Lügen haben lange Beine

„Kleine Lügen erhalten die Familie“ – Katia Weber

„Alles zitterte. Wie bei einem Erdbeben. Sie hatte sich in letzter Sekunde in den Schutz eines Türrahmens gerettet, und jetzt klammerte sie sich mit aller Kraft an das Holz und sah dabei zu, wie alles um sie herum zusammenkrachte. Nicht in sich zusammenstürzte. Es krachte. Mit Verlusten. Mit Verletzten und Wunden.“

Zitat, Seite 7

Franzi ist Ende Vierzig, als sie einsehen muss, dass ihr die Liebe zu ihrem Mann Michael irgendwie abhanden gekommen ist. Mehr als die Hälfte ihres Lebens verbrachten sie zusammen, wurden Eltern von drei Kindern und Besitzer eines Hauses in Berlin. Zusammenleben wollen sie nicht mehr, so ganz aufeinander verzichten aber auch nicht.

Dass sie auch nach Michaels Auszug noch regelmäßig zusammen im Bett landen, muss ja keiner wissen. Schließlich hat doch jeder in der Familie seine kleinen und großen Geheimnisse.

Doch dass Brunhilde, Franzis Mutter, bereits seit ihrer Kindheit ein großes Geheimnis hütet, ahnt Franzi nicht. Denn ihren eigentlichen leiblichen Vater hat Brunhilde ihr über all die Jahre verschwiegen. Auch, dass ihre Mutter in den siebziger Jahren Villen ausgeraubt und dabei ein wertvolles Gemälde mitgehen hat lassen, ahnt keiner.

Doch auf einmal wohnt Franzis leiblicher Vater gar nicht so weit von seiner Tochter entfernt. Und Brunhilde fragt sich, ob nun die Zeit für die Wahrheit gekommen ist.

Ich möchte betonen, ich bin absolut kein Fan von Lügen. Ich verabscheue sie und vertraue nach wie vor auf die gute alte Wahrheit, mit der ich bislang am Besten gefahren bin. Hinter dem Titel des vorliegenden Buches stehe ich deshalb ganz und gar nicht, wo seine Aussage doch für genau das Gegenteil steht: dass es ohne sie nicht geht.

Als man mir jedoch Katia Webers Debüt als amüsante und gut unterhaltende Familiengeschichte verkauft hat, habe ich mich dennoch darauf eingelassen und fuhr damit gar nicht mal so schlecht. Zugegeben, es ist erneut ein Roman, der der unterhaltenden Frauenliteratur zuzuordnen ist. Und das ist irgendwie amüsant, wo ich doch all die vergangenen Jahre einen großen Bogen darum gemacht habe.

Was sich allerdings hinter dem entzückenden Deckel von „Kleine Lügen erhalten die Familie“ versteckt, ist eine durchaus unterhaltsame als auch sympathische Geschichte. Denn im Gegensatz zu Lügen bedienen wir uns wohl alle kleinen Geheimnissen, die man manchmal einfach besser für sich behält, als damit das große Chaos anzurichten.

Franzis Familie ist dafür ein gelungenes Beispiel. Denn hier behält nicht nur Franzi ihr geheimes tête-à-tête mit ihrem Ex-Mann, sondern auch ihre Kinder, der Hund und die Mutter so manche Sache für sich. Dass es sich bei Franzis Mutter Brunhilde allerdings um eine kriminelle Vergangenheit und die Wahrheit um Franzis leiblichen Vater handelt, ist schon ein starkes Stück. Und so ist das Chaos perfekt, als die Wahrheit Stück für Stück ans Tageslicht gerät und nicht nur Franzis Familie, sondern auch so manch anderen Haushalt durcheinanderwirbelt.

