14 Ways of Happiness: Eine Reise um die Welt + Giveaway

Das Glück wohnt überall: Eine inspirierende Reise um die Welt – Katharina Teimer & Inka Vigh

Was ist Glück?

Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen. Denn das Glück ist immer da.

Aus Goethes „Erinnerung“

Die Menschheit strebt nach Glück. Immerzu. Überall. Was den Meisten bei der Suche nach ihr jedoch verborgen bleibt, ist, das es oft bereits vor den Füßen liegt. Denn das Glück liegt nicht immer in der Ferne und im Großen, sondern oftmals in ganz kleinen Dingen verborgen: in Momenten, Gesten und Gefühlen. Fast unscheinbar. Und dennoch so allgegenwärtig.

Da wir Menschen so verschieden und unser Blick auf die Welt so unterschiedlich ist, kann es sich uns in zahlreichen Facetten offenbaren. Jeder nimmt Glücksmomente auf seine eigene Weise wahr. Das ist zum einen von unserer Persönlichkeit, zum anderen aber auch von den verschiedenen Kulturen unserer Landes und ihren Gepflogenheiten abhängig.

Katharina Teimer und Inka Vigh haben es sich in diesem zauberhaft illustrierten Buch zur Aufgabe gemacht, die unterschiedlichsten Arten von Glück einzufangen. Sie nehmen uns dabei nicht nur auf eine inspirierende Entdeckungsreise durch unterschiedliche Länder und die Kontinente der Erde mit, sondern konfrontieren uns auch mit der Skurrilität mancher Bräuche und Rituale.

14 Ways of Happiness: Eine Entdeckungsreise um die Welt

Auf meiner Reise durch „Das Glück wohnt überall“ passiere ich 14 unterschiedliche Länder und Kontinente. Was bei den abergläubischen Russen beginnt; die bereits in einer leeren Flasche Unglück sehen, wenn sie auf dem Tisch und nicht auf dem Boden steht; endet bei den Amerikanern, die allein ihren amerikanischen Traum bereits als Glücksmodell schlechthin sehen.

Man mag kaum glauben, wie viele unterschiedliche Auffassungen von Glück es gibt. Während Trends wie Feng Shui (China), Hygge (Dänemark) oder der Buddhismus (Indien/Tibet) längst zu uns herübergeschwappt sind, waren mir weder getrocknete Lama-Embryonen und Ziegenhörner (Lateinamerika), die fünf Finger der Fatima (Algerien) oder Shúffukaka (Island) ein Begriff.

Der deutsche Glücksatlas

Selbst über die Auffassung der Deutschen im Hinblick auf das Glück lerne ich jede Menge und habe bereits vermutet, dass Deutschland unter uns Deutschen (schon allein aufgrund der Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg) nicht sehr gut abschneidet. Dennoch sehen drei Viertel der Deutschen ihr Heimatland als weltoffenes und tolerantes Land an.

Dass meine Heimat Franken im Ranking des Glücksatlas 2016 so gut abschneidet, erfüllt mich mit Stolz. Das muss an unseren guten Tropfen in Form von Wein und Bier liegen, dass wir so glückstrunken sind!

Die grüne Insel: Irland sorgt für Glücksgefühle

„Es gibt dieses Irland: wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“

Aus Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“

Auch in Irland mache ich während meiner Entdeckungsreise durch das Buch Halt und muss unwillkürlich an meine Irland-Reise aus dem letzten Jahr denken. Es war einzigartig: ein Streifzug durch satte Landschaften von berauschendem Grün, durch von Musik und Heiterkeit erfüllte Pubs und entspannte Unterhaltungen mit den Landesbewohnern (natürlich nebst einem Pint Guinness).

Während mein Freund und ich erst spät begriffen, dass „Howareyours“ (von „How are yours doing“) keine Frage, sondern vielmehr ein lokaler und umgangssprachlich genuschelter Gruß unter den Iren ist, hatten wir die Insel, die gefühlt jeden Tag von allen vier Jahreszeiten heimgesucht wird, bereits ins Herz geschlossen. Trotz aller Naturgewalten!

Es war beeindruckend mitanzusehen, dass kein peitschender Regen, kein tosender Wind und kein graues Wölkchen die Laune der Iren verdüstern konnte. Denn wer sich bereits durch so arme Zeiten gekämpft hat wie die Iren, die bis Mitte der 50er Jahre zu den ärmsten Bewohnern Westeuropas zählten, weiß das Glück einfach zu schätzen. Deshalb ist es auch ratsam, dort eine Einladung zu einer Tasse Tee niemals auszuschlagen. Es sei denn man möchte es sich mit den gutmütigen Inselbewohnern verscherzen.

„Gleicht der kontinentale Tee einem vergilbten Postscheckbrief, so gleicht er auf diesen Inseln westlich von Ostende den dunklen Tönen auf russischen Ikonen, durch die es golden durchschimmert, bevor die Milch ihm eine Farbe ähnlich der Hautfarbe eines überfütterten Säuglings verleiht; auf dem Kontinent serviert man den Tee dünn, aber aus kostbarem Porzellan, hier gießt man aus ramponierten Blechkannen gleichgültig ein Engelsgetränk zu des Fremden Labsal, und spotbillig dazu, in dicke Steinguttassen.“

Aus Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“

Es ist der irische Leipreachán, ein kleiner Kobold mit roten Haaren und grünem Hut, der in Irland neben der Harfe und dem Kleeblatt als Nationalsymbol und Zeichen des Glücks zählt. Er begegnet uns an jeder Ecke, weist uns durch den Ring of Kerry und zu dem von Nebel verhangenen Ladies‘ View im Killarney Nationalpark.

