dabei hat Toni gerade einen ganz anderen Plan: Am Wochenende feiert seine Punkband „Remo Smash“ nämlich 25-jähriges Jubiläum und das bringt schließlich viel wichtigere Dinge mit sich als so eine Vaterschaft.

Doch kaum ist das Wochenende da, wird Toni plötzlich klar, dass auch seine Band-Kollegen ganz andere Vorstellungen vom Leben haben als er.
Und als wäre dieser ganze Mist nicht schon genug, da nistet sich noch ein ganz anderes Problem in seine Problemcharts ein: Der neue Übermieter Radulescu macht die Nacht zum Tag und trampelt derart auf Tonis Nerven rum, dass er kurz vorm Nervenzusammenbruch steht.

Wie soll er sich mit der ganzen Scheiße nur arrangieren?

~*°..Mein Fazit..°*|

Kurz und knapp:

Sprache: ausschmückend
Fremdschämfaktor: hoch 10
Pointen: reichlich

Zugegeben, in erster Linie hat mich das Cover des Buches angezogen. Ein Astra-Deckel auf rotem Hintergrund. Klar, dass da Hamburg eine primäre Rolle in der Geschichte spielen muss.

Die Charaktere im Buch sind allesamt herrlich verplant und jeder für sich schon eine eigene Geschichte wert.
Dass die Geschichte in Hamburg spielt find ich toll. Ich mag es, wenn man etwas liest und sich zugleich vorstellen kann wo sich etwas abspielt und wie es dort ausschaut. Da ich 5 Jahre in Hamburg gewohnt habe, fiel mir das nicht wirklich schwer.

Autor Joachim Seidel hat einen sehr lebendigen, höchst ausschmückenden und krassen Sprachstil. Von der liebevoll detaillierten Beschreibung von Antons Glieds bis hin zum geblümten Prozedere eines Fruchtbarkeitstanzes bietet der Autor dem Leser eine ganze Bandbreite an peinlichen, humorvollen und oft beschämenden Situationen, bei denen der Fremdschämfaktor ziemlich hoch ist.

Anfangs musste ich mich etwas zum Dranbleiben motivieren. weil mir die ersten Seiten etwas langweilig erschienen, aber mit der Zeit hat sich die Geschichte entwickelt und ist zu einem kunterbunten Knallbonbon gereift, dass mir sehr viele unterschiedliche Geschmacksnuancen geschenkt hat.

Seidel erzählt eine höchst amüsante Geschichte von großen Jungs, die nicht erwachsen werden wollen und sich, wie so oft im wahren Leben, vor wirklicher Verantwortung drücken. Dieses Buch ist für Frauen wie Männer gleichermaßen ein Spaß!

❤ ❤ ❤ ❤