„Dieses Immer. Das war ihr irgendwann zu viel geworden. Ein Immer ging in ihren Augen nur, wenn man glaubt. Und lieben kann. Und Hoffnung hat. Aber Leute wie sie, die konnten das nicht. Die reagierten mit Sarkasmus auf Hoffnung und verdrehten bei Gefühlsduseleien die Augen. Das war wie ein Reflex.“

Zitat, Seite 87

Zu ihrem Roman wurde Katia Weber von einem Gemälde namens Die Toteninsel von Arnold Böcklin inspiriert, das sie eines Tages auf einem Kalenderblatt ihres Abreißkalender entdeckt hat. Die Faszination für das Gemälde und seine Geschichte haben für den vorliegenden Roman gesorgt, deren Geschichte Weber raffiniert mit ihm verwebt. So gelingt ihr eine unterhaltsame Familiengeschichte voller Humor, Wärme und der unumstößlichen Erkenntnis, dass Ehrlichkeit immer noch am Längsten währt.

<3 <3 <3

Liljankukka..

lesenslust über „Liebten wir“ von Nina Blazon

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„Fotos verraten alles. Sie zeigen das, was gezeigt werden soll – aber darüber hinaus zeigen sie die Lücken in den Familien, die schadhaften Stellen am Haus. Den Schimmel, halb versteckt hinter Girlanden von lächelnden Mündern. Sie zeigen Gesten und Berührungen, halb unbewusst ausgeführt.“

Zitat, Seite 18

Immer häufiger geraten mir in diesem Jahr Romane in die Hände, die sich mit feuchtfröhlichen Cover tarnen und mich dann unerwartet flashen. Auch Nina Blazons “Liebten wir” gesellt sich zu den Werken, die den Überraschungseffekt für sich genutzt haben. Damit schenkt mir Blazon eine weitaus komplexere Geschichte, als anfangs vermutet. Schon nach wenigen Seiten hatte mich die Autorin mit ihren mitreissenden Zeilen für sich gewonnen: ich sog sie ein wie die Luft zum Atmen.

„Worte lassen sich nicht abstreifen. Sie haben Widerhaken und verfangen sich in der Seele.“

Zitat, Seite 190

“Liebten wir” präsentiert sich wie ein inniges, hitziges und emotionales Unterfangen gleich einem finnischen Tango. Nur schwer kann man sich am Ende von der Intimität lösen, die vom Roman ausgeht. Ein ergriffener Seufzer schlüpft über meine Lippen. Denn ein weitreichendes Netz aus emotionalen Abgründen liegt hinter mir. Ein Geflecht, das nicht nur aus geschichtlichen Ereignissen, sondern auch aus dramatischen Lebensgeschichten, düsteren Familiengeheimnissen und landestypischen Raffinessen eines mir fremden Landes geknüpft ist.

Die Geschichte beginnt recht schlicht bevor sie rasant an Fahrt aufnimmt. Blazon gibt uns Protagonistin Mo an die Hand, die beim Familienfest ihres Freundes Leon dessen Familie kennenlernen soll. Doch die leidenschaftliche Fotografin, die fern ab ihrer Kamera eine ungeschützte Position einnimmt, wird nicht annähernd so herzlich empfangen, wie sie es sich wünscht. Worte treffen wie Blitze aufeinander. Gesten verraten Abneigung. Fakten zerstören Träume.

„Perlende Tonbögen, die sich in die Luft erheben und wieder abfallen. Geschirr klappert, vermischt sich mit Sprachmelodien. Ich sollte Teil dieser Töne und Satzfetzen sein, mich einfügen in Parabeln und Wortstakkato. Stattdessen klingt Danaes Lachen laut heraus. Für einen Moment bohrt sich die Verzweiflung in mein Zwerchfell wie eine kleine, heiße Kinderfaust. Es ist wie früher: sie im Licht, ich im Schatten.“