Nur einmal ist er unauffindbar. Denn als wir den Berg Luggala im Wicklow Mountain Nationalpark in der Nähe von Lough Dan besteigen und einen sehr waghalsigen und inoffiziellen Abstieg durch meterhohes Gestrüpp bestreiten müssen, um die Nacht nicht im Freien zu verbringen, ist von dem kleinen Naturgeist nichts zu sehen. Ich hätte ihm zu gerne einen Gefallen getan, damit er uns für unser abenteuerliches Unterfangen besonderes Glück mit auf den Weg gibt. Er gilt wohl nicht ohne Grund als launischer Zeitgenosse und fragwürdiger Glücksbringer, der nur den wenigsten den Weg zum Ende des Regenbogens verrät.

Wie gut, dass wir unsere Aufgabe auch ohne ihn zu meistern wussten!

Glück ist, wenn man einen waghalsigen Abstieg auch ohne Leprechaun meistert

Kulinarisches Glück

Doch das von Katharina Teimer und Inka Vigh liebevoll zusammengestellte Glückslexikon beinhaltet nicht nur eine Fülle an Zitaten, landestypischen Bräuchen und Gepflogenheiten, sondern auch ein paar auserlesene kulinarische Glücksrezepte. Ob du dir das Glück nun in Form von Glückskeksen, einem Gløgg (die skandinavische Variante des Glühweins) oder als Shúffukaka (ein isländischer Schokoladenkuchen mit eingebackenen Lakritzstückchen, Schokoglasur und aufgestreuten Kokosraspeln) einverleibst, bleibt dir selbst überlassen. Für alles drei findest du die Rezepte im Buch.

Was bedeutet Glück für dich? –  Ein Giveaway für Glückspilze

Es ist ein Buch, das inspiriert und glücklich macht. Seine zauberhaften Illustrationen und gut recherchierten Zeilen jagen dir einen wohligen Schauer über die Arme und betten dich in ein Kissen voller Behaglichkeit. Noch nie war es so einfach, die Facetten des Glücks zu entdecken. Und deswegen möchte ich einem von euch, ein Exemplar von „Das Glück wohnt überall: Eine inspirierende Reise um die Welt“ mit auf den Weg geben.

Mein Dank gilt an dieser Stelle an das Team von arsEdition, das so freundlich war, mir zwei der Bücher zur Verfügung zu stellen. Eines für mich und eines für euch. Und dafür möchte ich eines von dir wissen: was bedeutet Glück für dich? Verrate mir bis Sonntag, den 10. September 2017 um 23:59 Uhr deine persönliche Definition von Glück in Form eines Kommentars und springe damit in den Lostopf für das Exemplar.

Good Luck, my dears!

Eckdaten

Das Glück wohnt überall
Eine inspirierende Reise um die Welt
Katharina Teimer, Inka Vigh
112 Seiten
24,7 cm x 19,7 cm
19,99 € [D], 20,60 € [A], CHF 28,90
ISBN: 978-3-8458-2219-8

 

Wenn das Leben es gut mit dir meint

Es wird ein besonderer Abend werden, da sind sich Arndt von der literarischen Sternwarte Astrolibrium und ich bereits sicher, als wir den unter Blättern versteckten Schriftzug „Maria Passagne“ des kleinen Club Privé in Haidhausen am Montagabend entdecken. Durch den schmalen Eingang der Bar können wir bereits ein rötlich schimmerndes Spirituosenregal erspähen. Gedämmtes Licht empfängt uns, als wir eintreten und urplötzlich in eine andere Welt versetzt werden.

Wir sind eingeladen, zur Livestreamlesung von Alex Capus dsc_0218-01.jpegneuem Roman „Das Leben ist gut“. Für die Lesung des Schweizer Autors hat sich Lovelybooks dieses Mal außerhalb seiner eigenen Räumlichkeiten umgesehen und mit dem Carl Hanser Verlag eine besonders schöne Location gewählt. Denn das Innere der kleinen Münchner Bar, die an ein privates Wohnzimmer der 50er Jahre erinnert, präsentiert sich mit einem exotischen Allerlei aus Flohmarktnippes und kleinen intimen Sitzgelegenheiten. Die perfekte Location für ein Date, unsere erste Begegnung mit Alex Capus.


Alex Capus: „Besuchsweise gefällt’s mir überall. (…) Ich mag nur die Städte nicht, die sich selber so hübsch finden.“

Kurz nach seinem Erscheinen erfüllt Capus den Raum mit seinem unverwechselbaren Charme. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, er wirft lockere Sprüche in den Raum und begrüßt uns voller Herzlichkeit. Frei von jeglicher Arroganz, natürlich und unbekümmert nimmt Capus am Nachbartisch Platz. Die Luft ist von knisternder Spannung erfüllt, als die letzten Minuten vor der Übertragung laufen und sich Aila von Lovelybooks und Capus ins rechte Licht rücken.

Nahezu ohne Hilfestellung des Buches, begleitet von spielerischer Leichtigkeit und schweizerischem Dialekt, liest uns Capus aus seinem Roman vor, der vom Leben des Barbesitzers Max, seiner Frau Tina und der „unübersichtlichen“ Anzahl an Söhnen erzählt. Es entfaltet sich ein interessantes Spiel aus Fiktion und Realität. Alltäglichkeiten, wie wir sie alle kennen und die sich dennoch höchst charmant präsentieren.

Alex Capus: „Es steht Roman vorne drauf, also ist auch Roman drin.“

Es ist eine Geschichte, die Spiegelungen von Capus Leben enthält, der selbst im schweizerischen Olten eine kleine Bar (Bar Galicia) besitzt und dort montags hinterm Tresen steht. Doch der Autor betont, es sei nicht seine, sondern die Geschichte von Protagonist Max. Er sehe dem Helden lediglich ähnlich.