Zitat, Seite 77

Mo’s schwaches Selbstbewusstsein und ihre zerrütteten Familienverhältnisse werden dem Leser recht schnell bewusst. Sie versteckt sich leidenschaftlich gerne hinter ihrer Kamera und wirkt ohne sie verloren und schutzlos. Zu ihrer selbstbewussten Schwester Danae hat sie ein sehr gespaltenes Verhältnis, weshalb ihr Wunsch nach einer intakten Familie fast übermächtig scheint. Es verwundert daher nicht, dass das geplante Miteinander nach dem Erscheinen von Danae zum Gegeneinander wird und Mo sich plötzlich auf der Flucht dieses familiären Horrorszenarios im Familienwagen von Leon wiederfindet, seine mürrische alte Oma im Gepäck. Auch nach mehreren Versuchen lässt sich die kauzige Alte nicht abstreifen, darauf beharrend, Mo zu begleiten. Ihre Anwesenheit sei der Familie eh längst lästig geworden. Alles, was sie wolle, sei in Richtung Norden zu verschwinden.

„Mit siebzig bist du immerhin ein Noch-Mensch. Jeder wundert sich laut, dass du noch die Zeitung liest, noch selber einkaufen gehst, noch fit bist. Aber werde älter, falle die Treppe runter, komm mal aus dem Tritt, und sie machen Plankton aus dir.“

Zitat, Seite 140

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Mo gibt nach und braust mit der 85-jährigen Aino davon. Nach Finnland, Ainos Heimat, in der ihr einst ein Mann den Kosenamen Liljankukka (finnisch für Lilienblüte) gab und in der auf die beiden grundverschiedenen Frauen heiße finnische Tangotänze, berauschende Begegnungen und geheime Lebensgeschichten warten.  Aus der anfänglichen Antipathie zwischen Mo und Aino wächst langsam aber sicher Zuneigung und schon bald ernten die beiden Frauen Früchte aus ihrer gemeinsamen Reise in den Norden. Sie erkennen, dass die Schatten der Vergangenheit lebenslang an einem haften, wenn man sich ihnen nicht stellt.

„Der Tango ist heiß, weich und zärtlich. In diesem Land fassen sich die Leute nicht einfach so an. In Finnland lässt man einander den Vortritt (…) um Körperkontakt zu vermeiden. Nur beim Tango kommt man sich so nahe wie sonst nie. Deshalb sind hier alle so verrückt danach. Das ist die innigste Liebeserklärung, die du bekommen kannst.“

Zitat, Seite 338

„Dieser Tanz hier ist wie das träge, sinnliche Ineinanderfließen von Öl, ein katzenhaftes Schleichen, Wiegen und Schieben, Körper an Körper, mit genau gesetzten Schritten, weich und verzögert. Die getanzte Erlaubnis, einander zu spüren. Niemand lacht. Nähe ist eine ernste Angelegenheit.“

Zitat, Seite 417

Der finnische Tango spielt im Roman eine zentrale Rolle. Er ist dem bekannten Tango Argentino der 30er Jahre in gewissen Punkten ähnlich, unterscheidet sich aber in der Tonleiter und besitzt eine eher absteigende als aufsteigende Melodie. Die Texte werden auf Finnisch, manchmal aber auch auf Schwedisch gesungen. Der Tango ist in Finnland vor allem bei den älteren Finnen sehr beliebt. Auch Leons Großmutter Aino liebt den Tango und verbindet damit eine Reihe von Begegnungen aus der Kriegszeit. Während der südamerikanische Tango eher als eine kunstvolle Performance gilt, wird der finnische Tango als reines tänzerisches Vvergnügen angesehen, weshalb sich machmal ganz unerwartet Menschenmengen auf offener Straße zu einer Art „Tango-Flashmob“ zusammenfinden, um sich ihrer Leidenschaft fürs Tanzen hinzugeben. Auch im Roman wird man Zeuge von einer derartigen Ansammlung tanzbegeisterter Menschen.

Blazons atmosphärische Zeilen zaubern eine berauschende Geschichte um Liebe, Freundschaft, familiären Zusammenhalt und Verrat. Mit ihrem lebendigen Schreibstil transportiert sie eine Hülle an Emotionen, die sich vor der Kulisse Finnlands im Takt eines finnischen Tangos wiegen. Es wäre nicht fair, mehr über den Verlauf der Geschichte zu verraten, weil die überraschende und facettenreiche Entwicklung ganz klar zu den Stärken des Romans zählt. Der Roman sei daher all denjenigen unter euch ans Herz gelegt, die sich selbst ganz unvoreingenommen auf eine Entdeckungsreise nach Finnland begeben wollen.

„Einen langen Atemzug lasse ich sie zu: die Sehnsucht. Sie setzt wie die Pfote einer Katze auf meinem Herzen auf, erst weich, dann fester, bis die Krallen spürbar werden.“

Zitat, Seite 38

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Ein schicksalhaftes Haus..

lesenslust über „Der gestohlene Sommer“ von Lauren Willig

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„Julia konnte sich der Faszination des alten Hauses und seiner verstaubten Erinnerungen nicht entziehen: Topfhüte und zerfledderte Zeitungen, Knopfstiefel und Briefe mit Eingangsfloskeln wie aus einem Benimmbuch aus edwardianischer Zeit.“

Zitat, Seite 107

Ein uraltes Haus in Herne Hill.

Der Ort, an dem die Schicksale zweier Frauen miteinander verwoben sind.

Hier hat alles seinen Ursprung.

– New York, 2009 –

Julia Conley erbt ein uraltes Haus in der Nähe von London, in dem ihre verstorbene Mutter groß geworden ist. Im verstaubten Anwesen von Tante Regina stößt sie auf das Porträt einer jungen Frau mit verlorenem Blick und ein Gemälde aus den Anfängen der Präraffaelitischen Bruderschaft. Fortan wird sie mit Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit konfrontiert, die ihr fremd sind. Sie ordnet sie Tagträumereien zu, doch als sie immer wiederkehren, kommt sie ins Grübeln. Sind es tief verwurzelte Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit?

„In Julia entstand der Verdacht, dass alles, womit sie selbst sich umgeben hatte, nicht mehr gewesen war, als Kulisse, die so lange überzeugend wirkte, bis man ihr einen Stoß versetzte und alles zusammenklappte.“

Zitat, Seite 38

– Herne Hill, 1849 – 

Imogen ist jung und naiv, als sie sich trotz der Bedenken ihres kranken Vaters auf die Ehe mit dem weitaus älteren Kunstliebhaber Arthur Graham einlässt. Sie träumt von tiefer Liebe und unbändiger Leidenschaft. Doch der anfänglichen Euphorie weicht schon bald eine ernüchternde Realität. Einsame und ungeliebte Jahre beginnen für Imogen, in denen sie zum Besitz des mürrischen Kunsthändlers zählt. Erst als der junge Maler Gavin Thorne sie porträtiert, erfährt sie, was wahre Begierde und Leidenschaft ist und ein waghalsiges Unterfangen beginnt.

„Es gab Momente, da hätte sie Arthur am liebsten angeschrien, ihn dafür beschimpft, dass er ihr das alles genommen hatte, dass er ihre Jugend gestohlen hatte und sich auch noch einbildete, er hätte sie gerettet und sie müsste ihm ewig dankbar sein – für all das, womit er sie so hochherzig beschenkte: die Goldketten, die sie erstickten, die verschwenderischen Kleider, die sie einengten, opulente Mahlzeiten, die ihr im Hals stecken blieben, für diese Überfülle, die ihr keine Luft zum Atmen ließ.“

Zitat, Seite 119/120

„Das Klopfen der Bäume an den Fensterscheiben, das Rauschen des Windes und des Regens klangen sehr laut in der Stille, das in den graugelben Dämmerschein des trüben Regentages eingehüllte Zimmer schien wie von der Welt abgeschnitten. Imogen wurde sich plötzlich bewusst, dass sie ganz allein mit diesem Mann war, durch nichts als eine Staffelei von ihm getrennt.“

Zitat, Seite 178/179

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Lauren Willig bedient sich in ihrem Roman „Der gestohlene Sommer“ eines alten verstaubten Anwesens in Herne Hill als Schauplatz. Hier finden die Geschichten zweier Frauen, zwischen denen 160 Jahre liegen, zueinander. Es sind die Geschichten von Imogen und Julia.