Während die Schweizer Presse sein neuestes Werk sehr gut angenommen hat, vernimmt man seit ein paar Tagen in den sozialen Netzwerken Unruhen unter Lesern und Bloggern. Capus Werk sei diskriminierend, er konfrontiere die Leser mit einem bestimmten Frauenbild. Außerdem sei die Geschichte langweilig und verlöre sich in nichtssagenden Alltäglichkeiten.

Alex Capus: „Frauen unter 40 machen mit Angst, die haben so gewalttätige Gefühle.“

Ich muss gestehen, dass ich das Werk bis dato lediglich angelesen und noch nicht vollständig gelesen habe. Vielleicht hat mir aber gerade diese literarische Jungfräulichkeit ermöglicht, vorbehaltslos den Textstellen und Anekdoten Capus‘ zu lauschen, die sich mir keineswegs frauenfeindlich oder langweilig, sondern vielmehr bewusst überspitzt und höchst charmant präsentiert haben.

Was in Capus Roman durchblitzt, ist eine tiefempfundene Liebe zu der Ehefrau und zum Leben. Dass so ein 25-jähriges Eheleben auch mal die eine oder andere Unstimmigkeit mit sich bringt, scheint mir legitim, weswegen ich es dem Protagonist Max nachsehen kann, dass er sich bei Touren um den Block von Unmut und in sich schlummernden Schimpftiraden für seine Frau befreit. Es ist die Geschäftsreise seiner Frau die Max ihre fehlende Präsenz und seine tiefe Liebe zu ihr und der gemeinsamen Familie bewusst macht. Tapfer nimmt er sich seinem Baralltag an, empfängt tagsüber strandende Freunde, bringt Altglas vom Vortag weg, repariert Mobiliar und bringt verstecktes Fischgrätenparkett zum Vorschein, bis die Bar in den Abendstunden seine Türen öffnet.

„Der Capus klaut Türen.“

Doch der Abend offenbart uns nicht nur eine Reihe ausgewählter Textstellen aus dem Roman, sondern auch zahlreiche Anekdoten aus Capus‘ Leben, der nachts heimlich Türen für das Nachbarschaftshaus klaut, die Schicksalshaftigkeit eines Wirbelsturmes namens Lotar kennenlernt und mit seinem Freund Vincenzo über die Funktionalität einer Ampel philosophiert. Darüber hinaus widmet sich Capus den Fragen die während der Lesung von den Lovelybooks Nutzern eintrudeln. Die Fiktion, auf die Capus während seiner Lesung wiederholt hinweist, trifft den Schriftsteller während des gesamten Abends frontal. Irgendwie scheint es das Leben mit Alex Capus recht gut zu meinen, oder Alex Capus mit dem Leben.

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Mein Dank für diesen wundervollen Abend gilt dem Team von Lovelybooks, dem Carl Hanser Verlag und Bloggerkollegen Arndt für die charmante Begleitung. Und da vier Augen immer mehr sehen und vier Ohren immer mehr hören als zwei, gibt’s hier noch Arndts Impressionen obendrauf. Den Stream von Lovelybooks könnt ihr euch hier jederzeit noch einmal ansehen.

Alex Capus: „In einer Bar trifft man die Menschen nicht immer in ihren besten Momenten an.“

Schicksal auf Rollen

lesenslust über „Riviera Express“ von Gaëlle Josse

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Der sagenumwobene Riviera Express verkehrt zwischen Frankreich und Moskau. In fünf Tagen durchkreuzt er sieben Länder und passiert dabei rund dreißig Stationen. Eine Reise, die niemals dieselbe ist. Denn es sind die Lebensgeschichten seiner Passagiere, die sie so besonders macht. Ihre Geschichten verflechten sich mit der des Zugs, spinnen ihr weitreichendes Netz über seine Gleise.

Auch das Leben von Anna und Irina, zweier Frauen, die im Abstand von über einem Jahrhundert mit dem Riviera Express reisen, lenkt der Zug in eine neue Richtung.

März, 1881: Voller Hoffnung steigt Anna in Nizza in den Zug. Sie fiebert der Endhaltestelle St. Petersburg entgegen. Dort möchte sie Dimitri endlich ihre Liebe gestehen. Dem Mann, der in ihr etwas sieht, das vielen anderen verborgen bleibt.

März, 2012: Irina reist in entgegengesetzte Richtung nach Nizza. Sie wird dort ihren zukünftigen Mann Enzo treffen, den sie bisher nur aus Briefen kennt. Für die mittellose Frau verkörpert er die Chance auf ein besseres Leben.

Doch es ist nicht nur die Erfüllung ihrer Träume, denen die Frauen mit jedem Kilometer näher kommen, sondern auch ihrem tiefen Inneren. Eine hochemotionale Reise gerät ins Rollen.

„Unsere Existenz wird durch das geprägt, was wir erlebt haben, durch die Ereignisse, die uns zugestoßen sind, die uns geformt oder für immer beschädigt haben. Ein scheinbar unbedeutender Vorfall kann sich ewig auswirken, so wie sich an der Wasseroberfläche kreisförmige Wellen bilden, noch lange nachdem der geworfene Stein im See verschwunden ist.“

Zitat, Seite 133/134

Gaëlle Josses Reise mit dem Riviera Express hat mich wirklich beeindruckt. Was Josse auf bescheidenen 140 Seiten an Emotionen aufwirbelt, füllt locker ein ganzes Leben. Ihr Roman, der sich über zwei Jahrhunderte erstreckt, begegnet dem Leser trotz emotionaler Schwere angenehm charmant und teilweise poetisch.