Willig verleiht ihren Protagonistinnen ähnliche Naturelle. Beide Frauen sind sowohl von Willensstärke als auch von kindlicher Zerbrechlichkeit erfüllt. Dramatische Ereignisse aus der Kindheit prägen sie und hinterlassen Spuren in ihrer Persönlichkeit. Ihre Unsicherheit ist auf jeder Seite präsent.  Diese spürbare Verletzlichkeit macht es dem Leser recht einfach, sich in die Lage beider Frauen hineinzuversetzen und sich ohne Probleme auf die Geschichte einzulassen.

Durch abwechselnde Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart wird die Geschichte sehr lebendig gestaltet. Nach und nach setzen sich die Dinge wie Bausteine aneinander und offene Fragen werden beantwortet. Doch leider behält die Autorin nicht all die zahlreichen Fäden zusammen, die sie im Verlauf der Geschichte aufnimmt. Manche Fäden entgleiten ihr. Sie wird schusselig und hinterlässt dadurch ungelöste und fragwürdige Konstellationen, die wie Fragezeichen im Raum schweben. Leider wirkt der Roman dadurch etwas unausgewogen.

Die Sprache der Autorin gefiel mir recht gut, da sie den jeweiligen Zeitepochen angepasst schien. Während die Passagen aus der Vergangenheit etwas altertümlicher zu lesen sind, präsentieren sich die Zeilen der Gegenwart sehr modern und zeitgemäß. Die Zeilen zwischen Imogen und Gavin sind mir dabei sehr ans Herz gewachsen, weil sie von purer Emotion getränkt sind. Leidenschaft, Begierde und aufrichtige Liebe werden zum Mittelpunkt ihres Miteinanders. Die Gefühle füreinander wachsen sehr behutsam, bevor sie sich letztendlich zu ihrer vollen Blüte entfalten.

„Gavin überkam plötzlich ein wildes Verlangen, seine Lippen auf das Grübchen an ihrem Hals zu pressen , auf jene Stelle, wo noch ihre Worte nachbebten. Er wollte seine Finger in die glänzende dunkle Fülle ihres Haares graben und es aus den Nadeln lösen, bis es ihm wie Seide über die Hände floss, wollte sie an sich ziehen und ihren Mund mit seinem bedecken, sie küssen, bis die Welt sich in betäubendem Wirbel um sie drehte und das Zwitschern der Vögel übertönt wurde vom ungestümem Schlag ihrer Herzen.“

Zitat, Seite 199

„Liebe. Sie sprachen nicht von Liebe; das war eine stillschweigende Vereinbarung. Es gab keine Zukunft für sie, und sie wussten es beide. Dies war geliehene Zeit, gestohlene Zeit, so sehr Phantasie wie das Kleid, das sie trug, wie die Requisiten, die sich in der Ecke stapelten, nichts davon geeignet, den Prüfungen der Zeit standzuhalten.“

Zitat, Seite 252

Lauren Willig hat einen atmosphärischen Roman geschaffen, der trotz kleiner Unstimmigkeiten zu fesseln vermag. Die Zeitreise nach Herne Hill lässt mich insgeheim davon träumen, ein verstaubtes Anwesen zu erben und auf die Spur seiner Geheimnisse zu kommen.

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Im Himmel gefangen

„Der Gefangene des Himmels“ – Carlos Ruiz Zafón

„Es gibt Zeiten und Orte, da niemand zu sein ehrenwerter ist, als jemand zu sein.“

Zitat, Seite 213

Barcelona, im Jahre 1957. Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Fremder die leere Buchhandlung Sempere & Söhne betritt um das teuerste Buch des Ladens zu kaufen, eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“. Seine Erscheinung liegt wie ein Gewitter in der Luft und als er es Fermín, dem engen Freund der Semperes widmet, ahnt der junge Daniel Sempere bereits, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Widmung verrät, dass der Fremde mehr über Fermín Romero de Torres zu wissen scheint, als gut ist. Doch der Besuch des Fremden scheint nur der Auftakt einer Reise in die Vergangenheit zu sein, der sich Fermín bald stellen muss. Bald holen ihn finstere Intrigen und schmerzhafte Erinnerungen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein, die nicht nur seinen Seelenfrieden sondern auch das künftige Liebesglück mit der Bernarda zu zerstören drohen.