Als Riviera Express hat man mehrere Fernzüge bezeichnet, die zwischen 1900 und 1993 von diversen Städten im nördlichen Mitteleuropa zur Riviera fuhren. Bis 1993 war der Riviera Express ein von der CIWL betriebener Luxuszug zwischen Berlin und der Riviera. Er galt als einer der bekanntesten Luxuszüge. Die Reise in Josses Roman ist jedoch stark geprägt von der Gesellschaftsschicht seiner Protagonistinnen, die in Abteilen unterschiedlicher Klasse reisen.

„Ein seltsames Gefühl, morgens an irgendeinem Ort aufzuwachen, ohne zu wissen, wo. Ein eigenartiger Schwebezustand; mein Körper scheint losgelöst von seinen Bezugspunkten, von seinen Gewohnheiten, seinen Gesten. Als begänne das Leben ganz von vorn, doch plötzlich führt mir ein Gedanke, ein Detail, ein Objekt, auf das sich mein Blick richtet, vor Augen: Nein, alles ist noch genau wie zuvor, und ich nehme mein altes Leben wieder auf – wie ein Kleiderstück, das man am Vorabend auf einem Stuhl zurückgelassen hat.“

Zitat, Seite 57

Anna ist die Tochter einer reichen russischen aristokratischen Familie. Sie steigt im März 1881 gemeinsam mit ihrer Familie in den Zug um die Rückreise nach St. Petersburg anzutreten. Das gehobene Ambiente im Luxusabteil des Zuges ist ihnen wohlvertraut, man genießt hochwertige Kost und frönt dem Leben.

Irina hingegen, mittellos und alleinreisend, steigt im März 2012 in St. Petersburg in den Riviera Express, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und in Nizza ein neues Leben zu beginnen. An der Seite eines Mannes, den sie nur aus Briefen kennt und der ihr dennoch bereits so nah zu stehen scheint, wie niemand anderes, will sie in eine bessere Zukunft starten.

Die Besonderheit dieser Reise liegt nicht im jeweiligen Ziel, sondern vielmehr in der Reise selbst. Denn während der Fahrt nimmt eine hochemotionale und schicksalsgetränkte Entwicklung ihren Lauf, die das Leben seiner Passagiere auf neuen Kurs lenkt.

Dank der Übersetzung von Mayela Gerhardt, die Josses französisches Original „Noces de Neige“ übersetzte, ist das Werk der zahlreich ausgezeichneten Autorin nun auch in Deutsch verfügbar. Josse erzählt uns auf höchst sensible Weise eine russisch-französische Geschichte die uns gleichermaßen berührt, wie entsetzt. Gekonnt spielt sie mit den Lebensgeschichten zweier Frauen, die sich zwar in erster Linie markant voneinander unterscheiden, letztendlich aber ineinander fließen. Sie sind beide von der Suche nach Glück und wahrer Liebe bestimmt.

„Geben Sie auf ihre Seele Acht, sie ist es, die uns Schönheit verleiht. Ihre Güte allein macht Sie schön, und zwar verlässlicher und andauernder als ein frischer Teint oder eine schmale Taille.“

Zitat, Seite 112

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Widerspenstiges Glück..

lesenslust über „Die Widerspenstigkeit von Glück“ von Gabrielle Zevin

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Ich glaube nicht an Gott, ich bin nicht fromm, aber diese Buchhandlung ist für mich so etwas wie eine Kirche. Sie ist ein heiliger Ort.”

Zitat, Seite 285

A.J. Fikry lebt auf Alice Island, einer abgelegenen Insel fernab des Trubels. Auf der Insel, auf die ausschließlich im Sommer ein paar Touristen schwappen, hat er sich mit seiner Frau Nic eine kleine literarische Oase geschaffen. Doch als Nic bei einem Autounfall stirbt, will das Geschäft von Island Books nicht mehr richtig laufen. Kaum ein Besucher verirrt sich mehr in das Innere des Buchladens und Fikry wird zunehmend sonderbarer. Er ist kauzig und abweisend und schlägt selbst die spärlichen Besucher des Ladens erfolgreich in die Flucht.

Eines Tages verschwindet sein wertvollstes Buch aus dem Laden und raubt ihm nicht nur die letzten finanziellen Reserven, sondern auch die letzte Hoffnung. Er klammert sich an den Alkohol und hangelt sich schon bald durch von Tiefkühlpizza und Wein begleitete Abende. Doch der Verlust des Buches ist mit einem ungewöhnlichen Geschenk verbunden: denn auf dem Boden der Kinderbuchabteilung sitzt plötzlich die zweijährige Maya, mit der Bitte der Mutter, sich ihr anzunehmen.

Aus der skeptischen Annäherung zu dem zweijährigen Waisenkind wächst langsam aber sicher große Zuneigung heran, und plötzlich beginnt der kauzige Fikry endlich wieder zu leben.

„A.J. sieht Maya in ihrem rosa Partykleid und spürt ein unbestimmt vertrautes, fast unerträgliches Kribbeln in sich. Er möchte laut herauslachen oder mit der Faust an eine Wand schlagen. Er fühlt sich betrunken und hat gleichzeitig das Gefühl zu platzen. Wahnsinn. Das Gefühl muss Glück sein, dann aber stellt er fest, dass es Liebe ist. Scheißliebe, denkt er. So ein Ärger. Sie ist seinem Plan, sich zu Tode zu saufen und sein Geschäft zu ruinieren, gründlich in die Quere gekommen.“

Zitat, Seite 92

„Die Widerspenstigkeit des Glücks“ ist nicht das, was man möglicherweise beim ersten Blick auf das Cover erwartet. Unaufdringlich und schnörkellos erzählt Gabrielle Zevin eine Geschichte mitten aus dem Leben. Von Entwicklungen, die vom Schicksal geprägt sind und deren glückliche Fügungen den unglücklichen nie allzu fern sind. Die Autorin verzichtet auf Kitsch und unnötige Klischees und bedient sich lediglich eines ruhigen und authentischen Schreibstils, der mitten ins Herz geht, weil er die Dinge eben genau so benennt, wie sie sind. Es gibt kein Glitzer oder Feenstaub. Sondern eben einfach das Leben.

Meine Sympathien heimst Zevins Protagonist Fikry auf den ersten Seiten allerdings nicht wirklich ein. Er ist kauzig und verbittert, ein fast schon unausstehlicher Zeitgenosse, der mit seiner abweisenden Art reihenweise Besucher in die Flucht schlägt; allen voran die Verlagsvertreterin Amelie, die Fikry im Nachhinein betrachtet, eigentlich gar nicht so übel findet.

Doch als die kleine Maya in das Leben des Buchhändlers tapst, verändert sich Fikry zunehmend. Das wissbegierige Waisenkind, das scheinbar ganz genau zu wissen scheint, was es will, hat es ihm angetan. Er kann sich Mayas quirligem Naturell nur schwer entziehen. Jetzt, wo sie keine Eltern mehr hat, muss sich schließlich irgendwer dem Mädchen annehmen. Mit dieser Begegnung scheint Zevin zwei Gestrandete aufeinandertreffen zu lassen, die sich fortan bereichern, miteinander wachsen und die Geschichte auf eine sehr liebevolle Art prägen.

„Lieb dich“, sagt Maya. – „Ja, das sagt sie ständig“, sagt A. J. „Ich habe sie davor gewarnt, Liebe zu verschenken, die der andere noch nicht verdient hat, aber ehrlich gesagt liegt es an dem Einfluss von diesem heimtückischen Elmo. Wissen Sie, der liebt wirklich jeden.“

Zitat, Seite 83

Zu Beginn jeden Kapitels stößt der Leser auf Fikrys literarische Notizen seiner Bücher. Sie drehen sich um die jeweiligen Geschichten und deren Moral und scheinen allesamt an Maya adressiert zu sein. Und während man sich am Anfang der Geschichte noch fragt, warum es diese Notizen überhaupt gibt, wird dem Leser irgendwann klar, dass auch sie auf eine unerwartete vom Schicksal bestimmte Entwicklung der Geschichte beruhen.

Zevin erzählt nicht nur die Geschichte von Fikry und Maya, sondern auch die der vielen Inselbewohner von Alice Island, die nach und nach alle Teil der Geschichte werden. Das Schicksal jedes Einzelnen hat dabei unweigerlich Einfluss auf das Leben des Anderen. Die Figuren des Romans scheinen alle mit einem zarten unsichtbaren Band verbunden. Zevin zeigt uns damit einmal mehr, welche Kraft zwischenmenschliche Verbindungen haben und wozu Freundschaft und Liebe alles fähig ist. „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ ist nicht nur eine Geschichte über das Leben sondern auch die über die Liebe zur Literatur.

„Die Leute tischen dir fade Lügen über Politik, Gott und die Liebe auf. Alles was du über einen Menschen wissen musst, erfährst du aus der Antwort auf die Frage: Welches ist dein Lieblingsbuch?“

Seite 107

„Ganz kurz, ehe der Laden aufmacht, bezieht Maya in dem Gang mit den Bilderbüchern Stellung. Jedem Buch nähert sich Maya zunächst mit der Nase. Sie nimmt den Schutzumschlag ab, hält es sich ans Gesicht und legt sich die Buchdeckel an die Ohren. Bücher riechen typischerweise wie Daddys Seife, Gras, Meer, der Küchentisch, Käse oder wie eine Kombination aus allem.“

Zitat, Seite 100

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Das größere Wunder

lesenslust über „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic

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„Sich einer Gefahr auszusetzen ist einfach. Am Anfang und Ende steht der Entschluss. Dazwischen darf es nichts geben. Es geht bloß darum, nicht zu denken. Nur bestimmte Leute sind dazu imstande. Vor allem solche, die nichts zu verlieren haben.“

Zitat, Seite 203

Jonas, eigenbrötlerisch und hochbegabt, wächst mit seinem behinderten Zwillingsbruder Mike bei der alkoholkranken Mutter auf. Die Kinder sind ihr völlig egal, Mike ist ihr aufgrund seiner Behinderung sogar zuwider, weshalb sie sich lieber Hochprozentigem, anstatt ihrer Rolle als Mutter widmet.

Seitdem steht Jonas im Konflikt mit sich selbst. Er entwickelt eine zweifelnde Weltanschauung und stellt alles in Frage, das ihm begegnet. Seine Freundschaft zu Werner und die enge Bindung zu seinem Bruder sind die einzig festen Konstanten in seinem Leben. Doch eines Tages spitzt sich der unkontrollierte Lebensstil der Brüder zu und Jonas findet sich schwer verletzt im Krankenhaus wieder.