Wird es Fermín gelingen sich den Geistern seiner Vergangenheit zu stellen und sich selbst und das Leben seine Freunde zu schützen?

„Ein geübter Lügner weiß, dass die wirkungsvollste Lüge immer eine Wahrheit ist, der man ein entscheidendes Stück genommen hat.“

Zitat, Seite 274

Zafón wagt sich mit „Der Gefangene des Himmels“ an den dritten und scheinbar letzten Roman seiner Barcelona-Reihe, die mit „Der Schatten des Windes“ begonnen hat und durch „Das Spiel des Engels“ fortgesetzt wurde. Zafón gelingt es hierbei in gewohnter Manier den Leser innerhalb kürzester Zeit in einen erzählerischen Sog zu ziehen, dem er sich kaum entziehen kann. Seine Sprachgewandtheit, die von einigen Lesern als unnötig übertrieben angesehen wird, konnte mich auch in seinem dritten Roman wieder begeistern. Mir gefällt es einfach, wenn ein Himmel als scharlachrot oder Bahnschienen als spiegelblank bezeichnet werden. Mir scheint, als erwecke Zafón erst mithilfe dieser scheinbar überspitzen Adjektive die Stadt und ihr düsteres Geheimnis zum Leben. Sein Stil ist eben malerisch und allen Zweiflern zum Trotz, einfach wunderschön.

Allerdings, und das ist wirklich schade, ging es in „Der Gefangene des Himmels“ nicht annähernd so rasant, spannend oder düster her, wie in seinen Vorgängerromanen, die mich oftmals vor Spannung oder Entsetzen erschaudern ließen. Auch wenn Fermíns Vergangenheit, mit der man durch Rückblenden in das Barcelona des Jahres 1939 konfrontiert wird, nicht harmlos oder gar rosig verlief, erschienen mir die Zeilen um einiges harmloser und spannungsarmer als in den Vorgängergeschichten. Im Vergleich zu „Marina“, das ebenfalls in Barcelona spielt, sich jedoch nicht um den Friedhof der vergessenen Bücher dreht, begegnete mir „Der Gefangene des Himmels“ fast wie eine harmlose Gute-Nacht-Geschichte.

„In diesem Leben wird einem alles verziehen, außer die Wahrheit zu sagen.“

Zitat, Seite 126

Unabhängig davon ist Zafón ein weitreichendes Beziehungsgeflecht gelungen, durch welches er dem Leser ermöglicht, Ereignisse und Figuren der einzelnen Romane miteinander zu verknüpfen und somit so manches offene Rätsel zu lösen. Der Leser erfährt in „Der Gefangene des Himmels“ nicht nur viel aus dem Leben des bisher unbelichteten Fermín sondern auch aus Daniel Semperes Kindheit bzw. über den frühen Tod seiner Mutter. Viele Lücken schließen sich und dennoch lässt es sich Zafón nicht nehmen, neue Rätsel ins Buch zu streuen, die dem Leser wohl für immer ungelöst zu bleiben scheinen. Sein für September 2014 angekündigtes Werk „Der Mitternachtspalast“ scheint der Auftakt für eine Kalkutta-Buchreihe zu werden und lässt mit „Der Gefangene des Himmels“ auf den letzten Band der Barcelona-Reihe schließen.

„An diesem Abend hinderte ihn niemand am Gehen und niemand verabschiedete sich von ihm. Einer unter vielen Unsichtbaren, machte er sich auf zu den Straßen eines Barcelonas, das nach Elektrizität roch (…) und so gelangte er nach Tagen der Züge, Fußmärsche und Nachtbusse an einen Ort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern hatten und wo sich nichts und niemand an ihn erinnerte.“

Zitat, Seite 222/223