„Eine mehr als ungeordnete Welt war es, in der er da lebte. Eine Welt, in der es Behinderte gab, die verprügelt und schikaniert wurden. Eine, in der Mütter ihr Leben nicht aushielten und es vom Alkohol bestimmen ließen.“

Zitat, Seite 128

Von da an beschließt Picco, Werners Großvater, Jonas und Mike bei sich aufzunehmen, was dem untrennbaren Trio zu einem unbeschwerten Leben in Piccos herrschaftlichem Anwesen in Österreich verhilft. Denn Werners Großvater ist reich, weshalb Geld keine Rolle spielt. Keiner weiß, womit er sein Geld verdient, doch es lässt sie die schönsten Flecken der Erde gemeinsam entdecken. Durch die unkonventionelle Erziehung des Alten genießen die Jungs größtenteils Narrenfreiheit und verspüren nur in den seltensten Fällen Piccos erzieherische Hand.

Doch Jonas kann den gleichgültigen Blick seiner Mutter nie vergessen. Er will immer höher, schneller und weiter. Hofft, durch Mutproben jeglichen Ausmaßes den abwesenden Blick seiner betrunkenen Mutter zu vergessen, für die er nie eine Rolle spielen wird.

Die Besteigung des Mount Everest ist dabei die wohl größte Mutprobe, der er sich jemals unterzieht. Und seine letzte.

„Schmerz. Der sich ausdehnt, pulsiert, sich selbst eine Gestalt gibt, um sie gleich wieder abzustreifen. Schmerz, stärker als du. Du möchtest davonlaufen, weinen, nicht du sein. Alles, was dir bleibt, sind Schreie zu irgendeinem dunklen Gott.“

Zitat, Seite 139

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Glavinic tischt uns in „Das größere Wunder“ ein kunterbuntes Etwas aus modernem Märchen, dick aufgetragener Jetset-Story und krankhafter Sinnsuche auf. Der Autor, der für seine fiktionsgetränkten Romane bekannt ist, führt mich in „Das größere Wunder“ auf 528 Seiten rund um den Globus. Er reiht spektakuläre Ereignisse aneinander wie Alltäglichkeiten, lässt Protagonisten Jonas den Wohnsitz wechseln, wie andere ihre Socken und mischt dem Werk allerhand philosophische Ansätze bei.

Der Roman wechselt zwischen zwei verschiedenen Zeitabschnitten. Zum einen begleiten wir Jonas bei seiner mühsamen Besteigung des Mount Everest, zum anderen während seiner Kindheit in Österreich. Durch die aktive Verwebung dieser beiden Zeitstränge ermöglicht uns Glavinic, die Gedanken und Taten seines Protagonisten besser verstehen und nachvollziehen zu können.

Im Gegensatz zu anderen Autoren, in deren Werke die Fiktion eine zentrale Rolle spielt, u.a. In „Der Allesforscher“ von Steinfest, läuft mir bei Glavinic allerdings das fiktionale Maß etwas über. Mir sind die Ereignisse zu spektakulär, die Entwicklungen zu unrealistisch und ihre Menge zu viel des Guten.

Selten habe ich mich mit einem Roman so lange auseinander gesetzt, wie mit diesem. Der ungewöhnliche Stil des Autoren, der zwar einfach zu lesen, aber nur schwer zu fassen ist, hat mich nur mühsam vorankommen lassen. Die Schilderung der Besteigung des Mount Everest ist lebendig und schmerzvoll und präsentiert sich vermutlicherweise genauso intensiv wie die Besteigung selbst. Dieser Teil des Romans präsentiert sich mir daher sehr authentisch.

Alles in Allem ist „Das größere Wunder“ eine grandiose Geschichte über die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und Liebe. Der Autor hält uns einmal mehr vor Augen, dass wahres Glück vielmehr auf innerer Zufriedenheit als auf materiellen Dingen beruht.

„Man wird älter und älter, und man wartet. Etwas wird passieren, etwas Großes. Das Leben, das man führt, steuert zweifellos auf einen Höhepunkt zu, hinter dem die Versöhnung liegt, die Läuterung, das Glück – unausweichlich und unabänderlich. Eines Tages wird alles gut sein. Das Heute ist fehlerhaft, das Morgen wird vollkommen sein.

Man wird älter und älter und wartet noch immer, mit der Welt und mit sich selbst, und das Erhabene, es will nicht kommen. Die Versöhnung mit sich und mit der Welt lässt auf sich warten, das Glück ist nicht perfekt, die Besserung nicht in Sicht. Mitunter scheint alles gar merklich abwärts zu gehen.

Man wartet weiter. Und fühlt eine dumpfe Sorge aufsteigen. Sorge wird zu Angst, Angst wächst zu Entsetzen. Entsetzen schlägt um in Trauer, Trauer verwandelt sich in Unglaube.“

Zitat, Seite 222/223

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Hörfreuden #3: Glücksgeblubber..

lesenslust über „Das Blubbern von Glück“ von Barry Jonsberg

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„Kennst du den Ausdruck: Zerrüttete Familie? Willkommen in meiner Welt.“

„Lachen ist gut. Lachen ist wundervoll. Ich verstehe oft nicht, wo es herkommt, genieße jedoch die Wirkung, die es hervorbringt. In meiner Familie wird nicht genügend gelacht. Alles Lachen verflüchtigte sich, als meine Schwester starb.“

Candice Phee

Candice Phee ist 12 Jahre alt. Sie ist wunderbar ehrlich und ein bisschen anders. Ihr Körper ist übersät von Sommersprossen, ihr Haar schimmert in einem dreckigen Blond und ihre Augen strahlen leuchtend blau. Eigentlich wirkt sie wie ein normales Mädchen. Doch Candice Blick auf das Leben unterscheidet sich von dem ihrer Mitmenschen, weshalb viele sie nicht auf Anhieb verstehen.

Candice ist das egal, denn sie ist wild entschlossen, die Welt wieder glücklich zu stimmen. Allen voran ihre Familie, in der es früher vor Glück geblubbert hat und die seit dem plötzlichen Tod ihrer Schwester Sky wie gelähmt durchs Leben geht. Ihre Mutter, ihr Vater und Onkel Brian bilden einen zerrütteten Haufen aus Krankheit, Enttäuschung und Trauer.

Doch obwohl das Unglück in jeder Ecke lauert, verliert Candice ihren Traum nicht aus den Augen: Sie will das Glück für alle zurückerobern, um die Welt lebendiger blubbern zu lassen als jemals zuvor!

„Unser ganzes Haus verströmte Glück. Es blubberte vor Glück und ließ uns strahlen. Die Sonne schien heller damals, das Gras war grüner, die Wolken waren weißer.“

„Ich möchte nach Glück streben. Ich möchte es einfangen, am Wickel packen, mit nach Hause schleifen und zwingen sämtliche (…) Menschen zu umarmen.“

Am Anfang der Sommerferien bekommen Candice und ihre Mitschüler von ihrer Englischlehrerin Mrs. Bamford die Aufgabe, einen Aufsatz über ihr Leben zu schreiben. Jedem Buchstaben des Alphabets soll ein Absatz gewidmet werden.

Und mit dieser Aufgabe beginnt die Geschichte.

„Du bist auf einem Meer der Liebe in diese Welt gesegelt. Du bist durch ruhiges Gewässer gefahren und fast, ohne ein Wellenkräuseln, in unseren Herzen vor Anker gegangen. Und dort bist du immer noch, ein süßer kleiner Matrose, in Liebe angedockt.“

„Weißt du was das Beste an dir ist, Pumpkin?“ fragte er. „Nein.“ – „Du singst dein eigenes Lied und du tanzt nach deiner eigenen Melodie. Du siehst die Welt mit anderen Augen als wir. Und weißt du was? Manchmal wünschte ich, fast jeder sehe sie mit deinen Augen. Ich weiß das die Welt dann ein besserer Ort wäre.“

Onkel Brian

Tränen der Freude kullern über meine Wangen.

Selten begegnet man so traurigen und zugleich lebensbejahenden Zeilen wie die von Jonsberg. Mit „Das Blubbern von Glück“ gelingt dem Autor ein wahres Wunderwerk. Es erzählt uns nicht nur eine ganz und gar andersartige Geschichte eines andersartigen Mädchens, sondern stimmt uns damit auch glücklich. Einfach so.

Es ist die Geschichte von Candice, einem zwölfjährigen Mädchen und Protagonistin der Geschichte. Jonsberg lässt sie zur Stimme seiner Geschichte werden und eröffnet uns damit die Sicht aus Kinderaugen. Die 26 Buchstaben des Alphabets werden zu unseren Wegbegleitern. Mit der Konzentration auf den Aufsatz über ihr Leben, ordnet Candice jedem einzelnen Buchstaben des Alphabets ein besonderes Merkmal zu. Merkmale, die von zentraler Bedeutung sind und ihr Leben zu dem machen, was es ist.

Da ist ihre verstorbene Schwester Sky; ein Goldfisch, dem sie den Namen Erdferkel Fisch schenkt, weil Erdferkel das erste wirkliche Wort in ihrem Lieblingsbuch (dem Wörterbuch) ist; ihr schräger und superkluger Freund Douglas Benson, der aus einer anderen Dimension zu kommen scheint; das Kullerauge ihrer Englischlehrerin Mrs. Bamford, das unkontrolliert durch die Gegend kullert; ihre amerikanische Brieffreundin, die ihr niemals antwortet, und so viel mehr.

Candice Perspektive schenkt uns einen besonders wertvollen Blick auf das Leben. Mit ihr sehen wir die Welt aus anderen Augen: Sie macht sie bunter, lebendiger und herzlicher. Doch sie schaut nicht nur optimistisch auf das Leben, sondern spricht ihre Gedanken auch erschreckend ehrlich und direkt aus. Sie hilft uns dabei, den traurigsten Momenten mit Hoffnung zu begegnen und dem Leben entgegenzulachen. Trotz tragischem Familienhintergrund scheint Candice ihren Lebensmut niemals zu verlieren. So begibt sie sich hoffnungsvoll auf die Suche nach dem verlorengegangenen Blubbern von Glück. Und wird fündig!

Sensibel, humorvoll und voller Leichtigkeit verleiht die Sprecherin Laura Maire der zwölfjährigen Candice und ihren Mitmenschen eine Stimme. Lebhaft und facettenreich erweckt sie ein kleines Mädchen zum Leben und zeigt mir wie abwechslungsreich die eigene Stimme sein kann.

Trotz völlig unterschiedlichen Alters von Sprecherin und Protagonistin begegnet mir die Sprache als sehr passend und harmonisch. Laura Maire versteht es, die Rolle der Candice ohne musikalischen Hintergrund oder Audiobeigaben authentisch umzusetzen. Jede Minute des Hörbuchs wird so zu einem besonderen Hörerlebnis.

Eine wunderbare Geschichte. Ein wunderbares Hörbuch. Herzliche Weiterempfehlung!

„Familien sind anfällig. Meine starb nicht, als Sky starb, aber sie musste einen schweren Schlag ertragen, und war danach völlig blauer Flecken.“

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Die Botschaft einer Katze..

lesenslust über „Cabo de Gata“ von Eugen Ruge

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„Ich erinnere mich an die Verzweiflung und an die Wut, die ich dabei empfand, denn in Wirklichkeit (…) ging es darum, dass ich meine Gewohnheiten über den Haufen warf, dass ich ein unausweichliches Ritual durchkreuzte, dass ich im Begriff war, die mir selbst auferlegte Arbeitsverpflichtung zu schwänzen.“

Zitat, Seite 11

Er lässt alles hinter sich. Seine Stadt, sein Land und sein bisheriges Leben. Er hat es satt, sich in den täglichen Wiederholungen seiner Gewohnheiten wiederzufinden und steigt in den Zug nach Süden. Im kalten Barcelona lässt er sich von seinem Bauchgefühl leiten und beschließt zum orangefarbensten Fleck auf der Wetterkarte weiterzuziehen: Cabo de Gata, einer Ortschaft im Südosten Andalusiens.

„Ungefähr auf halber Strecke am Wegrand, ein riesiges Schild, für dessen Übersetzung man eigentlich kein Wörterbuch braucht. Trotzdem schlage ich nach, weil ich nicht glaube, was ich da lese:

PARQUE NACIONAL CABO DE GATA – EL ULTIMO PARAISO DE EUROPA

Von jetzt an beginne ich die Minuten zu zählen, die bleiben, bis zum Paradies.“

Zitat, Seite 67

An der Mittelmeerküste angekommen findet er nichts vor, dass auf das scheinbare Paradies hindeutet: karge Landschaften, kalte Temperaturen und eigenbrötlerische Einwohner. Doch irgendwas hält ihn dennoch im tristen Fischerdörfchen; lässt ihn verharren, in der einsamen Pension einer alten Witwe.

Eines Tages begegnet ihm eine Katze. Eine Katze, in der er ein Zeichen sieht und die, so hofft er es, ihm eine Botschaft überbringt. Eine essentielle Botschaft, durch die sein Leben endlich eine Wendung nimmt.

„So gehe ich, mit gesenktem Blick, such den Boden ab. Muschelkalk knirscht unter meinen Füßen. Hin und wieder tauchen kleine Kieselfelder auf. Ich darf nicht stehen bleiben, seltsame Regel. Langsam gehen ist erlaubt. Ich schreite weiter, die Kiesel kratschen. Über mir schlagen die Möwen Alarm. Ich höre sie, sehe sie aber nicht. Mein Blick ist zu Boden gerichtet. Ich suche, suche … Wenn nicht, dann … Was dann? … Das Meer kichert. Es schwatzt. Das Meer atmet. Das Meer ist plötzlich still, einen Moment lang und noch einen … nur der Wind, der auf meinen Ohren herumorgelt – und dann ist es wieder da, das Meer. Meldet sich zurück, als hätte es mich hereingelegt: mit einem prustenden Lachen. “

Zitat, Seite 142

Ich streiche sanft über den Buchdeckel und betrachte erneut das Cover. Ein schönes Cover, ein interessanter Titel, ja selbst ein interessanter Klappentext. Dinge, die mich zum Kauf des Buches bewegten und mich dennoch in die Irre geführt haben. Denn entweder wollte der Funke nicht überspringen oder ich habe den Moment des Entzündens verpasst. Herr Ruge lässt mich nach dem Lesen seines Romans „Cabo de Gata“ irritiert und nachdenklich zurück, ja fast schon genervt, weil ich den Sinn dieser Geschichte nicht verstanden zu haben scheine.

Der Protagonist, dessen Name unbekannt bleibt, gelangt nach einer gescheiterten Beziehung und den eher kläglichen Versuchen als Schriftsteller Fuß zu fassen an einen Punkt in seinem Leben, der ihn zu einer radikalen Entscheidung treibt: alles hinter sich zu lassen. Er kündigt seine Wohnung in Berlin, verscherbelt seine Möbel und setzt sich mit kaum mehr Gepäck als einer Hängematte und ein paar Schreibheften in einen Zug Richtung Süden.

Von einem Bauchgefühl leitend lässt er sich im kalten und ungemütlichen Barcelona, seinem ersten Halt, ausgerechnet von einer Wetterkarte einer lokalen Zeitung ins scheinbar warme Cabo de Gata locken, dem Kap der Katzen – wie sich später herausstellt.

Obwohl der Ort an der Mittelmeerküste nicht annähernd das Paradies zu sein scheint, das er sich ausgemalt hat, beschließt er zu bleiben und findet sich schon nach kurzer Zeit in der Anhäufung kaum erwähnenswerter und täglich gleicher Verhaltensweisen wieder. Ein Aspekt, der seinem Leben nicht wirklich zu einem besseren verhilft.

Als er bei seinen täglichen Spaziergängen durch den Ort eines Tages einer rotgetigerten Katze mit grünen Augen begegnet, scheint ihm plötzlich alles daran zu liegen, sie zu seiner Wegbegleiterin zu machen. Denn er sieht in ihr ein Zeichen; vielmehr seine verstorbene Mutter, die ebenfalls rotgefärbte Haare und grüne Augen besaß und die ihm etwas mitteilen zu wollen scheint.

Die Katzenbotschaft, auch in Cabo de Gata nicht das zu finden, was er suche und vor allem es nicht während des bewussten Suchens zu finden, erscheint mir banal und kindlich. Soll das die große Botschaft des Autors sein? Benötigt Ruge tatsächlich eine über 203 Seiten lange Geschichte um zu dieser phänomenalen Einsicht zu gelangen? Ratlosigkeit macht sich breit.

Was ich dem Autor lassen muss, sind die liebevollen und lebendigen Zeilen von Naturschauspielen und die schrägen und durchaus amüsanten Schilderungen der Gedanken eines scheinbar rastlosen und in Cabo de Gata gestrandeten Mannes, die mich zumindest an der ein oder anderen Stelle gut unterhalten konnten. Was den Rest anbelangt muss ich passen. Ich vermute, dass ich es auch mithilfe mehrerer Anläufe nicht verstehen werde, was mir Eugen Ruge da eigentlich sagen wollte.